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Detlev Kranz
Barry Stevens
Leben Gestalten


Aus der Gestaltkritik 2/2011:

Gestaltkritik - Die Zeitschrift mit Programm aus dem Gestalt-Institut Köln
Gestaltkritik (Internet): ISSN 1615-1712

Themenschwerpunkte:

Gestaltkritik verbindet die Ankündigung unseres aktuellen Veranstaltungs- und Weiterbildungsprogramms mit dem Abdruck von Originalbeiträgen: Texte aus unseren "Werkstätten" und denen unserer Freunde.

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Praxisadressen von Gestalttherapeuten/-innen

  Hier folgt der Abdruck eines Beitrages aus Gestaltkritik 2/2011:

Detlev Kranz
Barry Stevens-Titel
Leben Gestalten

Foto: Barry Stevens
Barry Stevens, Foto: © Celestial Arts, Berkeley/California

Im Sommer des letzten Jahres ist der Hamburger Gestalttherapeut und Autor Detlev Kranz eher zufällig auf die Information gestoßen, dass Barry Stevens ursprünglich Mildred Fox hieß, sich bald Barry nannte und längere Zeit als Barry Fox lebte.

Darauf hin hat er angefangen, nach und nach ein bisschen mehr in diese Richtungen zu recherchieren, und hat einige recht spannende Informationen gefunden, z.B. über Barry Stevens Beziehung zu Bertrand Russell, oder eine indirekte Verbindung zu Jack London, oder über ihre Unterstützung der Gestalttherapie in Chile 1972.

Er hat diese relativ weit verstreuten Einzelinformationen im folgenden biographischen Artikel zusammengeführt. Wir sind froh darüber, ihn unseren Leserinnen und Lesern als Erstveröffentlichung anbieten zu können.

Der Herausgeber

 

Bewusstheit – Genau dies ist Barry Stevens zentrales Thema, in der Gestalttherapie wie im Leben allgemein; es ist für sie eine Art Lebensthema. Und das war es schon, bevor sie mit Gestalttherapie in Berührung kam.

In mühsamen Kämpfen hatte sie sich aus alten Konditionierungen gelöst, die verwirrenden Einflüsterungen anderer Menschen abgeschüttelt, um wieder zu sich selbst zu gelangen. Dieser Prozess war aus ihrem Verständnis heraus lebenslang.

Leben mit Bewusstheit setzte sie in Gegensatz zu Leben nach Regeln. Gestalttherapie machte ihr Leben nicht aus. Sie gab der Gestalttherapie eher Impulse als andauernde Einwirkungen. Aber ich kenne niemanden in der Gestalttherapie, der einsichtsvoller und schöner über Bewusstheit geschrieben hat; über eine Bewusstheit, die beständig eingewoben ist in das alltägliche Leben. Und die dadurch das alltägliche Leben heilsam sein lässt, weit ab von regelmäßigen Therapiesitzungen.

Gestalttherapie spielte in ihrem Leben eher die Rolle einer Durchgangsstation, – wenn auch die einer längeren. Seit Ende der sechziger Jahre bis zum Anfang der achtziger war sie in der Gestalttherapie präsent und nahm auf ihre ganz persönliche Weise Einfluss.

Besonders nach der Veröffentlichung ihres Buches „Don't Push the River …” im Jahre 1970 wird sie zu einer Art „Star", vornehmlich in den Reihen der „Human Potential"-Bewegung, wogegen sie sich selbst ausdrücklich wehrte, – zu ihrem Bedauern meist mit nur geringem Erfolg. Ein „Star” sein, oder ein Guru, das wollte sie nicht.

 

Die frühen Jahre

Barry Stevens wird 1902 in New York als Mildred Fox geboren, ändert ihren Vornamen später in Barry, und wird nach der Heirat mit Albert Mason Stevens zu Barry Stevens. 1919 machen sich Barry, ihre Mutter und ihr Vater in einem „Model T“ Ford auf den Weg nach Kalifornien. „Zu jener Zeit fuhren nicht viele Leute quer durch den Kontinent. Wir trauten uns nicht, den Leuten unterwegs zu sagen, wohin wir fuhren” (Stevens 1970, 145; alle Zitate aus Titeln, die im Literaturverzeichnis in Englisch aufgeführt sind, erscheinen im Text in der Übersetzung des Verfassers; D.K.).

In den zwanziger Jahren gehören zu Barry Stevens Lebensstationen u.a. Arizona, wo sie 1922 als Gesellschaftsredakteurin für den Arizona Daily Star arbeitet. Ein Jahr später kehrt sie zurück nach New York und findet eine Arbeit als Schreibkraft. Ihre Tochter Judith wird geboren, und ist sofort schwer krank. Zwei Kinderärzte geben sie auf, ein weiterer, Albert Stevens, nicht, und Judith wird gesund und lebt. Barry Stevens heiratet neun Jahre später diesen Kinderarzt ihrer Tochter: „Ich hatte eine Tochter, die lebte, und neun Jahre später heiratete ich ihren Kinderarzt, und wir hatten einen Sohn” (Stevens 1985, 10).

Bei diesem Sohn handelt es sich um John O. „Steve” Stevens, den viele Gestalttherapeutinnen und -therapeuten u.a. als Autor des Buches „Die Kunst der Wahrnehmung” kennen (Stevens J.O. 1971).

Später ändert John Stevens seinen Namen in Steve Andreas.

 Foto: Büste von Betrand Russel
Büste von Bertrand Russell, Red Lion Square, London · Foto: Lonpicman, gemeinfrei

Bertrand Russell

1927, im Alter von 25 Jahren und noch unter dem Namen Barry Fox, lernt sie Bertrand Russell kennen, der sich zu der Zeit auf einer Vorlesungsreise durch die USA befindet. Bertrand Russel ist zu diesem Zeitpunkt bereits 55 Jahre alt. Barry Stevens interessiert sich u.a. für das experimentelle Schulprojekt Beacon Hill, das Russell und seine Frau Dora gerade in England gegründet hatten. Während dieser Vorlesungsreise entsteht zwischen Bertrand Russell und Barry Stevens eine intensivere Beziehung (Griffin 2001, 270).

