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Heidi Schoeller
Von Konfluenz und Introjekt, vom schattenlosen Glück und der Beschaffenheit der Grenze
Eine kleine Reise in die Gleichzeitigkeit


Aus der Gestaltkritik 1/2007

Gestaltkritik - Die Zeitschrift mit Programm aus dem Gestalt-Institut Köln
Gestaltkritik (Internet): ISSN 1615-1712

Themenschwerpunkte:

  • Gestalttherapie und ihre Weiterentwicklung
  • Gestalttherapie als spirituelle Suche
  • Gestalttherapie als politische Praxis

Gestaltkritik verbindet die Ankündigung unseres aktuellen Veranstaltungs- und Weiterbildungsprogramms mit dem Abdruck von Originalbeiträgen: Texte aus unseren "Werkstätten" und denen unserer Freunde.

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  Hier folgt der Abdruck eines Beitrages aus der Gestaltkritik (Heft 1-2007):

Heidi Schoeller
Von Konfluenz und Introjekt, vom schattenlosen Glück und der Beschaffenheit der Grenze
Eine kleine Reise in die Gleichzeitigkeit

 

Foto von Heidi Schoeller, (c) Hilde Zemann(c) Hilde Zemann

 

In unserer Zeitschrift sind bereits folgende Beiträge von Heidi Schoeller erschienen:

Der Herausgeber

 

 

Nichts ist so nützlich wie eine gute Theorie“ (Kurt Lewin, „Field in Theory and Social Science“)

Wir schauen durch das Dach eines Einfamilienhauses in die Räume des Erdgeschosses: Küche, Essplatz und Wohnraum sind offen zueinander. Wir sehen vier Menschen: zwei Ältere, Mann und Frau, und zwei Jüngere, ebenfalls Mann und Frau – wohl zwei Paare.

Es ist Abend, überall brennen Lampen. Ess- und Wohnraum sind festlich geschmückt: Tannensträuße, kleine und große, teils mit Blumen, teils mit gläsernen und silbernen Anhängern versehen, und viele Kerzen stehen auf Fensterbänken, Simsen und Tischen.

Die beiden Männer stehen in der Küche, der ältere hantiert mit Töpfen und Pfannen am Herd und füllt Schüsseln und belegt eine Platte mit offensichtlich Köstlichem – den zufriedenen Gesichtern nach zu urteilen. Die junge Frau holt Sektgläser aus einem Schrank und trägt sie zu dem jüngeren Mann, der eine Champagnerflasche öffnet. Die ältere Frau deckt den Tisch. Jetzt nimmt jeder eines der gefüllten Gläser und alle trinken und reden miteinander. Sie tragen die Speisen zum Ess­tisch, setzen sich und füllen die Teller. –

Dann steht die ältere Frau mit ihrem gefüllten Teller und einem gefüllten Glas in den Händen auf, geht ins Wohnzimmer, stellt den Fernseher an, setzt sich aufs Sofa und fängt – fernsehend – an zu essen. Am Esstisch redet jetzt der jüngere Mann – offensichtlich erregt – in Richtung Wohnzimmer. Die ältere Frau sitzt weiter da wie vorher. Die Drei am Esstisch beenden nach einiger Zeit ihr Essen, der jüngere Mann geht ins Wohnzimmer, setzt sich auf ein zweites Sofa und redet mit der älteren Frau, sie antwortet ihm, er redet weiter, sie macht eine abrupte Bewegung in seine Richtung und sagt etwas. Der jüngere Mann steht auf und verlässt den Wohnraum, indem er die im Wohnraum befindliche Treppe hinaufsteigt ins erste Stockwerk.

Die ältere Frau hat jetzt einen anderen Gesichtsausdruck, sie schaut die Sendung zuende an, greift dann zum Telefon und spricht. Nach kurzer Zeit kommt der jüngere Mann wieder die Treppe herunter. Die ältere Frau sagt etwas zu ihm, er nickt, setzt sich wieder auf das zweite Sofa und lehnt sich zurück. Die ältere Frau redet eine längere Zeit lang. Der jüngere Mann sagt immer mal kurz etwas, ihre Gesichter sind bewegt, sie schauen sich an beim Reden und fangen nach einiger Zeit an zu strahlen.

Der ältere Mann und die jüngere Frau haben in der Zwischenzeit den Esstisch abgeräumt und in der Küche hantiert und dabei ruhig miteinander gesprochen. Jetzt kommen sie auch in den Wohnraum, bringen Gläser und eine Flasche Wein mit, und alle reden miteinander. –

Was hat sich da abgespielt? Es war natürlich etwas, was ich erlebt habe – in meiner Familie, speziell mit meinem Sohn. Wir hatten eine für alle gute Zeit miteinander, und dieses merkwürdige Erlebnis sollte zu einer für mich bedeutsamen Erweiterung führen.

Also hört: Wir waren tatsächlich – an einem der gemeinsam verbrachten Weih­nachtsferientage – kurz vorm Beginn des Abendessens. Wir alle lieben dieses gemeinsame Genießen, und es summte heiter zwischen uns, während jeder an einer anderen Stelle pusselte. – Plötzlich fiel mir – der älteren Frau – ein, dass in wenigen Minuten eine Sendung im Fernsehen beginnen würde, deren seichtem Erguss ich mich in den letzten Wochen immer wieder hingegeben hatte.

Der Konsum von Schrott ist von uns allen grundsätzlich toleriert, und manchmal stürzt diese schwebend-leichte Einigkeit jählings in einen Abgrund tiefsten Entsetzens – ein Vorgang, der in der Regel vergnüglich zelebriert wird.

