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Barry Stevens
Gestalttherapie: Gestalt-Körperarbeit
"Wie der Kreislauf des Blutes"


Aus der Gestaltkritik

Gestaltkritik - Die Zeitschrift mit Programm aus dem Gestalt-Institut Köln
Gestaltkritik (Internet): ISSN 1615-1712

Themenschwerpunkte:

Gestaltkritik verbindet die Ankündigung unseres aktuellen Veranstaltungs- und Weiterbildungsprogramms mit dem Abdruck von Originalbeiträgen: Texte aus unseren "Werkstätten" und denen unserer Freunde.

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Praxisadressen von Gestalttherapeuten/-innen

 Hier folgt der Abdruck eines Beitrages aus der Gestaltkritik (Heft 2-2000):

Barry Stevens
Gestalttherapie: Gestalt-Körperarbeit
"Wie der Kreislauf des Blutes"

 

Foto: Barry StevensBarry Stevens, Foto: © Celestial Arts, Berkeley/California

In Heft 1/1999 unserer Zeitschrift hat der Hamburger Gestalttherapeut Detlev Kranz in einem liebevollen Artikel die Gestalttherapeutin Barry Stevens vorgestellt und gewürdigt. Wir möchten einige Zitate aus seinem Beitrag dem Essay von Barry Stevens voranstellen.

"Mit diesem Artikel über Barry Stevens möchte ich den Leserinnen und Lesern eine bemerkenswerte Frau näherbringen, die in der Entwicklung der Gestalttherapie Ende der sechziger bis weit in die siebziger Jahre hinein eine bedeutende Rolle gespielt hat, die in Deutschland aber kaum bekannt ist. (...)

Barry Stevens ist in erfrischender Weise nicht-autoritär und herrschaftskritisch. Sie trägt in ihrer persönlichen Art die rebellische, gesellschaftskritische Grundhaltung der Gestalttherapie weiter, wachsam und höchst sensibel gegenüber jeder Form von Herrschaftsausübung, Überwältigung und Entfremdung des Individuums. Dabei verfällt sie keiner isolierenden Selbst-Genügsamkeit, sondern sie bleibt gesellschaftsfähig und erhält sich ihre Vorstellung von Gemeinschaft und Mitteilen. (...)

Sie spricht in diesem Sinne viel häufiger von Gestalt - oder gestalt, mit kleinem g, 'keine Glorifizierung' - als von Gestalttherapie. Gestalt definiert sie zusammen mit ihrem Sohn 'Steve' in einer Weise, die weit über traditionelle Psychotherapie hinausgeht:

'Vielleicht ist die bemerkenswerteste und dennoch offensichtliche Botschaft von gestalt diese: Wenn man die Ereignisse seines Lebens klar sieht, dann verläuft das Leben gut, ohne Verwirrung und unnötiges Elend. Manchmal ist das Leben schwierig und schmerzhaft, und manchmal ist das Leben voll Freude und erfüllt. Mit Bewußtheit kann man den Schmerz minimieren und die Freuden und Befriedigungen maximieren.

Gestalt ist tatsächlich mehr eine persönliche Übung, eine Lebensweise, als eine professionelle ‚Therapie' oder eine ‚Behandlung'. Es ist etwas, das man mit anderen tut und nicht an ihnen.' (...)

Mit ihren Auffassungen zur Ziel- und Absichtslosigkeit, zum Verzicht auf Regeln und auf Konzepte (bzw. vorgefaßtes konzeptionelles Denken) und ihrer Betonung von Bewußtheit als Grundlage gestalttherapeutischen Arbeitens legt Barry Stevens (unausgesprochen) ihre Aufmerksamkeit in radikaler Form auf die phänomenologischen Seiten der Gestalttherapie."

Vorweg noch diese Hinweise auf Beiträge und Bücher von Barry Stevens:

 

Barry Stevens
Gestalttherapie: Gestalt-Körperarbeit
"Wie der Kreislauf des Blutes"

Gestalt ist - wie der Kreislauf des Blutes.

Wir können seine natürliche Funktion verfolgen,

wir können sie aber nicht verbessern.

William Harvey entdeckte den Kreislauf des Blutes. Fünfhundert Jahre später wurde seine Entdeckung anerkannt. Gestaltprinzipien tauchten während der Menschheitsgeschichte immer wieder auf, und die Möglichkeiten, durch die Eingriffe in unsere natürlichen Funktionen wieder aufgehoben und ausgeglichen werden, nehmen immer neue Formen an. Perls bezeichnete sich selber als "Veredler der Gestaltarbeit". In der Gestalttherapie werden die von ihm erfundenen oder verbesserten Techniken angewendet, um uns für unser natürliches Funktionieren frei zu machen und durch diese Befreiung zu erleben, was Gestalt ist. Dies ist nur durch Erfahrung möglich - durch meine Erfahrung von mir. Der Gestaltprozeß kann niemals adäquat zu Papier gebracht werden. Einleuchtende Beschreibungen müssen zwangsläufig in die Irre führen.

Das Erlernen, wie ich meinen Körper freigebe, de-kontrolliere - und das ist keine bloße "Entspannung" -, ist eine der Möglichkeiten, ein gewisses Verständnis für meine natürlichen Funktionen zu bekommen und für die Art und Weise, wie ich mit ihnen umgehe. Ein Beispiel aus meiner Arbeit: Ich fordere Dennis, der bereit ist, seinen Körper zu erforschen, dazu auf, sich mit dem Rücken auf den Boden zu legen. "Hebe deine Knie an, bis die Fußsohlen flach auf dem Boden liegen. Bewege dich nun etwas hin und her, um es dir so bequem wie möglich zu machen. Dies ist nun die Ausgangsposition, die sich am besten bewährt hat. Du mußt aber nicht krampfhaft daran festhalten. Es sollte wirklich nichts geben, an dem du krampfhaft festhältst." Dennis folgte diesen Anweisungen und sagte, indem er nach einem Kissen griff: "lch möchte ein Kissen unter meinen Kopf. Es schmerzt, wo er den Boden berührt." "Ein Kissen ist schon okay", sagte ich, "aber ich möchte, daß du es zunächst einmal ohne versuchst. Nimm Kontakt auf mit dem Schmerz in deinem Kopf, von innen, sehr vorsichtig - mach dich mit ihm bekannt. Bleibe mit ihm in Kontakt wie ein Scheinwerfer, der nichts Neues schafft, aber auch nichts im Dunkeln läßt. ,In Kontakt bleiben' heißt, leicht und vorsichtig dabeibleiben, wenn irgendetwas anderes - irgendein Schmerz, eine Spannung oder ein Unwohlsein - im Körper ruft, sich dorthinbegeben, so mühelos, als würde man nur seine Augen vom Fenster zur Tür wandern lassen. Laß den Schmerz geschehen. Sollte er stärker oder schwächer werden, so lasse es zu - auch jede andere Veränderung. Lasse geschehen, was geschieht.

Die meiste Zeit kontrollieren wir unseren Körper. Das hier ist de-kontrollieren - den Körper tun lassen, was er tun möchte. Mein Körper weiß besser als ich, was gut für ihn ist. Du brauchst mich auch nicht ständig auf dem Laufenden zu halten, was in deinem Körper vorgeht. Sage nur ab und an mal etwas, damit ich weiß, wo du dich gerade befindest."

Oft bewirkt das bloße In-Kontakt-Kommen mit unangenehmen körperlichen Empfindungen deren Nachlassen oder Verschwinden. Rasches Herzklopfen verlangsamt sich bald zum normalen Herzschlag. Ein Schmerz in der unteren Rückenhälfte, dort, wo der Rücken den Boden berührt, mag schwächer werden, oder es scheint, als verlagere er sich auf eine andere Stelle. Ob er sich nun tatsächlich verlagert, kann ich wirklich nicht sagen. Oft berichten Klienten von dieser Schmerzverlagerung, und so empfinden sie es dann wohl auch. Es spielt dabei keine Rolle, ob dies nun "richtig" ist. Wichtiger ist, daß man mit dem Schmerz geht, daß man mit seiner inneren Wahrnehmung sanft und leicht dem Schmerz folgt, wohin auch immer er geht. "Mit dem Schmerz in Berührung bleiben" heißt, ständig bei ihm zu sein, so leicht und sanft, daß ich mich ohne Anstrengung dem zuwenden kann, was sonst noch in den Vordergrund treten mag. Manchmal benennt ein Klient sofort eine Stelle, wo er Schmerz empfindet. Manchmal sind es auch Schmerzen an zwei ganz verschiedenen Stellen. Dann fordere ich ihn auf, herauszufinden, welcher Schmerz "am lautesten ruft". Hierbei wird er seinem Körper und dem, was in ihm vorgeht, mehr Aufmerksamkeit schenken. Manchmal entscheidet er sich dann für eine der beiden Schmerzempfindungen. Sollten sie ihm beide gleich stark erscheinen, fordere ich ihn auf, einen beliebigen herauszugreifen - es ist dann nicht wichtig, welcher.

Durch eigene Beobachtung an mir scheint dieses Aufhören der Schmerzen dadurch ausgelöst zu werden, daß ich aufhöre, über sie nachzudenken. Meine Erfahrung ist, daß ich aufhöre zu denken, wenn ich mich voll auf irgendeine Stelle in meinem Körper einlasse. Am Anfang mag dies nur kurzfristig geschehen, und einige Personen haben dabei natürlich mehr Schwierigkeiten als andere. Wenn mein Herz beim Besteigen des "Heißen Stuhls" schneller schlägt oder dann, wenn ich mich gerade auf den Boden lege, um mit meinem Körper in Kontakt zu treten, so liegt die Verbindung zu meinem Denken natürlich auf der Hand. Daß andere Unannehmlichkeiten auch mit dem Denken in Zusammenhang stehen, ist nicht so offensichtlich. Es wird mir klar, wenn ich lerne, meinen Körper loszulassen. Wie aber kontrolliere ich ihn eigentlich? Mit meinem Zentralnervensystem unter der Regieanweisung meines Kopfes.

Sollte ein Schmerz oder eine Spannung nicht ohne größere Anstrengungen verschwinden, so schlage ich vor: "Schau, ob du ihn erforschen kannst - vorsichtig, ohne Eile oder Zwang, versuche, dich mit ihm zu versöhnen - und schau, ob du herausbekommst, was dort vor sich geht. Laß es einfach geschehen. Achte darauf, ob aus dieser Spannung oder diesem Schmerz eine Bewegung entsteht. Es mag sich dabei um eine sehr kleine Bewegung handeln, die du zwar wahrnimmst, die mir aber nicht sichtbar wird. Vielleicht ist es eine größere Bewegung, die auch ich wahrnehmen kann. Laß geschehen, was auch immer geschehen will."

