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Stephen Schoen
Der heilige Ehestand
Ein Vortrag

Aus dem Amerikanischen von Marein von der Osten-Sacken und Karola Tembrins

Aus der Gestaltkritik 2/2013:

Gestaltkritik - Die Zeitschrift mit Programm aus dem Gestalt-Institut Köln
Gestaltkritik (Internet): ISSN 1615-1712

Themenschwerpunkte:

Gestaltkritik verbindet die Ankündigung unseres aktuellen Veranstaltungs- und Weiterbildungsprogramms mit dem Abdruck von Originalbeiträgen: Texte aus unseren "Werkstätten" und denen unserer Freunde.

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Praxisadressen von Gestalttherapeuten/-innen

  Hier folgt der Abdruck eines Beitrages aus Gestaltkritik 2/2013:

Stephen Schoen
Der heilige Ehestand
Ein Vortrag

Aus dem Amerikanischen von Marein von der Osten-Sacken und Karola Tembrins

Stephen Schoen (Foto: Horst ter Haar, 2011 im GIK)
Stephen Schoen (Foto: Horst ter Haar, 2011 im GIK)

 

Dr. Stephen Schoen, amerikanischer Gestalttherapeut der ersten Stunde, ist schon seit vielen Jahren regelmäßig bei uns im »Gestalt-Institut Köln (GIK)« zu Gast. Wir freuen uns sehr, dass er auch bei der Gestaltkritik-Jahrestagung 2014 dabei sein wird, die am 12. und 13. September 2014 in unserem Institut stattfinden wird.
Gerne senden wir Ihnen weitere Infos zu unserer Tagung. Bitte einfach eine Email senden an: gik-gestalttherapie@gmx.de

Erhard Doubrawa, Herausgeber

 

Heiligkeit in der Ehe wird in diesem Essay psychologisch beschrieben als eine starke, komplexe, verpflichtende Bindung, wechselseitig respektvoll und verletzlich, deren einzigartige Tiefe für beide Personen das besondere Wort »heilig« evoziert. Es werden Beispiele angeführt, welche die Mängel und Gefahren problematischer Ehen einschließen.

Was in aller Welt ist … ?

»Vielleicht soll das ein Witz sein«, fragen Sie sich womöglich, wenn Sie den Titel dieses Essays lesen. Gewiss klingt die Wendung »heiliger Ehestand« wunderlich, fern von den Normen, Inhalten und Problemen der modernen Ehe. Was könnte ein altertümlicher religiöser Standard da erhellen, der nach Vorschriften und Rechtlichkeit klingt?

Ich möchte mit einer Person beginnen, die heute allgemein für ihre Prinzipien und ihr Handeln bewundert wird: Mutter Teresa aus Kalkutta. Ein Student sagte zu ihr, als sie vor dem Harvard College eine Rede gehalten hatte: »Ihr Werk der Liebe an den Armen ist wundervoll. Aber können wir, als ganz gewöhnliche Menschen, das gleiche machen, was Sie mit Ihrer speziellen Gabe der Heiligkeit tun?« Darauf erwiderte Mutter Teresa: »Es ist unsere Natur, heilig zu sein.«

Vielleicht ist es die besondere Gabe dieser Frau, jenseits aller kirchlichen Dogmatik von einer einzigartigen und höchsten Qualität unseres inneren Lebens zu sprechen: von unserer Fähigkeit zur Ehrfurcht vor der Welt und unserem Sinn für das Unsagbare darin, von unserer Weltverbundenheit, unserer Kraft, uns im Mit-Leiden leidenschaftlich selbst zu erfüllen. Ein anderer Student bemerkte: »Ihr Leben ist in gewissem Sinne einfacher. Beispielsweise, weil Sie nicht verheiratet sind.« Mutter Teresa antwortete: »Aber ich bin verheiratet.« Sie wies auf den Ring, der ihre Verbindung mit Christus symbolisiert. Dann, die unvermeidlichen Probleme der Partnerschaft andeutend, murmelte sie: »Und er kann manchmal sehr schwierig sein.«

Zweifellos verursachen Partnerschaften Schwierigkeiten, ob mit Christus oder mit jemand anderem: zu viele Ansprüche – zu wenig Freiheit; Nachlässigkeit, wenn man Aufmerksamkeit will – Aufmerksamkeit, wenn man seine Ruhe will; Missverständnisse, Taktlosigkeiten – und nichts davon vermeidbar. Natürlich gibt es in weltlichen Ehen die Chance der Intimität, der sexuellen Befriedigung, der Gründung einer Familie; doch um welchen Preis? Man heiratet immer auf eigenes Risiko, das ist wohlbekannt, aber sogar unter den besten Umständen bleibt die Gefahr bestehen. Ein frisch verliebtes Paar muss an seine gemeinsame Zukunft glauben, ohne über hinreichende Sicherheiten zu verfügen; die beiden Partner müssen daran glauben, dass sie in den gegenseitigen Idealisierungen und Hoffnungen nicht ihre Fähigkeit zum Umgang mit den Krisen eingebüßt haben, die ganz gewiss anstehen. Nun kommt, um das Risiko noch zu erhöhen, die heilige Perspektive hinzu, die besagt, dass wir einen Bund fürs Leben eingehen, sodass wir durch den Akt der Ehe selbstverantwortlich, sozusagen »in eigener Haftung«, einen unkündbaren Vertrag schließen.

In Wirklichkeit wird die Sache durch dieses größere Risiko aber nicht schlimmer. Im Gegenteil: Die sakrale Sicht bedeutet, dass die Ehe dann am meisten gefährdet ist, wenn man sie ohne Gespür für die höchsten Güter antritt. Wenn ein Paar kein Gefühl der zugleich unmittelbaren wie grenzenlosen Verbundenheit hat, in der Ehrfurcht, Passion und Kontakt mitschwingen, so ist es das Beste, wenn es weiter mit der Haushaltsführung herumspielt, und sein Zuhause ist dann eine Bequemlichkeit, in der die eigentlichen Seinstiefen unbehaust bleiben.

