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Robert L. Harman
Eine Stimme aus der Vergangenheit
Eine Gestaltarbeit mit Jim Simkin an einem Traum


Aus der Gestaltkritik 2/2012:

Gestaltkritik - Die Zeitschrift mit Programm aus dem Gestalt-Institut Köln
Gestaltkritik (Internet): ISSN 1615-1712

Themenschwerpunkte:

Gestaltkritik verbindet die Ankündigung unseres aktuellen Veranstaltungs- und Weiterbildungsprogramms mit dem Abdruck von Originalbeiträgen: Texte aus unseren "Werkstätten" und denen unserer Freunde.

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Praxisadressen von Gestalttherapeuten/-innen

  Hier folgt der Abdruck eines Beitrages aus Gestaltkritik 2/2012:

Robert L. Harman
Eine Stimme aus der Vergangenheit
Eine Gestaltarbeit mit Jim Simkin an einem Traum

Jim Simkin

Jim Simkin verstarb 1984. Über viele Jahre hinweg war er Mitglied der Amerikanischen Akademie für Psychotherapie gewesen. Er war international hoch angesehen und galt vielen als wahrer Meister der Therapie. Wenn er die persönlichen Eigenarten und Themen eines Menschen erkundete, ging er sehr präzis zu Werke und traf stets ins Schwarze. Zuletzt hatte er seine Arbeit für eine lange Zeit darauf eingeschränkt, Therapeuten in Gestalttherapie auszubilden. Viele von denen, die ihn dabei einige Wochen oder Monate in seinem Haus in Big Sur erlebt hatten, wurden danach gewahr, dass sich ihr Leben unwiderruflich geändert hatte. Ich habe entdeckt, dass sich mein Leben sogar jetzt noch ändert. Und genau darum soll es in dieser Geschichte gehen.

 

Der Traum

Wie kam es nur, dass mein Blick just an diesem Morgen im Februar 1987 an der Audiokassette im Regal in meinem Schlafzimmer hängen blieb? Ich musste sie schon zwei Jahre lang hunderte von Malen gesehen haben, ohne dass mir dabei irgendein Gedanke kam. Aber an diesem Morgen beschloss ich, sie mit in die Praxis zu nehmen, und sie unter den vielen anderen zu archivieren. War es Schicksal, eine zufällige Koinzidenz, oder war es so, wie meine von Erickson geprägten Freunde sagten: „Jim arbeitet mit Dir in Deinem Unterbewussten weiter.“ Gleich wie, ich nahm jedenfalls die Kassette mit ins Büro, die ich einmal mit folgender Beschriftung versehen hatte: „Simkin – Definition von Kontakt – Arbeit an meinem Traum vom 16.1.1975“. Weil ich zur Zeit ein Buch über Gestalttherapie herausgebe, nahm ich mir vor, in den ersten Teil der Kassette hineinzuhören. Aber jetzt gehe ich fast zu schnell voran, ich muss den Leser erst in die Zeit von Januar 1975 einführen.

Damals war ich im zweiten Monat meiner Gestaltausbildung bei Jim Simkin. Ich hatte seinen normalen mehrere Monate langen Kurs mit sieben Teilnehmern übersprungen und mich gleich für einen Übungsmonat angemeldet. Mein Tageslauf bestand aus einer Therapiesitzung, einer Theorieeinheit und gelegentlich einer Gruppensitzung, alle unter der Leitung von Jim. Wenn ich Freizeit hatte, unterhielt ich mich mit Jim, unternahm mit seiner Familie Besichtigungen, spielte eine flotte Runde „Hearts“, genoss die heißen Quellen unter freiem Himmel, las etwas oder machte eine Wanderung auf einem der Pfade um Big Sur herum. Ich verbrachte einen wunderbaren Monat.

