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Stefan Blankertz
¡Begeisterung!
für die politische Dimension der Gestalttherapie

Ein Vortrag auf der Gestaltkritik-Jahrestagung 2013
im Gestalt-Institut Köln (GIK)


Aus der Gestaltkritik 2/2013:

Gestaltkritik - Die Zeitschrift mit Programm aus dem Gestalt-Institut Köln
Gestaltkritik (Internet): ISSN 1615-1712

Themenschwerpunkte:

Gestaltkritik verbindet die Ankündigung unseres aktuellen Veranstaltungs- und Weiterbildungsprogramms mit dem Abdruck von Originalbeiträgen: Texte aus unseren "Werkstätten" und denen unserer Freunde.

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  Hier folgt der Abdruck eines Beitrages aus Gestaltkritik 2/2013:

Stefan Blankertz
¡Begeisterung!
für die politische Dimension der Gestalttherapie

Ein Vortrag auf der Gestaltkritik-Jahrestagung 2013
im Gestalt-Institut Köln (GIK)

Stefan Blankertz (Foto: Horst ter Haar, 2013 im GIK)
Stefan Blankertz (Foto: Horst ter Haar, 2013 im GIK)

Die 17. Jahrestagung unserer Gestalttherapie-Zeitschrift »Gestaltkritik« im Gestalt-Institut Köln (GIK) stand unter dem Titel »Begeisterung (!) für die Gestalttherapie«. Ich möchte Dr. Stefan Blankertz noch einmal an dieser Stelle für Seine Mitwirkung auf unserer Tagung danken. Und ich freue mich, Ihnen hier Stefan Blankertz' Vortrag vom 13. 9. 2013 in voller Länge präsentieren zu können. Viel Freude bei der Lektüre! (Erhard Doubrawa, Herausgeber)

 

1.

Von Anfang an war Sigmund Freuds Psychoanalyse politisch. Die Psychoanalyse transportierte diese Provokation der gesellschaftlichen Realität: die herrschende Sexualfeindlichkeit mache krank. Es ging bei der gesellschaftlichen Provokation der Psychoanalyse demnach nicht um eine politische »Meinung«, eine politische »Position« oder gar eine politische »Partei«, die mehr oder weniger zufällig und willkürlich mit der Psychoanalyse assoziiert wurde, vielmehr darum, dass das Zentrum der psychoanalytischen Theorie politically incorrect war.

 

2.

An die politische Provokation der Psychoanalyse knüpften die Begründer der Gestalttherapie, Fritz und Laura Perls und Paul Goodman, ausdrücklich an. Sie setzten die psychoanalytische Aufklärung über den krankmachenden Charakter von Sexualfeindlichkeit voraus und drückten, wie sie in ihrem Buch »Gestalt Therapy« 1951 sagen, »auf den nächsten Widerstand«:

»Freud nahm d[?]en feindseligen, tatsächlich sozialzerstörerischen Kern [der Psychoanalyse] sehr ernst. Stets warnte er vor dem gesellschaftlichen Widerstand gegen die Psychoanalyse. Wenn unsere modernen Wächter geistiger Gesundheit finden, das, was sie freisetzen, sei gleichbleibend gut und nicht antisozial und darum bräuchten sie keinem Widerstand in der liberalen und toleranten Bevölkerung zu begegnen, dann kommt das einfach daher, dass sie Schlachten schlagen, die in der Hauptsache schon gewonnen sind. [?] Die quantitative Zunahme an ziemlich uneingeschränkter Sexualität [wurde aber] von abnehmender Erregung und Tiefe der Lust begleitet. Warum gibt es weniger Befriedigung usw.?

