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Stephen Schoen
Ein Blick auf die Gestalttherapie
Ein Diskussionsabend mit Trainees


Aus der Gestaltkritik 2/2009:

Gestaltkritik - Die Zeitschrift mit Programm aus dem Gestalt-Institut Köln
Gestaltkritik (Internet): ISSN 1615-1712

Themenschwerpunkte:

Gestaltkritik verbindet die Ankündigung unseres aktuellen Veranstaltungs- und Weiterbildungsprogramms mit dem Abdruck von Originalbeiträgen: Texte aus unseren "Werkstätten" und denen unserer Freunde.

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Praxisadressen von Gestalttherapeuten/-innen

  Hier folgt der Abdruck eines Beitrages aus Gestaltkritik 2/2009:

Stephen Schoen
Ein Blick auf die Gestalttherapie
Ein Diskussionsabend mit Trainees

Foto: Stephen SchoenStephen Schoen (Foto: © Daniel Straub, 2008)

Nachdem ich bereits 8 Jahre als Therapeut praktiziert hatte - in meinem eigenen existentialistischen Stil - wurde ich im Laufe der vergangenen fünf Jahre Gestalttherapeut, weil ich mich (im Rahmen meiner Voraussetzungen und der mir gegebenen Talente) zum bestmöglichen Therapeuten weiterentwickeln wollte - und zwar überhaupt nicht mit der Absicht ein "Gestalttherapeut" zu werden (man beachte die Anführungszeichen). Gestalttherapie kann - genauso wie irgend etwas anderes - ein Introjekt sein, eine Technik, die ich wie einen Fremdkörper zwar aufnehme, aber nicht assimiliere. Die schwierigste Lektion, die es in der Gestaltausbildung zu lernen gilt, ist das Vermeiden von Imitation, von den Techniken, die einfach auf der Basis von Lehrsätzen gelehrt werden können. Gestalttherapie hat zwei Ebenen, wobei die eine der anderen übergeordnet ist. Diese Ebene, die Metaebene, die Ebene der inneren Haltung sagt: "Sei Du selbst. Ehre, was in Dir ist und in anderen - ohne Abstriche." Die andere, die oberflächliche, technische Ebene bietet die Methoden und Kniffe sowie den Sprachstil, die Fritz Perls, ein therapeutisches Genie, entwickelte und die andere Therapeuten modifiziert haben, um das Gewahrsein der persönlichen Wahrheit zu steigern. Das Problem dabei ist, dass die Techniken an sich so machtvoll sind wie Spielzeugfeuerwerk, das echte Explosionen auslösen kann, und ebenso faszinierend sind wie die durch Spielzeugfeuerwerke ausgelösten Explosionen. Man lässt sich leicht durch sie verführen und kann so den inneren, den "wahren Weg" verfehlen, der in der Gestalttherapie nicht einfacher, nicht weniger steinig ist als der für den Pilger in John Bunyans Pilgerreise. Hört sich das schwer an? Vielleicht, aber so wie ich es sehe, wird etwas sehr Nüchternes und Diszipliniertes hineingetragen in die Wärme und Helligkeit, und auch in die Ausbrüche von Drama und Enthüllung, für die die Gestalttherapie bekannt ist.

Ich betrachte Therapie als Lernerfahrung. In der Gestalttherapie lernt man, was ihren Regeln zugrunde liegt: die Gegenwärtigkeit und Personalität des Gewahrseins, das Leben als spannend zu begreifen, Verantwortung für sich selbst und vor allem Freiheit und Flexibilität sich selbst gegenüber. Offensichtlich liegen eine Menge Annahmen in dieser Betrachtungsweise der menschlichen Natur - ich möchte aus ihnen drei Arbeitsprinzipen ableiten. Erstens: Etwas anderes ist möglich und geschieht auch. Zweitens: Die Menschen sind nicht aufrichtig zu sich selbst, werden unbeweglich, können dem Druck, unter den sie sich selbst setzen, nicht mehr entkommen. Drittens: Würden sie einen Weg sehen, um zu lernen, einen Weg, sich wirklich von diesem Druck zu befreien, so würden sie diesen Weg bevorzugen. Die von mir praktizierte Gestalttherapie ermöglicht es, den Weg zur Freiheit zu lehren, indem die Person dabei begleitet wird, ihre ursprüngliche Vielseitigkeit wieder zu erlangen.