Jim war mir den ganzen Monat hindurch ein Genuss. Er war gesprächig und warmherzig und bezog mich in vieles ein. Wir unterhielten uns öfter informell über seine Arbeitstage, und er zeigte mir seine „geschichtliche Sammlung“, wie er es nannte, und in der es auch Postkarten von Fritz Perls gab und Programme von Workshops im New Yorker Gestaltinstitut der fünfziger Jahre. In diesem Monat entwickelte sich zwischen mir und Jim eine Nähe, die bis zu seinem Tod 1984 (1) fortbestand (meine von Erickson (2) geprägten Freunde würden sagen, wir stünden uns auch heute noch nahe).

Anfang des Monats hatte ich Lexington (Kentucky) verlassen. Ich litt an einer Reizung der Prostata und einem gereizten Verhältnis mit meiner Frau. Sie hatte mich für diesen Monat nicht weglassen wollen, wir hatten darum gekämpft und waren davon angestrengt und angespannt. Beispielsweise weigerte sie sich bei einem meiner Anrufe nach Hause, mit mir zu reden, und ließ meinen Sohn ausrichten, sie hätte mir nichts mitzuteilen (zehn Jahre später ließen wir uns scheiden, und ich habe wieder geheiratet). Kämpfe führte ich auch mit meinem Vater, der an einer chronischen Krankheit litt und von den verschriebenen Medikamenten abhängig geworden war. An diesen und anderen Themen hatte ich in meinen Einzelsitzungen und sich bietenden Gruppensitzungen immer wieder gearbeitet. So viel zu meinem Hintergrund in jenem Monat.

Meine Sitzung mit Jim am Morgen des 16. Januar 1975 habe ich auf Band aufgenommen. Im ersten Teil der Sitzung sprachen wir über die Gestaltauffassung von Kontakt, im zweiten Teil arbeitete ich mit Jim an meinem Traum. Das ist das Band, das ich rund zwölf Jahre später in die Praxis mitnahm. In der Praxis hatte ich am gleichen Tag eine Terminabsage. So beschloss ich, in der frei gewordenen Zeit den Theorieteil der Bandaufnahme anzuhören. Ich dachte, er könnte in mein damaliges Buchprojekt miteinfliessen, und er hörte sich auch tatsächlich interessant an. Am Ende dieses Abschnitts hörte ich, wie ich Jim bat, an einem Traum zu arbeiten. Aus einer Laune heraus beschloss ich, das Band weiter laufen zu lassen und mir auch noch diesen Teil anzuhören. Im folgenden gebe ich ein Transkript dieser Traumarbeit wieder.

 

Bob: Ich würde gern an einem Traum arbeiten, den ich letzte Nacht hatte.

Jim: Du hattest etwas von einer Magenverstimmung oder so erwähnt.

Bob: Ja, gestern morgen hatte ich Bauchschmerzen bis zur Mittagszeit. Heute früh fühle ich mich aber ok. Ich habe zum Frühstück einfach weniger gegessen. Gestern hatte ich irgendeine Angst, aber ich hatte keinen Zugang zu dem, wo sie herkommt.

Jim: Den Traum hattest du heute Nacht. Weißt du noch, ob du auch gestern Nacht irgendwelche Träume hattest?

Bob: Ja, gestern Nacht hatte ich jede Menge Träume. Die Bauchschmerzen waren aber noch nicht beim Aufwachen da, die kamen erst nach dem Frühstück.

Jim: Ok.

