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Detlev Kranz
Schwarze Psychosomatik

Aus der Gestaltkritik

Gestaltkritik - Die Zeitschrift mit Programm aus dem Gestalt-Institut Köln
Gestaltkritik (Internet): ISSN 1615-1712

Themenschwerpunkte:

Gestaltkritk verbindet die Ankündigung unseres aktuellen Veranstaltungs- und Weiterbildungsprogramms mit dem Abdruck von Originalbeiträgen: Texte aus unseren "Werkstätten" und denen unserer Freunde.

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 Hier folgt der Abdruck eines Beitrages aus der Gestaltkritik (Heft 1-2004):

Foto: Detlev Kranz(Detlev Kranz)

Detlev Kranz
Schwarze Psychosomatik

 

In unserer Zeitschrift sind bereits zwei weitere Beiträge von Detlev Kranz erschienen:

Der Herausgeber

 

Vorspiel

Ich glaube, es ist sinnvoll, einen kritischen Blick auf das zu werfen, was unter dem Oberbegriff ›PSYCHOSOMATIK‹ eine zunehmende Rolle spielt in unseren Vorstellungen und in unserem Umgang mit den Konzepten von Krankheit und Gesundheit und ihrer Konstruktion, und - was weitaus bedeutsamer ist: im Umgang mit uns und anderen als erkrankten Menschen.

Ich glaube, es könnte gerechtfertigt sein, von der Existenz einer ›SCHWARZEN PSYCHOSOMATIK‹ zu sprechen, in Anlehnung an den von Alice Miller Anfang der 1980er Jahre entwickelten Begriff einer "Schwarzen Pädagogik".

Zeigt die Erforschung der Schwarzen Pädagogik, wie Kinder unter die Machtausübung der Erwachsenen geraten, und wie diese Machtausübung und der Missbrauch der Kinder für die Interessen der Erwachsenen durch die Erwachsenen verschleiert wird, so dass sie gezwungen werden, zu lernen "nichts zu merken", so könnte man die Schwarze Psychosomatik als das Vorgehen, als die Verfahren und Erklärungsmodelle/-prozesse bezeichnen, die dem Patienten verschleiern, inwieweit er und seine Erkrankung Objekt von Machtausübung durch Ärzte, Therapeuten etc. ist, die diese Macht über ihn ausüben - wobei ein Aspekt darin liegt, dass sie nicht Tatsachen feststellen, sondern Bewertungen und Bedeutungszuschreibungen vornehmen, und diese als Tatsachen ausgeben.

 

Und wobei u.a. DIES ein Teil dessen ist, was der Patient nicht merken soll:

- nämlich DASS der Arzt/Therapeut Glauben/Bewertung als Tatsache ausgibt,

- dass oft Unwissenheit auf der Seite von Arzt oder Therapeut besteht ( - und damit verbunden die Abwehr des Arztes/Therapeuten, sich selbst als unwissend/unsicher/unzureichend etc. zu erleben),

- dass eine persönliche "Befriedigung" für den Arzt/Therapeuten darin liegt, sich selbst als machend, mächtig, wissend und beherrschend sowie sich selbst als GESUND, der Norm entsprechend zu erleben, - und er den KRANKEN Patienten dafür benötigt.

Unter der Vorherrschaft verschiedener Konstruktionsmuster, die selbst nicht mehr hinterfragt werden, (obwohl sie durchaus fragwürdig sind), wird munter heruminterpretiert und mehr oder weniger willkürlich, mehr oder weniger spekulativ, Bedeutung zugewiesen.

Eins dieser Muster heißt "Krankheit als Sprache (oder Botschaft)". Nach der Zulässigkeit einer solchen Verbindung fragt niemand, und vorgegangen wird mit hinreichend naiver hermeneutischer Sorglosigkeit, wobei eine saubere Hermeneutik das mindeste wäre, was man im Zusammenhang mit Sprache und Verstehen an den Tag legen sollte.

Das kann soweit gehen, dass beim Krankheitsbild der Multiplen Sklerose tatsächlich vom Begriff "Sklerose" = "Verhärtung" auf eine "verhärtete Persönlichkeitsstruktur" der an Multipler Sklerose erkrankten Menschen geschlossen wird.

Besonders bei psychosomatischen Medizinern, die sich in einem weiteren Sinne auf die Psychoanalyse stützen, erscheint ein anderes, ausgesprochen problematisches Vorgehen, speziell in Lehrbüchern und Überblicksartikeln.