Also, den Gedanken an diese Sendung im Hirn aufblitzen zu sehen, meinen gerade gefüllten Teller und das Glas zu schnappen, den Fernseher einzuschalten und mich genüsslich ins Sofa zu flätzen (doch, ich hatte die anderen beim Aufstehen noch beiläufig über mein Vorhaben informiert!) – das war eins! Mein Sohn protestierte heftig. Ich habe auch geantwortet, ziemlich gelassen und gänzlich unberührt.

Die Drei aßen zu Ende, ich schaute weiter, und dann setzte sich mein Sohn ins Wohnzimmer aufs andere Sofa. Er redete auf mich ein und an mich hin. Ich blieb freundlich, er hartnäckig und irgendwann war ich’s leid und sagte: „Jetzt reicht’s !“

Er stand auf und verließ den Raum. Mein genüsslicher Genuss begann abzuschwellen, ich wurde nachdenklich. Ich schätze meinen Sohn sehr, und ich mag sehr seine ernste Beharrlichkeit und seinen klaren Blick. In mir wendete sich etwas, ich lauschte dem nach, was er gesagt hatte – es schien noch in meinen Ohrmuscheln zu sitzen und nicht weitergekommen zu sein. Und während ich noch einmal – und diesmal wirklich – zuhörte, begann ich zu sehen, wie gnadenlos ich ihn und die beiden anderen ausgegrenzt, wie ich einen wesentlichen Teil von mir mit ihnen abgeschnitten hatte. Das, was ich jetzt sah, fügte sich zu dem, was ich bis dahin erlebt hatte – beides gehörte zusammen.

Ich spürte einen Schmerz, und ich wurde traurig, ich schämte mich und war angefüllt mit tiefem Bedauern.

Ich bat meinen Sohn, wieder herunter zu kommen. Er kam sofort und ich erzählte ihm von dem, was in mir vorgegangen war. Es entstand dann etwas sehr Schönes: eine Begegnung. –

 

Was war nun passiert? Neben dem Erleben, von dem ich Euch eben erzählt habe – und das ist in sich ein Geschenk gewesen –, hatte sich mein Blickwinkel erweitert, ich sah mehr auf einmal, ein größeres Feld. Ich beschreibe diese Weise der Erfahrung gern mit: ich habe etwas „fettgedruckt“ erlebt. Die Neugier packte mich, von dieser neuen Weise zu sehen Gebrauch zu machen – ich dachte an einen Fotografen, der ein neues Weitwinkelobjektiv bekommen hatte und darauf brannte, es auszuprobieren.

Genau so lockte es mich, wieder auf die Reise zu gehen – in die Welt der Theorie, um mit diesem neuen Blickwinkel ein weiteres Mal aufzunehmen, was ich zum Teil schon etliche Male vorher „durchgekaut“ hatte, in der Sicherheit, dass auch diesmal Nährstoffe in Hülle und Fülle da sein würden, bekannt und unbekannt – und dass sich auf köstlich überraschende Weise dabei wieder für mich neue Gestalten bilden würden, dass ich für mich Neues lernen würde.

Ich begann damit, das Geschehene noch einmal an mir vorüber ziehen zu lassen, dann in Büchern und Zeitschriften zu blättern, lesend darin zu versinken und dem zu folgen, was nach und nach in mein Gewahrsein kam.

Als erstes kam mir der Begriff „Konfluenz“ in den Sinn. Mir war nicht gleich klar, wer mit wem und was, aber der Begriff stand da und wich nicht. Ich hatte gelernt, an solchen Stellen einfach vertrauensvoll und vor allem neugierig zu verharren, denn allein das Auftauchen eines Gedanken oder einer Empfindung reicht, ihm oder ihr als Phänomen Raum zu geben.

Ich schaute also einfach weiter, ob sich etwas verdeutlichen würde. Konfluenz. Fehlen von Grenzen. Vermeiden von Unterschiedlichkeit. –

Womit war ich konfluent gewesen?

Ich erinnerte mich plötzlich an früher, an mein Zuhause: wie wir in der Familie, in der sehr schwierigen Familie, uns immer wieder abends vor dem Fernseher (das war für uns etwas sehr Besonderes, einen eigenen Fernseher zu haben, nicht mehr zu den Nachbarn gehen zu müssen, um fernsehen zu können) zusammengesetzt haben. Mein ungeselliger, sich sonst häufig absetzender Stiefvater bereitete mit Obst, Schnittchen und Süßigkeiten einen „bunten Teller“ – und das mit so viel Sorgfalt, dass es wirklich schmeckte wie Liebe. Meine Mutter genoss das sehr und wurde etwas weicher und zufriedener, und ich, ich war einfach so glücklich über diese Stimmung und Atmosphäre der Gemeinsamkeit, des Zusammengehörens, dass ich die Sendungen in der Regel alle sehr gemocht habe. Es war eine richtig sorglose Stimmung zwischen uns. Alles, was unsere alltägliche, ziemlich holprige Befindlichkeit miteinander ausmachte, war wie nie gewesen, wie weggeweht, kein Schatten fiel aus jenem Teil des Lebens herein. Diese Abende waren für mich völlig abgegrenzte Inseln familiärer Glückseligkeit. –

 

Ich begann, in der Literatur herumzustöbern und fand bei H.P. Dreitzel in dem Abschnitt über die „Bedeutung der Grundintrojekte und des biografischen Hintergrunds“ Folgendes: „ Es mag ... eine Weile dauern, aber allmählich werden die Konturen der introjizierten Grunderfahrung deutlich werden. Solche Grunderfahrungen steuern aus dem Hintergrund immer wieder die gegenwärtigen Kontaktprozesse ... mit. ... Grundintrojekte können auch generationsspezifisch sein, etwa wenn sich in ihnen bestimmte Kriegs- und andere Notstandserfahrungen niederschlagen. ...Sie werden zu Introjekten ... dadurch, dass sie nicht assimiliert werden konnten..... Aber oft sind es auch Erfahrungen relativ normaler Art, die dennoch das gegenwärtige Leben mit einfärben, weil sie sich im Laufe eines Lebens scheinbar immer wieder bestätigt haben.“(1)

