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Daniel Rosenblatt
Gestalttherapie und Homosexualität


Aus der Gestaltkritik 2/2007:

Gestaltkritik - Die Zeitschrift mit Programm aus dem Gestalt-Institut Köln
Gestaltkritik (Internet): ISSN 1615-1712

Themenschwerpunkte:

Gestaltkritik verbindet die Ankündigung unseres aktuellen Veranstaltungs- und Weiterbildungsprogramms mit dem Abdruck von Originalbeiträgen: Texte aus unseren "Werkstätten" und denen unserer Freunde.

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Praxisadressen von Gestalttherapeuten/-innen

  Hier folgt der Abdruck eines Beitrages aus Gestaltkritik 2/2007:

Daniel Rosenblatt
Gestalttherapie und Homosexualität

Daniel Rosenblatt (Foto: Kurt Schröter)Daniel Rosenblatt

In dieser Ausgabe unserer Zeitschrift haben wir - neben diesem älteren Text des Altmeisters der Gestalttherapie - auch ein brandaktuelles Interview mit ihm veröffentlicht: Daniel Rosenblatt im Radio-Interview 2007. Der Herausgeber

Die Veröffentlichungen der Gestalttherapie blieben zum Thema Homosexualität weitgehend stumm. Dies steht in auffälligem Gegensatz zur Psychoanalyse mit ihrer weitläufigen Literatur über die Entwicklung und Behandlung von Homosexuellen. In der Mitte dieses Jahrhunderts vertrat die Psychoanalyse den Standpunkt, daß Homosexualität zu den Perversionen zähle und eine Persönlich­keitsstörung darstelle. Wie können wir verstehen, daß die erste Generation der Gestalttherapeuten über Homosexualität kaum sprach? Welche Ansichten hatten die Gründerväter und -mütter der Gestalttherapie zu diesem Thema? In welchem Verhältnis stand dies zu den psychoanalytischen und gesellschaftlichen Diskussionen über Homosexualität?

Im folgenden will ich ein persönliches Bild davon geben, wie die Gestaltherapie im Laufe ihrer Entwicklung über Sexualität und speziell Homosexualität dachte. Dabei stütze ich mich auf meine eigenen Beobachtungen und versuche, die Zusammenhänge mit dem kulturellen und gesellschaftlichen Umfeld verständlich zu machen. Beim vorliegenden Beitrag handelt es sich also um die Erinnerungen eines teilnehmenden Beobachters der Gestaltbewegung; ich beschreibe, was ich sah, fühlte, hörte und dachte. Hinzu kommt, daß ich eine Reihe informeller Interviews mit noch lebenden Vertretern jener fünfzig Jahre zurückliegenden Epoche führte, die das Glück hatten, Klienten bei Fritz und Laura Perls, bei Paul Goodman, Isadore From und Elliot Shapiro zu sein.

Das Buch Gestalt Therapy (1) von Perls, Hefferline und Goodman, das Mitte des Jahrhunderts veröffentlicht wurde, bezieht sich nur an einer einzigen Stelle auf Homosexualität und an ganzen fünf Stellen auf Sexualität überhaupt. Wie kann man sich diesen Mangel erklären? Als ich Anfang der fünfziger Jahre in Harvard studierte, mußten die Studenten der klinischen Psychologie auch Vorlesungen in Sozialpsychologie, Soziologie und Anthropologie besuchen. Dabei lernte ich kennen, was Anthropologen unter Ausgrabung verstehen. Man unternimmt eine Feldexkursion an einen entlegenen Ort, legt Ruinen frei und sucht in ihnen nach allem möglichen, was zur Rekonstruktion einer untergegangenen Kultur dienlich sein kann. Eine solche Ausgrabung möchte ich in der Hinterlassenschaft von Perls, Hefferline und Goodmans Gestalt Therapy unternehmen und hoffe dabei, auf Scherben zu stoßen, die die Ansichten der Gründer über Homosexualität wenigstens erschließen lassen, wenn in diesem "heiligen" Text der Gestalttherapie schon nicht explizit darauf eingegangen wird.

Ich möchte an die Atmosphäre erinnern, in der Mitte des 20. Jahrhunderts die Homosexuellen in Europa und Amerika ein Leben hinter verschlossenen Türen führten. In den Vereinigten Staaten gab es in jedem Bundesstaat ein Gesetz, daß Sodomie verbot. Der Kinsey-Report (2) schockierte die Öffentlichkeit mit dem Befund, daß 16?% der amerikanischen Männer mindestens einmal im Leben einen homosexuellen Kontakt mit Ejakulation hatten. In England war der Wolfenden-Report (3) noch nicht erschienen. In Frankreich wurden die Homosexuellen nach dem geltenden Code Napoléon zwar nicht mit Gefängnis bestraft, aber sie wurden auch nicht gesellschaftlich akzeptiert, sondern bestenfalls toleriert. Um eines ehrbaren Erscheinungsbildes willen wurden oft Scheinhochzeiten gefeiert. Viele große Institutionen der westlichen Welt waren gegen Homosexuelle offen feindlich eingestellt. Allen voran drohten die etablierten Religionen den Sodomiten mit Feuer und Schwefel, Hölle und ewiger Verdammnis. Die Streitkräfte stellten homosexuelle Männer und Frauen an den Pranger und betrieben ihre Entlassung, im öffentlichen Dienst drohte ständig eine Entlarvung. Die Laufbahn als Lehrer war äußerst heikel. Die Polizei überführte Schwule mit Spitzeln und registrierte sie in Listen. Die Sprache war voll mit Ausdrücken, in denen sich die negativen Einstellungen der Gesellschaft niederschlugen: Warmer Bruder, andre Fakultät, andersrum, verkehrt­rum, hintenrum, Homo, Hundertfünfundsiebziger, Detlef, Tunte, Tucke, Schwester, Schwuchtel, Schwanzlutscher, Arschficker. Wer würde es schon wagen, solche Titulierungen auf die leichte Schulter zu nehmen und mit Würde zu tragen?

Ein Wandel zeichnete sich in den Avantgarden, in Literaten- und Künstlerkreisen ab. In Frankreich beschrieben André Gide und Jean Cocteau, Colette und Jean Genet ihre homosexuellen Erfahrun­­­­­gen oder lebten sogar offen schwul. Unter den Amerikanern im Ausland wurden Gertrude Stein und Alice Toklas, Djuna Barnes und Bernice Abbott zu Ikonen der Sexualität. In England weckten Isherwood und Auden, Bacon, Britten, Gielgud, Coward, Radclyffe Hall und Virginia Woolf den Stolz von Homosexuellen und den Neid auf sie. In Kalifornien erwärmten Garbo, Dietrich, Hepburn, Cukor, Lew Ayres, Tallulah Bankhead und Paty Kelly die Herzen der Schwulen. In New York machten Truman Capote, Tennessee Williams, Gore Vidal, Larry Hart und Paul Goodman den Homo­sexuellen Mut. Fire Island war eine offen schwule, wenn auch geschlossene Gesellschaft, und Capri gewährte einer Legion von Homosexuellen im Exil seine Gastfreundschaft. Damals scherzte Auden, so international wie die Comintern sei auch die Homintern. Wie man als Kommunist trotz rechtlicher Spielräume gesellschaftlich geächtet war, so wurde man als Homosexueller mit Rufmord und sozialem und wirtschaftlichen Bann belegt. Die genannten Künstler und Schriftsteller aber gaben ein Zeichen dafür, daß Schwule nicht unabwendlich ihr Ende in Reading Goal (4) beschließen müssen.

Selbst unter Hexenjägern und Säuberern gab es viel doppeltes Spiel. Man könnte leicht ganze Scharen schwuler Priester benennen, vom Dorfpfarrer bis zum New Yorker Erzbischof "Fanny" Spellman, vom FBI-Chef Edgar Hoover, der auf Travestie stand, bis zu Roosevelts Staatssekretär, der für seine Neigung für schwarze Schlafwagenschaffner bekannt wurde. Zahllos waren die Akademiker und Lehrer mit einem Hang zum griechischen Ideal jugendlicher Schönheit beiderlei Geschlechts.

Trotz der allgemeinen Unterdrückung konnten sich Schwule in manchen Kneipen, Saunen, Grünanlagen und bürgerlichen Wohnvierteln wie Greenwich Village in New York und Soho in London halbwegs sicher treffen und um den Preis geringerer Belästigungen und Nachstellungen offen schwul sein. Einige Schwule konnten in dieser Art Ghetto zumindest zeitweilig über ihre Scham und Schuldgefühle hinauswachsen und ein Zusammengehörigkeitsgefühl entwickeln. Eine verdrehte, aber unterhaltsame Ausdrucksform dieses Gefühls war camp (5), wovon die heterosexuelle Welt kaum etwas mitbekam. Dennoch, für die Mehrheit der Schwulen war das Leben auf weite Strecken ein gefährliches Versteckspiel außerhalb des Gesetzes und blieb Bedrohungen und Verfolgungen ausgesetzt. Eine repressive Gesellschaft versteht sich ja darauf, stets neue Mittel zu erfinden, um sich und ihre Bürger zu quälen.

Die etablierte Psychoanalyse war ein Spiegel der Gesellschaft der fünfziger Jahre, also antischwul und ziemlich puritanisch. Jung war antischwul und antisemitisch. Freud sprach von prägenitaler Fixierung, Persönlichkeitsstörung und Perversion. Er meinte, daß Homosexualität ein umgekehrter Ödipuskomplex sei und daß unterdrückte Homosexualität eine Ursache von Paranoia sei. Auf der anderen Seite jedoch schrieb er über einzelne lesbische Frauen und homosexuelle Männer mit sehr viel Einfühlung, teilte seine eigenen homosexuellen Gefühle für Wilhelm Fliess mit und akzeptierte, daß seine Tochter Anna lesbisch war. Die psychoanalytischen Institute und Praktiker jedoch versuchten in aller Regel, die sexuelle Orientierung von homosexuellen Klienten umzukehren, und sie lehnten Homosexuelle als Ausbildungskandidaten ab. Sie wußten, daß Kandidaten Schwierigkeiten wegen ihrer sexuellen Orientierung bekommen können und daß entweder deren Lösung im Analyseprozeß gelingt oder der Kandidat abgelehnt wird.

