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Robert L. Harman
Humor in der Gestalttherapie
Aus der Praxis eines Gestalttherapeuten

Aus dem Amerikanischen von Thomas Bliesener

Aus der Gestaltkritik 2/2013:

Gestaltkritik - Die Zeitschrift mit Programm aus dem Gestalt-Institut Köln
Gestaltkritik (Internet): ISSN 1615-1712

Themenschwerpunkte:

Gestaltkritik verbindet die Ankündigung unseres aktuellen Veranstaltungs- und Weiterbildungsprogramms mit dem Abdruck von Originalbeiträgen: Texte aus unseren "Werkstätten" und denen unserer Freunde.

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Praxisadressen von Gestalttherapeuten/-innen

  Hier folgt der Abdruck eines Beitrages aus Gestaltkritik 2/2013:

Robert L. Harman
Humor in der Gestalttherapie
Aus der Praxis eines Gestalttherapeuten

Aus dem Amerikanischen von Thomas Bliesener

Vor einigen Jahren leitete ich eine Gruppe, die es fertig brachte, vor meinen Augen in völligen „Winterschlaf“ zu verfallen. In ihren Aktivitäten trat nicht bloß eine vorübergehende Flaute ein, sondern es breitete sich eine andauernde allgemeine Teilnahmslosigkeit aus. Dieses „Loch“ regte mich dazu an, ihnen eine Geschichte zu erzählen.

„Also“, sagte ich zu der Gruppe, „es war einmal in den fernen Ozark-Bergen (01) ein altes Paar“. Die Überraschung, dass da plötzlich eine Geschichte erzählt wird, ließ einige Köpfe aufmerken. „Der Großvater war vor einem Jahr gestorben, und jetzt lag die Großmutter auf dem Sterbebett. Wie es in diesem Teil der Welt Sitte war, versammelte sich die ganze Familie einschließlich der Kinder, Enkel und Großenkel, um ihr Bett. Der Raum war zum Bersten voll. Großmutter begann sich zu erinnern: ‚Wie ihr wisst, haben Opa und ich uns 1913 befreundet, und wir zogen damals auf diesen Hof. Wir hatten den Plan, die Ehe zu schließen, wenn der Prediger das nächste Mal des Weges kam. Doch stattdessen kam der erste Weltkrieg, und der Prediger musste fort zur Armee.‘ Sie ließ ihren Blick durch den Raum gleiten, dann fuhr sie fort: ‚Wir hatten keine besondere Eile damit, weil wir hier nie wieder wegziehen wollten. So kamen bald Billy, Suzy und Jack auf die Welt. Dann war der Krieg vorüber, und wir fahndeten nach einem anderen Prediger. Es brauchte eine Weile, aber schließlich fanden wir einen. So trafen wir alle Vorbereitungen für die Hochzeit, doch verdammt, wäre nicht jetzt die Weltwirtschaftskrise dazwischen gekommen. Nun hatten wir kein Geld mehr, um den Prediger zu bezahlen. In den nächsten Jahren kamen Sarah, Clyse, Bobby Joe und Wilma auf die Welt. Wie auch immer, als wir gerade wieder daran dachten, die Ehe zu schließen, brach der zweite Weltkrieg aus und die Jungs mussten alle ins Feld. Als der Krieg zu Ende war, hatten einige von euch die ersten eigenen Kinder. Ihr versteht sicher, dass wir euch da nicht in Verlegenheit bringen wollten. Kurz, was ich euch sagen will, ist, dass Opa und ich niemals verheiratet waren.‘ Ein großes Raunen ging durch den Raum, alle waren wie betäubt. Großmutter sah schon ziemlich ermattet aus, nahm aber noch einmal alle Kräfte zusammen und donnerte sie an: ‚Jetzt sag doch mal einer von euch Bastards was dazu!‘“

