Simkin: Gestalttherapie. Minilektionen

James S. Simkin
Gestalttherapie
Minilektionen für Einzelne und Gruppen

Mit einem Vorwort von Erving Polster und einem Interview mit James S. Simkin von Robert L. Harman
Herausgegeben von Anke und Erhard Doubrawa
Aus dem Amerikanischen von Ruth Reinboth

Edition Gestalt-Institut Köln / GIK Bildungswerkstatt
im Peter Hammer Verlag, 3. Auflage, Wuppertal 2003

Ein historisches Dokument der Gestalttherapie, von einem der ersten Gestalttherapeuten.
Ein kraftvolles Buch, leicht zu lesen, gut verständlich und voll mit Anregungen für die eigene Suche als KlientIn.
Eine Pflichtlektüre für TherapeutInnen, und für solche die es werden wollen.

136 Seiten, broschiert, 12,90 Euro

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 Praxisadressen von Gestalttherapeuten/-innen

 Leseprobe aus dem Buch:

James S. Simkin
Traumarbeit. Mini-Lecture und Demonstration

 Der Traum

J: Dem System der Gestalttherapie entsprechend, ist alles in eurem Traum irgendein Aspekt von euch selbst, und in der Tat schreibt ihr euer eigenes Skript, wenn ihr träumt. Ihr sagt Dinge über euch selbst aus. Die meisten Therapien betrachten den Traum als verschlüsselte Botschaft. In der Gestalttherapie ist die Botschaft eine existentielle Botschaft, eine Botschaft darüber, wie ihr existiert, über die Natur eurer Existenz. Sie enthält gewöhnlich zwei wichtige Elemente. Das eine ist eine Aussage darüber, wer ihr seid. Indem ihr jeden Teil spielt, könnt ihr mehr Bewußtheit darüber bekommen, womit ihr euch identifiziert, was ihr euch nicht angeeignet habt. Wenn ihr bereit seid, es euch wieder anzueignen, könnt ihr euch der Teile bewußt werden, die euch nicht zu eigen sind. Das andere Element, das häufig, nicht immer, da ist, ist ein fehlender Teil.

Manchmal ist der fehlende Teil des Traums eine Lösung. Wenn jemand im Flugzeug ist und niemals am Bestimmungsort ankommt, niemals ankommt, wohin er auch geht, dann wird das der fehlende Teil, das Ziel oder der Bestimmungsort. Versucht in der Traumarbeit in Kontakt mit den entfremdeten Teilen zu kommen und arbeitet mit Wiederaneignen und wenn immer möglich, am fehlenden Teil.

Wenn ich selbst mit einem Traum arbeite, habe ich oft noch einen anderen dabei. Ich habe einen sehr heimtückischen "top-dog", der sich sehr gut verkleiden kann und mich davon abhält, mir etwas bewußt werden zu lassen. Deshalb brauche ich die Augen und Ohren einer anderen Person, jemanden, der mein Therapeut ist. Mein Therapeut kann jemand sein, zu dem ich gewöhnlich nicht viel Vertrauen habe. Es kann jedoch jeder, der bereit ist, mir zuzuhören und nichts auf mich übertragen will, der Augen und Ohren hat und mir Rückkopplung geben kann, ein ausgezeichneter Therapeut sein. Nun, eine Art, mit meinem eigenen Traummaterial zu arbeiten, wenn ich niemand anderen zur Verfügung habe, ist, meinen Traum entweder aufzuschreiben oder auf Band aufzunehmen und ihn wegzulegen. Nach einiger Zeit kehre ich dann zu dem Traum zurück. Damit meine ich nicht notwendig den nächsten Morgen oder die nächste Woche. Häufig bin ich überrascht, wenn ich in der Lage bin, etwas herauszuarbeiten, von dem ich erfahrungsgemäß weiß, daß ich es anfänglich nicht herausgefunden hätte. Ich ziehe es vor, jemanden zu haben, einen Kollegen oder meine Frau, mit dem ich arbeiten kann - dem ich meinen Traum erzählen kann. Einer meiner Lieblingsplätze ist es im "hot tub" (beheiztes Sitzbad im Freien für acht bis zehn Personen; Anm. d. Übers.) zu liegen, meiner Frau meinen Traum zu erzählen und von ihr Rückkopplung zu bekommen, wenn sie merkt, daß ich etwas vermeide, oder sie bittet mich vielleicht, die verschiedenen Teile zu spielen usw.