Sie empfindet sich ihm gegenüber „ebenbürtig"; so wie sie sich auch gegenüber einer alten Lehrerin gefühlt hatte, die sie „sehr geliebt und verehrt” hatte. „Ich musste viel von ihr lernen, und dennoch war ich ihr ebenbürtig. Bertrand Russell gegenüber hatte ich auch solche Gefühle, als ich um die zwanzig Jahre alt war. Ihm gefiel das. Für mich ist das Demokratie” (Rogers/Stevens 1967, 302).

Interessanterweise befindet sich unter den Unterlagen von Dora Russell ein Schreibmaschinenmanuskript von Barry Fox (Stevens) mit dem Titel „Denatured marriage” (Dora Winifred Russell Papers, Nr. 231). Die Zeit, in der Barry Stevens Russell kennenlernt, ist gleichzeitig der Beginn der Phase der Auflösung seiner Ehe mit Dora.

Viele Jahre später, 1969, in Fritz Perls' Gestaltgemeinschaft am Lake Cowichan auf Vancouver Island, erinnert sich Barry Stevens an Bertrand Russell. Alles beginnt mit einem Traum, in dem sie einen Brief von Russell erhält, in dem er schreibt, dass er sie unbedingt treffen wolle. Barry Stevens: „Ich war verletzt, weil er sich nicht erinnerte, dass wir uns drei Jahre lang sehr nahe gestanden haben.” Weitere Erinnerungen folgen: „Bertie gefiel ,Amerika‘ nicht besonders. Einmal meinte er, dass es ihm diesmal besser gefallen hätte als früher. (...) Er liebte die Küste von Connemara in Irland, wo er etwas erlebt hat, für das wir so viele verschiedene Namen haben, und die doch alle so dumm klingen ... jedenfalls kam er an dieser rauhen und stürmischen Küste ... so intensiv mit dem Universum in Kontakt ...” (Stevens 1970, 25 ff; deutsche Ausgabe 2000, 32 ff).

"Wenn wir bei unseren Wanderungen durch die Moorlandschaft von Cornwall an ein Tor kamen, öffnete Bertie das Tor, und während er das tat, hüpfte ich die kleinen Stufen in der Mauer hoch und darüber hinweg. ... Damals war er schon ein alter Mann, fünfundfünfzig Jahre alt. Jetzt ist er über neunzig, und ich weiß nichts mehr über seine Gefühle. Damals kam es mir ungeheuer wichtig vor, herauszufinden, welchen der beiden Männer, die ich liebte, ich heiraten sollte. Dreißig Jahre später kam es mir vor, als hätte es keine Rolle gespielt” (Stevens 1970, 30; deutsche Ausgabe 2000, 36).

Barry Stevens' Tochter Judith, die sich später Alisande nennt, wird tatsächlich für einige Zeit Schülerin in Bertrand und Dora Russells Beacon Hill School. Sie berichtet später, dass Bertrand Russell sich liebevoll um die Schüler gekümmert hat, wenn er anwesend war (Gorham 2005, S. 57).

 Foto: Jack und Charmian London
Jack und Charmian London, ca. 1911

Hawaii, Yoshimatsu Nakata und Jack London

1934 veröffentlicht Barry Stevens, als Barry Fox, einen Roman: „Hide-away Island” (New York, Greenberg).

Im gleichen Jahr zieht die inzwischen verheiratete Barry Stevens mit ihrer Familie von New York nach Hawaii und bleibt dort bis 1945 (Stevens 1985, 120ff). Barry Stevens erlebt dort den Angriff japanischer Truppen auf Pearl Harbour, 1941, aus naher Entfernung.

Pearl Harbour hat neben dem äußeren Schrecken, der Zerstörung und dem Leid für Barry Stevens einen inneren Effekt, der sie herausreißt aus ihrem gewohnten Leben der letzten Jahre. Das Zusammenleben mit ihrem Ehemann war zunehmend schwieriger geworden; und so verlässt sie ihn schließlich mit ihrem Sohn Steve: „Es war klar für mich, dass wir nicht mehr zurückgehen durften, um mit seinem Vater zu leben” (Stevens 1985, 134). Als sich Barrys Ehemann 1945 das Leben nimmt, sind Barry Stevens und der neun Jahre alte Steve in Arizona (Stevens 1985, 104).

Später schreibt sie über ihre Zeit auf Hawaii: „Im Alter von vierzig Jahren war ich erschreckt und verwirrt, weil ich offenbar nicht mehr in der Lage war zu wissen, was ich wollte. Nach meinen Begriffen, war ich verrückt geworden. Während ich nach einem Ausweg suchte, beschritt ich zwei Wege gleichzeitig: Ich forschte in meinem Inneren nach Fehlentwicklungen und ich suchte außerhalb meiner selbst etwas, dem ich Glauben schenken könnte ... Die Suche nach Innen lohnte sich ...” (Rogers/Stevens 1967, 19).

Hier nimmt nun etwas Form an, das Barry Stevens Lebensweg bis zum Ende begleiten sollte: die eigenen Erfahrungen und Wahrnehmungen bewusst zu erleben und ihnen zu vertrauen zu lernen. „Aber als ich dann tatsächlich mit meinen inneren Wertsetzungen wieder in Kontakt kam, war es furchtbar schwer, ihnen zu vertrauen, weil sie in wesentlichen Dingen gegen das sprachen, was alle anderen sagten. Doch je mehr ich sie benutze, umso mehr vertraue ich ihnen; ...” (Rogers/ Stevens 1967, 19). Das, was sie entwickelt und schult, nennt sie ihren „inneren Fährtensucher” und dessen Arbeitsweise lautet, sich „in das größtenteils Unbekannte hineinzubewegen und auf dem Weg weitere Informationen – Wegweiser und Anhaltspunkte – aufzugreifen” (Rogers/Stevens 1967, 206), was zu einem Teil ihrer Haltung dem Leben gegenüber wird.