Als Fritz und Laura Perls Ende der vierziger Jahre nach New York kamen, galten sie als linksorientierte Psychoanalytiker. Sie waren jung, und sie hatten in der Weimarer Republik unangepaßt gelebt. Ihr Arbeitsort war das weltoffene Berlin, in dem Isherwoods Sally Bowles (6) spielt und Magnus Hirschfelds Studien zur Homosexua­­lität (7) entstanden, eine Atmosphäre also, in der sexuelle Unterschiede toleriert wurden, und in der sie den Umgang mit Homo­sexuellen gelernt hatten. Durch ihre humanistische Bildung war ihnen geläufig, daß Sokrates, Alkibiades und Sappho Homosexualität akzeptierten. Durch ihre Nähe zum Marxismus hatten sie auch Lenins Satz im Gepäck, daß die Sexualität so frei sein soll wie ein Glas Wasser. Fritz und Laura vergaßen diese Freiheiten, die die bolschewistischen Führer in der Frühzeit bis zu ihrem Kniefall vor dem Stalinismus zugelassen hatten, nicht. Später in Südafrika lasen sie erstmals Paul Goodmans Schriften und fühlten sich mehr und mehr zu den Ideen des Anarchismus und dem Grundsatz hingezogen, daß sich in das persönliche Leben der Menschen kein Staat einzumischen hat. Schließlich hatten Fritz und Laura in Deutschland erlebt, wohin religiöser Haß gegen die Juden führte, und sie wollten es den Nazis nun nicht selber mit einem Haß auf Homosexuelle gleichtun. Stattdessen akzeptierten sie Schwule als Menschen, die vielleicht mit denselben Schwierigkeiten durchs Leben gehen wie heterosexuelle Menschen auch. Sie klassifizierten nicht und werteten nicht ab, auch wenn sie schon mal über eine Schwäche eines einzelnen Schwulen lachten. Laura erzählte mir einmal grinsend von einem ihrer schwulen Freunde, er würde zu jeder Party seine Wohnung komplett renovieren, einschließlich der Tapeten und des Mobiliars. Nun wäre bei der letzten Party die Farbe noch nicht ganz trocken gewesen, und wer auf Stühlen saß oder an der Wand lehnte, hätte sich mit Farbe beschmiert. Darüber hat sie herzhaft gelacht. Im New York Ende der vierziger Jahre wurden die Perls schnell als Therapeuten bekannt, die nichts gegen Homosexuelle hatten, ja die umgekehrt für sexuelle Freiheit eintreten und sich für Menschlichkeit, Persönlichkeitsentwicklung und Unterstützung zu einem erfüllenderen Leben interessierten.

Mit vielleicht einer Ausnahme, "Buck" Eastman, gehörten zum ursprünglichen Kreis der Gestalttherapie nur Juden. Fritz und Laura waren Amerikaner der ersten Generation, die anderen der zweiten und dritten; alle hatten starke Beziehungen nach Europa. Sie waren keine bodenständigen Amerikaner mit stark puritanischer Haltung auf dem Hintergrund des Calvinismus oder eines provinziellen Katholizismus, sondern sie waren gebildete Weltbürger, die ihr Leben in New York als der europäischsten Stadt in Amerika lebten. Wohl war das traditionelle Judentum für seine Intoleranz gegenüber Homosexuellen berühmt, aber die Gründer der Gestalttherapie hatten die Verbindungen zum Alten Testament weit hinter sich gelassen und sahen mit Leichtigkeit über die Verbote gegen Sodom und Gomorrha hinweg. Was für Fritz und Laura, Paul, Isadore und Elliot wichtig war, ist die europäische Blüte der Kultur in der Mitte des Jahrhunderts. Als Fritz nach Amerika kam, waren die beiden New Yorker, die er unbedingt treffen wollte, Dwight Macdonald und Paul Goodman, beide Anarchisten und Angehörige der kulturellen Avantgarde. Fritz und Laura hatten in Südafrika Macdonalds "politics magzine", ein anarchistisches Blatt mit vier- bis sechstausend Lesern, abonniert. Alle diese New Yorker jüdischen Intellektuellen standen außerhalb der Normalität der amerikanischen Mittelschicht, und daß sie ihre eigene Homosexualität annahmen (wie im Falle von From, Goodman, Weisz) und von ihren Freunden dafür Sympathien bekamen (so auch von Fritz und Laura Perls), war nur ein spezieller Anwendungsfall ihrer generellen Eigenständigkeit gegenüber den herrschenden Moral- und Wertvorstellungen. Die ursprünglichen Mitglieder der Gestalt-Gruppe waren also eine bunte Mischung von jüdischen Intellektuellen, Anarchisten und entfremdeten Kosmopoliten mit Orientierung an der europäischen Spitzenkultur und natürlich dem anglo-amerikanischen Modernismus.

Als 1950 die erste Ausgabe von Gestalt Therapy erschien und 1952 das New Yorker Institut für Gestalttherapie gegründet wurde, hatten Fritz und Laura eine Vielzahl von Homo- und Bisexuellen mit akademischem oder literarischen Hintergrund als Freunde, Klienten oder Schüler um sich geschart. Diese Offenheit für Schwule entsprang aber nicht einer erklärten Politik oder Ideologie, sondern sie konnte sich, weil die Perls keine Vorurteile hatten, einfach organisch entwickeln. Paul Goodman, der Verfasser des zweiten Teils von Gestalt Therapy, war offen bisexuell. Ich weiß noch, wie er bei den Parties von Laura und Fritz mit seinem jeweils neuesten jungen Mann auftauchte, und wie wohlwollend die Perls und die Gäste auf diesen öffentlichen Auftritt seines auserwählten Sexualpartners reagierten. Die Leichtigkeit, mit der Pauls neuester "Freund" einfach akzeptiert wurde, war für mich, der ich damals Anfang zwanzig war und gerade aus dem Mittelwesten kam, tief beeindruckend. Isadore From, der führende theoretische Kopf der Gestalttherapie, und sein Zwillingsbruder Sam waren ebenfalls homosexuell. Als Fritz und Isadore in Los Angeles Gruppen veranstalteten und währenddessen in Sams "Palazzo" wohnten, trafen sie dort ein halbes Dutzend schwuler Mitbewohner. Für Fritz war der Aufenthalt in dieser Atmosphäre kein Problem. Bei dieser Gelegenheit übrigens nahm Isadore auch an Hookers (8) bahnbrechender Studie teil, die die Reaktion von homo- und hetero-sexuellen Versuchspersonen im Rorschachtest verglich und dabei herausfand, daß beide den gleichen Wert für seelische Gesundheit erreichen. Am New Yorker Institut waren eine Reihe von Ausbildungskandidaten ebenfalls schwul; ja wahrscheinlich waren Schwule, Bisexuelle und Lesben sogar meistens in der Mehrheit.

Wie kam ich selbst zur Gestalttherapie? (9) 1947, als ich zweiundzwanzig Jahre alt war, ging ich zum ersten Mal in Therapie, und zwar eine herkömmliche Psychoanalyse. Ich hatte wenig sexuelle Erfahrungen, und als ich merkte, daß ich in der U-Bahn Männern nachsah und sie mir, machte ich mir Sorgen. Zu Frauen spürte ich kaum eine Anziehung, und an Männern war mein Interesse, soweit ich weiß, gering. Andererseits hielt ich mich für zu alt, um weiterhin unerfahren zu sein. Meine Freunde waren bereits verheiratet oder hatten zumindest Beziehungen, und ich fühlte mich übriggeblieben. Ich war aber auch entschlossen, mich zu nichts zu zwingen. So stand ich also im Niemandsland, am Punkt Null. Als erstes suchte ich einen Psychiater auf der Park Avenue, Höhe 60. Straße, auf. Er wohnte in einem schönen alten Backsteinhaus mit einer klassischen Fassade. (Als ich später mal wieder dort vorbeikam, wurde es gerade abgerissen, um einem in dieses Glitzerviertel besser passenden Wolkenkratzer Platz zu machen). Mir war das alles ein bißchen zu viel; ich hatte nur die Idee, einfach mal zu gucken was geschähe. In Wirklichkeit geschah dann natürlich nicht viel. Als ich Dwight Macdonald, bei dem ich seinerzeit als Teilzeitassistent beschäftigt war, von meinen Zweifeln am Erfolg der Therapie erzählte, fragte er mich: "Warum probierst du es nicht mal bei den deutschen Gestalttherapeuten, die du voriges Jahr in Provincetown kennengelernt hast?" Dwight hatte mich nämlich zu einer kleinen Party bei Fritz und Laura mitgenommen, und ich erinnerte mich, daß ich zwar von der Überlegenheitspose und Arroganz von Fritz ganz eingeschüchtert war, aber Laura gemocht hatte.

So ließ ich mir Lauras Telefonnummer geben und rief sie an. Dabei konnte ich noch nicht wissen, daß sie sich in New York gerade erst niedergelassen hatte und ich ihr zweiter oder dritter Klient war. Sie wohnte auf der 113. Straße zwischen Broadway und Riverside Drive in der Nähe der Columbia Universität. Das Haus war geräumig und stammte aus der Vorkriegszeit. Fritz und ihre zwei Kinder wohnten mit ihr zusammen. Danach kauften sich Laura und Fritz in West Sixties ein Backsteinhaus, das später abgerissen wurde, um dem Lincoln Center Platz zu machen. Laura richtete Offene Sonn­tagnachmittage ein, aus denen ein Salon entstehen sollte. Ihr Interesse galt besonders den Künstlern, Schriftstellern und Intellektuellen. Ob diese hetero- oder homosexuell waren, schwarz oder weiß, reich oder arm, spielte für sie keine Rolle. Sie bot auch einen kleinen Imbiß an. Doch zum Unglück sprach sich unter den Müßiggängern der Szene herum, daß man Sonntagsnachmittags bei ihr einen Drink und etwas Eßbares schnorren konnte, und binnen kurzem betrieb sie keinen Salon, sondern eine mittelgroße Suppenküche. Laura war enttäuscht, daß Manhattan nicht salonfähig war, und gab ihr Unternehmen auf. Ihren Interessen jedoch blieb sie treu. Als das Living Theatre entstand, trug sich Laura meines Wissens in eine Unterschriftenliste ein, um Julian Beck und Judith Malina ein eigenes Theater zu verschaffen. Außerdem nahm sie die beiden in Therapie, vermutlich sogar ohne Bezahlung. Laura wollte die Truppe bei ihrem Start unterstützen. Daß Julian bisexuell war, hatte für Laura nichts zu besagen. Übrigens führte das Living Theatre auch einige Stücke von Paul Goodman auf. Als in den sechziger Jahren die Truppe mit Drogen herumflippte und zu einem Aushängeschild der Blumenkinder wurde, hat Laura von ihnen wohl nicht mehr viel zu sehen bekommen. Trotzdem hielt sie die Freundschaft mit Julian und Judith und bekam von ihnen auch Anrufe, wenn sie in die Stadt kamen oder ihrer therapeutischen Unterstützung bedurften.

Einmal hatte ich Laura zu einer Party bei den Medienproduzenten Irving Drutman und Mike Delision eingeladen, die beide schwul waren. Dort traf sie auch Lincoln Kirstein und Lillian Gish. Es war für sie überhaupt kein Thema, daß die beiden Gastgeber schwul waren und daß Kirstein (der die Schwester von Paul Cadmus zur Frau hatte) vermutlich bisexuell war. Vielmehr machte sie danach die Bemerkung: "Warum hast du mir nicht vorher gesagt, wer alles kommt? Dann hätte ich mir was Besseres angezogen."

