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Heidi Schoeller
Mut zu dem, was ist
Ein Werkstattbericht


Aus der Gestaltkritik

Gestaltkritik - Die Zeitschrift mit Programm aus dem Gestalt-Institut Köln
Gestaltkritik (Internet): ISSN 1615-1712

Themenschwerpunkte:

Gestaltkritik verbindet die Ankündigung unseres aktuellen Veranstaltungs- und Weiterbildungsprogramms mit dem Abdruck von Originalbeiträgen: Texte aus unseren "Werkstätten" und denen unserer Freunde.

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Praxisadressen von Gestalttherapeuten/-innen

  Hier folgt der Abdruck eines Beitrages aus der Gestaltkritik (Heft 1-2003):

Heidi Schoeller
Mut zu dem, was ist
Ein Werkstattbericht

 

Foto: Heidi SchoellerHeidi Schoeller

 

Das Thema der diesjährigen Tagung des »Förderkreises Gestaltkritik« hat sich - wie schon öfter - in einem Gespräch mit meinem Kollegen Erhard Doubrawa ergeben. Ich stand dabei ganz unter dem Eindruck der Erfahrungen, die ich in der letzten Zeit in der Praxis gemacht hatte und erzählte, dass einige meiner Klienten sich auf eine berührend sanfte Weise geöffnet und von Erfahrungen berichtet hatten, die bisher in ihrem Leben nicht erzählt und ausgedrückt worden waren. Dabei fiel der Satz »vielleicht liegt es daran, dass ich auf eine Weise mehr Mut zu dem habe, was ist« - in Erhards Ohren klang er wohl deutlicher als die anderen, und schon war das Thema dieser Tagung geboren.

Mut zu dem, was ist - wohin wird mich unser Tagungsthema diesmal führen? Am Anfang des Jahres hatte ich den Gedanken, die Empfindung fast schon, dass die nächste Zeit ein bisschen leichter würde, mit mehr Wind unter den Flügeln. Diese Vorstellung erfreute mich sehr, ich mag nämlich zutiefst die Leichtigkeit, wenn sich das Leben wie ein Tanz anfühlt, wenn ich »Anmut statt Unmut« empfinde, wenn die Bewegungen geschmeidig vibrieren. Mit Vorfreude ging ich in die ersten Tage des neuen Jahres. Nun, an dieser Stelle muss ich schmunzeln - immer ist das schon die Einleitung für neue Erfahrungen, die Ouvertüre der ewigen Oper »Enttäuschung und Entdeckung«.

Anmut verwandelte sich nach wenigen Tagen in schiefes Hatschen, und statt beweglich zu sein, wurde ich kreuzlahm. Anlass war eine emsige Räumerei im ganzen Haus, um es für einen nicht kleinen handwerklichen Eingriff zu präparieren. Erst in diesem armseligen Zustand besann ich mich auf die Möglichkeit, um Hilfe zu fragen und sie auch gern anzunehmen. Ich hatschte danach ein wenig anmutiger, meine Stimmung wurde heller und wenigstens mental wurde ich wieder beweglich. Die nächsten Wochen brachten viel Arbeit und auch die Aussicht auf Ferien am Meer - viel Zeit zum Faulenzen, Lesen, am Strand laufen, Tee trinken, am Kamin sitzen, Musik hören. Das klang schon wieder eher nach Leichtigkeit und Wind unter den Flügeln. Alles wurde so und doch ganz anders. Meine Mutter starb in dieser Zeit, ich hatte belastende gesundheitliche Probleme, das Wetter war nicht so wie uns im Winter vertraut und lieb, sondern wir erlebten Orkane, Dauerregen und Schnee und hielten es immer nur kurz im Freien aus.

Mut zu dem , was ist - womöglich mit Leichtigkeit und tänzerischem Genuss?

