Cover: Gestalt begreifen

Stefan Blankertz
Gestalt begreifen
Ein Arbeitsbuch zur Theorie der Gestalttherapie

4., überarbeitete und erweiterte Auflage 2011

Dieses Buch will die Frage beantworten, wie gestalttherapeutische Praxis und gesellschaftskritische Theorie miteinander verzahnt sein müssen,
damit aus Gestalttherapeutlnnen nicht Anpassungstechnikerlnnen werden.
Es ist die Quintessenz aus mehr als 40 Jahren Studien zu Paul Goodman, dem Mitbegründer der Gestalttherapie, über 30 Jahren Reflexion therapeutischer Theorie
und 20 Jahren Erfahrung in der Aus- und Weiterbildung von GestalttherapeutInnen.

Herausgegeben von Anke und Erhard Doubrawa
Edition Gestalt-Institut Köln / GIK Bildungswerkstatt
im Peter Hammer Verlag, 4. Auflage, Wuppertal 2011

176 Seiten, A 5, broschiert, 22,90 Euro

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 Praxisadressen von Gestalttherapeuten/-innen

 Aus dem Buch:

Erhard Doubrawa / Stefan Blankertz
Einladung zur Gestalttherapie

Inhalt

Erhard Doubrawa: Vorwort (Leseprobe 1)

Zum Selbstverständis der Gestalttherapie (Leseprobe 2)
Begründung: Warum Gestalttherapie?
Kriterien: Was ist eine Gestalttherapie?
Personal: Wer war Paul Goodman?
Vergewisserung 1: Therapeut – Beruf oder Rolle?
Vergewisserung 2: Macht und Sexualität in der Therapie?
Vergewisserung 3: Soziale Leiden individuell heilen?
Vergewisserung 4: Eine Ethik der Gestalttherapie?

Leitfaden, um »Gestalt Therapy« zu verstehen
Einleitung: Psychotherapeutische Sozialtechnik: Das Buch »Gestalt Therapy« im Kontext der 50er Jahre
Definition 1: »Psychologie« : Die Kapitel 3 und 4 als psychotherapeutische Deutungen des Begriffs der »Seele« bei Aristoteles und Thomas von Aquin
Anhang: Die Einheit von Körper und Seele
Definition 2: »Neurose«: Systematische Untersuchung, wie der Begriff »Neurose« in »Gestalt Therapy« verwendet wird (Kapitel 1, 3, 4, 6, 9 und 13)
Definition 3: »Aggression« : Die politisch-therapeutische Sprengkraft der Kapitel 8 und 9
Definition 4: »Selbst« : Zur Klärung der Kapitel 10 und 11
Struktur: Aufbau des Buches: Zur Logik der Kapitelfolge in »Gestalt Therapy«
Bedeutung: Goodmans Interesse: Die sozialphilosophische Ausgangsfrage von »Gestalt Therapy«
Philologie: Zur Autorenschaft: Die Zusammenarbeit von Paul Goodman, Fritz und Lore Perls sowie Ralf Hefferline bei der Abfassung von »Gestalt Therapy«

Literaturverzeichnis
Stellen-Verzeichnis und Bemerkung zur Neuübersetzung
Index mit Glossar

Leseprobe 1

Erhard Doubrawa: Vorwort

Zum ersten Mal begegnete ich Stefan Blankertz Mitte der 80er Jahre. Damals war ich auf der Suche nach jemandem, der im Rahmen unserer »Werkstattgespräche Humanistische Psychologie« die theoretische, philosophische und politische Fundierung der Gestalttherapie kompetent darzustellen vermochte. Wie kein anderer im deutschen Sprachraum hatte sich Stefan Blankertz mit dem Leben und der Arbeit Paul Goodmans befaßt, der die politische und philosophische Dimension der Gestalttherapie von Anfang an entscheidend mitgeprägt hatte. Aber Stefan war Soziologe, und Psychotherapie war ihm vor allem ein Ärgernis und »kleinbürgerliches Vorurteil«. Und so war es ein langer Weg, auf dem Stefan und ich seit unserer ersten Begegnung aufeinander zugehen mußten und der zum Erscheinen dieses Arbeitsbuches führte.

