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Stephen Schoen
Die Blautöne des Alters
Ein Interview


Aus der Gestaltkritik 2/2009:

Gestaltkritik - Die Zeitschrift mit Programm aus dem Gestalt-Institut Köln
Gestaltkritik (Internet): ISSN 1615-1712

Themenschwerpunkte:

Gestaltkritik verbindet die Ankündigung unseres aktuellen Veranstaltungs- und Weiterbildungsprogramms mit dem Abdruck von Originalbeiträgen: Texte aus unseren "Werkstätten" und denen unserer Freunde.

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Praxisadressen von Gestalttherapeuten/-innen

  Hier folgt der Abdruck eines Beitrages aus Gestaltkritik 2/2009:

Stephen Schoen
Die Blautöne des Alters
Ein Interview

Foto: Stephen SchoenStephen Schoen (Foto: © Daniel Straub, 2008)

Der Psychiater und Autor Stephen Schoen lebt mit seiner Frau in Kalifornien. Als Gestalttherapielehrer reist er nach Köln, Oslo und Sankt Petersburg. Der umtriebige 84-Jährige war ein enger Freund des Kybernetikers und Philosophen Gregory Bateson. Daniel Straub führte das Gespräch auf Englisch und übersetzte es ins Deutsche.

 

Stephen, was macht für dich Lebensqualität aus?

Seit wir den Interview-Termin vereinbart haben, hatte ich etwas Zeit zum Nachdenken und ich bin auf vier Punkte gestossen. Erstens akzeptiere ich jeden Moment meines Lebens vollständig. Das führt dazu, dass die glücklichen Erlebnisse glücklicher sind und die traurigen einfacher zu passieren sind - und zu einem fruchtbaren Ergebnis führen.

Beim zweiten Punkt geht es um Mitgefühl: Zunächst gehe ich mit mir selbst mitfühlend um - besonders in schmerzhaften Situationen. Aber ich begegne auch andern anteilnehmend. Diese antworten normalerweise mit freundlichen Gefühlen. Aber ich bin mitfühlend ohne auf diese Belohnung aus zu sein. Das Geben ist die Belohnung.

Drittens erlebe ich Lebensqualität, wenn ich mich mit anderen Menschen verbunden fühle: Was immer ich mache wird dadurch sinnvoll. Der vierte Punkt ist meine Überzeugung, dass das Leben sich immer erneuern will - und dies geschieht natürlich ausserhalb meiner bewussten Kontrolle.

 

Jetzt habe ich plötzlich das Gefühl ich interviewe den Dalai Lama. Du formulierst einen hohen Anspruch. Gelingt es dir, diesen umzusetzen?

Manchmal gelingt es mir gut am Montag, weniger am Dienstag und dann sehr gut am Mittwoch etc. Aber eigentlich gelingt es mir recht gut. Wenn etwas sehr schmerzhaftes passiert, ist es schwierig für mich, das zu akzeptieren. Als vor ein paar Jahren mein Sohn starb, konnte ich das nicht annehmen. Inzwischen gelingt es mir besser. Ein Verlust kann zuerst sehr schmerzhaft sein. Aber langfristig kann eine solche Erfahrung die Wertschätzung des Lebens vertiefen.

Alles im Leben ist vergänglich. Wenn man zu lange an etwas festhält, kommt es zum Scheitern.

 

In einem deiner Artikel über Gregory Bateson bin ich auf den folgenden Satz gestossen: "Für jemand der erkunden muss, ist Misserfolg nützliche Information." Wie ist der Zusammenhang von Misserfolg und Lebensqualität?

Man erreicht nicht einen höheren Stand von Verständnis, ohne dass etwas misslingt. Zum Beispiel das Scheitern einer Ehe kann einem etwas beibringen über seine Beziehung zum anderen Geschlecht. Ich habe in diesem Bereich meine Erfahrungen gemacht. Es hat mir geholfen zu verstehen, was ich suche in einer Beziehung, auf was ich achten muss.

 

Welche Rolle spielen die Literatur und die Musik für deine Lebensqualität?

Ich möchte mit Nietzsche antworten: "Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum."

 

Du bist 83 Jahre alt. Welchen Einfluss hat das Älterwerden auf deine Lebensqualität?

Ich habe jetzt ein feineres und tieferes Verständnis für die Dinge, welche ich in der Antwort zu deiner ersten Frage gesagt habe: Das macht das Leben reicher. In diesem Sinn ist Älterwerden etwas Gutes. Ich bin allerdings körperlich nicht mehr so stark - gewisse Dinge lassen nach: Meine Energie und meine Ausdauer. Mein sexueller Appetit und meine sexuelle Leistung haben mit jeder Lebensdekade nachgelassen - aber viel weniger stark, als mir als Kind erzählt wurde.

Im Alter ist meine geistige Genauigkeit höher, die Wahrnehmung ist scharfsichtiger. Zum Beispiel kann ich mehr verschiedene Blautöne wahrnehmen als früher - allerdings muss ich eine Brille tragen, um sie zu sehen.

Praxisadressen von Gestalttherapeuten/-innen

Foto: Stephen SchoenFoto: © Daniel Straub, 2008

Dr. Stephen Schoen

Stephen Schoen, MD, 1924, Psychiater und Gestalttherapeut in freier Praxis in San Rafael/Kalifornien. Zu seinen Lehrern gehörten Fritz Perls, Harry Stack Sullivan, Milton Erickson und Gregory Bateson, mit dem ihm eine Freundschaft verband. Er lehrt seit vielen Jahren Gestalttherapie in den USA und in (Ost-) Europa. Zahlreiche Fachartikel zur Theorie und Praxis der Gestalttherapie.

In der Edition des Gestalt-Instituts Köln sind erschienen: "Wenn Sonne Mond Zweifel hätten: Gestalttherapie als spirituelle Suche", "Greenacres: Ein Therapieroman" und "Die Nähe zum Tod macht großzügig: Ein Therapeut als Helfer im Hospiz" In Kölner Verlag EHP erschien außerdem: "Geistes Gegenwart: Philosophische und literarische Wurzeln einer weisen Psychotherapie".

Bitte beachten Sie auch die zahlreichen Beiträge des Autors in unserer Zeitschrift "Gestaltkritik" (alle Texte in voller Länge online).

 

Dieses Interview, das Daniel Straub mit Dr. Stephen Schoen geführt hat, ist zu erst erschienen in "Lebensqualität. Die Zeitschrift für Kinäesthetics" (2/2008).

© Stiftung Lebensqualität, Nordring 20, CH-8854 Siebnen.

Wir danken der Schweizer Stiftung Lebensqualität ganz herzlich für die Genehmigung des Abdrucks an dieser Stelle.

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