Wie geht denn nun "Lernen" in der Therapie vor sich? Wahres Lernen imitiert nicht, und doch wohnen den Gestaltmethoden starke konditionierende Kräfte inne, fähig, mächtige externe Verhaltensmuster in uns zu errichten. Haben diese Methoden nicht die Tendenz, eine Person auf eine bestimmte Art und Weise zu modellieren, zum Beispiel, sie zu einer dramatisierenden oder lernbegierigen Person zu formen? Als ein Therapeut, dessen Ziel die Wiedererlangung der Persönlichkeit ist, vertrete ich den folgenden Standpunkt: Erlernt wird eine zunehmende Leichtigkeit und Flexibilität, indem man etwas wirklich Neues lernt, indem man lernt, sich zu öffnen. Es mögen dramatisierende Züge auftauchen, lernbegierige, und Gott weiß, was noch alles; aber vor allem zielt die Gestaltausbildung darauf ab, für das Unerwartete bereit zu sein. In der Gestalttherapie sind wir wie Delphine, denen man beibringt, etwas gänzlich Unerwartetes zu tun, denn der erfolgreiche Trainer ist wie ein guter Therapeut: Der Delphin/der Klient wird in seinen alten Gewohnheiten sowohl unterstützt als auch frustriert. Der Trainer geht dabei folgendermaßen vor: Zuerst bringt er dem Delphin eine bestimmte Bewegung bei, sagen wir, eine seitliche Drehung, indem er ihn bei jeder korrekten Ausführung mit einem Fisch belohnt. Nach mehreren Trainingseinheiten hat der Delphin, klug wie er ist, das gewünschte Verhalten erlernt. In der nächsten Dressurphase bekommt er keinen Fisch, wenn er die seitliche Drehung ausführt. Er wiederholt die Bewegung, wieder kein Fisch; er wiederholt sie erneut, wieder kein Fisch. Er wirkt frustriert und verärgert, schwimmt ziellos im Becken umher und nach einer Weile führt er ganz zufällig - vielleicht eine Vorwärtsdrehung aus, die nun mit einem Fisch belohnt wird. Dieses neue Verhalten wird nun auf die gleiche Weise wie zuvor trainiert. Wenn es sicher erlernt ist, wird auch dieses Verhalten plötzlich nicht mehr belohnt. Neue Enttäuschung, neuer Ärger, wieder zielloses Herumschwimmen, eine zufällige Rückwärtsdrehung - und eine Belohnung! So geht das immer weiter durch das Verstärken von "zufälligen" Lerninhalten. Bis hierhin erscheint dies als Verhaltensverstärkung, als konditioniertes Verhalten, bis der Delphin eines Tages etwas zusammenfügt. Und dann, während der nächsten Trainingseinheit, führt er urplötzlich hintereinander fünfzehn neue und verschiedene Drehungen aus, von denen drei bei dieser Spezies noch nie zuvor beobachtet worden sind! Der Delphin hat ein neues Konzept gelernt, das sich drehen, und hat damit eine andere Ebene erreicht.

Der große Unterschied liegt beim Menschen allerdings darin, dass der Therapeut sozusagen auch ein Delphin ist! Und als solcher kann er, jenseits seiner Autorität gegenüber seinem Klienten, ein Rollenmodell lehren: er selbst lebt ein eigenverantwortliches Leben vor. Auf diese Weise bietet er dem Klienten einen neuen Rahmen für seine gesamte Erfahrung. Und das Gestaltmodell vermittelt verschiedene Werte: nicht nur innere Freiheit, sondern auch die Wärme der Freiheit, nicht nur Furchtlosigkeit, sondern auch die Standhaftigkeit couragiert zu leben.

Ich bin ein philosophischer Therapeut. Ich "rede über Ideen" mit meinen Klienten, so wie ich es im Moment mit euch tue. Entgegen der üblichen ablehnenden Haltung der Gestalttherapeuten "über etwas zu reden", möchte ich jetzt eine Lanze brechen für den therapeutischen Wert von Ideen, von Literatur sowie von sorgsam gewählten Worten. Wir erschaffen unsere Existenz auf der Basis unserer Überzeugungen, wir ändern unser Leben, wenn sich unsere Überzeugungen ändern. Auch die Gestalttherapie selbst erreicht die Menschen sowohl über ihre Ideen und Konzepte als auch über ihre Betonung gegenwärtigen Erfahrens. Und in der Therapie werden Freude, Ärger, Trauer in einem Kontext ideenbeladenen Verhaltens erfahren - in Gestaltgruppen beispielsweise im Kontext liebevoller Zustimmung, Trauer oder Freude frei zu fühlen oder auszudrücken. Diese Idee mag explizit nicht verbalisiert worden sein, aber implizit ist sie es: Nehmen wir zum Beispiel Fritz Perls eloquent formulierten Satz, mit dem er die Klienten zum Selbstgewahrsein ermutigen wollte: Beschreibe Deine Tätigkeiten an einem ganz normalen Tag und leite dabei jeden Satz mit den Worten ein: "Dies ist meine Existenz."

Fritz war sowohl ein Meister der Sprache als auch des nonverbalen Ausdrucks; auch Grunzen, Heulen, Giggeln haben ihren ganz besonderen Wert, wie er demonstrierte. Aber anzunehmen, wie es heute einige Körpertherapeuten zu tun scheinen, dass "Wörter nicht ausdrücken können, was ich fühle", bedeutet meiner Ansicht nach, auf eine bedeutende Ressource zu verzichten, auf der jede Kultur gründet. Verbalisierung als echter Selbstausdruck beginnt für uns Menschen bereits im Alter von 2 Jahren und übernimmt dann im späteren Leben die führende Rolle über nonverbale und nicht-symbolische stimmliche Äußerungen.

Zurzeit bringen manche Therapeuten die Gestalttherapie mit bestimmten östlichen Einheitsphilosophien in Verbindung, und ihre therapeutischen Ziele bestehen in der Überwindung der dualistischen Gedankenwelt, der Unterscheidung zwischen Subjekt und Objekt. Nun, es ist allgemein anerkannt, dass die Gestaltpsychologie aus dem europäischen Existentialismus heraus entstand, der postuliert, das mein "Selbst" verschieden von Deinem "Selbst" ist, dass es ein "Selbst" und ein "Anderes" gibt. Wie kann ich Dich "in Deiner Einzigartigkeit" schätzen, wenn es diese Unterscheidung zwischen Subjekt und Objekt gar nicht wirklich gibt?