Neulich lud mich ein Freund zu einer Geburtstagsparty für Aaron ein, mit dem er seit dreißig Jahren glücklich zusammenlebt. Richard ist ein robuster Mann, ein bekannter Dichter und großer Redner. Aaron hingegen ist ein schüchterner, fast a-verbaler bildender Künstler, der sich nicht für Dichtung interessiert. Ihr gemeinsames Leben zeitigt viele gerechte Arbeitsteilungen: Der eine besorgt den Großteil der Hausarbeit und kocht, der andere kümmert sich ums Geschäft und gesellschaftliche Angelegenheiten. Aber worin, so fragte ich mich, liegt die anhaltende Tiefe zwischen ihnen? Richard gab mir eine einfache Erklärung: »Unsere Verbindung liegt völlig im Unbewussten«, sagte er.

So scheint es mit der spirituellen Vereinbarkeit zu sein; wir sprechen von etwas, das unbewusst gewährt wird. Doch dann tauchen schier unüberwindliche Probleme auf. Wie können wir über eine Beziehung sagen, wir seien vorgewarnt, wie können wir sie erneuern oder verbessern (was die erklärte Absicht der Paartherapie ist), wenn wir uns sozusagen immer in nicht zu beeinflussenden Tiefen befinden? Es ist wie mit der Empfindung von Heiligkeit selber: Man kann sie nicht willentlich herbeiführen. Keine Anordnung und keine Manipulation macht eine Kuh heilig; sie ist es oder sie ist es nicht. Und genauso ist es mit tiefen Beziehungen, das ist die unverrückbare Wahrheit, Vermittlung von Partnerschaften mit Hilfe von Computern ist per se oberflächlich, und alle Überlegungen, wie es »sein könnte« oder »sein müsste«, bleiben außen vor.

Bleibt uns trotzdem ein vernunftgeleiteter Zugang? Oder, anders ausgedrückt, in Erinnerung an Mutter Teresas Worte: Was kann das Heilige in uns erwecken?

Niemand, kein Ehepartner und kein Paartherapeut, kann eine gute Ehe bewerkstelligen. Aber man kann etwas darüber sagen, was nötig ist, damit eine gute Ehe vollzogen werden kann. Diese unfasslichen und nicht kontrollierbaren Dinge können, wenn sie schon nicht zur Vorhersage taugen, immer hinterher herausgefunden werden, und sie können selbst in lange bestehenden Ehen erfolgreich wirken, wo sie bis dahin keinen angemessenen Raum hatten. Eine Liste folgt. Nein, um nicht vermessen zu sein (denn es könnte ja sein, dass ich einen Faktor übersehen habe): Hier ist meine unvollständige Liste.

 

Wie ein heiliges Band entsteht

Zuallererst: beiderseitiges Vertrauen. Vertrauen ist die Bereitschaft, jemandem Macht über sich einzuräumen, über die eigene Kontrollmöglichkeit hinaus. Wenn wir misstrauisch sind, sitzt der andere auf dem Trockenen. Wir zwingen ihn oder sie, einen Vertrag zu unterzeichnen, oder wir halten uns in einem Abstand, der mit der Überschrift »sicher« versehen ist. Vertrauen hingegen hat einen Aspekt von Unterwerfung. Man vertraut dem anderen, dass er die Freiheit und die Unterstützung nicht dazu benutzt, einem Leid zuzufügen, dass er vielmehr gute Absichten und eigene Kompetenzen erweist:

Ein entspannter Fahrgast vertraut dem Taxifahrer, ein Patient dem Chirurgen, ein Komponist den Musikern, die sein Werk aufführen, ein schwächerer Hund dem stärkeren, dem er seine Kehle bietet. Auf diese Weisen – und in der Ehe lebenslänglich – lädt der Vertrauensvolle den anderen ein, vertrauenswürdig zu sein.

Wie entsteht Vertrauen? Es ist unvermeidlich ein Akt des Glaubens. Glaube woran? An den absoluten Wert der anderen Person für das, worum es geht; und in der Ehe ist das, worum es geht, etwas Fortdauerndes. Und so wie der Sinn für einen absoluten Wert nur in einem selbst beginnen kann, muss Vertrauen bedeuten, dass man an eine grundlegende Verbindung zwischen einem selbst und dem anderen glaubt:

Man teilt diesen absoluten Wert. Hier reichen sich das psychologische und das heilige Band die Hände.

Vertrauen in den anderen schließt ein, dass einem selbst vertraut wird; die grundlegende Verbindung verlangt diese Gegenseitigkeit. Aber persönliche Scheuklappen können bewirken, dass das Vertrauen schief und einseitig bleibt. Das alte, wohlbekannte Beispiel ist der Mann, der von seiner Frau Treue erwartet, während er sich selbst flüchtige Liebschaften erlaubt. Die Frau ist vielleicht nicht ahnungslos, spielt aber mit, indem sie darüber hinwegsieht. Oder die Einseitigkeit schleicht sich auf weniger offensichtliche Weise ein. Zum Beispiel: Ein Ingenieur in meiner Praxis, der mit Investitionen ziemlich erfolgreich ist, will, dass seine Frau ihm mehr Vertrauen entgegenbringt als er selbst zu geben bereit ist: Als Zeichen dafür müsste sie ihn ihr geerbtes Geld verwalten lassen, das sie aus der Zeit vor ihrer Ehe besitzt und in den Händen eines soliden Finanzberaters gelassen hat. Sie sorgt gut für das gemeinsame Zuhause und eine sechsjährige Tochter und teilt ihr kleines Einkommen als Künstlerin mit ihrem Mann. Sie würde, wie sie ihm sagt, ohne Zögern ihr ganzes Erbe aufwenden, um ihm zu helfen, beispielsweise im Falle einer schlimmen Krankheit. Diese Vorstellung beeindruckt ihn. Ihr zugegebenermaßen ängstlicher Wunsch aber, die Kontrolle über ihr Geld zu behalten, falls es in einer unvorhergesehenen Notlage gebraucht würde, bedeutet in seinen Augen einen traurigen Vorbehalt, eine entschiedene Weigerung, ihm zu vertrauen. »Du willst mich managen, wie immer«, sagt sie zu ihm, und das ist, denke ich, ihr sehr ernst zu nehmender Einwand. Er will nicht wahrhaben, dass in Wirklichkeit er es ist, der ihrem Vorbehalt nicht traut, dass also er (nicht nur sie) nicht vertrauenswürdig ist.