Durch die Arbeit mit Stephen Schoen habe ich gelernt, die spirituelle Dimension der Therapie zu entdecken und wertzuschätzen - einerlei, ob wir sie als solche benennen oder nicht. Stefan Blankertz brachte mir den politischen Aspekt unserer Arbeit näher und ermutigte mich, die Paradoxien der Therapie zur Kenntnis zu nehmen, ohne gleich nach einer Versöhnung der Gegensätze zu suchen. Wir sagen, die Gesellschaft sei krank, machen aber Therapie mit einzelnen - das ist und bleibt ein Widerspruch. Vielleicht schlafen diejenigen ruhiger, die es vorziehen, die sozialen Ursachen psychischer Probleme zu vergessen, aber um welchen Preis? Wie kann ein Arzt heilen, wenn er nur Symptome zur Kenntnis nimmt, sich aber von ihren Ursachen abwendet?

Wenn wir uns in einer Weise professionalisieren, die für Politik und Spiritualität keinen Raum läßt, »verinseln« wir die Psychotherapie und können Spirituelles nicht mehr wahrnehmen. Wir sind dann nicht mehr fähig, jemanden zu verstehen, der um die Menschen trauert, - nein, nicht um einen bestimmten Menschen, sondern um den Menschen, um die vergebenen Möglichkeiten des menschlichen Daseins. Sicher ließe sich mit einer solchen Berufsauffassung eine Menge Geld verdienen. Doch wir würden uns einreihen in den Kreis derer, die einer verödenden Gesellschaft helfen, das Leid ihrer Opfer zu verwalten oder bestenfalls ein wenig erträglicher zu machen.

Psychotherapie, Politik und Spiritualität sind drei Aspekte einer gestalttherapeutischen Haltung, die wir in unserem Aus- und Weiterbildungskonzept am Gestalt-Institut Köln miteinander verbinden; nicht um einer vorübergehenden Mode zu entsprechen, sondern um einem ganzheitlichen Verständnis von Psychotherapie Rechnung zu tragen. Am GIK verstehen wir unsere Arbeit in einem doppelten Sinne: Einerseits als Hilfe für die Menschen, die Hilfe brauchen, und andererseits als Aufklärung der Helfer über den politischen Aspekt ihrer Aufgabe.

Im Rahmen unserer »Gestaltausbildung nach dem Kölner Modell« bestand eine unserer Zielsetzungen darin, Theorie nicht als überflüssigen Ballast, bestenfalls als eine Anhäufung von Meinungen, Merksätzen und Definitionen zu betrachten, sondern ihr den Stellenwert zu geben, der ihr im Sinne eines umfassenden Psychotherapieverständnisses zusteht. Deshalb baten wir Stefan Blankertz, einen zentralen Teil unserer Ausbildung mitzutragen: Er bringt den zukünftigen Gestalttherapeutinnen und Gestalttherapeuten die philosophische und politische Fundierung der Gestalttherapie nahe.

Nach wie vor ist das Buch »Gestalt Therapie« von Perls/Hefferline/Goodman das Basiswerk der Theorie der Gestalttherapie, dessen Lektüre jedem interessierten Leser ein breites Spektrum anregender Gedanken eröffnet. Doch die Erfahrungen, die wir im Laufe unserer Ausbildungsarbeit am Gestalt-Institut Köln sammeln konnten, machten ein Arbeitsbuch wünschenswert, das auch Nicht-Insidern das Verständnis dieses Buches erleichtert und insbesondere den Wert seines kritischen Gehalts zugänglich macht.

Das Arbeitsbuch, das Sie in Händen halten, ist ein Ergebnis dieses Bemühens. Es ist ein Arbeitsbuch, weil es nicht geschrieben wurde, um den Leser mit kognitivem Fastfood zu füttern. Hier finden diejenigen Nahrung, die sich dafür interessieren, was Gestalttherapie auszeichnet, was sie anderen Ansätzen voraus hat und welchen Schwierigkeiten Gestalttherapeutinnen und Gestalttherapeuten gegenüberstehen, wenn sie die politische Dimension ihrer Arbeit ernstnehmen.

Das »Arbeitsbuch« hat sich seit 1996 in unseren Ausbildungsgruppen hervorragend bewährt. Um die neue deutsche Übersetzung von »Gestalt Therapy« sowie aktuelle Diskussionen der Gestalt-Community zu berücksichtigen, hat Stefan Blankertz seinen Text überarbeitet.