P: Wie ist es mit Wiederholungsträumen?

J: Ein wiederkehrender Traum ist für mich eine lebenswichtige Botschaft. Immer, wenn ich einen wiederkehrenden Traum habe, sage ich mir etwas, dem ich nicht zuhören will. Der Traum hört in dem Moment auf, sich zu wiederholen, in dem ich verstehe, was ich mir sage.

P: Ist das auch für einen alten Traum wahr, den du im Gedächtnis behälst? Nicht einer, den du wieder träumst, sondern...

J: Ja. Das Grundprinzip ist, daß ich kein Bedürfnis habe, einen Traum noch einmal zu träumen oder mich daran zu erinnern, was im wesentlichen das gleiche ist, wenn sich erst einmal eine Gestalt bildet, wenn erst einmal ein Abschluß da ist. Er wird abgestandene Scheiße.

P: Worin besteht dein Einwand, am nächsten Tag mit dem Traum zu arbeiten?

J: Ich habe keinen Einwand. Meine Erfahrung war, daß ich mich selbst täusche, wenn ich das tue. Ich nehme etwas, das dramatisch oder wichtig für mich zu sein scheint und folge dem, und es wird ein "roter Hering", ein Ablenkungsmanöver, für mich; ich sehe nicht das, was für jeden anderen außer mir offensichtlich ist.

P: Was gibt es über den verschwommenen Traum zu sagen? Jemand kommt mit einem Traum, an den er sich nicht erinnern kann, vielleicht nur an ein oder zwei Dinge darin. Läßt du ihn dann zu Ende träumen (in der Phantasie)?

J: Nur mit dem Fragment arbeiten.

P: Und nicht vervollständigen?

J: Es ist nicht Vervollständigen. Meiner Erfahrung nach ist jemand häufig ungefragt in der Lage, den Traum zu vervollständigen, wenn er wirklich mit dem Fragment arbeitet.

P: Welchen Anfang wählst du bei der Traumarbeit?

J: Als allgemeines Prinzip ziehe ich es vor, den Teil zu nehmen, mit dem der Träumer meiner Vorstellung nach am wenigsten identifiziert ist. Wenn es Leute und Plätze in dem Traum gibt, wähle ich eher die Plätze als die Leute. Wenn es einen Ort gibt, Territorium, ein Feld, einen Ozean, irgendeine weite Ausdehnung, wähle ich immer eher die weite Ausdehnung als das Spezifische - was immer das am meisten vage ist. Die Leute identifizieren sich gewöhnlich nicht leicht mit vagen, weiten allgemeinen Ausdehnungen. Sie identifizieren sich mit anderen Leuten, manchmal mit Gegenständen, selten mit Plätzen und fast nie mit Ungreifbarem wie dem Wetter oder Situationen, die nebulös sind. Wenn du mit dem Teil von dir in Berührung kommst, mit dem du am wenigsten in Kontakt bist, und von diesem Ende her anfängst und nicht vom anderen, besteht die größte Wahrscheinlichkeit für ein "Aha", für ein Wiederaneignen eines entfremdeten Teiles. Wenn ich auf diese Weise mit jemandem arbeite und er quält sich ab und ist offensichtlich unfähig oder unwillig oder beides, mit etwas in Kontakt zu kommen, das vage ist, dann gehe ich zu den anderen Möglichkeiten über, wie Leuten oder Plätzen.

