Cover: Don't push the river

Barry Stevens
Don't push the river
Gestalttherapie an ihren Wurzeln
Mit Beiträgen von Erhard Doubrawa und Detlev Kranz

Mit diesem Buch möchten wir den deutschen Leserinnen und Lesern eine bemerkenswerte Frau näherbringen, die in der Entwicklung der Gestalttherapie eine bedeutsame Rolle gespielt hat, aber in Deutschland bisher leider kaum bekannt ist: Barry Stevens (1902 - 1985). Sie war bereits 65 Jahre alt, als sie 1967 zum ersten Mal Fritz Perls und der Gestalttherapie begegnete. Und als Fritz Perls 1969 die Gestaltgemeinschaft am Lake Cowichan in der Nähe von Vancouver in Kanada gründete, folgte sie ihm dorthin und begann, zusammen mit rund zwanzig Personen, ihre Gestalttherapie-Ausbildung. Ihre Erfahrungen, Erlebnisse und Überlegungen aus dieser Zeit bilden die Grundlage des hier vorliegenden Buches, das mit Fug und Recht als Klassiker der Gestalttherapie bezeichnet werden kann.

Herausgegeben von Anke und Erhard Doubrawa
Edition Gestalt-Institut Köln / GIK Bildungswerkstatt
im Peter Hammer Verlag, Wuppertal 2000

261 Seiten, A5, broschiert, 19,90 Euro

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 Praxisadressen von Gestalttherapeuten/-innen

 Aus dem Buch:

Barry Stevens
Don't push the river
Gestalttherapie an ihren Wurzeln

In unserer Zeitschrift Gestaltkritik haben wir bereits mehrere Beiträge von und über Barry Stevens veröffentlicht:

 

Der Inhalt des neuen Buches

Erhard Doubrawa: Vorwort (Leseprobe 1)
Don't push the river
See (Leseprobe 2)
Blatt
Fata Morgana
Nebel
Stein
Detlev Kranz: Barry Stevens. Eine bemerkenswerte Frau (Leseprobe 3)

Und schließlich die Leseproben

Leseprobe 1

Erhard Doubrawa: Vorwort

Barry Stevens war eine bemerkenswerte Frau: Schon hoch in ihren 60ern entschied sie sich, Gestalttherapie bei Fritz Perls in der gerade neu gegründeten Gestalt-Gemeinschaft am Lake Cowichan in British Columbia/Kanada zu lernen. Ihre Erfahrungen, Erinnerungen und Überlegungen aus dieser Zeit finden Sie, verehrte Leserinnen und Leser, in diesem Buch. Im Anhang dieses Buches stellt der Hamburger Gestalttherapeut Detlev Kranz Ihnen Leben und Werk der Autorin vor. Ihm verdanken wir übrigens, daß Barry Stevens in Deutschland nicht in Vergessenheit geraten ist und letztlich sogar die Idee, dieses Buch zu veröffentlichen.

»Don't push the river« ist ein bemerkenswertes Buch. Gestalttherapie an ihren Wurzeln. Einfach und kraftvoll. Voller Enthusiasmus. Gestalttherapie hat mit Begeisterung zu tun. Und mit dem, was dem Herzen nahe ist. Sie ist weit mehr, als nur irgend eine weitere therapeutische Methode. Sie ist eine Lebensweise. So hat auch Barry Stevens Gestalttherapie verstanden. Als Haltung, die gelernt und immer wieder eingeübt werden will.

So liest sich denn auch ihr hier endlich in deutscher Sprache vorliegendes Buch: Dem, was hier und jetzt ist, die ganze Aufmerksamkeit schenkend. Dem Inhalt, den sie niederschreiben will. Und ihren Gefühlen dabei und darüber. Ihren Erinnerungen, die beim Schreiben an die Oberfläche steigen. Solchen aus der Lerngruppe mit Fritz Perls. Und auch solchen aus ihrem reichen Leben. Ihren Erfahrungen mit den Eingeborenen auf Hawaii in den 30er und 40er Jahren ebenso, wie jene mit den amerikanischen Indianern in den 50ern und 60ern. Und schließlich ihren zahlreichen Freundschaften - u.a. mit Aldous Huxley und Bertrand Russel.

Dieses Buch kann mit Fug und Recht als Klassiker der Gestalttherapie bezeichnet werden. Der Buchtitel ist inzwischen schon längst ein geflügeltes Wort geworden: Auch der bekannte Song des Pop-Musikers Van Morrison »Don't push the river« aus den 70er Jahren hat seinen Titel nach diesem Buch.

»Don't push the river«. Du brauchst den Fluß nicht anzuschieben - er fließt von selbst. Ein anderes Bild (Magdalene Krumbeck hat es in ihre gelungene Covergestaltung für dieses Buch aufgenommen; wir möchten ihr an dieser Stelle ausdrücklich für ihre wunderschönen Umschläge auch der anderen Bücher in unserer Edition im Peter Hammer Verlag danken!): Karotten wachsen nicht schneller, wenn man an ihnen zieht. Na klar. Und das ist in der Psychotherapie genauso. Der Therapeut kann den Klienten nicht verändern. Gestalttherapie hat das tiefe Vertrauen, daß der Klient das selbst tun muß und kann. Und dabei muß der Therapeut sich in Demut üben und immer wieder beachten, daß jede Seele ihre eigentümliche Wachstumsgeschwindigkeit hat.

Schließlich schildert Barry Stevens in ihrem Buch freundlich einen (entgegen dem landläufigen Bild) liebevollen und weisen Fritz Perls. Der Vater der Gestalttherapie ist in seinen letzten Lebensjahren sanfter und wohlwollender geworden. Er selbst sagt es so: »Zum erstenmal in meinem Leben lebe ich in Frieden. Kämpfe nicht mehr gegen die Welt an.«

Wir wünschen Ihnen viel Spaß bei der Lektüre.