Mit Sicherheit spielen beide Aspekte eine große Rolle in meiner Organisation: Zwei Weltkriege mit dramatisch einschneidenden Wirkungen in unserer Familie als nochmaliger Hintergrund für das Gewicht dieser konfluenten Gestaltung und Erfahrung. Das ist so. –

Konfluenz. Das Fehlen von Unterschiedlichkeit. „Die abwesenden Kontaktgrenzen gegenüber der Umwelt. ... Verminderung der Unterschiede ... Linderungsmittel ... oberflächliches Arrangement“ (2) – so steht es im „Lexikon der Gestalttherapie“ und genau so habe ich diese Situation erlebt, und genau das war meine bisherige Einsicht in das Wesen der Konfluenz.

Die alte introjizierte Grunderfahrung und die „Schrottsendung“ im Umfeld bildeten zusammen die Gestalt, und zwar auf diese konfluente Weise, die der Qualität des Prozesses der Grunderfahrung entsprach.

Aber da waren auch noch die anderen im Umfeld, allen voran mein Sohn. Mein neues Umfeld gleicht nicht dem alten von damals, und ich bin auch nicht mehr dieselbe wie damals – das ist die große Möglichkeit, die auch in der Therapiesituation zählt. Es gab außer dem Konfluenzbereich noch deutlich mehr, mehr, das mir zutiefst wichtig war und ist: die lieben Menschen - und die verschmolzen gerade nicht mit. Als mein Sohn nach meinem „es reicht!“ den Raum verließ, passierte etwas in mir, es war als würden sich Gewichte verlagern.

Ich stöberte weiter und stieß auf die Arbeit von Achim Votsmeier über „Grund­sätze der Gestalttherapie bei strukturellen Störungen“ und von dort verwiesen auf: Gestalttherapie und die „organismische Theorie“ – der Einfluss Kurt Goldsteins (Gestalttherapie 1/95).

Sie handeln – weiträumig gesehen – von Beiträgen zu Konzepten der Organisation des Organismus als Teil des Organismus-Umweltfeldes.

Bisher deutlich geworden war mein Erleben in einer konfluenten Situation und meine auf „Verschmelzung“ fokussierte Sichtweise von Konfluenz. - Sicher hätte es von mir her keinen Anlass zur Erweiterung gegeben, denn die von Goldstein erkannte „Tendenz zur ,Selbst-Verwirk­lichung‘ ... das Streben danach, sein individuelles Wesen (seine Kapazitäten, seine Persönlichkeit) so optimal wie möglich zu verwirklichen“, verändert sich im „Zustand der ‚Störung’ in die Tendenz zur „Selbst-Erhaltung“, zu Sicherheit“ (Gestalt Therapie,1/95 S. 9ff.).

Jedoch die starke Antwort meines Sohnes auf mein Verhalten, sein Verlassen des Raumes, und mein Erschrecken veränderten meine Organisation: Das Organismus-Umweltfeld hatte sich verändert, dessen Teil ich bin. Organismus und Umfeld stehen in ständigem Austausch. So wurde mein Sohn durch mein Interesse für ihn, das in meiner Konfluenz in den Hintergrund verbannt war, und seine Präsenz endlich im Umweltfeld figürlich für mich und zusammen mit meiner Hinwendung zu ihm wurde eine gute Gestalt daraus.

Um diese Wendung nähe zu beleuchten möchte ich an dieser Stelle aus dem reichen Schatz der Konzepte Kurt Goldsteins die von Achim Votsmeier als so hilfreich angesehene Unterscheidung zweier Verhaltensweisen des Menschen heranziehen.

Es handelt sich bei der einen um eine aus Votsmeiers Sicht wesentliche „Stützfunktion des organismischen Hintergrundes, ...(die) die Assimilation und Integration von Erfahrungen ... erleichter(t) und ...förder(t)“ (4). Votsmeier schreibt: „Eine wichtige Stützfunktion wurde von Goldstein als die Fähigkeit zur ‚abstrakten Einstellung’ bezeichnet, die mit dem ‚konkreten Verhalten’ in einem Figur-Grund-Verhältnis steht“ (s.o.). Wegen erwiesener Missverständlichkeit ersetzt Votsmeier den Begriff ‚konkretes Verhalten’ durch ‚responsiven Modus’ und die Fähigkeit zur ‚abstrakten Einstellung’ durch ‚selbst-reflexiven Modus’.

Und weiter: „Im responsiven Modus werden wir direkt durch die Stimuli bestimmt, die Aufmerksamkeit wird von außen gelenkt. Unsere Beziehung zur Welt ist konkret und direkt, wir überlassen uns dem sinnlichen Eindruck der gegebenen inneren oder äußeren Situation. – Im selbst-reflexiven Modus wird die Kraft und Aufmerksamkeit bewusst gerichtet...“ (s.o.) Verhalten im selbst-reflexiven Modus „wird ... bestimmt ... durch die Klärung der Situation, die das Individuum aktiv vornimmt. Es ist ein inneres Herangehen, das die Situation als Ganzes mit einbezieht“ (5).