Ein anderes Mal lud ich Fritz und Laura zu einer Party in mein Kalt-Wasser-Appartement in der Cornelia Straße in Greenwich Village ein. Außerdem hatte ich Wystan Auden, der auf der andern Straßenseite wohnte, Mary McCarthy, ihren dritten Mann sowie Dwight und Nancy Macdonald eingeladen. Fritz und Laura fühlten sich weder davon abgestoßen, daß Auden homosexuell noch daß Marys Mann bisexuell war. Laura interessierte sich für Wystan sogar besonders und wollte ihn treffen, und Fritz sagte Mary in seiner unnachahmlichen Direktheit, sie verstünde es offenbar besonders gut, Männern einen runterzuholen. Mary fand das nicht sehr lustig, und da sie schon bei gewöhnlicher Aufregung zu stottern anfing, stammelte sie jetzt viele ähs und bekam einen Hustenanfall.

Laura fuhr im Sommer oft nach Österreich und stellte dies erst nach der Wahl von Kurt Waldheim ein. Sie berichtete, wie ungleich in Deutschland und Österreich das Zahlenverhältnis zwischen den Geschlechtern sei, weil im Krieg so viele Männer ums Leben kamen. Angesichts dieses Männermangels hätte sich manche Frau entschlossen, mit einer Frau zusammenzuleben. Laura hielt dies für eine vernünftige Wahl, um nicht allein zu bleiben. Ich hatte meine Zweifel, daß dies alles nur auf Vernunft beruhte, wußte es aber auch nicht genauer und sagte nichts weiter dazu. Interessant daran war, wie vorurteilsfrei Laura über die Entscheidungen der alleinstehenden Frauen dachte. Als Fritz nach der Trennung darauf kam, daß sich Laura nicht um eine Frau an seiner Stelle bemühte, erklärte sie scheu, daß ihr sexuelles Interesse an Frauen sehr gering sei. Entsprechend habe ich auch nie davon gehört, Fritz hätte je etwas mit einem anderen Mann gehabt, obwohl doch so viele seiner Kollegen homosexuell waren. Vielleicht fanden Fritz und Laura Homosexualität auch deshalb so wenig bedrohlich, weil sie sich ihrer eigenen sexuellen Orientierung so sicher waren.

Heutzutage, 25 Jahre nach Beginn der Schwulenemanzipation durch den Aufstand der Transvestiten von Stonewall (10), klingt es vielleicht normal, daß Therapeuten Homosexuelle akzeptieren. Aber in den fünfziger Jahren, als die Gestalttherapie entstand, war es ganz ungewöhnlich, daß ein weithin als Skandal empfundes Sexualverhalten so leicht von dieser radikalen Gruppe fortschrittlicher Therapeuten akzeptiert wurde. Lange vor Entstehung der Schwulenbewegung waren Fritz und Laura die Helden der informellen schwulen Gemeinschaft.

Ich habe eine Reihe früherer Klienten von Fritz, Laura, Paul und Isadore befragt, wie das Thema Homosexualität seinerzeit behandelt wurde. Die meisten antworteten, daß es höchstens besprochen wurde, um ihre Scham und Schuldgefühle zu verringern. Einer erinnerte sich, daß Paul Goodman explizit gesagt hatte, nicht entweder-oder, schwul oder hetero, sei die Frage, sondern die Freiheit zu beidem. Goodman war ein aktiver Verfechter der Bisexualität jedes Menschen. Er erklärte: "Die Methode kann nicht sein, die Orientierung Homosexueller anzugreifen; denn diese ist Ergebnis der Integrationskraft des Selbst, ist erlebter Kontakt und Identifizierung. Die Methode muß vielmehr sein, das Objekt der Abspaltung aufzugreifen und dem Individuum wieder erlebbar zu machen, nämlich sein Interesse am anderen Geschlecht, der Hälfte der Menschheit." (11) Goodman wollte seine homosexuellen Abenteuer und Liebesaffären nicht verstecken, und er zitierte mit Vorliebe Aristoteles, der Ort der Sexualität läge zwischen Pisse und Scheiße. Er hielt nichts davon, Sexualität hygienisch zu säubern, sondern meinte, die Rettung der Erotik gelänge nur durch Dreck.

Isadore From hielt seine sexuelle Orientierung niemals geheim. Ich weiß noch, wie er in meinen Einzelsitzungen erklärte, wenn die Gesellschaft das homosexuelle Streben nach Anerkennung zu einem Fehler erkläre, dann sei gerade dies ein Fehler. Und in einer Ausbildungsgruppe klärte er darüber auf, wie wichtig bei Masturbation und Geschlechtsverkehr die Beckenstöße seien, um die Lust und den Orgasmus zu steigern. Als Fritz ihn in einer Biografie als "eingefleischten Homosexuellen" bezeichnete, meinte er, er wisse gar nicht mehr, wie er in das Fleisch eingedrungen sei, und lachte.

Als ich 1948 bei Laura in Einzeltherapie war, schlug sie mir Experimente mit verschiedenen sexuellen Möglichkeiten vor. Ich solle mir die Freiheit geben, schwul und hetero, aktiv und passiv, anständig und unanständig zu sein. Ich solle herausfinden, was mir wirklich guttut und womit ich mich wohlfühle. Ich solle mich an keine Vorgaben halten, sondern meiner Erfahrung als alleinigem Führer vertrauen. Wiederholt erklärte sie: "Gestalttherapie ist keine Anpassungstherapie". Das verstand ich so, daß man Menschen nicht an die Gesellschaft anpassen soll, sondern ihnen Mut zu eigenen Experimenten und zu ihrer organismisch selbstgesteuerten Entwicklung macht. Der Entstehung des homosexuellen Begehrens nachzuspüren, fanden meine Therapeuten Laura und Isadore dagegen ganz uninteressant. Dieses nutzlose Unterfangen überließen sie lieber ihren psychoanalytischen Kollegen.

Ein Klient berichtete mir, bei Beginn seiner Therapie sei er sich sehr unsicher gewesen und hätte große Angst gehabt, daß man seine sexuelle Orientierung umpolen wolle. Mit großer Erleichterung habe er dann aufgenommen, daß man ihn akzeptiert wie er ist. Einmal habe ihn sein Therapeut gefragt, wofür er sich entscheiden würde, wenn er seine Ausrichtung ohne jeden Schmerz ändern könne. Darauf hätte er geantwortet, daß er eine solche Änderung unter gar keinen Umständen wolle. Damit war die Angelegenheit erledigt. Sexuelle Orientierung war danach nie wieder Thema.

Fritz und Laura Perls hielten Homosexualität nicht für ein festgelegtes, klinisches Erscheinungsbild. Sie wußten aus ihrer Lebenserfahrung, daß Sexualität nicht in zwei sauber getrennte Arten zerfällt. Ihnen war klar, daß Menschen mehrere verschiedene Wege beschreiten, daß sie zeitweilig den einen, zeitweilig einen anderen Aspekt von Sexualität betonen, daß Sexualität überhaupt aus einer Vielzahl von Formen und Spielarten besteht. Heute klingt das vielleicht wie ein alter Hut, aber damals war es radikal, erfrischend und befreiend.

Da Paul Goodman überhaupt keinen wesentlichen Unterschied zwischen homo- und heterosexuellen Akten machte, sei er hier etwas ausführlicher wiedergegeben. Seine Worte klingen auch noch nach fünfzig Jahren frisch, packend, treffend und beachtenswert. Hier eine Diskussion über Freuds libidinöse Zonen in der typischen Sprache von Paul Goodman:

"In den ersten Lebensjahren bildet sich in organismischer Selbstregulierung der Vorrang des Genitalen vor den prägenitalen Stufen der Erotik heraus. Aber die frühkindlichen Praktiken leben auch fort. Das läßt jedoch die meisten Therapeuten ziemlich kalt. Vom sexuellen Vorspiel wird zwar nicht gerade abgeraten, aber man spricht auch nicht mit Vergnügen davon. Über Kunst, die sexuell erregen will, runzelt man die Stirn, obwohl doch offenkundig das Primitive zum Leben jeder Hochkultur gehört; wenn wir keine Freude daran haben dürfen, woran denn dann? Romane zu schreiben und zu lesen, auch Theaterspiele jeder Art, leben im Innersten von erotischer Neugier; jedoch wird diese oft verachtet. Die Umgangsformen ganz allgemein sehen viel zu selten Berührungen und Küsse zwischen Freunden vor, freundschaftliche Erkundungen unter Fremden, obwohl dies bei anderen Herdentieren ganz anders ist. Und so wird überhaupt eine primäre Homosexualität, die in narzißtisch-besetzten Kontakten bestünde, eher behindert statt unterstützt. Daraus entsteht, wie Ferenzci dargelegt hat, eine zwanghafte Heterosexualität, die echtes Gemeinschaftsleben unmöglich macht, weil jeder zu jedem eifersüchtig und feindselig ist." (12)

Goodman rät klar dazu, um das Gemeinschaftsleben zu fördern, solle man auch homosexuelle Umgangsformen jeder Art ermuntern. Genau so setzt er sich fürs sexuelle Vorspiel ein, für Pornographie, für kindliche Sexualpraktiken (seien sie vielleicht auch polymorph-pervers), Streicheln und Küssen unter Freunden und unter Fremden - ein Fanfarenruf für eine radikale Reform der sexuellen Normen im Namen der Zwischenmenschlichkeit. Ich bin gespannt, wie die neuere Gestaltbewegung (13) damit umgehen wird. Bravo, Goodman! Bloß, was wird man in Cambridge dazu sagen?

Als ich in Cambridge (Massachussetts) studierte, gab es zwischen den schwulen Dozenten und Studenten zwar viele Kontakte im Halbdunkeln, doch sah man bei Tageslicht hin, hatte sich jeder in seinen Winkel versteckt. Einmal traf ich einen Professor in der Sauna. Ein anderes Mal stellte mir einer sexuell regelrecht nach - was ich mit Stolz berichte - , doch weil er Korpsgeist hatte und ein Gentle­man war, ließ sich die Angelegenheit gütlich regeln. Heute ist Cambridge nicht mehr ganz so aufgeräumt. Der innere Kreis der Gemeinschaft hat für gezähmte Schwule einen Platz. Allerdings unter der Oberfläche politischer Korrektheit stößt man auch heute noch auf Vorurteile. Auch Cambridge in England hat sich nicht völlig gewandelt, doch Schwule brauchen sich nicht mehr so sehr zu verstecken; Chris Smith im Kabinett von Tony Blair ist sogar offen schwul.