Es ist ratsamer, diese Desensibilisierung als speziellen Fall der übrigen Desensibilisierung, Kontaktlosigkeit und Gefühlsarmut anzusehen, die grassieren. Sie sind Folgen von Angst und Schockzustand. In der ungleichmäßigen Entwicklung ist die freigelassene Sexualität auf eine Blockierung dessen gestoßen, was nicht freigelassen wurde. Eine Hauptblockierung stellt die Hemmung der Aggression dar. [?] Die Tatsache der unmittelbaren und nirgends in Frage gestellten Zurückweisung verschiedener Formen von Aggression kann als erster Beleg genommen werden, dass wir den nächsten Schritt des gesellschaftlichen Fortschritts hin zu glücklicheren Normen in der Analyse und Freisetzung von Aggressionen suchen müssen. (01)

Die Geschichte der Psychoanalyse selbst ist ein Beispiel dafür, wie einer heilsamen Provokation mittels gesellschaftlicher Anerkennung die Zähne gezogen werden. Sie ist die perfekte Illustration von Max Webers Theorie der Bürokratisierung. Aber Bürokratisierung ist nicht unvermeidlich, sondern Folge der ungleichmäßigen Entwicklung und der aus ihr folgenden Angst, der Notwendigkeit des Ganzen, sich den neuen Kräften anzupassen und die neuen Kräfte sich anzupassen. Was muss die Psychotherapie tun, um dieser bürokratisierenden Anerkennung vorzubeugen? Einfach auf den nächsten Widerstand drücken.« (02)

Mit »dem nächsten Widerstand« meinten die Begründer der Gestalttherapie die Verdammung der Aggressivität. Aggressivität ist ihnen zufolge noch grundlegender als Sexualität, nämlich auch deren Voraussetzung: Aggressivität ist die lebensspendende und lebenserhaltende Fähigkeit, an die Umwelt heranzutreten, zuzupacken und sich deren Ressourcen anzueignen, sie in das zu verwandeln, was nährend ist.

 

3.

Der gestalttherapeutische Gedanke, dass die individuelle Aggressivität lebensspendend und lebenserhaltend sei, ist nicht ohne Vorläufer in der Psychoanalyse. Besonders Wilhelm Reich, bei dem Fritz Perls in den frühen 1930er Jahren zur Therapie ging und der Paul Goodmans Idol in den 1940er Jahren war, hat ihn schon im Nukleus 1942 so formuliert:

»Die Aggression ist die Lebensäußerung der Muskulatur, des Systems der Bewegung. Die Bedeutung dieser Korrektur für die Beurteilung der heutigen Kindererziehung ist groß. Ein großes Stück der Aggressionsbremsung, die unsere Kinder in vernichtender Weise zu erdulden haben, folgt aus der Gleichsetzung von ?aggressiv? mit ?bösartig? oder ?sexuell?. Das Ziel der Aggression ist stets die Ermöglichung der Befriedigung eines lebenswichtigen Bedürfnisses. Die Aggression ist somit kein Trieb im eigentlichen Sinne, sondern das unerläßliche Mittel jeder Triebregung. Diese ist an sich aggressiv, weil die Spannung zur Befriedigung drängt.« (03)

 

4.

Von Wilhelm Reich ist, gefiltert durch die linke Studentenbewegung, vor allem in Erinnerung, dass er Kommunist war, der dann in den USA, ¿wo sonst?, paranoid geworden sei. Dass die Kommunistische Partei Deutschlands ihn wegen seiner sexualökonomischen Beratungsarbeit unter Arbeitern und wegen seines Buches »Massenpsychologie des Faschismus« 1933 ausschloss, (04) weil sie für den Gedanken individueller Selbstbestimmung keinen Raum hatte, wurde verschwiegen, ebenso, dass er von Mitgliedern der Kommunistischen Partei der USA, die in der von Franklin Delano Roosevelt im »New Deal« geschaffenen gigantischen Überwachungsbehörde »Food and Drug Administration« Unterschlupf gefunden hatten, verfolgt wurde, dass sie 1956 seine Verhaftung erreichten (05) und die Verbrennung seiner Bücher, weil er die liberale Idee realisierte, die Rahmenbedingungen für ein befreites und glückliches Leben könnten nicht staatlich garantiert, sondern nur selbstorganisiert geschaffen werden ? dies alles wurde und wird ausgeblendet.

 

5.