Bob: In diesem Traum bin ich auf dem Weg zum Postamt. Allerdings war das Postamt umgezogen, und um wie alle Leute an meine Briefe zu gelangen, muss ich mir erst anhören, wie ein Postangestellter Werbung für ein Reinigungsmittel für Wäsche oder auch für Geschirr macht. Ich muss mich in einer Schlange anstellen, und alle haben große blaue Plastiktüten mit dem Waschmittel dabei. Wie ich so warte, denke ich: „Ist ja komisch, die Leute hier spielen alle mit bei der Waschmittelwerbung.“ Als ich schließlich dran bin, bedient mich am Schalter eine kleine dicke Frau mit Brille und händigt mir meinen Posteingang aus. Ich sage zu ihr: „Das gefällt mir aber gar nicht, dass ich erst diese Waschmittelwerbung über mich ergehen lassen muss, bevor ich an meine Post komme.“ Sie gibt keine Antwort, und ich wiederhole mit erhobener Stimme: „Verdammt nochmal, das finde ich nicht in Ordnung, dass ich mir hier erst diese Waschmittelwerbung anhören muss, bevor ich an meine Post komme.“ Sie gibt wieder keine Antwort, und ich wende mich zum Gehen. Da höre ich, wie jemand in der Schlange sagt: „Können Sie sich so einen Typen in einer sozialen Gruppe vorstellen?“ Ich dreh mich um und bin sehr wütend. Ich weiß nicht mehr genau, was ich sage, vielleicht schimpfe ich die Frau an, dann erkläre ich: „Ich bin dauernd in sozialen Gruppen. Mich ärgert bloß, dass ich das hier mitmachen muss.“ Dann will ich von den Leuten in der Warteschlange ihren Namen und ihre Anschrift wissen, und sie fragen mich, wofür ich die denn verwenden will. Ich sage: „Falls ich diese Frau einmal verklage.“ Einer der Wartenden sagt, in sowas will er nicht hineingezogen werden, aber Namen und Adresse schreibt er mir trotzdem auf. Diese Traumszene ist jetzt zu Ende, ich nehme meine Post und gehe raus.

Draußen fällt mir ein, dass ich am Schalter ein großes flaches Päckchen vergessen habe. Als ich wieder reingehe, ist der Schalter viel höher geworden, oder vielleicht bin auch ich geschrumpft, das weiß ich nicht mehr genau. Ich muss die Hände hochstrecken, um an mein Päckchen zu kommen, und ich habe Angst, dass mir mein Päckchen oder noch irgendwelche anderen auf den Kopf fallen könnten. Es passiert mir aber nichts. Ich gehe raus und glaube, dass alle auf mich blicken, doch ich kümmer mich nicht darum. Am Ausgang ist eine Art Fußgängerbrücke, über die man das Postamt verlassen kann. Die Fußgängerbrücke ist sehr eigenartig. Eigentlich sieht sie normal aus, aber dann schließt sich ein Holzboden an, auf dem man weitergehen muss, und der ist einen Meter höher, als wo man normal gehen würde, und man muss einen Riesenschritt nach oben machen. An dieser Stelle werde ich wach, und der Traum ist vorbei.

Jim: In deinem Traum ist eine Botschaft, die mehrfach wiederkehrt, und zwar der große Schritt nach oben bzw. der hohe Schalter, zu dem du hinauflangen musst und der gefährlich sein könnte. Wo du einen großen Schritt vor dir hast, da schlummert Gefahr.

Bob: Stimmt.

Jim: Und das kommt zweimal vor. Jetzt fang damit an, dass du die blaue Waschmitteltüte bist.

Bob: Ich bin eine blaue Tüte mit Waschmittel. Ich kann für Wäsche und für Geschirr verwendet werden. Ich bin eine blaue Plastiktüte, und in mir drin ist weißes Pulver. Ich bin im Postamt. Die Leute müssen sich etwas über mich anhören. Sie müssen von meiner Waschkraft wissen, bevor sie an ihre Post drankommen. Wenn sie nicht zuhören, bekommen sie auch nicht ihre Briefe, ihre Warensendungen – mir fällt gerade Kokain ein, über das ich letzte Nacht vorm Schlafengehen las. Ich sehe genau so aus. Ich bin kein Kokain, ich bin ein Reiniger. Ich könnte schmutzige Briefe reinigen. Ich habe keinen Namen, das ist seltsam. Die Leute in der Post machen Werbung für mich, und ich habe keinen Namen und bin keine Marke. Bob da draußen weiß nicht genau, wofür ich gut bin.

Jim: Also deine wichtigste Qualität besteht darin, dass du reinigen kannst und dass du namenlos bist.

Bob: Ja.

Jim: Kannst du jetzt mit irgendeinem Teil von Dir Kontakt aufnehmen, der reinigen kann, der alten Mist aufräumen kann, und für den Du keinen passenden Namen hast?