Den uneingeschränkten Wert einer anderen Person zu spüren, ist an sich schon erschreckend; hier zum Beispiel sehen wir, wie der Mann sich diesem Gefühl durch seine eigene Forderung verweigert. Aber noch beängstigender ist meiner Meinung nach die Verantwortung für die Wertschätzung des Vertrauens, das der andere einem entgegenbringt. Bedürfnisse und Wünsche sind dann nicht mehr auf die leichte Schulter zu nehmen, dürfen nicht verraten werden, und der andere wird so wie er ist (as-is) akzeptiert, – eine Wendung, die wir merkwürdigerweise meistens beim Verkauf von Gebrauchtwaren verwenden. Und in der Tat bedeutet akzeptiert zu werden, »wie man ist«, dass man bedingungslos, ohne Veränderung und ohne Korrektur als einwandfrei angenommen wird, und diese völlige Akzeptanz gewährt eine geradezu göttliche Weite. Das ist eine wunderbare Sache.

Diesen Punkt will ich etwas weiter ausführen. Jemanden akzeptieren, »wie er ist«, heißt, dass an der Person so wenig auszusetzen ist wie an einer Blumenwiese oder an einem Sonnenuntergang. Im Gegenteil: Jemandem so ursprünglich zu begegnen wie etwa ein Künstler der Natur, bedeutet, mit ihm oder ihr völlig ungeteilt in Berührung zu sein und genau auf diese Weise in der Person eine neue Eigenschaft oder Schattierung oder eine weitere Nuance zu entdecken. Nun klingt all dies nach idealem Akzeptieren, und das ist es auch tatsächlich, sodass die Weisheit des Humoristen Ashley Brilliant sticht: »Wenn ich dich so akzeptiere, wie du bist«, beobachtet er in einem prägnanten Aphorismus, »heißt das nicht unbedingt, dass ich jegliche Hoffnung aufgegeben habe, du könntest dich bessern.« Und auch wenn wir darüber lachen, bleibt doch das Faktum: Freiheit von Forderungen an den anderen bedeutet zugleich Freiheit den eigenen gewohnheitsmäßigen Erwartungen gegenüber. Und jede Freiheit von Gewohnheit ist zuallererst eine Erleichterung, also ein Geschenk. Genügend solcher Erleichterungen, und wir erschließen jene Quelle, aus der alle diese Geschenke kommen. Diese Quelle nenne ich göttlich.

Dieser Zugang zum anderen beruht aber nicht auf Desinteresse. Eine unvermeidliche Bedingung des Selbst ist immer gegenwärtig: Man muss selbst bekommen, was man von dem anderen braucht, um ihm geben zu können, was er braucht. Diese Eingrenzung des Grundbedarfs ist nun aus verschiedenen Gründen nicht immer einfach. Einem Bekannten von mir, den Selbstzweifel plagen, fällt es beispielsweise schon schwer, überhaupt an seine eigenen Bedürfnisse zu glauben, sodass er kaum darauf achten kann, ob sie erfüllt werden oder nicht. Seine Lebensgefährtin wird damit um die Freude gebracht, ihn zu erfreuen. Ein anderer Mann ist aus Angst, seine Frau zu verlieren, so darauf aus, sie zufriedenzustellen, dass er seine eigenen Bedürfnisse nicht beachtet, obwohl er inzwischen angefangen hat, mir zu erzählen, worin sie bestehen: Er will eine Frau als Partnerin und als Anima; und er will, dass sie ihm vertraut. Wie bei dem Mann, von dem ich zuvor gesprochen habe: Muss jener Mann seine Frau weiter und weiter kontrollieren? Oder könnte es sein, dass er ihr vertrauenswürdiger erscheinen würde, wenn sie ihn so akzeptierte, wie er ist und ihm ihr Geld anvertraute, sodass er die Zügel loslassen könnte, denen sie jetzt widersteht? Sein eigenes Bedürfnis, Kontrolle auszuüben, folgt aus einem viel früheren Vertrauensbruch: durch Eltern, die nicht so großzügig für ihn sorgten, wie er es sich gewünscht hätte, und die ihm Zuwendung nur gaben, wenn er tat, was sie wollten. Seine Frau sichert sich nun selbst gegen ihn, und obwohl sie loyal ist, kann sie nur wenig von der Liebe fühlen, die sie fühlen möchte. Zu entdecken, dass ihre Kontrollen überflüssig sind, wäre für beide gemeinsam ein entscheidender Schritt in Richtung auf eine neue Freiheit.

Eine Menge Arbeit in der Einzeltherapie konzentriert sich darauf, Bedürfnisse – zum Beispiel nach Sicherheit mit anderen, nach kreativem Ausdruck oder nach selbstloser Hingabe an andere – zu klären und zu unterstützen; das geschieht dadurch, dass der Therapeut seine Perspektive darauf richtet, welche Probleme der Patient – aus dessen Sicht – mit seinen Bedürfnissen gehabt hat. Diese Art zu sehen wird Empathie genannt. Sie ist keineswegs auf klinische Situationen beschränkt. In erfolgreichen intimen Beziehungen herrscht sie vor: Wenn man bekommt, was man braucht, wird man durch den anderen empathisch akzeptiert und geschätzt. – Das weist auf den zweiten Punkt in meiner Liste.

 

Gegenseitige Empathie

Empathie ist – wie Vertrauen – möglich, wenn ein ursprüngliches Band zwischen Menschen vorhanden ist, ein Band, das das »Sehen von der anderen Seite aus« ermöglicht. Obwohl die Empathie aus diesem Band hervorgeht, hängt sie von unserem inneren Sinn für Veränderlichkeit ab: Wie anders könnte mein Naturell oder meine Verfassung sein, verglichen mit dem, was ich jetzt bin; wie anders – und doch auch fassbar und annehmbar – ist also eigentlich auch der andere für mich. Projektionen, die den anderen eigentlich nur aus dem eigenen Blickwinkel sehen, können selbst Empathie hervorrufen, wenn sie positiv sind. Jemand ist zum Beispiel leidenschaftlich attackiert, hingebungsvoll mit Leib und Leben, ganz und gar besessen vom Entwurf eines geliebten Wesens, das er anbetet und feiert. Aber die Empathie bleibt innerhalb des Blickwinkels der Projektion und endet oft jäh – mit deren Ende. »Was habe ich je an ihm, an ihr gefunden?« sagen wir dann.