Während ihrer Zeit auf Hawaii geschieht noch etwas Bemerkenswertes: Sie lernt Yoshimatsu Nakata kennen, der von 1907 bis 1915 als Diener bei dem Schriftsteller Jack London und seiner Frau Charmian gearbeitet hatte, und hilft ihm bei der Zusammenstellung und Erarbeitung und dem Aufschreiben seiner Memoiren aus dieser Zeit (Nakata and Stevens Papers, Sonoma State University; Stevens 2000).

Susan Daniels, geschiedene erste Ehefrau von John „Steve” Stevens, hatte das Manuskript auf dem Dachboden entdeckt, und es 2002 der „Schulz Library", Sonoma State University, überlassen. Das Manuskript ist für die Jack London-Forschung von besonderer Bedeutung, da es Kommentierungen von Londons Ehefrau Charmian an den Seitenrändern enthält (Madrigal 2008).

Ende der vierziger Jahre leben Barry Stevens und ihr Sohn in den Reservaten der Hopi- und Navajo-Indianer. Bei ihnen, wie schon bei den Bewohnern Hawaiis, entdeckt Barry Stevens wohltuende Ähnlichkeiten in bezug auf grundlegende Lebenseinstellungen.

Trotz so wichtiger Erfahrungen aber gibt es keine Verherrlichung, kein Absolutsetzen: „Nicht alle indianischen Bräuche sind etwas für mich. Nicht alles an der Gestalttherapie ist etwas für mich” (Stevens 1970, 16).

 Foto: Aldous Huxley
Aldous Huxley, Foto 1970 in LA NACIÓN, Argentinien, erschienen

Krankheit, der Doktor und Aldous Huxley

In der ersten Hälfte der fünfziger Jahre wird Barry Stevens schwer krank, und gerät infolge und zusätzlich in große finanzielle Schwierigkeiten (Rogers/Stevens 1967, 66). Sie hat „chronisches rheumatisches Fieber"; wie ihr Sohn Steve später schreibt, „eine 'nicht-existente' Krankheit zu der Zeit, für die es keine Behandlung gab” (Andreas 1985, 5). Etwa drei Jahre lang ist Barry Stevens fast vollständig bettlägerig (Stevens 1975a, 174).

Eine große Bedeutung für sie erhält in jener Zeit ein aufrichtiger Arzt, der ihr u.a. offen sagte, wie wenig über chronische Krankheiten wirklich bekannt war. Zusammen mit ihm wird ihr langsamer Weg ins Gesundwerden eine Phase von Experimentieren und gemeinsamem Erforschen. „Der Arzt und ich verbrachten eine sehr anstrengende Zeit miteinander. Im Krankenhaus wollte ich zu einem gewissen Zeitpunkt aufgeben. Sterben erschien mir leichter als Leben. Er ließ mich nicht. Er verlor zu einem gewissen Zeitpunkt das Vertrauen zu sich und bot mir an, mich an jeden anderen Arzt meiner Wahl zu überweisen. Ich ließ ihn nicht. Zwischen uns war agape (liebendes Mitgefühl; D.K.) – und gegenseitiges Verstehen” (Rogers/ Stevens 1967, 155).

„Es gab für uns beide in jenen Jahren, als wir versuchten, mich gesund zu bekommen, Leiden und Kampf, Selbstzweifel und Frustration, aber als ich fortging, weil ich in eine andere Stadt zog, sagte er: ,Irgendwie hat es Spaß gemacht.’ Das fand ich auch” (Rogers/Stevens 1967, 155).

Aber Barry Stevens lernt auch das Gegenteil kennen: falsche Selbstsicherheit, Überheblichkeit und starre Ansichten, die sich auf formale ärztliche Autorität beruft, das Krankenhauspersonal miteingeschlossen. Sie beschreibt Ärzte, die von Patienten Gehorsam erwarten, und die eigene Einschätzung und die eigenen Erfahrungen der Patienten nicht gelten lassen wollen. „Wenn eine medizinische Behandlung mir schadet, kann ich das merken, bevor es für andere offensichtlich wird, aber man verlangt von mir, dass ich damit weitermache, und ich bin ,lästig’ und ,unvernünftig‘, wenn ich protestiere, und ,widerspenstig‘, wenn ich sie verweigere. Ich werde auf subtile oder nicht-subtile Art für meinen Ungehorsam bestraft. Ich werde in eine Situation gebracht, in der ich kämpfen muss, während mein Körper doch die Ruhe braucht, um seine eigene Ordnung wieder herzustellen” (Rogers/Stevens 1967, 295).

Angeblich werden Dinge für den Patienten getan, aber man tut sie ihm an. „Nicht alle Ärzte tun das” fügt Barry Stevens hinzu (Rogers/Stevens 1967, 296).

Sie entdeckt für sich ein inneres Bild: zwei Gestalten halten sie an einer Leine fest, während sie im Wasser schwimmt, und versucht zu lernen, gegen den Strom zu schwimmen. Sie bewahren sie davor, von der Strömung fortgetrieben zu werden. „Ich wusste, dass diese beiden Gestalten der Doktor und Aldous Huxley waren. Keiner von ihnen verstand alles, aber jeder einzelne verstand genug, um helfen zu können. ... Als ich während meiner Experimente mit meiner Seele in etwas hineingeriet, das weder der Doktor noch ich verstanden, so dass ich mich davor fürchtete, weiterzumachen, schrieb ich an Huxley, und er erklärte es. Diese beiden Männer bewahrten mich davor, weggefegt zu

werden, während ich um mich schlug und lernte, wie man gegen den Strom schwimmt” (Rogers/Stevens 1967, 58).