Bob: Bei altem Mist denke ich ans Aufräumen zwischen mir und meiner Frau.

Jim: Ich tippe eher darauf, dass es mit Deinem Vater zu tun hat. Was du als letztes gemacht hast, war ja, Reiniger mit dem Lesen über Kokain zusammenzubringen. Es würde besser passen, wenn dies mit Abhängigkeit von Drogen oder sonstwas zusammengebracht würde, als mit Deiner Frau. Ich könnte mir vorstellen, es geht mehr in diese Richtung, und hier gibt es vielleicht noch einen Aufwasch zu machen.

Bob: Ich habe gerade ein „Aha“. Als mein Vater im Herbst erkrankte und operiert wurde, war er sehr böse, dass ich ihn nicht zu Hause besuchte. Er schrieb mir, dass er mit mir brechen würde. Ich brauchte eine ganze Weile, um das wieder in Ordnung zu bringen. Ich machte ihm klar, dass ich von meinem Bruder erst eine Woche nach seiner OP darüber informiert worden war.

Jim: Auf welche Weise hast Du die Sache in Ordnung gebracht?

Bob: Ich schrieb ihm. Ich erklärte ihm, dass ich von seiner Operation erst hinterher erfuhr. Ich erklärte einfach, wie die Dinge abgelaufen waren. Er schrieb zurück, dass er das jetzt verstünde.

Jim: Jetzt sei mal aus Deinem Traum die dicke Frau hinterm Schalter.

Bob: Ich bin eine Postangestellte. Zu mir müssen die Leute kommen, wenn sie ihre Post abholen wollen. Der Typ hinter mir erzählt ihnen etwas über dieses Waschmittel. Normal reden wir hier nicht viel. Wir geben die Post aus, und die Leute haben sich daran gewöhnt. Nur Bob macht einen Aufstand. Wenn ich ihn so erlebe, kann ich mir nur schwer vorstellen, wie er mit anderen Leuten auskommen will. Er ist wütend ohne ersichtlichen Grund, und jetzt kommt er sogar mit einem Gerichtsprozess. Ich stehe hier in meiner ganzen Größe (am Rande (3)), und ich bin nicht gerade groß. Wenn sich die Leute vor mir in die Warteschlange einreihen und nicht solch einen Aufruhr veranstalten, gebe ich ihnen, was sie von mir haben möchten.

Jim: Das ist noch eine Botschaft, die wiederholt erscheint. An einer Stelle im Traum wirst du selbst kleiner, und an einer anderen wirst du kleiner und breiter. Kannst Du Dich mal damit identifizieren, kleiner als sonst zu sein, kürzer zu sein, dicker zu sein?

Bob: Ich komm mit all dem nicht wirklich in Kontakt. … (4) Oh ja, manches was ich schaffe, manches was ich schreibe – das hast du mir schon mal gesagt, und das hat mir auch ein Verleger gesagt - manchem davon fehlt es vielleicht an Tiefe. Vielleicht ist das auch mit meinem Wissen an manchen Stellen so. Denkst du noch an etwas anderes?

Jim: Naja, wo ich noch dran denke, hat mit der zweiten Bedeutung von „klein“ zu tun, nämlich „kleinlich“. Du sprachst von Gerichtsprozess. Ich hatte dabei die Vorstellung, dass ein Teil von dir streitsüchtig, kleinlich und verbissen sein könnte.

Bob: Verbissen? Ja ganz sicher. An Kleinlichkeit kann ich mich nicht erinnern. Verbissen in der Hinsicht, dass ich oft an etwas festhalte, was ich eigentlich längst loslassen könnte.

Jim: Sei jetzt das Päckchen, das Du vergessen hast und nur mit Mühe wiederbekommst.

