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Stephen Schoen
Die Einheit von Innen und Außen und von Wahrnehmendem und Wahrgenommenen
Über den Blutsbruder der Gestalttherapeuten Gregory Bateson (1904 - 1980)


Aus der Gestaltkritik 2/2012:

Gestaltkritik - Die Zeitschrift mit Programm aus dem Gestalt-Institut Köln
Gestaltkritik (Internet): ISSN 1615-1712

Themenschwerpunkte:

Gestaltkritik verbindet die Ankündigung unseres aktuellen Veranstaltungs- und Weiterbildungsprogramms mit dem Abdruck von Originalbeiträgen: Texte aus unseren "Werkstätten" und denen unserer Freunde.

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Praxisadressen von Gestalttherapeuten/-innen

  Hier folgt der Abdruck eines Beitrages aus Gestaltkritik 2/2012:

Stephen Schoen
Die Einheit von Innen und Außen und von Wahrnehmendem und Wahrgenommenen
Über den Blutsbruder der Gestalttherapeuten Gregory Bateson (1904 - 1980)

Buchcover
Gregory Bateson auf einem Buchcover

In seiner Gedenkrede zu Ehren von Frieda Fromm-Reichmann sagte Gregory Bateson im Juni 1957: „Wir wissen noch nicht, welche Entwicklung sich aus der Erkenntnis der Einheit von Wahrnehmendem und Wahrgenommenem – von Subjekt und Objekt – in einem einzigen Universum ergeben und wohin diese Entwicklung uns letztlich führen wird.“

Dieser Satz passt ebenso gut zu Bateson selbst. Denn diese Einheit war sein großes Thema: angefangen von seinem Studium der Zoologie am St. John’s College in Cambridge, über seine brillante Karriere als Anthropologe, in seinen wegweisenden Arbeiten über menschliche Kommunikation – vor allem zum Thema Schizophrenie und über Kommunikation bei Walen und anderen Tieren, bis hin zu seinem späteren Wirken als Lehrer und als Philosoph. Er war der interdisziplinäre Wissenschaftler par excellence. Für ihn war Wissenschaft immer auch Kunst; er akzeptierte keine Trennung zwischen Geist und Materie, zwischen innen und außen. Für ihn gab es keine Erklärung, die nicht immer auch gleichzeitig das Wesen der Erklärung selbst offenbarte. Ja, er gebrauchte das Wort „Erklärung“ in dem Sinne, dass es die Möglichkeiten beschreibt, „wie verschiedene Daten und Fakten miteinander in Beziehung gesetzt werden können“, und dabei machte er die Subjektivität dieser Beziehungen immer transparent. Wir ver- und entschlüsseln die Welt nach Maßgabe unserer Sinnesorgane und unseres Zentralen Nervensystems. Gleichzeitig sind wir aber auch in der Welt verwurzelt: Batesons Sicht ist eine erweiternde, keineswegs solipsistische Betrachtungsweise; die charakteristische Formulierung „Kontext eines Kontextes“ macht genau das deutlich. So entwickelt er Ideen, die uns in diesen größeren Zusammenhang führen, Ideen, wie er gerne sagte, auf einem Kontinuum zwischen Phantasie und Strenge. „Strenge allein ist lähmender Tod, Phantasie allein ist Geisteskrankheit.“ Er war ein Meister der lebendigen Balance zwischen diesen beiden Polen.