Warum provozierte ? und wie ich zeigen werde: provoziert immer noch ? der so natürlich klingende Gedanke an die Notwendigkeit individueller Aggressivität? Die Verteidigung der Aggression provoziert eine Gesellschaft, die auf der einen Seite die Rundumversorgung ihrer Mitglieder (06) verspricht. Diese sozialstaatliche bevormundende Rundumversorgung macht individuelle Aggressivität unnötig, aber nicht nur unnötig, Aggressivität stört darüber hinaus den reibungslosen Ablauf und muss deshalb unterbunden sowie verteufelt werden. Auf der anderen Seite erlaubt sich diese Gesellschaft jede kollektive Aggressivität gegen Lebensäußerungen von Einzelnen, die nicht ins Schema passen, und gegen fremde Feindbilder. (07) Die Unterdrückung der individuellen Aggressivität durch die aggressive Gesellschaft führe, so die These der Begründer der Gestalttherapie, zu den Perversionen »Masochismus« und »Sadismus«, zwei Begriffe, die auf Freuds Sexualtheorie zurückverweisen. »Masochismus« sei ? in der gestalttherapeutischen Fassung ? die Perversion, also Umkehrung der aggressiven Energie, der der Ausdruck versagt wird, auf den eigenen Leib; »Sadismus« sei die Perversion, also Umkehrung der aggressiven Energie, der der Ausdruck versagt wird, auf ein ungeeignetes Objekt. Sowohl beim »Masochismus« als auch beim »Sadismus« kommt es zur Ersatzbefriedigung durch Leiden, weil die Aggression nicht ihr eigentliches Ziel erreichen darf.

 

6.

Bereits 1938 formulierte Laura Perls im Exil in Südafrika die grundlegende These der späteren gestalttherapeutischen Aggressionstheorie in explizit politischem, nämlich antifaschistischem und antimilitaristischem Sinne unter dem Titel »Erziehung zum Frieden«:

»Die vollständige Unterdrückung der Aggressivität verursacht, wenn schon nicht Dummheit, so doch sehr schwerwiegende intellektuelle Beeinträchtigungen, Blockierungen des unabhängigen Denkens und einen Mangel an Kritikfähigkeit. [?] Natürlich ist die intellektuelle Unreife nicht die einzige Folge der Unterdrückung früher kindlicher Aggression, die für die rasche Verbreitung des Faschismus verantwortlich gemacht werden kann. Gleichbedeutend für die Eigenart faschistischer Einstellung ist beispielsweise die Tatsache, daß die Verdrängung der individuellen Aggression unweigerlich zu einem Anstieg der universellen Aggression führt. In allen hochzivilisierten Ländern können wir sehen, daß ? während der Durchschnittsmensch seine aggressiven Möglichkeiten auch nicht annähernd entwickelt hat, sondern im Gegenteil sehr zurückhaltend, artig, sogar scheu vor Komplikationen ist ? die Gemeinschaft ihre Aggressionsmittel zu absolut erschreckenden Extremformen entwickelt hat. Die Verbesserung der Kriegsmaschinerie ? Gewehre, Panzer, Flugzeuge, Bomben, Giftgas, militärische Ausbildung und strategische Effizienz ? scheint direkt proportional zur Unterdrückung individueller Aggressivität zu sein, als wenn die verdrängte Aggression all der Menschen zu etwas akkumuliert worden wäre, das über die einzelnen hinaus geht und seinen Ausweg einfach erzwingen müßte.« (08)

 

Stefan Blankertz (Foto: Horst ter Haar, 2013 im GIK)
Stefan Blankertz (Foto: Horst ter Haar, 2013 im GIK)

7.

In dem Buch »Gestalt Therapy« wird die These, dass die Verdrängung der individuellen Aggression unweigerlich zu einem Anstieg der universellen Aggression führe, weiter ausgebaut: Die psychische Motivation, zu akzeptieren, dass der Staat Krieg führt, den Krieg gutzuheißen, zu unterstützen und mitzumachen, ist das unglückliche Leben derjenigen, deren sozialstaatliche bevormundende Rundumversorgung niemals Befriedigung gewährt, weil nur das befriedigt, was selbst geschaffen ist und was so auf die eigenen Bedürfnisse zugeschnitten werden kann. Die Kraft zu diesem Selbstgeschaffenen ist das ursprüngliche Ziel der Aggression; Selbst- und Fremdzerstörung sind Perversionen oder »neurotische Derivate« als Folgen der Unterdrückung von individueller Aggressivität.

