Logo: Gestaltkritik - Zeitschrift für Gestalttherapie

Bruno M. Schleeger
Gestalttherapie und Zen-Buddhismus
Parallelen und Unterschiede

Aus der Gestaltkritik 2/2010:

Gestaltkritik - Die Zeitschrift mit Programm aus dem Gestalt-Institut Köln
Gestaltkritik (Internet): ISSN 1615-1712

Themenschwerpunkte:

Gestaltkritik verbindet die Ankündigung unseres aktuellen Veranstaltungs- und Weiterbildungsprogramms mit dem Abdruck von Originalbeiträgen: Texte aus unseren "Werkstätten" und denen unserer Freunde.

[Hinweis: Navigationsleiste am Seitenende] 

Praxisadressen von Gestalttherapeuten/-innen

  Hier folgt der Abdruck eines Beitrages aus Gestaltkritik 2/2010:

Bruno M. Schleeger
Gestalttherapie und Zen-Buddhismus
Parallelen und Unterschiede

Foto: Bruno M. SchleegerBruno M. Schleeger

 

Vortrag anlässlich der 13. Jahrestagung des Förderkreises Gestaltkritik „Dialogische Gestalttherapie“ Köln, Samstag, 29. - Sonntag, 30. August 2009.

 

Zuimonki 1/13:

Eines Abends sagte Dogen (1200-1253): „Stellt euch einmal vor: ihr seid auf eine 30 Meter hohe Fahnenstange (1) geklettert. Da fordert euch jemand auf, loszulassen, einen Schritt weiterzugehen und euch nicht um euer menschliches Leben zu kümmern. Beharrt ihr dann darauf, dass man den Buddha WEG nur lebend praktizieren kann, so folgt ihr eurem Lehrer nicht wirklich. Bedenkt dies sorgsam.“ (2)

 

Kalamer Sutra:

Glaube nicht an die Macht von Traditionen,

auch wenn sie über viele Generationen hinweg

und an vielen Orten in Ehren gehalten wurden.

Glaube an nichts, nur weil viele Leute davon sprechen.

Glaube nicht an die Weisheiten aus alter Zeit.

Glaube nicht, dass Deine eigenen Vorstellungen

Dir von einem Gott eingegeben wurden.

Glaube nichts, was nur auf der Autorität

Deiner Lehrer oder Priester basiert.

Glaube das, was Du durch Nachforschungen

selbst geprüft und für richtig befunden hast

und was gut ist für Dich und andere.

 

Dieses bekannte Sutra wird immer wieder und gerne als Beleg dafür zitiert, dass Buddha „nach allen Seiten offen“ gewesen sei soll. Praktisch als buddhistischer Beweis der standortlosen Meinungsvielfalt, die nur vom Eigenen ausgeht. Wir müssen uns die Entstehungsgeschichte dieses Textes anschauen: Zu Buddhas Zeiten gab es viele Wanderprediger u.ä.; als Buddha bei den Kalamern lehren wollte, wandten diese sich an ihn mit der Frage: Soviele Prediger kommen hierher und wollen uns belehren, der eine sagt dieses, der andere jenes, was und wem sollen wir denn nun glauben? Das berühmte Kalamer Sutra war Buddhas Antwort.

Leider wird dieser Text oft als Freibrief genommen, aus den Lehren Buddhas nur das Behagliche auszuwählen und alles das zu verwerfen, was dem persönlichen Geschmack nicht zusagt. Bezogen auf die Jünger, die sich wirklich entschlossen haben ihm zu folgen, ist der Buddha sehr klar und sehr kompromisslos, wenn er sagt: Für einen Jünger, der Vertrauen in die Unterweisungen hat und in Übereinstimmung damit leben will, ist es ein Prinzip, dass der Meister der Herr ist, ich ein Jünger bin; der Herr weiß, ich nicht weiß. (3)

Zwischen diesen zwei Polen spielt sich alles das ab, was zwischen Meister und Schüler geschieht.

Alles Bemühen hat eines zum Ziel: Das Hier und Jetzt zu erlangen und zu realisieren. Das haben Gestalttherapie und Zen-Buddhismus gemeinsam.