Zur Analyse dieser Kernfrage lasst uns zu grundlegenden Konzepten zurück­gehen:

Im europäischen Denken geht die Subjekt-Objekt-Spaltung auf die cartesianische Unterscheidung zurück zwischen "primären Qualitäten" (wie Ausdehnung und Dauer, die sich außerhalb der Person befinden, also externe Eigenschaften) und "sekundären Qualitäten" (wie Empfindungsvermögen, das einer Person innewohnt). In Freuds Denken findet sich diese Dichotomie im Begriff der Objekte

"besetzenden" Libido, d.?h. die "interne" Energie einer Person konzentriert sich auf "externe" Dinge oder Menschen, um auf diese Weise Verbindung herzustellen. Vorausgesetzt wird eine intrinsische Entfremdung zwischen innerem Selbst und äußerem Anderem.

Die andere Ansicht, die eines Seinskontinuums in der ganzen Welt, ist nicht nur östlicher Herkunft. Sie charakterisiert das mystische Gedankengut weltweit: von Platos "transzendenter Wirklichkeit" über Blakes Aphorismus "Ein Gedanke vermag die Unermesslichkeit zu füllen" bis hin zu Tolstois Überzeugung (als ein 80-jähriger im Sterben liegender Mann) "Gott ist das unendliche Ganze, und ich bin mir dessen bewusst, ein endliches Teil davon zu sein." Bei dieser Ansicht ist die Entfremdung vom Ganzen immer noch möglich. In Platos Höhle sehe ich andere nur als Schatten. Im Exil von Tolstois christlichem Paradies leide ich an dem Mangel von Gottes Gnade. Doch um überhaupt zu existieren, erfordert die Ganzheit menschliche Beziehungen. Wie Martin Buber sagt: "Ich kann Dich und tatsächlich die ganze Welt als mein persönliches Du ansehen." Und kraft unserer voneinander abhängigen dualen Existenzen werde ich in meiner eigenen Existenz bestätigt.

So wie ich es verstehe, impliziert die Überwindung des Dualismus nicht die Gleichheit aller Dinge. Unterschiede existieren, aber sie sind miteinander verbunden, so wie ein Halsband die verschiedenen Glieder miteinander verbindet - oder sollen wir von Perlen sprechen? Ja! Die Perlen sind alle voneinander getrennt, stehen aber durch den durchgängigen Faden zueinander in Beziehung. Das Thema der Existentialisten ist es, wie jede einzelne Perle ihre eigene Verantwortung auf sich nehmen muss. Der Osten hingegen ist daran interessiert, wie die Perlen aneinandergereiht sind - durch den Faden aufeinander bezogen, definiert über den Faden, vom Faden mit einer bestimmten Energie versorgt. "Jedes Wesen, das durch das Abenteuer des Lebens gegangen ist, bin ich selbst." Diese Aussage der französischen Romanschriftstellerin Marguerite Yourcenar bezieht sich auf diesen Faden, die vereinigende Energie, die Wahrheit der Gemeinsamkeit, der gemeinsamen, wenn auch unterschiedlichen Erfahrung eines wirklichen Geschehens. Aber es gilt auch: Ohne die reale Trennung zwischen einer Person und einer anderen, ohne Distanzierung, besteht keine Möglichkeit zur Beziehung, zur persönlichen Differenzierung, zur Reifung, zum Sich-Einlassen.

Im Prozess des Erfahrens anderer Menschen muss man unterscheiden zwischen klarer Wahrnehmung und Projektion. Es gibt etwas, das uns vor einem wahllosen Projizieren schützt, nämlich das "Überprüfen" unserer Aussagen. Ich habe selbst mit ziemlich psychotischen Menschen die Erfahrung gemacht, dass man dann klar fokussiert, wenn man sie in einer Weise "liest", die für sie stimmig ist. Ein Beispiel: Du hörst vielleicht einen zusammenhanglosen, verworrenen, atemlosen Bericht. Sage dem Klienten: "Du wirkst sehr aufgeregt", und sehr wahrscheinlich spürt er, dass er Dir eine wesentliche Botschaft vermittelt hat. Was Klienten im Allgemeinen von Dir wollen ist, dass Du besser mit ihnen kommunizierst, als sie zurzeit mit sich selbst kommunizieren. Und das wirklich Außergewöhnliche daran - das tägliche Wunder der Kommunikation - ist: Wenn Du das tust, erkennen sie es. Es ist, als ob Du ihnen einen klaren Spiegel vorgehalten hast und sie fühlen sich besser - sowohl wegen der Klarheit als auch wegen des Kontakts. Wenn Du nur projizierst, passiert das nicht. Denn in einer Folie-à-deux-Situation projizierst Du, und Dein Gegenüber, das verzweifelt versucht, Dir zu gefallen, wird eine Sichtweise von sich selbst akzeptieren, die nicht zu ihm passt. Aber wenn derjenige Dir unbedingt gefallen will, wird er so ängstlich und unzufrieden wirken, dass Du für das, was vor sich geht, viele alarmierende Anzeichen finden kannst.

Frage: Du sagst, Du sprichst gerne mit Klienten über Ideen. Für mich steht Gestalttherapie für das Beachten von Gefühlen, während ich Ideen mit traditioneller Psychoanalyse assoziiere. Wie vereinbart sich Dein Stil mit den Gefühlen der Klienten? Welche Wichtigkeit misst Du ihnen bei?

Dr. Schoen: Ich freue mich über Deine Frage. Ich wollte ohnehin darauf zurückkommen. Zuallererst: ich lege zu hundert Prozent Wert auf das Arbeiten mit Gefühlen. Dort findet doch in der Therapie der Austausch statt! Aber ich glaube, man gerät in gefährliches Fahrwasser, wenn man annimmt, dass es tatsächlich irgendeine Trennung gibt zwischen unseren Gefühlen und dem, was wir über uns denken. Diese beiden Aspekte sind wie zwei Ebenen der vierdimensionalen Figur, die wir alle sind; und dann sind Ideen nur ein anderer Zugang zu den Gefühlen einer Person.