Mit einer Empathie aber, die von Projektionen frei ist, überdauert das, was wir in ihm, in ihr sehen. Mehr noch, das Bild wächst, wird bedeutsamer, weil der andere, wie wir selbst, sich verändert und neue Aspekte sich entwickeln, die wahrgenommen und beantwortet sein wollen – die innige Freude einer Frau mit ihrem ersten Kind, die Einsamkeit eines alten Mannes, der seine Frau nach vierzig gemeinsamen Jahren verloren hat. In der Psychotherapie ist Empathie die beste Frucht der Arbeit. »Es fällt meinem Mann entsetzlich schwer, Kritik anzunehmen«, sagt eine Frau mit bislang ungeübter Nachsichtigkeit. So verstanden, wird auch er zusehends entspannter. »Unter ihrer äußeren harten Schale kann sie sehr weich sein«, erzählt mir ein Mann über seine Lebensgefährtin. Und beide fühlen sich miteinander verbunden. Je mehr Empathie vorhanden ist, desto wirksamer ist zugleich die Kandare gegen die alten Projektionen, die jederzeit wieder wach werden können. Ein Mann erzählte mir über seine Frau: »Sie sagte, ›Fahr doch nicht so dicht auf!‹ Ich dachte: ›Genau wie meine Mutter!‹, aber ich fühlte: ›Ich will sie nicht ängstigen, und unsere Sicherheit ist tatsächlich gefährdet.‹ Ich fuhr langsamer. Wir redeten dann über irgend etwas anderes weiter.«

Empathie, die wir erfahren, respektiert unmittelbar unsere Bedürfnisse und Grenzen. Dann ist es einfacher, »Nein« zu sagen: zu einem Verhalten, das ich nicht mag, zu Nähe, wenn ich allein sein möchte, zu Sex, wenn es der falsche Zeitpunkt für mich ist. Ich muss mich nicht verteidigen. Er oder sie kann ohne Angriff und ohne Vorwurf begreifen, was ich meine. Und dann wiederum bin ich – im Vertrauen – selbst freizügiger mit den positiven Dingen, die ich im Sinn habe.

Auf diese Weise gewinnt die Beziehung an Tiefe.

Aber was sind das für Dinge, die womöglich damit gemeint sein könnten? Wir sind bei meinem dritten Punkt angelangt.

 

Stephen Schoen (Foto: Horst ter Haar, 2011 im GIK)
Stephen Schoen (Foto: Horst ter Haar, 2011 im GIK)

Psychischer Polymorphismus

»Polymorphismus« hört sich an wie ein heidnischer Fremdkörper in meinen Kategorien heiliger Verbundenheit. In dem Wort klingt für uns Freuds Beschreibung der kindlichen Sexualität als »polymorph pervers« an, oder die griechische Antike mit ihren polymorphen Göttern, die sich in sterbliche Menschen, Schwäne und Stiere verwandeln. Ich bitte um Nachsicht, wenn ich hier etwas ebenso Wechselhaftes, mitunter ebenso Verspieltes, jedoch viel weniger Kapriziöses meine, etwas, das genug Anmut besitzt, um in einem Kirchenfenster dargestellt zu werden.

Am Anfang stehen die Liebenden. Aus den Tiefen des Verlangens steigt ein Bild auf, die Vorstellung von einem Wesen, das der Liebe Flügel verleiht, und er oder sie sucht nach jenem anderen Wesen, in dem dieses Gefühl des Fliegens erfahrbar wird. Dieses Bild rettet Psyche, als ihre eifersüchtigen Schwestern sie von der Klippe stoßen, und in der Nacht, in ihrem Zauberschloss, als ihr Geliebter, den sie nicht sehen kann, zu ihr kommt. Es rettet auch den Ritter aus König Artus’ Tafelrunde, der sich auf seiner Suche gegen Drachen zu behaupten hat. Alle ersten Liebesschwüre entspringen diesem Bild, und es ist der rote Faden aller traditionellen Eheversprechen. Eine viel schwierigere Aufgabe folgt.

Psyche verliert ihren Traum und muss darauf ihre sterblichen Beine benutzen, um ihn gegen vielerlei Widrigkeiten wiederzuerlangen. Der Ritter muss dem geflügelten Bild treu bleiben, auch wenn es ihm in der Maske einer alten, hässlichen Hexe erscheint. Alle Ehen kämpfen mit dem Verlust des geliebten Gesichts und müssen daran glauben und es wieder zu entdecken versuchen. Die Tiefe der Beziehung hängt davon ab; ohne es reißt der Faden. Partner, die einander ihr Unglück über ihre Verluste anvertrauen können, gehen noch nicht annähernd weit genug. Die Intimität, der sie bedürfen, entsteht, wenn zwei Personen auch ihr Glück miteinander teilen wollen und ihr Glück im Glück des anderen finden. Sexuelle Erfüllung folgt diesem Beispiel – oder ist sein Vorbild: Beginnend mit befriedigtem Verlangen, wird das Verlangen des Partners befriedigt, und die Befriedigung des Partners mündet in der Befriedigung des eigenen Verlangens.

Solche mit dem andern geteilten Gemeinsamkeiten erzählen von persönlichen Freuden. Es gibt darüber hinaus aber noch ein weiteres psychisches Band, das eine andere Form hat: Gemeinschaftlichkeit. Ich meine gemeinsame Unternehmungen, Pläne und Schwierigkeiten, die über die Partner hinausgehen, in der Versorgung der Familie, in der Sorge um die Weltlage, in den grundlegenden Werten etwa eines Lebensweges oder einer Lebensansicht. Auch in diesem weiteren Sinne kann jeder die Individualität des anderen in den Wechselfällen des Lebens unterstützen, in denen Hoffnungen, Pläne und Vorbedacht sich mit Enttäuschungen und unvorhersehbaren Zufällen vermischen. Liebe, die durch Intimität gewiss wird, vertieft die Empfindung von Freundschaft und wird zu jener menschlicheren Liebe, von der Rilke in den »Briefen an einen jungen Dichter« sagt, dass in ihr »zwei Einsamkeiten einander schützen, grenzen und grüßen«. Und ohne die Freundschaft bliebe die Liebe selbst begrenzt, eine besondere Oase, keine lebendige Gegenwart in der ganzen je eigenen Welt.