„Beide Modi wirken zusammen in Form eines Figur-Hintergrund-Geschehens. Je nach Anforderung der Situation tritt der eine oder andere Modus in den Vordergrund. Üblicherweise agieren wir meist im responsiven Modus“ (6), verhalten uns „im Hier-und-Jetzt, was ungestört abläuft, man lässt sich von der gerade konkret vorliegenden Situation leiten und wird den jeweiligen praktischen Erfordernissen gerecht. Die Handlungen laufen reibungslos, es besteht ein Zustand freifließender Gestaltbildung“ (7) ... „Dennoch ist dieses Verhalten als Vordergrund-Prozess immer eingebettet und mitbestimmt durch den selbst-reflexiven Modus im Hintergrund. Kommt es bei der Durchführung einer Aktivität zu einer Störung, tritt gleich der selbst-reflektive Modus in den Vordergrund und führt zu einer Neuorientierung. Danach kann wieder das Verhalten im responsiven Modus stattfinden“(8). Es kann zu einer Desintegration beider Modi kommen ... „Erleben und Verhalten werden dann extrem responsiv“ (9). –

Ich sehe mein Verharren im responsiven Modus in meiner konfluenten Organisation bis zu meinem Erschrecken (Störung), und ich kann jetzt die Veränderung meiner Haltung erkennen, den langsamen Wechsel in den selbst-reflexiven Modus mit seinen anderen Sichtmöglichkeiten.

Ich bin fasziniert, den Prozess meiner inneren Organisation deutlicher zu sehen, und meine Gedanken werden jetzt angezogen von der Feldtheorie und der im Feld wirkenden Dynamik, auf die ich wenigstens einen kleinen Blick richten möchte.

Heik Portele schreibt: „Feldtheorie wird definiert als Theorie interdependenter Verhältnisse, miteinander und gegeneinander wirkender Kräfte“(10). Lewin entwickelte das Feldkonzept eines „menschlichen Kräftefeldes“, in dem die Kräfte in dynamischer Weise aufeinander wirken.

Der Mensch steht nicht einer Umwelt gegenüber, sondern er ist „Teil eines Organismus-Umweltfeldes. Dieses erschafft sich selbst und beeinflusst gleichzeitig den Organismus“, und es ist der Mensch als Ganzes, der „‚persönliche Teil’ des Feldes, (der seine) Innen- und Außenwelt, körperliche Empfindungen, Gefühle, Gedanken, Wahrnehmungen erlebt und (der handelt)“ (11).

Malcolm Parlet (12) schreibt: „Jedes Feld ist organisiert (das heißt, es entsteht aus einer Konstellation aller Energien, Vektoren oder Einflüsse im Feld in ihrem Zusammenwirken).“

Die Feldtheorie „liefert uns eine holistische Art und Weise, menschliche Erfahrung zu betrachten“ (S. 282).

Organismus als Ganzheit (als Holon) – so schreibt Hunter Beaumont – „(bezieht) sich auf eine tiefe organisierende

Kraft innerhalb des Feldes. ... Ein ‚Organismus’ ist ein sich selbst organisierendes Ganzes. In ­diesem Sinne manifestiert sich in ihm der kreative Ordnungsimpuls des Feldes“ (14).

Fuhr und Gremmler-Fuhr bringen das Organismus/Umwelt-Feld und die Dynamik der Wechselwirkung von Figur und Grund in Zusammenhang: „Die Differenzierung im Organismus/Umwelt-Feld bringt die Abgrenzung des Organismus gegenüber dem Feld und die Kontaktaufnahme mit dem von uns wahrgenommenem Teilbereich des Feldes mit sich. In diesem Umweltfeld geschieht die Figur-Grund-Formation ... Die Differenzierung von Organismus und Umweltfeld spielt also mit der Figur-Grund-Auflösung zusammen: indem wir Figuren vor einem Hintergrund wahrnehmen und erleben, erfahren wir uns als lebendiger Organismus in Abgrenzung von und in Beziehung zu dem Feld.“ Und dabei ist das „Feld ständig in Bewegung ... Die ständige Bewegung rührt daher, dass Kräfte aufeinander wirken, und Kräfte sind ihrem eigenen Wesen nach sich verändernde Größen.“ Sie beziehen sich dann auf Malcolm Parlett, der „deutlich macht, dass die Kräfte in sozialen Feldern ... überdies als Polaritäten auftreten, ganz analog zu den physikalischen Feldern“(16).

Und hier drängt sich zu meiner großen Freude Salomo Friedlaender in meinen Vordergrund. Die Frage der Organisation von Erfahrung, von Verhalten, ja, von Leben wird von ihm in seinem Konzept der „Schöpferischen Indifferenz“, seinem – wie Ludwig Frambach schreibt – „Verständnis von der grundsätzlich polaren Struktur der phänomenalen Welt, und von der Indifferenz als lebendiger Mitte aller Erscheinungen“ (17) mit großer Leidenschaft erforscht, mit absoluter Dringlichkeit. Frambach beschreibt es so: „Friedlaenders Philosophie erwächst aus der aufrichtigen und radikalen geistigen Auseinandersetzung mit seiner Existenz. Sie ist vor allem auch seine persönliche authentische Existenzphilosophie, Lebensphilosophie, sein geistiger, ja, spiritueller Weg, und nicht nur ein akademisch philosophischer Diskurs. Sein Denken ist zutiefst in sein Leben verwoben, und für ihn mit intensivsten Gefühlen verbunden, mit Verzweiflung und geradezu ekstatischer Freude. In seinen zentralen geistigen Einsichten fühlt er sich, für ihn befreiend, unmittelbar eins mit den schöpferischen Gestaltungsprinzipien des Lebens: ‚Meine Philosophie ist gar keine Philosophie mehr sondern das Leben selber.’“ (18).