Bob: Ich bin ein flaches Päckchen, bin braun eingepackt, sehe so ähnlich aus wie eine Schallplattensendung, allerdings etwas dicker. Ich enthalte vielleicht ein Buch, obwohl ich breiter bin als übliche Bücher. Vielleicht sind Nachdrucke in mir drin. Ich bin schwer. Wenn mich Bob nicht richtig packt, könnte ich von dem hohen Schalter runterfallen und ihm eins auf die Rübe geben. Ich würde ihn nicht schwer verletzen, aber ich habe schon ordentlich Gewicht. Jim, jetzt komm ich wieder in Kontakt mit diesem gequetschten, geplätteten Gefühl. Ich bin geplättet, ich bin ausgequetscht.

Jim: Was tust du, um dich selbst platt zu machen und auszuquetschen? Welche Methode liegt dir am nächsten, die dich niederhält und zusammendrückt?

Bob: Selbstmarterung vielleicht.

Jim: Und Rechtfertigen für alles und jedes. Wenn deine Frau pfeift, spitzt du die Ohren und lieferst Rechtfertigungen. Wenn dich dein Vater angeht, gibst Du Erklärungen oder ebenfalls Rechtfertigungen. Ich habe nicht erlebt, dass du ärgerlich bist und deine Position auch dann hältst, wenn du keine Gründe dafür hast. Du bist nur selten willkürlich. Du erträgst vermutlich eine Menge unnützes Zeug, zum Beispiel hörst du dir Werbung an, die dich gar nicht interessiert. Ein Teil von dir ärgert sich, wie du drauf bist, und schlägt zu. Ein Teil sagt, in sozialen Gruppen kommt dieser Typ nicht gut klar. Du stehst nicht voll hinter deinem Recht, ärgerlich zu sein auch ohne gute Gründe.

Bob: Das scheint mir ein Kernpunkt zu sein. Ich brauche immer gute Gründe.

Jim: Was du meidest wie die Pest, sind Willkür und Unvernunft.

Bob: Willkür, ja das stimmt. Ob Unvernunft, weiß ich nicht. Jedenfalls Ärger vermeide ich, wenn ich keinen Grund zu ihm habe.

Jim: Oder wenn du keinen Grund für ihn herbeiholen kannst.

Bob: Wobei ich mich frage, ob das denn schlecht ist. Ob ich damit aufhören will. Ich bin eben so. Ich bin nicht sicher, ob ich das ändern will.

Jim: Ja. Und dann hast du einen Traum als den einzigen Ort, an dem dein Ärger rauskommen darf. Solange du wach und verantwortlich bist, kann oder darf kein Ärger erscheinen. Und du erlaubst ihn auch erst dann, nachdem du schon bekommen hast, was du willst. Erst erträgst du allen möglichen Mist, hörst bereitwillig hin, und so weiter, und ärgerlich wirst du erst hinterher. Darauf reagiert ein Teil von dir, dieser Kerl gehöre in keine sozialen Situationen. Dann kommt Gerede auf, und du wirst noch ärgerlicher, richtig streitsüchtig. Das alles klingt so, als gäbe es da einen Konflikt. Als wärst du nicht wirklich zufrieden, auch wenn du mit der Vernunft sagst, es wäre o.k. nicht ärgerlich zu werden. Auf einer bestimmten Ebene bist du damit nicht wirklich einverstanden und glaubst das eben nicht.

Bob: Mir fallen einige Situationen ein, wo ich ärgerlich war, und das nicht direkt sagte, wo ich so tat als wäre das nicht wichtig. Wahrscheinlich erschien ich als mürrisch und schweigsam. Wir waren schon einmal auf diesen Punkt gestoßen, und irgendwie will ich ihn nicht wahrhaben.