Es war offensichtlich nicht so. Und doch war etwas davon wahr, war etwas in dieser Weise neu. Ich war tief bewegt vom Tod meiner Mutter, beschäftigt mit meinen gesundheitlichen Fragen - Innen und Außen passierte viel, und mir kam immer wieder das Wort »erfüllt« in den Sinn. Es beschrieb einen Zustand von Glück, in dem ich allem zustimmte. Ich weinte immer wieder, wenn ich an meine Mutter dachte, und doch hätte ich mich zu meiner größten Verwunderung eher als

glücklich denn als traurig beschrieben. Ich war glücklich, die Tiefe meiner Verbindung zu ihr zu spüren, meiner Liebe zu ihr, die in der Vergangenheit immer wieder großen Strapazen ausgesetzt gewesen war. Ich war geöffnet und berührt und fühlte mich in Verbindung mit etwas Ganzem.

Dasselbe hatte ich vor vielen Jahren anders herum in Verbindung mit meinem Mann und meinem Sohn erlebt: meine Liebe zu ihnen hatte mich mit dem Schmerz in Berührung gebracht, der mich durchschnitt bei der Vorstellung, sie zu verlieren. Es verwirrte mich zunächst sehr, dass ich mitten in meinem Glück so »schreckliche« Empfindungen hatte. Und doch hat diese Erfahrung auf eine Weise das Glück mit ihnen kostbarer gemacht.

Als leicht würde ich die Zeit am Meer nicht bezeichnen (wenn wir auch Wind im Übermaß unter den Flügeln hatten), aber die ganze Zeit fühlte ich mich gehalten und aufrecht.

Das Ganze. Mut zu dem, was ist - ist das auch die Möglichkeit, den Weg zum Ganzen zu finden?

Vor wenigen Wochen - um genau zu sein, es war an meinem Geburtstag - saßen wir in freundlicher Runde, und langjährige Freunde erzählten von ihren Kindern, vor allem von der spannenden Situation des ältesten Sohnes mit dem Dauerthema Schule. Er hatte voller Erleichterung an dem Tag die, wie er hoffte, letzte Schulklausur seines Lebens geschrieben, und es ging bei dem Ergebnis um einen Punkt hin oder her um die Zulassung zu Abitur. Ich machte zu meinem Sohn die Bemerkung, die ich an solchen Stellen immer machte, nämlich: »Ach, das kennen wir doch, zuviel getan fürs Sitzenbleiben und zu wenig für die Versetzung.« Er lächelte mich freundlich an und meinte: » Ja, das sagst du nun schon all die Jahre, und es stimmt immer noch nicht.« Ich war überrascht, als hätte ich das zum ersten mal gehört und fragte ihn, wie es denn gewesen sei, und er erzählte, dass er ewig viel Zeit an seinem Schreitisch verbracht und einfach keine Verbindung zu dem Lernstoff gefunden hätte.

Ich war wie vom Donner gerührt, und unsere Freundin sagte ganz erregt, dass ihr Sohn so etwas Ähnliches auch immer sage, sie habe es nur nie verstanden und es immer für faules Gerede gehalten. In mir wurde etwas ganz weit, und ich konnte sehen, wie verschlossen, ja vernagelt ich all die Jahre gewesen war, und wie ich durch meine Sichtweise in diesen Situationen von meinem Sohn getrennt geblieben war. Es gäbe viel Wichtiges dazu zu berichten. Zu unserem Thema möchte ich zweierlei auswählen: zum einen das Bild, wie mein Sohn ohne Rahmen (weder von uns, noch in der Schule) verschlossen vor dem Lernstoff sitzt, zum anderen meine jahrelange Verschlossenheit und Beschränktheit und damit Unfähigkeit, ihn wirklich zu sehen. - Ich hatte eine Meinung gehabt, eine Vorstellung, hatte das für die Wirklichkeit gehalten und war in diesem Zustand völlig starr und ohne Verbindungsmöglichkeit zu ihm gewesen. - Ich weiß nicht, was mich nach so vielen Jahren plötzlich geöffnet hat: war es die klare Freundlichkeit, mit der mein Sohn sprach oder eine Veränderung, die bei mir stattgefunden hatte - wie dem auch sei, ich sah und begriff auf einen Schlag eine ganze Menge. -

Wichtig für die Arbeit ist vor allem das Bild der Verschlossenheit ohne Rahmen und Halt. Meine Vorstellung von Lernen hat sich erweitert und verändert. Das Bild, das ich jetzt habe, ist das von einem Raum mit gesicherten Grenzen, in dem jemand in der ihm angemessenen Zeit selbst seine Suchbewegungen und seinen Zugang machen kann zu dem, was erfahren und gelernt werden soll. Nur im Raum ist Bewegungsfreiheit, die Möglichkeit für Öffnung und Gestaltbildung.