P: Was machst du, wenn jemand darauf besteht, daß er niemals träumt? Was ist sein Problem? Ist das nicht ein vollständiges Abblocken? Weil er doch offensichtlich träumt; jeder träumt.

J: Wenn jemand darauf besteht, daß er nicht träumt, sage ich: "O.K. Du träumst nicht."

P: Mir ist das mit einem Patienten passiert, und ich ließ ihn zu dem Traum sprechen, der nicht da war, und dann fing er an zu träumen.

P2: Nicht nur das. Ich habe das mit Fritz und jemand anderem gemacht. Ich habe es mit guter Wirkung benutzt. Ich sage zu dem Patienten: "Was hast du letzte Nacht geträumt?" Er sagt: "Ich habe nicht geträumt. Ich träume niemals." Ich sage: "Nun die Typen von der Forschung erzählen uns, daß wir alle jede Nacht träumen." Mit anderen Worten, ich gehe geradezu dogmatisch damit um, und ich ziehe einen Stuhl heran und sage: "Tu' deinen Traum, den du letzte Nacht hattest und an den du dich nicht erinnern kannst, in diesen Stuhl und sprich mit ihm. Sag' ihm: ,Du bist mir entwischt.' Und der Traum sagt: ,Ich bin dir nicht entwischt; ich versuche durchzubrechen, du verdammter Narr!'" Und er entwickelt Bewußtheit, daß er es ist, der das tut.

J: Ich ziehe es vor, etwas ganz Verschiedenes zu tun. Ich lasse die Person lieber sagen, daß sie nicht träumt, anerkennen, daß sie nicht träumt. Und ich stelle mir vor, daß sie sabotiert. Jedesmal, wenn sie sich ihres "top-dog"-Spieles bewußt wird, ihres Sabotage-Spiels, gebe ich die Instruktion: "Träume nicht heute Nacht. Was immer du tust, träume nicht!" Und wenn ich jemanden habe, der einen sehr starken Saboteur hat, einen starken "under-dog", dann vielleicht...

P: Dann träumt er.

J: (mit einem Lächeln) Manche Leute haben es getan. Vor zwei Tagen erinnerte ich mich nachts an einen Traum. Ich träumte von meiner Mutter. Sie war dabei, mich umzubringen, und ich konnte es mir nicht vorstellen, daß sie es ernst meinte. Und dann entdeckte ich, daß sie es ernst meinte, daß sie wirklich dabei war, mich umzubringen. Das war ein Alptraum für mich. Ich war entsetzt. Und dann erkannte ich, daß ich eine Botschaft für mich hatte. Ich schlief wieder ein und behielt diesen Traum. Die Botschaft ist mir sehr klar. Wenn ich meine Mutter bin, der Teil von mir, der meine Mutter ist, bringe ich mich um. Es war sehr klar, und ich höre zu, ich passe auf, soweit meine Bewußtheit reicht. Ich habe jetzt eine Wahl. Ich würde mich umbringen ohne Bewußtheit. Es kann sein, daß ich mich noch immer umbringe, wenn ich der Teil von mir bin, der meine Mutter ist. Ich kenne einige Charakteristika meiner Identifikation mit ihr; wenn ich gehässig oder sarkastisch bin, dann bin ich meine Mutter und bringe mich um.

P: Wenn ich meine Mutter bin, bin ich der Peiniger.

J: Richtig.

 

Der Traum eines Patienten

P: Ich möchte mit einem Traum arbeiten, den ich kürzlich hatte. Ich hatte ihn gestern; letzte Nacht. In meinem Traum wird meine jüngste Tochter, die ungefähr acht Jahre alt ist, mit einem Beil zerhackt. Ein bestimmter Teil ihres Körpers, ihr Bein, ist abgehackt. Das Beil wird von einem Jungen aus der Nachbarschaft geschwungen, den ich kenne, und ich sehe zu.