Was zieht mich so an, so hin zu Friedlaenders Gedanken? Folge ich seinem Grundmotiv, den „Visionen eines polaren Lebens, in denen sich mitten zwischen allen Lebenspolen, zwischen Ja und Nein des Willens, mein in der Mitte schwebendes Ich immer sonnenhafter regte“, so ersetzt sich in mir das Wort „Feld“ durch das Wort „Raum“, und in mir wird es weit. Schon die Figur/Hintergrund-Konzeption, nach der sich „die Wahrnehmung prinzipiell in einen unscharfen, diffusen Hintergrund und in eine prägnante Figur nicht im, sondern als Vordergrund differenziert“, deutet auf Räumliches. Sie ist das „Grundprinzip unseres unterscheidenden Wahrnehmens, des Erkennens von differenzierten Gestalten, wobei Vordergrund und Hintergrund strukturell der polaren Differenzierung bei Friedlaender (entsprechen). Die Schöpferische Indifferenz jedoch ist nicht einfach die Mitte einer Achse, einer Linie, die von Pol zu Pol zu denken wäre: die polare Indifferenz in Vordergrund und Hintergrund hat im Grund ihre Indifferenz“. Was ist das nun, der Grund? Er ist kein „wahrnehmbares differenziertes Phänomen, ..., er ist das, was sich differenziert, schöpferische Mitte und Quell aller Differenzierung“(18). In der Indifferenz steckt nun das eigentliche Geheimnis, oder wie Friedlaender es ausdrückt: „Weswegen ist dieses Ich das wunderbarste aller Wunder? Weil es nicht nur andere Gegenstände, sondern auch sich selbst erkennt. Es ist wie ein Hammer, der sich selber schlägt. Trotzdem es einzig und unteilbar ist, kann es sich sich selber gegenüberstellen, ohne in Zwiespalt zu geraten; sonst würde es nicht sich selbst erkennen, sondern sich fremd gegenüberstehen. Dieses Wunder ist Tatsache und spottet doch jeder Erklärung. Dieses Ich ist die geistige Sonne der Natur. Das Selbstverständliche ist zugleich das Wunderbarste.“ (20)

Diese Instanz ist nicht auf der gleichen Ebene wie Vordergrund und Hintergrund oder die differenzierten Pole, sondern sie „bildet die Gestalt“, ... und ist wiederum der „Integrator“ der Pole (21).

Friedlaenders zutiefst verehrende, dankbare Begeisterung für die wunderbare Fähigkeit im Ich erreicht mich unmittelbar, und ich bin hellwach, wenn er sagt „die schöpferische Indifferenz ‚besorgt den Magnetismus der Extreme’, indem sie Pole über ihr ununterscheidbares Zentrum harmonisierend aufeinander bezieht“(22).

Es gibt keinen Pol ohne Gegenpol, und zur Störung sagt Frambach: die „neurotische Unfreiheit besteht prinzipiell in einer Fixierung auf bestimmte Aspekte der Identität, die den Vordergrund der Bewusstheit besetzt halten ... Die balancierende Mitte hat sich verschoben, weil man sich zu einseitig und überwiegend mit nur einem Pol ... identifiziert. ... es entsteht eine Schieflage, in der man sich nur in einer anstrengenden Weise aufrecht halten kann, nämlich durch die Ausgleichsbewegung neurotischer Vermeidungsmechanismen“, wobei der „existentiell eigentlich ‚schwerwiegendere Pol, von dem man ... abgerückt ist, unter das Bewusstseinsniveau (sinkt), in den Schatten des Hintergrundes, und der für einen ‚leichtere’ wird vordergründig pseudo-dominant“ (23).

Freiheit ist dann die Lösung von der Identifizierung mit nur einem Pol.

Die Hinwendung zur Mitte, die die einseitige Betonung der Pole erweitert, zur Indifferenz, zum „Sonnen-Ich“ - diese Bewegung Friedlaenders und ihre Beschreibung begeistern mich.

Frambach schlägt den Bogen vom Grund, der Schöpferischen Indifferenz, der Mitte zu den Begriffen „Nichts“, „fruchtbare Leere“ und „mittlerer Modus“.

Hunter Beaumont greift das „Gewahrsein im Mittleren Modus“ auf als der „bewussten Erfahrung dessen, was das Selbst leistet ... Gegenwartzentriertes Gewahrsein, ... Hier und Jetzt, fruchtbare Leere (Perls) sind alles Metaphern zur Beschreibung des Zustandes, in dem bewusste Aufmerksamkeit die Ganzheit der Erfahrung in größere Ganzheiten zusammenzubinden vermag. Gewahrsein im mittleren Modus ist, als ob Sonnenlicht in dunkle Ecken leuchtet“. Und Hunter Beaumont ist damit vielleicht in schönster Nähe zu Friedländers „Sonnen-Ich“.

Der mittlere Modus ist eine Kernqualität der gestalttherapeutischen Grundhaltung, das „Nichttun, das wu-wei (übersetzt ... mit: ,die Fähigkeit der Selbstregulierung respektieren’), das Nicht-Eingreifen, in Bewusstheit. Es ist die Haltung, in der wir Ganzheiten sehen können, in der wir Dichotomien als Polaritäten erkennen, in der Ausschließlichkeit sich wandelt in Verbindung.