Ein Beispiel: Bei einer von mir geleiteten Gruppensitzung sagt eine junge Frau zu einem Mann: "Du hast mich angelogen." Er antwortet: "Du hast mich dazu gebracht, dich anzulügen. Bei all den Dingen, die damals zwischen uns passierten, blieb mir einfach nichts anderes übrig, als Dich anzulügen." Nun, genau diese Art Aussagen veranlasst mich im Allgemeinen, mit einer Idee zu intervenieren. Ich spreche also mit ihm darüber, was er damit meint, wenn er sagt, die junge Frau "habe ihn dazu gebracht". Er hätte unter Stress gestanden und habe sich von ihr angegriffen gefühlt. Er fühlte sich von "außen" provoziert. Und dann habe er gelogen. Dies führt uns direkt zu einem wesentlichen Punkt in der Gestalttherapie: Verantwortung. Was immer wir tun oder fühlen - ob wir lügen oder die Wahrheit sagen, ob wir einen Kopfstand machen, rückwärts gehen, ängstlich werden oder was auch immer - wir sind immer die Urheber dessen. In diesem Sinne "musste" er damals lügen. Aber er log, nicht sie, und seine Lüge gibt Anlass zu interessanten Fragen wie etwa darüber, für welches Verhalten er sich entscheidet und welche Alternativen er hat.

Wie ihr seht, ist dies die Art von Ideen-Gesprächen, die ich gerne mit meinen Klienten führe, insbesondere, wenn sie einen intellektuellen Hintergrund haben und an Ideen interessiert sind, wie es dieser junge Mann war. Aber ganz allgemein gesagt würde ich behaupten, dass alle Interventionen von Gestalttherapeuten Ideen sind. Wenn ich etwa einem Klienten, der befürchtet, dass Nähe ihn seiner Unabhängigkeit beraubt, vorschlage: "Gehe zu jeder Person in diesem Raum. Berühre sie oder ihn und gehe zur nächsten. Sage dabei jeweils éIch kann Dir nahe sein und ich kann mich nach Belieben von Dir entfernen'", dann biete ich ihm eine neue Idee, um in diesem Kontext Erfahrungen mit sich selbst zu machen.

Ein weiterer Punkt zu "Erfahren" als Wert. Ein anderer Klient, der sich seiner sklavischen Bindung an eine junge Frau bewusst war und des heftigen Ärgers, den er ihr gegenüber als seiner Gefängniswärterin empfand, seufzte: "Ich fürchte, ich muss noch durch eine Menge Ärger mit ihr hindurch. Zwar spüre ich ihn im Moment nicht, aber ich wünschte, das stünde mir nicht bevor." In Wirklichkeit allerdings schätzte er das Karma "Sklavische-Abhängigkeit-führt-zum-Ärger", und ich sagte es ihm. Dann fragte ich ihn, wenn er doch wünschte, unversklavt zu sein, weshalb er dann davon ausginge, dass der Ärger "immerfort" andauern müsse. Wieder ein Gespräch über Ideen, wie ihr seht. "Das gefällt mir", antwortete er - plötzlich fröhlich - ganz so, als wäre das Wetter viel besser als erwartet. Tatsächlich müssen wir nicht jede Spielart des Leidens durchleben, um Buddhas Botschaft zu verstehen: "Der Ursprung des Leidens ist das Wünschen." Als wären wir Delphine, die nach mehreren - überraschenderweise nicht belohnten - Rückwärtsdrehungen lernen könnten, dass eine Rückwärtsdrehung und eine Vorwärtsdrehung und eine Seitenrolle allesamt nicht die ersehnte Belohnung in Form eines Fisches von Gott bringen würden.

Ich sehe das Gewahrsein von restriktiven Verhaltensmustern wie Dias, die wir "aus dem Diaprojektor heraus" nehmen können - ist das nicht eine gute Metapher? -, ohne dass wir jedes Gefühl auf dem Dia auch durchleben müssen. Solange uns das Dia gefällt, behalten wir es "in unserem Projektor". Und oft ist das tatsächlich länger, als wir zugeben mögen.

Frage: Wie wendest Du dich Deinen Klienten zu?

Dr. Schoen: Gott weiß, für eine erfolgreiche oder zumindest interessante Arbeit ist die "Zu-wendung" wesentlich für mich. Nun, zunächst einmal, obschon ich nun schon die ganze Zeit mit euch über "Klienten" gesprochen habe, sehe ich sie nicht als Klienten an, sondern eher als Personen, die ich gerne kennen lernen möchte. Zu Beginn meines Psychiatriestudiums war ich sehr von Harry Stack Sullivan beeinflusst. Ich erinnere mich an einen Vortrag von ihm, in dessen Verlauf er ein Diagramm zu den integrativen Beziehungen zwischen Klient und Therapeut beim ersten Treffen zeichnete. Er zog Linien zwischen den "Selbst-Systemen" beider Personen, damit meine ich die relativ angstfreien Bereiche von beiden, die einen sicheren Kontakt gewährleisteten. Meine eigene, hausgemachte Version von seinem Diagramm ist folgende: All die Wege, auf denen ich mit der Person zurechtkomme, sind Wege, die mich dahin bringen, zu fühlen: "Ja. Ich verstehe. Sehr interessant. Ja, wirklich merkwürdig." Oder: "Das ist schwer. Ja, das tut sehr weh." Oder: "Ich verstehe; das ist wirklich eine unangenehme Sache." Wenn ich mich hingegen frage: "Wie war das? Könntest Du das bitte wiederholen? Ich kann Dir nicht folgen" und so weiter, dann richtet sich meine Aufmerksamkeit auf etwas, das sich verworren anfühlt, auf etwas, das auf merkwürdige Weise belastend ist für mich. Und dann liegt es an mir, mir darüber klar zu werden, was ich möchte, und deutlich zu erkennen, was mich an dem beunruhigt, was ihn beunruhigt. Das Spiel ist aus, wenn ich die Wichtigkeit dessen nicht überzeugend vermitteln kann. Das ist nun die Stelle, an der tolle Gestaltmethoden gefährlich sind. Der Therapeut riskiert, den Klienten zu verunsichern. Beispielsweise nützt es wenig, ihm zu sagen "Achte auf Deine linke Hand", wenn der Klient sich über seinen rechten Fuß beschwert - es sei denn, der Therapeut kann dem Klienten seine Interpretation der Verbindung zwischen beidem deutlich machen.