Ein für Bateson typisches Beispiel ist seine Neudefinition der „Metapher“. Wir alle haben in der Schule gelernt, dass eine Metapher ein literarisches Instrument ist, um „Ungleiches gleichzusetzen.“ In seiner Art des logischen Denkens verstand Bateson den Begriff der Metapher als „syllogistische Schlussfolgerung, in der die Aussage zur Gleichsetzung führt.“ In diesem Sinne führt Jesajas Ausspruch zu folgendem Syllogismus: „Fleisch stirbt. Gras stirbt. Alles Fleisch ist Gras.“ Hier hat sich – metaphorisch gesprochen – die Metapher in ihr Gegenteil verwandelt, sich vermehrt und Früchte getragen. Plötzlich haben wir es nicht mehr mit der poetisch-literarischen Freiheit im Umgang mit Ungleichheit zu tun, sondern mit einer klar beschriebenen wirklichen Gleichheit, nämlich dem, was bei an sich ungleichen Dingen tatsächlich gleich ist. Und ebenso plötzlich reicht diese Gleichheit weit über „Gras und menschliches Fleisch“ hinaus. Wir haben es hier mit einer breit gefächerten Relationalität des Lebendigen zu tun, etwa in der Frage, wie eines dem anderen gleicht – in der bilateralen Symmetrie von Organismen. Wir beginnen zu ahnen, dass alles Leben wörtliche Metapher offenbart. Und, um zu den Dichtern zurückzukehren, denn in der Dichtkunst erreicht die lebendige Metapher ihren Höhepunkt, so beginnen wir, das Leben selbst im wörtlichen Sinne als eine Art Metapher zu verstehen und zu schätzen. Wir bekommen ein Gefühl für eine neu entstehende Wirklichkeit, so wie Molieres Monsieur Jourdain auf der entgegengesetzten Seite, als er bemerkte, dass er die ganze Zeit „Prosa gesprochen“ hatte.

Gregory hat dieses Konzept erst als älterer Mensch entwickelt. Dennoch ist es faszinierend zu sehen, wie all seine Ideen und Gedanken sich im Laufe eines fünfzigjährigen Arbeitslebens einander bedingen und ergänzen. Die Metapher, wenn sie pathologisch verstanden wird, ist eine „nicht identifizierte“ Metapher, die scheinbar verrückte Rede eines Schizophrenen, dessen missliche Lage er zwanzig Jahre zuvor in seiner Double-Bind-Theorie beschrieben hatte.[1] Bis heute sind seine Arbeiten zum Thema Psychose wohl die bekanntesten, jedoch bereute er den Erfolg dieser Arbeit, weil darin, wie wir noch sehen werden, nur eine Seite seines Ansatzes aufgegriffen wird, und das nicht selten auf unrichtige, zumindest aber missverständliche Weise.

Um es noch einmal zu sagen: die Idee ist kompakt und komplex. Die Aussage „Du bist falsch“, von einem Menschen an einen anderen gerichtet, wird in einem Atemzug mit einer zweiten Aussage gemacht: „Du sollst nicht merken, dass ich Dich falsch nenne.“ Der schizophrene Sohn umarmt spontan seine Mutter, erschrickt und versteift sich und lässt sie dann wieder los. Und dann, plötzlich, fragt sie ihn: „Liebst du mich denn gar nicht mehr? Mein Liebling, reg‘ dich nicht so schnell auf. Deine Gefühle müssen dir doch nicht peinlich sein.“ Faktisch nimmt der Double-Bind dem jungen Mann jede Möglichkeit, seine Verkehrtheit zu erkennen; die Falle, in der er steckt, hat keine klare Form, und schließlich explodiert er vor Wut und innerer Unruhe, ohne ihr das Pronomen „Ich“ hinzufügen zu können.

Doch Gregorys Interesse am Double-Bind richtete sich von Anfang an auch auf den Aspekt eines Mehr an Kreativität, denn die Psychopathologie war nur ein Aspekt, aber noch nicht das Ganze. In einem späteren Aufsatz beschreibt er einen Delphin, den man mit Hilfe von Belohnungen durch Futter darauf trainiert hatte, auf ein Pfeifsignal hin seinen Kopf aus dem Wasser zu strecken. Doch dann verkehrt sich das Ganze ins Gegenteil. Der Kopf kommt aus dem Wasser, aber es gibt keine Belohnung. Als der Delphin seine Verärgerung darüber durch einen Schlag mit der Schwanzflosse deutlich macht, greift der Trainer dieses Verhalten auf und trainiert den Delphin – auch diesmal durch wiederholte Belohnung – auf den Schlag mit der Schwanzflosse. Dann: Schlag mit der Flosse, aber keine Belohnung. Schließlich, nach einer ganzen Reihe solcher Frustrationen, lernt der Delphin, immer dann, wenn der Trainer auftaucht, ein neues Verhalten zu zeigen. Er hat gelernt, dass das Problem nur gelöst werden kann, wenn er mit der Vergangenheit bricht, sich vom Kontext einer unklaren Verkehrtheit löst und dem Unerwarteten und Unbekannten zuwendet.