Es geht um Theorie-Vereinfachungen: Mir werden zunehmend die schematischen psychoanalytischen Modelle ein Ärgernis. Vereinfachend und reduzierend, Theorie und Mensch - den jeweiligen Menschen GEGENÜBER; bis hin zu fast mechanischen Ableitungen in dürren Theoriegerüsten, bei denen nicht mehr reflektiert wird, dass es sich hier um Modelle handelt, nicht eins-zu-eins Wirklichkeit, geschweige denn "Wahrheit". Und wo nach dem Sinn der vorgenommenen Bedeutungszuschreibungen gar nicht mehr gefragt wird, auch nicht nach ihrem wertenden also normativen Charakter, und erst recht nicht nach empirischer Fundierung ...

 

Dies als erste Schlaglichter ...

In den Oberbegriff "Psychosomatik" gehen ein

- an dem einen Pol Schulmedizin, speziell Psychiatrie und psychologische, psychotherapeutische Medizin, Psychologie, Psychotherapie

- sowie an dem anderen Pol die sich esoterisch verstehende Medizin, esoterische Psychosomatik,

esoterische Therapie

 

Knotenpunkt einer kritischen Betrachtung ist das Problem der MACHT, der Machtausübung, Herrschaft und Beherrschung - so oft ausgeblendet und unreflektiert.

Und als Folge:

die Vermischung, Verwirrung und Verwechslung von:

- Tatsachen auf der einen Seite, Meinungen auf der anderen,

- Wissen hier, Glauben da,

- gesichertes Wissen <-> Bewertung, Beurteilung, Verurteilung,

- möglichst unvoreingenommene Beschreibung der Phänomene <-> subjektive Bedeutungszuschreibung und Interpretation,

- etc. etc.

 

Die Vielzahl von medizinischen, psychiatrischen und psychotherapeutischen Fachartikeln, die ich in den letzten Jahren gelesen habe, haben mich erschrecken lassen angesichts der Vielfalt von subjektiven Konstruktionen, Meinungen, Bewertungen, die als gesichertes, quasi-objektives Wissen dargestellt wurden.

Am Grunde dieser Vorgänge liegt die Frage nach den Bedeutungen selbst, nach der Gültigkeit zugeschriebener Bedeutungen, und welche Bedeutung sich gegenüber einer anderen, abweichenden durchsetzt,

- damit sind wir mitten im Problem der Macht als DEFINITIONS-MACHT.

Wer hat die Macht, unter welchen Umständen, mit welchen Mitteln, was als GELTEND durchzusetzen

******

 

- am Beispiel: Multiple Sklerose

Die Multiple Sklerose (MS) ist eine entzündliche Erkrankung des Zentralen Nervensystems, die ganz unterschiedlich verlaufen kann, und die meist im frühen Erwachsenenalter beginnt. Dabei treten im Gehirn und im Rückenmark an den Nervenbahnen verstreut Entzündungen auf, die zu einer Störung der Weiterleitung der Signale vom Gehirn her führen; wobei unterschiedlichste Krankheitserscheinungen entstehen können.

Die Erkrankung ist derzeit nicht heilbar, wenn auch für verschiedene Krankheitserscheinungen, verschiedene Symptome, Behandlungsmöglichkeiten bestehen.

Die Ursachen der Erkrankung sind bisher nicht geklärt. Es gibt jedenfalls keinerlei Hinweise auf eine psychosomatische Verursachung im engeren Sinne.

Dennoch kann man sich manchmal des Eindrucks nicht erwehren - schaut man sich die verschiedensten Veröffentlichungen zu dem Thema an -, dass - oft von Patienten selbst, mit unterschiedlicher, mal mehr mal weniger fachkompetenter Unterstützung - eine psychosomatischen Verursachung geradezu herbeigesehnt wird.

Das Etikett ›Psychosomatik‹ scheint ›doch-noch-Beeinflussbarkeit‹ zu suggerieren.

Kann man die Psyche als mit- oder vollständig ursächlich ansehen, so ergibt sich die Hoffnung auf Einflußmöglichkeit, auf Handlungsfähigkeit, auf Behandelbarkeit; eine Hoffnung auf Manipulation von Seele und Geist mit Hilfe des umfangreichen Repertoires von Psychotherapie, esoterischen Ritualen oder magischen Techniken.