Wir werden jetzt ca. eine Stunde gemeinsam verbringen; eine Stunde von meiner Lebenszeit – eine Stunde von eurer Lebenszeit; unser aller Lebenszeit ist begrenzt! Wir sollten uns dessen bewusst sein und diese Zeit nicht verschwenden. Sich darüber wirklich klar zu sein ist ein Schritt zur achtsamen Lebensführung. In einem Sesshin im Kloster habe ich einen jungen Mann kennen gelernt, dessen Präsenz und Ernsthaftigkeit mich sehr beeindruckte; ich war sicher, dass er schon über jahrzehntelange Meditationserfahrung verfügen müsse. Aber er „sitzt“ erst seit zwei-drei Jahren. Er hat AIDS in einem fortgeschrittenen Stadium und jedes Sesshin, das er mitmacht, kann – wie er mir sagte – durchaus sein letztes sein. Mit dieser Haltung ist er präsent; mit dieser Haltung nimmt er teil. Wir sollten uns klar machen, dass sich unsere Situation „eigentlich“ nicht von der Situation dieses jungen Mannes unterscheidet! Vielleicht wird jemand von uns in den nächsten zwei Stunden sterben; wir können hier und jetzt, heute oder in der nächsten Nacht sterben. Wenn wir uns das wirklich innerlich klarmachen, dann kann alles, was wir tun, „praktiziert“ werden; dann halte ich hier keinen Vortrag, sondern ich „praktiziere einen Vortrag“ und ihr hört nicht zu, sondern „praktiziert zuhören!“ So wollen wir versuchen, die gemeinsamen nächsten zwei Stunden achtsam zu nutzen.

 

Hier und Jetzt

Nur hier und jetzt können wir handeln, nur hier und jetzt können Wachstum und Veränderung geschehen. Nur hier und jetzt kann ich aufhören zu Rauchen, nicht morgen. Nur hier und jetzt habe ich die Möglichkeit mich für oder gegen Leiden zu entscheiden. Immer dann, wenn ich an negativen Erfahrungen – z.B. an Schmerzen – festhalte, sei es durch Beklagen, durch Schuldzuweisungen oder durch projizieren in die weitere Zukunft, dann erzeuge ich auch Schmerz Leiden. Ein Leben ohne Schmerzen gibt es nicht. Das kann niemals das Ziel einer Therapie oder eines spirituellen Weges sein.

Ein Leben ohne Ängste, ohne Verzweiflung, ohne Trauer, ohne Schmerz, kurz, ohne Probleme gibt es nicht. Die Fragestellung ist daher nicht, wie ich alle Probleme, alles Unliebsame fortan aus meinem Leben verbannen kann; schon allein diese Frage ist eine Form des Größenwahnsinns. Die Frage lautet vielmehr, wie ich erreichen kann, dass all diese Dinge lebensbegleitend und nicht lebensbestimmend werden.

Das sogenannte Problem oder Symptom ist nicht so wichtig. Wichtig ist die Person, die das Problem trägt. Wir können das Problem nicht lösen, aber wir können Menschen darin unterstützen, destruktive Systeme zu erkennen und ins Konstruktive zu wenden. „Sehen, wie die Dinge sind“ nennen wir das.

Schmerz ist Schmerz und lässt sich nicht vermeiden, aber wenn wir uns an Schmerzen festhalten, wird aus Schmerz Leiden; wir selber können entscheiden, ob wir „nur“ der Adressat oder auch der Empfänger von Schwierigkeiten sind.

In dem berühmten Patanjalis Sutra heißt es hierzu: „Leidvoll sind alle Denkbewegungen, die nicht zur Befreiung des Geistes führen. Erkennen ist daher in Wahrheit niemals leidvoll, auch wenn es manchmal schmerzhaft ist. Verkennen und Einbildung sind hingegen stets leidvoll, auch wenn sie manchmal angenehm erscheinen.“ (4)

 

Gott ist ein Gott der Gegenwart: Wie er Dich findet, so nimmt er Dich und lässt Dich zu. Er fragt nicht, was Du gewesen bist, sondern was Du jetzt bist.