Goodman betrachtet die Gesellschaft und ihre Konstruktion von Wirklichkeit mit kritischem Blick:

"Schließlich: Wir reden davon, daß das reife Individuum an die Wirklichkeit angepaßt ist. Aber müssen wir nicht die peinliche Frage stellen, wie weit diese ,Wirklichkeit' ihrerseits an die Interessen der westlichen, großstädtischen, kapitalistischen oder staatssozialistischen Industriekultur angepaßt ist? Und wären andere Kulturen mit schrillerer Kleidung, gierigeren Genüssen, schmutzigeren Sitten, unordentlicherer Regierung und einem Leben mit mehr Rausch und Abenteuer denn weniger reif?" (14)

Goodman fragt, ob es nicht besser wäre, wenn man statt all der Normen der Sicherheit, Sauberkeit, Nettigkeit und Vornehmheit in unserer Gesellschaft eine freche, laute, geile, dreckige und eigensinnige Zwischenmenschlichkeit propagierte, die er für realistischer, gesünder und genußvoller hielt. Ich frage mich, ob Goodmann, der Vater der Zwischenmenschlichkeit, nicht von der neueren Gestalttherapie wieder verharmlost, verkürzt und gesäubert wird, und zwar im Namen genau der "Wirklichkeit", die er der Kritik unterzog. Obwohl Goodman in keiner Darstellung der "Wirklichkeit" speziell auf Homosexualität eingeht, kann man unschwer erkennen, wie gut ihm die weiblichen Verkleidungen und Verhaltensweisen von Homosexuellen gefallen hätten, die sexuellen Lebens-Rollenspiele vieler schwuler Männer und die stürmischen Beziehungsdramen mancher homosexueller Männer und Frauen. So viel ich hörte, beschränkte sich Paul Goodmans Sympathie für Schwule nicht auf artige, wohlerzogene, Zweireiher tragende Supermänner von der Stange.

Eine andere Stelle, an der Goodman das Antisoziale behandelt, läßt sich auf homosexuelles Denken und Verhalten als einen speziellen Fall übertragen:

"Für antisozial halten wir solche Triebe und Ziele in uns, die wir nicht als unsere eigenen begreifen, sondern unbewußt lassen oder auf andere Menschen projizieren. Wir hemmten sie und verdrängten sie aus dem Bewußtsein, weil sie nicht mit dem anständigen Selbstbild zusammenpassen, das wir von früheren Autoritätspersonen durch Identifizierung oder Nachahmung übernahmen. Wenn wir jedoch diese Triebe als unsere eigenen akzeptieren und ihre Verwirklichung zulassen, stellen sie sich als weitaus weniger antisozial heraus, als wir befürchtet hatten. Ein für teuflisch oder mörderisch gehaltener Impuls stellt sich dann als bloßer Wunsch zur Vermeidung oder Zurückweisung von etwas heraus und ob wir ihn verwirklichen oder nicht, interessiert keinen Menschen. Überhaupt erst durch die Unterdrückung des Impulses (a) wurde aus dem Gedanken eine dauernde Bedrohung, (b) wurden seine Begrenztheit und die soziale Wirklichkeit unkenntlich, (c) entstanden der Schatten des Verbotenen und (d) die Vorstellung des Zerstörerischen. Unterdrückung von Impulsen ist eine Aggression gegen das Selbst, und diese Aggression wird dem unterdrückten Trieb angedichtet." (15)

Goodman war dafür, die gesellschaftlichen und kulturellen Normen in Frage zu stellen und die scheinbar antisozialen Triebe und Ziele auszuleben. Der Fall der antisozialen Homosexualität ist darin ­mitgedacht. Entscheidend an seinem ­Programm ist aber, daß es auf umfassende gesellschaftliche Änderung abzielt: Wandel der Unterdrückung von Sexualität

und Überschreitung der Wirklichkeitskonstruk­tion der westlichen kapitalistischen Gesellschaft. Dieses breit angelegte Programm wurde wohl auch von Fritz, Laura, Isadore und Paul Weisz mitgetragen. Meine Sorge ist, daß es mit wachsender Anerkennung und gesellschaftlicher Etablierung der Gestalttherapie verlorengeht. Als Isadore in diesem Zusammenhang vom Ausverkauf der Gestaltbewegung durch die Gestalttherapeuten sprach, meinte er, daß sie wie Faust in einem Pakt für Ehre, Anerkennung und Erfolg die Seele der Gestalttherapie preisgegeben hätten. Er beklagte, die Epigonen hätten den radikalen Schwung verloren. (16)

Vor diesem Hintergrund läßt sich vielleicht besser verstehen, warum sich die Gestalttherapie so wenig um Homosexualität kümmerte. Auf der einen Seite war dies für die Gründer eine akzeptable Form von Sexualität. Auf der anderen Seite war dies nur ein kleiner Aspekt in einem größeren Programm für einen gesunderen gesellschaftlichen Umgang mit der Konstruktion von Wirklichkeit, der Definition von Antisozialem und der breiteren Akzeptanz sexueller Rollen und Lebensweisen.

 

Hetero- und homosexuelle Beziehungen

Um es von vornherein klarzustellen: Aus meiner Sicht ähneln sich schwule und heterosexuelle Ehen wie zwei Erbsen aus einer Schote. Dabei weiß der Biologe sehr wohl, daß Erbsen, auch wenn sie sich gleichen, nicht völlig identisch sind. Sie unterscheiden sich in Größe, Form, Farbe, Gewicht und - Gregor Mendel sei dank - ihren Genen. Darum werde ich die schwule Ehe nicht deshalb unter die Lupe nehmen, weil sie von der heterosexuellen Ehe grundverschieden wäre, sondern weil sie sich von ihr durch einige Besonderheiten und Eigenarten abhebt.

Eine ordentliche Heirat zwischen schwulen Männern ist vom Gesetz nicht zugelassen. Deshalb sollte ich der Ordnung halber sagen, daß ich mit diesem Begriff eine Verbindlichkeit meine, die zwei Menschen füreinander eingehen, gleich ob mit oder ohne den Segen von Kirche oder Staat. Des weiteren meine ich mit "Ehe" eine Beziehung, die fünf Jahre überdauert hat. Ich würde also, wenn ich über heterosexuelle Ehen schriebe, relativ kurzfristige Beziehungen, obwohl sie sogar von einer offiziellen Instanz anerkannt wurden, ausklammern. Genau gesagt möchte ich untersuchen, was in schwulen Ehen durch Ausdrücklichkeit und durch qualitative Unterschiede anders ist. Dabei glaube ich, daß die wichtigsten Unterschiede durch die sexuelle Orientierung selber entstehen. Homosexuelle sind immer noch eine unterdrückte Minderheit, unabhängig davon wieviel Gleichberechtigung vor dem Gesetz sie in manchen Staaten genießen. Auch wenn das Gesetz sie toleriert, werden sie sozial als Bürger zweiter Klasse betrachtet. Hie und da mag es Nischen der Freiheit geben, doch im Ganzen der heterosexuellen Gesellschaft sind sie Außenseiter. So offenkundig das ist, so wichtig ist es doch als Hintergrund für die Besonderheiten schwuler Ehen. Versteckte Schwule können zwar für Sex da und dort herauskommen, aber aufzustehen und offen zu sagen "Ich bin schwul, ich habe einen schwulen Lebenspartner und lebe mit ihm zusammen in einer schwulen Ehe", das erfordert doch Mut. Oft erwächst dieser Mut aus einer großen Liebe zum Partner, dem Wunsch, das Leben miteinander zu teilen, und dem Bedürfnis nach sexuellen, ehelichen Rechten beim Partner.

Wenn zwei schwule Männer sich entscheiden miteinander zu leben, müssen sie bereit sein, der Gesellschaft und ihrer Ablehnung die Stirn zu bieten. Oft sind Homosexuelle nicht bereit, die Bindung mit einem andern Homosexuellen öffentlich einzugehen und sich auf diese Weise der Gesellschaft zu stellen. Viele Homosexuelle haben die gesellschaftliche Bewertung von Homosexualität als ungesetzlich, unmoralisch oder krankhaft so sehr in sich aufgenommen, daß sie sich nicht gegen ihre Eltern, Familien, Freunde oder Kollegen stellen können und über das Kundtun ihrer sexuellen Orientierung hinaus auch noch in aller Öffentlichkeit als schwules Ehepaar auftreten können. Diejenigen Homosexuellen, die sich dafür zu schuldig oder ängstlich, zu verlegen oder zu schamhaft fühlen, werden Wege finden, ihre Liebesbeziehung so zu sabotieren, daß sie gar nicht erst auf diese Probe gestellt wird. Einige werden zwar noch Affären aushalten, doch wenn es darum geht, offiziell zusammenleben und gemeinsam öffentlich aufzutreten, so daß die Heterowelt ihre Beziehung zu sehen bekäme, werden sie Drehs finden, um sich wieder zu entziehen. Wie weit auch immer die homosexuelle Emanzipation und die Bewußtseinsbildung gekommen sein mögen, die Fähigkeit zum Zusammenleben unter den Augen der Öffentlichkeit bleibt für Homosexuelle weiterhin eine riesige Hürde.

Den großen Worten der Emanzipation zum Trotz, ist die Anzahl schwuler Ehen, seien sie von einem liberalen Pfarrer oder privat vollzogen, unendlich klein. Paare ziehen zusammen und führen gemeinsam den Haushalt, aber ein Ritual der Eheschließung, in welcher Form auch immer, wird in der Regel vergessen. Weitenteils hat der feierliche Akt, zusammen aufzustehen und öffentlich darüber Mitteilung zu machen, keinen gesellschaftlichen Wert und kein Gewicht. Der Briefträger sieht am Briefkasten zwei Namen, der Vermieter bemerkt vielleicht, daß er nun zwei Mieter hat, das war schon alles. Und wenn die Zeit gekommen ist, die Verbindung wieder zu lösen, sind nur der Briefbote und der Hauswirt daran beteiligt. Es fehlt fast völlig der gesellschaftliche Kitt, der bei heterosexuellen Beziehungen hilft, zusammenzubleiben. Wenn Homosexuelle ihrer Partnerschaft Dauer verleihen wollen, müssen sie dies ganz aus eigener Kraft tun. Gertrude Stein und Alice Toklas hatten keinerlei Unterstützung durch die amerikanische Gesellschaft, um es zusammen zu schaffen, und in Paris hätten Jean Cocteau und Raymond Radiguet sogar zwei Familien unglücklich machen müssen, um offen zusammenzuleben.

Wenn sich Homosexuelle mutig vornehmen, die homosexuelle Seite ihres Sexuallebens offen zu zeigen, müssen sie dafür so viele soziale Hindernisse überwinden und so große Extralasten tragen, daß es die nicht hochgradig sexualisierten unter ihnen schnell wieder drangeben. Meiner Erfahrung nach sind die wirklich offen lebenden Homosexuellen viel tiefer mit ihrer sexuellen Orientierung und mit Sexualität überhaupt verbunden als die gewöhnlichen (homo- oder heterosexuellen) Menschen.

In vielen Paaren schwindet im Laufe der Zeit die sexuelle Leidenschaft dahin, auch wenn es einige wenige geben mag, die sexuelle Gefühle wachzuhalten verstehen. Bei homosexuellen Partnerschaften, die durch keine äußeren sozialen Bande zusammengehalten werden wie heterosexuelle Ehen, kann dies rascher zur Trennung führen. Wenn die anfängliche sexuelle Leidenschaft verfliegt, kann bei schwulen Partnern leicht sexuelle Untreue aufkommen. Dies ist zwar auch in heterosexuellen Ehen ein Problem, aber dort haben die Partner mehr investiert, was sie zusammenhält. Scheidungen müssen mühsam erwirkt werden, Familie und Freundeskreis sind dagegen, die Religion steht ihr manchmal feindlich gegenüber, und Kinder halten Eltern von der Trennung ab.