Scheinen sich keine Unannehmlichkeiten einzustellen, schlage ich vor, auf Entdeckungsreise zu gehen. "Sieh dich in deinem Körper um. Fange irgendwo an und gehe irgendwo hin. Gehe dabei sehr langsam vor, um auch mit dem Weg in Kontakt zu kommen und zu entdecken, was es dort gibt." Entdecken geschieht ohne Eile. Man sollte langsam vorangehen und sich viel Zeit nehmen, sich umzuschauen. Dann nehme ich Dinge wahr, die mir vorher nicht aufgefallen sind. Ich werde ihnen Aufmerksamkeit schenken. Dies sind im Grunde meine einleitenden Instruktionen, die ich jedoch dadurch modifiziere, daß ich mit der jeweiligen Person, mit der ich arbeite, in Kontakt trete und mit dem, was in i h r vorgeht. Für mich ist es dabei genauso wichtig, mitzugehen und dabeizubleiben, wie für den Klienten selber.

Sollten Sie irgendwen bei seiner Körperarbeit begleiten wollen, so rate ich Ihnen dringendst, dies vorher des öfteren selber durchzuführen. Nur dadurch kann ich in dieser Methode Sicherheit gewinnen und bin dann mit dem Gegenstand vertraut. Obwohl jeder andere nicht sein kann wie ich, bleibt mir doch diese Vertrautheit erhalten. Ich erkenne in etwa, wo der Klient sich gerade befindet. Mein Sprechrhythmus, die Länge meiner Pause, die Art und Weise, wie ich Dinge ausdrücke, und andere Aspekte entstehen aus meinem Mitschwingen mit dieser Person. Bei jeder Expedition in eine Wildnis treffe ich auf unerwartete Umstände, etwas, das es dort vorher nicht gegeben hat. Es hilft aber, wenn ich schon einige Male dort war und mir die Gegend bekannt vorkommt.

Meine Wahrnehmung ist nicht perfekt. Sie überschneidet sich noch immer mit meinem eigenen Prozeß. Die größere Bewußtheit meiner eigenen Empfindungen trägt jedoch zum Fluß der Interventionen bei, die ich gebe, und erleichtert damit eine ungezwungene Arbeit des anderen. Auch wenn ich mit meinem eigenen Prozeß in Berührung komme, kann ich mir dessen bewußt sein und ihn zulassen - ich versuche jedenfalls nicht, ihn zu korrigieren, sondern mache einfach weiter. Dabei verschwindet die Störung dann meistens. Starres Nachahmen der Anweisungen eines anderen blockiert den Fluß. In der Gestaltarbeit gibt es kein "Eins, zwei, drei". Das wäre unmöglich. Gestalt ist mit starren Regeln unvereinbar. Was in der Person geschieht, die lernt, ihren Körper zu de-kontrollieren, kann nicht durch Regeln vorgeschrieben werden. Nahezu alles ereignet sich unerwartet, auch wenn ich es schon einige hundert Male erlebt habe - an mir und bei anderen.

Es wird gemeinhin akzeptiert, daß unser Körper selber tätig ist, um sich von Verletzungen, Krankheiten usw. zu heilen. Wir versuchen, die optimalen Bedingungen zu schaffen, damit dieser Selbstheilungsprozeß in Gang gesetzt wird. Beim De-kontrollieren meines Körpers verbessere ich den Kreislauf des Blutes als einen Teil des Heilungsprozesses. Es ist erst seit kurzem bekannt und wird noch nicht so generell akzeptiert, daß wir auch bei geistigen oder emotionalen Störungen einen Selbstheilungsprozeß in Gang setzen können.

Dennis, der zu Beginn ein Kissen unter seinen Kopf legen wollte, fühlte sich später auch ohne Kissen wohl. Dies allein ist schon eine Leistung die Entdeckung, wie ich mich selber wohlfühle und es mir ohne Manipulationen der Außenwelt (ein Kissen nehmen) angenehm machen kann. Das Gegenteil wäre die Entdeckung, wie ich es mir unbequem mache, indem ich mich auf einen Holzfußboden lege.

Ungezwungen folgte Dennis seinen körperlichen Empfindungen, und ab und an berichtete er, wo er sich gerade befand. Dann richtete er sich auf, die Arme um seine Beine geschlungen, und sagte "lch fühle mich verletzbar." "Wir erfährst du dieses ,verletzbar'? Wie kannst du dieses Gefühl beschreiben ?

"Erdrückt", sagte er. Dies überraschte mich, und ich erfuhr wieder einmal, wie wichtig es ist, jemanden zu fragen und nicht anzunehmen, daß verletzbar für ihn das gleiche bedeutet wie für mich. Möglicherweise kannte er das Gefühl selber nicht, bis er aufgefordert wurde, seine Aufmerksamkeit darauf zu richten. Ich fordere ihn auf: "Laß dich erdrücken!" Ich lasse geschehen, was geschieht, und erzähle Dennis nicht, wie man es tun soll.

Sein Gefühl, erdrückt zu werden, ist seins und nicht meins, und es geschieht in diesem Moment. Ein anderes Mal mag es unterschiedlich sein. Dennis legte sich auf die Seite, rollte sich zu einer Kugel und preßte sich zusammen, so stark er konnte. Dann richtete er sich auf. "lch fühle mich so leicht. Als ich noch ein Junge war, hob ich oft trockenen Kuhfladen auf - sie waren so leicht. Ich fühle mich wie damals." Er begann zu weinen. "lch weine, weil ich diese Unbeschwertheit schon so lange verloren habe." Er berichtet weiter, wie er es haßte, sich zu verabschieden. Zuvor hatte er erzählt, wie sehr er sich bei der Hinfahrt nach Shura auf die Reise durch Colorados gefreut hatte, dann aber ständig an den Ort denken mußte, den er verlassen hatte. Gleich bei seiner Ankunft wurde er wieder traurig, weil er in einer Woche wieder abreisen würde. Dies, so sagte er, sei bei ihm immer so. Er saß noch auf dem Boden und durchlebte nun einige Situationen aus seiner Kindheit. Wegen der Geschäfte des Vaters mußte seine Familie oft umziehen. "Sie waren ständig unglücklich, wenn sie umziehen mußten. Ich glaube, daß es daran liegt." Nun sei er fertig, sagte er und stand auf. Dennis holte sich aus der Küche etwas zu trinken, kam zurück und setzte sich auf ein Lederkissen. "lch fühle mich ausgezeichnet, so solide, fest, wie ich hier so auf diesem Kissen sitze", sagte er mit offensichtlichem Wohlempfinden. Später fügte er noch hinzu "lch staune immer noch, daß ich mich vorhin beim Zusammenpressen so leicht gefühlt habe." Als ich ihn so auf seinem Kissen sitzen sah, wie er sagte "lch fühle mich ausgezeichnet . . . ", schien es mir, als habe sich sein "leicht" zu einem "fest" verändert, das die Leichtigkeit in sich trug, während es vorher nur Schwerfälligkeit gegeben hatte.

Seit etwa dreißig Jahren höre ich immer wieder, daß wir uns einer "bewußten Evolution" nähern. Damals hatte ich hochfliegende mystische Vorstellungen darüber - Phantasien, wo wir wohl ankommen würden. Nun sehe ich nicht mehr, daß wir uns einer anderen Evolution nähern - das wäre nur das Ersetzen einer Phantasie durch eine andere. Indem ich mein Hirn von allen Phantasien säubere, erfahre ich mich und die Welt auf eine andere Art und Weise, manchmal jenseits meines Vorstellungsvermögens. Mir scheint es, als ob sich diese "bewußte Evolution" einem Stadium nähert, in dem wir unser "Darüber-Nachdenken" aufgeben und zu dem gelangen, was wir gerade tun.

Die Unterscheidung zwischen Denken und Fühlen ist mächtig ob ihrer Genauigkeit. Vor einigen Jahren sah ich, wie Leute in Encounter-Gruppen schnell lernten, daß es richtig sei, Gefühle auszudrücken, und falsch, Gedanken zu äußern. So kam es, daß sie sagten "lch fühle... ", wenn es um's Denken ging, und sich und die anderen damit noch mehr verwirrten.

Während der Körperarbeit empfehle ich meinen Klienten, darauf zu achten, wann sich Gedanken einstellen, und sich dann wieder vorsichtig angenehmen oder schmerzvollen Stellen innerhalb des Körpers zuzuwenden. Bin ich in Kontakt mit einer Stelle innerhalb meines Körpers, verschwinden meine Gedanken von alleine. Auch wenn dies nur einen kurzen Moment dauert, habe ich entdeckt, daß etwas möglich ist. Bis jetzt habe ich noch niemanden gesehen, der fürchten mußte, sein Denken für eine Weile aufzugeben - es stellt sich nur allzu schnell wieder ein. "Stellen sich Gedanken ein, gehe sanft zum Körper zurück - wie ein Scheinwerfer, der nichts fortjagt. Solltest du größere Schwierigkeiten mit dem Denken haben, teile sie mir mit. Wir werden dann etwas anderes versuchen. Teile mir auch andere Schwierigkeiten mit, die sich einstellen mögen." Kann jemand nicht "aufhören zu denken", fordere ich ihn auf, mit seiner Atmung in Kontakt zu kommen und dann zu seinen Gedanken zurückzukehren. Wiederhole ich dies häufiger, so wird es oft jemandem möglich, sich zu entspannen und längere Zeit beim Atmen zu verweilen. Von dort ausgehend kann er mit anderen Dingen, die sich in seinem Körper ereignen, in Kontakt kommen. Bei einigen Leuten wiederhole ich des öfteren "Kein Anspannen, kein Vorantreiben, kein ,Versuchen' aus bewußter Absicht!" Nicht immer lasse ich jemanden sich seiner Atmung zuwenden. Fängt das De-kontrollieren einmal an, verändert sich die Atmung von selbst und macht meist genauso viele Veränderungen durch, wie die anderen Teile des Körpers. Allein dadurch, daß ich mit Unbehagen irgendwo in meinem Körper in Berührung komme, verschwinden diese unangenehmen Empfindungen oft schon - sei es ein Kopfschmerz, schneller Pulsschlag, Schmerzen im Nacken oder irgendeine Verspannung. Häufig sage ich mehr als einmal, daß "in Kontakt bleiben" ohne Anstrengung zu geschehen hat und so vorsichtig, daß ich wahrnehme, wenn irgendein anderer Teil meines Körpers ruft und ich meine Aufmerksamkeit dann dorthin lenken kann. Leicht wie eine Wolke keine Sprünge, kein Zerren, Stoßen, Festhalten oder Stehenbleiben.