Meister Eckhard

Genau genommen leben sehr wenige Menschen in der Gegenwart; die meisten bereiten sich vor, demnächst zu leben!

Jonathan Swist

 

Life is what happens to you while you’re busy making other plans

John Lennon

 

Bei den Überlegungen zum Thema Zeit & hier und jetzt bin ich auf altbekannte Texte von Erich Fromm gestoßen, die vieles von dem, was ich dazu sagen könnte, in präziser Weise zusammengefasst haben. Im Folgenden beziehe ich mich auf den Text aus seinem Buch „Haben oder Sein“.

Unser Empfinden und Verstehen von Zeit kann deutlicher werden mit den Begriffen „Sein“ und „Haben“. Wenn wir uns auf die Existenzweise des Seins beziehen, dann gibt es nur ein „Hier und Jetzt“, nur in der Existenzweise des Habens bekommen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ihren Sinn.

Befasst sich der Mensch mit Haben, ist er gebunden an das, was er in der Vergangenheit angehäuft hat: Geld, Land, Ruhm, sozialer Status, Wissen, Kinder, Erinnerungen. Er kann ganz seine Vergangenheit werden, indem er versucht, sich an vergangene Gefühle zu erinnern, sie in sich wachzurufen, sich damit zu identifizieren. Er kann dann sagen: „Ich bin, was ich war.“

Genauso kann der Mensch seine Vergangenheit vorwegnehmen. Die Zukunft ist dann die Vorwegnahme dessen, was Vergangenheit werden wird. Man erlebt dann in seiner Phantasie und in seinem Gebaren, etwas zu haben, obwohl man es jetzt noch nicht hat. Das fundamentale Erlebnis des Habens ist für die Zukunft dasselbe wie für die Vergangenheit.

Wo Vergangenheit und Zukunft aufein­ander treffen, an dieser Grenze entsteht, existiert Gegenwart.

 

Hier und Jetzt

Hier kann noch mal ein wenig deutlicher werden, was wir im Buddhismus meinen, wenn wir immer wieder von „Loslassen“ sprechen. Wir alle haben unsere Biographie und diese hat ihre Auswirkungen auf unser Leben.

Hier und jetzt habe ich ein Problem – weil z.B. … Meine Ehe zu Ende geht, weil ich Streit auf der Arbeit habe, weil ich Erziehungsschwierigkeiten mit meinen Kindern habe ....

Entferne ich mich aber von diesem Hier und Jetzt, so hat das Problem mich ...

 

Niemand kann seine Geschichte wegwerfen bzw. ungeschehen machen; loslassen kann ich nur alle Bewertungen; loslassen durch simpel sein wer ich bin, was ich bin, wie ich bin; nicht mehr, aber auch nicht weniger; mich selbst realisieren, manifestieren – prozesshaft immer wieder neu vom einen Hier und Jetzt zum nächsten Hier und Jetzt! Merleau Ponty spricht hier von einer „ständigen Neugeburt des Bewusstseins“.

Wie kommen wir dahin: Wir lassen einfach alles das, was vergangen ist, los und überlassen alles das, was in der Zukunft geschehen wird, der Zukunft. Ähnlich wie die berühmte Geschichte vom Bildhauer:

 

Der Löwe in uns: Ein berühmter Bildhauer arbeitete gerade an einem Marmorlöwen. Starr vor Bewunderung fragte ihn ein Besucher, worin das Geheimnis seiner Kunst bestehe. Der Meister antwortete: „Das ist gar nicht so schwierig. Ich schlage einfach alles weg, was nicht nach Löwe aussieht.“

 

Eine andere gute Möglichkeit ist, dass wir immer wieder die „C“ Taste drücken: Der „only don’t know Zen“ von Meister Seung Sahn:

 

A Student at the New Haven Zen Center once asked Zen Master Seung Sahn, „You say that one must return to the mind of a child. Also Jesus talks like this. Then what is the role of intelligence in spirituality? What is the role of intelligence in understanding Zen?“

„What do you want, right now?“ Zen Master Seung Sahn replied.

„I want peace and quiet.“

„Peace? What is peace?“

„No turbulence. No movement, I guess.“

„Yah, that’s not bad,“ Zen Master Seung Sahn said. „Peace is a very good word. But what exactly does it mean? What is true peace?