Jim: Du redest dir dauernd gut zu, dass das kein großes Ding sei, dass es keinen Ärger wert ist. Ich bin offenbar ärgerlich, ich sollte das nicht sein, ich gehe darüber hinweg. Diese Leugnung von „Ich bin ein verärgerter Typ“ führt beispielsweise zu Magenentzündungen oder Migräne, oder auch zu einem Herzanfall. Die Retroflexion explodiert im Inneren, und du gehst daraus mit einer körperlichen Krankheit hervor. Oder du wirst ein latent gefährlicher Typ, der, wenn er einmal zuschlägt, auch noch den Himmel zum Einsturz bringt. Ein bißchen von deinem Ärger kommt klitzeklein heraus, und die Leute nehmen dich als gereizt oder grummelig wahr. Wenn du etwas davon selber merkst, dann ist es dein Ärger und deine Gereiztheit in Träumen. Da wird dir gewahr, wie du daran festhängst, wie verbissen du bist. Und bei Tage lebst du nur in dem Bewusstsein, dass du gereizt und verärgert bist und dass das eigentlich kein großes Ding sei. Wenn davon mal etwas an die Luft tritt, dann bin ich nicht sicher, dass es von einem Sicherheitsventil genug gebremst wird, dass es dir und den Mitmenschen keinen Schaden zufügen kann. Der Affekt, der sich aufbaut, wird retroflektiert, gespeichert, und dann - Explosion. Gegenüber deinen Kindern ist kein Sicherheitsventil erforderlich. Nötig ist es gegenüber deinem Vater, deiner Frau und deinem Chef. Für den Teil in dir, der unterlegen ist, der abwartet und sich zurückhält, für den Teil, der etwas erreichen will und sich über den anderen Teil, den überlegenen Schalterbeamten, ärgert.

Bob: Das ist alles stimmig. Was ich nicht erlebe, sind die Symptome, die meiner Meinung nach bei Retroflexion auftreten müssten. Ich leide kaum an solchen Beschwerden.

Jim: Naja, du kommst damit nur hier und da ein bisschen in Berührung, zum Beispiel mit Bauchschmerzen und Prostatareizung, also nichts Weltbewegendem. Vielleicht nur kleine Erinnerungen daran, dass du vieles mit dir selber ausmachst. Nichts so Offenkundiges und Zerstörerisches wie ein Geschwür. Es lässt dich als einen Menschen mit Ärger erscheinen. Die Prostatitis könnte ein Weg sein, um jemand anderen anzusprechen. Wenn du ärgerlich aussiehst, ist das eine Botschaft an andere. Wenn du an einer Reizung leidest oder nicht richtig funktionieren kannst oder willst, dann steckt da eine Mitteilung drin. Es ist keine schwerwiegende Botschaft. Ich glaube, auch dieses Fehlen von Massivität, diese Unlust oder Unfähigkeit zur Vertiefung, ist ebenfalls typisch. Ob das gut oder schlecht ist, ist jetzt nicht die Frage. Es ist einfach eine Begleiterscheinung davon, mit Projektionen und Verleugnungen durchs Leben zu gehen. Es geht einher mit einem gewissen unverbesserlichen Optimismus. Es kann mal mehr, mal weniger zweckmäßig sein. Ich glaube nicht, dass du zu viel hinterfragst, und du würdest auch in solchen konflikthaften Träumen nicht zuviel erleben, wenn du nicht damit ein Problem hättest. Vielleicht geht es tiefer als du zulassen willst, und vielleicht steckt deshalb in deinem Traum eine Botschaft. Sicherlich hast du mehr Tiefe als ein Kompaktbrief, nur hält dich ein Teil von dir, der dich im Griff hat, so im Zaum. Von außen gesehen passt du ins Format, während ein Teil in dir nicht so verformbar ist und sich nicht wirklich einfügt. Ich würde nach anderen Wegen Ausschau halten, um diesen Konflikt zu lösen, anders als durch Anpassung und Nettsein und plötzlicher Bissigkeit hinterher. Du kannst an deine Briefe kommen, auch ohne dass du so eine Nummer ablieferst. Eines der Dinge, auf die du stolz sein kannst, ist dein Anderssein. Du spielst keine Schau mit, um voranzukommen. Wenn dich andere weiterkommen lassen wollen, ok. Natürlich kann es auch dabei zu einem Konflikt kommen, nämlich wie sehr du etwas Besonderes bist. Bist du wirklich so besonders, oder ist deine Andersheit eine Projektion/Verleugnung oder eine Fassade? Vielleicht kümmert dich das im Grunde auch nicht. Organismisch gesehen geht es also darum, was du wirklich bist und nicht, was du spielst.