Wenn ich sage, daß ich einige Interventionen "oft" gebe, meine ich damit, daß ich sie in Abständen wiederhole, und zwar immer dann, wenn ich spüre, daß es notwendig sein könnte. Mein Kopf nützt mir beim Herausfinden des "wann" nichts. Er kann nur durch Regeln lenken oder dadurch, wie etwas einige Male zuvor ablief. Meine Sinne sagen mir: jetzt. Sie sind nicht in der Lage, etwas anderes zu tun.

Anfangs halte ich sehr engen Kontakt zu dem Klienten (über seine Äußerungen) und wiederhole Anweisungen - sanft, ohne zudringlich zu wirken, um ihn nicht abzulenken. Sehe ich, daß sein Körper sich selber leitet, dann sitze ich bestenfalls daneben oder gehe umher und überprüfe gelegentlich, ob er noch dabei ist. Fängt die spontane Arbeit des Körpers einmal an, wird sie auch fast immer alleine fortgeführt. Meist läßt der Klient auch erkennen, wann er für dieses Mal genug hat und aufhören will. Der Körper ist nicht an Überanstrengung interessiert. Ich erkenne dieses Stadium des Beendens in dem Moment, wo es sich ereignet.

Manchmal sage ich jemandem "Du kannst deinen eigenen Schlußpunkt wählen", so daß er weitermachen kann, wenn er will, und gleichzeitig erkennt, daß er diese Entscheidung selber trifft. Werden sie nicht anders instruiert, fahren einige Leute - auch wenn sie nur auf dem Boden liegen und sich ein wenig gehen lassen, mit kleinen, kaum wahrnehmbaren Bewegungen - so lange fort, bis sie jemand auffordert aufzuhören. Solchen Leuten mache ich gleich zu Beginn klar, daß sie aufhören können, wann immer sie wollen. Ich kenne nur zwei Möglichkeiten, mit dieser Art der Körperarbeit Schwierigkeiten zu bekommen. Beide sind eine Folge des Denkens. Eine junge Frau, die mit ihrer Körperarbeit sehr gut vorankam und sich an ihr erfreute, sagte "lch sehe Schwärze." - "Bleib bei der Schwärze", sagte ich. Sie steigerte sich in eine Menge Unbehagen hinein, und wir hörten auf, um herauszufinden, was hier vorging. Sie sah selber, was geschehen war - aus Intuition oder Erinnerung. "lch dachte über Schwärze nach und begann, mich zu fürchten. Dann fielen mir alle möglichen Assoziationen dazu ein" (Tod, Beerdigung, Leere usw.). Sie hatte den Kontakt mit dem, was in ihr vorging, abgebrochen und war in ein Darüber-Nachdenken abgerutscht, hatte Erinnerungen und Assoziationen hervorgekramt - und sich damit Angst eingejagt. Durch meine Gedanken kann ich mich zu Tode fürchten. Ich kenne wirklich nichts anderes, woher Furcht sonst noch rühren könnte. Als dieser jungen Frau klar wurde, wo ihre Furcht herrührte und wie sie sich selbst in Panik versetzt hatte, deutete sie auf die Stelle, wo sie vorher gelegen hatte. Sie erinnerte sich an die Erfahrung, die sie gemacht hatte, bevor diese Gedanken ihre Furcht ausgelöst hatten. "lch mag diese Stelle dort auf dem Fußboden immer noch." Sie hatte sich dort sehr wohl gefühlt.

Stellen sich furchterregende Gedanken ein und werden sie mir dann auch von dem Klienten mitgeteilt, so versuche ich klarzustellen, daß es Gedanken sind, und fordere ihn auf, sich wieder seinem Körper zuzuwenden und mit dem in Berührung zu bleiben, was dort geschieht, und es geschehen zu lassen. Höre ich auf zu denken, so verschwindet auch meine Furcht, und meine Vorstellungen verändern sich von alleine.

Die andere Schwierigkeit, die mit dem Denken in Zusammenhang steht, stellt sich dann ein, wenn ich mit meinem Körper in Berührung bin, die Empfindungen sich ständig verändern und nichts sehr lange anhält. Ich mag eine dieser Empfindungen besonders und denke: "Das fühlt sich gut an. Ich will mehr." Dann passiert es - ich nehme Anweisungen von meinem Kopf entgegen, und meine Handlungen sind nicht mehr frei und ungezwungen. Ich überanstrenge mich. Hinterher schmerzt mein Körper, und ich fühle mich unwohl. Das Gleiche passiert, wenn ich mit Vorsatz anfange zu schreien oder mich zwinge, weiterzuschreien - meine Kehle wird dann heiser und kratzt. Spontanes Schreien geschieht von alleine, es ist frei und ungezwungen, und auch meine Kehle bleibt entspannt - sowohl während des Schreiens als auch später. Ein weiterer Gedanke, der dieses Antreiben verursacht, ist: "lch will alles hinter mich bringen (all meine Schwierigkeiten), jetzt auf der Stelle. Ich muß nur weitermachen, dann klappt es schon." Dies geschieht nicht selten - trotz meiner Anweisungen, nichts voranzutreiben.

In meiner Verantwortung liegt es, jemanden aufzufordern, mir die Schwierigkeiten zu berichten, auf die er stoßen mag, damit ich klären kann, was da vor sich geht, und ihn weiterführe. Bei einigen Leuten mache ich das sehr viel häufiger als bei anderen. Ich kann aber nicht in allem für den anderen die Verantwortung tragen. Das Zuwenig oder Zuviel liegt in seiner Verantwortung. Zur lllustration das Beispiel eines jungen Mannes aus der Körperarbeit. Als er anfing, sich gehen zu lassen, begann sein Bauch zu zucken, dann kamen Beckenstöße. Dies hielt länger an als alles, was ich an spontanen Bewegungen irgendeines anderen Körpers zuvor beobachtet hatte. Ich fragte, ob er es bewußt vorantreibe, und er bejahte es. Ich warnte ihn davor, er aber fuhr fort damit. Er betrachtete es als eine Art Gebären und wollte es unter allen Umständen zu Ende bringen - als könne er mit entsprechender Anstrengung seine eigene Geburt zu Ende führen. An den darauf folgenden Tagen berichtete er, daß dieses Zucken des Bauches sich immer wieder einstellte. Damals war ich mir noch nicht ganz sicher. Er war der erste, der dieses Anhalten der Symptome berichtete, und ich beging einen Fehler, als ich durch Überlegungen das in Frage stellte, was ich intuitiv wußte. Kann ich diese Gedanken beiseite lassen, dann weiß ich, wann ich weiß und wann nicht. Dies geschieht schon häufiger, als ich es von früher gewohnt bin, und ich versuche, mich bewußt in diese Richtung weiterzuentwickeln. In solchen Momenten bin ich präzise. Herrlich präzise. Ich verbrachte einen Großteil meines Lebens damit, mich zu fragen, ob ich nun verrückt sei oder nicht. Heute weiß ich, wann ich verrückt bin und wann nicht.

Meine Sinne, meine eigene Erfahrung und die Hingabe an dieses Stoßen bei dem jungen Mann, alles kam zusammen. Ich fragte mich (ein Darübernachdenken), ob ich etwas übersah usw., und damit habe ich zu einem gewissen Grad uns beide durcheinander gebracht. Der junge Mann schrieb mir mehrmals - einmal im Monat oder öfter -, daß er noch immer dieses Zucken im Bauch habe und auch dieses Beckenstoßen, und daß seine Freunde es für einen Orgasmusreflex hielten. Ich beantwortete seinen Brief mit der Ermahnung, nichts zu erzwingen, und warnte ihn davor, Interpretationen zu akzeptieren, seien sie nun von ihm selbst oder von anderen.

Ein Jahr später kam er zurück und berichtete, daß er zwar noch immer dieses Zucken der Bauchdecke habe, daß es aber nicht mehr so häufig und viel schwächer auftrete. Als er sich jetzt wieder auf den Boden legte, fing es wieder an, und er zeigte mit seinen Fingern darauf. Dieses Mal sagte ich ihm, es käme aus seinem Kopf, er solle es loslassen und sich auf eine andere Stelle in seinem Körper konzentrieren. Danach verlief die Sitzung ohne abgespaltene oder forcierte Körperreaktionen.

In der Gestaltkörperarbeit ist rationalisierendes Denken die einzige Gefahr, die ich kenne. Mein Körper hat kein Interesse daran, sich zu verletzen. In Verbindung mit einer konkreten Planung oder Handlung mag Denken angebracht sein. Im Hinblick auf die Körperarbeit wird durch Beobachtung dessen, was sich in meinem Kopf abspielt, deutlich, daß der größte Teil meines Denkens mich kein bißchen weiterbringt. Ich verbringe einige Zeit in Gruppen, um Leuten zu zeigen, wie sie auf eine besondere Art und Weise ihrem Denken Aufmerksamkeit schenken können. Dies hängt so eng mit der Körperarbeit in der Gestalt zusammen, daß es in das überfließt, was ich jetzt schreibe.

"Du mußt mir keinen fortlaufenden Bericht liefern. Sage nur dann und wann etwas, daß ich mit dir in Kontakt bleiben kann." Dies macht es mir möglich, bei dem Klienten zu bleiben und zu erkennen, wann er wirklich seinen Körper machen läßt und wann er seinen Kopf dazwischen schaltet. Ich achte darauf, wann Äußerungen von seinem Kopf kommen, und weise ihn darauf hin: "Jetzt denkst du. Nimm wieder Kontakt mit deinem Körper auf!" Kommt er dem nach, wird er an sich selbst beobachten, was passiert. "lch fürchte mich!" - "Meine Mutter ist an allem schuld!" - "lch mag diese Gefühllosigkeit nicht", sind einige Beispiele. Jede Meinung rührt vom Denken her, und "gut" kann mir ebenso Schwierigkeiten bereiten wie "schlecht", - wie in dem vorhin erwähnten Beispiel.

Fühlt sich mein Körper taub an, so ist dies kein schlechtes Gefühl, solange ich mich nicht davor fürchte. Letztlich gibt es gar keine schlechten Gefühle. Sie sind einfach da, ohne Bewertung. Ich überlasse mich dem, was ist. Sehr viele Leute sind erstaunt, wenn sie entdecken, daß ein Schmerz sie nicht länger beunruhigt und letztlich sogar ganz verschwindet, sobald sie mit ihm in Berührung kommen.

Wir kontrollieren unseren Körper ständig. Unsere Art der Körperarbeit ist de-kontrollieren - den Körper tun lassen, was er tun möchte. Mein Körper weiß am besten, was ihm angenehm ist.

Nach mehrjähriger Erfahrung in der Gestalt-Körperarbeit bei einigen hundert Klienten habe ich zwei Extreme kennengelernt - mit allen möglichen Variationen dazwischen.