All diese Gleichheiten sind jedoch nur eine Seite der Beziehung. Sie entwickelt sich auch durch komplementäre Ergänzungen: Dabei ist – wenn es nötig ist – jeder der Partner zeitweise Vater oder Mutter für den anderen. Sicher ist es dafür eine gute Übung, wenn man seinen Kindern wirklich Mutter oder Vater ist, aber die Fähigkeit, väterlich oder mütterlich zu sein, ist auch ohne dies vorhanden. Und es ist tatsächlich so, dass das gelegentliche Bedürfnis eines Partners sich auf universelle Eltern, auf androgyne Elternschaft richtet, und das kann natürlich sowohl der Mann als auch die Frau sein. Das Bedürfnis wächst dann stürmisch und heftig. Zu einer Zeit verlangt die Frau, dass der Mann ihr in einer schwierigen Karriereentscheidung als liebender, erwachsener Freund beisteht. Zu einer anderen Zeit – das kann der nächste Augenblick sein – wünscht das kleine Mädchen in ihr sich ihn als mütterlichen Tröster, der ihr eine Leckerei aus der Küche holt. Dann wieder will sie die elterliche Unterstützung, in der er ihre Probleme anhört und ihr ganz viel Mut macht, ohne sie wie ein kleines Kind zu behandeln. Der Mann seinerseits möchte, dass die Frau als Partnerin an seinen Erfolgen und Sorgen Anteil nimmt. Aber wenn er im Morast schwerer Verluste oder Irrtümer untergeht, braucht der kleine Junge in ihm ihren mütterlichen Schutz vor weiterem Stress, und vielleicht auch ihre väterliche Kompetenz, sodass sie etwa Angelegenheiten regelt, die normalerweise zu seinen Aufgaben gehören, während er wieder Mut und Kraft sammeln kann.

Es ist wahr: Die gleichwertige, erwachsene Beziehung verleiht der Beziehung als solcher ihren weitesten Ausdruck und ihre tiefsten Wurzeln zugleich. Die Komplementaritäten hingegen unterminieren die Beziehung, solange sie nicht eingeordnet sind. Dann allerdings stellen sie reiche Verästelungen und Nahrung für die Hauptwurzeln dar.

Aber diese breite Palette von Bedürfnissen kann an den Gefährten, die Gefährtin nur herangetragen werden, wenn der Mann und die Frau sich beide frei genug fühlen, so bedürftig zu sein. In ausgeglichenen Partnerschaften vermehrt diese Freiheit im Gegenzug die eigene Freude am Antworten auf das Bedürfnis des anderen. Sogar wenn sich beide gleichzeitig wie bedürftige Kinder fühlen, ist normalerweise einer von beiden in der Lage, etwas elterliche Stärke, empfängliche Sorge oder hilfreiche Orientierung aufzubringen, was tatsächlich dem anderen wiederum ein Exempel erfolgreicher Selbstversorgung bietet. »Zusammen glückliche Kinder« zu sein, gehört unbedingt zum Repertoire der Liebenden. Und wenn sie zu anderen Zeiten wie zwei geschlagene Hunde im Bett liegen und leiden müssen, so ist auch das eine große Tröstung und letztlich sogar irgendwie vergnüglich.

Wenn sie zu einer Erklärung genötigt werden, sagen Leute aus guten Ehen zumeist vage: »Ich glaube, wir haben einfach die richtigen Dinge gemeinsam.« Die »Dinge«, würde ich hinzufügen, sind die ganze bunte Vielfalt psychischer Formen.

Aber so viel Eingehen auf Bedürfnisse erfordert einen unerschütterlichen Sinn für die Beziehung, als ob das gemeinsame Leben inmitten der vielfältigen Wünsche nach Unabhängigkeit einen Zielflug-Instinkt besitzt und diesen am Feuer der Liebe immerfort neu entbrennen lässt, sodass man sich stets selbst wieder heimleuchten kann. Dieser Instinkt sitzt scheinbar ganz tief in uns und führt mich zu dem letzten Punkt auf meiner Liste.

 

Gegenseitige Verpflichtung

»Verpflichtung« ist ein zweischneidiges Wort. Es kann einen großen Verlust bedeuten: den offensichtlichen Verlust von Freiheiten des einzelnen in der Ehe. Es kann einen großen Gewinn bedeuten: in der Ehe den Gewinn einer erweiterten Verbindung zur Welt. Aber diese Erweiterung schließt unvermeidlich eine Abhängigkeit ein, und Abhängigkeit klingt auch nach Verlust, es sei denn, es handelt sich um eine Abhängigkeit von jemandem, der an das Recht auf Privatsphäre und an die Notwendigkeit gelegentlicher Unabhängigkeit glaubt. Das Wechselspiel zwischen Vertrauen und Empathie ist hier offensichtlich – und auch noch etwas anderes: Diese Anerkennung von jemandem zu erfahren, der einen mag, bedeutet, sich geliebt zu fühlen. Diese Anerkennung jemandem zu geben, den man selbst gern hat, heißt lieben. Ich denke an Goethes Aphorismus aus den »Wahlverwandtschaften« (Maximen und Reflexionen): »Freiwillige Abhängigkeit ist der schönste Zustand, und wie wäre der möglich ohne Liebe.«

Verpflichtung ist ein auf Dauer angelegtes Gefühl, eines, das nie selbstverständlich wird und sich im Streben nach seinen Bedürfnissen beständig selbst erneuert. Solche Wachheit passt natürlich zu einem Garten, den man pflegt, zu einem Buch, das man schreibt, oder zu einem Kind, das man aufzieht. Aber in der Ehe muss die Verpflichtung beiderseitig sein. Einer meiner Freunde war einst mit einer sehr hübschen, warmen, flexiblen, berufstätigen Frau verheiratet, die er mochte und die ihn liebte. Aber sie wollte Kinder, er nicht. Und er wollte Affären haben. Sie konnte das nicht ertragen. Sie trennten sich. Er heiratete sechs Jahre später eine schwierigere Frau, selbstbezogen, prestigebewusst und zänkisch. Aber diesmal war es ihm viel ernster als beim ersten Mal. Er liebt sie und ist loyal; sie schätzt ihn. Sie haben zwei Kinder, die seine ganze Freude sind.