Der schmale Grat zwischen Pathologie und Kreativität macht auf beiden Seiten unterschiedliche Muster deutlich, und die genaue Beschreibung von Mustern, ihrem Zusammenspiel und ihrer Kontrolle, war Gregorys Hauptanliegen. Die Idee ist keineswegs neu. Er stand damit in philosophischer Hinsicht in einer Linie mit Pythagoras, der wissenschaftlichen Tradition von Goethes Botaniklehre und Lamarcks Evolutionstheorie und – für ihn persönlich vielleicht am bedeutsamsten – in einer künstlerischen Verbindung mit William Blake. Doch ist es sein besonderes Verdienst, diese Idee modernisiert und in Norbert Wieners Kybernetik-Theorie[2] die großartige Metapher der Selbststabilisierung, der Feedback-Schleifen und der rekursiven Zirkel entdeckt zu haben.

Das zentrale Bild der kybernetischen Wissenschaft ist das eines sich selbst korrigierenden, zirkulären Systems, wie wir es z.B. bei der Dampfmaschine mit Regler vorfinden. Je mehr Kraft auf den Kolben einwirkt, desto schneller bewegt er sich, je schneller wiederum der Drehzahlmesser wird, desto größer wird der Abstand zwischen den beiden beschwerten Enden des Reglers und desto geringer wird die Kraftzufuhr. In der Biologie gibt es unendlich viele solcher homöostatischer Kontrollmechanismen: Bei der Höhenhypoxie zum Beispiel werden neuronale Rezeptoren ausgeschaltet, was zu einer Beschleunigung der Atem- und Herzfrequenz und damit zu einer Anpassung des Sauerstofftransports führt. Gregory interessierte sich für solche Kontrollmechanismen im zwischenmenschlichen Bereich: etwa wie eine abhängige Frau es schafft, ihrem Mann auf dem Tennisplatz ebenbürtig zu sein, oder wie ein zerstrittenes Paar wieder zueinander findet, wenn einer der Partner krank ist und vom anderen gepflegt wird. Solche Fragen machten Gregory auch zum Blutsbruder der Gestalttherapeuten, die ja auf das Verständnis und die Anerkennung persönlicher und autonomer Kontrollfunktionen besonderen Wert legen. Typisch für ihn war, dass er diese Kontrolle immer unter dem Aspekt des ökologischen Gleichgewichts betrachtete: Wenn die Schafe das Land überweiden, stirbt es. Die Folge ist, dass die Schafe weniger zu fressen finden, eine beträchtliche Anzahl von ihnen weiterzieht, um neues Weideland zu finden und sich das „alte“ Weideland wieder regenerieren kann. Und schließlich kann diese Interaktion – eine zirkuläre Interaktion zwischen Nachrichtensystemen, die wir Schafe und Weide oder Gras nennen – als „mentaler Prozess“ verstanden werden, denn unser eigener mentaler Prozess ist nichts anderes als eine solche zirkuläre Interaktion verschiedener Nachrichtensysteme. Soweit Batesons Konzeption. Was er aber betont ist, dass es eigentlich nicht seine Konzeption ist, sondern die Konzeption des Lebens: nämlich eine abstraktere Verständnisebene – ein größerer Kontext –, der all das, was er selbst denken kann, mit einschließt und umfasst.

„Das Wesen des genialen Menschen“, bemerkte Delacroix, „ oder vielmehr sein Wirken besteht nicht etwa in neuen Ideen, sondern in der Überzeugung, dass alles, was gesagt worden ist, noch nicht deutlich genug gesagt worden sei.“ Gregory ging es um die Aussagekraft des kybernetischen Prinzips, er wollte es in seiner ganzen Fülle und mit all seinen Implikationen zum Ausdruck bringen. Der manipulative Charakter einer angewandten Kybernetik war nicht seine Sache. Seine buddhistischen Freunde würden vielleicht sagen, dass er eine „unbefleckte“ Weltlichkeit ausstrahlte. So „litt“ er gewissermaßen unter dem Pragmatismus vieler seiner Schüler, die sich in verschiedenen amerikanischen Schulen etablierten: Jay Haley, der in den 50er Jahren über Familiensysteme geforscht hatte, oder die Mitarbeiter des Mental Research Institute in Palo Alto, die großen Wert auf die therapeutische Strategie legten und seinen radikalen Subjektivismus nicht selten als überflüssig oder nutzlos beurteilten. „Sie sind so klug! Sie glauben, dass man Double-Binds zählen kann! Aber hierbei geht es um eine Vorstellung.“ Das ist kein quantifizierbares Faktum, sondern etwas „in den Köpfen“ von Menschen und Delphinen – und im metaphorischen Sinne im Kopf jedes Lebewesens, das Auswege aus den Sackgassen der Evolution findet. Das große menschliche Problem bestand in der übermäßigen Sorge um Kontrolle: über andere Menschen, über die Umwelt – und wieder hören wir ihn im Gespräch mit Gestalttherapeuten, denen es vordringlich um die Möglichkeit der unbeschränkten Erfahrung geht und die glauben, dass nur durch Loslassen Neues entstehen kann. Was für sein Gefühl gesagt werden musste, was mehr denn je „nicht deutlich genug gesagt worden war“ betraf die Gefahr von Macht und Ausbeutung und die Kurzsichtigkeit bzw. Blindheit, mit der sie ausgeübt werden. Seine Empörung über die menschliche Tendenz zu solcher Blindheit war stark.