Laura ist ein Extrem auf dieser Skala. Einmal habe ich mit ihr eine halbe Stunde gearbeitet, und danach war sie genau so wenig in Kontakt mit ihrem Körper wie am Anfang. Soweit ich es erkennen konnte, gab es nicht den geringsten Kontakt. Ich habe dann abgebrochen, weil die Gruppensitzung schon über die Zeit lief und ich müde war. Am nächsten Tag arbeitete ich mit ihr fast 45 Minuten, und am Ende gab es wenigstens ein wenig Kontakt. Zu Beginn der Sitzung berichtete Laura, daß ihr Gedächtnis sich oben auf ihrem Kopf befände und daß ihre Eltern schuld hätten. Ich fragte sie: "Was bringt es dir, deinen Eltern die Schuld zu geben." Sie schien die Frage nicht zu verstehen. Ich wiederholte sie. Sie antwortete: "Wenn ich meinen Eltern die Schuld zuschiebe, verschwindet mein Gedächtnis dort oben vom Kopf." Ich fragte sie: "Und du möchtest keinen anderen Weg versuchen?" Sie war still - für ca. 15 Sekunden -, dann antwortete sie: "Ja", und damit drückte sie klar aus, daß sie es wollte. Von nun an fing sie manchmal an, ihr Denken beiseite zu lassen und mit ihrem Körper in Kontakt zu kommen. Sie begann Gefühle zu empfinden, die kein Denken waren.

Den Abend zuvor hatte sie auf dem "Heißen Stuhl" gearbeitet und war nicht weitergekommen. An dem Abend, der dieser Körperarbeit folgte, setzte sie sich wieder auf den "Heißen Stuhl" und konnte eine Menge Emotionen herauslassen. Von dem ständigen Beschuldigen ihrer Eltern nahm sie deutlich Abstand. Sie entwickelte ein gewisses Verständnis für ihren Vater und drückte ihm offen einige Zuneigung aus. Zuletzt war sie nahe daran, ihn zu akzeptieren, und sie zeigte den Willen, ihn so anzunehmen, wie er war. Zwar noch nicht ganz, aber schon genug, und es schien wahrscheinlich, daß noch mehr folgen würde.

Das andere Extrem ist Arthur. Der Tenor seiner gestalltherapeutischen Hot-Seat-Arbeit: "Es klappt ja doch nicht", war aus allem herauszuhören, was er sagte. Es hat keinen Zweck, etwas zu tun oder zu versuchen, weil es ja doch nicht klappt. Seit drei Jahren war er nicht mehr in der Lage, sich einen Job zu beschaffen. Auf irgendeine Äußerung Arthurs schlug der Therapeut ihm vor, einen Leichnam zu spielen. Arthur nahm diese Rolle gerne an. Als Leichnam brauchte er "nichts zu tun und nichts zu sagen", und er fühlte sich wohl dabei. Später an diesem Abend lehnte Arthur seinen Kopf an meine Schultern und nahm meine Hände in die seinen. Er versuchte, in Berührung zu kommen, und war nahe am Verzweifeln, daß er nichts fühlte. "lch bin tot." Seine Finger, die die meinen berührten, fühlten sich an, als seien sie aus Metall und mit Scharniergelenken versehen. Steif und kalt bewegten sie sich ohne Gefühl.

Als er am nächsten Tag auf der Matte lag, um in die Körperarbeit einzusteigen, sagte er: "lch mache das hier, weil ich mich wie ein Leichnam fühle." Im gleichen Augenblick kam sein Körper unwillkürlich in Bewegung. Die Arme gekreuzt, zupften seine Hände an seinen Wangen. Ein verzweifelter Schmerz, der von seinen Verspannungen herrührte, war sichtbar und hörbar und wurde manchmal sogar in Worten ausgedrückt. Seine Wangen fühlten sich taub an, und er kniff in sie hinein. Seine Muskeln waren "gespannt wie Geigensaiten". Er hörte Geigenmusik. Der Boden unter ihm vibrierte. Die Decke hing dicht über seinem Körper. Er war ein Zweig, der im Sturm von anderen Zweigen herumgestoßen wurde - ohne Stamm, ohne Wurzeln. Weiter und weiter wurde er ohne Unterbrechung von einer Marter in die andere gestoßen. "lch knacke mich auf und kehre von einem Abgrund zurück", sagte er voll Panik. Hier griff ich ein und reichte ihm ein Kissen mit der Aufforderung, es zu zerreißen. Etwas ängstlich begann er für eine Weile damit und wurde dann ruhiger. Später sagte er: "lch spürte Kraft in mir, als ich an diesem Kissen herumgezerrt habe." Ob es besser gewesen wäre, ihn zu der Stelle über dem Abgrund zurückzuschicken, weiß ich nicht. Es gibt keine Möglichkeit, es zu wiederholen und herauszufinden.

Als ich ihn bat, zu uns zurückzukommen, sah er nur mich an und bekam Angst. Ich fragte ihn, ob er mich sehen könne, und er antwortete so etwas wie: "Drinnen und draußen." Ich teilte ihm mit, daß es in Ordnung sei, falls er mich nicht sehen könne: das kann vorkommen, wenn jemand sehr tief in seinen Vorstellungen gesteckt hat, manchmal passiert es auch nach langer Meditation. Es ist kein Grund zur Beunruhigung. Lange Zeit sah er mich mißtrauisch an. Dann ergriff er meine Hände und hielt sie fest. Seine Hände waren weich und warm, seine Finger so, wie ich es normalerweise von Fingern erwarte. Er sagte: "lch befürchte, daß du etwas von mir erwartest." Er sah wirklich ängstlich aus. Ich sagte: "lch erwarte nichts. Ich bin nur hier, um bei dir zu sein." Er sah aus, als stiege von neuem Panik in ihm auf, die ihn noch weiter zu verschlingen drohte, und er sagte: "Jetzt fürchte ich mich davor."

Diese Episoden scheinbaren Zusammenbruchs für eine Stunde oder mehr sind nur flüchtige Erscheinungen. Als Arthur sich weiter beruhigt hatte und der anderen Leute in der Gruppe gewahr wurde, sagte er erstaunt: "lch fühle mich, als wäre ich auf dem Mond - oder dem Mars. Doch das alles geschieht in mir!?"

Ich folgte meinem Gespür, als ich den Zeitpunkt bestimmte, an dem ich ihn bat, zu uns zurückzukommen. Ich habe dafür keine logischen Erklärungen. Hätte er angedeutet, daß er weitermachen wolle, ich hätte ihn gelassen. Tatsächlich zeigte er aber keine Anzeichen, wieder wegzugehen. Er hielt meine Hände sehr lange fest.

Als Arthur sich vom Boden erhob, setzte er sich in einen Schaukelstuhl, ruhig und weich. "lch bin etwas wackelig", sagte er, "doch das ist jetzt schon o.k." Er ließ seinen Kopf etwas hin und her pendeln. So saß er da mit langen Perioden des Schweigens, sagte dann und wann etwas, dann wieder Schweigen. Er sagte einfach ein paar Dinge von sich, schloß uns dabei zwar ein, aber ob wir ihm nun zuhörten oder nicht, schien ihn nicht zu bewegen. (Am Abend zuvor hatte er sich des öfteren darüber beklagt, daß ihm niemand zuhöre.) "lch sah all die Dinge, die mich beeinträchtigt haben." Lange Pause. Ob der nächste Satz sich auf den vorangegangenen bezog oder auf etwas anderes, weiß ich nicht. "lch wußte es", sagte er, "jetzt aber sehe ich es." An seinem letzten Abend hier sagte er noch: "lch mag nicht weggehen," - mit warmem Ausdruck und ohne Forderung oder Verlangen.

Ich biete dies alles - und auch anderes - nicht als "Heilmethode" an. Ich beschreibe nur einiges, das bei der Körperarbeit in der Gestalt vorkommen kann.

Zwischen diesen beiden Extremen, Laura und Arthur, gibt es so viele andere Leute, deren Arbeit einzigartig und lohnend gewesen ist.

Eine Frau in den Fünfzigern kam zu einem Workshop. Ein Teilnehmer, der auch mit Körperarbeit vertraut war, bemerkte sofort: "Es gibt keine Verbindung zwischen ihrer oberen und ihrer unteren Hälfte." In der Gestaltkörperarbeit wurde ihr das auch selber klar. Sie entdeckte ein breites Band rund um ihre Hüften, wie ein übergroßer Keuschheitsgürtel, eine Stelle, wo nichts zu sein schien. Sie fühlte nichts dort. Als sie mit ihrer Arbeit fortfuhr, erlebte sie eine Situation wieder, in der sie als kleines Kind mit einem Handtuch am Bein eines schweren Tisches festgebunden worden war, die Arme am Gesäß zusammengeschnürt. Ihre Mutter hatte sie dort angebunden und dann allein gelassen. Heute kann ich mich nicht mehr an die Einzelheiten dieser Arbeit erinnern, doch die Frau bekam ihre obere und ihre untere Hälfte zusammen, ohne Leerstelle dazwischen. Sie entdeckte plötzlich sexuelle Gefühle, wo sie bisher nur wenig oder gar keine Empfindungen in ihrem Genitalbereich verspürte. "lch wußte nicht, daß es das auch in mir gibt, aber ich kann jetzt an gar nichts denken. Ich kann jetzt überhaupt über nichts nachdenken." Ich riet ihr, das Gefühl zu genießen, solang es anhält. Sie konnte jetzt nicht reden und keine genauen Beobachtungen mitteilen, ohne ihre Erfahrung zu zerstören. Sie konnte überhaupt nicht nachdenken in der Art und Weise, wie wir es normalerweise tun - Erinnerungen hervorkramen, Assoziationen, Erklärungen und Bedenken äußern oder logisch "seine Gedanken ordnen". Das Plappermaul, das wir gewöhnlich für unser Bewußtsein halten, war ruhig.

In einer Gruppe, die ich in Cowichan leitete, als ich mich noch in der Ausbildung befand, wollte ein junger Chinese arbeiten und sagte, daß er irgendetwas tun wolle, nur nicht reden. Ich schlug ihm vor, sich auf den Boden zu legen und in die Körperarbeit zu gehen. Es dauerte nicht lange, bis er wild um sich schlug, seinen Kopf und seine Augen verdrehte, seine Zunge vorschnellen ließ und beim Einatmen der Luft wieder zurückholte. Das setzte sich so eine Weile fort. Dann fing er an zu zittern. Fritz (Perls) kam herein und setzte sich dazu. Er legte seine Hände auf die Knie des Mannes (seine Füße waren noch immer flach auf dem Boden, die Knie hochgestellt) und sagte ihm, er solle seine Hüften anheben, damit das Zittern auf sein Becken übergehen könne. Dann fragte Fritz ihn "Wie alt bist du?"

"Vier."

"lst deine Mutter bei dir?"

"Nein. Ich fiel in den Reisgraben. Meine Mutter zog mich an einem Bein heraus."