Diese Experimente, von denen sie berichtet, beschreibt sie in „Don't Push the River” näher. In ihrer Phantasie holte sie sich den Doktor und Huxley in ihr Zimmer. „Ich brauchte nichts zu tun, sondern konnte es einfach ihnen überlassen. Ich ließ los und fing an, mich zu winden, zu jammern, zu zittern und zu springen (Hüften und Schultern). ... Ich wiederholte diese Phantasie mehrere Male an verschiedenen Tagen. ... Ich schrieb an Huxley und er antwortete:

,Es handelt sich dabei um ein Phänomen, das ich schon bei anderen beobachtet und an mir selbst erfahren habe, und es scheint einer der Wege zu sein, auf dem die Entelechie, die körperliche Intelligenz oder das tiefere Selbst sich von den Hindernissen befreit, die das bewusste, oberflächliche Ego ihm in den Weg stellt. Zuweilen kommt es zu einer Erinnerung längst vergrabenen Materials mit entsprechenden Abreaktionen. Aber keineswegs immer. Und wenn eine solche Erinnerung nicht stattfindet, werden viele ihrer heilsamen Folgen dadurch erreicht, dass das tiefere Selbst diese Unruhe im Organismus selbst herbeiführt – eine Unruhe, die offensichtlich viele organische und muskuläre Knoten und Verspannungen löst, die wiederum aus seelischen Verspannungen resultieren ...‘“ (Stevens 1970, 89ff, deutsche Ausgabe 2000, 88ff).

Aldous Huxley interessierte sich in den fünfziger Jahren für Psychiatrie, Psychotherapie und alternative Heilmethoden. 1954 nahm er teil an einer Konferenz für Parapsychologie, 1955 an einem Treffen der „American Psychiatrists' Association". Und einen Monat später reiste er zu einer Konferenz über „unorthodoxes Heilen” (Golovacheva 2007, 125).

Er schreibt dazu: „Die Diskussion einer hypothetischen Kraft im Heilen durch Handauflegen ... war äußerst interessant. Einige neuere Befunde, die dazu tendieren, von Reichenbachs Hypothesen zu bestätigen (die in unserer Zeit von Dr. Wilhelm Reich wieder belebt werden) wurden erwähnt” (Golovacheva, a.a.O.).

In ihrem Artikel über Huxley nimmt Irina Golovacheva ausdrücklich Bezug auf Huxleys Brief an Barry Stevens. „Im September 1955 schrieb er einen Brief an Frau Barry Stevens, in dem er etwas diskutierte, das er physiologische Intelligenz oder Entelechie nannte ...” (Golovacheva, a.a.O.).

So entdeckt Barry Stevens in dieser Zeit der Erkrankung etwas für sich, was sie später „decontrolling” nennen und zu ihrer Form gestalttherapeutischer Arbeit mit dem Körper entwickeln wird, – also noch bevor sie von Gestalttherapie und Fritz Perls gehört hat (Stevens 1975a, 174). Später, durch Fritz Perls, lernt sie, wie sie sagt, dieses „body-decontrolling” auch in Zeiten aufrechtzuerhalten, in denen sie nicht verzweifelt ist (Stevens 1975a, 175). Noch etwas Anderes erlangt große Bedeutung in jenen Krankheitsjahren: das Aufgebenkönnen von Erwartungen, Zielen und Wünschen. „Nachdem ich zwei Jahre hauptsächlich im Bett verbracht hatte, kam ich zu der Erkenntnis, dass ich mich so krank wie möglich sein lassen musste, nicht versuchen, gesünder zu werden, nicht versuchen, so zu handeln, als ginge es mir besser. ,Gestalt versucht in Einklang zu sein mit dem, was ist‘” (Stevens 1970, 87).

 Foto: Carl Rogers
Carl Rogers

Carl Rogers

In der ersten Hälfte der sechziger Jahre entsteht ein Briefwechsel zwischen Barry Stevens und Carl Rogers, der schließlich zu persönlichen Begegnungen führt und zu einem gemeinsamen Buchprojekt, das 1967 unter dem amerikanischen Titel „Person to Person. The Problem of Being Human” (deutsch: „Von Mensch zu Mensch...“) (Rogers/Stevens 1967) erscheint [vgl. ab S. 48 in dieser Ausgabe].

Das Buch enthält einerseits Artikel von Carl Rogers, Eugene T. Gendlin, John M. Shlien und Wilson van Dusen, und andererseits – als Schwerpunkt – Barry Stevens ganz persönliche Auseinandersetzung mit deren Inhalt in Bezug zu ihrem Leben, ihren eigenen Erfahrungen und Vorstellungen. „Einen großen Teil dieses Buches schrieb sie als Gast des Western Behavioral Sciences Institute, und sie wurde während dieser Zeit mit ihrer ruhigen, entspannten Art eine wichtige Person in dem Leben vieler Menschen, die dort arbeiten...” (Rogers/Stevens 1967, 7/8).

Steve Stevens, ihr Sohn, geht das Risiko ein, das Buch selbst herauszugeben und einen Verlag dafür zu gründen. Entgegen der Einschätzung vieler Menschen in Barrys und Steves näherer Umgebung wird das Unternehmen ein Erfolg (Stevens 1970, 67). Steve Stevens war es auch, der den Anlass zu dem Buch gegeben hatte, als er Barry Stevens einen Text von Carl Rogers mitbrachte (Stevens 1970, 74).

Barry Stevens beginnt das „Vorspiel” zu dem Buch in fast biblischem Ton: „Am Anfang war Ich, und Ich war gut. Dann trat das andere Ich auf den Plan. Die Autoritäten von außen. Dies war verwirrend. Und dann wurde das andere Ich sehr verwirrt, weil es so viele verschiedene äußere Autoritäten gab” (Rogers/Stevens 1967, 15). Im Verlauf des Buches beschreibt sie dann, wie sich ihr Weg, mühsam und befreiend, aus der Verwirrung heraus entfaltet.