 

8.

Die individualistische Perspektive ist von den Begründern der Gestalttherapie ausdrücklich gewollt. Die individualistische Perspektive enthält gerade nicht das Ideal des isolierten Individuums, vielmehr transportiert sie die Utopie einer selbstgestalteten, freiwilligen Vergesellschaftung, die dem kollektiven Zwang enträt. Konzentriert ausgedrückt wird beides, die individualistische Perspektive wie die Hoffnung auf freiwillige Vergesellschaftung, in Fritz Perls berühmt-berüchtigtem (09) »Gestalt-Gebet«:

Ich mache meine Sache. Und du machst deine Sache.

Ich bin nicht auf dieser Welt, um Deinen Erwartungen zu entsprechen ?

und Du bist nicht auf dieser Welt, um meinen Erwartungen zu entsprechen.

Ich bin ich und du bist du ?

und wenn wir uns zufällig treffen und finden, dann ist das schön,

wenn nicht, dann ist auch das gut so.

 

9.

Nun ist Fritz' »Gestalt-Gebet« ja schon lange im Focus von Kritik auch in Gestaltkreisen, so als gäbe es keine andere als eine Zwangskollektivierung, nämlich die freiwillige Vergesellschaftung. Ein Gegensatz des Perls'schen Individualismus vom »Gestalt-Gebet« zu Martin Bubers »Ich und Du« (10) und dialogischem Prinzip wird behauptet; ein Gegensatz, der nicht besteht: Martin Buber hat stets betont, dass das Du in seiner Unabhängigkeit und Freiheit zu akzeptieren sei, damit es zum Gegenüber werde und zum Dialog tauge. (11) Die Begegnung sei freiwillig, damit sie nicht zur Vergegnung werde, und geschehe von Gnaden. Wie Paul Goodman war Martin Buber Anarchist. Bubers Sozialphilosophie ist stark von Gustav Landauer geprägt. Gustav Landauer, 1870 geboren, 1919 als wichtiger Inspirator der Münchner Räterepublik von rechtsradikalen Freikorps-Truppen erschlagen, Bubers Freund, Jude, Zionist und vor allem eben Anarchist. Nach Landauers Sozialphilosophie gibt es zwei widerstreitende Formen der Vergesellschaftung, die Sozialbindung durch Gewalt, das sei Staat auf der einen und Vereinzelung auf der anderen Seite, oder Sozialbindung durch Geist, das sei Gesellschaft, deren Grundlage die Freiwilligkeit ist. Anarchismus blieb bei Buber keine »Jugendsünde«; 1950, im Alter von 72 Jahren veröffentlichte er »Pfade in Utopia«, ein Buch, in welchem er seinen Anarchismus noch einmal ausdrücklich bekräftigte.

»'Staat ist ein Verhältnis, ist eine Beziehung zwischen den Menschen, ist eine Art, wie die Menschen sich zueinander verhalten; und man zerstört ihn, indem man andre Beziehungen eingeht, indem man sich anders zueinander verhält' [Landauer]. Die Menschen stehen gegenwärtig zueinander in einem 'staatlichen' Verhältnis, d.h. in einem, das die Zwangsordnung des Staates notwendig macht und sich in ihr darstellt; also kann diese Ordnung nur in dem Maße überwunden werden, als dieses Verhältnis zwischen den Menschen durch ein anderes ersetzt wird. Dieses andere Verhältnis nennt Landauer 'Volk'. 'Es ist eine Verbindung zwischen den Menschen, die tatsächlich da ist, die aber noch nicht Verband und Bund, noch nicht höherer Organismus geworden ist.'« (12)

1932 in dem religionsphilosophischen Werk »Königtum Gottes« entwickelt Buber die These, dass im Judentum ein antiherrschaftlicher Stachel enthalten sei. »Das, was ihr für Theokratie ausgebt, ist Anarchie gewesen.« (13) Erst in den 1970er Jahren wurde diese Sichtweise durch ethnologische Untersuchungen bestätigt. (14)

 

10.