Die Technik, die Kniee festzuhalten, damit das Zittern auch auf das Becken übergehen kann, wende auch ich an. Manchmal stelle ich auch die Frage "Wie alt bist du?" Solche Techniken verwende ich aber niemals routinemäßig. Jede Routine ist anti-gestaltisch. Wenn ich nicht darüber nachdenke, und die Technik kommt mir, so verwende ich sie intuitiv - ohne nach einem Grund dafür zu suchen.

Einige Leute leiten Gestaltgruppen mechanisch, nach bestimmten Regeln. Mit jeder neuen Regel machen sie sich jedoch weiter abhängig. "Vermeiden ist schlecht" ist eine dieser Regeln. Gruppenleiter, die "Vermeidung" sehen - oder irgendetwas anderes -, als hätten sie es in einem Buch gelesen, springen darauf an. Einige Leute tun dies auch außerhalb von Gruppen. Manchmal ist Vermeidung gut, ein Teil des natürlichen Auf und Ab einer Person, und sollte akzeptiert werden. Mir scheint es sogar besser, zu lange zu warten, als zu sehr zugreifend zu arbeiten. Ist die Vermeidung eine feste Verhaltensweise, so wird sie wieder auftauchen. Wenn jemand nahe genug bei sich bleibt, merkt er manchmal selber, was er tut, ohne daß man es ihm aufzeigen muß. In jedem Fall jedoch - kein Vorantreiben. "Pushen" kommt vom Kopf und wird von Interessen des Egos bestimmt. Wenn man sich dessen bewußt ist, ist es besser zu sagen, was in einem selbst vorgeht. Obwohl auch das verzwickt sein kann. Gebe ich nur die Worte von mir, hat in mir keine Veränderung stattgefunden. Wenn ich dem, was ich tue, genug Aufmerksamkeit schenke, mit ihm in Kontakt bleibe und mir bewußt bin, was ich fühle, dann verändert sich einiges.

Rich hatte an einem Traum gearbeitet, und dabei war einiges aufgekommen. Er fing an, stark zu zittern. Während er so auf dem Boden lag, wurde sein Zittern stärker, und ich bat jemanden, Richs Knie festzuhalten. Mit den Schultern rutschte er jedoch über den Boden zurück, so daß er wieder flach da lag. Mit jemandem, der seine Schultern, und einem anderen, der seine Knie festhielt, schlossen die heftigen Bewegungen nun auch sein Becken mit ein, welches sich auch von einer Seite zur anderen hin und her bewegte. Ich fragte ihn, wie alt er sei. Er antwortete: "Sechzehn." Das freie Agieren seines Körpers war sehr stark und setzte sich noch etwa zwanzig Minuten lang fort. Als er aufhörte, saß er auf dem Boden, lehnte sich gegen die Wand und sah erschöpft aus. Bevor ich an diesem Abend wegging, fragte ich ihn noch, ob mit ihm alles in Ordnung sei. Ich wollte ihn nicht allein lassen, bevor ich mir dessen nicht sicher war. Er versicherte mir, er sei in Ordnung. Ich war mir nicht so sicher, doch er bestand darauf, und ich ging - in dem Bewußtsein, daß er zu Hause bei einigen Freunden war. Ungefähr eine Stunde später klopfte Rich an meine Tür. Er war der Raserei nahe. Etwas anderes hatte angefangen, ihn aufzuwühlen. Er legte sich auf den Boden und begann sofort, sich in Schmerzen zu winden, zu schreien etc. Dann sah er sich in einem Kinderbett und hatte einen mächtigen Wutanfall. Seine Mutter hatte ihn verlassen und war weinend zu Bett gegangen, weil sie nicht wußte, was sie mit ihm machen sollte. Er sah die Hand seines Vaters den Lichtschalter anknipsen, als er ging. Sein Vater wußte auch nicht, was er machen sollte. Das Kind Rich rief weiter nach seiner Mutter und sagte nun alles, was er als Kind nicht fertiggebracht hatte

"Mami! Mach dir keine Sorgen! Mit mir ist alles in Ordnung, Mami!" Das dauerte ungefähr eine Stunde. Manchmal gab es kleine Pausen, wenn er sich etwas beruhigt hatte, dann fing er wieder sehr heftig an. Am Ende fühlte er, daß er es abgeschlossen hatte. Er fühlte sich erleichtert und zufrieden. Er war aber nicht mehr in der Verfassung, Auto zu fahren und rief daher jemanden an, der ihn abholen sollte. Bevor er ging, sagte er noch, daß die Freunde, bei denen ich ihn abgesetzt hatte, angefangen hätten, ihn über das, was er erlebt hatte, auszufragen. Das hatte ihn rasend gemacht, und so war er zu mir gekommen. Als er bei mir ankam, hatte ich nichts weiter zu tun, als bei ihm zu sein und zu hoffen, daß die Nachbarn sich nicht beschweren würden. Alles andere hatte sein Organismus erledigt.

Die Selbstregulation des Körpers erfahre ich immer wieder bei mir selbst. Ich glaube, sie funktioniert ähnlich wie mein Wissen darüber, daß es mir mit 72 noch möglich ist, mühelos zu gehen. Manchmal humpele ich, fühle mich müde und denke (sic): "Ja, ich bin alt. Was solltest du auch anders erwarten?" und so weiter. Dann werde ich immer schwerfälliger und bin immer weniger in der Lage zu laufen. Dann rufe ich mir das Gefühl zurück, wie es ist, mühelos gehen zu können. Ich weiß, daß einiges möglich ist. Ich werfe mein Denken - und meine Müdigkeit - über den Haufen und kann wieder mühelos gehen. Befehle ich aber meinem Körper, bestimmte Dinge zu wiederholen, - durch Begründungen, die mir mein Kopf liefert, - dann gerate ich wieder in Schwierigkeiten.

Sehr oft benutze ich die Körperarbeit, um mich zu lockern, wenn ich mich durch Kontrolle verspannt habe. Das klappt am besten, wenn ich mich alleine in einem Raum befinde, mit genügend Platz, um mich auf den Boden zu legen. Ich kann mich leichter und tiefer darauf einlassen, wenn ich Töne von mir gebe, ohne mir Gedanken zu machen, daß sich irgend jemand um mich sorgt. Es ereignet sich nie zweimal dasselbe. Nicht immer gebe ich einen Ton von mir, und wenn, sind es niemals die gleichen. So bleibe ich in tiefem Kontakt mit meinem Körper, lerne ihn besser kennen und bin über die Vielzahl der Verbindungen, die sich einstellen, beeindruckt. Mein Körper ist dabei nicht an Systeme oder Methoden gebunden, um sich gehen zu lassen, und wenn ich ihn seiner eigenen Arbeit überlasse, verändert sich fortwährend alles, was er tut. Ich bemerke, wie mein Denken versucht, ,Unebenheiten auszubügeln', oder ,Symmetrie' fordert. Mein Körper kümmert sich jedoch überhaupt nicht darum. Mein linker Fuß z.B. tanzt eine Art ,Cake Walk' (amerikanischer Tanz, Anmerkung des Übersetzers). Ich denke ,Mein rechter Fuß sollte das auch tun!' Der rechte Fuß rührt sich aber nicht von der Stelle und bleibt flach auf dem Boden stehen. Mir kommt der Gedanke, ihn zu bewegen. Nehme ich jedoch mit meinem rechten Fuß Kontakt auf - was mich dann auch automatisch vom Denken abhält -, so sagt er sehr deutlich, daß er etwas anderes tun möchte. Ich lasse es meinen rechten Fuß tun - während mein linker noch immer den Cake-Tanz ausführt.

Seit etwa sieben Jahren bin ich dabei, meinen Körper auf diese Art und Weise zu befreien - manchmal sehr oft, manchmal seltener. Manchmal habe ich keinen Fußboden mit genügend Platz zur Verfügung, manchmal bin ich auch nicht alleine dabei. Manchmal bin ich auch zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt. Dann wäre es zweifellos am besten, ich würde mich von dem, was ich gerade tue, zurückziehen und meinen Körper einfach machen lassen. Viel zu oft mache ich das einfach nicht. Manchmal verstricke ich mich in meinem Kopf und vergesse, was alles möglich ist. 1955 war das erste Mal, daß ich mich auf das De-kontrollieren meines Körpers einließ. Ich wußte damals noch nichts über Fritz oder Gestalt. Ich bekam es mit der Angst und habe es nicht wieder gemacht. Ich bin mir nicht ganz sicher, wie ich dazu kam (ich habe damals eine Menge experimentiert), wohl aber ziemlich sicher, daß es folgendermaßen war: ich war einige Jahre lang krank gewesen, lebte alleine und verbrachte wenigstens 95 % meiner Zeit im Bett. Medikamente hielten mich davon ab, verrückt zu werden, halfen vor dem Dahinvegetieren. Ich wurde aber nicht gesund. Erschöpfung schien mir die schlimmste Störung zu sein. Aber was erschöpfte mich denn so? Ich achtete auf alles, was mich belasten könnte, und tat mein möglichstes, es auszuschalten. Dann wurde mir eines Tages bewußt, daß eine schlimme Sache, die sich zuvor in einem Krankenhaus ereignet hatte, mich noch immer belastete. Was in aller Welt konnte ich dagegen tun? Ich begann, mich auf meine Gefühle und Phantasien einzulassen, ging sie immer und immer wieder durch und brachte immer mehr Einzelheiten hinein, um mich zu erleichtern. Heute erinnere ich mich nicht mehr genau daran, was passierte. Nur an einen Gedanken erinnere ich mich noch sehr genau ,Gott sei Dank, daß ich alleine bin! Wenn mich irgend jemand gesehen oder gehört hätte, so käme er sicherlich auf den Gedanken, daß es mir schlecht gehe, und würde alles dransetzen, daß ich damit aufhöre.'

Ich schrieb Aldous Huxley darüber. Seine Antwort lautete "An allen Seiten stehe ich Grenzen gegenüber... daher die Verspätung meiner Antwort und die Unangemessenheit dieser Zeilen auf deine Bemerkungen über dieses Pseudo-Schluchzen, -Zittern und -Zucken, welches zu einer Empfindung der Befreiung und einer Aufgeschlossenheit für die Heilung führt. Dies ist ein Phänomen, welches ich bei anderen schon beobachtet und an mir selber erfahren habe. Es scheint mir einer der Wege zu sein, durch den die Entelechie oder physiologische Intelligenz oder das tiefere Selbst sich der Hindernisse entledigt, die das bewußte, oberflächliche Ego ihm in den Weg stellt. Manchmal taucht durch dieses Abreagieren verborgenes Material auf. Keineswegs jedoch immer. Auch wenn kein solches Material auftaucht, scheinen trotzdem viele nützliche Ergebnisse erzielt zu werden, wenn das tiefere Selbst diese Unruhe im Organismus entwickelt - ein Erregungszustand, der erwiesenermaßen viele der viszeralen und muskulären Knoten lockert, welche die Ergebnisse und Gegenstücke der psychologischen Knoten sind. Von diesem Erregungszustand erhielt die religiöse Gruppe der Quäker ihren Namen. Zittern (to quake = beben, schwanken, zittern, d.Ü.) ist erwiesenermaßen eine Art somatisches Equivalent zum Glauben, und die Absolution dient zum Hervorholen von verborgenen Erinnerungen (Sünden, d.Ü.) und deren Abreagieren, was das Auflösen ihrer Macht, weiterhin Unheil anzurichten, bedeutet. Wir sollten für die kleinsten und seltsamsten Gnaden dankbar sein - und dieses Zittern ist sicherlich eine von ihnen, und keineswegs die geringste."