Schwule Paare werden leichter auseinandergerissen, sobald die Verbindlichkeit endet, die sich so viel schwerer überhaupt erst herstellen ließ. Wenn sexuelle Untreue die Beziehung bedroht, geben ihr die Partner oft mit Akten der Sabotage oder Gewalt den Rest. Das heißt nicht, homo- oder heterosexuelle Beziehungen könnten nicht "fair" enden, aber es bleibt festzuhalten, daß schwule Partnerschaften gefühlsmäßig stärker aufgeladen sind, weil sie gesellschaftlich zu einem größeren Preis errungen wurden. Deswegen wird sexuelle Untreue hier als viel folgenreicher empfunden.

Wenn männliche Homosexuelle eine Partnerschaft beginnen, können sie sich aber auch das sozial übliche Interesse des Mannes an Untreue gegenseitig zugestehen. Zwar werden beide durch starke sexuelle Gefühle zueinander gezogen, aber sie müssen das nicht so auslegen, als könne es keine weiteren sexuellen Abenteuer geben. Ich glaube, Beziehungen haben eine größere Überlebenschance, wenn das Herz nicht an sexuellen Besitzansprüchen mit ihrer Eifersucht hängt, sondern gelegentliche sexuelle Untreue erlaubt ist. Ich weiß von einer Beziehung, in der die Partner einander montags und mittwochs für sexuelle Abenteuer freigeben. In einer anderen schwulen Ehe hat der eine Partner nebenher anonymen Sex, der andere dagegen nette Verabredungen mit jungen Männern. Jedem der beiden wird die Zeit zugestanden, seinen eigenen Lüsten nachzugehen, und beide haben im Blick, wie der Partner seinen besonderen sexuellen Appetit stillt.

Natürlich sind manche Homosexuelle streng monogam und betrachten solche Arrangements mit tiefem Argwohn. Sie wollen mit ihrer schwulen Ehe die traditionelle Form heterosexueller Ehe einschließlich ihrer vielen Einschränkungen nachahmen. Dabei werden sie allerdings womöglich auch genau so unglücklich wie solche engen heterosexuellen Ehen. Beiden ist gemeinsam, daß die Fortdauer der Beziehung mehr gilt als das Glück der beiden Partner. Bei Homosexuellen, die die klassische heterosexuelle Ehe nachahmen und dabei auch in dieselben Fallen tappen, steckt oft dahinter, daß sie sich als genau so moralisch und konservativ wie Heterosexuelle darstellen und die gesellschaftlichen Unterschiede zu ihnen überspielen möchten.

Eine andere Schwierigkeit bei der Erhaltung ihrer Beziehung haben Homo­sexuelle damit, daß sie beide vom selben Geschlecht sind und ihnen dieselben geschlechtsspezifischen Persönlichkeitszüge anerzogen wurden. Wenn zwischen zwei Partnern schon eine Aufteilung der sozialen Rollen besteht, lassen sich Konflikte umgehen. Wenn zum Beispiel einer an traditionell "weiblichen" Werten wie Kochen und Gehorchen interessiert ist und der andere an Bestimmen und Befehlen, kann die Gleichung leichter aufgehen. Und ähnlich können auch die sexuellen Rollen so verteilt sein, daß der eine traditionell rezeptiv und der andere normalerweise insertiv ist. Ich bin aber oft bestürzt, wie sehr sich Homosexuelle an solche heterosexuelle Klischees halten, genau so wie ich es bin, wenn Heterosexuelle dies tun. In meiner Arbeit mit Homo- wie mit Heterosexuellen unterstütze ich, daß Männer ihre passive und abhängige Seite annehmen lernen und Frauen ihre Stärke und Selbständigkeit. Deshalb scheint mir, wenn homosexuelle Männer auf die Hälfte ihrer Verhaltensmöglichkeiten verzichten, um eine Beziehung aufrechtzuhalten, dieser Preis oft zu hoch. Allerdings bleibt dies eine Entscheidung, die sie selber treffen müssen, so wie ihre heterosexuellen Kollegen dies auch tun müssen.

Manchmal können die Partner einer schwulen Beziehung auch dadurch mit der Gleichheit ihres Rollenverhaltens zurechtkommen, daß sie ihre sonstigen Unterschiede größer machen. So ist es bei Partnern gleichen Geschlechts manchmal einfacher, die Führung zu verteilen, wenn der eine jünger und der andere älter ist, oder der eine reich und der andere arbeitslos, der eine weiß und der andere farbig, der eine Jude und der andere Katholik oder Protestant. Sicherlich sind diese Mechanismen auch in heterosexuellen Ehen am Werk, aber mir geht es darum, daß der Bedarf, für die Spiegelbildlichkeit der Rollen eine Lösung zu finden, in homosexuellen Ehen größer ist.

Im Zusammenhang damit steht eine weitere Schwierigkeit homosexueller Beziehungen, die ebenfalls ihre Entsprechung in heterosexuellen Ehen hat. In Dauerbeziehungen haben beide Partner das Bedürfnis, zu frühen Verhaltensformen zurückzukehren. Nicht nur die reife, erwachsene Persönlichkeit begibt sich in eine Beziehung, sondern irgendwie muß auch das Kind, das in jedem von uns fortlebt, seinen Platz finden, damit die Beziehung hält. Und umgekehrt muß jeder Partner die Möglichkeit haben, sich wie ein Elternteil um den andern zu kümmern. Wenn wir das Kind spielen, spielen wir meist uns selbst; wenn wir Eltern spielen, dann oft einen unserer beiden Elternteile. So weit gilt dies für Homo- und für Heterosexuelle gleichermaßen. Aber eine besondere Schwierigkeit für Homosexuelle liegt nun darin, daß sie besonders verwickelnde Eltern-Kind-Beziehungen erlebt hatten. Ich weiß, daß stichfeste Beweise für diese These nicht leicht zu erbringen sind, und befinde mich insofern auf etwas unsicherem Gelände. Aber ich bin überzeugt davon, daß man im Familienhintergrund von Homosexuellen mehr dominante Mütter finden würde und mehr ferne Väter als bei Heterosexuellen. Und es wäre der Forschung wert, ob man bei ihnen auch starke männliche Väter und ferne, schwache Mütter fände. Warum dies so ist und welche Variablen hier mit hineinspielen, kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Aber ich wette, daß eine grundlegende Störung in der Eltern-Kind-Beziehung der Schlüsselfaktor dafür ist, daß ein Homosexueller seine prekäre Entscheidung für eine sexuelle Identität trifft, die im Konflikt mit seinem biologischen Geschlecht steht. Wie kommt es, daß zehn Prozent aller Männer zu ihrer sexuellen Erfüllung andere Männer wählen? Die Forschung gibt auf diese Frage bisher keinerlei zufriedenstellende Antwort.

Mich haben immer Familien interessiert, in denen mehrere oder gar alle Kinder homosexuell wurden. Was ging hier vor, daß die Kinder solch einen Druck zur Homosexualität verspürten? In einer Familie, die ich kenne, sind alle Jungen und alle Mädchen homosexuell. In zwei andern Familien sind die einzigen Kinder zwei Jungen, und beide sind homosexuell. Hier kamen die übermäßige Verführung durch eine von der Ehe enttäuschten Mutter mit der Verführung durch eine schwachen, passiven Vater zusammen, so daß die Kinder, gleich mit wem sie sich identifizierten, immer auf dem Weg zur Homosexualität landeten.

Am meisten beschäftigt mich aber die Frage, was passiert, wenn in einer homosexuellen Beziehung ein Partner die Elternrolle übernimmt und dabei denjenigen Elternteil nachspielt, der ihn früher überwältigte und in Angst und Schrecken versetzte. Hat er diese Elternerfahrung nicht überwunden, dann wird er kaum Sanftheit, Freundlichkeit, Einfühlung und liebevolle Unterstützung geben können, und sein Partner in der Kindrolle wird leer ausgehen. War der Partner in der Kindrolle unglücklickerweise in der Kindheit so schwer verletzt worden, daß er sich als Erwachsener wieder einen gemeinen Typen, einen gierigen Geier, erdrückenden Drachen, einen fühllosen Macho oder brutalen Tyrannen aussucht, dann wird er diese Wiederbelebung seiner Eltern vielleicht sogar noch genießen. Wenn er wirklich dies suchte und braucht, mag die Beziehung wohl halten. Ist allerdings die wiederbelebte Elternfigur allzu unbefriedigend, dann wird diese Beziehung scheitern. Nochmal, es geht mir hier nur darum, Verständnis zu wecken. Ich will nicht behaupten, Heterosexuelle hätten immer gute und Homosexuelle immer schlechte Eltern, sondern bloß, daß wohl mehr Homo- als Hetero­sexuelle schwierige Beziehungen mit beiden Elternteilen hatten und daß dies in homosexuellen Beziehungen mehr Schwierigkeiten als in heterosexuellen nach sich ziehen kann.

Mir scheint, auch wenn ich es nicht beweisen kann, daß sich manchmal Lesben absichtlich unschön aufmachen, um dem Bild der schönen Frau zu widersprechen. Dabei achten sie natürlich immer noch sehr auf den Aspekt der äußeren Erscheinung, auch wenn ihr Ziel in seiner Überwindung besteht.

Dieser Gesichtspunkt der äußeren Erscheinung hat eine gewisse Ähnlichkeit mit dem bereits besprochenen Thema der sexuellen Anziehung. Dennoch gibt es Unterschiede. Sexuelle Anziehung kann sich nämlich auf eine ganze Reihe von Merkmalen gründen, von denen die körperliche Attraktivität nur eine unter vielen ist. Ich möchte hier aber von beidem sprechen, der körperlichen Attraktivität und der äußeren Erscheinung. Homosexuelle geben sich gerne Mühe, wenn es um Männermode geht, und sie bringen Zeit und

Energie fürs Fitnesstudio auf. Nur einige pflegen als bewußte Gegenreaktion eine Lederkultur im Stil des jungen wilden Marlon Brando, wobei sie damit natürlich weiterhin eine zu große Aufmerksamkeit auf das Aussehen legen.

Aussehen ist flüchtig und kann naturgemäß nicht ewig dauern. Wer heute ein junger Bursche ist, bekommt morgen eine Falte, ein graues Haar oder einen Bauch. Und weil bei manchen unternehmungsfreudigen Homosexuellen eine ganze Menge Alkohol, Drogenerfahrungen, Parties und lange Nächte zum Lebensstil gehören, gerät ihr Aussehen schnell in Gefahr. In einer herkömmlichen Familie kann ein Mann leicht sagen, er liebe an seiner Frau auch die Falten, weil sie von gemeinsam durchstandenen Stürmen der Ehe und gemeinsamer Sorge um die Kinder herrühren. Aber es wird nicht viele Homosexuelle geben, die die Falten des anderen lieben, weil sie zusammen auf tausend Parties betrunken waren. Mit dem Schwinden der äußeren Anziehung werden einige Beziehungen auseinandergehen.