Die gestalttherapeutische Kritik an der Umwandlung individueller Aggression in kollektive Aggression hat sich nicht nur nicht überlebt, sondern sie ist heute leider aktueller denn je. (15) Auf der ganzen Welt verwüsten Staaten ökonomisch, ökologisch und militärisch den Lebensraum der Menschen. Es gibt, wie Goodman schon 1963 formulierte, nirgendwo mehr Asyl, (16) heute weniger noch als damals. Die schwerreich subventionierten Propagandisten der Staaten behaupten dagegen, dass ungezügelter Individualismus, außer Kontrolle geratener Kapitalismus und ideologischer Neoliberalismus herrschen würden. Wie der Kapitalismus (17) außer Kontrolle geraten kann in Strukturen, in denen weit mehr als die Hälfte des Bruttosozialproduktes vom Staat kontrolliert, alle wichtigen Infra- und Sozialstrukturen von den Verkehrswegen über Bildung, Sozialversicherungen, Justiz und Polizei bis hin zur Geldpolitik staatlich sind oder staatlich reguliert werden und in denen die staatliche Gesetzgebung explodiert ist zu gigantischen, kafkaesten Regelwerken, die mitunter nicht einmal Experten überblicken können, aber jede private, berufliche und geschäftliche Tätigkeit betreffen (18) - wie also trotz dieser überwältigenden Macht des Staates noch irgendetwas anderes Ursache alles Bösen sein kann, und sei es der dämonisierte Kapitalismus, das bleibt das Geheimnis dieses abstrusen Glaubens an den Götzen namens Staat.

 

11.

In dieser Situation, in der die ursprüngliche gestalttherapeutische Aggressionstheorie einerseits nötiger, andererseits provokativer denn je ist, stellt sie sich für die Eingliederung der Gestalttherapie in das sozialstaatliche Gefüge als Bedrohung dar. Wenn Anerkennung der Gestalttherapie im sozialstaatlichen Gefüge das Ziel ist, muss deren Aggressionstheorie entfernt werden. Aber wenn die gestalttherapeutische Aggressionstheorie entfernt wird, fragt sich, was dann die gestalttherapeutische Identität ausmache, was die Gestalttherapie von anderen psychotherapeutischen Ansätzen unterscheide. Ich will nicht ausschließen, dass noch der eine oder andere Aspekt übrig bleibt, das jedoch, was die Begründer der Gestalttherapie gewollt haben, bleibt auf der Strecke: eine Therapieform, die sich gegen den Trend zur gesellschaftlichen Allmacht, individuellen Ohnmacht und zum »unendlichen Krieg für den angeblich unendlichen Frieden« (19) stellt; eine Therapieform, die zur Stärkung des Individuums beiträgt, damit es sich seine Gemeinschaft selbst gestaltet.

 

12.

Das Ziel einer psychotherapeutischen Haltung, die dem kollektiven Ungeist von Krieg und Bevormundung widerstreitet, begeistert mich heute genauso wie vom ersten Tag an, als ich im Sommer 1972 mit 16 Jahren Paul Goodman entdeckte; Martin Bubers »Pfade in Utopia« hatte ich da schon in der Bibliothek meines Vaters aufgestöbert und gelesen und auch einige Texte von Gustav Landauer. Die Gestalttherapie dagegen aus einem Teil der Lösung zu einem Teil des Problems zu machen, indem man sie stromlinienförmig in das institutionelle Gefüge des Staates eingliedert, stimmt mich mal traurig, mal zornig.

 

Anmerkungen

(01) Bis hierhin aus: Gestalttherapie Essentials, Wuppertal 2012, S. 49ff.

(02) Gestalt Therapy, New York o.J. (1951: Dell), S. 339: »The history of psychoanalysis itself is a study of how the teeth are drawn by respectability. It is a perfect illustration of Max Weber's law of the Bureaucratization of the Prophetic. But this law is not inevitable; it is a consequence of unequal development and consequent anxiety, the need of the whole to adjust itself to the new force and to adjust the new force to itself. What must psychotherapy do to prevent this bureaucratizing respectability? Simply, press on the next resistance.«

(03) Wilhelm Reich, Die Funktion des Orgasmus: Die Entdeckung des Orgons (1942), Köln 1969, S. 119f.