Ich verstand damals sicher nicht alles, aber es klang bestärkend. Danach, wenn ich verzweifelt war, überließ ich mich noch ein- oder zweimal diesem Zittern und Klagen usw. Ich wußte aber nicht, wie ich es in Gang halten konnte, wenn ich nicht verzweifelt war. Später lernte ich es von Fritz. Nun brauche ich die Verzweiflung nicht mehr als Motor und kann meine Gefühle sehr leicht gehen lassen. Nachdem ich es einige Male auf dem Boden liegend ausgeführt habe, ist es nun leichter für mich, es bei allen möglichen anderen Dingen zu tun, die ich gerade ausübe, und bis zu einem gewissen Grade sogar auch in der Öffentlichkeit. Heute ist mir Huxleys Brief vollständig klar, und obgleich er andere Worte dafür benutzt, meint er dasselbe wie ich.

Ich erinnere die Leute, mit denen ich Körperarbeit mache, daran, daß sie nicht nach ,Begründungen' suchen sollen, das würde wieder in die Kategorie des Denkens fallen. Einmal, als ich auf dem Boden lag, verwandelte sich mein Mund in etwas, das sich wie ein großes Oval anfühlte, und ich entblößte meine Zähne. Ich dachte ,Was passiert denn da? Will ich vielleicht jemanden beißen?' Dem schien nicht so. Ich schob die Bedeutungen und Erklärungen beiseite und ließ es geschehen. Flüssigkeit schien aus meinen Mundwinkeln zu sickern, dann zu rinnen, dann zu strömen, und dann verwandelte sich die Flüssigkeit in Blut und Tränen. Das alles waren Gefühle. Ich ließ sie fließen. Am Ende fühlte ich mich erleichtert - als wäre alles Blut und alle Tränen, die ich zurückgehalten habe, aus mir herausgeflossen. Diese Bedeutung fiel mir ein. Ich hätte sie nicht gefunden, wenn ich nach ihr gesucht hätte. Ich weiß nicht, ob sie ,wahr' ist, außer, daß ohne Frage meine Erfahrung es ist. Es gibt auch keinen Anlaß, sie in Frage zu stellen. Ich spürte Freude und Zufriedenheit und hatte das Gefühl der Reinigung. Hätte mich jemand gesehen, er hätte mich sicherlich leiden sehen. Gebe ich meinen Körper frei, seine eigene Sache zu machen, so wird mein Atem jedesmal tiefer und stärker, und manchmal wird er sogar sehr stark. Ich fühle ihn wie eine umgefallene Acht - meine Brust expandiert, dann fließt er hinunter in meinen Bauch, wie eine Böschung hinab, mein Bauch expandiert (während sich meine Brust wieder zusammenzieht), und er fließt wieder abwärts in meine Brust zurück. Wenn das geschieht, fühle ich meinen Atem auch an Stellen, wo ich ihn normalerweise nicht wahrnehme - in meinem Gesäß, in meinen Beinen und manchmal sogar in den Füßen.

Führe ich Leute in die Körperbefreiung durch Gestalt ein, so sage ich ihnen, außer, daß sie sich der gegenwärtigen Unannehmlichkeiten bewußt werden mögen, nicht, worauf sie achten sollen oder was sie zu erwarten haben. Ich weiß nicht, wonach man suchen oder was man erwarten sollte. Ein chilenischer Psychiater sagte: "Oh! Ich habe diese schlimme Stelle an meinem Rücken, und ich dachte, ich müßte damit den Rest meines Lebens verbringen. Nun spüre ich erst, was ich da tue!" Ich wußte nicht, daß er einen schlimmen Rücken hatte. Ein anderer Klient löste seine linke Seite über der Hüfte und sagte: "lch hatte eine Verletzung. Jetzt sehe ich, wie ich sie die ganze Zeit zurückgehalten habe." Er sah sehr zufrieden aus, als er die Stelle streichelte, die er gerade hatte lösen können.

Eine Frau, bei der die Arbeit sehr gut voranging, ließ sich auf die rhythmischen Bewegungen ihres Körpers ein, fühlte sich gut dabei und sagte: "lch fühle, wie man mich in eine Ecke zieht." Ich schlug vor, sie solle sich in die Ecke ziehen lassen. Statt dessen stand sie auf und führte einen Dialog mit ihrem Kleine-Mädchen-Selbst über Angst. Dieser Dialog schien mir sehr oberflächlich, und er endete sehr schnell mit: "Keiner von uns beiden fürchtet sich." Sie war zufrieden. Ich ließ es dabei. Meine Erfahrung ist, daß ich alles verderbe, wenn ich Ziele habe, sei es für mich oder für andere. Am nächsten Tag sagte sie: "lch besitze noch meinen Zorn. Ich habe das noch nie zuvor gemacht. Ich mache es jetzt." Sie arbeitete auf dem "Heißen Stuhl", und sehr bald war sie ein kleines Mädchen, das in einer Ecke stand und ihren Vater vor sich sah, wie er sie anbrüllte. Sie wurde zu ihrem Vater, brüllte herum, und von da an setzte sich die Handlung harmonisch fort. Bei jemand anderem wäre es möglicherweise anders verlaufen. Vielleicht hätte er sich verschlossen. Jeder muß auf seine eigene Art und Weise und in seiner spezifischen Zeiteinteilung arbeiten. Ich bin nicht so weise, daß ich wissen könnte, was jemand anders tun sollte - oder wann er es tun sollte. Ich mag vielleicht das zum Ausdruck bringen, was sich in mir abspielt: "Ich vermute, daß du nicht weitergehen möchtest", oder was es sonst auch immer sein möge; ich darf dabei jedoch nicht vorantreiben oder es der anderen Person diktieren. Was auch immer da ist, ist da, und indem ich mit dem, was ist, in Berührung komme, verändert sich etwas.

Die Leute entscheiden selber, ob sie zu mir kommen. Sie entscheiden auch, wann sie wieder gehen. Wenn Aufhören das ist, worum es geht, dann lasse ich es auch geschehen. Indem ich so in Gruppen verfahre, hilft es mir auch, mehr für mich zu leben, egal was ich tue oder wo ich mich gerade befinde. Dies scheint mir eine bessere Art zu leben zu sein, als wenn ich mich selbst und andere manipulieren würde. Ich fühle mich besser dabei. Ich fühle mich behaglicher, habe weniger Konflikte (mit anderen und in mir), und ich leide sehr viel weniger.

Manchmal scheint es mir, daß sich in der anderen Person ,nichts ereignet hat'. Dann treffe ich sie 6 Monate oder ein Jahr später wieder, und sie erzählen mir voller Begeisterung, was passiert ist und sich immer noch weiter fortsetzt.

In diesem Sommer begann Steve die Gruppe eines Workshops mit ,wu chi', einem Element des ,tai chi'. Wir haben das von Al Chung-liang Huang gelernt. Vom ,wu chi' ging die Gruppe dann dazu über, an Ort und Stelle zu arbeiten, die meisten im Freien, und sie übertrugen dabei Erfahrungen aus dem ,wu chi' auf die Art und Weise, wie sie arbeiteten.

Jim entdeckte hierdurch, wie steif sein Körper war, besonders seine Arme und Schultern. Durch Körperarbeit, auf die er sich sehr intensiv und ohne Nebenwege eingelassen hatte, lockerte er sie und einen Großteil seines Rumpfes. Sein Körper dehnte sich enorm durch diese ungezwungene Arbeit - auf seltsame und vielfältige Weisen. Einige Stunden später sagte er mir, daß er seine Beine noch nicht gelockert habe, und daß er das noch tun möchte. Abends legte er sich auf den Boden, seine Füße erhoben sich in die Luft, und er begann (spontan) zu treten. Dann sagte er, daß er treten möchte. Ich stellte ein dickes Kissen gegen die Wand, und er begann, kraftvoll zu treten. Dann sagte er "lch sehe Gesichter, viele Gesichter, all die Leute, die mich gezwungen haben, Dinge zu tun. Ich möchte sie treten. Ich HASSE sie!" Er trat weiter. Dann schälte sich ein für ihn sehr bedeutendes Gesicht heraus, sein athletisch gebauter Sporttrainer aus der Schulzeit. Jim stand auf und schlug auf das Kissen ein, bis er erschöpft war und sich hinsetzte. Ich fragte ihn, ob er mit dem Trainer reden wolle, und er tat es. In diesem Dialog sagte Jim (als ein sechzehn- oder siebzehnjähriger Junge): "lch treibe nur Sport, weil ich die Aufmerksamkeit der Mädchen auf mich ziehen will", und der Trainer antwortete: "lch mag es auch nicht, aber es ist die einzige Möglichkeit, wie ich einigen Leuten nahe sein kann." Das konnte Jim sehr gut verstehen und aller Zorn war verflogen. Von diesem Dialog ging er über zu einem mit der Frau, mit der er zusammenlebte, und er erkannte sehr deutlich, daß er niemals den Weg gehen würde, auf den sie ihn haben wollte -, und daß sie niemals den Weg gehen würde, auf den er sie haben wollte. Er erkannte, wie jeder von ihnen hoffte, daß der andere sich ändern würde. Das alles war nicht neu für ihn, es war aber das erste Mal, daß er es so deutlich sehen konnte, ohne sich dabei in Phantasien zu verstricken.

Es gibt Leute, denen die Gestalt-Körperarbeit nichts bringt. Eine sehr selbstbewußte und attraktive Frau nahm an einer Gruppe ,wegen ihres Mannes' teil -,weil er es brauchte'. Sie selbst fühlte sich nicht als Teil der Gruppe. Bei der Körperarbeit legte sie sich auf den Boden. Eine Weile lag sie lächelnd dort, berichtete, wie wohl sie sich dabei fühlte, stand dann lächelnd auf und sagte "lch habe das überhaupt nicht nötig gehabt." Ich glaube, ich war sehr schlampig, daß ich ihr nichts von dem sagte, was in mir vorging. Ich weiß nicht, ob es bei ihr etwas verändert hätte, ganz sicherlich aber in mir. Aber Fehler sind nun einmal Fehler, und jeder von uns macht welche. Das beste ist, es dabei bewenden zu lassen, besonders, wenn man nichts daran ändern kann. Beim Lehren von ,wu chi' sagt Al Huang: "Wenn du einen Fehler machst, so versuche ihn nicht zu korrigieren. Mach einfach weiter, dann wirst du es schon wieder hinkriegen." Wenn ich versuche, die Vergangenheit zu korrigieren, wie könnte ich mich dann in der Gegenwart befinden?