Köln, im Juli 2000

Erhard Doubrawa

 

Leseprobe 2

Foto: Barry Stevens
Barry Stevens

Barry Stevens: Don't push the river

Lake Cowichan, British Columbia. September 1969. Am Himmel ein paar blaue Flecken und lichterfüllte Wölkchen. Ansonsten vor allem schwere, graue und regenschwangere Wolken über einem rauhen, gekräuselten See. Auf den Wiesen trockene, raschelnde Ahornbäume. Wehende Riedgräser. Reglos die Bäume am anderen Ufer.

In mir geht etwas Seltsames vor. Ich weiß nicht, was ich will. ... Kaum habe ich das aufgeschrieben, weiß ich es.

Im Oktober 1967 schickte mein Sohn mir ein Anmeldeformular und einen Brief, in dem stand: »Melde dich an! Du wirst es nicht bereuen.« Ich meldete mich an. Eine Woche am Gestalt-Institut San Franzisko, morgens von neun bis zwölf, bei einem Mann namens Fritz Perls. Ich hatte keine Idee worauf ich mich da einließ.

Am Montagmorgen trafen sich fünfzehn Leute mit Fritz Perls in einem großen, kahlen Tanzsaal. Das Gestalt-Institut befand sich im Dachgeschoß von Janie Rhynes Haus. Der Gruppenraum wurde von einer anderen Gruppe benutzt. Durch eine der hinteren Ecken des Tanzsaals kam ein wenig Tageslicht herein - dahinter lag ein Raum mit Fenstern. Es gab einen großen, einigermaßen bequemen Stuhl für Fritz. Wir anderen saßen auf Klappstühlen. Fritz sagte: »Ich finde es schwierig, mich in diesem Raum behaglich zu fühlen.« Wir waren eine kleine Gruppe von Leuten inmitten eines recht großen, nackten Raumes. Ich hatte kalte Füße und wünschte, ich hätte mir Wollsocken und feste Schuhe angezogen, anstatt in Sandalen zu gehen.

Fritz bat jeden von uns zu sagen, wie wir uns in dem Raum fühlten. Allen war irgendwie kalt. Eine Frau meinte, daß wir in ihre Wohnung umziehen könnten. Fritz fragte uns, wie wir das fänden, aber wir wollten nicht.

Das ist alles, was ich heute dazu schreiben will. Zwei Jahre später kommt mir das alles schon so weit weg vor, und jetzt sitze ich im Gestalt-Institut von Kanada, Lake Cowichan, British Columbia.

Bei der Arbeit mit Fritz in San Franzisko kam ich mehr und mehr durcheinander. Er wußte natürlich, was er da tat und erzielte gute Ergebnisse. Aber wie zum Teufel machte er das?

Jetzt weiß ich es, und ich vermisse die Verwirrung. Manchmal, wenn ich tue, was er tat, kommt sie zurück, obwohl sie auch anders ist, denn jetzt bin ich es ja. In diesen Momenten geht es mir sehr, sehr gut.

Einmal erklärte ich Fritz, warum ich etwas, wozu er jeden von uns der Reihe nach aufgefordert hatte, nicht tun wollte. Doch dann dachte ich, daß es vielleicht einen Wert haben könnte, der mir nicht klar war, und ich fragte ihn: »Willst du, daß ich es trotzdem mache?« Er sagte nichts. Aber nach Art der Indianer sagte er damit gleichzeitig alles. Er machte nicht einmal die Andeutung einer Aussage. Es war meine Entscheidung.

Ein anderes Mal, als ich mich auf den heißen Stuhl setzen wollte, fiel mir auf, daß auf dem Stuhl eine Mappe mit Manuskripten lag. Ich sagte: »Soll ich mich da draufsetzen, oder soll ich die Mappe wegnehmen?« Er sagte: »Du fragst mich.«

Beide Male mußte ich selbst entscheiden. Jetzt frage ich nicht mehr soviel. Das gibt mir einen Teil meiner Kraft zurück.

Ein Freund von mir, der in der Mittelstufe unterrichtet, brachte seinen Schülern bei, nicht mehr zu sagen: »Kann ich mir meinen Aufsatz bei Ihnen abholen?«, sondern: »Ich komme nach vorne und nehme mir meinen Aufsatz.« Die ganze Klasse lebte auf.

Als ich klein war, hatte ich ein Bild von der Welt, in dem die Leute vom Globus abstanden wie Haare von einem Kopf, und jeder verbeugte sich vor einem anderen. Jeder. Keiner tat das, was er wollte. In einer solchen Welt war jeder außen vor. Das war keine Welt für mich. In meiner Vorstellung war es ein tiefes Schwarz, durchzogen von brennenden Funken und Feuer. In dieser Welt wollte ich nicht leben, aber ich mußte.

Wenn ich sage »Bitte, darf ich?«, dann denke ich vielleicht, daß ich mich damenhaft und souverän verhalte. Aber gleichzeitig fühle ich mich unterlegen, schwach, bittend und auf die Gnade des anderen angewiesen. Der andere hat mein Leben in der Hand. Indem ich mich vor dir verbeuge, verliere ich mein Gefühl für mich selbst. Wenn ich es hingegen einfach tue (ohne deshalb unhöflich zu sein), fühle ich mich stark. Meine Kraft ist in mir. Wo sonst sollte meine Kraft sein?

Natürlich kann es sein, daß ich rausgeschmissen werde.