Bob: Ja, darüber will ich wirklich mehr rausfinden. Passt dies hier zu mir, bin ich dieses wirklich, oder was bin ich sonst? Führ ich nur ein Theaterspiel auf oder nicht? Ich weiß nicht wirklich, wie ich das herausfinden kann. Ich weiß nicht, wie ich damit experimentieren kann.

Jim: Gestern Nacht in der Gruppe hattest du jemandem gesagt „Das interessiert mich nicht, was du mir erzählen willst.“ Er ließ aber nicht locker und erzählte immer weiter. Da hast du ihn einfach stehenlassen. Danach hattest du keine Schuldgefühle oder Grübeleien. Das warst du wirklich. Das war in Übereinstimmung mit dem, wie du wirklich warst. Wenn du jemanden abblitzen lässt und dir hinterher Gedanken machst „hat ihn das wohl verletzt?“ oder hinterher nicht einschlafen kannst, dann hattest du nur geschauspielert, als würdest du ihn abblitzen lassen. Es kann sich auch mal herausstellen, dass dein Desinteresse nicht ganz so groß ist. Du sagst zum Beispiel zu deiner Frau: „red nur was du willst, ich will auf jeden Fall nach Big Sur fahren“. Wenn es dich danach beschäftigt, wie sie sich jetzt fühlt, dann war dein Desinteresse an ihren Meinung nur gespielt. Der entscheidende Punkt ist: Kannst du etwas auf sich beruhen lassen und zum nächsten Thema übergehen? Wenn du eine Sache anscheinend loslässt und danach nicht mehr davon träumst, nicht mehr darüber nachdenkst, keine Symptome entwickelst usw., dann hast du sie wohl wirklich losgelassen. Dann hast du sie organismisch abgeschlossen. Eine Möglichkeit, um damit zu experimentieren, wäre, mit voller Absicht willkürlich zu handeln, ja, die Götter zu versuchen, und dann zu sehen was passiert. Also ob sich dann Träume oder Symptome einstellen, usw.

Bob: Manches, wo ich in den letzten Wochen dran gearbeitet hatte, habe ich wirklich losgelassen. Manches noch nicht.

Jim: Ja, wenn du an etwas gearbeitet hast und es danach gehen lässt, es als abgeschlossen empfindest, dann ist es kongruent mit dir. Wenn du es nicht loslässt, ist es mit dir nicht kongruent.

Bob: Ja gut. Ich möchte das an dieser Stelle beenden.

 

Beim Abhören der Bandaufnahme fiel mir auf, wie kräftig, klar und lebendig Jim’s Stimme klang. Es war fast, als wäre er bei mir in der Praxis und würde die Arbeit heute machen, nicht vor 12 Jahren. Außerdem fielen mir in technischer Hinsicht die Abschnitte auf, in denen Jim Deutungen zu meinem Traum gibt, was er immer mal wieder tat, und wobei er sich auf die Kenntnis vorangegangener Arbeiten mit mir stützte. Am Ende der Sitzung gab er mir eine Hausaufgabe oder zumindest Vorschläge, wie ich mit einigen meiner Entdeckungen weiter experimentieren könnte. Nun werden weder Deutungen noch Ratschläge typischerweise mit Gestalttherapie in Verbindung gebracht. Doch in dieser Sitzung schienen sie ein natürlicher Bestandteil zu sein und aus ihr heraus zu erwachsen. Meine größte Überraschung beim Abhören der Aufnahme war: mit einigen der Themen kämpfe ich noch heute.

Für mich kristallisierten sich bei der Sitzung die folgenden Themen heraus:

a. Ich werde selten wütend ohne einen guten Grund.
b. Ich vermeide, willkürlich und unvernünftig zu sein.
c. Ich erlaube mir wütend zu werden, wenn ich erst einmal etwas bekommen habe.
d. Ich rede mir auch bei wichtigen Sachen immer noch ein, sie seien kein großes Ding.