Das wirkliche Bedürfnis eines anderen zurückzuweisen, macht die Verpflichtung zunichte. Und für den anderen bedeutet Zurückweisung durch jemanden, dem man vertraut und den man zu lieben begonnen hat – ob nun mit klarem Kopf oder nicht –, jene schreckliche Lücke zu erfahren, die durch die Abwesenheit der Verpflichtung entsteht. Die – oft nicht ausgesprochene – simple Wahrheit über das Leiden vieler Frauen, die von ihren Psychotherapeuten verführt wurden, ist, dass sie nicht am Beginn eines unprofessionellen Verhaltens leiden, sondern dass dessen Ende oder auch irgendwelche auferlegten Beschränkungen Schmerzen verursachen. »Er meinte das nicht ernst, was er getan hat. Er hat die Beziehung nicht mit dem Herzen gemeint.« Das ist die Ungeheuerlichkeit.

Allerdings gewährleistet Beständigkeit einer Beziehung an sich noch nicht Verpflichtung, sie kann sie sogar zerstören. Ein Psychiater, den ich kenne, gibt davon ein beredtes und trauriges Zeugnis. Seine Frau war eifersüchtig auf eine junge Patientin geworden, die sie oft sah, da die Praxis bei ihnen im Haus war. Ihre Eifersucht wuchs, nachdem er die Patientin einige Male in ihrer Wohnung aufgesucht hatte, als sie krank war. Die Patientin machte sich wirklich sehr viel aus ihm, und zu jener Zeit gab es keinen anderen Mann in ihrem Leben. Obwohl er in seiner Arbeit ein gutes Gewissen hatte, fing er bei der fortdauernden Eifersucht zu Hause während zweier Jahre doch mehr und mehr an, sie als »die andere Frau« in seinem persönlichen Leben zu sehen, wegen der seine Frau verzweifelt und in Tränen war. »Es ist eigenartig«, sagte er später zu mir, »ich habe der Patientin genau so schlecht gedient, als wenn ich sie wirklich verführt hätte. Ohne ihr Wissen behandelte ich sie wie eine Affäre von mir. Es kam mir damals nicht in den Sinn, mit irgend jemandem darüber zu sprechen, mir einen Rat zu holen, meine Praxis aus meinem Haus hinaus zu verlegen, um meine Verpflichtung ihr gegenüber einzuhalten. Eines Tages sagte ich, ohne Vorwarnung und jede weitere Erklärung verweigernd, dass unsere Arbeit mit sofortiger Wirkung beendet sei. Sie war bestürzt, verwirrt, verletzt und natürlich sehr zornig. Sechs Monate später – mein Gewissen beruhigte sich nicht, ich konnte die Sache nicht ruhen lassen – fand ich durch den Mann, der mich ihr zuerst empfohlen hatte, heraus, wie es ihr ergangen war. Sie hatte sich zwei neue Therapeuten zugelegt, falls wieder einer sie verraten würde. Ihr ging es ganz gut. Aber mir nicht. Meine Aktion half meiner Ehe für ein paar Monate. Meine Frau war dankbar, und ich spürte mein Ressentiment nicht. Bisweilen kam allerdings ein Gefühl großer Entfernung über mich. Wir hatten andere Probleme, aber dieses eine, schwere, ließ mich nicht los. Ich war nicht mehr wirklich bei meiner Frau.« Heute, fünfundzwanzig Jahre später, längst mit einer anderen Frau verheiratet und glücklich, erinnert er sich immer noch voll Reue an sein Verhalten.

Dieser Vorfall scheint das Scheitern einer Ehe geradezu zu begründen. Und doch sind Voraussagen nicht möglich. Um das auszuführen, was ich bereits gesagt habe: Es gibt nicht die Ehe, die ohne Konflikt, frei von Schmerz, frei von verletzender Selbstsucht oder frei von schweifenden Blicken nach anderen ist (wenn sie nicht unterdrückt werden). In jedem Alter kann die Leidenschaft seltsame Spiele mit dem hingebungsvollen Herzen spielen. Und die sichersten Beziehungen können unter dem Unkraut von Sticheleien und Klagen oder den gequälten Blicken des »Ich sage ja nichts, aber …« verwildern und verkommen. Und doch glaube ich daran, dass die Haltung einer idealen Verpflichtung – nennen wir es eine ideale Treue – durchaus möglich ist, und dass sie die wirkliche Treue nähren kann, die die Blüte der Liebe erhält. Umgekehrt allerdings können die Menschen sich zu dieser Treue nur verpflichten, wenn sie ihrer inneren Notwendigkeit verpflichtet sind, wenn sie den Wert solcher Konzentration schätzen können, und wenn sie die Verpflichtung ohne Selbstbetrug wirklich bejahen.

Wieder werden wir auf das innere Leben jedes der beiden Partner verwiesen. Sicher gründen Vertrauen, Empathie, Freiheit der Selbstakzeptanz und ein Bedürfnis, sich selbst unter eine Pflicht zu stellen – alle diese Faktoren von Tiefe in Beziehungen –, in den Tiefen der Person selbst; wie das Sprichwort sagt: »Nächstenliebe beginnt immer zu Hause.«

 

Harmonie der inneren und äußeren Ehe

Eine Beziehung kann also nur so tief, so heilig im hier angesprochenen Sinne sein wie die Verbindung zu einem selbst. Die Empfindung für den anderen kann allerdings ein gutes Maß für die eigene Selbstempfindung sein – am deutlichsten vielleicht in der Empfindung für einen Fremden. Was denke ich von ihm, von ihr, die sich da gerade um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern, auf der anderen Straßenseite, in einem Aufzug oder auf dem freien Platz neben mir im Flugzeug? Unterstelle ich gute Absicht? Bedrohung? Möglicherweise Anforderungen? Ärger? Bewertung? Interessante Verwicklungen? Etwa eine Zuflucht? Diese Gedanken sagen natürlich etwas über meine tatsächlichen vergangenen Erfahrungen mit anderen, aber sehr viel genauer sind sie ein innerer Spiegel: Einstellungen, die ich mir selbst gegenüber habe, werde ich in der Folge auch im anderen wiederfinden, der mein Vertrauter wird.