Fritz machte eine Vorführung in einem High School Auditorium. Jemand stand auf und gab die üblichen Hinweise über Brandschutzvorschriften, daß man nicht rauchen sollte, usw. Nach der Vorführung wurde Fritz, der wie immer die ganze Zeit über geraucht hatte, von einer jungen Frau gefragt: »Welches Recht hast du, einfach weiterzurauchen, während wir hier schmachten müssen?«

Fritz meinte: »Ich habe kein Recht es zu tun, und ich habe kein Recht, es nicht zu tun. Ich tue es einfach.«

Die junge Frau: »Aber stell dir vor, du wirst rausgeschmissen.«

Fritz: »Dann werde ich rausgeschmissen.«

Eine Horrorvision! All diese Leute sehen, wie ich rausgeschmissen werde. Ich habe nie ganz verstanden, was Introjektion oder Projektion bedeuten, also irre ich mich vielleicht, aber es kommt mir vor, als hätte ich die Vorstellung introjiziert, daß es schlecht ist, rausgeschmissen zu werden, und dann projiziere ich diese Vorstellung auf andere. Denn natürlich weiß ich nicht, wie viele der anwesenden Leute mich wirklich so betrachtet hätten, und wie viele mich dafür beneidet hätten, daß ich einfach getan hätte, was ich tun wollte - ganz abgesehen von den vielen Möglichkeiten, die ich noch gar nicht in Betracht gezogen habe. Wenn ich in mir selbst ruhe, spielen die anderen keine Rolle.

Als ich jung war, wußte ich das. Meine Tante Alice hatte ein Haus am Strand. Für mich war dieser Strand ein magischer Ort. Der Wind wehte, die Sonne schien, oder die Wolken jagten über den Himmel, und die Brandung dröhnte in einem alles durchdringenden Rhythmus. Leuchtend weiße Muscheln. Golden schimmernde Muscheln. Ein kilometerlanger weißer Strand. Ständig wandernde Sanddünen. Riedgras. Rotgetupfte Stare. Winzige Puffottern. Hier und da ein Blaureiher auf einem Holunderbusch. Alles sang. Auch ich, selbst wenn ich keinen Laut von mir gab. Agito ergo sum.

Einmal im Sommer, ich war vierzehn, ließ Tante Alice mich mit einem jungen Mann allein. Er war sechsundzwanzig. Er war mir unsympathisch. Er war ein Schmarotzer, eine Schlange. Er meinte, »Mrs. B.« hätte ihm gesagt, daß ich für ihn kochen würde, und das hörte sich für mich irgendwie glaubwürdig an. Aber ich wollte nicht für ihn kochen, also sagte ich ihm das. Wenn ich für ihn kochen würde, wäre all meine Heiterkeit dahin, und er konnte sich ja auch selbst was kochen. Aber er hörte nicht auf, mich damit zu nerven. Ich wollte nicht. Vielleicht würde Tante Alice mich deswegen rausschmeißen und nach Hause schicken, aber wenn ich für Ruddy kochte obwohl ich ihn haßte, obwohl ich es haßte zu kochen, dann wäre ich haßerfüllt und könnte jetzt den Strand nicht genießen. Aber ich freute mich jetzt am Anblick des Strandes, und diese Freude konnte mir niemand nehmen.

Jetzt geht es mir ähnlich. Ich liebe Lake Cowichan, und wenn ich nicht bei mir bleibe, kann ich ihn nicht lieben, und dann es ist in Ordnung, wenn ich rausgeschmissen werde.

Ich habe wieder dieses seltsame Gefühl. Ich weiß nicht, was es heißt, »bei mir zu bleiben«.

Letzte Woche in Kalifornien habe ich etwas geschrieben, das vielleicht ganz gut hierher paßt:

Bevor ich mich heute morgen an die Schreibmaschine setzte, ging mir so viel durch den Kopf. Jetzt sitze ich vor der Schreibmaschine und nichts passiert.

Ich sitze auf einer Veranda und schaue durch das Fenster ins Haus. Der Garten hinter mir spiegelt sich im Fenster. Da, wo der Schatten meines Körpers das reflektierte Bild unterbricht, sehe ich einen Tisch - einen halben Tisch. Er endet genau da, wo auch mein eigenes Spiegelbild endet, und geht in eine Wiese mit Pflanzen und Bäumen über. Dazwischen

hier und da ein Tischbein, ein Büfett oder eine Wand. Ich mag dieses Durcheinander. Nichts Festes. Keine klare Trennung zwischen »drinnen« und »draußen«.

»Ich bin so frustriert von dem Versuch, deutlich zu machen, daß Gestalttherapie nicht aus Regeln besteht«, meinte Fritz eines morgens in einer Gruppe am Lake Cowichan.

»Er ist neu in dem Job, aber er macht es ganz gut.« Ich lese diesen Satz und achte darauf, wie er sich anhört. Ich ersetze das aber durch ein und. »Er ist neu in dem Job, und er macht es ganz gut.« Ich lese diesen Satz, erfasse ihn - es ist nichts. Wenn ich es immer wieder einmal tue, dann wird es zu einem Teil von mir. Tue ich es hingegen immer, so daß ich gleichsam eine Regel befolge, dann wird es wieder zu nichts.

Nimm das, was gerade zur Hand ist.