Der Witz wirkte wie ein Lebensquell. Wir kennen ja schon lange die heilende Wirkung des Lachens. Humor, sagt man, sei die beste Medizin. Es ist bekannt, wie er vieles kurieren kann, was den einzelnen plagt. Aber was ist seine Wirkung auf Gruppen? Offenbar hatte uns die Kombination aus Gelächter und der metaphorischen Bedeutung dieses speziellen Witzes durch den Engpass hindurchgebracht und wieder Bewegung in die Gruppe gebracht. Tatsächlich reichte bei späteren Gruppensitzungen, wenn es wieder einmal zäh wurde, schon eine bloße Androhung. Ich brauchte nur fallen zu lassen, dass ich da „diesen Witz“ kenne, und bevor ich auch nur zwei Worte aussprechen konnte, meldete sich schon jemand, um zu arbeiten. Gelegentlich musste ich mir solche Sticheleien anhören wie „Jetzt macht voran und meldet euch zum Arbeiten, bevor Bob wieder mit seinem Witz kommt.“ Die Geschichte wurde Teil des Gruppengedächtnisses, etwas, das immer weitergegeben wird. Bei manchen Gelegenheiten kann es auch heute noch geschehen, dass jemand mich bittet, sie noch einmal zu erzählen. Niemals wieder jedoch hat diese Geschichte einen so durchschlagenden Erfolg gehabt wie beim ersten Mal, als sie einfach perfekt in die Situation passte.

Als ich die Geschichte zum ersten Mal erzählte, kam sie mir spontan in den Sinn. Einige Male später setzte ich sie planvoll ein, um die Gruppe in Bewegung zu bringen. Bei den meisten Wiederholungen jedoch brachte sie nicht so viel zuwege. Man kann daraus mehrere Lehren ziehen, die mit der Gestalttherapie und anderen Arbeitsrichtungen übereinstimmen. Zunächst einmal: Nimm dir nicht vor, witzig zu erscheinen. Humor kann nur dann heilen, wenn er natürlich ist. Und zum andern: Achte auf den geeigneten Augenblick. In manchen Situationen wird Humor nicht passen und kann, statt zu fördern, sogar ablenken.

Ich denke noch mit Vergnügen an eine Gestaltwoche mit Jim Simkin, in der Humor eine entscheidende Rolle spielte. Die meisten von uns schlugen sich mit so schrecklichen, wenn auch alltäglichen Problemen herum wie: Langeweile, Ehe, Scheidung, unerledigte Geschäfte mit verstorbenen oder sterbenden Eltern, usw. Trotzdem kann ich mich an keine andere Zeit in meinem Leben erinnern, in der ich so viel und so von Herzen gelacht hätte wie in dieser Woche in Big Sur. Jims Sinn für Humor im richtigen Moment war eine natürliche Gabe, gepaart mit seinen großen Fähigkeiten als Therapeut. Ich kann mich erinnern, dass einige sehr witzige Leute dabei waren, und der Humor der Gruppe trug in dieser Situation zu der Intensität dessen bei, was die meisten dort erlebten. Er machte viele unserer Probleme aushaltbar. Damals und in vielen anderen Situationen war Humor das Öl, das den Prozess am Rollen hielt.

Näher besehen, kann Humor das Energieniveau heben und die Erregung steigern. Diese Aktivierungsleistung ist Voraussetzung für genau das, was die Gestalttherapie als „Kontakt“ bezeichnet, ohne den nicht viel passieren würde und Therapie ein abgestandenes, unfruchtbares „Reden über Probleme“ bliebe. Doch Kontakt mit anderen Menschen oder mit fremd gebliebenen Teilen der eigenen Person ist für jeden Wandel erforderlich und ist insbesondere einer der heilenden Faktoren in der Gestalttherapie. Humor dient also als ein ganz ausgezeichnetes Aktivierungsmittel für Phasen des Kontakts.

Auch ein ausgeprägter Sinn für Komik kann beleben. Er lädt die Menschen auf. Das gilt natürlich für Therapeuten wie Klienten gleichermaßen. Die Humorlosen sind oft auch Langeweiler, ihnen fehlt jede Ausstrahlung. Meine Vermutung über Leute, die anscheinend humorlos sind, ist, dass sie den Kontakt mit ihren Polaritäten verloren haben. In Therapien mit solchen Individuen schlage ich gerne bestimmte Experimente zu den Polaritäten vor. Ich locke sie solange hinter ihrem Ernst hervor, bis sie über mich oder sich selber lachen müssen. Wenn sie sich verzweifelt bemühen, vernünftig zu bleiben, mache ich absichtlich Unsinn. Für unseren Zusammenhang heißt das: Jeder markante Persönlichkeitszug eines Menschen hat einen zugehörigen Gegenpol, der anscheinend unterdrückt wurde. Als Gestalttherapeut lege ich Wert darauf, dass diese Polarität ins Gewahrsein tritt. Humor als Belebungsmittel setzt wörtlich die Lebensenergien frei.