(04) Wilhelm Reich war 1927 zunächst der Kommunistischen Partei Österreichs beigetreten und trat der KPD bei, als er 1930 nach Berlin zog.

(05) Wilhelm Reich starb 1957 in der Haft an Herzversagen. Eine Autopsie fand nicht statt.

(06) Einige Mitbewohner bleiben ebenso unnatürlich ausgeschlossen wie Fremde. Dies ist unweigerlich ins Konzept sozialstaatlicher Rundumversorgung eingeschrieben.

(07) Offen geäußerte Fremdenfeindlichkeit ist politically incorrect und wird stigmatisiert. Dass Fremde jedoch kaserniert, bevormundet, an Bewegung und Arbeit gehindert werden (bei gleichzeitiger Rundumversorgung, wir sind ja human), dass sie, wenn ihr Grund, nach Deutschland kommen zu wollen, etwa aus politisch erzeugter Armut in ihren Heimatländern oder weil dort Krieg herrscht, vom Gericht nach jahrelanger Prüfung als asylunwürdig klassifiziert wird, das ist »natürlich« keine Fremdenfeindlichkeit, sondern gesittete Rechtstaatlichkeit.

(08) Laura Perls, Erziehung zum Frieden (1938), in: Leben an der Grenze, Köln 1989, S. 12ff.

(09) Hunter Beaumont nennt es schon in den 1980er Jahren »verrufen«. Vgl. seinen in der Gestaltkritik 2/2007 dokumentierten Beitrag »Gestalttherapie ist mehr als Fritz Perls«. ... ist mehr als Fritz Perls, wohl wahr, aber sie sollte eben auch nicht weniger als Fritz Perls sein.

(10) Für kritische Anmerkungen zu Buber, speziell »Ich und Du« vgl. Stefan Blankertz, Die Wurlitzer-Orgel des Geistes, in: ders., Minimalinvasiv, Berlin 2012.

(11) Noch radikaler ist in dieser Hinsicht Emmanuel Levinas und seine Philosophie der »Spur des Anderen«. Im Gegensatz zu den (angeblichen) Gemeinschaftsverfechtern in der Philosophie, die sich nicht entblödet haben, kommunistische Schreckensherrschaften intellektuell zu decken, war Levinas zwar kein Anarchist, aber ein radikaler Liberaler. Sein weitgehender Ausschluss aus dem Diskurs scheint mir damit erklärbar.

(12) Martin Buber, Pfade in Utopia (1950), Heidelberg 1985, S. 91. Das Buch ist immer noch nicht wieder in einer Neuauflage erhältlich.

(13) Zit. n. d. Ausg. Heidelberg 1956, S. 28; derzeit auch nicht anders als antiquarisch erhältlich.

(14) Frank Crüsemann, Widerstand gegen das Königtum, Neukirchen 1978. Christian Sigrist und Rainer Neu (Hg.), Ethnologische Texte zum Alten Testament, Neukirchen 1989 (Band 1), 1997 (Band 2). Rainer Neu, Von der Anarchie zum Staat, Neukirchen 1992.

(15) Am Beispiel der Forderung nach Verbot privaten Waffenbesitzes durch waffenstarrende Staatsgewalt: Stefan Blankertz, Der Waffengang, in: Gestalttherapie 1/2013. Die beiden im Heft angedruckten Reaktionen von Albrecht Boeckh und Eberhard Fehrmann zeigen, wie viel Entsetzen die gestalttherapeutische Infragestellung von Staatsgewalt auslöst. Vgl. dazu auch das Interview von Marko Strab mit mir »Waffen kreuzen in der Gestalttherapie?« in Gestaltkritik 1/2013 http://www.gestalt.de/blankertz_interview.html.

(16) Paul Goodman, Making Do, New York 1963, S. 9: »The police of Vanderzee, and of New York across the river, of Paris, Madrid, Warsaw, Moscow, were the instruments of the worldwide system of States in which a man was hounded from one baroque jurisdiction to another baroque jurisdiction, and he had no asylum or even exile.« - Vanderzee ist der fiktive Ort, vermutlich Hoboken gegenüber von Manhattan an der anderen Uferseite des Hudson in New Jersey, in welchem ein Teil des Romans spielt.