Ich muß an dieser Stelle ein Unbehagen gestehen. Meiner Meinung nach betonen einige Homosexuelle das Neue, das Neueste, das Ultramoderne mit einer Hingabe, die von Heterosexuellen, auch wenn ihnen dieses Phänomen nicht fremd ist, kaum nachvollzogen werden kann. Mir fallen zum Beispiel zwei Männer ein, die nach jeder Party die ganze Wohnung neu streichen. Andere renovieren einmal im Jahr. Dieser Drang zum Neuen treibt sie sogar dazu, um nur ja nicht als stehengeblieben oder altmodisch zu erscheinen, ihre Partner zu wechseln. So wie einige Homosexuelle die ersten waren, die auf langen Haaren standen, und dann wieder die ersten, die auf kurzen Haaren abfuhren, so rasch wechseln sie auch manchmal ihre Partner, besonders wenn deren äußere Schönheit verblaßt. Ich begrüße diese Anpassungsbereitschaft nicht, sondern will sie nur vor Augen führen. Nun weiß ich wohl, daß Homosexuelle als Minderheit mehr verfolgt werden als Heterosexuelle (womit nichts antisemitisches oder antifarbiges gesagt sei), aber ich kann nicht anders als festzustellen, daß hier etwas Narzistisches am Werke ist. Bei einem kleinen Teil der Homosexuellen liegt der Schlüssel zu ihrem Darstellungsdrang in einem frühkindlichen Narzißmus, der anders als bei den meisten homo- oder heterosexuellen Menschen nicht überwunden wurde. Ungeachtet der psychologischen Hintergründe, bleiben sie in dauernder Sorge um Äußerlichkeiten, Oberflächlichkeiten, Körpererscheinung, Schönheit und besonders der eigenen Schönheit befangen. Manche würden sich, wenn sie nicht mehr anziehend wirken, darum sogar das Leben nehmen. Denn wofür wäre ihr Leben noch gut? Und mit Sicherheit werden manche von ihnen ihren Partner, wenn er für sie nicht mehr attraktiv ist, verstoßen. Das ist sehr ernüchternd, aber bei einigen Homosexuellen wahr.

Nach dieser ausgiebigen Diskussion über die Schwierigkeiten homosexueller Partnerschaften möchte ich jetzt einen Grund herausstellen, warum homosexuelle Beziehungen dennoch gute Überlebenschancen haben. Da beide Partner keine Familie gründen wollen, können sie dem Gedanken an Karriere großen Raum geben. Beide haben eine eigene Arbeit, die ihrem Leben Sinn gibt, so daß nicht der eine sich von der Selbstverwirklichung des andern ernähren muß, wie es in vielen heterosexuellen Ehen der Fall ist. Wie oft hat die Frau keine erfüllende Tätigkeit und bleibt verbittert zurück, wobei ich konservativ genug bin, die Gestaltung eines gesunden und glücklichen Familienlebens für eine sehr bedeutungsvolle Arbeit zu halten. Bei homosexuellen Partnern ist keiner dem Druck durch die Gesellschaft oder seinen Gefährten ausgesetzt, sich zu bremsen und an den Stand des andern anzupassen, sondern jeder der beiden ist zu seiner eigenen Karriere frei.

 

Acht Männerskizzen

Südstaaten-Schönheit

Robert E. Lee Branford (17 ) hat den Dialekt und die Lebensart der Südstaaten beibehalten. "Vom Winde verweht" sah er sich dreißig, vielleicht sogar fünfzigmal an, die Dialoge kann er großenteils auswendig. Er ist einer der Flüchtlinge aus dem Süden, die im New Yorker Exil leben müssen, weil ihre Homosexualität für ihre Familie unannehmbar ist.

"Bran" steckt tief in seinen sexuellen Phantasien und in Scat (18). Zwar erklärt er, daß er sexuelle Erfüllung auch einmal auf eine andere Weise finden möchte, die seiner Gesundheit weniger schadet. Doch immer wenn er einen neuen Partner gefunden hat, entdeckt er wunderbarerweise, daß auch dieser wieder auf Scat steht.

"Bran" hat einen Frisiersalon, bringt aber nicht viel Zeit und Engagement für ihn auf. Manchmal arbeitet er zur Aufbesserung seiner Einkünfte als persönlicher Diener und Begleiter einer "Madame". Über seine Rolle als Ankleider, Diener und Mädchen-für-alles lacht er zwar, aber er hat auch sein Vergnügen daran, durch diese Arbeit in so enge Fühlung mit den Parfüms, Perücken, Pumps und Paradekleidern von Madame zu gelangen. Außerdem genießt er seine Beziehung mit Madame, die statt mit ihrem reichen tumben Ehemann lieber mit ihm als Gesellschafter zusammen ist.

"Bran" arbeitet in der Therapie genau wie im Leben auf eine gediegene und geruhsame Art und Weise. Aber er fängt damit an, sein Leben mehr in die Hand zu nehmen. Sein Frisörsalon blüht auf, und in seinem Verhältnis mit Madame kommt er aus seiner Unterwürfigkeit allmählich heraus. Er findet einen Sexualpartner, mit dem die Beziehung an Dauer gewinnt. Sie spielen stundenlang zusammen ihre Phantasien durch, wozu gelegentlich auch Drogen, Verkleidung im Fummel (19) und Scat gehören. Sie beginnen, sich jeder mit seinen eigenen Bedürfnissen aufeinander einzulassen.

Meine eigene Arbeit in "Brans" Therapie ist vor allem, meinen Ekel vor seinen sexuellen Lieblingsspielen zu überwinden. Ich lerne auch allmählich, "Brans" Förmlichkeit zu schätzen und ihn als klugen, netten und umgänglichen Gentleman, der so ganz anders ist als die mir bekannten New Yorker, zu mögen.

Just in dem Augenblick, als "Brans" Leben in ein neues Stadium tritt, erfährt er, daß er HIV-infiziert ist. Die Krankheit bringt ihm im weiteren Verlauf viel Schmerz und Leid, doch er erträgt sein Schicksal bis zum Tod mit Würde und Adel.

 

Dunkler Engel

Pater Thomas ist Kartäusermönch, aber zur Zeit vom Gelübde entbunden. In Psychotherapie ging er vermutlich, um eine Glaubenskrise zu überwinden, und bekam dazu die Unterstützung von seinem Abt. Gegenwärtig nutzt er die Zeit außerhalb des Klosters, um seine Homosexualität und andere verbotene weltliche Gelüste ausgiebig zu erkunden: Drogen, Zinsgeschäfte, Prunk und Eitelkeit. Als Therapeut bin ich erschrocken, wie weit er sich von der benediktinischen Regel der Armut, Einfachheit und des Gehorsams entfernt hat. Als weltlicher jüdischer Humanist habe ich ja kaum Kontakt mit dem Kloster- oder auch nur dem Gemeindeleben. Meine Vorstellungen vom Leben eines Priesters orientieren sich an Bing Crosby und Barry Fitzgerald in Bells of St. Mary ( 20) und Pat O'Brien in San Francisco (21). Nun lehrt mich Pater Thomas, was ein "Whiskeypriester" ist, und daß auch ein sündiger Priester die Sakramente austeilen kann, ohne sie zu entweihen.

Ich frage Pater Thomas, ob es nicht vernünftiger wäre, sich aus dem Kloster ganz zu verabschieden, da seine Interessen jetzt so sehr im Weltlichen liegen. Aber er widerspricht diesem Vorschlag. Seit dem Klostereintritt im Alter von zwanzig hat er nicht mehr in der Welt gelebt, und er fürchtet, ohne die Hilfe seines Ordens könne er nicht überleben. Er bleibt dabei, daß es eine Lösung geben müsse, mit seinem Abt ein Arrangement zu finden und zugleich seine, vom katholischen Standpunkt gesehen, sündige und verderbte Lebensweise fortzuführen. Ich bin abermals von seiner Weltklugheit schockiert: er ist mehr ein Richelieu als ein St. Franziskus. Und ich muß mich mit meinen herkömmlichen Ansichten über den Katholizismus, die ich aus den Medien habe, und meinen ungeklärten Gefühlen gegenüber Reli­gion, Autorität und Ehrfurcht auseinandersetzen.

Zuletzt entscheidet sich Pater Thomas doch zum Klosteraustritt, aber sein Priesteramt behält er bei. Es gelingt ihm, eine Gemeinde im East Village zugewiesen zu bekommen, und er setzt sein weltliches Leben in einer zuträglicheren Umgebung fort. Er fand einen Weg, dem Kaiser zu geben, was des Kaisers, und Gott zu geben, was Gottes ist. Mir allerdings geht immer noch die Frage durch den Sinn, wie der Sünder mit dem Heiligen verbunden ist, was Heiligkeit bedeutet, und welche Beziehung zwischen ihr und einem Leben als Einsiedler besteht.

 

Der Yeshiva Bucher (22)

Harry gehört einer jüdisch-orthodoxen Familie in Williamsburg an. Er hat sich an der Universität von New York in Jura eingeschrieben und vor kurzem seine Homosexualität entdeckt. Die Freude an Flirts, Zufallsbekanntschaften und der ungehemmten Sexualität bescheren ihm einen Höhenflug, zugleich versinkt er in Scham und Schuldgefühlen. Obwohl seine Glaubensgemeinschaft für ihn nur Mißbilligung übrig hat, kann er seine herkömmliche Religion nicht aufgeben. Seinen neu entdeckten Garten der Lüste möchte er aber auch nicht wieder hergeben.

Harry kommt in Therapie, um seine sexuellen Vorlieben und seinen familiären und religiösen Hintergrund vereinbaren zu lernen. Als Harrys Therapeut glaubte ich zu rasch, die Lösung bestünde im Bruch mit der Orthodoxie, so wie ihn meine Eltern vor achtzig Jahren bei der Auswanderung nach Amerika vollzogen hatten. Aber Harry ist konservativer. Er findet bei seiner Familie und Gemeinde Halt und Trost. Ich bin von seinem Festhalten an chassidischen Traditionen ganz verwirrt und entdecke meine schlummernden Vorurteile gegen das orthodoxe Judentum. Solange ich keinen Kontakt mit der Orthodoxie hatte, konnte ich meinen, neutral zu sein. Doch nun in der Arbeit mit Harry erkenne ich meine Intoleranz.

Im Laufe der Therapie findet Harry heraus, daß er am meisten zu der Lösung neigt, ein nettes jüdisches Mädchen zu heiraten, mit ihr Kinder zu haben, und sein Doppelleben fortzuführen. So braucht er weder seine Familie zu enttäuschen noch seine sexuelle Lust zu zügeln. Ich bin über Harry's Entscheidung für diesen Weg enttäuscht. Er nicht. Er wird seinen Hamantasche (23) essen und zugleich behalten können.