Bitte, selbstverständlich ist der Wunsch, einer nicht geklärten, nicht heilbaren Krankheit (mit zum Teil erheblichen, behindernden Auswirkungen auf das persönliche Leben) nicht einfach hilflos ausgeliefert zu sein, völlig nachvollziehbar und natürlich. Ich bin weit entfernt davon, erkrankten Menschen ihr Bedürfnis auf Hoffnung und Zuversicht absprechen zu wollen,

aber:

leider offenbart die gewünschte Etikettierung als ›psychosomatisch‹ allzu oft, allzu schnell, eine dunkle Seite, eine rabenschwarze Kehrseite:

man "kauft" dadurch die immer noch vorhandene Abwertung, die Diffamierung durch Teile der etablierten Medizin, Psychiatrie, psychosomatischen Medizin genauso wie die durch Teile der Psychoanalyse, Psychotherapie, der verschiedenen Formen von Esoterik oder spirituellen Systemen mit ein:

Die herabsetzende Pathologisierung des "Du-bist-nicht-in-Ordnung", des "Du-bist-selbst-schuld-an-der-Krankheit", des: "Du-bist-unreif/defekt/nicht-vollständig/-nicht-für-voll-zu-nehmen";

nicht immer und in jedem Fall, erfreulicherweise, aber leider doch viel zu oft.

Der Arzt, Therapeut o.ä., der auf den ›Psychosoma-

tik‹-Zug aufspringt, profitiert auf seine Weise von diesen Konstruktionen: er kann Nicht-Wissen, Unsicherheit, Gefühle von Unzulänglichkeit, gar Hilflosigkeit und Ohnmacht auf seiner Seite füllen durch neue Vorstellungen, Bedeutungskonstruktionen und Interpretationen, die oft IHM helfen, Allmachtsphantasien oder ein Erleben von Kontrolle aufrecht zu erhalten; - und dem PATIENTEN, der sich diesen Definitionen unterwirft, geben sie eine Hoffnung auf Machbarkeit, Kontrollierbarkeit einer schwer zu bewältigenden Lebenssituation.

Mir scheint folgendes der Fall zu sein:

Jubelnd stürzen sich seit geraumer Zeit so genannte Psychosomatiker (egal ob psychologische oder medizinische) auf all die Erkrankungen, die nicht oder nicht vollständig schulmedizinisch in ihrer Ursächlichkeit geklärt, und nicht oder nur unzureichend heilbar sind. Und sie füllen die Lücken mit ihren pathologisierenden Phantasien (egal, ob sie sich dabei traditioneller, etablierter Phantasien wie die Psychoanalyse oder neuer, "esoterischer" Phantasien bzw. Phantastereien bedienen, oder ihre eigene, willkürliche benutzen); - und bürden den geplagten kranken Menschen nun zusätzlich noch das Stigma der psychischen Störung, der psychischen Defizite oder der Fehlentwicklungen auf, und leiten die Auseinandersetzung mit der Erkrankung in neue, zusätzliches Leid schaffende Bahnen.

(Ich zeige später dazu einige Beispiele).

Aus der verheerenden Tradition der Schulmedizin, alles, was sie zu einem gegebenen Zeitpunkt organisch/körperlich nicht erklären konnte, der Psychiatrie als psychiatrische Erkrankung zuzuweisen, und damit die Psychiatrie zum Mülleimer der somatischen Medizin zu machen, - in grandioser Verachtung des Geistig-Seelischen, erheben sich nun so genannte Psychosomatiker und Psychotherapeuten und tragen umgekehrt Geist und Psyche in den Himmel der Allmächtigkeit.

Mit ähnlicher Hybris wird von dieser Seite die Allmacht des Geistig-Seelischen gepredigt, und wer krank wird und nicht mehr gesund, ist eben geistig-seelisch nicht potent genug, und wird mit neuen Unfähigkeits- und Unzulänglichkeitsvorwürfen (explizit oder implizit) diffamiert, gedemütigt und aufs neue und zusätzlich gekränkt.

Dabei soll all dies gar nicht in Abrede stellen, dass die Lebenssituation des Erkrankens und des Krankseins zu neuen Kränkungen führen kann, bei denen psychotherapeutische Unterstützung hilfreich sein kann. Oder dass die Bewältigung dieser Lebenssituation oder das Finden eines neuen Lebenswegs mit der Krankheit durch psychotherapeutische Unterstützung erleichtert werden kann. Aber darum geht es nicht, jedenfalls nicht vorrangig.