Für mich bedeutet, sich dem Klienten "zuwenden", auf seine Lebendigkeit zu antworten, das Empfinden, in etwas Wachsendem aufgefangen zu sein, der Funke wahren Gebens und Nehmens, so wie bei einem guten Freund oder einer geliebten Person. Und das passiert nur dann, wenn ich es will und wenn mein Gegenüber es will.

Es gibt Menschen, die anscheinend nicht an Lebendigkeit interessiert sind; mit ihnen kann ich nicht arbeiten. Ich kann euch meine diesbezügliche Grenze ganz klar beschreiben, ich habe lange darüber nachgedacht. Ich kann nicht mit Menschen arbeiten, die sich selbst besser kontrollieren wollen! Davon gibt es zwar nur recht wenige. Und nicht viele, die mich anrufen; irgendein Gott sortiert sie vorher aus. Ich habe ihnen nichts anzubieten, denn ich bin an niemandem interessiert, dem daran liegt, sich selbst besser zu kontrollieren. Mich interessieren Menschen, die sich selbst weniger kontrollieren möchten. Ich glaube, wir gehen gut mit uns um, wenn wir uns keine Beschränkungen auferlegen. Aber diese Menschen - in der psychiatrischen Klassifizierung: der obsessiv-kompulsive Typ - wollen sich selbst kontrollieren. Sie möchten sich richtig verhalten, "klar" sein, "alles ordentlich hinbekommen". Über Wochen und Monate habe ich mich abgerackert, mit nur wenig oder gar keinem Erfolg, bei dem Versuch, ihre Last zu verringern. In letzter Zeit bin ich klüger geworden und seitdem bitte ich sie, frühzeitig aus dem Spiel auszusteigen. Die andere Gruppe von Menschen, mit denen ich nicht arbeite, sind diejenigen, die andere besser kontrollieren wollen. Davon gibt es viele. Sie möchten erobern, sexuell - oder sagen wir, territorial (sie betrachten andere tatsächlich als Territorium). Sie möchten die anderen zu ihren Füßen liegen sehen. Im psychiatrischen Sprachgebrauch gehören sie zum "psychopathischen" Typ. Und ich kann mit ihnen nicht arbeiten, weil ich ihnen weder zu ihrem Ziel verhelfen möchte noch möchte, dass sie es bei mir erreichen!

Eine typische Frage, die sowohl die sich selbst kontrollierenden Personen als auch die eroberungsorientierten mir stellen, ist: "Kannst Du mir eine Übung zeigen, damit ich besser mit diesem Spannungsgefühl fertig werde?" - mit Kopfschmerzen oder was auch immer. Und an der Art und Weise, wie sie fragen, höre ich nicht den Wunsch heraus, sich selbst freier ausdrücken zu können. Die Absicht "mit etwas fertig zu werden" ist ihr Ziel. Gut, es gab eine Zeit, da tat ich tatsächlich mein Möglichstes, um ihnen zu helfen. Ich sagte etwa: "Vielleicht kenne ich eine Übung. Du kannst Dich auf den Boden legen und tief atmen. Du kannst in die Spannung hineinatmen. Oder Du kannst die Spannung sprechen lassen. Oder ..." - ihr wisst schon, das ganze vielfältige Repertoire der Gestalttherapie und der Bioenergetik. Heute frage ich sie, weshalb sie diese Übung machen wollen. Dann werden sie ärgerlich und bald sagen sie, dass sie andere Leute besser manipulieren möchten oder verhindern wollen, von bestimmten Gefühlen übermannt zu werden. Ich entgegne ihnen dann, dass ich nicht glaube, ihnen viel anzubieten zu können. Dann sind sie verletzt, sie fühlen sich getäuscht. Sie wollten einen "Gestalttherapeuten" und das sei ich ja schließlich. Und dann gehen sie fort - Gott sei Dank! Ich glaube, bei ihnen vermisse ich besonders die Fähigkeit, über sich selbst zu lachen. Sinn für Humor schätze ich sehr, die Bereitschaft, in der Welt auf spielerische Weise zurechtzukommen.

Frage: Arbeitest Du auch mit Körpertechniken?