 

Die ewige Wiederkehr

In einer meiner offenen Gruppen in München schüttet ein Arzt, Heinrich, sein Herz aus. Er war zweimal verheiratet und hat aus beiden Ehen Kinder. Auf seinem Berufsweg liegen Steine: Er wurde aus einem guten Krankenhaus versetzt in eine Klinik mitten in einem sozialen Brennpunkt. Außerdem verschreibt er sich selber jede Menge Drogen und ist deshalb die meiste Zeit hinter einem Nebel verschwunden. Mit seiner Homosexualität hat er große Konflikte. Trotz Scham und Schuldgefühlen führt er heimlich ein vielseitiges, aktives schwules Leben; und um sein sexuelles Erleben zu vertiefen und seine Selbstqualen zu betäuben, experimentiert er dabei mit Drogen.

Heinrich hat ein Sexualleben mit einer Reihe von Eigenartigkeiten. Er hat eine Leidenschaft für sado-masochistische Pornografie, spielt gerne mit riesigen Dildos (24) und findet Instrumente zum Piercen von Brustwarzen und Vorhaut sehr erregend. Dies erzählt er auf eine spielerische und scherzhafte Art und Weise, aber die Mitglieder der Gruppe sind erst einmal verschreckt und ziehen sich von ihm zurück.

In der Arbeit mit mir erzählt Heinrich, daß sein Vater Nazi in mittlerer Führungsposition war und noch heute zu Hitler steht. Sein Vater hatte ihn als Kind schikaniert und verprügelt und setzt auch heute noch alle Hebel in Bewegung, um ihn gefügig zu machen. An diesem Punkt greifen die Gruppenmitglieder ein und fallen über Heinrich und seinen Vater her. Er wird wegen seines Sadomasochismus und seines Vaters politischen Überzeugungen zum Sündenbock gemacht, zum Ausgestoßenen.

Ich verteidige ihn. Aber ich stelle fest, daß ironischerweise ich als Jude es bin, der um Gnade für ein Nazikind bittet. Mich quälen Zweifel, welche Rolle ich als amerikanischer Jude bei der Arbeit mit Angehörigen von Nazis in Deutschland habe.

Wie erreichbar bin ich für Heinrich, trotz meiner öffentlich gezeigten Haltung, tatsächlich? Nachdem ich meine persönliche Betroffenheit durch Heinrichs Sadomasochismus und die politischen Ansichten seines Vaters geklärt habe, kann ich auf Heinrich therapeutisch eingehen.

Daß ich Heinrich nicht zurückweise, rührt ihn zutiefst. Nun läßt er den freundlichen, zärtlichen Heinrich hervorkommen. Die Gruppe kann sich ihm gegenüber erwärmen. So hat Heinrich durch die Erfahrung mit mir und der Gruppe etwas Wertvolles dazugewonnen. Ich allerdings denke immer noch darüber nach, was für eine Rolle ich eigentlich in Deutschland spiele.

 

Der verrückte Psychiater

Nach seiner eigenen Definition ist Herb ein Borderline-Psychopath. Außerdem ist er Psychiater mit einer florierenden Praxis, die vor allem von Drogenabhängigen frequentiert wird. Er ist entschlossen, drei Millionen Dollar zusammenzuverdienen, eine Yacht zu kaufen und dann für den Rest seines Lebens tropische Inseln anzusegeln. Mit diesem puren Streben nach Gelderwerb schlägt er sehenden Auges den hippokratischen Eid in den Wind.

Therapie sucht er aus einer Reihe von Gründen. Er ist immer noch schmerzvoll mit seiner lutherischen Familie verbunden, die ihn wegen seiner Homosexualität ablehnt. Wiederholt hatte er bei seinen Eltern Unterstützung gesucht, aber sein Vater meint, er könne einen tuntigen Sohn nicht akzeptieren, und seine Mutter nimmt zwar teure Geschenke an, kann sie aber nicht mit Liebe erwidern. In Beziehungen mit Männern ergeht es Herb nicht besser. Zwar macht er als schöner und charmanter Mann mühelos seine Eroberungen, doch sobald er seine bedürftige, chaotische und manipulative Persönlichkeit zeigt, gehen die Beziehungen auseinander. Er benutzt seine Partner wie sich selbst.

Mich behandelt Herb auch nicht besser. Er kommt zu Sitzungen zu spät, läßt Stunden ohne Absage ausfallen und läßt Rechnungen solange unbezahlt, bis ich ihm Mahnungen schicke. Obwohl ihm Geld so wichtig ist, drückt sich auch in seinen Finanzen sein Chaos aus. Er wurde vom IRS (25) vernommen, wird vom Vermieter mit Kündigung bedroht, und seine Versuche zur Steuerhinterziehung schlugen fehl.

In der Therapie ist Herb ausweichend, verschlossen und fordernd. Weil er von Jugend an immer wieder in Therapien war, weiß er, wie man den Therapeuten blockiert. Herb ist wie ein Sieb. Er verlangt nach Aufmerksamkeit, Beratung und Zuwendung, aber alle Bemühungen darum wirken letztlich nur wie eine kurze Linderung. Danach verlangt er rasch nach noch mehr Aufmerksamkeit, Beratung und Zuwendung.

Herb kennt seine Grenzen und Schwierigkeiten als Klient selbst. Er bittet mich, auch wenn er mit seinem Verhalten Ablehnung provoziert, ihn nicht wie schon seine Eltern, Partner und früheren Therapeuten zurückzuweisen. Ich bin gereizt und in Versuchung, es den anderen gleichzutun, die sein Benehmen nicht mehr ertragen können. Ich frage ihn, mit was für Hilfen und was für einem Arrangement wir es schaffen könnten, daß er von seinem zerstörerischen Verhalten allmählich wegkommt. Mit kleinen Schritten fangen wir an, und daraus baut sich langsam eine Beziehung auf, an der Herb wachsen kann. Er lernt es, bleibende Beziehungen einzugehen und mit seiner Familie klarzukommen. Was er allerdings nicht aufgeben will, ist seine Fantasie, eine Lösung all seiner Probleme gelänge mit Geld.

 

Sieger in allen Disziplinen

Peter ist erfolgreicher Produzent komischer Musicals. Er liebt diese Gattung wegen der Möglichkeit, das Leben durch Musik und Kunst in einem besseren Lichte erscheinen zu lassen. Sein persönlicher Wunsch ist, das Leben möge so viel Glanz und Gloria wie ein Musical annehmen.

Peter versteckt sein Schwulsein. Nur die allerengsten Freunde wissen von seinen homosexuellen Sehnsüchten. Er stellt sich als den lustigen Junggesellen dar, der nur noch die richtige Frau zum Umgarnen und Erobern finden muß.

Als Geschäftsmann ist Peter allem Neuen aufgeschlossen, erfinderisch und wagemutig. Im Privatleben steckt er voller Angst: vor der Bedrohung durch Aids, vor seinen eigenen Neigungen, vor der Unkontrollierbarkeit von Beziehungen, und vor allem davor, Verlierer zu werden.

Die Therapie bietet Peter eine Möglichkeit, seine Ängste kennenzulernen. In unseren Sitzungen kann er die Nähe mit einem Mann ausloten ohne Gefahr zu laufen, sitzengelassen zu werden. Außerdem kann er bei mir aus dem Versteck herauskommen und seine verborgenen Wünsche ohne Furcht vor öffentlicher Blamage zum Ausdruck bringen. Zusammen können wir auch auseinanderlegen, wie seine Angst vor Aids an die Furcht vor Sexualität und Partnerwechsel und an die Verbotenheit seiner Wünsche gekoppelt ist.

Peters größte Furcht ist, Verlierer zu sein. Stets muß er bei Fußball, Basketball und Hockey auf die siegreiche Mannschaft setzen. Und ständig muß er unter den Restaurants das beste und unter den Urlaubszielen das begehrteste herausfinden. Auch als Partner käme nur einer in Frage, der ein Gewinnertyp ist; aber wie soll er den finden? Das schlimmste, was er sich ausmalt, ist, daß ihn trotz aller Mühen und Erfolge andere für einen Verlierer halten und meiden könnten. Peters Furcht, Verlierer zu sein, ist das größte Hindernis zum Erfolg seiner Therapie.

Wir suchen zusammen nach Wegen, wie er seinen Schrecken vor dem Verlassenwerden mildern könnte und wie er es einmal riskieren könnte, daß sein Selbstbewußtsein angekratzt würde. Peters Ziel, stets Gewinner zu sein, hilft ihm auch durch den Schmerz hindurch, als er sich in der Therapie mit seinen Zweifeln befaßt, je ein erfolgreicher Liebhaber sein zu können, einer, der in einem seiner Musicals der Held sein könnte.

 

Dorian Narziß (26)

Geoff ist Neo-Expressionist. Er hat es zu einer kleinen Berühmheit gebracht, wird in Kunstmagazinen und der New York Times interviewt, stellt in guten Galerien aus und hat eine kleine, treue Sammlergemeinde. Er hat auch einen kleinen Penis und leidet darunter. Daß er keine dauerhaften Beziehungen hat, führt er darauf zurück. "Alle wollen große Schwänze, und früher oder später ist meiner jedem zu klein, und dann läßt er mich sitzen." Zum Ausgleich geht er stundenlang ins Fitneßcenter von Chelsea und trainiert sich einen Body an. Er kauft sich auch eigenartige Geräte zur Verlängerung seines Glieds. Er steht auf Leder und jede Art Spielzeug für Sex, mit Ausnahme großer Dildos. Und er treibt sich Stunden um Stunden zum Cruisen in Saunen, Läden und Toiletten herum.

Zwischen Geoff und mir entspinnt sich ein Kampf. Ich will ihn davon überzeugen, daß ein großer Schwanz kein Mittel zu einer erfolgreichen Beziehung ist, und daß ein kleiner nicht darüber vorentscheidet, ob er einen Partner findet, der bei ihm bleibt. Ich möchte, daß Geoff seine Besessenheit von großen Schwänzen, breiter Brust und strammen Backen einsieht. Allerdings wenn ich ihn mit seinem Phalluskult, seinem Narzißmus und der dahinterliegenden Angst vor Überwältigung konfrontiere, laufe ich Gefahr, daß er mich zurückweist. Ich muß mich selber meinen Vorbehalten gegen seinen Lebensstil stellen; denn meistens meide ich Narzißten und verurteile ihren seelenlosen anonymen Sex als Mittel der Kontaktvermeidung.

Damit die Therapie mit Geoff gelingen kann, beschränke ich mich also auf das Thema der Angst vor Überwältigung und Unterwerfung. Ich meine, wenn er sich erst einmal größer und sicherer fühlt, verliert seine Schwanzgröße an Bedeutung.

Das Leben wird zu meinem Verbündeten: Geoff macht die Bekanntschaft mit jemanden, der über Größen erhaben ist, der seine Bilder, seinen Körper und seine zugehörigen Teile liebt - egal ob sie groß sind oder klein.

 

Der Leopard und die Flecken

Randolph, distinguierter Leiter eines Kabelfernsehsenders, vereinbart einen Termin. Er ist 62 Jahre alt und scheint bei allen Unternehmungen von Erfolg gekrönt. Er hat eine liebevolle Ehefrau, drei erwachsene Kinder, Freunde, ein Haus am Strand von Bridgehampton und einen guten Ruf. Wozu erscheint er bei mir?