An dem Psychotherapeuten Carl Rogers schätzt sie besonders, die Art, wie er Wertschätzung ausdrückt, und wie er dem anderen Menschen erlaubt, so zu sein wie er ist, und wie Rogers durch seine eigene Menschlichkeit Veränderung in Gang setzt (Rogers/Stevens 1967, 152).

Rogers, umgekehrt, sagt über Barry Stevens im Vorwort zu „Von Mensch zu Mensch", dass sie ein Mensch sei, der nicht leicht einzuordnen ist. Sie „ist unabhängig in ihrem Denken und in ihrem Leben, und sie versucht fortwährend, aus den Grenzen auszubrechen, die uns alle festhalten und einengen” (Rogers/Stevens 1967, 7).

 Fritz Perls
Fritz Perls

Fritz Perls

Im selben Jahr, in dem „Person to Person” erscheint, nämlich 1967, kommt es zur ersten Begegnung zwischen Barry Stevens und Fritz Perls. Auf Anregung von Steve Stevens nimmt Barry an einem Workshop mit Fritz Perls in San Francisco teil. Sie ist verblüfft von der Art und Weise wie Perls therapeutisch arbeitet. Zwei Jahre später, im Gestalt Institute of Canada, am Lake Cowichan, ist sie es nicht mehr. Sie hat inzwischen selbst viel von dem gelernt, was Gestalttherapie bedeutet. Aber manchmal vermisst sie diese ursprüngliche Verblüffung (Stevens 1970, 1/2).

Fritz Perls hatte 1969 die USA verlassen und war an den Lake Cowichan auf Vancouver Island in Kanada gezogen, um dort eine Gestaltgemeinschaft aufzubauen. Offiziell hieß das Projekt Gestalt Institute of Canada.

Dort beginnt am 1. Juni 1969 die Gestalttherapie-Ausbildungsarbeit mit zwanzig Personen, und eine von diesen Personen ist Barry Stevens (Stevens 1970, 10). Die Erfahrungen, Erlebnisse und Überlegungen aus dieser Zeit bilden die Grundlage für ihr Buch „Don't Push the River", das 1970 bei Steve Stevens' Verlag Real People Press erscheint, und ein großer Erfolg wird. Das Buch ist inzwischen bei Celestial Arts in Berkeley, Kalifornien, neu aufgelegt worden.

In den ersten drei Monaten erlebt Barry Stevens das Zusammenkommen und Zusammenleben dieser Menschen, die sich zum großen Teil nicht kennen, wie das Zusammenwachsen einer lebendigen Gemeinschaft, die sich organismisch selbst reguliert und in einer experimentellen Grundhaltung ihre jeweilige Form findet. Danach gibt es einen Bruch: Fritz Perls fährt für einen Monat weg; Barry Stevens für drei Wochen. Als sie zurückkommt, also Ende September, ist alles organisiert. „Listen für die Gruppen, wie der militärische Wachwechsel – die nicht-organismische Organisation, die ich so sehr nicht mag, die nicht Gemeinschaft für mich ist” (Stevens 1970, 10).

Die Beziehung, die sich zwischen Fritz Perls und Barry Stevens entwickelt, lässt sich als liebevoll und sanft charakterisieren. Einmal, während einer Gruppe, stellt Fritz Perls eine Frage an alle und jeder sagt etwas. Barry Stevens sagt nichts; Fritz: „,Barry?’ ,Ich bin leer,‘ sagte ich. Er nickte und ging zu jemand anderem über oder zu etwas anderem. Wie schön, wenn mein Leersein so einfach akzeptiert wird” (Stevens 1985, 90).

Fritz Perls muss sich in diesen Monaten, die auch die letzten seines Lebens sind – er stirbt im März 1970 –, noch verändert haben. Barry Stevens schreibt über ihn: „Ich weiß, dass er seine Arroganz nicht mag, und gleichzeitig hat er so eine schöne Demut” (Stevens 1970, 26). Und später: „Fritz ist jetzt fast immer ein warmer und sanfter old gentleman. Er verbringt mehr Zeit damit, mit Leuten zu plaudern, als sonst. Er ist viel geduldiger” (Stevens 1970, 186).

Fritz Perls denkt in Cowichan häufig darüber nach, auf welche Weise er Gestalttherapie unterrichten kann, ohne dass es zu Missverständnissen oder Missbrauch kommt. Er beobachtet, wie verschiedene Menschen einfach Gestalt-Experimente übernehmen und sie als Tricks gebrauchen oder sie zu Regeln machen, ohne dass sie das Wesentliche der Gestalttherapie verstehen, geschweige denn integrieren (Stevens 1970, 265).

„Ich bin frustriert bei dem Versuch zu übermitteln, dass Gestalt nicht Regeln ist.” sagt Fritz Perls während einer Gruppen­sitzung in Cowichan (Stevens 1970, 4). Barry Stevens beschäftigen die gleichen Fragen, besonders die des Missbrauchs der „konzeptuellen Werkzeuge” der Gestalttherapie; doch sie kommt zu dem Ergebnis, dass sie letztendlich keinen Weg kennt, Missbrauch zu verhindern. Das gilt für alle „Werkzeuge” (Stevens 1970, 7ff).

Im November mehren sich ihre Überlegungen, vom Lake Cowichan Abschied zu nehmen.

Für Barry Stevens hat sich Cowichan allmählich von einer Gestalt-Gemeinschaft, die sie schätzt, zu einem Ausbildungszentrum entwickelt, das sie nicht schätzt. Sie hält diese beiden Formen für nicht kompatibel (Stevens 1970, 266). Ihre Vorstellung von einer Gestalt-Gemeinschaft ist radikaler; ihr geht es um radikale Veränderungen, die den ganzen Menschen und seine Lebensweisen betreffen. Eine Suchhaltung, eine Haltung des Ausprobierens, mit Bewusstheit, ein Weg der Befreiung machen ihre Perspektive aus. Damit setzt sie sich von Fritz Perls ab: „Sein (Ort; D.K.) ist leicht zu verstehen. Das lässt meinen verschwommen aussehen, aber er ist es nicht. Ungeformt, ja. Lasst all diese Aktivitäten aus uns heraus hervortreten, in ihrer eigenen Weise, was auch immer das ist, wobei Gestalt zur Freisetzung beiträgt. ... Ich möchte einen neuen Anfang” (Stevens 1970, 263).