Sie sitzt auf dem Fußboden neben einem Tisch, und er kommt unter dem Tisch hervor und zerhackt ihr den Fuß, das Bein. Und ich will ihn davon abhalten, und ich kämpfe mit ihm, aber ich kann ihn nicht daran hindern. Schließlich entwinde ich ihm das Beil, und es ist zu spät. Sie hat große Schmerzen und stirbt an Ort und Stelle.

Und dann greift er mich an, mit bloßen Händen. Und ich schlage auf ihn ein, nicht mit der Schneide des Beils, ich schlage ihn mit der Rückseite des Beils aufs Bein, gerade soviel, daß sein Bein betäubt ist und er mir nicht mehr nachlaufen kann. Aber ich füge ihm keinen wirklichen Schaden zu. Und dann trete ich zurück, so daß ich vor ihm sicher bin, und sage zu jemandem - zu meiner Frau, die ich nicht erkenne, die dort steht, daß ich machtlos war, ihn aufzuhalten, und daß ich es nicht verstehen kann. Ich bin von diesem Traum mit großem Schrecken und zitternd aufgewacht. Es ist der lebhafteste Traum, den ich seit langem gehabt habe.

J: O.K. Fange jetzt an, indem du deine Tochter spielst. In der ersten Person, Gegenwart.

P: Ich bin die Tochter, ich sitze unter dem Tisch, und dieser Kerl kommt...kriecht unter den Tisch, und er kommt mit dem Beil auf mich zu. Ich weiß nicht, was er tun wird. Aber er hackt auf mein Bein ein, und es tut furchtbar weh. Und ich kann es nicht verstehen. Es hat überhaupt keinen Sinn. Und Pappi ist da, und er kann nichts dagegen tun, und ich kann es nicht begreifen. So tu` doch einer was!

J: Bitte mach weiter als Kind.

P: Ich kann überhaupt nicht begreifen, warum jemand mir weh tun will. Ich bin die Gesündeste, die Natürlichste von allen hier. Das war eine Assoziation, die mir zu ihr kam. Das ist alles für sie.

J: Oh nein, du veränderst deinen Traum.

P: Ich habe den Teil gespielt, wo's weh tut.

J: Bitte mach weiter.

P: O.K. (seufzt) Ich bin verlegen.

J: Was macht dich verlegen?

P: Es fällt mir schwer, rauszubrüllen, daß mein Bein wehtut.

J: Bitte mach weiter.

P: Au, du hast in mein Bein gehackt; au, mein Fuß tut weh; au, mein ganzes Bein. So tu doch einer was; mit meinem Bein passiert was. Sie hacken es ganz kaputt, es tut weh!

Ich muß irgendetwas abblocken.

J: Du bist nicht durch das Sterben gegangen.

P: O.K. Ich fange noch mal an: Sie zerhacken mein Bein, und es blutet, und Pappi unternimmt nichts gegen ihn, und es tut weh, und ich werde sterben. Ich sterbe. Ich weiß nicht, wie ich das Sterben darstellen soll, einen gewaltsamen Tod wie diesen.

J: Ich glaube dir nicht. (Lange Pause) Was tust du?

P: Ich berühre meine Lippe und denke nach.

J: Vielleicht versuchst du, dir was auszudenken.

P: Ja, wie ich das Sterben darstellen und es für dich überzeugend machen könnte.

J: Versuche, ob du es für deinen Pappi überzeugend machen kannst.

P: (Pause) Das kann ich nicht.

J: Was kannst du nicht?

P: Ich würde dasitzen und wünschen, daß mein Pappi etwas tun würde.

J: O.K. Würdest du jetzt mal den Jungen spielen, der unter dem Tisch herumkriecht. Den Beilschwinger?