 

Gestalttherapie spricht davon, dass der Mensch sich in einem homöostatischen Gleichgewicht befindet. Wir kennen die Gestaltwelle, die modellhaft zeigt, wie dieser Prozess des Verlierens und Wiedergewinnens von Gleichgewicht geschieht. Und wir lernen und entdecken an uns fortlaufend, wie ungrad und unvollständig die Welle in Wirklichkeit läuft, wenn sie denn läuft. Manchmal geht alles gut, und das nennen wir dann Glück!

Die Welle beginnt mit der Stille, dem Gleichgewicht, der kreativen Stille, in der wir ganz Hintergrund sind - alle Möglichkeiten, die wir haben, sind darin enthalten. Und natürlich ist das, was wir Hintergrund nennen, bei uns allen durch unsere Geschichte und von uns auf schöpferische und manchmal lebensrettende Weise in unserer Geschichte geformt. Das ist so wie mit den Rachenmandeln: Vor über zwanzig Jahren lernte ich Fußreflexzonenmassage kennen. Eine Freundin und ich ließen uns wöchentlich verwöhnen. So lagen wir eines genüsslichen Vormittags wieder nebeneinander auf den Massageliegen und die Mädels machten sich einen üblen Spaß. Sie fragten uns: »Sollen wir Euch mal gleichzeitig zum Schreien bringen?« - Na klar sollten sie - und es klappte prompt. Sie hatten gleichzeitig auf den »Mandelpunkt«, wie sie ihn nannten gedrückt und erzählten uns dann, dass es niemanden gibt, der noch intakte Mandeln hat - entweder sind sie ganz raus, oder zerklüftet oder wenigstens vernarbt. So ist es auch mit uns als Hintergrund. Oft ist die Öffnung für den inneren Prozess nicht oder nur teilweise möglich, und die Öffnung nach außen, zur Begegnung mit dem anderen hin, gelingt meist auch nur spärlich. Die Verbindung der einzelnen Erfahrungen in uns ist an vielen Stellen nicht möglich bzw. konnte nicht gelingen. Manches ist gut verpackt, manches ganz weggeschlossen und steht so zur Figurbildung nicht zur Verfügung. Und genau daran »arbeiten« wir in der Therapie, an der Öffnung für die innere und die äußere Berührung, an dem, was wir Kontakt nennen. Es geht nicht darum, in die verkrustete, manchmal zerklüftete Landschaft jetzt idealtypische Wellenverläufe einzuarbeiten. Niemand hat die Fähigkeit, auch nur zu ahnen, wie sich die Landschaft gestalten will. Diese Arbeit wird von Instanzen in uns getan, auf die wir keinen Zugriff haben. Es ist jedes Mal eine der frischesten und ausgelassensten Freuden, wenn unsere KlientInnen entdecken, dass sie ganz von allein etwas gefühlt oder getan haben, wovon sie nie auch nur die geringste Ahnung hatten, dass sie es können könnten. -

Wenn sich durch die gemeinsame Arbeit jemand öffnet, wenn Raum entsteht für Bewegung und Figurbildung, wenn jemand so zu seiner ganzen Gestalt findet, dann tritt eine bestimmte Wirkung ein. Etwas Ganzes ist entstanden, das mehr ist als einzelne Teile und gewiss auch mehr als die Summe seiner Teile. Etwas Ganzes hat einen eigenen Zauber, der uns berührt, eine eigene Schwingung, die öffnende Wirkung hat, auch nach außen. So kann Begegnung entstehen, so kann das Aufnehmen geschehen, das zu unserem Wachstum gehört.