Ein junger Mann setzte sich auf den heißen Stuhl und arbeitete so offen und freizügig an seiner Impotenz, als ob wir gar nicht da wären. Zwei Tage später setzte er sich wieder auf den heißen Stuhl, wibbelte hin und her und meinte: »Es ist mir peinlich, daß mich alle anschauen.« Fritz stand auf, ging in einen kleinen Nebenraum, holte einen Stapel Papier und

reichte ihn herum. Jeder der Anwesenden nahm sich ein Blatt und gab den Stapel weiter. Alle fingen an zu lesen - es war ein Aufsatz von Fritz. Der junge Mann sagte: »Jetzt ärgert es mich, daß alle lesen, anstatt mich anzusehen.« Er lachte. »Eine witzige Art von Peinlichkeit!«

Er war auf etwas aufmerksam gemacht worden, dessen er sich vorher nicht bewußt gewesen war.

»Lernen heißt entdecken.«

»Selbst wenn ich mit meiner Interpretation recht habe: wenn ich es ihm sage, nehme ich ihm die Gelegenheit, es

selbst zu entdecken.«

In Kanada fuhr ein Vertreter des Bureau of Indian Affairs gemeinsam mit Wilfred Pelletier, einem Indianer, auf einer Fähre. Der Regierungsbeamte ging an Deck, und kaum daß er durch die Tür war, flog ihm fast der Hut davon. Er wußte, das Wilfred ihm folgte, wollte ihn warnen, tat es dann aber doch nicht. Wilfred kam nach draußen, und sein Hut flog weg. Er sagte: »Warum haben Sie mich nicht gewarnt?« Der Regierungsbeamte antwortete: »Ich wollte Sie schon warnen, aber dann fiel mir ein, daß Indianer andere niemals belehren. Sie lassen sie es selbst herausfinden.« Wilfred bog sich vor Lachen. »Sie werden nochmal ein richtiger Indianer!«

Was seinen wegfliegenden Hut betraf, war Wilfred kein Indianer. Er bemerkte den Wind nicht rechtzeitig. Er war nicht selbstsicher. Er war sich dessen nicht bewußt.

Der eine Vogel schimpft: »ch-ch-ch-ch-ch.« Ein anderer Vogel tiriliert in sanften Tönen. Jeder ist er selbst. Keiner versucht, der andere zu sein. Die Spottdrossel mach sich die Lieder und Klänge vieler anderer Vogelarten zu eigen - das ist ihre Eigenart.

Ich mache eine Pause. Ich spüre Schmerzen in der Brust - sanft, leicht und schmerz-voll. Was soll ich damit machen? Geschehen lassen, was geschieht. Mein Atem wird tiefer und kräftiger. Dann wieder flacher. Wasser in meinen Augen. ... Ohne zu versuchen es zu verstehen, nur darauf achtend, was geschieht, beginne ich, auf eine Weise zu verstehen, die nicht mitteilbar ist. Es ist mein ganz eigenes Wissen.

.... Jetzt bin ich in den Autismus gegangen: Gedanken, Bilder und Szenen. Planen, wann ich was tun werde - und das ist nicht das, was ich wirklich tun werde. Unbewußt. Nicht bemerken. Keine Vögel, keine Lieder, keine Bäume, kein Ineinander von drinnen und draußen - nichts, außer dem, was sich in meinem Kopf abspielt, keine Verbindung mit der Wirklichkeit. Nicht einmal ein Spüren des Schmerzes an der Stelle, wo meine Oberschenkel die Stuhlkante berühren. Ohne Gewahrsein für den Schmerz in meiner Brust und an anderen Stellen meines Körpers.

Dieses »Jetzt« ist wie jedes Jetzt - wenn ich es bemerke, ist es bereits vergangen. Schon hat es sich in etwas anderes verwandelt.

Kennt jemand die Geschichte von Epaminodas? Epaminodas war ein kleiner Junge, der immer gut sein wollte und ständig Fehler machte. Ich weiß nicht mehr, wie er die Butter nach Hause brachte, aber sie war völlig geschmolzen und nicht mehr zu gebrauchen. Seine Großmutter sagte ihm, er hätte die kühle Blätter in seinen Hut legen, kaltes Wasser dazugeben und die Butter in diesem Gefäß nach Hause bringen sollen. Das nächste Mal brachte er einen kleinen Welpen mit. Er erinnerte sich an Großmutters Rat. Der Welpe ertrank. Seine Großmutter sagte ihm, wie er den Welpen hätte nach Hause bringen sollen, und beim nächsten Mal machte er es genau so, aber da ging es nicht mehr um einen Welpen, und wieder klappte es nicht. Und so weiter.

Ich habe mich daran erinnert, was ich in sechzig Jahren aus dieser Geschichte gelernt habe. Mir fiel ein, wie eine junge Frau mich einmal zum Flughafen brachte und darauf bestand, so lange zu warten, bis sie sicher war, daß ich gut weggekommen wäre. Sie meinte, sie hätte einmal zwei Leute mit ihren vier Kindern zum Flughafen gebracht, »und sie mußten zwölf Stunden warten!«

Was hat das mit mir zu tun?

Ich war allein, und manchmal, wenn alles schiefläuft, passieren tolle Dinge, und ich genieße das, was ich verpaßt hätte wenn alles glatt gelaufen wäre. Wenn nicht, kann ich ja schlafen.

Ich mag es nicht, so behandelt zu werden, als wäre ich jemand anderes. Das gibt mir das Gefühl, als gäbe es mich nicht.

Als ich an diesem sonnigen Septembertag auf der Wiese mit einer jungen Frau sprach, kamen wir irgendwie auf Weihnachten. Sie sagte, eigentlich möge sie Weihnachten nicht, aber sie käme damit klar, weil es ein paar Dinge gibt, die sie doch mag, wie z.B. Plätzchen zu backen und sie den Nachbarn zu schenken.

»Warum nur an Weihnachten?«

»Du meinst, man könnte sie das ganze Jahr über backen?« Sie wirkte ganz aufgeregt und klang auch so.