P: (Pause) Da ist (D.), sie sitzt auf dem Fußboden. Ich werde sie gleich zerhacken. Ich schlüpfe unter diesen Tisch, wo mich keiner erwischen kann. Bis sie zu mir hinkommen, hab ich das Bein schon zerhackt. Ich bin wirklich gut mit diesem Beil, großer Künstler mit dem Beil, seht mir nur zu. Das ist wirklich ein Feuerwerk, ein Fest. Und ich krieche unter den Tisch, und ehe einer merkt, was passiert, zerhack' ich ihr Bein. Jeder Schlag geht richtig durch den Knochen - es ist großartig. Und Blut auf dem ganzen Fußboden - eine blutige Schweinerei. Ich hab` in meinem ganzen Leben noch nie so etwas Aufregendes gemacht! Da kommt der Idiot von Vater, er will mich aufhalten - und er wird es nicht schaffen; weil ich den Tisch dazwischen habe. Endlich hab ich sie schon soweit zerhackt, daß sie dran sterben muß, und ich kann nichts mehr tun. Der Scheißkerl! Er hat mir das Beil weggerissen. Ich werde ihn kriegen. Au, er hat mich aufs Bein geschlagen; ich kann nicht mehr laufen! Was glaubt er eigentlich, was er tut? Ich kann mit dem Beil umgehen, und ich kann gut hacken; er haut mich mit der stumpfen Seite aufs Bein. So ein Idiot! (Pause)

J: Was erfährst du?

P: Verblüffung: Das ist eine Seite von mir, die ich nicht kenne. Wenn dies eine Seite von mir ist, dann bin ich sicher...

J: Wenn das ein Teil von dir ist?

P: O.K. Es ist ein Teil von mir, den ich nicht anerkenne und nicht bewußt zugebe. Ein Beilschwinger? Das ist nicht mein Bild.

J: Ein hinterlistiger Beilschwinger?

P: O.K. Unter dem Tisch.

J: Ja, wird das ein wenig erkennbarer?

P: Ein wenig. Ich war früher hinterlistig. Aber das... (Die Stimme wird schleppend und verstummt)

J: Was ist passiert?

P: Ich hab' gerade die Farbe deines Anzugs bemerkt. Gelb und rot! Ich bin schon ziemlich lange dabei, die hinterlistigen Dinge, die ich tue, ans Licht zu bringen. Und ich hatte bis jetzt den Eindruck, ich hätte es damit schon ziemlich weit gebracht. Ich bin sehr überrascht, diesen Aspekt des Hinterlistigseins zu entdecken. Aber doch nicht so überrascht, da es ein Aspekt ist, den ich nicht als hinterlistig erkenne.

J: Jetzt spiel mal das Beil.

P: Beil? Ich bin so ziemlich das schärfste, geschliffenste, das es je gegeben hat. Eine Schneide, die durch den Knochen geht, die mit einem sauberen Schwung töten kann. Man muß mit mir nur richtig zielen, und es ist mit einem Schlag geschafft. Ein richtig feines, scharfes Beil: das Beste!

J: Spiele die andere Seite.

P: Die stumpfe Seite? (Pause) Als stumpfe Seite des Beils bin ich nicht sehr wirksam. Ich kann nicht wirksam eingesetzt werden. Ich kann nur schwächen. Ich kann keinen sauberen Schlag führen. Ich kann einen vorübergehenden Schlag versetzen, ich kann etwas von mir abhalten. Ich kann für eine Weile betäuben. Aber ich kann nicht abschneiden.

J: Jetzt spiele den Tisch.

P: Ich bin ein Schutz für den Jungen, der unter den Tisch kriecht, ich bin ein Schutz für das Beil. Ich bin kein Schutz für das Mädchen.

J: Du bist ein Schutz für zwei von vier von den vier Menschen oder Gegenständen.

P: Kein Schutz für mich selber.

J: Das glaube ich nicht. Ich glaube, daß du ein Schutz für den Träumer bist.

P: Ich sehe nicht, wovor der Tisch ihn schützt. In dem Traum bin ich ihm im Weg: Ich hindere ihn daran, seine Tochter zu retten.

J: Ja.