Köln, im Juli 2011

Erhard Doubrawa

Institutsleiter Gestalt-Institut Köln (GIK)


Leseprobe 2

Begründung: Warum Gestalttherapie?
Gegen den Therapie-Eintopf

Dies ist kein Buch »über« Gestalttherapie. Gestalttherapeuten lassen sich inzwischen auf einen Prozeß der »Entgrenzung« (Konfluenz) ein, in welchem die Identität der Gestalttherapie verloren geht. In den 50er Jahren war die Gestalttherapie entwickelt worden in Opposition sowohl(1) gegen die psychoanalytische Methode nach Sigmund Freud. Sie geht davon aus, daß die Vergangenheit – besonders die Phase der Kleinkindheit – das Leben prägt. Die analytische Therapie führt den Klienten vom gegenwärtigen Leiden in seine tiefste Vergangenheit und beläßt ihn zumeist dort, ohne ihn wieder in die Gegenwart zurückzubringen.(2) als auch gegen die verhaltenstherapeutische (»behavioristische«) Methode nach B.F. Skinner. Sie geht davon aus, alles aktuelle Verhalten sei auf ein System von in der Vergangenheit antrainierten (»konditionierten«) Reaktionen zurückzuführen. Überspitzt ausgedrückt meint dieser Ansatz, der Mensch unterscheide sich nicht viel von einem dressierten Hund. Die Verhaltenstherapie besteht darin, den Klienten wie einen schlecht erzogenen Hund einer erneuten Dressur (»Verhaltensprägung«) zu unterziehen.

Als »Therapie« in den 60er und 70er Jahren zur Mode wurde, sind eine Reihe weiterer Psychotherapien entstanden, deren Positionen recht unklar waren. Gesprächstherapie, Transaktionsanalyse, Bioenergetik, Neurolinguistisches Programmieren, Themenzentrierte Interaktion, Systemische Therapie, Analytische Gestalttherapie, Provokative Therapie sind nur einige der geläufigeren Namen. Getrieben durch das Streben nach Formierung einer einflußreichen »Bewegung«, die »offizieller« Anerkennung teilhaftig zu werden vermag, verwischte man die Grenzen, erfand die »Integrative Therapie« und die »Humanistische Psychologie«.Innerhalb der »Humanistischen Psychologie« kam der Gestalttherapie die Stellung eines Impulsgebers zu, denn einerseits war sie durch ihre Geschichte dazu vorbestimmt und andererseits ist sie die einzige Richtung geblieben, die eine theoretische Begründung aufweist. Allerdings ist die »Krankheit« der Theoriefeindlichkeit innerhalb der »Humanistischen Psychologie« so weit fort-geschritten, daß von der theoretischen Begründung der Gestalttherapie kaum mehr als das Gerücht übrig blieb.Da es tatsächlich die Theorie ist, die die Wirklichkeit bestimmt, nicht die Praxis, führt Theoriefeindlichkeit zur Auflösung der Therapie. Zurück bleibt eine formlose Masse zufälliger Tätigkeiten, die dazu bestimmt sind, daß einige Menschen am Leiden anderer Menschen Geld verdienen. Dies wäre kaum der Rede wert, wären nicht die sozialen Verhältnisse so gelagert, daß Therapie in einem Umfang nachgefragt wird, der sie zu einer gesellschaftlichen Macht werden läßt. Diese Macht darf nicht »Psychoklempnern« überlassen werden.

Meine AbsichtIn diesem Buch möchte ich mit Hilfe des theoretischen Instrumentariums der ursprünglichen Gestalttherapie einen Beitrag zur Selbstvergewisserung über Psychotherapie leisten. Um diese Absicht begründen zu können, müssen drei Fragen geklärt werden:– Warum mache ich die Gestalttherapie zum Ausgangspunkt der Selbstvergewisserung und nicht eine andere psychotherapeutische Richtung?– Was ist die »ursprüngliche« Gestalttherapie und inwiefern ist sie zumindest bei der Formulierung des psychotherapeutischen Selbstbewußtseins dem überlegen, was heute schon als deren »Weiterentwicklung« gilt?– Was ist Theorie und was macht sie denn für eine Selbstvergewisserung der Gestalttherapie so wichtig?