Seine Standhaftigkeit kannte eine eigene Art von Kontrolle: vielseitiges Denken, die Suche nach der verborgenen Verbindung, die Weigerung, Dinge zu vereinfachen, die Beschäftigung mit der Verwirrung. Vor allem aber, wie schon gesagt, das Mentale. Die Buddhisten im San Francisco Zen Center, die sich ihm sehr verbunden fühlten und ihn zuletzt in seiner Krankheit bei sich aufnahmen und pflegten, hätten ihn als jemanden sehen können, der für die Ideen der Vergänglichkeit, des Nicht-Eingreifens, des Anfänger-Geistes, des Lebens in Einheit einsteht. Doch er sagte von sich: „Ich bin kein Buddhist.“ „Gedankenformen“ waren ihm zu wichtig. Er wusste zwar, dass auch sie vergänglich sind, dennoch hätte er mit Faust sprechen können: „Verweilet doch, ihr seid so schön!“ Wenn es für ihn eine Religion gab, dann die des Geistes, und das bedeutete für ihn: Eine Fülle und Unmittelbarkeit, die der der Mystiker gleichkommt. Er hätte ohne weiteres Pascals Aussage für sich umformulieren können: „Der Geist hat seine Gründe, die der Verstand nicht kennt.“[3] In seiner Welt schlug der Geist wie ein Herz: ein noch stärker biologisch begründeter Platonismus ist kaum denkbar. Wenn er Descartes Scharfsinn hervorhob, indem er dessen „Cogito ergo sum“ zitierte, um die Existenz von Orchideen und Bienen ebenso zu erklären wie die des Menschen, dann gab er damit der Platonischen Idee eine Gestalt, wie kein anderer es je getan hat. Nur Gregory war in der Lage, Descartes und Platon zu einem spirituellen Gespann zu verbinden. Er erzählte gern von der Zeit, als sein Begleiter auf einem LSD-Trip eine Rose vor ihn stellte, um sein intellektuelles Denken zu hemmen. Er betrachtete die Rose eine Weile und sagte dann: „Wie viele Gedanken muss es erfordert haben, eine solche Blume zu machen!“

Das war durchaus keine naive Bemerkung. Er meinte es ernst (Sätze wie „Der Scherz ist das Loch, aus dem die Wahrheit pfeift“ gehörten zu seinen Lieblingssprichwörtern), aber er liebte auch den Witz in der Bedeutung solcher Aussagen. Es war ein bisschen so, als ob er beim Flippern so heftig spielte, bis der Apparat „Tilt“ anzeigte, nur dass er dann für ihn noch besser lief als vorher. Er konnte sich für spitzfindige Verdrehungen begeistern wie: „Mit Glück kann man kein Geld kaufen.“, oder drollige Gegenüberstellungen wie seine Parodie auf Wordsworth’s Gedicht:

„Oh Cuckoo! Shall I call thee bird,
Or but a wandering voice?“
(State the alternative preferred,
With reasons of your choice.)