Damit wirklich keine Missverständnisse aufkommen, hier noch einmal ausdrücklich:

Ich betrachte "psychische Erkrankungen" nicht als Makel, sie sind wie "körperliche Erkrankungen" Teil unseres Lebens. Es ist jedoch gut zu wissen, wann was vorliegt, um in gewissem Rahmen, lindernd eingreifen zu können, manchmal auch "heilend" (Ein weiterer problematischer Begriff).

Und es ist genauso wichtig, über tatsächlich existierende Zusammenhänge, Wechselspiele von Körper, Geist und Seele bescheid zu wissen und diese gründlich und verlässlich zu erforschen, um zu intersubjektiv überprüfbaren, gesicherten Erkenntnissen zu kommen.

Ich habe inzwischen genügend berechtigte Zweifel, ob dies bei einer Vielzahl psychosomatischer Vorstellungen wirklich der Fall ist.

Dies gilt, um zum genannten Beispiel MS zurückzukommen, auch hier, wenn MS als psychosomatische Erkrankung behauptet wird.

(Oft auf dem Hintergrund dessen, was ich Stammtischpsychosomatik und Trivialesoterik à la Dethlefsen, Dahlke u.a. nenne - wo es quasireligiös um "Glauben" geht, - man muss das, was sie sagen, GLAUBEN, es kommt nicht aus gesicherter Erkenntnis, Forschung, Untersuchung).

So ist dies mein Hauptanliegen, als Teil eines Weges fern von Schwarzer Psychosomatik: dass, wenn eine psychische (Mit)Verursachung einer körperlichen Erkrankung (meine Kurzdefinition von psychosomatischer Erkrankung) behauptet wird, dies auch plausibel und überprüfbar belegt und nachgewiesen wird.

Ich stieß u.a. auf eine Zeitschrift: "Forum Psychosomatik. Zeitschrift für psychosomatische MS-Forschung", die als ihre Nummer 1 / 2000 einen Sonderband herausgegeben hat. (1)

Die Selbstherrlichkeit und die Anmaßung, das völlige Fehlen von kritischer Distanz zu Prozessen von subjektiver Bedeutungs-Konstruktion und Bedeutungs-Zuschreibung, zu subjektiver Bewertung und Interpretation, zu Stigmatisierung und Ausgrenzung, die ich in einigen der Artikel vorfand, erscheint mir wirklich erschreckend.

Das Vorgehen, Bedeutungen zu KONSTRUIEREN und kranken Menschen ZUZUSCHREIBEN, wird als solches gar nicht wahrgenommen, - gerade auch wenn sich Autoren auf tradierte Bedeutungskonstruktionen wie die Psychoanalyse berufen

Ich will Beispiele geben.

Zunächst dies:

In dem oben angesprochenen Sonderband der Zeitschrift "Forum Psychosomatik" gibt es einen Artikel eines "Psycho- und Körpertherapeuten", in dem man folgendes lesen kann (S. 22ff):

"Esoterische Medizin sieht die Krankheit als eine Schöpfung des wahren Selbst, die den Patienten auf die innere emotionale Realität aufmerksam machen will."

Und dann:

"Um die Krankheit überflüssig zu machen, muss man lernen, sich mit dem inneren Organ anzufreunden"

-- War irgend jemand je "in Feindschaft" mit einem seiner inneren Organe?

Weiter:

"In einem Dialog wird es (das Organ; D.K.) einen zu den ›vergessenen‹ Gefühlen führen. Wenn man es wagt, diese Gefühle zu integrieren, wird die Notwendigkeit zum Kranksein verschwinden."

Das ist Unfug! Es ist auch in einem engeren, psychotherapeutischen Sinne fehlerhaft: Bei diesem "Dialog" würde eine Person ihre PHANTASIE über sich selbst mit ihrer PHANTASIE über ein Organ in einer durch diese Person VORGESTELLTEN Weise sprechen lassen.

In einem guten psychotherapeutischen Setting kann dies zu interessanten Informationen der Person über sich selbst führen, aber es handelt sich dabei um ein Geschehen auf inner-psychischer Ebene (und sozialer, falls es in der Arbeit mit einem Therapeuten geschieht).

Jedoch wird NICHT reales, organisches Krankheitsgeschehen erforscht!