Warum Gestalttherapie?

Das Verhängnis der »Integration« hat zu der Vorstellung geführt, alle psychotherapeutischen Methoden seien »gleich gut« und ließen sich unbeschränkt miteinander kombinieren. Scheint das eine nicht zu helfen, probieren wir etwas anders. Habe ich heute kein Bock auf die eine Methode, nehme ich halt die andere. Gegen solchen unkritischen Pragmatismus und gegen solche Befindlichkeitsorientierung bleibt festzuhalten, daß niemand sich das Recht herausnehmen sollte, andere Men-schen zu »behandeln«, der nicht der begründeten Überzeugung wäre, die eingeschlagene Behandlung sei richtig. Die Gestalttherapie hat zwei Kennzeichen, die, wiewohl vielfach verschüttet, sie herausheben sowohl aus dem Eintopf der »Humanistischen Psychologie« als auch aus der psychoanalytischen und behavioristischen Konkurrenz. Die zwei Kennzeichen, die ich im vorliegenden Buch herausarbeite, sind die Fähigkeit zur Selbstreflexion und das Konzept der Selbstbegrenzung. Sie lauten zusammengefaßt:

Selbstreflexion. Die Gestalttherapie ist die einzige Psychotherapie, bei der die Reflexion über die sozialhistorische Verursachung sowohl der Leiden, die nach Therapie verlangen, als auch des dazugehörigen Berufsstandes fester Bestandteil ist. Die klassischen Therapeuten seit Freud behandelten ihre je-weiligen wissenschaftlichen Erkenntnisse, als seien es Entdeckungen ewiger Konstanten wie das Gravitationsgesetz. Moderne Psychotherapien ignorie-ren hartnäckig soziologische Einsichten und reagieren auf die gegebenen Klienten, als seien sie Exemplare der unwandelbaren Spezies Mensch. Die Gestalttherapie analysiert dagegen, welche sozialen Zusammenhänge den Leidensdruck erzeugen, der einen Menschen zum Klienten werden läßt, sowie die gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen Therapeuten als Berufsstand hervorgebracht werden (vgl. Kapitel »Reflexion 1: Therapeut – Beruf oder Rolle?«). Durch diese Analyse konfrontiert sich die Gestalttherapie mit dem »therapeutischen Paradox« (vgl. Kapitel »Reflexion 3: Soziale Leiden individuell heilen?«): Die Klienten kommen zum Therapeuten, um unter den herrschenden sozialen Bedingungen weniger leiden zu müssen und besser funktionieren zu können; der Therapeut darf Heilung letztendlich jedoch nur durch eine Veränderung der Bedingungen versprechen, die weder der Klient noch er selbst herbeizuführen in der Lage ist. Leichter therapiert es sich natürlich ohne Einsicht in das Paradox. Naivität allerdings läßt den Therapeuten zum passiven Spielball der Verhältnisse werden. Nur Selbstreflexion verleiht uns die Kraft, angemessen zu handeln (vgl. Kapitel »Reflexion 4: Eine Ethik der Gestalttherapie?«).

Selbstbegrenzung. Aus der Selbstreflexion resultiert das spezifisch gestalt-therapeutische Konzept der Selbstbegrenzung. In der Therapie kann es nicht darum gehen, einen »natürlicherweise« unmündigen Klienten zur Mündigkeit zu führen (vgl. Kapitel »Definition 2: Neurose«). Vielmehr muß die Therapie die sozialen Bedingungen bekämpfen, die das natürliche Mündig-Sein oder Mündig-Werden des Klienten verhindern oder verhindert haben (vgl. »Reflexion 2: Macht und Sexualität in der Therapie?«). Selbstbegrenzung ist nicht die übliche psychotherapeutische Haltung: Die Psychoanalyse meint, den Klienten über dessen Leben aufklären zu können und zu müssen. Die Charakteranalyse nach Wilhelm Reich überstülpt dem Klienten ein vorgefertigtes Bild von Gesundheit. Die Verhaltenstherapie und die Bioenergetik manipulieren beide – wenn auch auf ganz unter-schiedlichen Grundlagen – ungeniert am Klienten unter Umgehung von dessen Bewußtseins. »Humanistische« Psychotherapien terrorisieren die Klienten mit der unrealistischen Behauptung, alles was in ihrem Leben geschehe, sei deren »eigene Verantwortung«. Die Familientherapie schwingt sich auf, »Lösungen« für Klienten zu suchen. Das gestalttherapeutische Konzept der Selbstbegrenzung ist übrigens nicht zu verwechseln mit dem moralischen Zeigefinger der psychotherapeutischen »Ethik-Kommissionen«. Die Selbstbegrenzung wird der Gestalttherapie nicht beigegeben, sondern sie folgt »intrinsisch« aus der inneren Logik des Ansatzes.