(»Es geht nicht um die Ketten, die den menschlichen Körper fesseln, sondern um die, die seinen Geist fesseln.«)

Einmal verschickte ich im Juni Weihnachtskarten. Viele Leute freuten sich über eine Weihnachtskarte im Juni. Weitaus mehr, als sich Weihnachten darüber freuen.

Als ich einmal krank und völlig am Ende war, schickte mir jemand ein Carepaket mit allem möglichen Zeug. Unter anderem war ein Kästchen mit lauter Geburtstagskarten dabei. Ich weiß nie, wer wann Geburtstag hat, und meistens vergesse ich sogar meinen eigenen. Ich verschicke »nie« Geburtstagskarten. Aber ich hatte welche, also schickte ich immer, wenn ich an jemanden dachte, den ich mochte und von dem ich eine Weile nichts gehört hatte, eine Geburtstagskarte. Eine ganze Reihe Leute schrieben mir, wie sehr sie sich gefreut hatten.

Es gibt drei Menschen, die immer an meinen Geburtstag denken und mir jedes Jahr eine Karte schicken. Ich finde das langweilig.

Auf einem Ast hinter mir ist gerade ein Vogel gelandet. Jetzt sitzt er auf dem Rasen, und ich sehe, daß es ein Rotkehlchen ist. Spielt es eine Rolle, was für ein Vogel es ist? Es gefällt mir, sein Spiegelbild zu sehen, etwas hinter mir zu sehen, anstatt immer nur das, was vor mir ist. Es gibt ein Augentraining-Experiment nach Bates-Huxley, das geht so: Man schließt die Augen und schaut auf einen Punkt am unteren Teil des Schädels, da wo der Kopf in den Hals übergeht. Das ist sehr beruhigend. Wen ich das mache, merke ich, wie meine Augen immerzu vorwärts, vorwärts, vorwärts drängen. Umkehrungen sind Teil der Gestalttherapie. Ein paar Ketten sprengen.

Die konzeptionellen Werkzeuge der Gestalttherapie sind zweifellos hilfreich. Es ärgert mich, wenn die Werkzeuge benutzt werden, ohne daß man wirklich oder aber nur unvollständig versteht, was Gestalt bedeutet. Ändere »es«. »Es« verschiebt alles irgendwo nach außen, so als ob es (!) nicht ein Teil von mir wäre. Ich bin ärgerlich.

»Wenn die falsche Person die richtigen Mittel einsetzt, funktionieren die richtigen Mittel falsch.«

Wenn diese Mittel von Leuten eingesetzt werden, die einen guten Willen haben und sie nicht oder nur unzureichend verstehen, passieren häufig gute Dinge. Manchmal wird jemand unnötig verletzt oder geschnitten. Das ist ein Schaden. Wenn jemand ohne diesen guten Willen - jemand, der seinen eigenen Kopf hat - diese Werkzeuge gebraucht, richten sie häufig Schaden an. Sind es also gute Werkzeuge? Sollten sie zur Verfügung stehen? Oder sollten wir das Skalpell, die Nadel usw. wegwerfen? Oder ihren Gebrauch beschränken?

Die Antwort liegt/lügt in der Person, die sie gibt. Dieses »liegt/lügt« gefällt mir. Es ist eine Lüge, wenn jemand glaubt, die richtige Antwort zu haben. Was er hat, ist nicht mehr als seine eigene Antwort.

Meine eigene Antwort, die sich sozusagen selbst aus mir herausreißt. ... Die Antwort bin ich, und was sich aus mir herausreißt, bin ich. Was also will ich sagen? Ich habe einen schützenden Teil, der nach Sicherheit strebt. Ich habe einen risikofreudigen Teil, der weiß, daß es meine Aufgabe ist, meinen eigenen Weg zu finden, meine eigenen Entscheidungen zu treffen, und wenn ich zu viele verpatze, dann ist das eben so.

Wenn ich andere Leute für mich entscheiden lasse, blockiere ich mich. »Respektsperson« ist einer der erfolgreichsten Blockierer - eine Autorität zu respektieren, ohne daß es mir entspricht, also meiner eigenen Autorität oder Autor-schaft. Ich bemerke, verstehe und handle nicht aus mir selbst heraus. Ich denke. Ich denke, daß jemand anders recht haben muß, aufgrund seiner Position, seiner Ausbildung, seines Alters etc. Ich »sage mir«, daß er recht haben muß. Was immer ich mir selbst sage, gilt mir als Lüge, und ich bin diejenige, die ich belüge.

Ich war mit einer Frau zum Essen verabredet, die ich von früher her kannte. Damals hatte sie etwas sehr Rebellisches, und ihr Leben war von großer Unsicherheit geprägt gewesen. Während des Essens zeigte sich, daß sie ihren rebellischen Geist aufgegeben und jene Art von Sicherheit erreicht hatte, die sich darin äußert, daß man ein nettes Haus, ein gutes Einkommen und einen zuverlässigen Ehemann sein eigen nennt. Über Schwierigkeiten wurde nicht gesprochen. Alles war so richtig nett, und ich wurde traurig. Ich sagte mir, daß es in Ordnung sei, daß sie sich für diesen Weg entschieden hatte, und es war ja in der Tat sehr nett und angenehm und ganz bequem so. Ich war den ganzen Abend hindurch sehr »nett« (glaube ich). »Bring hier nichts durcheinander!« - Dieser Satz lag so klar und deutlich in der Luft. Wie Äther atmete ich diesen Satz und schläferte mich damit ein.