Und so verlässt Barry Stevens schließlich das Gestalt Institute of Canada. Zu diesem Zeitpunkt ist Barry Stevens siebenundsechzig Jahre alt.

Barry Stevens nimmt etwas auf den ersten Blick Überraschendes für sich und

ihre eigene therapeutische Arbeit mit aus den Begegnungen mit Carl Rogers und Fritz Perls, – aber man erkennt schnell, dass dies genau das ist, was neben vielem anderen für sie charakteristisch ist:

"Als ich als Therapeutin arbeitete, am Anfang, wenn ich feststeckte und nicht wusste, was ich tun sollte, dachte ich panisch 'Was würde Carl tun' Ich wusste es nicht. Dann wechselte ich zu 'Was würde Fritz tun?' Ebenfalls keine Antwort. Das ließ mich zurück mit nichts, das ich denken konnte – oder dem ich folgen konnte – und aus mir selbst heraus kam die Antwort und ich tat es” (Stevens 1985, 167).

 

Real People Press, Chile und Al Huang

Wie bereits erwähnt, hatte Steve Stevens den Verlag Real People Press gegründet, um das Buch von Carl Rogers und Barry Stevens herauszugeben. Barry Stevens' Buch „Don't Push the River” über die Zeit am Lake Cowichan erscheint 1970 ebenfalls in Steve Stevens' Verlag.

Seit der Herausgabe des Rogers/Stevens-Buches hatte der Verlag eine rege Verlagstätigkeit entwickelt. Bei Real People Press waren bereits 1969 zwei für die öffentliche Wirkung der Gestalttherapie wichtige Bücher erschienen. Bei dem einen handelt es sich um Fritz Perls' Autobiographie „In and Out the Garbage Pail“; deutscher Titel: „Gestalt-Wahrnehmung. Verworfenes und Wiedergefundenes aus meiner Mülltonne” (Perls 1969b).

Das andere Buch ist Fritz Perls' „Gestalt Therapy Verbatim“; deutscher Titel: „Gestalt-Therapie in Aktion” (Perls 1969a). Steve Stevens hatte die Zusammenstellung des Buches übernommen. Dabei verwendete er als Grundlage Tonbandmitschnitte von Workshops, die Fritz Perls in der Zeit von 1966 bis 1968 durchgeführt hatte.

Barry Stevens kommt ein großer Anteil an der Entstehung dieses Buches zu. Sie arbeitet über Monate mit an der Übertragung der Tonbandprotokolle in eine schriftliche Form (Stevens 1970, 76).

1971 nehmen Barry und Steve Stevens an einem Tai Chi-Workshop des Tai Chi-Meisters Al Chungliang Huang in Esalen teil, bei dem wiederum Tonbandaufnahmen durchgeführt werden und als Grundlage zu einem Buch über Tai Chi dienen. Alle drei hatten sich schon vorher kennengelernt und waren einander freundschaftlich verbunden (Huang 1973, 8ff). In das Buch gehen weitere Workshops ein, sowie Aufzeichnungen von Al Huang. Das Buch erscheint schließlich 1973 unter dem Titel „Embrace Tiger, Return to Mountain – The Essence of T'ai Chi", ebenfalls bei Real People Press; deutsch: „Lebensschwung durch T'ai Chi” (Huang 1973).

Barry Stevens beschreibt Erfahrungen: „Beim Tai Chi Lehren sagte Chungliang Al Huang: ,Ihr setzt den Fuß sanft ab, weil ihr nicht wißt, was dort ist – vielleicht ist es Gras, vielleicht ist es Wasser.‘ Als ich das tat, fühlte ich ein Loslassen durch meinen ganzen Körper hindurch, was nicht dagewesen war, als ich noch dachte, ich würde es kennen; als hätte ich den Gang gewechselt. Bewusstheit kam von selbst – ohne mein Danach-Trachten. Es war schön, diese Entspanntheit zu fühlen – anstelle von mit dem Kopf führen” (Stevens 1985, 139).

Die Erfahrungen, die Barry Stevens mit Tai Chi macht, fließen in ihre gestalttherapeutische Körperarbeit ein.

Und wieder hat Barry Stevens auch auf sehr praktische Art an der Entstehung eines Buches mitgewirkt, indem sie seitenweise Tonbandabschriften abtippte.

Auf diesem Workshop kommt es auch zur ersten Begegnung zwischen Barry und Steve Stevens und Joe Wysong, dem späteren Gründer und Herausgeber des amerikanischen „The Gestalt Journal” (Wysong 1986, 72). Alle drei befreunden sich schnell miteinander.

1972 reist Barry Stevens für einige Monate nach Chile, um dort die Verbreitung der Gestalttherapie zu unterstützen. Die ersten chilenischen Gestalttherapeuten hatten Kontakt zu Real People Press aufgenommen, und angefragt, ob sie Fritz Perls' „Gestalt Therapy Verbatim” ins Spanische übersetzen dürften. Das Buch erscheint 1974 unter dem Titel „Sueños y Existencia". Barry Stevens führt während ihres Aufenthalts in Chile Filme aus Esalen vor, die Fritz Perls bei der Arbeit zeigten, und sie führt auch selbst Gestalttherapie-Workshops durch (Hunneus 2005).

Im Sommer 1975 erscheint Barry Stevens als eine der Teilnehmerinnen der wahrscheinlich ersten Gestalttherapie-Konferenz. Steve Stevens hat sie organisiert. Molly Rawle erinnert sich: „Ich erinnere mich daran, dass Leute auf dem Boden lagen, an Teile von Traumarbeit und eine Menge indischen Madras. Jemandens alte Großmutter war da, von der sich herausstellte, dass es Die Barry Stevens war” (Rawle 1987, 37).