Was ist die »ursprüngliche« Gestalttherapie?

Die Gestalttherapie wurde Ende der 40er Jahre durch eine Gruppe begründet, in der die Psychoanalytikerin Lore Perls und der Schriftsteller Paul Goodman die kreativen Köpfe waren. Beide verfügten über ein stark philosophisch geprägtes Interesse und legten besonderen Wert auf den dialogischen und reflek-tiven Charakter der neu formulierten Psychotherapie.

Die Popularisierung der Gestalttherapie in den 60er Jahren ging hauptsächlich von Fritz Perls aus. Goodman war in der Zeit mehr politisch engagiert, während die stille therapeutische Arbeit von Lore Perls weniger Aufsehen erregte. Der Charismatiker Fritz Perls war kaum theoretisch interessiert und legte eher Wert auf die Entwicklung eines eigenen therapeutischen Instrumentariums.

Obgleich das Instrumentarium von Fritz Perls die eigentliche theoretische Begründung in den Hintergrund treten ließ, stiftete es soetwas wie eine gestalttherapeutische Identität. Sie ging erst in der Welle der »Humanistischen Psychologie« verloren. Die Entwicklung von Fritz Perls’ instrumenteller Iden-tität der Gestalttherapie hin zur Identitätslosigkeit war konsequent: Denn wenn Gestalttherapie nichts anderes als ein Arsenal von eigenwilligen Methoden darstellt, ist es nicht mehr einzusehen, warum nicht weitere Methoden in das Arsenal eingestellt werden können.Der Verlust gestalttherapeutischer Identität hat die unbequemen Anteile der ursprünglichen Theorie abgespalten. Da die unbequemen Anteile wie z.B. das therapeutische Paradox jedoch notwendig sind, damit Therapie die angemessene Reaktionsform auf sozial verursachten, aber individuell erlebten Leidensdruck sein kann, führt die Abspaltung zu einer Verflachung des therapeutischen Handelns selbst. Immer neue therapeutische Moden müssen ins Rennen geschickt werden, um die zufriedenen, aber ungeheilten Klienten erneut in Behandlung nehmen zu können. Schließlich werden die Moden sich selbst überrollen und die Welle läuft ins Leere.In dieser Situation gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder mitmachen bis zum bitteren Ende oder Besinnung auf die Ursprünge. Besinnung auf die Ursprünge meint nicht unkritisches Nachbeten alter Formeln, sondern gerade die Wiederbelebung des kritischen philosophischen Dialogs.

Wofür Theorie?