Sie fuhr mich nach Hause. Als sie fort war, bemerkte ich, daß ich eine Melodie summte, die ich nicht zuordnen konnte. Ich summte weiter, bis zum Schluß; erst da merkte ich, was mein organismisches Selbst da tat. Am Ende der Melodie kamen mir die Worte in den Sinn: »Armer Schmetterling«. Ich fühlte meine Traurigkeit, und sie war echt.

Nicht die anderen verwirren mich. Das tue ich selbst.

Fritz nennt diesen Bereich, in dem ich mich selbst verwirre, die »mittlere Zone«. Krishnamurti nennt es den »flachen Geist«, der seiner Natur nach keine Tiefe erreichen kann. Egal wieviel dieser Geist auch denkt, er denkt doch nur alle möglichen Dinge, die nicht meine sind und von denen ich doch als ich denke.

In seinem Buch Einbruch in die Freiheit schreibt Krishnamurti, wie er einmal zusammen mit zwei anderen Männern und einem Chauffeur durch Indien fuhr. Die beiden Männer sprachen über Gewahrsein und wandten sich mit einigen Fragen an Krishnamurti. Der Chauffeur überfuhr eine Ziege, die er übersehen hatte. Das bekamen die beiden Männer nicht mit. »Und bei den meisten von uns ist es genau dasselbe. Wir bekommen die äußeren und die inneren Dinge nicht mit.«

Fritz hat uns gelehrt, zwischen äußeren (»äußere Zone«) und inneren Dingen (»innere Zone«) hin und herzupendeln und dadurch Gewahrsein zu entwickeln.

Jetzt, in diesem Moment möchte ich zu den »konzeptuellen Mitteln« zurückkehren, zu meinem schützenden Selbst und meinem risikobereiten Selbst. ... Mein Geist ist wieder leer. Was vorhin noch da war, ist es jetzt nicht mehr. Ich merke, daß ich mir einen Tee machen möchte. Das ist keine Vermeidung! Wenn diese Schreibmaschine eine Taste für »Schreien« hätte, dann wäre mein Schrei jetzt auf dem Papier. Natürlich vermeide ich. Sehr häufig sogar. Es gibt gute und schlechte Vermeidungen, und manchmal ist es keine Vermeidung, leer zu sein. Ich schreie, weil Fritz die Vermeidung so sehr betont und die Leute nicht vermeiden läßt, was nicht vermieden werden sollte (Gewahrsein). Viele Leute hören, Vermeidung sei schlecht und wenden diese Regel auf alles an, was sie als Vermeidung betrachten.

Manchmal ziehe ich Zen vor, auch wenn das zwanzig Jahre dauert.

Ich bin mir nicht sicher, ob Gestalt nicht auch zwanzig Jahre braucht, um dasselbe Ziel zu erreichen.

Ich kenne überhaupt keine Methode, einschließlich Zen, durch die man den Mißbrauch verhindern könnte, den Menschen immer wieder betreiben.

Und so bin ich schließlich doch beim Problem des Mißbrauchs gelandet. Habe ich demnach die Tasse Tee, die ich nicht bekommen habe, vermieden? Oder hat mein Organismus - mein vollständiges Nichtdenken - von dem Gebrauch gemacht, was gerade zur Hand war, und mich auf andere Weise zu dem geführt, was ich will?

Jetzt weiß ich, was mir eine Weile gefehlt hat. Der schützende Teil meiner selbst will Sicherheit für alles und jeden - keine Betrüger, keine Schwindler, keine Ausbeuter, keine Quacksalber .... Was als nächstes kommt, mag ich nicht sagen, weil es so idiotisch ist - keine unvollkommene Therapie bzw. Therapeuten.

Gleichzeitig habe ich die Erfahrung und die Beobachtung gemacht, daß der Versuch, überall Sicherheit schaffen zu wollen (wie die USA das lange Zeit getan haben), zu einem Wahnsinn führt, der auch im Vietnamkrieg sichtbar wird. Hätten wir eine narrensichere Welt, dann könnten nur Narren in ihr leben. So eine Welt will ich nicht. Ich protestiere gegen das Sicherheitsbedürfnis meiner eigenen Gesellschaft.

Die Lebensweise der Indianer, die sich auf ihre eigenen Sinne verlassen, erscheint mir sinnvoll.

An dieser Stelle kommt ein Teil der Gestalttherapie ins Spiel, den ich mag. - Ein Teil? Es ist das Ganze:

»Lose your mind and come to your senses.«

Dieser Satz kann sowohl mißverstanden als auch mißbraucht werden.

Als ich vor vier Tagen nach Lake Cowichan zurückkehrte, war ich verwirrt, teilnahmslos, nicht hier. Ich wußte nicht, was mit mir los war. Ich versuchte, es herauszufinden. Ich fand kein Ende, sondern immer nur neue Antworten, aber das brachte mir nichts.

Meine Betrübnis schien mit diesem Ort zu tun zu haben. Am 1. Juni zog Fritz mit zwanzig Leuten hier ein. Er kannte nicht jeden einzelnen, und viele von uns kannten höchstens einen der übrigen Teilnehmer. Wir hatten vorher noch nie zusammengelebt. Wir zogen ein, bauten um, richteten uns ein, und am nächsten Morgen um acht Uhr begann der erste Workshop. Um zehn Uhr sprachen wir über praktische Dinge wie z.B. die Verpflegung. Es war wunderbar zu sehen, was passierte, und daran teilzuhaben.