Ich versuche, Leute mit der Gestaltmethode des Dekontrollierens so vertraut zu machen, daß sie es selber für sich weitermachen können. Ob sie sich dann entscheiden, es zu tun, ist ihre Angelegenheit. Dinge zu lernen, die ich selber verrichten kann, ist für mich wichtig.

Ich ging zu Fritz (Perls), um von ihm zu lernen, und das, was ich von ihm lernte, kann ich nun selber ausführen - für mich selbst. Ein Jahr nach seinem Tod bemerkte ich, daß ich über irgendetwas, das er in einer Gruppe über mich gesagt hatte, verärgert war, weil es nicht stimmte.

Ich hatte gerade auf dem Hot Seat gearbeitet, und was er sagte, hörte sich für mich sehr negativ an, zu dem Zeitpunkt und auch später. Ein Jahr später hörte es sich immer noch negativ an, und ich begann, mich zu ärgern. Ich begann, darüber einen Brief zu schreiben, um mit mir ins Reine zu kommen (ein altes Muster). Dann legte ich den Bleistift beiseite und stellte mir einen Stuhl hin. Der Dialog dauerte weniger als fünf Minuten, als ich begriff - ganz aus mir heraus, ganzheitlich und nicht nur intellektuell - ,Ich habe ihm nicht verziehen, daß er einen Fehler beging'. Dabei war mein ganzer Körper frei und locker und warm vor Vergebung. Bis dahin war alles, was er gesagt hatte, eine tote Erinnerung. Ich konnte sie mir hervorrufen, aber sie war nicht lebendig. Wie ein sehr kleines Stück Papier, das vom Wind herumgeweht wird. In dem Moment, wo ich es wahrnehme, verschwindet es. Dann dachte ich: ,Lieber Fritz. Du hast mir ein Problem überlassen und gleichzeitig die Mittel, um es aus mir heraus zu lösen.' Das, was ich gelernt habe, teile ich anderen mit, damit auch sie es lernen und für sich alleine ausführen können. Menschen, die wollen, daß mit ihnen etwas gemacht wird, bringt es nicht viel, mit mir zusammen zu sein.

Ich falle auf viele Fallen herein, die andere Leute stellen. Nach meiner ersten Sitzung mit Al Huang dachte ich: ,Oh! Es bringt mir so wahnsinnig viel, mit ihm zusammen zu sein. Ich will mehr! Wie kann ich möglichst bald wieder bei ihm sein?' Dann wurde mir klar: ,Im Moment setze ich nichts von dem um, was ich von ihm gelernt habe.' Ich wandte mich anderen Dingen zu, und nun wurde es leicht, mit dem Bewußtsein zu leben, daß ich nicht wußte, wann ich ihn wieder treffen würde. Ein Jahr später ereignete es sich, ohne Mühe oder Anstrengung, als habe sich eine Schleuse geöffnet und ich wäre hindurchgeflossen. Seit diesem Zeitpunkt fühle ich, wenn wir unsere verschiedenen Wege gehen, daß er den seinen Weg geht und ich den meinen. Und wenn unsere ,Wu-Chi-Kreise' sich irgendwo treffen, werden wir wieder zusammen sein - und für den Rest der Zeit nicht. Wenn ich durch die Körperarbeit aus meinem Kopf herauskomme, befinde ich mich in diesem Strom oder Fluß, woher alles kommt und wohin alles geht, sich begegnet oder auch nicht. Setze ich auch nur ein kleines Stück von dem um, was ich gelernt habe, so bedeutet das für mich eine Veränderung. Immer mehr in meinem Kopf zu speichern und es nicht zu gebrauchen, hat keinen Wert - außer, daß ich andere damit beeindrucken kann, und das bedeutet mir nichts.

Heutzutage fange ich Gruppen meist mit dem an, was so einfach scheint und doch für einige Leute so extrem schwierig: ist der Unterscheidung zwischen dem, was offensichtliche Realität ist, und dem, was man als Phantasie oder Vorstellung bezeichnet. Es ist von grundlegender Bedeutung, sich über diese Unterscheidung im klaren zu sein, und es erspart einem für später eine Menge Erklärungen, wenn man sich zu Beginn darüber klar wird.

Zwei Personen sitzen sich gegenüber. Abwechselnd sagen sie: "lch nehme deutlich wahr, daß . . . du braunes Haar hast, daß du ein Muttermal auf deiner Wange hast, daß du lächelst, daß du mit den Fingern zupfst." Sagen sie Dinge wie: "... daß du nervös bist, daß du glücklich bist, daß du freundlich bist" - jedwede Art der Interpretation von Körpersprache wird aufgezeigt. Nur was offensichtlich ist, zählt, wie z.B. Zwacken, Zupfen, Lächeln etc. Falls sich die beiden selbst nicht in die Übung mit einbeziehen, erinnere ich sie daran, daß alles, was in ihnen vorgeht, zwar von ihnen selbst wahrgenommen wird, von anderen Personen aber nicht immer erkannt werden muß. Deshalb ist es notwendig mitzuteilen, was in einem vorgeht, z.B. "lch nehme wahr, daß. . . ich sehr schnell spreche, hastig atme, nervös bin, wenn ich dies tue, daß ich dir gegenüber Sympathie empfinde, daß ich hier nicht weitermachen möchte", oder was auch immer in ihnen geschieht. Führt jemand dies ernsthaft durch, wird er mit sich selbst und anderen sehr viel leichter vertraut und sich wohl fühlen. Gleichzeitig wird er sich des Unterschiedes bewußt, was real ist und was Phantasie. Er wird entdecken, wie das, was er phantasiert, ihm in seinem Bemühen im Weg steht, anderen Personen wirklich zu begegnen.

Natürlich versuchen einige Leute, gute Schüler zu sein, damit sie eine gute Note bekommen. Dabei wird es ihnen nicht gelingen, mit irgendetwas in Berührung zu kommen. Normalerweise erkenne ich das an ihrem Verhalten, Sie machen ihre Aussagen hastig, sehr angespannt, als ob sie Fragen beantworten würden und es für sie wichtiger sei, daß ihre Antworten ,richtig' sind, als daß sie mit der anderen Person oder mit sich selbst in Kontakt kommen. Im weiteren Verlauf werden sie angespannt bleiben, statt sich zu lockern. Dann teile ich ihnen dieses als meine Phantasie über sie mit, die sie annehmen oder verneinen können. Gewöhnlich ist ihre Antwort ein heftiges Nicken: "Ja, genau das tue ich gerade." Dann bitte ich sie, sich Zeit zu geben und ihre nächste Antwort nicht schon vorzubereiten, während der Partner noch redet. "Höre zunächst einmal deinem Partner zu und sage dann erst, was du jetzt wahrnimmst!"

Das Bewußtwerden des Unterschiedes zwischen Beobachtung und Denken ist ein guter Einstieg für die Körperarbeit. Lernen, mit seinem Körper in Kontakt zu kommen, heißt ganz einfach, sich bewußt zu werden, was sich unter der Haut abspielt, ohne darüber nachzudenken. So wie wir oft übersehen, was draußen passiert, sind die meisten von uns weit weg von dem, was sich in uns ereignet - und sogar noch mehr von dem abgeschnitten, was herauskommen will.

.. . gerade jetzt bemerke ich, daß meine Augenlider schwer werden. Ich kann nicht mehr sehr gut sehen. Seit einigen Stunden sitze ich nun schon an diesem Manuskript. Ich lege mich flach auf den Boden, die Knie hoch, die Füße flach auf der Diele.

Zuerst Knurren und Stöhnen, dann ein starkes Seufzen. Dann tiefes Einatmen, gefolgt von einem Seufzen. Dann kommen meine Wangen- und Kiefernmuskeln in Bewegung. Das ist schmerzhaft - eine seltsame Qualität des Bewußtseins von Schmerz -, ohne daß ich den Schmerz fühle. Dann geraten meine Schultern in Bewegung - als tropften sie gegen den Boden. Es fühlt sich an, als läge ich in einer Hängematte. Mehr Seufzer, häufigeres Schlagen meiner Schultern gegen den Boden. Meine Arme fangen an. Dann die Muskeln in den Handflächen - mit dem gleichen starken Gefühl von Schmerz, der doch kein Schmerz ist. Dann fangen die Muskeln in der Leistengegend an. Ich fühle, wie sie es tun. Die Oberschenkelmuskeln. . . dann die Hüften. . . dann in den Füßen. Mein Körper (Ich = ich fühle mich als mein Körper, weil ich nicht denke, und darum gibt es für mich auch ein ,Ich') rollte sich auf die linke Seite, das linke Knie angezogen, die Zehen, fast in den Boden gekrallt, dehnen sich immer stärker aus. Der rechte Fuß ist angewinkelt, er hebt sich, die Knie an die Hüften - ich fange an, mich gut zu fühlen. . . ich unterbreche, um dies aufzuschreiben. Jedesmal habe ich einen Gedanken, um mich an das zu erinnern, was geschehen ist, damit ich es aufschreiben kann. Ich lasse den Gedanken gehen und bin wieder mit dem, was sich gerade ereignet, in Berührung. So hat sich dies hier selbst geschrieben, und ich stelle fest, daß es sehr genau ist. Es beunruhigt mich nicht, daß ich die Dinge durcheinander bringen könnte, was geschehen würde, wäre ich mir der Dinge nicht bewußt, wenn sie sich ereignen - wie beim Notenlesen.

Nachdem ich dies niedergeschrieben hatte, stand ich auf und ging etwas umher. Ich fühlte mich so sehr viel befreiter, daß ich es ,frei' nennen konnte. Doch es ist nur eine relative Freiheit. Meine Muskeln sind noch immer in Bewegung. Ich fühle, wie sie arbeiten . . . Dies alles ist nicht nach festen Regeln abgelaufen.