Und doch gibt es immer wieder Situationen, in denen wir nicht geöffnet sind, innerlich nicht weit sind, nicht in der Grundhaltung sind - damit ist die phänomenologische Haltung gemeint, das Schauen ohne Wertung, das erst das Erforschen des Phänomens ermöglicht. (Siehe auch weiter unten; vgl. auch H. Schoeller: »Die Begegnung mit dem Bösen, Gestaltkritik Nr. 1/2001; E. Doubrawa/S. Blankertz: »Einladung zur Gestalttherapie«, Hammer 2000; E. Doubrawa: »Die Seele berühren. Erzählte Gestalttherapie«, Hammer 2002).

Die Wirkung unserer eigenen Öffnung gilt immer nur in der konkreten Situation, nicht für immer - auch wenn wir diesem Irrtum stets von neuem erliegen. Das »immerwährende Immerwieder«: ich gehe inzwischen als Arbeitshypothese davon aus, dass Beschränktheit mein Normalzustand ist - ich sehe das mit liebevollem Wohlwollen -, und dass Öffnung und Einsicht durch bewusstes Einnehmen der Grundhaltung oder durch Berührung von außen geschehen können, als ein Geschenk, das ich nicht machen, dessen Vorkommen ich jedoch begünstigen kann.

Woran kann ich erkennen, in welchem Zustand ich bin? Die einzige Möglichkeit, die ich kenne, ist die Überprüfung der Wirkung:

Beschränktheit, die eine Meinung hat, macht mich eng, ich sehe das immer gleiche Bild, ich bin mit »rechthaben« erfüllt, ich fühle mich überlegen.

»Wissen« ist im Mittelpunkt, nicht das Spüren von Berührung.

Eine ganz andere Wirkung hat es, wenn ich mit Nichtkönnen, mit meiner Grenze in Berührung komme und mit Gewahrsein dabei bleiben kann. Dies wurde auf für mich sehr eindrückliche Weise deutlich in der Arbeit, die ein fortgeschrittener Teilnehmer einer Ausbildungsgruppe und ich vor Jahren zusammen machten. Er war Gefängnispsychologe und war in großer Not mit einem neuen Gefangenen, einem jungen Mann, der eine grauenhafte Tat begangen hatte, die ich hier wegen der Möglichkeit der Wiedererkennung nicht benennen darf. Die Erschütterung und Verzweiflung meines Gegenübers waren groß, und er stieß hervor: »Ich kann ihm nicht mal die Hand geben und kann auch nicht mit ihm reden!« Er saß vor mir in einem Zustand tiefer Ratlosigkeit und Aussichtslosigkeit, und auch ich wusste nichts zu sagen. So saßen wir einfach zusammen, ich spürte einen dumpfen Druck auf der Schulter und Beklemmung beim Atmen. Nach einiger Zeit spürte ich bei mir eine leichte Entspannung und fragte ihn, was bei ihm sei. Und er antwortete: »Jetzt ist das gut so.« Nach einer Weile sagte er dann: »Vielleicht geht doch etwas. Jetzt kann ich mir vorstellen, still ein paar Minuten dicht bei der Tür in seiner Zelle zu sitzen.« Genau das machte er eine Zeit lang, und dann wurde Schrittchen für Schrittchen mehr möglich. Es hatte seinen ganzen Mut gebraucht, anzuerkennen, dass er nichts von dem tun konnte, was ihm sonst zur Verfügung stand. Später einmal erzählte er, dass es genau dieses Stillsein miteinander war, das es ihm möglich gemacht hatte, ganz schlicht nur dabei zu bleiben, dass er »nichts« kann und nichts für den anderen tun kann. Das hat ihn geöffnet und ihm die Bewegung zu dem »bisschen« ermöglicht, bei dem er ganz sein konnte.