Fritz teilte uns mit, daß morgens von acht bis zehn Uhr Seminare stattfinden würden, und daß danach zwei Stunden Arbeit in der Gemeinschaft auf dem Programm stünden. Von zwei bis vier Uhr hatte jeder die Möglichkeit, nach eigenem Belieben Massagen, Tanz, Kunst oder sonstwas anzubieten. Von vier bis sechs sollte gearbeitet werden. Von acht bis zehn gab es wieder Seminare und im Anschluß daran ein Gemeinschaftstreffen. Einiges wurde später abgeändert oder getauscht, manches auch wieder rückgängig gemacht - wie es gerade kam. Auf diese Weise lief das Ganze bis zum 24. August, als Fritz für einen Monat fortging. Ich selbst ging für drei Wochen, und viele andere gingen ebenfalls weg. In dieser Zeit machten Teddy und Don einen Workshop.

Als ich vor vier Tagen zurückkam, war alles ORGANISIERT. Listen. Wer wo wohnt, wann was getan werden muß. Pläne für die ganze Gruppe - wie die Ablösung der Wache - jene nicht-organismische Art von Organisation, die ich so überhaupt nicht mag und die für mich nichts mit Gemeinschaft zu tun hat.

Ich sah keine Möglichkeit, das zu ändern. (Abgesehen von der Frage: warum, und ob ich das könnte oder nicht.) Ich wollte nicht Teil dessen sein. Ich wollte hierbleiben. (Abgesehen von den Gründen hierfür.) Ich versuchte zu entscheiden, was ich tun wollte. Es gab ein paar Dinge, die ich tun konnte und wollte, und selbst die erschienen mir nicht attraktiv. Ich war irgendwie angewidert. Ich ging von dem Versuch, darüber zu lachen (ohne daran zu denken, daß versuchen lügen heißt) dazu über, auszuprobieren wie es ist, mich dem Ekel zu überlassen, mit ihm zu gehen - und wieder zurück. Ich beschloß, abzuwarten, bis Fritz am Ende der Woche zurückkäme. Spott. Das paßte mir nicht. Ich faßte Beschlüsse, verwarf sie, faßte andere Beschlüsse und verwarf auch diese. Keiner meiner Beschlüsse paßte. Offensichtlich. Ich hatte ein sonderbares Gefühl.

In der dritten Nacht konnte ich nicht schlafen. Das ist ungewöhnlich. Die Ölheizung machte Geräusche. Ich schaltete sie ab. Mir war kalt. Ich stand auf und machte mir eine Wärmflasche. Ich weiß nicht mehr, was in mir vorging, aber was immer es war, ich schaltete es ab oder wärmte es mit auf und geriet in ein neues Durcheinander. Gegen halb fünf ging ich schlafen. Als ich aufwachte, machte ich mir eine Tomatensuppe; das schien mir besser zu sein als Nudeln mit Huhn. (Ich habe meine Vorräte noch nicht aufgefüllt.) Während ich in der Suppe rührte, bemerkte ich, daß in meinem Kopf ein Lied summte. Ich hörte hin, um mitzubekommen, welches Lied es war, und hörte: »The old grey mare, she ain't what she used to be, ain't what she used to be. ....«

Welche Freude in meinem Lachen! Das Organismische - mein Organismus - ich bin wieder da, stimmig, direkt - von mir zu mir. Wie eine kleine Sonnenexplosion kam mein Gespür wieder und löste den Nebel der Taubheit auf, der mich eingehüllt hatte. Und dann geschahen Dinge, die vorher nicht möglich gewesen waren, als ich taub und von Sinnen gewesen war und nicht reagiert hatte. Ich bin eins mit mir selbst.

Das war gestern. Heute ist ein herrlicher Tag. Wolken am Himmel, Regen. Ich ziehe einen Poncho über den Schlafanzug, um nach oben ins Haupthaus zu gehen und ein Ferngespräch entgegenzunehmen. Es war Neville, der aus New York anrief, um nach den Terminen für die Workshops im Oktober und November zu fragen. Es war belanglos, und doch war ich so froh, mit ihm sprechen zu können. Ich bin immer noch froh, so als ob es auf der ganzen Welt nichts gäbe, was mir meine Freude nehmen könnte. Natürlich stimmt das nicht, aber gleichzeitig stimmt es doch. Nichts in der Welt kann mir jetzt meine Freude nehmen.

Was ich hier tun soll, ist verlorengegangen. Ich tue es. Ich bin raus aus der Zukunft, wo ich nichts tun kann, außer in meiner Phantasie, und in der Gegenwart gelandet, wo sich alles abspielt.

Ich habe etwas gelernt.

Ich habe etwas ent-deckt, oder aufgedeckt und wieder-entdeckt, so wie Fritz ein Wieder-entdecker von Gestalt ist.

 

Foto: Barry Stevens (1983)
Barry Stevens, 1983 - Foto: © Detlev Kranz

Leseprobe 3

Detlev Kranz: Barry Stevens.

Eine bemerkenswerte Frau

Barry Stevens ist in erfrischender Weise nicht-autoritär und herrschafts-kritisch. Sie trägt in ihrer persönlichen Art die rebellische, gesellschaftskritische Grundhaltung der Gestalttherapie weiter, wachsam und höchst sensibel gegenüber jeder Form von Herrschaftsausübung, Überwältigung und Entfremdung des Individuums. Dabei verfällt sie keiner isolierenden Selbst-Genügsamkeit, sondern sie bleibt gesellschaftsfähig und erhält sich ihre Vorstellung von Gemeinschaft und Mit-teilen. (...)