P: Deutest du an, daß dies ihm in irgendeiner Weise hilft?

J: Ja (Pause) Was ist eben geschehen?

P: Ich habe die Hände in die Taschen gesteckt. Ich denke wieder nach. Ich versuche herauszubekommen, was der Tisch für mich tut. Ich weiß es nicht.

J: Was geschieht, wenn du die Hände in die Taschen steckst?

P: Das gibt meiner Hand einen festen Aufenthaltsort. Einen sicheren Ort für meine Hände.

J: Nun spiele die verschwommene, nebulöse Frau.

P: Ich bin eine völlig Außenstehende. Ich hab' nichts mit irgendeiner Person im Drama zu tun. Ich bin am Rande des Schauplatzes, total überflüssig. Ich kann kaum sehen, was passiert. Ich kann nicht viel von dem verstehen, was er zu mir sagt, ich kann seine Worte kaum hören Das Ganze ist für mich ein undeutliches, nebelhaftes Ereignis; ich bin außerhalb.

J: Und jetzt spiele dich selber.

P: Verdammt, sieh mal, was da passiert. Ich hab den Jungen garnicht gesehen, wie er mit dem Beil unter den Tisch gekrochen ist. Ich muß ihn abhalten.

J: Was ist mit deinen Händen passiert?

P: Ich hab' sie aus den Taschen genommen.

J: Bitte mach weiter.

P: Ich muß ihn aufhalten. Ich laufe hin, ich will ihn packen. Ich packe ihn. Ich halte ihn fest; ich ringe mit ihm, und er hackt immer noch auf sie ein. Ich kann das nicht verstehen; ich bin stark, aber ich kann ihn nicht davon abhalten, immer weiter zu hacken. Ich kann ihn anscheinend nicht zum Aufhören bringen. Und gleich ist es zu spät, und meine Tochter schreit und das Blut fließt, und ich bin machtlos. Ich versuch's ja, aber anscheinend mach ich's falsch. Ich verhindere den Schaden nicht.

J: Ja.

P: Und ich mach mir selber Vorwürfe, daß ich`s nicht tue.

J: Wie machst du dir Vorwürfe?

P: Ich bin ein erwachsener Mann. Ich sollte in der Lage sein, einem kleinen Jungen das Beil wegzunehmen. Und das tu' ich.

J: Mit?

P: ... all meiner Kraft, so schnell ich kann.

J: Und?

P: Ich richte nichts aus.

J: Richtig.

P: Und ich bin in Panik, ich schwitze, weil ich nichts ausrichten kann. Genauso bin ich aus dem Traum aufgewacht: in Schweiß gebadet, zitternd und in Panik. Ohnmächtig.

J: Ich bin neugierig in Bezug auf dich selbst in dem Traum: Wie entwendest du schließlich dem Jungen das Beil?

P: Ich weiß nicht. Es scheint, als gäbe er es her, als er fertig ist.

J: Ja, da ist der Schlüssel. (Pause)

P: (Pause) Indem ich seinen Arm festhalte oder ihm das Beil wegnehme?

J: Das funktioniert nicht. Er hört nicht auf, bevor er fertig ist.

P: Meine Haltung ist: wenn die Tochter zerhackt wird, muß ich etwas tun.

J: Wie ist deine Wahl?

P: Entweder direkt zu versuchen, ihn aufzuhalten oder ihn zu Ende machen zu lassen. Das hat keinen Sinn. Ich weiß nicht, welche Wahl ich habe! Ich sehe keine Wahl.

J: Gut, ich werde dir helfen.

P: (lachend) Wie?

J: Ich glaube, der Junge wird weiterhacken, bis er fertig ist. Ich glaube, daß du nur die Wahl hast, ein Held zu sein.

P: Das heißt, ihn stattdessen auf mich einhacken zu lassen.

J: Natürlich.

P: Das ist mir im Traum nicht eingefallen.