Immer wieder kommen wir in unserer Arbeit an die Stelle, wo jemand Nöte hat und sich Veränderung wünscht. Oft ist unser analytischer Verstand dann bienenemsig und flink dabei, die Wege zu ersinnen, die zur Lösung führen könnten, und manchmal hat er uns schon Huckepack genommen, und flitzt mit uns los. Wir identifizieren messerscharf, um welche Gestalt es sich handelt, die da nach langen Jahren nun endlich mit unserer Hilfe geschlossen werden will, wir erinnern und ersinnen die passenden Methoden, mit deren Hilfe die unvollkommene Figur ans Licht geholt wird und möchten den Prozess so gerne »machen«, in die Hand nehmen. Manchmal gehen unsere Klienten diesen Weg mit uns und tun ihr Bestes, manchmal verweigern sie sich. Das tut dann zwar dem narzisstischen Teil in uns weh, er quietscht dann ganz laut, aber es ist das Beste, was uns passieren kann, vor allen Dingen, wenn wir dadurch davor bewahrt werden, die Grenzen des Klienten zu verletzen.

Gestalten tauchen auf und schließen sich von allein. Wir können ein bisschen verstärken, aber die Arbeit macht der Klient. Wenn es gut geht, arbeitet der Teil in ihm, der am besten Bescheid weiß. Was bleibt dann uns zu tun?

Wir können wahrnehmen in der Grundhaltung, d.h. wir können wahrnehmen, welchen inneren Prozess die Wirkung des Phänomens bei uns in Gang setzt. Dabei bleibt ein Teil von uns in der kreativen Stille, im Hintergrund, ein anderer lässt sich anmuten, in Schwingung bringen von den Phänomenen des Gegenüber. Und es gehört zu unserem Handwerkzeug, eine gute Nase zu entwickeln, die Spuren zu lesen wie ein Jagdhund, uns nicht verwirren zu lassen von Nebensächlichem, und wenn doch, dies dann sortieren zu können - wenn auch manchmal nur mit Unterstützung. Unsere Wahrnehmung, das für-wahr-Nehmen und das Innehalten und Halten unserer Empfindungen hat bereits eine Wirkung auf unser Gegenüber, auch wenn wir sie nicht äußern.

D.h. das »Offensichtliche«, das Phänomen, und der eigene innere Prozess gehören zusammen, hinzu kommen die Intervention, die ich aus dem inneren Prozess schöpfe und die Wirkung auf den Klienten und seinen inneren Prozess. Wir können jedoch nicht machen, dass es »klappt«, dass wir uns öffnen und ein Raum entsteht. Wir können aber an dieser Stelle bleiben, innehalten.

Das Schauen in der Grundhaltung hat allein oft schon eine große Wirkung. Ich arbeite seit einiger Zeit mit einem jüngeren Mann, dessen Schwester an einer schweren Krankheit starb als sie Kinder waren. Seine Mutter hatte sich völlig in ihre Trauer zurückgezogen. - Wenn ich ihm in der ersten Phase unserer Arbeit von meinen Körperwahrnehmungen oder inneren Prozessen erzählte, fragte er oft »woher wissen Sie das?«, und dachte, ich würde über seine Empfindungen und Prozesse sprechen. Das Wahrnehmen und das Beschreiben der Phänomene und die innere Wirkung davon, faszinierten ihn. Schon bald übte er sich auch in der Haltung des Schauens, in den Sitzungen und auch zu Hause, und hatte viel Freude daran, wie stark und belebend die Wirkung war. - Nach einiger Zeit hatten wir eine Sitzung, in der er zum ersten mal nicht nur Traurigkeit darüber fühlen konnte, wie distanziert er mit seiner Freundin seit Jahren zusammenlebte, und dass er ihre Wünsche nach mehr Kontakt eigentlich nur als Vorwürfe, als Hinweis auf sein Versagen auffassen konnte. Er weinte, die Tränen liefen nur so, und er war plötzlich in dem tiefen Empfinden, überhaupt nicht gesehen zu werden, obwohl er gleichzeitig wusste, dass sowohl seine Freundin daheim als auch ich auf ihn schauten. Ich bekam das Bild von einem kleinen Jungen, der ganz still in einem großen Sessel sitzt. Davon habe ich ihm erzählt, und er meinte, dass er damals genau so dagesessen habe, ganz allein, ganz still und nur auf das laute Ticken der Wanduhr, auf das Verstreichen der Zeit lauschend. Keiner hatte ihn so gesehen. Die Mutter hatte sich in ihre Trauer zurückgezogen, der Vater hat »immer« gearbeitet. - Ganz sanft und leise fing er wieder an zu weinen, Wärme breitete sich in mir aus, und ich fühlte eine große Weite in mir. Es scheint, als haben in dieser Sitzung zwei Menschen den kleinen Jungen gesehen: ich und vor allen Dingen er sich selbst.