Die vom Autor hier geäußerte Grundannahme ist das Problem: dass nämlich die ›wirkliche‹ Ursache der Erkrankung im Geistig-Seelischen liegt, und dass er dies als Tatsache darstellt, NICHT als das, was es ist: SPEKULATION; wildes Hineingedeute in Krankheitsprozesse.

Das Problem anders ausgedrückt:

1. Die neue Allmächtigkeits-Behauptung in Bezug auf das Geistig-Seelische (implizit oder explizit), die es in vielen Publikationen des ›psychosomatischen Marktes‹ gibt, die bei diesem Autor allerdings in besonders deutlicher, krasser Form zum Vorschein kommt.

2. Die Vorstellung, man könne in körperlicher Krankheit einen psychischen Lösungsversuch sehen. Neben dem Muster "Krankheit als Sprache/Botschaft" das weitaus beliebteste.

Damit es auch an dieser Stelle kein Missverständnis gibt: ich schätze sehr die Zunahme ganzheitlichen Denkens, und ich vertrete auch grundsätzlich die Auffassung einer Einheit von Körper, Geist und Seele. Aber es ist unzulässig, jeder Erkrankung zu unterstellen, sie sei ein von der Psyche ausgehender Lösungsversuch; und wenn man es nicht JEDER Erkrankung unterstellt, muss man die Unterscheidungskriterien plausibel machen können.

Wenn überhaupt, wann und unter welchen Umständen, Bedingungen, etc. ist eine körperliche Erkrankung ein körperlicher Lösungsversuch für psychische Geschehnisse? Und in welchem Maße? Ist die Art der monokausalen Ursachen-Zuschreibung generell überhaupt zulässig? (Wohl kaum.)

Was ist in Bezug auf diese Fragen WIRKLICH wissenschaftlich geklärt, in einer Weise, dass wir es als wahr annehmen können?

Der angesprochene Autor geht sogar soweit, offensichtlich durch das komplexe Krankheitsgeschehen vor Ort am Organ entstehende Nervenschädigungen mit ihren körperlichen Auswirkungen dem Patienten als unbewusste Willensäußerung zu unterstellen:

"Einige MS-Patienten leiden unter Spastik oder Zittern der Gliedmaßen. Die unausgesprochene Botschaft hinter diesen Symptomen scheint folgende zu sein: Ich will mich nicht für Dich bewegen."

Danke, das reicht. Das ist diffamierend.

Doch er ist - wie bereits angedeutet - damit in bedeutender Gesellschaft. Die der Psychoanalyse verpflichteten Autoren können das Diffamierungsgeschäft auf ihre Weise auch.

Ein weiteres Beispiel aus dem Sonderband.

Die Tatsache, dass es sich hierbei um eine Diplomarbeit handelt, macht die Aussagen nicht ›verzeihlicher'. (Die Autorin gibt an, ihre "Hypothesen zu einem Arbeitsmodell zur Pathogenese der multiplen Sklerose" basierten "auf der Grundlage von Mitscherlichs psychosomatischem Konzept zur Chronifizierung von Krankheiten" sowie den "relevanten Erkenntnissen der psychosomatischen MS-Forschung" und zehn Gesprächen mit EINEM MS-Patienten, die "mit einer Psychoanalyse und Supervision nachbesprochen und psychoanalytisch ausgewertet" wurden.)

Zitate:

(S. 80ff): "Der psychosomatischen Erkrankung an einer multiplen Sklerose geht eine psychoneurotische Fehlentwicklung voraus, die sich symbolisch in einer primitiven affektiven Körpersprache erhält..."

Oder: "Der MS-Betroffene regrediert physiologisch auf ein infantiles Niveau motorischer Aktivität ...Die regressiven Vorgänge gehen einher mit einer Ich-Verarmung."

Hallo! Gemeint sind Auswirkungen der organischen Schädigungen an den Nervenbahnen! Ein übrigens sehr komplexes organisches Geschehen.

Das ist pure Be- bzw. Abwertung, Herabsetzung.

Mal abgesehen davon, dass es so etwas wie die von der Psychoanalyse behauptete Regression gar nicht gibt, muss man sich als kranker Mensch solche herabsetzenden Etikettierungen ja nicht unbedingt bieten lassen.

Dies ist nicht FORSCHUNG, sondern angewandte DEFINITIONS-MACHT (mehr oder weniger, je nachdem ob sie von einem Examenskandidaten oder einem Professor vorgetragen wird, oder von einem amtlichen Gutachter etc.)