Sich selbst ad absurdum führende Definitionen: „Was geschieht mit dem Loch, wenn der Donut verspeist ist? Es wird in einem anderen Donut wiedergeboren.“ (Die „Wiedergeburt“ bringt die elegante Schärfe seines Witzes zur Geltung.) Gregory war in den intellektuellen Kreisen von Cambridge um die Jahrhundertwende groß geworden, und Zeit seines Lebens blieb er der Englische Gentleman im Stil des 19. Jahrhunderts. Er verstand es, Humor mit Freundlichkeit und Charme zu verbinden. „Ist das für Sie in Ordnung?“, fragte er einmal eine Familie, die er interviewte, als er gerade den Kassettenrecorder anmachen wollte. „Ohne den komme ich mir so nackt vor.“ Sie lächelten, entspannten sich und hatten keine Einwände. Seine charakteristische Haltung war die des Gastgebers. Ich begegnete ihm zum ersten Mal 1955 bei einem der wöchentlichen Treffen, zu denen er einige Psychiater und andere Interessierte zu sich nach Hause einlud. Er bot Wein und Käse an, rauchte die ganze Zeit und sprach über Trance-Tänze in Bali, die abstrakte Natur der tierischen Kommunikation und die schizophrene Verwendung von Metaphern. Ich selbst war damals ein junger, rebellischer Facharztanwärter für konventionelle Psychiatrie an der Langley Porter Klinik. Ich blieb sehr lange an diesem Abend, um ihm zuzuhören; und so begann unsere Freundschaft. 23 Jahre später bot er Wein und Käse von seinem Bett in der Universitätsklinik aus an, und die Besucher verwandelten das Krankenzimmer in eine Empfangshalle. Er war dort mit dem Verdacht auf Lungenkrebs. Seine Warmherzigkeit und seine leichte, witzige Art der Konversation zeigten sich auf verdichtete Art auch in seinen Vorlesungen, und noch stärker in seinen Schriften. Man findet darin nichts von dem abgerundeten Diskurs eines William James oder der zwar aphoristischen, aber methodisch klaren Entfaltung eines Alfred North Whitehead. Gregorys Stil war straff wie ein gespannter Bogen. Er begann grundsätzlich immer mit dem, was beobachtet werden konnte: eine gekochte Krabbe, die Fragen nach der Natur von Lebensformen aufwarf, die Tatsache, dass Auswendiglernen mit zunehmender Übung leichter fällt oder die Tatsache, dass jede sinnliche Wahrnehmung eine Reaktion auf Unterschiede in der Umgebung darstellt: Der Finger erkennt den Kreidefleck auf der Tafel, nicht aber Kreide oder Tafel „per se“. Doch das Schreiben brachte auch gleich den Theoretiker in ihm zum Vorschein, sein Talent zum Abstrakten und mathematisch Formalen. Für ihn galt Russels Credo: „In der Wissenschaft ist eine Tatsache nicht nur eine bloße Tatsache, sondern immer auch ein Beispiel für etwas anderes.“ Es ging darum, die Beobachtung mit der Idee zusammenzubringen: die Krabbe mit der Idee des Musters und der des Musters von Mustern; den Lernerfolg beim Auswendiglernen mit der Vorstellung vom Lernen lernen; die Reaktion auf einen Unterschied mit dem Konzept der Bedeutung. Immer suchte er nach der größeren Struktur, dem größeren Verständniszusammenhang, und der Weg dahin war nicht einfach. Manche seiner Aufsätze wirken wie ein riesiges Labyrinth, in dem ein experimentelles Wesen – in diesem Fall ein schreibender Sozialwissenschaftler – sich durch ein Gewirr aus theoretischen Annahmen wühlt.