Dr. Schoen: Ich gebe Dir ein Beispiel. Ein Klient, mit dem ich seit einigen Monaten gearbeitet hatte, kam eines Tages herein und klagte über Knoten in seinem Magen und ich wollte etwas tun, damit es ihm besser ginge. Nun, zu einem großen Teil stützt sich meine Arbeit auf Gespräche, aber der Körper hat seine eigene Sprache, die ich durchaus ernst nehme. Also bat ich ihn, sich auf dem Boden auf den Rücken zu legen, so frei wie möglich zu atmen - damit meine ich die tiefe Bauchatmung, der Gürtel ist dabei gelockert und um die Mitte herum ist keine Spannung. Plötzlich war ihm nach Weinen zumute und statt auf seinen Bauch konzentrierte ich mich nun auf seine Augen. Die Tränen stiegen ihm in die Augen, wollten aber nicht wirklich fließen. Dann hatte er das Bedürfnis, mir etwas zu sagen: Er fühlte, dass er in der vergangenen Woche einen schrecklichen Fehler begangen hatte. Dieser Mann war jahrelang stark alkoholabhängig gewesen, er hatte Jobs verloren, Beziehungen waren gescheitert und er hatte teure Krankenhausaufenthalte hinter sich. Nachdem er einige Zeit nicht mehr getrunken hatte, war er in der letzten Woche rückfällig geworden - das war sein schrecklicher Fehler. Jetzt war es vorbei, aber er fühlte sich sehr verunsichert. Ich saß neben ihm auf dem Boden und fragte ihn: "Kannst Du dir nicht erlauben, einen Fehler zu machen?" Diese Frage erwies sich als emotional sehr belastet. Tausend Gedanken stürmten auf ihn ein, darüber, dass er als Kind nie einen Fehler machen durfte; seine Eltern waren perfektionistisch und er hat dieses Konzept in sein Erwachsenenleben mit hineingenommen. Die Vorstellung, "sich diese Erlaubnis zu geben", warf ihn fast um. Aber er wollte es. Und plötzlich weinte er wirklich, Tränen der Erleichterung - glückliche Tränen. Dann konzentrierte ich mich wieder auf seinen Bauch und schlug ihm vor, in die Knoten zu atmen. Und er nickte und weinte und tat es. Die Knoten begannen sich aufzulösen. Und siehe da, wir bekamen das Beste aus beiden Ebenen, der Ideenebene und der Körperebene: Eine tiefsitzende Überzeugung wurde auf ihre Gültigkeit überprüft, was zu einer ungeheuren emotionalen Befreiung führte, und die Magenknoten, die zwar mit dieser Überzeugung einhergingen, aber ursprünglich der einzige Grund seiner Klage waren, lösten sich.

Im Übrigen arbeite ich in letzter Zeit viel mit dem Konzept sich selbst etwas zu erlauben. Die Menschen scheinen immer mindestens eine Sache mit sich herumzutragen, die nicht in Ordnung ist. Ich bin zu 99 Prozent mit mir zufrieden, aber dann ist da dieses 1 Prozent! "Ich sollte nicht vor meinen Problemen davonlaufen", zum Beispiel. Weshalb solltest Du nicht vor Deinen Problemen davonlaufen? Ich kann mir nichts Besseres vorstellen, als davon zu laufen. Vielleicht kommst Du gestärkt zurück und kannst wirklich etwas klären.

Frage: Du experimentierst also damit, Deine Klienten dazu anzuhalten, das zu tun, was sie sich selbst üblicherweise verbieten.

Dr. Schoen: So könnte man sagen.

Frage: Kann das nicht gefährlich werden für Klienten, die, sagen wir, eine Borderline-Störung haben und dann durch neue Gefühle so aufgewühlt werden, dass sie "über Bord" gehen?

Dr. Schoen: Menschen mit einer Borderline-Störung erlauben sich nicht, gesund zu sein! Denn Menschen, die verrückt sein wollen, vermuten, dass Gesundheit ein schrecklicher Preis sei, den es zu bezahlen gilt; sie glauben, dass es sich nur in der Verrücktheit sinnvoll und angenehm leben lässt. Da ich glaube, dass Gesundheit fantastisch ist, voll von Abenteuern und Belohnungen, fördere ich sie.

Frage: Was meinst du mit "Gesundheit"?

Dr. Schoen: Mir gefällt Sullivans Satz: "Was übereinstimmend als gültig anerkannt wird." Wenn ich eine Stimme höre, solltest Du auch in der Lage sein, sie zu hören - es sei denn, Du wärest taub - und dann können wir darin übereinstimmen. Gesundheit ist allerdings auf keinen Fall einfach nur die konventionelle Wirklichkeit, bei der man die Ohren gegen das Neue verschließt und neue Bewertungen verhindert.

Frage: Hast Du manchmal auch Klienten, die sich weigern, mit Gestalttechniken zu arbeiten?

Dr. Schoen: Ja. Und ich bestehe dann auch nicht darauf. Diese Techniken erfordern einen gewissen Mut zur Selbstinszenierung. Ist euch schon mal aufgefallen, wie viele Gestalttherapeuten gerne theatralisch sind? - die hier Anwesenden eingeschlossen.

Beispielsweise weigerte sich eine meiner Klientinnen strikt, ihren Vater - eine ihr Furcht einflößende Autorität - auf den "leeren Stuhl" zu setzen. In Ordnung. Aber eines Tages hatte sie ein sehr aufwühlendes Erlebnis mit mir. Sie ist eine ausgebildete Violinistin und auf meine Bitte hin erklärte sie sich einverstanden, eine Sonate für Violine und Klavier mit mir zu spielen. Wir wollten gerade anfangen, da begann sie zu frösteln! Sie sagte: "Es ist erstaunlich, aber ich erlebe Dich anders als sonst, Du bist gerade wie mein Vater und ich kann nicht eine Note spielen." Wir ließen die Instrumente Instrumente sein und ich ermutigte sie, mir zu sagen, welche meiner Eigenschaften, die sie an ihren Vater erinnerten, sie nicht wollte. Zum Beispiel: "Ich möchte nicht, dass Du mich respektlos behandelst" und so weiter. Und nun war sie bereit, mit Gestalttechniken zu arbeiten, und sie fühlte sich gut dabei. Seht ihr? Hier fügte sich die Gestalttechnik völlig zwanglos in das reale Geschehen ein, ohne irgendwelche Verzerrungen der Wirklichkeit.