Es gibt ein Grundproblem für die erkrankten Menschen selbst: wenn man sich einer Krankheit hilflos ausgeliefert fühlt (weil z. B. die Schulmedizin keine Heilung bereithält), mag es verlockend sein, an die (All)Macht des Geistig-Seelischen zu glauben, und damit an die Machbarkeit des Sich-heilens, wenn man denn nur die "richtigen" Dinge tut - auf geistig-seelischer Ebene - "richtige" Therapie, oder "richtiges" Entschlüsseln der "Botschaft" oder "richtige" Meditation etc.; - aber man zahlt für solch einen Glauben einen hohen Preis:

wenn man denkt, man könne auf diese Weise etwas schaffen (dass also die Möglichkeit besteht), kommt man nicht umhin, - wenn denn die "Heilung" ausbleibt, sich als Versagender zu erleben, ein weiteres, ein neues Mal als "irgendwie doch wohl FALSCH".

Es gehört jedoch schlicht und einfach zu unserer Existenz als Menschen, dass nicht alles machbar ist, dass wir einen großen Teil unseres Leben nicht unter Kontrolle haben, dass wir nicht alle Ziele erreichen können, auch wenn wir wollen.

Das mag auf den ersten Blick schrecklich sein, aber es ist wahr. Wir sind als Menschen verletzliche, unzulängliche Wesen - und daher brauchen wir einander in unserer Mitmenschlichkeit zum Trost und zur Unterstützung - wenn überhaupt, dann verweist uns Kranksein auf genau dies ...

Was Krankheit in einem positiven Sinne leisten kann - wenn wir überhaupt davon sprechen wollen, angesichts des vorherrschenden, großen Leidens, je nach Erkrankung - ist, dass sie uns mit Fragen und Lebensaufgaben konfrontieren kann, die sich uns sonst vielleicht nicht in dieser Schärfe und Dringlichkeit gestellt hätten.

Aber ich möchte mich wirklich weit entfernt halten von einem Standpunkt, bei dem der Krankheit an sich etwas Gutes angedichtet wird - wie es manche Trivialesoteriker tun, die nun quasi fordern, man MUSS in der Krankheit etwas Gutes sehen.

Angesichts des Jugendlichkeits- und Körper-Perfektions-Kontroll-Wahns, der unsere Gesellschaft vernebelt, sollten wir eins nicht vergessen: Krankheit ist schlichtweg Teil unseres menschlichen Lebens, unausweichlich - früher oder später, mehr oder weniger; wir alle werden damit auf die eine oder andere Weise in Berührung kommen.

Und MANCHMAL trägt uns das Kranksein dann tatsächlich in Bereiche des Lebens, die wir sonst vielleicht nicht betreten hätten, - das mag dann gut sein, macht die Krankheit aber nicht attraktiver; letztlich kann jede menschliche Erfahrung, die uns trifft, genau dasselbe bewirken: uns in neue Bereiche führen, die uns tatsächlich innerlich bereichern, für uns selbst und für andere ... Aber es ist nicht notwendigerweise so.

In dem angesprochenen Sonderband gibt es - und das muss der Ehrlichkeit halber gesagt werden - auch andere Artikel. Ein positiv herausragender Beitrag stammt von dem Gestalttherapeuten Frank-M. Staemmler.

Er setzt sich mit der Frage auseinander, inwieweit es möglich ist, davon zu sprechen, ein Mensch sei selbst verantwortlich für seine Erkrankung (ein weiteres beliebtes Deutungsmuster).

Hier ein längeres Zitat (S. 36ff):

"Und damit entsteht die Frage der Grenzen der eigenen Verantwortung. Denn obwohl man immer auf die Verhältnisse antworten kann, in denen man sich befindet, kann man nicht jede denkbare Antwort geben, auch wenn man es noch so gerne würde. Kein Mensch kann sein Erbgut verändern - hoffentlich bleibt das so! -, keiner kann von heute auf morgen seine über Jahre hinweg gewachsene persönliche Identität völlig umkrempeln, keiner kann sich aller seiner Antworten bewusst sein oder werden, und keiner ist so allmächtig, dass er die sozialen Bedingungen oder die ökologische Umwelt allein nach seinem Gutdünken verändern könnte. Die Tatsache, dass wir für alles verantwortlich sind, was wir tun (in einem existentiellen Sinne des Antwortens, wie er vorher ausgeführt hat; D.K.) (einschließlich unserer Körperreaktionen und Gefühle), ist folglich keinesfalls gleichbedeutend damit, dass wir alles tun könnten, was wir gerne tun würden.