Und um eine großzügige und vertrauensvolle Intimität in jener Tiefe des Heiligen zu entwickeln, begegne ich mir in einer Reihe weiterer Fragen. Wie sehr traue ich dem Reich meiner Stimmungen? Wie weit akzeptiere ich die Logik und Unlogik von Bedürfnissen, einschließlich jener Ängste und Hemmungen, von denen ich gern frei sein möchte? Wie weit nehme ich mich an als zärtlich und abenteuerlich, eigenwillig und launisch, vertrauensvoll und überraschend, erwachsen und kindlich, Mann und Frau, als Quelle von Kräften, bekannten, erahnten und unbekannten? Wie treu bin ich meinen Zielen in Versuchungen und Enttäuschungen? Wie gut kann ich einschätzen, worin die Treue mir selbst gegenüber wirklich besteht? In der Ehe ist oft die Treulosigkeit sich selbst gegenüber das größere Verbrechen als die Untreue dem Partner gegenüber. Und da wir durchsichtiger sind als wir gerne wahrhaben wollen, ist es zumeist das, was der gekränkte Partner in den Nachwirkungen erlittener Untreue beklagt. »Er sagt, dass er wirklich mich will. Aber ich glaube ihm nicht.« Oder, mit Hoffnung: »Ich denke, ich kann ihm glauben.« Oder, in einer zusätzlichen, inneren Frage: »Aber will ich ihn noch?«

Was das Maskuline und das Feminine in uns betrifft, so denke ich an den Gegensatz der Ausdrucksweisen, den Karen Blixen den zwischen »machen« und »sein« nannte: männliches Tun, um etwas zu erreichen, weibliche Empfänglichkeit dem Leben gegenüber, wie es ist. So weit gefasst, schließt diese Unterscheidung natürlich die Kräfte eines jeden von uns ein, unsere grundlegende Androgynität – sie wird heute angenommen, um verschiedene Formen der Partnerschaft zu leben. Nicht nur in den Eltern-Kind-Komplementaritäten, die ich beschrieben habe, sondern auch in homoerotischen Bindungen, die die Tiefe und Tragweite traditioneller Ehen haben können. Die Gesundheit dieser Bindungen erwächst, um es noch einmal zu sagen, aus der Tiefe der inneren Bedürfnisse der Partner. Wie auch immer gegenseitige Liebe sich ausdrückt, sie hat ein einziges Verlangen: dass man von der Person angebetet wird, die man anbetet (aber um Himmels willen nicht von einer anderen). So bedeutet auch gegenseitige Verpflichtung, dass man Hingabe als Geschenk, als eine Segnung aus dem innersten Wesen der Person erfährt, der man sich selbst ebenso hingegeben hat. All diese subtilen Dinge erwachsen umgekehrt erst aus einer hohen Selbstachtung, sodass der Mann und die Frau ihren eigenen Wert durch den hohen Wert des anderen nicht geschmälert empfinden und keiner von beiden für sein Selbstwertgefühl der Distanzierung oder einer überlegenen Position bedarf. Probleme mit dem Selbstwertgefühl Zersetzen immer die innere Freiheit, obwohl sie hinterlistig sind und in überaus praktischen Verkleidungen auftreten. In vielen problematischen, aber stabilen Ehen konkurriert zum Beispiel das Gefühl: »Ich habe etwas Besseres verdient!« mit dem Gefühl: »Keiner würde es besser mit mir aushalten – oder zumindest ebenso.« Und das letzte Wort ist das stärkere.

In einer guten Ehe ist es, als ob ein Rätsel gelöst worden wäre. Aber nicht auf rationale Weise. Man fühlt es, die Lösung selbst ist wieder ein Rätsel. Bedürfnisse aus der Vergangenheit und aus den eigenen Tiefen, jene Bedürfnisse, die ich als wechselseitiges Vertrauen, Empathie, Anerkennung und Verpflichtung beschrieben habe, werden alle befriedigt: Das weiß man ganz genau, aber man weiß nicht zu sagen, wie. Denn es liegt nicht einfach an dem, was der Partner tut. Es liegt daran, dass er oder sie dieser eine, diese eine ist. Und doch bleibt etwas im Wesen des Partners auch unfassbar, ein Geheimnis, ganz anders als das Geheimnis, das man selbst ist, auch wenn beide Geheimnisse einander antworten – Rauchzeichen zwischen zwei großen Rätseln. – Nur schlechte Ehen kann man erklären. Ihre Übelstände sind offensichtlich und klar.

Aber eine gute Ehe ergibt sich nicht aus Gelegenheit oder Glück, genauso wenig wie Zugvögel zufällig zu ihren Brutplätzen zurückkehren. Ein Gefühl innerer Bedürftigkeit ist der Wegweiser; und die Anerkennung dieses Bedürfnisses ist bereits eine innere Ehe, die zu der äußeren führt, deren Angemessenheit für die Partner aus der Empfindung herrührt, dass beide Ehen in Harmonie miteinander sind. Es gibt Schwüre der inneren Ehe, die in der Tat die Prototypen für die äußere Ehe darstellen. Man muss die Schwüre erst mit sich selbst ausmachen, bevor sie auch mit einem Partner halten können. Ich habe sie bereits an anderer Stelle (Wenn Sonne und Mond Zweifel hätten) formuliert und wiederhole sie hier: »Ich nehme dich – mein Gefährte, meine Welt, mein Schicksal – als meinen angetrauten Ehegatten, […] mich zu erfreuen und zu verärgern, mich zu verstehen und misszuverstehen, mich sein zu lassen und mich zu behelligen und mich zu unterschätzen, fordernd und unvernünftig zu sein, selbstbezogen und selbstherrlich, unnachgiebig und rechthaberisch und stolz. Ich nehme dich in allem an, dich zu achten und zu ehren, solange ich lebe.«