(17) Der Vollständigkeit und Redlichkeit halber sei angemerkt, dass sich sowohl Gustav Landauer als auch Martin Buber als Sozialisten und Antikapitalisten verstanden, obwohl sie unzweifelhaft auf der Grundlage des Anarchismus von Pierre-Joseph Proudhon standen, der das Eigentum als die Macht pries, die der Einzelne gegen die Überwältigung durchs Kollektiv setze. Paul Goodman war viel vorsichtiger darin, sich als Antikapitalist und Kommunist zu bezeichnen, obwohl er Peter Kropotkin schätzte, den Erfinder des »anarchistischen Kommunismus«. Zur Analyse von Kropotkins inneren Widersprüchen vgl. Stefan Blankertz, Enteignung oder Aneignung, in: ders, Minimalinvasiv, Berlin 2012. Die ausformulierte Theorie des Anarchokapitalismus hat erst Murray Rothbard vorgelegt: Für eine neue Freiheit: Kritik der politischen Gewalt, 1973/78; hg. von Stefan Blankertz, 2 Bände (Band 1: Staat und Krieg, Band 2: Soziale Funktionen), Berlin 2012.

(18) Zur Theorie der Okkupation des Lebens durch den Staat vgl. Stefan Blankertz, Das libertäre Manifest, Berlin 2012. Eine Analyse unserer unmittelbaren Geschichte des Faschismus bis hin zu der gegenwärtigen Scheinspaßgesellschaft vgl. Stefan Blankertz, Die Katastrophe der Befreiung: Faschismus und Demokratie, Berlin 2013.

(19) Harry Elmer Barnes, Perpetual War for Perpetual Peace (1953), New York 1963. Das Diktum stammt aus einem Gespräch von Charles A. Beard mit Barnes. - Titel einer Essaysammlung von Gore Vidal (New York 2002).

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Stefan Blankertz (Foto: Horst ter Haar, 2013 im GIK)
Stefan Blankertz (Foto: Horst ter Haar, 2013 im GIK)

Stefan Blankertz ist Sozialwissenschaftler und Schriftsteller (www.stefanblankertz.de). Er arbeitet als Theorietrainer am »Gestalt-Institut Köln (GIK)«. In enger Zusammenarbeit mit dem GIK hat er das computergestützte, auf der Gestalttherapie basierende Diagnose-Instrument »Gestalttypen-Indikator GTI« (www.gti-coaching.de) entwickelt. Mit Erhard Doubrawa verfasste er das »Lexikon der Gestalttherapie«, das ebenfalls in der Edition GIK im Peter Hammer Verlag erschienen ist.

Weitere Buchveröffentlichungen in der Edition GIK: »Gestalt Begreifen. Ein Arbeitsbuch zur Gestalttherapie-Theorie« und »Gestalttherapie Essentials. Das Wichtigste aus dem Grundlagenwerk von Perls, Hefferline und Goodman« (entstanden im Rahmen von Stefan Blankertz' Lehrtätigkeit am Gestalt-Institut Köln GIK), »Wenn der Chef das Problem ist. Ein Ratgeber«, »Meister Eckhart: Heilende Texte (kommentiert auf dem Hintergrund der Gestalttherapie), »Die Therapie der Gesellschaft«, sowie - gemeinsam mit Erhard Doubrawa - »Einladung zur Gestalttherapie. Eine Einführung mit Beispielen«.

Sein neuestes Buch: »Verteidigung der Aggression. Gestalttherapie als Praxis der Befreiung«.

Bitte beachten Sie auch die zahlreichen Beiträge des Autors in unserer Zeitschrift "Gestaltkritik" (alle Texte in voller Länge online).

Der obige Vortrag wurde von Stefan Blankertz im Rahmen der Gestaltkritik-Jahrestagung 2013 (13. - 14. 9. 2013) gehalten. Erstveröffentlichung an dieser Stelle.

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