Allerdings mit Ergebnissen. Seine Phantasie, gepaart mit seiner Genauigkeit, führte ihn zu so markanten Formulierungen wie „Ökologie des Geistes“, „Kybernetik des Selbst“, „das verbindende Muster“ oder „Double-Bind.“ Diese Formulierungen waren so verdichtet wie eine Eiche in einer Eichel. Die Verbindung von „Geist“ und „Ökologie“ im Titel eines seiner Bücher bedurfte eines langen Kapitels in einem späteren Buch, um wirklich umfassend beschrieben und erläutert zu werden.[4] Solche Schwierigkeiten machten ihm überhaupt nichts aus. Er sprach von einer „Wissenschaft, die als geordnetes Theoriegebilde noch gar nicht existiert.“ Er suchte nach Begriffen, die sowohl öffnend, hinweisend, evokativ als auch in sich geschlossen waren, und natürlich konnte das auch zu Verwirrung führen. Ich hörte einmal einen Mann sagen: „Meine Frau beklagt sich darüber, dass ich nicht oft genug zu Hause bin. Dann klagt sie darüber, dass unser Leben nicht abwechslungsreicher ist. Ich bin in einem Double-Bind.“ Doch dieser doppelten Klage der Frau fehlt die unheilvolle Qualität des Double-Bind mit seinen beiden Arten der Bindung. Dieser Mann spricht von „zwei Bindungen derselben Art“, so wie man auch von einem doppelten Knoten spricht. Doch Gregory selbst gebrauchte es noch in einer zweiten Bedeutung. In Jungs esoterischem Büchlein Die sieben Belehrungen der Toten fand er den Begriff des „Pleroma.“ Jung bezeichnete damit „Das Nichts – das Ewige und das Unendliche.“ Gregory verlagerte den Begriff, um damit die Welt der „Kräfte und Wirkungen“ des Physikers zu bezeichnen. Er gebrauchte den Begriff zur Abgrenzung von der Welt der lebenden Dinge und traf zwischen beiden eine klare Unterscheidung. Man mag sich fragen, wie Jung über diese freimütige Veränderung der Bedeutung des Begriffs gedacht hätte.

Natürlich trugen auch seine Innerlichkeit und Aufgeschlossenheit erheblich zu solchen Unterscheidungen bei. Ich habe gesagt, dass er nichts verändern wollte, doch das bezieht sich auf seine platonische Betrachtung des Lebens als einer „umfassenden Ökologie oder Ästhetik der kosmischen Interaktion“, als „langsam sich selbst heilende Tautologie.“ Für ihn war Immoralität gleichbedeutend mit Absonderung, und er konnte mit starken Worten dagegensprechen. Der Subjektivismus schwächte keineswegs seine objektivistische Haltung noch machte er ihn unverbindlicher im Hinblick auf seine Vorstellung von einer besseren Welt. Während der 1970er Jahre ernannte Gouverneur Brown Gregory als Kuratoriumsmitglied der University of California. Pflichtbewusst nahm er an den Sitzungen teil, wandte sich dann in Wortbeiträgen und Briefen an die anderen Kuratoriumsmitglieder und protestierte gegen die Trennung von Geist und Materie in der Bildung, gegen politische Vetternwirtschaft, gegen das Wettrüsten – und das mit demselben Eifer, mit dem die Tische der Geldwechsler im Tempel zu Jerusalem umgestürzt wurden. Allerdings war er auch davon überzeugt, dass es einer hierarchischen sozialen Ordnung bedurfte, und man kann sich vorstellen, wie sehr sympathisch ihm Goethes Maxime war: „Es ist besser, dass Ungerechtigkeiten geschehen, als dass sie auf eine ungerechte Weise gehoben werden.“ Das spricht für seine empfängliche Seite.

Sich selbst bezeichnete er als „mehr Yin als Yang“, und das hielt ihn etwas abseits. Die Frauen in seinem Leben hatten mit dieser Balance zu kämpfen, denn er wollte lieben und geliebt werden, in dem er – sozusagen – gefunden wurde. Er wusste um sein Bedürfnis nach Unterstützung, sowohl was die Arbeit betraf als auch sein Privatleben. Mit seiner ersten Frau, Margaret Mead, verband ihn eine lebenslange Freundschaft. Ihre Tochter, Mary Catherine Bateson, selbst Anthropologin, war aktiv an der Weiterentwicklung seines Denkens beteiligt und wurde später Herausgeberin seiner Schriften.[5] Die letzten 20 Jahre widmete er vor allem seinem Leben mit Lois. Die Liebe zu seinen Kindern hatte immer einen hohen Stellenwert, und wenn ihn etwas tief berührte, war er prägnant, offen und intensiv. Über eine vergangene große Liebe sagte er mir einmal: „Es ist Dunkelheit. Es ist Licht.“