Die inneren Schwüre sind der Initiationsritus für die äußere Ehe und bereiten uns darauf vor, die Ehe zu heiligen. Umgekehrt dient die gute äußere Ehe dazu, die innere Ehe zu befruchten: Das Paar gibt und empfängt innerlich um so mehr, je mehr jeder in der Beziehung gibt und nimmt. Durch dieses Zusammenspiel entwickelt sich eine lange bestehende Ehe zu einer Art Organismus, dessen Teile die Individuen sind, welche ihrerseits in ihrem je eigenen Leben das Ganze spiegeln. Manchmal sehen glücklich verheiratete Paare einander im Alter ähnlich.

Kann es unter dieser Perspektive des Heiligen so etwas wie »eine gute Scheidung« geben? Ja, das ergibt sich unmittelbar: Wenn die äußere Ehe, die auf gegenseitigen Schwüren beruht und nicht einseitig zum Erfolg gebracht werden kann, nicht mit der inneren Ehe übereinstimmt. Nun kann ein einseitiges Ultimatum sicher Früchte tragen; wir ändern uns oft nur, wenn das Leben uns mit einem »Wenn nicht …« konfrontiert. Beispielsweise sagte bei einem jungen Paar, das ich kenne, der Mann im ersten Jahr der Ehe zu seiner Frau: »Wenn du diese täglichen Kämpfchen über Kleinigkeiten nicht aufgeben willst, dann lass uns nicht weitermachen. Ich kann so nicht leben. Aber keine Angst. Ich werde, was das Geld betrifft, in jedem Fall fair mit dir sein.« Die Frau dachte: »Ich liebe ihn, trotz alledem. Das hier ist lächerlich.« Sie sagte nichts. Aber im Laufe der nächsten Wochen hörten die Streitereien fast ganz auf, und sie beschlossen gemeinsam, sich einen jungen Hund zu kaufen.

Hätte sie statt dessen erwidert: »Ich lass mir von niemandem etwas befehlen!« und wäre dabei geblieben, so wären die Fahnen der Empathie und Verpflichtung untergegangen, und die Ehe wäre wahrscheinlich zu Ende gewesen.

Andererseits halten viele schlechte Ehen, wie ich gesagt habe, aus Angst vor etwas Schlimmerem, oder die Spontaneität wird dem Wohl der Familie, der Karriere oder anderen Zweckdienlichkeiten geopfert. Auch ist nicht jede Scheidung bei beiden Partnern wohlbedacht, ebenso wie nicht alle Ehen mit inneren Eheschließungen beginnen. Aber bestenfalls erhält man eine wichtige Lehre über das, was man braucht und nicht bekommt, und was der Partner braucht, das man ihm nicht geben konnte. Psychologisch ist die Ehe dann nicht vollzogen worden; die zwei sind, wenn überhaupt, besser miteinander dran, wenn sie eine gewisse Distanz einhalten; und Scheidung führt dann zu dem, was die katholische Kirche eine Annullierung nennt.

Solche Entwicklungen sind schmerzlich, das Ende eines Traums, die Trauer um einen Verlust, Mahnungen daran, dass das Leben mit all seinen Schwierigkeiten und Stärken unausweichlich unsicher ist. Gewiss vergehen unsere Tage in endlosem Wechsel und schnell.

So entfliehn des Lebens schönste Stunden
Fliehn vorüber wie im Tanz,

heißt es in Joachim Heinrich Campes Gedicht »Abendempfindung«, das Mozart vertont hat. Der große chinesische Dichter des 8. Jahrhunderts, Tu Fu, zeichnet ein dunkleres und dramatischeres Bild: »Das Leben wirbelt vorüber wie trunkene Feuersbrunst.« Kann eine Beziehung durch die Absolutheit ihrer selbstgewählten Verpflichtung diesen Wirbel aufhalten? Kann sie in den Gelöbnissen der Partner eine Tiefe finden, in der nichts Vorübergehendes ist? Schauen wir in das Gesicht von Mutter Teresa, so können wir spüren, dass sie eine solche Ehe eingegangen ist Wir alle können dies auch, aus dem Wissen um unsere Bedürftigkeit und aus der Hingabe unserer Herzen.

 

Praxisadressen von Gestalttherapeuten/-innen

Stephen Schoen (Foto: Horst ter Haar, 2011 im GIK)
Stephen Schoen (Foto: Horst ter Haar, 2011 im GIK)

Stephen Schoen, MD, 1924, Psychiater und Gestalttherapeut in freier Praxis in San Rafael/Kalifornien. Zu seinen Lehrern gehörten Fritz Perls, Harry Stack Sullivan, Milton Erickson und Gregory Bateson, mit dem ihm eine Freundschaft verband. Er lehrt seit vielen Jahren Gestalttherapie in den USA und in (Ost-) Europa. Zahlreiche Fachartikel zur Theorie und Praxis der Gestalttherapie.

In der Edition des Gestalt-Instituts Köln sind erschienen: "Wenn Sonne Mond Zweifel hätten: Gestalttherapie als spirituelle Suche", "Greenacres: Ein Therapieroman" und "Die Nähe zum Tod macht großzügig: Ein Therapeut als Helfer im Hospiz" In Kölner Verlag EHP erschien außerdem: "Geistes Gegenwart: Philosophische und literarische Wurzeln einer weisen Psychotherapie".

Bitte beachten Sie auch die zahlreichen Beiträge des Autors in unserer Zeitschrift "Gestaltkritik" (alle Texte in voller Länge online).

Der obige Beitrag wurde veröffentlicht in: "Wenn Sonne Mond Zweifel hätten: Gestalttherapie als spirituelle Suche". Dieses Buch, das wir Ihnen hiermit besonders ans Herz legen möchten, ist in unserer Edition des Gestalt-Instituts Köln (GIK) im Peter Hammer Verlag erschienen.

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