Auf der anderen Seite sollten wir im Blick behalten, dass Humor auch dazu benutzt werden kann, um vom Eigentlichen abzulenken wie ein Schild der Abwehr. Jedes Bemühen um ernsthaften Kontakt kann dadurch abprallen und aus der Bahn gelenkt werden (Deflexion). Auf diese Weise machen sich manche Menschen für Kontakt unerreichbar. Ihre ausgeprägte Witzigkeit ist in Wahrheit ein Pseudo-Humor, der dazu benutzt wird, sie vom Rest der Welt zu isolieren. Statt lustig zu sein, sind sie öde – auf vorhersagbare Art und Weise.

Es hat für mich auch einen unangenehmen Beigeschmack, wenn man sagt „Humor in der Gestalttherapie einsetzen“. Das klingt nach bloßer Technik, und ich habe große Vorbehalte gegen einen technikbasierten Ansatz der Psychotherapie. Bei solch einem Ansatz könnte man, mit gewissem Recht, Humor als den Kern der Gestalttherapie ansehen. Das ist er aber nicht, genau so wenig wie das der „leere Stuhl“ wäre. Humor ist ein natürlicher Ausdruck, der nicht gezügelt werden sollte im Namen von „Arbeit an ernsten Problemen“. Therapie kann ernsthaft sein, ohne dass sie trist sein muss. Ich fühle mich meistens frei, wenn ich etwas lustig finde, dann auch zu lachen, und wenn es für mich im Vordergrund steht, auch etwas Lustiges zu sagen.

Unter diesen Bedingungen kann auch ein Witz hilfreich sein, besonders wenn er als Metapher für etwas dient, das in der Gruppe gerade vorherrscht, so wie der Witz über das Paar aus den Ozark-Bergen. Ein Witz aus dem Stegreif spiegelt die Verfassung der Gruppe wider bzw. das Problem des Klienten, und der Klient kann die Botschaft in Form einer Pointe möglicherweise viel leichter annehmen, als wenn sie in einem konfrontativen Stil vorgebracht würde.

In der Gestalttherapie kann eine gewisse Leichtigkeit des Herzens unterschiedliche Funktionen erfüllen: als Quelle der Aktivierung, die erregt und belebt; als eine Form der Kontaktaufnahme; als Mittel zur Befreiung aus einem Engpass; als Möglichkeit zur Entschärfung einer bedrohlichen Situation. Auf der negativen Seite der Bilanz bietet Humor dem Klienten eine Möglichkeit zur Ablenkung von Kontakt, und dem Therapeuten einen Trick bzw. eine Technik, die er meint, in seinem Repertoire haben zu müssen.

 

Anmerkung

(01) Die Ozark-Berge westlich des Mississippi sind Inbegriff einer rückständigen Lebensweise und Schauplatz für Legenden und Witze ähnlich den Ostfriesenwitzen. [A.d.Ü.]

 

Praxisadressen von Gestalttherapeuten/-innen

Buchcover: Werkstattgespräche Gestalttherapie (Robert L. Harman)

Bob Harman, Gründer des "Gestalt Institute of Central Florida", ist seit vierzig Jahren in Gestalttherapie engagiert und lernt immer noch dazu. Er veröffentlichte vier Monographien und mehr als 30 Zeitschriftenartikel über Gestalttherapie. Bei vielen lokalen, regionalen und landesweiten Konferenzen ist er mit Vorträgen vertreten. Gegenwärtig ist er in einem Teilzeit-Ruhestand und führt die Praxis noch an zwei Tagen der Woche fort. Er lebt zusammen mit seiner Frau in Oviedo (Florida).

Der obige Beitrag ist zuerst erschienen in: VOICES 1981:16(4). Wir danken dem Autor für die freundliche Genehmigung der deutschen Erstveröffentlichung an dieser Stelle. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Thomas Bliesener.

In unserer Zeitschrift "Gestaltkritik" ist auch ein Interview von Bob Harman mit Jim Simkin erschienen: "Solange der Therapeut weiß, was er tut: Interview mit einem der ersten Gestalttherapeuten", sowie sein Beitrag "Eine Stimme aus der Vergangenheit: Eine Gestaltarbeit mit Jim Simkin an einem Traum".

Ganz besonders möchten wir Sie auf das von Bob Harman herausgegebene Buch "Werkstattgespräche Gestalttherapie: Mit Gestalttherapeuten im Gespräch" hinweisen (Edition des Gestalt-Instituts Köln GIK im Peter Hammer Verlag).

Wenn Sie gleich zu dieser Seite gekommen sind, ohne bisher unsere Homepage besucht zu haben, so sind sie herzlich dazu eingeladen:
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