Frage: Ich finde es interessant, dass Du mit ihr musiziert hast. Arbeitest Du oft mit Musik?

Dr. Schoen: Manchmal spiele ich für jemanden, wenn er oder sie mich an ein bestimmtes Stück erinnert: Schuhmanns Portraits in Karneval bieten sich dafür an. Aber eigentlich nutze ich Musik in der Therapie als persönliches Ausdrucksmittel. Denn was wirklich zählt, ist all das, womit Du Dich als Therapeut ausdrückst. Deine Antworten - nicht Klavier, Kunst, Theater oder irgendeine andere Ausdrucksweise - stellen das wahre Therapieinstrument dar. Aus diesem Grund liegt der Schwerpunkt unserer Ausbildung zu Beginn auf der Freiheit, eigene Antworten zu finden.

Frage: Mit welchem Anliegen kommen heutzutage die meisten Personen zu Dir? Gibt es etwas Charakteristisches, das sie ausmacht? Wir befinden uns anscheinend in einer seltsamen Zeit. Es gibt keine Studentenproteste mehr. Es herrscht offenbar eine riesige Flaute. Genauer gefragt, wie sind die jungen Leute, die zu Dir kommen? Gibt es da ein gemeinsames Thema?

Andere Frage (mit Gelächter): Ja, ABC-Probleme. Was sind die Top Five?

Dr. Schoen: Das ist eine interessante Frage. Nun, wenn ich auf die achtzehn Jahre zurückschaue, die ich als Therapeut praktiziere, kann ich sagen, dass viele Leute aus den gleichen Gründen zu mir kommen, aus denen sie "schon immer" gekommen sind. Sie sind sehr unzufrieden oder "völlig durchgedreht". So kam vor drei Monaten ein Mann zu mir und sagte: "Ich verstehe das nicht! Ich habe allen erzählt, dass ich meinen Urlaub in London verbringen werde. Ich freute mich darauf. Ich fuhr zum Flughafen von San Francisco - aber ich stieg nicht in das Flugzeug ein! Ich weiß nicht, warum ich nicht einstieg. Und da bin ich dermaßen durchgedreht, dass ich Sie angerufen habe!" Okay, ich weiß nicht, ob dieses Beispiel zu den Top Five gehört. Sicherlich hätte dies auch vor achtzehn Jahren passieren können.

Aber ich glaube, ich kann etwas sagen über ein "charakteristisches" Problem der heutigen Jugend im Vergleich zu den Klienten, sagen wir, vor 25 Jahren, zu denen ich selbst gehörte.

Damals bestand häufig eine Angst vor impulsivem Leben, die Hand in Hand ging mit einem Festhalten an äußeren sozioökonomischen Strukturen, wie Karriere oder Ehe. Als Kinder der Unterdrückung erlaubten wir uns nicht, aus uns herauszugehen. Obschon viele der jungen Leute, die zu mir kommen, zwar genauso verwirrt sind, wie wir es damals waren, finden sie es relativ einfach, aus dem Bauch heraus zu leben. Aufgewachsen in einer Zeit mit einem permissiven Erziehungsstil, fällt es ihnen leicht, "sich in verschiedenen Sphären zu bewegen". Doch in der heutigen Zeit - ohne soziale Proteste und Unruhen - gibt es zu wenige Dinge, auf die sie sich konzentrieren könnten. Ohne feste Bindungen an Schule, Job, Wohnort oder Personen lässt sich die Jugend buchstäblich "treiben". Sie neigt eher dazu, sich gehen zu lassen, während wir eher geneigt waren, an etwas festzuhalten. Es ist, als ob alle Teile ihres Lebens wie Teile eines Puzzlespiels verstreut liegen und sie nicht wissen, wie sie "alles unter ­einen Hut bringen sollen" - eine übliche Redewendung der heutigen Zeit. Aber bei uns lagen die Teile näher beieinander, oft sogar übereinander, und es galt, sie freizulegen, sie zu betrachten und dann in das Gesamtbild einzufügen.

Frage: Könntest Du mehr über Verantwortung sagen? Ich bin etwas verwirrt, denn bisher habe ich angenommen, dass Verantwortung heißt, zu akzeptieren, dass ich selbst die Dinge verursache; zum Beispiel, wenn mich jemand ins Gesicht schlägt, habe ich ihn dazu gebracht, mich zu schlagen - nicht wahr?

Dr. Schoen: Nein! Verantwortlichkeit in Gestalttherapie bedeutet nicht "verantwortlich zu sein für das Verhalten eines anderen". Du bist dafür verantwortlich, dass Du "ins Gesicht geschlagen wirst", dafür, dass Du da bist, um den Schlag entgegenzunehmen. Das ist Dein Verhalten. Siehst Du den Unterschied? Verantwortung bezieht sich immer nur auf Deine eigenen Antworten. Einer meiner Klienten ärgerte sich sehr über seine Freundin, die immer hysterisch wird, wenn sie sich über ihn aufregt, und sagte zu mir: "Stephen, ich brauch' das nicht!" Und ich antwortete: "Matthew, Du brauchst das sehr wohl." Kannst Du erkennen, wie schnell er seine eigene Verantwortung geleugnet hat? Für jeden Paartanz braucht es zwei Tänzer, jede Interaktion wird zu zweit getanzt. Du machst etwas und deine Partnerin "wird hysterisch" und auf ihre Hysterie reagierst Du mit Deiner nächsten Antwort. In beiden Positionen - als derjenige, der ihre hysterische Reaktion provoziert hat und als der darauf reagierende - bestand die Hauptantwort dieses Mannes im Leugnen seiner Verantwortung.