Sie spricht in diesem Sinne viel häufiger von Gestalt - oder gestalt, mit kleinem g, »keine Glorifizierung« - als von Gestalttherapie. Gestalt definiert sie zusammen mit ihrem Sohn »Steve« in einer Weise, die weit über traditionelle Psychotherapie hinausgeht:

»Vielleicht ist die bemerkenswerteste und dennoch offensichtliche Botschaft von gestalt diese: Wenn man die Ereignisse seines Lebens klar sieht, dann verläuft das Leben gut, ohne Verwirrung und unnötiges Elend. Manchmal ist das Leben schwierig und schmerzhaft, und manchmal ist das Leben voll Freude und erfüllt. Mit Bewußtheit kann man den Schmerz minimieren und die Freuden und Befriedigungen maximieren. Gestalt ist tatsächlich mehr eine persönliche Übung, eine Lebensweise, als eine professionelle 'Therapie' oder eine 'Behandlung'. Es ist etwas, das man mit anderen tut und nicht an ihnen.

Walter Kempler sagt es gut: 'Gestalttherapie, obwohl sie ursprünglich als eine Form der Psychotherapie vorgestellt wurde, basiert auf Prinzipien, die man als eine vernünftige Lebensweise betrachten kann. Mit anderen Worten, sie ist erst eine Philosophie, eine Seinsweise, und darauf aufgesetzt sind Wege, wie man dieses Wissen anwenden kann, so daß andere davon Nutzen haben können...Hoffentlich wird ein Gestalttherapeut mehr daran identifiziert, wer er ist, als daran, was er ist oder was er tut.'...«

Mit ihren Auffassungen zur Ziel- und Absichtslosigkeit, zum Verzicht auf Regeln und auf Konzepte (bzw. vorgefaßtes konzeptionelles Denken) und ihrer Betonung von Bewußtheit als Grundlage gestalttherapeutischen Arbeitens legt Barry Stevens (unausgesprochen) ihre Aufmerksamkeit in radikaler Form auf die phänomenologischen Seiten der Gestalttherapie. (...)

Über Barry Stevens zu schreiben, oder, besser gesagt, über ihre Erfahrungen und ihre Vorstellungen wie sie in ihren Texten zum Ausdruck kommen, be-deutet immer Verwässerung und Verschlechterung der Originale. Barry Stevens Texte sind komplex, vielschichtig und reich an Aspekten. Oft wechselt sie in kurzem Abstand die Ebenen und wendet sich anderen Seiten des jeweiligen Themas zu. Durch all die Richtungsänderungen hindurch bleibt die Person Barry Stevens in sehr persönlicher Weise spürbar.

Anläßlich ihres Todes schreibt Steve Andreas, früher John O. Stevens, über seine Mutter Barry Stevens: »Sie starb nicht ... in den Herzen und in dem Geist jener, die sie kannten, und die wußten, wie sie aus ihrem Kampf, das Leben zu verstehen, heraus schrieb, wobei sie immer ihr bestes tat, wie wir alle, und, ebenfalls wie wir alle, manchmal herausfand, daß es nicht gut genug war, was sie als Zeichen nahm, weiter zu gehen und es noch einmal zu versuchen ... und noch einmal ...«

Und ? ... Ist es nicht so?

  Praxisadressen von Gestalttherapeuten/-innen

Foto: Barry Stevens
Barry Stevens, Foto: © Celestial Arts, Berkeley/California

Barry Stevens (1902 - 1985) war bereits 65 Jahre alt, als sie 1967 zum ersten Mal Fritz Perls und der Gestalttherapie begegnete.

Und als Fritz Perls 1969 die Gestaltgemeinschaft und das Gestalt Intitute of Canada am Lake Cowichan in der Nähe von Vancouver gründete, folgte sie ihm dorthin und begann zusammen mit rund zwanzig weiteren Personen, ihre Gestalttherapie-Ausbildung.

Ihre Erfahrungen, Erlebnisse und Überlegungen aus dieser Zeit bildeten die Grundlage für ihr Buch "Don't Push the River. Gestalttherapie an ihren Wurzeln". Gemeinsam mit dem Gesprächstheapeuten Carl R. Rogers veröffentliche Sie außerdem: "Von Mensch zu Mensch. Möglichkeiten, sich und anderen zu begegnen" dessen deutsche Ausgabe im Frühjahr 2001 in der Edition des Gestalt-Instituts Köln / GIK Bildungswerkstatt im Peter Hammer Verlag erschienen ist. Bestellanschrift: Gestalt-Institut Köln, Rurstr. 9, 50937 Köln, Fax. 0221-447652, eMail: gik-gestalttherapie@gmx.de

 
Cover: Don't push the river

Barry Stevens
Don't push the river
Gestalttherapie an ihren Wurzeln
Mit Beiträgen von Erhard Doubrawa und Detlev Kranz

Mit diesem Buch möchten wir den deutschen Leserinnen und Lesern eine bemerkenswerte Frau näherbringen, die in der Entwicklung der Gestalttherapie eine bedeutsame Rolle gespielt hat, aber in Deutschland bisher leider kaum bekannt ist: Barry Stevens (1902 - 1985). Sie war bereits 65 Jahre alt, als sie 1967 zum ersten Mal Fritz Perls und der Gestalttherapie begegnete. Und als Fritz Perls 1969 die Gestaltgemeinschaft am Lake Cowichan in der Nähe von Vancouver in Kanada gründete, folgte sie ihm dorthin und begann, zusammen mit rund zwanzig Personen, ihre Gestalttherapie-Ausbildung. Ihre Erfahrungen, Erlebnisse und Überlegungen aus dieser Zeit bilden die Grundlage des hier vorliegenden Buches, das mit Fug und Recht als Klassiker der Gestalttherapie bezeichnet werden kann.

Herausgegeben von Anke und Erhard Doubrawa
Edition Gestalt-Institut Köln / GIK Bildungswerkstatt
im Peter Hammer Verlag, Wuppertal 2000

261 Seiten, A5, broschiert, 19,90 Euro

Dieses Buch erhalten Sie im gut sortierten Buchhandel und
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