Es ist in bestimmten Teilen der ›Psycho-Szene‹ und mehr noch in Kreisen, die sich mit esoterischem Wissen beschäftigen, in den letzten Jahren Mode geworden, Krankheiten als etwas zu betrachten, das man ausschließlich durch die Macht des Geistes, durch ›positives Denken', durch die Überwindung psychischer Störungen, durch den Glauben an irgendeine ›Wahrheit‹ oder irgendeinen Gott beziehungsweise Gottersatz heilen könne. Ich halte das für eine Form des Größenwahns, dessen Mentalität mich eher an den Machbarkeitskult moderner Technokraten als an die Demut spiritueller Meister erinnert. Menschen sind ganzheitliche Wesen, das heißt sowohl die geistige als auch die psychische als auch die körperliche Ebene sind integraler Bestandteil ihres Seins. Natürlich gibt es Wechselwirkungen zwischen diesen Ebenen - deren genaue Mechanismen und Einflussgrößen noch überwiegend ein Geheimnis sind -, aber es gibt nach meiner Einsicht und Erfahrung keinen vernünftigen Grund anzunehmen, eine Ebene, zum Beispiel der Geist, habe absolute Macht über die anderen."

 

- Dilemma

Es gibt ein grundsätzliches Dilemma psychosomatischer Erkenntnisgewinnung genau dann, wenn sie versucht, bestimmte Merkmale der Persönlichkeit, psychische Strukturen, Konflikte, "Defizite" zu bestimmen, die ursächlich für eine Erkrankung sein sollen: man besitzt keine gesicherten, empirischen Untersuchungen der Persönlichkeit der Patienten VOR ihrer Erkrankung.

Untersuchungen NACH der Erkrankung - wenn man sie denn überhaupt sauber empirisch unternimmt - stehen vor der Frage, inwieweit bestimmte, auf Grund der Untersuchung festgestellte Merkmale nicht erst DURCH die Erkrankung und NACH der Erkrankung entstanden sind, sie also Auswirkungen des oft verheerenden und leidvollen Krankheitsereignisses und -prozesses selbst darstellen.

(Es sollte an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben, dass die Tatsache der Existenz einer empirischen Studie zu einer bestimmten Fragestellung auch noch keine Garantie für gesicherte Ergebnisse darstellt. Studien bedürfen der genauen Überprüfung; es kommt oft genug vor, dass Aussagen als durch die Studie belegt behauptet werden, diese aber - bei kritischer Betrachtung - unzulässig sind, also durch die Studie NICHT belegt werden.)

Machen wir die Problematik noch einmal anschaulich:

Vor rund zwanzig Jahren hat sich die Annahme einer so genannten "Krebspersönlichkeit" schlimm ausgewirkt. Viele Krebspatienten musten sich plötzlich mit dem verdeckten Vorwurf eines "selbst schuld seins" auseinandersetzen, zusätzlich zu ihrer schweren Erkrankung. Inzwischen wissen wir, dass es durch empirische Untersuchungen keinerlei Bestätigung für eine solche Annahme gibt.

Und so mag dies als Abschluss genügen ...

 

Anmerkung

(1) "Forum Psychosomatik. Zeitschrift für psychosomatische MS-Forschung" 1/2000, hrsg. v. der "Stiftung Lebensnerv. Stiftung zur Förderung der psychosomatischen MS-Forschung", Berlin; Sonderheft mit einer Fülle von Artikeln aus früheren Ausgaben, mit unterschiedlichster Qualität.

 

 Praxisadressen von Gestalttherapeuten/-innen

 Zum Autor:

Foto: Detlev Kranz(Detlev Kranz)

Detlev Kranz

geb. 1952; Lehrer für Gymnasien; Studium in Münster; lebt in Hamburg; Gestalttherapieausbildung bei Gerhard Selter (Münster) und Jerry Kogan, Marianne Fry, Michael Smith u.a. (Frankfurt, GENI); Arbeit u.a. als Wissenschaftlicher Angestellter in derHamburger Schulbehörde und als Lehrer und Betreuer in Projekten für arbeitslose Jugendliche.

In unserer Zeitschrift sind bereits zwei weitere Beiträge von Detlev Kranz erschienen:

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