Es ist wirklich beeindruckend für mich, wieviel wir aus den Reaktionen anderer auf uns lernen können, besonders dann, wenn sie sehr schwer zu händeln sind, und dass wir uns immer der Antworten besonders bewusst sind, die für uns sowohl schwierig sind als auch im Bereich unserer Möglichkeiten, auf sie zu reagieren, liegen. Es ist, als ob wir immer schon vorbereitet sind auf das, was geschehen wird. Und der Mann, von dem ich gerade sprach, war tatsächlich darauf vorbereitet, sich mit seiner eigenen Leugnungsstruktur zu konfrontieren; und er war interessiert an einer Alternative.

Frage: Läuft nicht alles auf die Erkenntnis hinaus, dass wir immer wählen können, was wir antworten? Und das bringt uns dazu, die Verantwortung für unsere Entscheidung zu übernehmen.

Dr. Schoen: Ich verstehe, was Du meinst. Subjektiv würde ich sagen, es ist normal zu sagen, wir haben eine Wahl, bis zu dem Zeitpunkt, an dem wir uns entschieden haben! Dann ist es unvermeidbar, nicht mehr zu ändern! Zumindest haben wir oft das Gefühl, dass wir eine Wahl treffen. Und doch, wenn wir mit uns im Einklang leben, fühlen wir, dass wir unsere Natur erfüllen; das hat dann den Geschmack von etwas, das sich so gut anfühlt, dass wir nicht in der Lage wären, etwas anderes zu wählen. Wie Dante Männer, die mit Gott leben, sagen lässt: "In seinem Willen liegt unser Frieden." Alles andere ist ihnen nicht möglich, so wie eine Pflanze keine andere Wahl hat, als zur Sonne hin zu wachsen.

Wie ihr heute Abend gesehen habt, ist mein persönlicher Stil geprägt durch eine sehr bildreiche Sprache. Es fällt mir leicht, eine passende Metapher oder Analogie zu finden. Ich finde sie erhellend und stimulierend und verwende sie häufig bei der Arbeit mit meinen Klienten.

Ich möchte eine letzte Lanze brechen für das Aufregende an der Gestaltarbeit! Ohne irgendwelche Gegebenheiten zu leugnen, liegt für mich das besondere Flair der Gestalttherapie nach wie vor in ihrem bejahenden Charakter: Angst beispielsweise ist ein Zeichen von Leben, wenn auch leidvoll erfahren. Und Gestalttherapie bejaht immer ein Leben, das frei ist von externer Kontrolle. Im Bereich der Ökologie hat sich gezeigt, dass auch kontrollierende Umweltmaßnahmen, die sich positiv auswirken sollten, einen Verlust an Natur mit sich bringen können. So führte zum Beispiel die Begradigung von Flussläufen in Deutschland zwecks Verbesserung des Gütertransports auf dem Wasserweg und einer verbesserten Bewässerung letztlich zu einem Absinken des Grundwasserspiegels und zu einer verminderten Bodenfruchtbarkeit. Erinnere Dich, dem gegenüber lautet das Prinzip der Gestalttherapie: Kontrolliere nichts. Und in unserer Zeit - wenn aus zweifelhaften Motiven (angeblich zum Wohle aller) immer mehr effektive Verhaltenskontrollen durch Psychopharmaka, psychologische Manipulation und politische Maßnahmen wahrscheinlich für eine lange Zeit der vorherrschende kulturelle Standard sind - bringt Gestalt ein anderes Erbe ein, das diesem Standard um der individuellen Freiheit willen widersteht.

Praxisadressen von Gestalttherapeuten/-innen

Foto: Stephen SchoenFoto: © Daniel Straub, 2008

Dr. Stephen Schoen

Stephen Schoen, MD, 1924, Psychiater und Gestalttherapeut in freier Praxis in San Rafael/Kalifornien. Zu seinen Lehrern gehörten Fritz Perls, Harry Stack Sullivan, Milton Erickson und Gregory Bateson, mit dem ihm eine Freundschaft verband. Er lehrt seit vielen Jahren Gestalttherapie in den USA und in (Ost-) Europa. Zahlreiche Fachartikel zur Theorie und Praxis der Gestalttherapie.

In der Edition des Gestalt-Instituts Köln sind erschienen: "Wenn Sonne Mond Zweifel hätten: Gestalttherapie als spirituelle Suche", "Greenacres: Ein Therapieroman" und "Die Nähe zum Tod macht großzügig: Ein Therapeut als Helfer im Hospiz" In Kölner Verlag EHP erschien außerdem: "Geistes Gegenwart: Philosophische und literarische Wurzeln einer weisen Psychotherapie".

Bitte beachten Sie auch die zahlreichen Beiträge des Autors in unserer Zeitschrift "Gestaltkritik" (alle Texte in voller Länge online).

Dieser Beitrag von Stephen Schoen ist vor fast einem Viertel Jahrhundert erschienen in "GESTALT AWARENESS. A collection of essays on the many faces of Gestalt therapy" (1976, herausgegeben von Jack Downing). © Stephen Schoen - 1976, 2009

Wir danken dem Autor herzlich für die freundliche Genehmigung der deutschen Erstübersetzung. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Ingrid Müller, Bonn.

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