Im Februar 1977 machten wir einen kurzen Camping-Ausflug nach Tomales Bay, 30 Meilen nördlich von San Franzisco. Mitte siebzig, mit alten Jeans und zerrissenem Sweatshirt, mit nur noch wenigen Zähnen („So gut wie bei anderen alten Leuten. Ich habe nur keine komplette Ausstattung mehr im Mund“). Er hatte aufgehört zu rauchen; einige Jahre zuvor hatte er sich durch das Kettenrauchen ein Lungenemphysem zugezogen. Doch er wirkte kraftvoll und mit seinen 1,93 m noch sehr aufrecht. Wir fuhren zu einem Laden, in dem es uninteressante und bizarre Holzskulpturen gab. „Handwerker“, meinte er, „suchen Halt in der Komplexität. Das Kunsthandwerk frisst die Kunst auf. Man ist nicht geneigt zu sagen, das sei inspiriert.“ Und dann erzählte er die Geschichte von Picasso, der in späteren Jahren das Durcheinander des Kunsthandwerks zu zeigen versuchte, indem er zu teuren Preisen „Picasso-Imitate“ verkaufte.

Wir kauften uns frische Austern. „Wie gut der liebe Gott doch war, als er die Austern machte“, sagte er anerkennend. Ich hatte mir nie bewusst gemacht, dass frische Austern lebende Austern waren, und war ein bisschen blass geworden. Doch was er erzählte, lenkte mich ab. „Die Wahrheit“, fuhr er fort, „ist, dass der Teufel die Geschichten über Gott geschrieben hat, damit wir an IHM zweifeln, sobald es irgendeinen Grund dafür gibt, verstehst du?“ Dann drehte sich die Unterhaltung um große Persönlichkeiten der Vergangenheit. Ich fragte ihn, wen er gerne persönlich gekannt hätte, und er antwortete erwartungsgemäß: „Leonardo.“ Ein Ideal der Rennaissance, vollendet in Wahrnehmung und Imagination, mit den größten Begabungen und Fähigkeiten, gleichzeitig gebildet, kultiviert und unnahbar. „Aber in dem Sinne, dass ich ihn beobachten würde“, fügte er hinzu, „nicht als Freund.“ „Als Freund wäre er ein hervorragendes Beobachtungsobjekt gewesen.“

Er selbst war ebenso hervorragend, nur in umgekehrter Weise, nämlich aus der Distanz. Er war es müde geworden, viele Menschen um sich zu haben. Gleichzeitig war er inzwischen sehr berühmt geworden, und ironischerweise hatte er im darauffolgenden Jahr, als sein Krebs diagnostiziert wurde, mit noch mehr Menschen zu tun, und ebenso die beiden Jahre danach, als er mit seiner Familie in Esalen, Big Sur, an der kalifornischen Küste lebte. Er wollte wirklich leben, sein letztes Buch schreiben, aber ohne jeden Drang nach persönlichem Gewinn. „Es geht mir überhaupt nicht darum, meinen Willen zu bekommen“, sagte er mir. Alles in allem ging er mit Unterbrechungen durch andere auf gewohnt charmante Weise um. Um diese Zeit seines Lebens wirkte er auf mich wie ein zahmer Delphin, auf dem die Leute reiten können. Im Grunde ist das eine langweilige Angelegenheit, aber man macht es mit Anstand und zieht so viel Freude daraus, wie man kann. Tatsächlich ging es ihm nicht mehr so sehr um „sein eigenes Erleben“ in einem engen, persönlichen Sinne. Der Gentleman des 19. Jahrhunderts wurde langsam zu einem Heiligen.

Er glaubte auch an den Tod. „Reinen Tisch machen“, sagte er dazu. Doch bis zu seiner letzten und übermächtigen Krankheit blieb ihm seine Lebensfreude erhalten. Die unbeantworteten Fragen („Was würdest du von einer Maschine erwarten, um sagen zu können, dass sie bewusst arbeitet?“), die ausstehenden Herausforderungen („Die ökologischen Prozesse sollen nicht lächerlich gemacht werden.“) – Heiliger, oder nicht, den Swift‘schen Tonfall behielt er immer bei. „Man kann auch gute Leute kleinkriegen.“ Er war berühmt, aber er wusste auch, dass sein wahrer Wert kaum erkannt wurde. Er hätte mehr Respekt vor einer Welt gehabt, die sich durch ihn stärker bedroht gefühlt hätte. Und er näherte sich dem Sterben auf sokratische Weise, mit dem Gefühl, dass es an der Zeit war und dass die Zeit noch nicht reif war. Und schließlich erinnert er mich tatsächlich an Sokrates. Er ist die Stechfliege, die sich auf keinem – wie er es ausdrückte – „gebildeten Müll“ niederlässt, einer, der der Welt „eine neue Arroganz und eine neue Demut“ zeigt und die grundlegenden Fragen stellt, die in unserer intellektuellen Entwicklung neue Perspektiven, neue Kräfte und neue Freuden hervorrufen.