Theorie benennt Zusammenhänge. Wenn die Gestaltpsychologie recht damit hat, daß Wahrnehmung immer schon die Wahrnehmung von Einheiten sei, kann die modische Entgegensetzung von Sinnlichkeit und Denken nichts hergeben. Die Wahrnehmung komplexer Wirklichkeiten beinhaltet immer schon Theorie. Darum kann Theorie nicht vermieden, sondern bloß verdrängt werden. Verdrängung der Theorie führt dazu, daß unbewußt die jeweils herrschende Theorie übernommen wird.Dagegen besteht Theorie nicht darin, beliebige Definitionen sinnlos aneinanderzureihen. Jemand, der sich als Theoretiker der Gestalttherapie ausgibt, meint beispielsweise, das ursprüngliche Konzept des »Selbst« dadurch ergänzen zu können, daß er eine Vielzahl von »Selbsten« in jedem Menschen annimmt. Daran ist nicht auszusetzen, daß damit das ursprüngliche Konzept verändert wird. Weiterentwicklung hat es selbstverständlich nötig, um lebendig zu bleiben. Daß aber jener Autor nicht erklärt, wie der durch die »Selbste« gekennzeichnete Mensch dazu kommt, gleichwohl »Ich« zu sagen, zeigt seine theoretische Unbedarftheit. (Anmerkung für philosophisch Interessierte: Es ist übrigens durchaus möglich, das Subjekt aufgelöst zu denken, wenn dies auch den Rahmen nicht nur der Gestalttherapie, sondern der Psychotherapie generell sprengt. Die Philosophie Michel Foucaults kann als ein solcher Ansatz gelesen werden.)Um die ursprüngliche Identität der Gestalttherapie erneut zur Diskussion zu stellen, werde ich in dem »Leitfaden, ›Gestalt Therapy‹ zu verstehen« dazu anleiten, das Buch »Gestalt Therapy« von 1951 durchzukauen. Das ist ganz wörtlich zu verstehen. Bisweilen werden wir uns durchbeißen müssen. Aber die, die zu kauen verstehen lernen, werden ungeahnte Nahrung für ihre Seelen finden. Mit Nahrung für die Seele meine ich nicht Kopflastigkeit. Das Auswendiglernen von Lehrsätzen belastet den Theoriebegriff in der gesamten Psychotherapie. Wahre Theorie dagegen läßt uns in einer bestimmten Weise in der Wirklichkeit sein, nämlich in der Weise, die sich nicht blind den Sachzwängen der bestehenden Praxis unterwirft, sondern Freiräume für Veränderungen und Bedürfnisse schafft. Diese Befreiung von den Sachzwängen ist körperlich zu spüren und sie folgt dem körperlichen Bedürfnis nach Spontaneität, Selbstorganisation und Selbständigkeit.

 Praxisadressen von Gestalttherapeuten/-innen

 
Der Autor:

Foto: Stefan Blankertz
Foto: Hagen Wilsch

Stefan Blankertz ist Sozialwissenschaftler und Schriftsteller (www.stefanblankertz.de). Er arbeitet als Theorietrainer am »Gestalt-Institut Köln (GIK)«. In enger Zusammenarbeit mit dem GIK hat er das computergestützte, auf der Gestalttherapie basierende Diagnose-Instrument »Gestalttypen-Indikator GTI« (www.gti-coaching.de) entwickelt. Mit Erhard Doubrawa verfasste er das »Lexikon der Gestalttherapie«, das ebenfalls in der Edition GIK im Peter Hammer Verlag erschienen ist.

Weitere Buchveröffentlichungen in der Edition GIK: »Verteidigung der Aggression: Gestalttherapie als Praxis der Befreitung«, »Wenn der Chef das Problem ist. Ein Ratgeber«, »Meister Eckhart: Heilende Texte (kommentiert auf dem Hintergrund der Gestalttherapie), »Die Therapie der Gesellschaft«, sowie - gemeinsam mit Erhard Doubrawa - »Einladung zur Gestalttherapie. Eine Einführung mit Beispielen«.

Bitte beachten Sie auch die zahlreichen Beiträge des Autors in unserer Zeitschrift "Gestaltkritik" (alle Texte in voller Länge online).

Cover: Gestalt begreifen

Stefan Blankertz
Gestalt begreifen
Ein Arbeitsbuch zur Theorie der Gestalttherapie

4., überarbeitete und erweiterte Auflage 2011

Dieses Buch will die Frage beantworten, wie gestalttherapeutische Praxis und gesellschaftskritische Theorie miteinander verzahnt sein müssen,
damit aus Gestalttherapeutlnnen nicht Anpassungstechnikerlnnen werden.
Es ist die Quintessenz aus mehr als 40 Jahren Studien zu Paul Goodman, dem Mitbegründer der Gestalttherapie, über 30 Jahren Reflexion therapeutischer Theorie
und 20 Jahren Erfahrung in der Aus- und Weiterbildung von GestalttherapeutInnen.

Herausgegeben von Anke und Erhard Doubrawa
Edition Gestalt-Institut Köln / GIK Bildungswerkstatt
im Peter Hammer Verlag, 4. Auflage, Wuppertal 2011

176 Seiten, A 5, broschiert, 22,90 Euro

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