Am stärksten hat mich dieser Moment berührt, als in der Stille plötzlich tiefe Trauer und Wärme und Weite spürbar wurden. So gibt es Stille, die einen Raum öffnet, in dem alles spürbar wird, und es gibt die Stille der Abkapselung, in der wir nur bekommen, was an der Oberfläche ist, wie bei Bojen oder Schwimmern von Fischnetzen und Reusen, die anzeigen, dass sich an dieser Stelle Wichtiges unter Wasser befindet. Diese Stille atmet nicht, pulsiert nicht, duftet nicht. Und bemerkenswerter Weise frage ich dann nicht nach, was da »unter Wasser« ist. Als müsste dazu erst die Erlaubnis erteilt werden. Und die Instanz, die darüber zu entscheiden hat, muss sich erst informieren, ob sich die Bedingungen zugunsten von Öffnung geändert haben. Dazu braucht es unsere Präsenz, damit der Raum wirklich geöffnet werden und die Bewegung der »Gestalt-Welle« beginnen kann.

 

Die Tendenz zur Schließung der Gestalt - diese Dynamik ist grundlegend für uns Gestalttherapeuten, auf dieser Beobachtung basiert unsere Arbeit. Und was erfahren wir dabei? Wir haben gesprochen von der Präsenz in der Grundhaltung, von der Öffnung des Raumes, von der Bewegung, die dann einsetzen kann. Und ich glaube, dass es wichtig ist, anzumerken, dass es auch hier um die Vollzähligkeit geht. Aus dem Familienstellen wissen wir um die Wirkung der Vollständigkeit eines Systems - die können wir auch sehen bei der Arbeit des Einzelnen: erst wenn die Figur ganz ist, d.h. wenn wirklich alles dabei ist, was dazu gehört, ist diese tiefe Entspannung spürbar, die uns sagt, dass jetzt die Arbeit getan ist, dass es jetzt »gut« ist. Wir sprechen viel vom Wesentlichen, vom Wesen, vom Ganzen, mit dem wir verbunden sind, von Spiritualität. Ich habe es immer wieder so erfahren, dass das Wesen eines Menschen spürbar wurde, wenn er durch eine Arbeit in einem Moment »ganz« wurde. Erst in der Entspannung und Bewegung wird das Wesen deutlich, das, was diese Ganzheit ausmacht, seine pulsierende Lebendigkeit. Es geht dabei nicht um Makellosigkeit, um ständige Vollkommenheit. Unser krummes Leben wird durch noch so viel Arbeit nicht mehr nachträglich vollkommen werden können, und ich träume auch nicht davon, künftig dauerhaft vollkommen leben und sein zu können. Aber ich erlebe immer wieder Momente von Vollzähligkeit, Momente, in denen ich mich komplett fühle - das ist möglich, und dabei, in diesen Augenblicken des Ganzseins, spüre ich mein Wesen und merke, dass für den Moment alles »in Ordnung« ist.