J: Natürlich nicht! Im Traum bist du von Panik ergriffen und entsetzt. Aber hier hast du die Gelegenheit, ein Held zu sein. Das ist deine Wahl.

P: (Pause) Ich weiß gar nichts mehr. Meine Tochter retten, das klingt gut; aber wie kann ich das machen?

J: Ich versuche gerade, hilfreich zu sein.

P: Und ich schätze das.

J: Falls du dich erinnerst, in der Gestalttherapie nehmen wir an, daß jeder Teil des Traums du selber bist. Du bist das Beil, sowohl die scharfe als auch die stumpfe Seite. Du bist deine Tochter, du bist du selbst, du bist der Tisch, du bist das mörderische Kind usw. Das alles sind Teile von dir selbst. Der Teil von dir, der deine Tochter ist, ist der unschuldige, der gesunde Teil. Das ist der Teil, der von dem wilden, kleinen Ungeheuer getötet wird. Und du bietest dich selbst nicht als Opfer an an Stelle deiner Tochter...

Was machst du?

P: Ich denke nach. Das klingt vernünftig. Wenn ich dadurch den (Tochter-)Teil retten könnte, wäre das ein sehr lohnendes Opfer. Ich habe gerade gedacht: wenn es zu der Situation kommt, sehe ich diese Wahl nicht. Es fällt mir nie ein, den (Ich-)Teil des Traums zum Opfer zu machen.

J: Dieses "du" im Traum ist recht untüchtig: du bist ein guter Schauspieler, und du kannst von Panik gepackt sein, und du kannst dir Selbstvorwürfe machen, und du kannst "mea culpa" spielen, und du kannst mit nebulösen Frauen sprechen, die dich nicht einmal hören können.

P: Wer braucht das?

J: Du! (Vereinzeltes Gelächter in der Gruppe) Du bist schlau genug, gegen den mörderischen kleinen Jungen in dir nicht anzugehen, also betäubst du ihn einfach nur und hälst ihn eine Weile fern. Schlau genug zu sehen, wie genau du bis auf die Knochen schneiden kannst. Du kannst töten.

P: Aber offenbar nicht schlau genug, um diese Wahl zu akzeptieren.

J: Ja, du brauchst dein entsetztes und unbeholfenes Ich viel nötiger.

P: Sagen wir, ich bin es mehr gewöhnt, dieses Ich zu sein. Mir scheint, ich brauche Hilfe, um die Möglichkeit zu erkennen, diese uneffektive Unbeholfenheit zu opfern.

J: Na gut, ich habe einen Vorschlag.

P: Schieß los!

J: Geh' deinen Traum noch einmal durch und veränderte ihn auf irgendeine Weise, die dir paßt. Erste Person, Gegenwart...was machst du?

P: Ich denke nach.

J: Worum habe ich dich gebeten?

P: Du hast mich aufgefordert, den Traum noch einmal durchzugehen und ihn in irgendeiner Weise, die mir gefällt, zu verändern.

J: Und was tust du?

P: Ich plane, wie ich ihn verändern werde.

J: Zu schade. (Gelächter) Du gibst dir schon wieder die übliche Rolle.

P: Phantastisch.

J: Gar nicht so phantastisch.

P: Das ist es also, was passiert.

J: Ja, natürlich. Was machst du jetzt?

P: Ich verkneife mir das Lachen. (Pause) Jetzt bin ich wirklich durcheinander.

J: Bleib bei deiner Verwirrung.

P: (Atmet tief) Das ging zu schnell.

J: Was ist passiert?

P: Ich habe nicht mehr den Wunsch zu lachen.

J: Gut, was möchtest du in diesem Augenblick tun?

P: Ich möchte den Traum durchgehen. Meine Tochter sitzt auf dem Fußboden...

J: Was ist gerade passiert?

P: Ich habe abgebrochen, weil ich nicht wußte, welche Zeitform ich benutzen sollte, und wem ich den Traum erzähle: sie sitzt auf dem Boden usw.