Als ich ihn im Mai zum letzten Mal in Esalen besuchte, hatte er starke Schmerzen und spuckte Blut. Doch nachdem er dem Tod schon vorher ein Schnippchen geschlagen hatte –dreimal wäre er fast gestorben –, war er optimistisch. „Mach dir keine Sorgen“, sagte er noch, als ich im Gehen begriffen war. „Du siehst mich wieder.“ Das war eine letzte, sokratisch beiläufige Bemerkung über das lange Leben, wenn nicht die Unsterblichkeit, die ihm in der Welt und in meinem Herzen sicher war.

 

Anmerkungen

[1] Die Zitate von Gregory Bateson in diesem Artikel stammen aus vielen persönlichen Gesprächen, die wir im Laufe der Jahre geführt haben. Die Double-Bind-Theorie, die ich hier zusammenfassend wiedergebe, basiert auf dem Artikel „Auf dem Weg zu einer Theorie der Schizophrenie“ von Gregory Bateson, Don D. Jackson, Jay Haley und John H. Weakland, erstmals veröffentlicht in Behavioral Science, Volume 1, No. 4, 1956. Das Konzept des Double-Bind war insbesondere Gregorys Werk. Der zweite Aufsatz, auf den ich mich beziehe, hat den Titel „Double Bind“ aus dem Jahre 1969. Dabei handelt es sich um einen Vortrag, den er im August 1969 gehalten hat. Beide Artikel wurden in dem Buch Steps to an Ecology of Mind, 1972, nachgedruckt.

[2] Norbert Wiener: Kybernetik. Regelung und Nachrichtenübertragung in Lebewesen und Maschine, rororo 1968

[3] A.d.Ü.: Das Originalzitat von Blaise Pascal lautet Das Herz hat seine Gründe, die der Verstand nicht kennt.

[4] Steps to an Ecology of Mind, 1972. Mind and Nature, A Necessary Unity, 1979. Dies ist Gregorys letztes, zu Lebzeiten veröffentlichtes Buch.

[5] Mary Catherine Bateson, Our Own Metaphor, 1972. A Personal Account of a Conference of the Effects of Conscious Purpose on Human Adaptation. Das Buch wurde bereits kurz nach seinem Erscheinen als kommerzieller Flop zurückgezogen. Catherine arbeitete auch an Geist und Natur mit Gregory zusammen.

 

Praxisadressen von Gestalttherapeuten/-innen

Stephen Schoen (Foto: Horst ter Haar, 2011 im GIK)
Stephen Schoen (Foto: Horst ter Haar, 2011 im GIK)

Stephen Schoen, MD, 1924, Psychiater und Gestalttherapeut in freier Praxis in San Rafael/Kalifornien. Zu seinen Lehrern gehörten Fritz Perls, Harry Stack Sullivan, Milton Erickson und Gregory Bateson, mit dem ihm eine Freundschaft verband. Er lehrt seit vielen Jahren Gestalttherapie in den USA und in (Ost-) Europa. Zahlreiche Fachartikel zur Theorie und Praxis der Gestalttherapie.

In der Edition des Gestalt-Instituts Köln sind erschienen: "Wenn Sonne Mond Zweifel hätten: Gestalttherapie als spirituelle Suche", "Greenacres: Ein Therapieroman" und "Die Nähe zum Tod macht großzügig: Ein Therapeut als Helfer im Hospiz" In Kölner Verlag EHP erschien außerdem: "Geistes Gegenwart: Philosophische und literarische Wurzeln einer weisen Psychotherapie".

Bitte beachten Sie auch die zahlreichen Beiträge des Autors in unserer Zeitschrift "Gestaltkritik" (alle Texte in voller Länge online).

Der obige Beitrag des kalifornischen Gestalttherapeuten Stephen Schoen ist als Nachruf auf Gregroy Bateson zuerst erschienen in THE GESTALT JOURNAL1981: 4 (2): 3-12. Wir danken dem Autor für die freundliche Genehmigung der deutschen Erstveröffentlichung an dieser Stelle. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Ludger Firneburg.

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