Das Ganze fühlt sich gut an, entspannt uns - das Unvollständige löst Spannung aus, die sich unangenehm anfühlt. Wir alle kennen die Erfahrung, dass Polaritäten, die uns als unvereinbar erschienen, plötzlich in ihrer Widersprüchlichkeit aufgehoben und vereinbar wurden, wenn wir uns öffnen und dann in einem größeren Raum bewegen konnten. Ohne stützenden Rahmen, der weit genug ist, um alles aufzunehmen und in Bewegung kommen zu lassen, bleiben die Pole unverbunden, sich einander als »entweder-oder« gegenüber stehen und erzeugen eine immense Spannung. Diese Spannung versuchen wir in der Regel dadurch zu bewältigen, dass wir sie durch den Einstieg in uns vertraute Widerstandsprozesse herabsetzen. Wenn nun aber das therapeutische Gegenüber und gar noch eine beteiligte Gruppe in der Grundhaltung diese Spannung halten kann, dann entsteht manchmal für uns in der beschränkten Erstarrung die Möglichkeit, neu in Bewegung zu kommen und für den Moment ganz zu werden.

Mut zu dem, was ist - welch ein merkwürdiger Satz! Als ich Erhard von meinen Erfahrungen erzählte, konnte ich meine Bewegung spüren, die sie begleiteten, und Erhard hat die »Witterung« aufgenommen, die erste Spur.

Mut leitet sich her von dem althochdeutschen Wort »muot«. Das Mittelhochdeutsche Taschenbuch beschreibt »muot« als die Kraft des Denkens, Empfindens, Wollens, und es benennt auch die Bedeutung als »Sinn, Geist und Seele«.

Hier finde ich die Schwingung wieder, die der Satz »Mut zu dem, was ist« für mich hatte - mit Geist und Seele dabei sein, als Ganzes, vollzählig dabei sein, in Ruhe und Entspannung, geöffnet für das, was ist. Dann kann ich den Raum immer mehr für den Klienten frei lassen, für seine Stille, für seine Bewegung, für seine Welle. -

Vor wenigen Tagen habe ich einen Bericht über eine Weltumsegelungsregatta gesehen - mich hat's gleichermaßen gegraust und fasziniert. Es war eine höchst gefährliche Angelegenheit und auf die Befragung durch einen Journalisten, warum zum Teufel man so etwas macht, antwortete einer dieser tollkühnen Narren: »Reinhold Messner hat einem Journalisten auf die Frage, warum er den Mount Everest besteigt, geantwortet : weil er da ist!« und noch zweimal rief er begeistert hinterher: »Weil er da ist, weil er da ist!« dann fügte er an: »Genau so ist es mit dem Meer und dem Segeln!«

Ja, das ist schon eine eigene Art, in der Welt und mit der Welt zu sein: Sich anmuten lassen, sich dafür begeistern lassen, mit Haut und Haar dabei zu sein.

Und wieso habe ich den Mut zu dem, was ist? - Weil es da ist, das Leben und weil ich da bin - wenn's geht mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele!

 

Praxisadressen von Gestalttherapeuten/-innen

 

Heidi Schoeller

Jahrgang 1943. Studium der Politikwissenschaften, Psychologie und Pädagogik.

Als Gestalttherapeutin seit mehr als 20 Jahren in freier Praxis in den Feldern Psychotherapie, Supervision und Aus- und Fortbildung (in Uffenheim-Weigenheim in der Nähe von Würzburg) tätig.

Sie ist außerdem Lehrtherapeutin und Gestalttherapie-Ausbilderin am Gestalt-Institut Köln / GIK Bildungswerkstatt. Zentrales Interesse: Die Gleichwertigkeit von Unvollkommenheit und Vollkommenheit als Grundbedingung für Entwicklung.

Der hier zuerst veröffentlichte Beitrag ist die überarbeitete Fassung ihres Vortrags auf der Jahrestagung des Förderkreises Gestaltkritik im Gestalt-Institut Köln am 4. 5. 2002, die diesmal unter dem Titel »Mut zu dem, was ist« stand.

Bitte beachten Sie auch den folgenden Beitrag von Heidi Schoeller, der in Gestaltkritik 1/2001 erschienen ist: »Die gestalttherapeutische Haltung und die Begegnung mit dem Bösen«.

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