Und der letzte Punkt traf den Nagel auf den Kopf. „Mist“, dachte ich, „ich mache das immer noch mit meiner Frau“. Ich ließ es mir noch mal durch den Sinn gehen und kam dann an den Punkt, wo es kein Zurück gibt, also bildlich gesprochen zur Ejakulation. Ich konnte nicht mehr an mich halten und machte einen Anruf bei meiner Frau JoAnn.

Ich erklärte ihr, dass ich nicht länger warten könnte. Dass es nämlich in unserer Beziehung einen Punkt gibt, den ich immer als zweitrangig abgetan hätte, bei dem ich immerzu gewartet hätte, dass er sich von alleine ändert. In Wahrheit wäre das anders. Es wäre ein großes Ding, und ich wollte mit ihr noch heute abend darüber reden.

Der Clou der Geschichte ist, dass ich dann gegenüber meiner Frau zum Ausdruck brachte, wie wichtig mir dieser Punkt in Wirklichkeit ist. Ich tat das nicht, um sie in irgendeiner Weise zu einer Änderung zu bewegen, sondern um mich selber in vollem Umfang einzubringen, um kongruent zu sein, wie es Jim nannte. Dadurch, dass er mir ermöglichte, einer bestimmten Sache in meiner Ehe einen sehr wichtigen Platz einzuräumen, fühle ich mich heute wie neu belebt. Jim’s Stimme aus der Vergangenheit, heute noch so treffsicher wie vor 12 Jahren, hat es mir ermöglicht, meinem Eheleben neuen Reichtum zu geben.

 

Anmerkungen

(1) Anm. d. Ü. Im Original steht an dieser Stelle irrtümlich 1986, wogegen in der Einleitung korrekt 1984 angegeben ist. Jim Simkin starb am 2.8.1984 www.gestalt.de/traumarbeit.html
(2) Anm. d. Ü. Milton Erickson (1901-1980) prägte maßgeblich die moderne Hypnose und Hypnotherapie
(3) Anm. d. Ü. Alternative Lesart wegen schlechter Verständlichkeit der Aufnahme
(4) Anm. d. Ü. Anscheinend Auslassung wegen Unverständlichkeit der Aufnahme

 

Praxisadressen von Gestalttherapeuten/-innen

Buchcover: Werkstattgespräche Gestalttherapie (Robert L. Harman)

Bob Harman, Gründer des "Gestalt Institute of Central Florida", ist seit vierzig Jahren in Gestalttherapie engagiert und lernt immer noch dazu. Er veröffentlichte vier Monographien und mehr als 30 Zeitschriftenartikel über Gestalttherapie. Bei vielen lokalen, regionalen und landesweiten Konferenzen ist er mit Vorträgen vertreten. Gegenwärtig ist er in einem Teilzeit-Ruhestand und führt die Praxis noch an zwei Tagen der Woche fort. Er lebt zusammen mit seiner Frau in Oviedo (Florida).

Der obige Beitrag ist zuerst erschienen in: VOICES 1987:23(2):19-26. Wir danken dem Autor für die freundliche Genehmigung der deutschen Erstveröffentlichung an dieser Stelle. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Thomas Bliesener.

In unserer Zeitschrift "Gestaltkritik" ist auch ein Interview von Bob Harman mit Jim Simkin erschienen: "Solange der Therapeut weiß, was er tut: Interview mit einem der ersten Gestalttherapeuten"

Ganz besonders möchten wir Sie auf das von Bob Harman herausgegebene Buch "Werkstattgespräche Gestalttherapie: Mit Gestalttherapeuten im Gespräch" hinweisen (Edition des Gestalt-Instituts Köln GIK im Peter Hammer Verlag).

Außerdem veröffentlichten wir in unserer Edition GIK den Klassiker der Gestalttherapie von Jim Simkin: "Gestalttherapie. Minilektionen für Einzelne und Gruppen".

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