Im gleichen Jahr erscheint das Buch „gestalt is” (Herausgeber Steve John O. Stevens), in dem Barry Stevens zwei Artikel veröffentlicht; in einem der beiden beschreibt sie ihre Form gestalttherapeutischer Körperarbeit (Stevens 1975 a + b). In einem gemeinsamen Vorwort erklären Barry und Steve Stevens, dass sie das Wort 'gestalt' im Titel bewusst mit 'kleinem g' schreiben, (eine Verfahrensweise, die Barry Stevens auch in ihren Artikeln übernimmt). „Der Titel dieses Buches reflektiert unsere Ansicht, dass gestalt einfach IST – keine Glorifizierung” (Stevens J.O. 1975, i).

Sie erneuern ihre Kritik an Teilen der Entwicklung der Gestalttherapie, die zu einer Verwässerung von Gestalttherapie führen sowie zu einer erheblichen Verschlechterung ihrer Qualität. „Wie mit so vielen Dingen ist weitreichende Akzeptanz sogar gefährlicher als Ablehnung. Vieles der ,Bearbeitung‘ ist Verstümmelung. Viele ,gestalt‘-Therapeuten sind eine Art runderneuerter Therapeuten, die ein paar gestalt-Tricks aufgegriffen haben, so dass sie auf den fahrenden Zug aufspringen können” (Stevens J.O. 1975, iii).

1976 gründen das Center for Gestalt Development, New York, und Joe Wysong die halbjährliche Zeitschrift „The Gestalt Journal", die von Barry Stevens in einer Weise unterstützt wird, die Joe Wysong als „fundamental für den Anfangserfolg” charakterisiert (Wysong 1986, 74).

  Foto: Barry Stevens (1983)
Barry Stevens, 1983 - Foto: © Detlev Kranz

 Über das Erschaffen von Gurus

Spätestens mit ihrem Buch „Don't Push the River” hat Barry Stevens einen erheblichen Grad an Berühmtheit erreicht und wird von anderen Menschen zu einem der „Stars” jener Zeitströmungen gemacht, die im weitesten Sinne Wachstum als Ziel für sich in Anspruch nehmen. Barry Stevens ist von dieser Entwicklung nicht angetan. Sie will weder zum Star noch zum Guru gemacht werden. Noch in ihrem letzten Buch „Burst Out Laughing” schreibt sie gleich am Anfang über diese Vorgänge:

„Zu der Zeit, als 'Von Mensch zu Mensch' veröffentlicht wurde, dachte ich, man müsste etwas Außergewöhnliches haben, um ein Guru zu werden. Ich entdeckte, dass es völlig ausreichte, eine Bereitschaft zu besitzen, dass einige Leute Dich auf ein Podest rücken, während sie zu Deinen Füßen sitzen. Ein Mann fuhr mit dem Auto von New York nach New Mexico in der Erwartung, mich umringt von Anhängern zu finden, zu denen er selbst auch bald gehören würde. Ich war völlig von den Socken. Ich nahm ihn ernst und versuchte, seine falschen Vorstellungen zu korrigieren. Über uns beide herzlich zu lachen, wäre passender gewesen.

Als ,Don't Push the River’ veröffentlicht wurde, war ich selbstgefällig zuversichtlich genug, dass ich diesmal klüger gewesen wäre. Anstatt meine Fehler zu entfernen, ließ ich sie drin! Das würde den Guru-Erschaffern zeigen, dass ich nicht das richtige Material bin. Es funktionierte nicht.” (Stevens 1985, 1)

Ihre kritische Haltung gegenüber „Star-Rummel” und in ähnlicher Weise gegenüber der Human Potential-Bewegung, den „Wachstums-Zentren” und zum Teil auch gegenüber der Bewegung der Humanistischen Psychologie liegt in ihrer sehr aufmerksamen, kritischen Einstellung zu Konzepten. Ihr liegt nicht daran, dass die Menschen nur Konzepte austauschen. Sie sieht keine Lösung darin, dass neue Konzepte anstelle der alten introjiziert werden. Ihre Vorstellung von Leben ist eng verbunden mit wachsamer, eigener Erfahrung und dem selbständigen Herausfinden, was für die jeweils einzelne Person am jeweiligen Ort zum jeweiligen Zeitpunkt passend, d.h. der Entfaltung des eigenen lebendigen Lebens zugetan ist, ohne die Mit-Menschen dabei auszublenden.

 

Die späten Jahre

Zunehmende gesundheitliche Einschränkungen Ende der siebziger Jahre erschweren Barry Stevens Mobilität. In den letzten Jahren ihres Lebens unternimmt sie noch ein weiteres Buchprojekt. „Was als eine einfache Illustrierung von Regeln vs. Bewusstheit begann, hat sich nun dar­über hinaus entwickelt, und ich bin mir noch nicht recht sicher, wohin es geht.” (Brief an den Verfasser v. 29. 9. 1982). Im April 1983 ist das Manuskript fertiggestellt. Das Buch hat sich zu etwas entwickelt, das autobiographischen Charakter trägt, allerdings nicht in chronologischer Erzählweise, verwoben mit Barry Stevens' Lebensein- und -vorstellungen. Der Schreibstil reicht stellenweise bis in aphoristische Kürze. Sie erlebt die Veröffentlichung im Jahre 1985.

Im Sommer 1983 hatte ich die Gelegenheit, auf ihre Einladung hin, Barry Stevens in Kalifornien zu besuchen. Ich habe darüber berichtet (Kranz 2003). Sie erholte sich zu der Zeit bei Freuden von den Folgen eines Schlaganfalls.