Dreitzel schreibt: „ Sich im Zustand des Gewahrseins zu befinden heißt, sich in einem Ort jenseits vom Kontaktprozess zu verankern und ihn von dort aus mit der ganzen Aufmerksamkeit... zu verfolgen und mit der ganzen Bewusstheit unseres Geistes auszufüllen. Dies ist die erstaunliche Entdeckung der Gestalttherapie, dass wir in der Lage sind, uns mit ganzer Leidenschaft dem Leben hinzugeben und unseren Gefühlen dabei Ausdruck zu verleihen – und dabei gleichzeitig in vollem Gewahrsein zu bleiben. Die andere Entdeckung und Erkenntnis teilen wir mit uralten Traditionen, nämlich dass das Gewahrsein einen heilenden Einfluss auf unser Leben hat, dass es auf heilsame Weise einfließt in die Selbstregulation des Organismus/Umwelt-Feldes .... Gewahrsein ist immer hier und jetzt.“(25)

Gewahrsein, Gegenwärtigkeit (Präsenz) im mittleren Modus, das sind die Merkmale der gestalttherapeutischen Grundhaltung, der Grundlage unserer Arbeit und unseres Lehrens am Institut.

Auf der Reise in die Literatur habe ich Vieles aufgenommen und wieder und wieder „durchgekaut“: Der Widerstands-, Kontaktunterbrechungs- oder Kontaktfunktionsbegriff „Konfluenz“; die „Bedeutung der Grundintrojekte“, der introjizierten Grunderfahrung; die Fähigkeit des Wechsels vom responsiven in den reflexiven Modus; Feldtheorie und Dynamik des Feldes; polare Struktur und Schöpferische Indifferenz und Gewahrsein im mittleren Modus als Grundhaltung.

Mit diesem Hintergrund im Gewahrsein möchte ich mich noch einmal dem Konfluenzbegriff und dem Introjekt zuwenden, und dann meiner Erfahrung.

Martina Gremmler-Fuhr schreibt in ihrem Beitrag im Handbuch der Gestaltherapie über „Grundkonzepte und Modelle der Gestalttherapie“ im Abschnitt über Konfluenz: „Der Gegenpol des Sich-Eins-Fühlens und Verschmelzens ist die Differenzierung, die Abgrenzung bzw. das, was als Widerstand bezeichnet werden kann. .... Kontakt ist also unter der Perspektive von Konfluenz sowohl kurz- als auch langfristig durch das Pendeln zwischen den Polen des Ineinanderfließens einerseits und der Abgrenzung und Differenzierung andererseits gekennzeichnet. Überwiegt das Verschmelzen, entsteht keine oder nur eine diffuse Kontaktgrenze zwischen Organismus und Umweltfeld; überwiegt die Abgrenzung, entsteht eine klare und wenig durchlässige Grenze“ (26). Sie benennt damit beide Pole: die Verschmelzung und die Abgrenzung, die im Kontaktprozess jeweils durch Pendeln figürlich werden.

Dreitzel bezeichnet Konfluenz (neben Egotismus) in Abgrenzung zur Prozesshaftigkeit den anderen Kontaktunterbrechungen (-funktionen) als einen Zustand, wobei er Zustände als langsamere Prozesse sieht, einen Zustand belegt mit „Mehltau“. Ein Zustand, in dem die Kontaktgrenze beeinflusst ist durch niedrige Energie und hohe Durchlässigkeit.

Wenn ich der Wirkung vom Introjekt nachspüre, so verstärkt das genau dies: Unschärfe, niedrige Energie, keine Frische – oder klar: Verschwommenheit, Schlaffheit, Abgestandenes. Das Introjekt ist durch introjizieren, aufnehmen ohne zerkleinern und assimilieren entstanden. Es ist aufgenommen als das Ganze, das es im Umfeld war (vielleicht sogar als Introjekt im Gegenüber), mit „Haut und Haar“, d.h. inklusive der Grenze. Ein Introjekt hat ja in der Regel (!) genau diese Funktion: „so und nicht anders“, alles andere wird ausgeschlossen, und es gehört der Achse „Zugehörigkeit/Ausgeschlossensein an. Es wirkt in mir wie etwas Fremdes, wird mir nicht zueigen und hat damit die Qualität von „Umfeld“. So ist es möglich, mit „Teilen“ oder Aspekten meiner selbst konfluent zu sein.

Wenn ich damit auf die Figur-Hintergrund-Organisation als grundlegende Polarität der Gestaltbildung schaue, in der der Hintergrund steht für Kontinuität und Erhaltung, die Figur hingegen für das Neue, das immer frische Erstmalige, so wird meine Erfahrung an diesem Weih­nachtsfeiertagsabend noch deutlicher:

Im Hintergrund gibt es die alte introjizierte Grundsituation (die gewachsen war auf dem Hintergrund wahrlich traumatischer Zerstückelung der Familie), im Umfeld das Ausstrahlen der „Schrottsendung“ im Fernsehen und beide bilden auf konfluente Weise eine Gestalt, verlocken und scheinbar beglückend. Bei genauer Erforschung wird deutlich, dass die „Konfluenzfläche“ flach bleibt, es gibt keine oder kaum Gestaltbildung, kaum Bewegung.

Nun ist das Feld natürlich größer: Gleichzeitig versuchte mein Sohn, mit mir in Kontakt zu kommen. Und jetzt wird es spannend: Selbst seine kraftvolle Intensität erreichte mich nicht. Das „Konfluenzfeld“, wie ich es erst mal nennen möchte, war geschützt und umgeben von der starren, undurchdringlichen Grenze. Erst als mein Sohn das größere Feld verließ, als ich mich erschreckte darüber, dass er weg war (Störung), kam ich aus dem zähen, responsiven Zustand der Konfluenz in den reflexiven Modus.