Sometimes we use calculators. If there is already a number on the screen, you cannot make another calculation with the calculator. The answer will not come out right. So this is why there is a button marked ‘C.’ if you push ‘C,’ the screen becomes clear: it returns to zero. Then any kind of calculation is possible.

If you keep a clear mind, then you will get happiness everywhere. This is complete peace, like a child’s mind, holding nothing whatsoever. So always just push ‘C.’ If your mind is angry, push ‘C,’ and it will become clear. If your mind is sad, push ‘C,’ and your mind will become clear. Don’t-know mind is push-‘c’ mind. If you have a lot of thinking, only go straight, don’t know; then your thinking will disappear.

But when you do not return to ‘zero’ mind, from moment to moment, you cannot see this universe as it is. If you are thinking, then even if a mountain appears before you, you do not see this mountain; you only see your suffering thinking. If you keep a sad mind, and hold your sad mind, then even if a beautiful view appears, you cannot perceive it. You are only following your thinking. So you lose this world, from moment to moment. I always say, ‘When you are thinking, you lose your eyes.’ You have eyes, but when you look at something with a mind full of thinking, you do not see that thing. Also, you do not hear completely, smell completely, taste completely, or feel completely. It is like a calculator where the numbers stay stuck on the screen: you cannot do any new calculations. This is why Zen teaches that you must return to your original mind, from moment to moment. This is pushing ‘C.’ We call this ‘only don’t know.’“ (5)

 

Wir urteilen – be-urteilen – immer; eine Beurteilung ist immer eine Fortschreibung der Vergangenheit oder eine Vorwegnahme der Zukunft. Darum ist es – nicht zuletzt auch in der Therapie – ein wichtiger Wachstumsschritt, dies aufzuteilen: Das ist, was ich sehe, und das ist es, was ich zu dem, was ich sehe, denke oder fühle – dies sind zweierlei Paar Schuhe! Das gilt es zu lernen!

Wir lernen – um es „buddhistisch“ auszudrücken – Erleber und Bewerter zu unterscheiden und zu trennen; dies ist nicht das endgültige Ziel, aber ein wichtiger Schritt auf den Weg dorthin.

Wir brauchen, um den Alltag zu bewältigen unsere Erinnerungen, sonst können wir nicht planen, können uns nicht auf die Zukunft vorbereiten. Sonst geht es uns wie den Eichhörnchen, die zwar eifrig Vorräte für den Winter anlegen, aber leider immer wieder vergessen, wo sie dies getan haben und darum verhungern müssen.

Perls: Die Betonung des Hier und Jetzt heißt nicht, dass – wie so oft angenommen wird – Vergangenheit und Zukunft für die Gestalttherapie keine Bedeutung haben. Im Gegenteil, die Vergangenheit ist immer gegenwärtig in der Ganzheit unserer Lebenserfahrung, in unseren Erinnerungen, im Bedauern und Ressentiment, und vor allem in unseren Gewohnheiten und unvollendeten Handlungen, den fixierten Gestalten. Die Zukunft ist gegenwärtig in unseren Vorbereitungen, in Erwartung und Hoffnung oder Furcht und Verzweiflung. (6)

Wir alle leben in der Gegenwart, doch ständig schweift unser Geist in die Zukunft – aber auch gerne in die Vergangenheit – ab. Fahren wir die Straße entlang, sind wir in Gedanken schon um die Ecke gebogen. Besuchen wir einen Freund, stehen wir im Geiste schon vor seiner Haustür. Selbst für seltenere Ereignisse hat unser Gehirn Vorstellungen parat: Fahren wir in Urlaub, sehen wir den Strand schon vor uns, spüren den Sand zwischen unseren Zehen und wie das Meer unsere Füße umspült. Die Zukunft lebendig vor sich sehen zu können ist derart normal, dass wir kaum je darüber nachdenken.

Dabei geht hier in Wirklichkeit etwas höchst Erstaunliches vor sich: Sehr häufig nämlich liegen wir mit unseren Vorstellungen genau richtig. Woher kommt die Sicherheit beim Blick auf das noch nicht Geschehene? Wie entstehen die detaillierten Bilder von künftigen Situationen? Was passiert dabei im Gehirn? Und wie kommt es, dass manche immer in eine rosige, andere in eine graue Zukunft blicken – obwohl doch beide von derselben Gegenwart aus starten?