In den letzten Jahren ihres Lebens ist Barry Stevens über Gestalttherapie hinausgegangen: „Gestalttherapie hat nicht ihren Wert für mich verloren, aber ich bin zu etwas Anderem weitergegangen -- Ich bin nicht ganz sicher zu was. Vor einigen Wochen war ich Teil einer Wochenendgruppe in Gestalttherapie, und ich fühlte mich, als würden die Leute dort mich an meine Vergangenheit binden -- obwohl letzten Endes natürlich ich es war, die das machte, und ich kam da raus” (Brief an den Verfasser v. 29. 9. 1982).

Am frühen Morgen des 28. Dezember 1985 stirbt Barry Stevens in Meridian, Idaho, wo sie die letzte Zeit ihres Lebens verbrachte.

 

Literatur

Andreas, S. (1985): Text zum Tode Barry Stevens, Boulder, Col. (unveröffentlicht).

Golovacheva, I. (2007): Theories of the Mind and Psychotherapy in the Works of Aldous Huxley, in: Nugel, B / Fietz, L. (Hrsg.): „Human Potentialities", Studien zu Aldous Huxley und zeitgenössischer Kultur, Bd 9, Berlin 2007, S. 123 – 142.

Gorham, D. (2005): Dora and Bertrand Russell and Beacon Hill School, in: Russell: the Journal of Bertrand Russell Studies, n.s. 25, (summer 2005), S. 39 – 76.

Griffin, N. (Hrsg.): The Selected Letters of Bertrand Russell: The Public Years, 1914 - 1970, Bd 2. London 2001.

Huang, A. C. (1973): Lebensschwung durch T'ai Chi. München (1973: Real People Press/1979: O.W. Barth).

Hunneus, F. (2005): Notas sobre Historia de la Gestalt en Chile, in: Enfoque Gestáltico. Publicación de la Asociación Gestáltica de Buenos Aires, No 29, Primavera 2005, S. 25 ff.

Kranz, D. (1998): Barry Stevens – Versuch über ein unregelmäßiges Leben, in: Gestalttherapie, 2/1998, S. 3 – 14, Köln, Edition Humanistische Psychologie.

– (1999): Barry Stevens – Gestalttherapie, Bewusstheit und Körper, in: Gestaltkritik, 1/1999, 44 – 51.

– (2003): Barry Stevens begegnen, in: Gestaltkritik, 1/2003, 54 – 63.

Madrigal, C. (2008): Schulz library adds to Jack London collection, in: Sonoma State Star, March 18, 2008.

Nakata and Stevens Papers, North Bay Regional & Special Collections, University Library, Sonoma State University.

Perls, F.S. (1969a): Gestalt-Therapie in Aktion. Stuttgart (1969: Real People Press/1976: Klett).

– (1969b): Gestalt-Wahrnehmung. Verworfenes und Wiedergefundenes aus meiner Mülltonne. Frankfurt (1969: Real People Press/1981: W. Flach).

Rawle, M. (1987): The Beginnings, in: The Gestalt Journal, No. 1, 37-40.

Russell, Dora: Dora Winifred Russell Papers, 1906 - 1986 (-1987), International Institute of Social History, Amsterdam, Nr. 231.

Rogers, C./Stevens, B. (1967): Von Mensch zu Mensch. Möglichkeiten, sich und anderen zu begegnen. Paderborn (1967: Real People Press/1984, 21986: Junfermann); wiederveröffentlicht: Köln 2001, Peter Hammer Verlag/Gestalt-Institut Köln.

Stevens, Barry als Fox, Barry (1934): Hide-away Island, New York, Greenberg.

Stevens, Barry als Fox, Barry (1943): That Day of Pearl Harbor, in: Harpers's Magazine, New York, Jan. 1943.

Stevens, Barry (1962): Window to the Whirled, in: The magazine of Fantasy and Science Fiction, 22 (1962) 2.

Stevens, B. (1970): Don't Push the River. Lafayette, Cal. (Real People Press); deutsch: Don't Push The River. Gestalttherapie an ihren Wurzeln. Köln 2000, (Peter Hammer Verlag/Gestalt-Institut Köln).

– (1975a): Body Work, in: Stevens, J.O., Hrsg.: gestalt is. Moab, Utah, (Real People Press), 157-184; deutsch: Gestalt-Körperarbeit, in: Gestaltkritik. Zeitschrift für Gestalttherapie, 2/2000, 18 – 47.

– (1975b): Voids, Voids, Voids, - Noddings!, in: Stevens, J.O., Hrsg., a.a.O., 185-200; deutsch: Das Leben findet nicht im Kopf statt, in: Gestaltkritik, 1/2000, 42 – 49.

– (1976): Ent-Elterung. Reflektionen einer Mutter, in: Gestaltkritik, 1/2010, S. 17 - 19 (Erstveröffentl. in: Voices, 1976).

– (1985): Burst Out Laughing. Berkeley, Cal. (Celestial Arts).

– (2000): Nakata - Son of Jack London, in: Jack London Journal, No 7, 2000, S. 9 - 25.

Stevens, J.O. (1971): Die Kunst der Wahrnehmung. Übungen der Gestalttherapie. München (1971: Real People Press/1975, 91986: Chr. Kaiser).

– Hrsg. (1975): gestalt is. Moab, Utah (Real People Press).

Wysong, J. (1986): Barry Stevens. In Remembrance, in: The Gestalt Journal, No. 1, 71-75.

Praxisadressen von Gestalttherapeuten/-innen

Foto: Detlev KranzDetlev Kranz

Detlev Kranz, Lehrer für Gymnasien; Studium in Münster; lebt in Hamburg; Gestalttherapieausbildung bei Gerhard Selter (Münster) und Jerry Kogan, Marianne Fry, Michael Smith u.a. (Frankfurt, GENI); Arbeit u.a. als Wissenschaftlicher Angestellter in der Hamburger Schulbehörde und als Lehrer und Betreuer in Projekten für arbeitslose Jugendliche.

Homepage des Autors: www.detlev-kranz.privat.t-online.de

In unserer Zeitschrift „Gestaltkritik“ sind bereits fünf weitere Beiträge von Detlev Kranz erschienen, auf die wir Sie gerne hinweisen:

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