Das jedoch für mich in der geschilderten Erfahrung so Überraschende war die Entdeckung der Gleichzeitigkeit, des gleichzeitigen Vorhandenseins beider Pole. Der freie Fluss, das Pendeln – hier wurde deutlich, wie es in dieser neurotischen Form von Konfluenz förmlich „klemmte“ und so beide Pole, die Verschmelzung und die Abgrenzung, in aller Unfreiheit aneinander gekettet sind:

Während ich in trauter Konfluenz, in schattenlosem Glück dümpelnd, mitten auf dieser Insel war, habe ich mich gleichzeitig auf eine mir bis dahin bei mir unbekannte radikale, rigide, völlig empfindungs- und beziehungslose Weise abgegrenzt. Ich habe diese Grenze erforscht, mit Gewahrsein und im mittleren Modus. Sie hat sich dabei aus ihrer rigiden Verschlossenheit geöffnet, und die frei gewordene Kraft und die Beweglichkeit der Pole schafft beglückende, frische Kontakte – auch und gerade in der Abgrenzung.

Bemerkenswert ist vor allem auch, mit welch einer Mühelosigkeit diese Grenze bei Wechsel des Modus von responsiv zu selbst- reflexiv wahrnehmbar wurde. Hier erweitert sich der Modus „selbst-reflexiv“ im Gestaltzusammenhang zum Modus der Grundhaltung. Das Gewahrsein dieser Gleichzeitigkeit bringt Weite und Raum.

Den im Schatten des bis dahin unzugänglichen Hintergrundes liegenden Pol dieser Art von Abgrenzung gleichzeitig mit der schwächlichen, ungewaltigen Verschmelzung ins Gewahrsein zu bekommen, war sicher nur im „mittleren Modus“ der Grundhaltung möglich.

Hunter Beaumont schreibt dazu: „Der originärste und kreativste der Beiträge von Perls, Hefferline und Goodman (ist dieser): dass Gewahrsein (im mittleren Modus) heilen kann, weil es der Vorgang ist, der Realität quer durch alle Feld­ebenen organisiert. Der Gestaltbegriff ‚Wachs­tum’ impliziert nicht beliebige Ausweitung, sondern das Bestreben des Gewahrseins, sich selbst zu organisieren, hin zu seiner eigenen Erfüllung und Vollendung.“ (27)

Zuletzt möchte ich noch einen interessanten Aspekt anfügen, von dem Frank-M. Staemmler in einem Leserbrief mit dem Titel „Gleichzeitigkeit und Gestalt“ schreibt. Meine Aufmerksamkeit geweckt hat die Information, dass es „bei genauer Betrachtung zwei Sorten von Gestalten gibt, nämlich sowohl ‚unzeitliche’ als auch ‚zeitliche’. Diese Differenzierung bezieht sich auf die Tatsache, dass bestimmte Gestalten zu einem gegebenen Zeitpunkt wahrnehmbar sind, während andere nur in der Beobachtung über eine gewisse Zeitspanne zugänglich sind. ... Die Begriffe ›zeitlicher‹ und ›unzeitlicher‹ Gestalten gehen auf Christian v. Ehrenfels zurück (1890) ... Unzeitliche Gestalten sind also der unmittelbaren Wahrnehmung im „Hier-und-Jetzt“ zugänglich; dagegen erfordern zeitliche Gestalten zusätzlich eine Erinnerungs- und Integrationsleistung, die die einzelnen, zu verschiedenen Zeitpunkten auftretenden Elemente miteinander verknüpft“ (28).

Bezogen auf die Betrachtung meiner Erfahrung lässt sich vielleicht sagen, dass das Pendeln zwischen den Polen der Verschmelzung und der Abgrenzung eine zeitliche Gestalt ist, die neurotische Qualität der Konfluenz sie jedoch zu einer unzeitlichen Gestalt macht, zu einer Gestalt, die in ihrer Ganzheit, und das ist die Verkettung von rigider Grenze und Vermeidung von Unterschieden, wahrnehmbar ist in der Grundhaltung.

Diese Entdeckung hat unmittelbare Konsequenzen für die Praxis der Therapie: Ich erinnere noch gut die Anleitung während meiner Ausbildung, Klienten mit Neigung zum Introizieren und zur Konfluenz die Erfahrung von Unterschiedlichkeit erfahrbar zu machen, indem sie z.B. Sätze bildeten, die abwechselnd mit „ich ...“ und „du...“ beginnen sollten. Diese Übungstechniken haben mir nie wirklich Freude gemacht.

Die Entdeckung der starren Grenze, ihr Erforschen in der Grundhaltung, die Verwirklichung der paradoxen Theorie der Veränderung in der Praxis , und dabei die Erfahrung der Bewegung, der Veränderung, die von innen her spontan geschieht, zu erleben – das begeistert mich und erfüllt mich mit heiterer Demut und Dankbarkeit.

Das Staunen geht weiter. Vielen meiner Klienten sind der Zugang zu dieser Art von Grenze und der Zusammenhang mit der neurotischen Verschmelzung nicht nur leicht zugänglich und erfahrbar. Zu dieser Erfahrung gesellt sich in der Regel eine Art Erleichterung, als wäre endlich etwas wirklich ganz erfahrbar, als Komplettes. Die Fähigkeit zur Unterscheidung, zur Abgrenzung muss so nicht mehr gelernt werden, wie etwas überhaupt nie Dagewesenes. Die „Zutaten“ sind vorhanden und stellen sich bei dieser Art der Arbeit langsam von selber frei zu Verfügung.

Was ist also passiert? Ich glaube, es ist nicht mehr und nicht weniger, als dass mein Blickwinkel weiter geworden ist, und ich auf diese Weise manchmal ein größeres Stück vom Feld sehen kann, ein größeres Stück vom Feld figürlich werden kann, sich eine verkettete Konfliktverarbeitung bzw. -verhinderung als Ganzes zeigt.