Randolph führt ein Geheimleben als Homosexueller. Wenn er auf Tagungen in anderen Städten weilt, nutzt er die Dienste hochbezahlter Callboys, um seine sexuelle Sehnsucht zu erfüllen. Nun, da er bald Persionär ist, möchte er in seinem Sexualleben mehr Befriedigung erfahren. Ob er eine Liebesbeziehung mit einem Mann wagen könne? Und wie könne er dies zuwegebringen bei seinem hohen öffentlichen Ansehen?

Vierzig Jahre zuvor war er versehentlich, wie er sich ausdrückt, heroinabhängig geworden und hatte den Wert von Abstinenz schätzen gelernt. Sei dies nicht auch die rechte Methode, mit Homosexualität umzugehen?

Im Laufe der Zeit geht Randolph öfter in Bars für Herren eines gewissen Alters und Standes: The Townhouse, Regent's Row, die Bar im Oak Room des Plaza Hotels. (27) Er begegnet einem hübschen jungen Mann, Joel, und verliebt sich in ihn. Wird Joel sich auch weiterhin zu ihm hingezogen fühlen, wird Joel es ertragen, im Hinterhof von Randolphs Leben zu residieren?

Ich arbeite mit Randolph an seinen Themen der Achtbarkeit, Konventionalität, Verantwortlichkeit für eine Familie, Scham, Schuld, romantischer Sehnsucht, Enthaltsamkeit und sexueller Erfüllung. Die Themen meines eigenen Lebens klingen darin mit an. Wie gut bin ich selber mit ihnen zurechtgekommen? Werde ich auf Randolph meine Werte übertragen, um mein eigenes Leben besser zu rechtfertigen, anstatt bei dem zu bleiben, was zu Randolph paßt? Würde ich Joel und meinen eigenen Partner, der auch jünger ist, verwechseln und Randolph vorschnell Meinungen anbieten, statt ihm zu helfen, eigene Wahlmöglichkeiten zu entwickeln? In der Arbeit miteinander ist für mich die Gelegenheit, mein Leben noch einmal neu zu begreifen, so wie Randolph das seine. Er ist mein Klient, aber durch seine aufrichtige Selbsterforschung wird er zugleich mein Lehrer und Mentor.

 

Anmerkungen

01 Perls, Friederich S. / Hefferline, Ralph / Goodman, Paul: Gestalttherapie. München 1991. Neue deutsche Übersetzung: Stuttgart 2006. (Bisher liegt nur der Theorie-Band in neuer Übersetzung vor. Der Praxisband ist angekündigt.)

02 Der amerikanische Sexualforscher Alfred Charles Kinsey und seine Mitarbeiter führten Interviews mit ca. 18.000 Amerikanern zu ihrem Sexualverhalten durch und veröffentlichten die Ergebnisse zum sexuellen Verhalten von Mann und Frau in den Jahren 1948 und 1953. Diese Untersuchungen wurden zwar zuerst wegen ihres ungewöhnlich offenen Umgangs mit dem Tabuthema Sexualität stark kritisiert, jedoch bereiteten sie den Boden für spätere weitere Untersuchungen des menschlichen Sexualverhaltens.

03 Der Wolfenden-Report, ein Gutachten im Auftrag der englischen Regierung, erschien in den fünfziger Jahren und empfahl, alle einvernehmlichen sexuellen Akte zwischen Erwachsenen von Strafe freizustellen. Dadurch wurde der Weg zur Entkriminalisierung der Homosexualität gebahnt.

04 Die Ballade über das Zuchthaus Reading Goal schrieb Oscar Wilde, nachdem er dort wegen Homosexualität eingesessen hatte. Titel der deutschen Ausgabe: Wilde, Oscar: Die Ballade vom Zuchthaus zu Reading. Leipzig 1936.

05 camp: ein Stil in Kleidung, Wohnung, Lebensart und Umgangsweise, der sich nicht definieren, aber kaum übersehen läßt: ungewöhnlich, stilwidrig, hyperoriginell, kitschig, witzig, übertrieben, leichtfüßig, ironisch, selbstironisch, etc. Die kontinentale Schwester von camp heißt Tuntenbarock

06 Der englisch-amerikanische Schriftstelle Christopher William Bradshaw Isherwood beschrieb seine Erfahrungen als Lehrer in Berlin (1928 - 1933) in seinem Roman in Episoden "Leb wohl Berlin" (Frankfurt 1992). Dieser Roman diente später als Vorlage für das Musical "Cabaret", das in der Filmversion mit Liza Minelli (USA 1972, Regie: Bob Fosse) weltbekannt wurde.

07 Der Berliner Psychoanalytiker und Sexualforscher Magnus Hirschfeld gab Anfang des 20. Jahrhunderts das - auch von Freud für seine eigene Arbeit als sehr nützlich angesehene - "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen" heraus. Er gilt als leidenschaftlicher Verfechter der Rechte Homosexueller.

08 Evelyn Hooker wendete den Rorschach-Test auf Hetero- und Homosexuelle an und fand beim Vergleich, daß Homosexuelle sogar ein ganz klein wenig gesünder abschnitten. Anfang der fünfziger Jahre war dies geradezu radikal. Isadore From war eine ihrer Versuchspersonen.

09 Vgl. Rosenblatt, Daniel: Ins Fleisch beissen. Ein Gespräch über Gestalttherapie, Geschichte und Politik. Von Anna und Milan Sreckovic. In: Gestaltkritik 1/1993, S. 9ff.

10 Vgl. auch: Der Weg zur Gestalttherapie. Lore Perls im Gespräch mit Daniel

Rosenblatt. Wuppertal 1997, S. 101ff. (Erweiterte Ausgabe: Wuppertal 2005.)

11 Eigene Übersetzung aus dem Amerikanischen; vgl. auch: Perls, Hefferline, Goodman, Gestalttherapie: Grundlagen, München 1991, S. 221.

12 Eigene Übersetzung aus dem Amerikanischen; vgl. ebd., S. 87f.

13 Vgl. Rosenblatt, Daniel: Kritische Re­flexion gegenwärtiger Tendenzen in

der Gestalttherapie. In: Gestaltkritik 2/1996, S. 15ff.

14 Eigene Übersetzung aus dem Amerikanischen; vgl. auch: Perls, Hefferline, Goodman, Gestalttherapie: Grundlagen, München 1991, S. 91.

15 Eigene Übersetzung aus dem Amerikanischen; vgl. ebd., S. 125.

16 Vgl. Rosenblatt, Daniel: Wie wenig wir wissen! Wie viel wir zu lernen haben. Erinnerungen an Isadore From. In: Gestaltkritik 2/1995, S. 3ff.

17 Robert E. Lee Branford ist ein frei erfundener Name für diesen Klienten.

18 Sadomasochismus: sich rasch vergrößernde und ausdifferenzierende Teilkultur zunächst vor allem unter Schwulen, in den letzten Jahren auch unter Heterosexuellen. Spezielle Praktiken: Bondage = Fesselung (mit Seilen, Ketten, Handschellen). Natursekt, Watersports: Einbeziehung von Urin beim Sex. Scat: Einbeziehung von Kot beim Sex. Einlauf: Einbeziehung von Klistieren. Drill: sexuelle Spiele mit Befehl und Gehorsam analog zum Militär. Mehr zum Beispiel in: Andreas Maydorn und andere: Wie man's macht - Das schwule Sexbuch. Berlin 1993.

19 Drag Queen: Schwule, die sich bei passender Gelegenheit mit alles überbietenden, weiblichen Verkleidungen hervortun. Frauenkleidung an Männern nennt man auch Fummel.

20 Deutscher Titel: Die Glocken von St. Marien. USA 1945, Regie: Leo MacCarey.

21 Deutscher Titel: San Francisco. USA 1936, Regie: W.?S. van Dyke, David Wark Griffith.

22 Ein Yeshiva Bucher ist ein Hebräisch-Schüler, abgeleitet von den jiddischen Bezeichnungen "Yeshiva" für Hebräisch-Schulen und "Bucher" für jemanden, der Bücher liest.

23 Haman, der zu Zeiten des Alten Testaments am persischen Hofe lebte, plante ein Massaker an den Juden. Esther erfuhr von dem Plan und konnte die Juden retten. Das jüdische Frühlingsfest Purim nimmt darauf Bezug. Hamantaschen sind kleine dreieckige Kuchenteilchen mit Mohn- und Aprikosenfüllung und werden von den Juden zur Feier der Errettung gegessen.

24 "Dildo" heißt ein künstlicher Ersatz für ein erigiertes männliches Glied. Neben ökologisch gediegenen Varianten wie Salatgurke, Waschmöhre und Banane kommen vor allem aufblasbare Gummiprodukte und Hartlatexerzeugnisse zum Einsatz.

25 IRS, Internal Revenue Service, ist die Finanzbehörde, die von den Bürgern der USA Einkommenssteuer eintreibt.

26 Der Roman "Das Bildnis des Dorian Gray" von Oscar Wilde (Frankfurt 1994) handelt von einem schönen Mann, der unverändert jung bleiben kann, während sein Bildnis alt wird.

27 The Town House, Oak Room usw. waren Homosexuellenbars im Osten von Manhattan. Sie wurden vor allem von reichen älteren Männern besucht. Jüngere Männer verkehrten dort nicht zur Prostitution, sondern um ältere kennenzulernen, während ja in den üblichen schwulen Kneipen die Jüngeren nach Jüngeren Ausschau hielten und auch der Kleidungsstil viel informeller war: keine Krawatte, Hemd, Pullover und Jeans.

Praxisadressen von Gestalttherapeuten/-innen

Daniel Rosenblatt (Foto: Kurt Schröter)

Daniel Rosenblatt

Dr. Daniel Rosenblatt wurde 1925 in Detroit/Michigan geboren. Er studierte in Harvard und Cambridge und erlernte Gestalttherapie bei Laura Perls. Nach einer langjährigen akademisch-wissenschaftlichen Tätigkeit arbeitet er seit über 30 Jahren in seiner privaten psychotherapeutischen Praxis in New York. Er ist "Fellow" und ehemaliger Vizepräsident des New Yorker Instituts für Gestalttherapie und leitet Ausbildungsgruppen in Gestalttherapie in den USA, Europa, Australien und Japan.

Der nebenstehende Beitrag ist zuerst erschienen in seinem Buch "Zwischen Männern. Gestalttherapie und Homosexualität" in dem sich u.a. noch viele weitere Einblicke in Dan Rosenblatts praktische Arbeit finden. Wir möchten allen unseren Leserinnen und Lesern - homosexuellen und heterosexuellen (!) - dieses Buch ganz besonders ans Herz legen

Daniel Rosenblatts Bücher "Gestalttherapie für Einsteiger. Eine Anleitung zur Selbstentdeckung" (jetzt in: "Gestalt Basics") und "Zwischen Männern. Gestalttherapie und Homosexualität" (siehe auch Leseprobe in diesem Heft) veröffentlichten wir zusammen mit dem Peter Hammer Verlag. Demnächst erscheint von ihm "Gestalttherapie für alle Fälle" in unserer Edition.

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