J: Jetzt bin ich verwirrt. Sie sitzt nicht auf dem Boden!

P: Nein: sie hat immer da gesessen. In der Nähe des Tisches.

J: Sie hat nicht so gesessen, daß der Tisch sie schützte.

P: Nahe dem Tisch auf dem Fußboden, so daß es schwierig war, zu ihr zu kommen und der Tisch ist im Weg. Die Person, die am meisten unter dem Tisch war, war der Junge mit dem Beil. Also, der Junge krabbelt unter den Tisch und geht auf sie los. Und ich packe jetzt den Tisch und werfe ihn um. Als der Tisch umgestürzt ist, geht der Junge nicht mehr auf sie los und macht sich mit seinem Beil über den Tisch her.

J: Bist du bereit, den Tisch zu opfern?

P: O ja, mit Freuden!

J: Bist du sicher?

P: Nein. Ich weiß nicht, was, zum Teufel, der Tisch ist.

J: Doch, du weißt es. Der Tisch ist der Schlüssel zu allem.

P: Wenn ich den Tisch zerhacken könnte, würde ich dem Kind beistehen. Das wäre wirklich ein Vergnügen.

J: Und alles wäre offen zu sehen.

P: Richtig: so will ich es sowieso.

J: O.K. Jetzt möchte ich, daß du diese Äußerung zu jedem hier im Raum, nacheinander, machst: "Ich will, daß alles offen herauskommt. Ich will nicht, daß die Dinge unter dem Tisch bleiben" usw. Einen Satz schnell zu jedem einzelnen.

P: Ich will,daß alles offen herauskommt. Ich will nicht, daß die Dinge unter dem Tisch bleiben. (Er wiederholt das mit leichten Veränderungen des Tonfalls)

J: Was erlebst du?

P: Herzklopfen, Erregung. Eine gewisse Verlegenheit. Ich fühle mich aus dem Gleichgewicht geraten.

J: Welche Seite?

P: Die linke Seite vor, die rechte zurück. Als ich im Zimmer herumging, hatte ich den Eindruck, daß ich vor allem aus dem Bauch gesprochen habe, und ich begriff nur sehr wenig, was das bedeutet. Ein- oder zweimal eine Erkenntnis.

J: Es gibt einen jiddischen Ausdruck, der jetzt am besten paßt: Mazeltov!

  Praxisadressen von Gestalttherapeuten/-innen

Foto: James S. Simkin(c) Robert Resnick, 1984

Kurzinfo zum Buch:

James S. Simkin: Gestalttherapie Mini-Lektionen für Einzelne und Gruppen 

James S. Simkin (genannt JIM), PhD, kam schon in den frühen fünfziger Jahren in Kontakt mit der Gestalttherapie. Er war einer der ersten Klienten und später Schüler von Fritz Perls in New York. Als er später nach Los Angeles zog, war er der erste Gestalttherapeut an der Westküste. Am Esalen-Institut in Big Sur, dem Zentrum der Human-Potential-Bewegung, waren Jim Simkin und Fritz Perls in den sechziger Jahren als Kollegen tätig. Und in unmittelbarer Nachbarschaft von Esalen baute Jim sein berühmtes Haus, in dem er die letzten 14 Jahre seines Lebens Gestalttherapie lehrte. Jim Simkin starb am 2. August 1984.

Ein historisches Dokument aus der "Jugendzeit" der Gestalttherapie, von einem der ersten praktizierenden Gestalttherapeuten überhaupt. Ein kraftvolles Buch, leicht zu lesen, gut verständlich und randvoll mit Anregungen für die eigene Suche, als Klientin oder Klient. Eine Pflichtlektüre für Therapeutinnen und Therapeuten, und für solche, die es werden wollen. Eine Co-Produktion von Gestalt-Institut Köln GIK und Peter Hammer-Verlag.

136 Seiten, broschiert, 12,90 Euro.

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