Mich hat auch diese Reise wieder angeregt, aufgeregt, auch immer wieder in heftige Topdog/Underdog-Kämpfe verwickelt, mich angestrengt und Gefühle aller Schattierungen geweckt – aber vor allem hat sie eines: sie hat mich kraftvoller, friedlicher, vergnügter und ermutigter gemacht, in der Hingabe wie in der Abgrenzung.

Und schließlich möchte ich einen Satz von Salomo Friedlaender leicht abwandeln. Er sagt: „Der Osten dringt auf die Kultur der Indifferenz, der Westen auf diejenige der Differenz; ich will west-östlich sein, indo-amerikanisch. Ich lehne eine Kultur der bloßen Indifferenz ebenso ab wie eine der bloßen Differenz; ... beide sind verführerische Scheinbarkeiten ...

Zu sein genügt nicht, man soll es auch polariter werden“ (29) – und diesen letzten Satz möchte ich für mich ergänzen: „GestalttherapeutIn zu sein, genügt nicht, man soll es auch immer wieder polariter werden“ – und dies ist nicht zum introjizieren gemeint ...

 

Anmerkungen

01 Hans Peter Dreitzel: „Gestalt und Prozess“, Bergisch-Gladbach, 2004, S. 51ff.

02 Stefan Blankertz, Erhard Doubrawa: Lexikon der Gestalttherapie, Wuppertal 2005, S. 175 f.

03 Kurt Goldstein in: Achim Votsmeier: „Gestalttherapie und die ‚organismische Theorie’ Kurt Goldstins“, Gestalt Therapie 1/95, S. 9ff.

04 Achim Votsmeier in: Handbuch der Gestalttherapie: „Grundsätze der Gestalttherapie bei strukturellen Störungen“, S. 720

05 Kurt Goldstein (s.o.), S. 10

06 Achim Votsmeier (s.o.), S. 720

07 Achim Votsmeier: „Gestalttherapie mit Borderline-Patienten“, Gestalt Therapie 2/88, S. 6

08 Achim Votsmeier, s. Handbuch, S. 720

09 ebd.,

10 Heik Portele, in Handbuch: „Gestaltpsychologische Wurzeln der Gestalttherapie“, S. 268

11 Achim Votsmeier, Handbuch, S. 718

12 Malcolm Parlett, in Handbuch: „Feldtheoretische Grundlagen gestalttherapeutischer Praxis“, S. 281

13 ebd., S. 282

14 Hunter Beaumont: „Identität, Kontakt und Middle Mode“, Gestalt Therapie 2/91, S.19

15 R. Fuhr / M. Gremmler-Fuhr: „Gestalt-Ansatz“, Köln 1995, S. 78

16 ebd. , S. 67

17 Ludwig Frambach: „Salomo Friedlaender/Mynona (1871-1946), Gestalt Therapie 1/96, S. 8

18 ebd., S. 16

19 ebd., S. 20

20 S. Friedlaender zit. In: ebd., S. 20

21 L. Frambach, ebd., S. 20

22 ebd., S. 14

23 ebd., S. 21f.

24 Hunter Beaumont, s.o. S. 24

25 Hans Peter Dreitzel, s.o. S.131

26 Martina Gremmler-Fuhr in: Handbuch, s.o.: „Grundkonzepte und Modelle der Gestalttherapie“, S. 368

27 Hunter Beaumont, s.o. S. 24

28 Frank M. Staemmler: „Gleichzeitigkeit und Gestalt“, in: Gestalt Therapie, 8/2, 1994, S. 75f.

29 S. Friedlaender in L. Frambach: „Salomo Friedlaender ...“, S. 14

 

Praxisadressen von Gestalttherapeuten/-innen

Foto von Heidi Schoeller, (c) Hilde Zemann(c) Hilde Zemann

Heidi Schoeller

Jahrgang 1943. Studium der Politikwissenschaften, Psychologie und Pädagogik.

Als Gestalttherapeutin seit mehr als 20 Jahren in freier Praxis in den Feldern Psychotherapie, Supervision und Aus- und Fortbildung (in Uffenheim-Weigenheim in der Nähe von Würzburg) tätig.

Sie ist außerdem Lehrtherapeutin und Gestalttherapie-Ausbilderin am Gestalt-Institut Köln/GIK Bildungswerkstatt.

Zentrales Interesse: Die Gleichwertigkeit von Unvollkommenheit und Vollkommenheit als Grund­bedingung für Entwicklung.

Der hier zuerst veröffentlichte Beitrag ist die überarbeitete Fassung ihres Vortrags auf der Jahrestagung des Förderkreises Gestaltkritik im Gestalt-Institut Köln am 6. Mai 2006.

Bitte beachten Sie auch die Ankündigung von Heidi Schoellers Workshop in unserem Weiterbildungsprogramm auf den Mittelseiten: „Gestalt will uns ganz. Verbindung von Erfahrung und Theorie.“ Eine Fortbildung im Tagungshof Weigenheim für ausgebildete Therapeutinnen und Therapeuten (21. – 25. 2. 2007, mit Sigrid Unshelm).

In unserer Zeitschrift sind bereits folgende Beiträge von Heidi Schoeller erschienen:

Wenn Sie gleich zu dieser Seite gekommen sind, ohne bisher unsere Homepage besucht zu haben, so sind sie herzlich dazu eingeladen:
Homepage

Gestalt-Institut Köln - GIK Bildungswerkstatt
Einrichtung der beruflichen Weiterbildung
Rurstr. 9 / Eingang Heimbacher Str.
D-50937 Köln (Nähe Uniklinik)
Tel. 0221 - 416163
Fax. 0221 - 447652
eMail: gik-gestalttherapie@gmx.de

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