Gestalt ist mit festen Regeln unvereinbar (genauso wie TAO, Zen, Wu Chi usw.). Immer, wenn ich feststelle, daß ich mich nach einer Regel orientiere, weiß ich, wo ich nicht bin - sogar wenn die Regel heißt: "sei bewußt!". Kämpfe ich gegen die Regeln an, befinde ich mich in der gleichen Klemme. Ohne Regeln zu handeln, ist als solches nicht schwierig: ich verhalte mich einfach entsprechend der Situation, die ich in diesem Moment vorfinde. Konventionen verlangen von mir, daß ich mich in einer bestimmten Art und Weise verhalte, sei diese nun angebracht oder nicht. Ohne Regeln verhalte ich mich manchmal konventionell und manchmal nicht. Jede Regel, wie gut beabsichtigt sie auch immer sein mag, wird mich irgendwann einmal in Schwierigkeiten bringen, weil alles sich ständig verändert und ich zu dem Zeitpunkt, wo ich die Regel erstelle, die Zukunft nicht vorhersagen kann - nicht für mich und auch für keinen anderen. Mir scheint es unmöglich, wirklich gute Therapie mit jemandem zu machen, wenn ich sie nicht vorher an mir selber erfahren habe. Nur dann kann ich so sehr viel mehr von dem erkennen, was im anderen vorgeht. Ich befinde mich in einem bekannten Territorium und kann der anderen Person helfen, sich von den falschen Seitenstraßen fernzuhalten - während ich ihr behilflich sein kann, alle richtigen Wege weitgehend zu erforschen. Mit ,falsch' meine ich ganz einfach, Anweisungen vom Kopf entgegenzunehmen, statt vom Körper. Hierbei unterscheide ich natürlich zwischen ,Kopf' und ,Körper', was nicht möglich ist. Trotzdem ist es eine nützliche Unterscheidung, die mir hilft, mit mir zusammenzukommen und mich für kurze Zeit von allen Zersplitterungen, Argumenten, Konflikten usw. zu befreien. In dem Moment, wo ich meinen Körper de-kontrolliere (und damit ist die Körperbefreiung durch Gestalt gemeint), handelt er unkonventionell - zumindest für eine Weile. Ich bin mein Körper. Ich handele unkonventionell in diesem Moment. Mein Körper stellt seine eigenen Verbindungen her, wenn ich dies meinem Organismus erlaube. Ich erkläre meinen Klienten, daß sie nicht nach einer Bedeutung suchen sollen, ich sage ihnen aber nicht, daß es keine Bedeutung gebe. Wenn ich danach suche, mache ich das mit meinem Kopf, mit meinem Intellekt, und dadurch kann die Bedeutung nicht gefunden werden. Und ich kann mich enorm frustrieren, wenn ich nach Dingen suche, die nicht zu finden sind - es erschreckt und verwirrt mich. Vielleicht finde ich aber auch eine Bedeutung heraus, die meine Vernunft befriedigt, aber falsch ist. Manchmal erkenne ich die Bedeutung und manchmal nicht. Ich lasse es so sein, wie es ist. Ich habe mich von Abfall befreit und ihn fortgeschüttet, mein Körper hat für sich selbst gearbeitet, mit seinen eigenen Fähigkeiten. Ich fühle mich jung und ungeduldig. Stellen sich Bedeutungen von selber heraus, so brauche ich sie nicht zu suchen, ich akzeptiere einfach, daß es sie gibt - wie: "Ja, so ist es" -, ohne mich zu verwirren.

Laß sein, was ist. Versuche nicht, etwas anderes daraus zu machen. Das ist eine menschliche Beeinflussung, es ist nicht organismisch, es ist nicht Ich. Jede Vorstellung, die ich von mir habe, steht mir im Weg. Abe Maslow war unglücklich darüber, was mit vielen Leuten geschah, als sie lasen, was er über ,sich selbst verwirklichende Menschen' geschrieben hatte. Was sie damit anfingen, war sehr befremdend. Ich habe eine ganze Reihe von Briefen erhalten, in denen stand: "Ich bin ein mich selbst verwirklichender Mensch". Maslow meinte, daß er irgendetwas vergessen haben müßte. Fritz hat es hinzugefügt. Er sah, daß die meisten Menschen ein Konzept von sich verwirklichten. Das ist keine Selbstverwirklichung. Meine Selbstverwirklichung, wenn sie stattfindet, ist voll von Überraschungen - sie überrascht mich. Ich verwirkliche kein Konzept von mir.Das Wissen darüber, daß ich ein einigermaßen bekannter Schriftsteller bin, daß einige meiner Werke in andere Sprachen übersetzt wurden, schadet mir als solches nicht, solange ich nicht darüber nachdenke. Wenn ich nicht darüber nachdenke, habe ich auch nicht das Image von mir, ich sei ein ,Schriftsteller'. Hätte ich solch ein Image von mir (oder jede beliebige andere Vorstellung), so würde ich versuchen, mich diesem Bild anzupassen. Ich würde mich so zurechtschneidern, daß ich gemäß diesem Image handeln, reden und antworten würde. Ich würde mir eine lllusion schaffen und denken, diese lllusion sei ich.

Mein Körper kennt diesen Unfug nicht. Er kennt keine Interpretationen. Ich fühle mich gut, wenn sich mein Körper gut anfühlt - und das tut er, wenn ich gut zu ihm bin. Mein Körper ist jetzt, und jetzt ist die einzige Zeit, in der ich irgend etwas tun kann. Versuche nur einmal, diesen Satz hier einen Moment zuvor oder einen Moment danach zu lesen.

Bei Wiederholung übernimmt mich mein Körper leichter und schneller. Eine der Faszinationen darin für mich ist die, daß ich an einem Punkt ankomme, wo ich weder irgend etwas vorantreibe noch irgend etwas zurückhalte. Das ist dann ,wu wei'. Keine Aktivität durch mich. Zu diesem Punkt zu gelangen ist sehr angenehm - als befände sich ständig alles auf Messers Schneide. Meine Beobachtung wird immer schärfer und genauer, und ich entdecke, wie leicht es mir fällt zu denken, daß ich gerade nichts tue, wenn ich in Wirklichkeit gerade doch etwas tue - z.B. mir einen heimlichen Schubs gebe, um etwas Gegenwärtiges zu verlängern oder irgend etwas durch die Vorstellungen meines Kopfes zurückzuhalten. Das stimmt ganz besonders, wenn ich die Woge des Lebens, die wir normalerweise Sex nennen, durch mich hindurchfließen spüre. Ich möchte sie anstoßen, um sie zu verstärken, wie das Erzwingen eines Orgasmus, oder ich möchte sie etwas zurückhalten, damit ich durch das Fehlen des Orgasmus nicht enttäuscht werde. Wenn ich dies alles fallen lasse, diese wogende Brandung von Leben nur sein lasse - nur dasein lasse - ohne Erwartungen, dann fühle ich mich stark und lebendig und brauche nicht mehr als das. Ich will keine Zerstreuung dieser Macht oder Kraft oder dieses Geistes - oder wie man es auch immer sonst noch nennen will - in den Orgasmus. Gelingt mir das, so fühle ich mich jung - sehr jung -, wie vor der Zeit, wo ich mit Sex bekanntgemacht wurde. Mein Glück ist vorhanden, und ich bin eine Ganzheit. Ich brauche niemanden und nichts, mich zu vervollständigen. Es ist nicht notwendig, daß ich jemanden berühre oder jemand mich berührt, damit ich mich warm, leicht und lebendig fühle.

 

Literatur:

B. STEVENS, Don't push the river, Real People Press, Lafayette, 1970 (Hinweis: Die deutsche Ausgabe dieses Buches ist z.Zt. in Vorbereitung. Sie wird im September 2000 in der Edition des Gestalt-Instituts Köln / GIK Bildungswerkstatt im Peter Hammer Verlag erscheinen.)

B. STEVENS, C. ROGERS, Person to Person, Real People Press, Lafayette 1969 (Die deutsche Ausgabe dieses Buches ist z.Zt. vergriffen. Eine Neuauflage wird im Jahr 2001 in der Edition des Gestalt-Instituts Köln / GIK Bildungswerkstatt im Peter Hammer Verlag erscheinen.)

B. STEVENS, Das Leben findet nicht im Kopf statt. Gewahrsei als Grundlage der gestalttherapeutischen Haltung, Gestaltkritik, 9. Jahrgang, Heft 1/2000 (November 1999)

J. O. STEVENS, Die Kunst der Wahrnehmung, Chr. Kaiser Verlag, München 1975

F. PERLS, Gestalt-Wahrnehmung. Verworfenes und Wiedergefundenes aus meiner Mülltonne, Verlag für humanistische Psychologie, Frankfurt/Main 1981

 

Praxisadressen von Gestalttherapeuten/-innen

Zu Beitrag und Person:

Barry Stevens (1902 - 1985)

Barry Stevens war bereits 65 Jahre alt, als sie 1967 zum ersten Mal Fritz Perls und der Gestalttherapie begegnete.

Und als Fritz Perls 1969 die Gestaltgemeinschaft und das Gestalt Intitute of Canada am Lake Cowichan in der Nähe von Vancouver gründete, folgte sie ihm dorthin und begann zusammen mit rund zwanzig weiteren Personen, ihre Gestalttherapie-Ausbildung.

Ihre Erfahrungen, Erlebnisse und Überlegungen aus dieser Zeit bildeten die Grundlage für ihr Buch "Don't Push the River", dessen deutsche Ausgabe im September 2000 in der Edition des Gestalt-Instituts Köln / GIK Bildungswerkstatt im Peter Hammer Verlag (zusammen mit Beiträgen von Erhard Doubrawa und Detlev Kranz) erscheinen wird: Barry Stevens, Don't Push the River. Gestalttherapie an ihren Wurzeln. Ca. 188 Seiten, 34,80 DM (+ 3,00 Versand). Bestellanschrift: Gestalt-Institut Köln, Rurstr. 9, 50937 Köln, Fax. 0221-447652, eMail: gik-gestalttherapie@gmx.de

Der nebenstehende Beitrag zur "Gestalt-Körperarbeit" ist in deutscher Sprache zuerst erschienen in: H. Petzold (Hg.), Die neuen Körpertherapien, Junfermann Verlag, Paderborn 1985. Es ist die überarbeitete Fassung eines in "gestalt is" (J.O. Stevens), Real People Press,.Moab 1976 erschienenen Artikels.

Wir danken Barry Stevens Sohn, dem Gründer von Real People Press, John O. Stevens (der jetzt den Namen Steve Andreas trägt) ebenso wie Prof. Hilarion Petzold herzlich für die Genehmigung des Abdrucks an dieser Stelle.

Aus dem Amerikanischen von Heinz-W. Mertineit.

Hinweis: Und hier finden Sie noch einen weiteren Beitrag von Barry Stevens: "Gewahrsein als Grundlage der gestalttherapeutischen Haltung"

Folgende beiden Bücher von Barry Stevens sind in deutscher Sprache in der Edition GIK im Hammer Verlag erschienen: "Don't push the river. Gestalttherapie an ihren Wurzeln" und (gemeinsam mit Carl R. Rogers) "Von Mensch zu Mensch. Möglichkeiten, sich und anderen zu begegnen". 

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