Erstaunlich ist auch das: Wenn wir unser Zukunftsbild genauer analysieren, werden wir feststellen, dass uns einiges daraus bekannt vorkommt. Es enthält lauter Bilder, die wir bereits so oder so ähnlich kennen - nämlich aus der Vergangenheit: das Meeresrauschen, den Anblick der Berge, das Bild eines Hotelzimmers. Unser Zukunftsbild ist ein Mosaik, zusammengesetzt aus Vergangenheitssteinchen. Wir erinnern uns an die Zukunft.

Wie sehr Zukunftsplanungen mit Erinnerungen zusammenhängen, konnte die Hirnforscherin Kathleen McDermott von der Washington University in St. Louis zeigen. Sie stellte Versuchspersonen zwei Aufgaben: Zuerst sollten sie sich an ihre letzte Geburtstagsfeier erinnern; dann sollten sie in Gedanken die nächste Feier planen. Währenddessen wurde ihre Gehirnaktivität mithilfe von funktioneller Magnetresonanztomografie aufgezeichnet. Das Ergebnis: Beide Male waren im Gehirn ähnliche Regionen aktiv – unabhängig davon, ob die Probanden in die Zukunft oder in die Vergangenheit blickten. Beide Male wurden jene Nervennetzwerke angesprochen, die für unser episodisches Gedächtnis zuständig sind, also für die Erinnerung an persönliche Erlebnisse. „Ob wir uns an ein Erlebnis erinnern oder es uns in der Zukunft vorstellen, ist fast das Gleiche“, erklärt Daniel Schacter, Psychologe an der Harvard University, der ähnliche Experimente wie McDermott durchgeführt hat.

Interessant auch die geringen Unterschiede im Gehirn zwischen Zukunfts- und Vergangenheitsgedanken: Bei Zukunftsgedanken werden zusätzlich kleine Gehirnareale aktiv, von denen man vermutet, dass sie für den „Time-Shift“ der Vorstellung zuständig sind. Anscheinend fügt unser Gehirn an eine Erinnerung aus der Vergangenheit einfach eine Marke „Zukunft“ an, und schon meinen wir, das Kommende vor Augen zu haben.

Was aber ist mit Menschen, die einen eingeschränkten Zugang zur ihrer Vergangenheit haben? Wer sich nicht erinnern kann, müsste dann auch nicht in die Zukunft blicken können. Genau das konnte der Neurobiologe Endel Tulving von der University of Toronto an seinem Patienten C. beobachten.

 

C. hatte durch einen Motorradunfall einen Gehirnschaden erlitten, der sein episodisches Gedächtnis zerstörte. Er konnte sich Fakten merken, aber keine persönlichen Erlebnisse. C. wusste, wie er heißt, wo er wohnt und welchen Beruf er hat. Aber er erinnerte sich nicht an konkrete Situationen aus seiner Arbeit und seinem Leben. Und tatsächlich war er kaum in der Lage, sich zukünftige Ereignisse vorzustellen. Wenn C. etwa an seine nächste Geburtstagsfeier denken sollte, sah er vor seinem inneren Auge nur „eine Art Leere“. Er konnte sich nicht in die Situation hineindenken oder -fühlen. Mit dem Riss in seinem Erinnerungsvermögen wurde auch seine Fähigkeit zerstört, sich selbst in zukünftigen Situationen zu sehen. Ähnliches wurde bei vielen Menschen mit Gedächtnisverlust beobachtet.

 

Wir basteln uns also ein Bild von unserer Zukunft aus dem Bausatz unserer Erinnerungen - und merken das nicht einmal. Wieso machen wir das? Schließlich entstehen aus den selbst gebastelten Zukunftsbildern oft auch Enttäuschungen: Der Strand am neuen Urlaubsort ist steinig, das Hotel liegt an einer lauten Straße, und die Freunde fallen uns mit ihrem Gequatsche auf den Wecker. Wir sind genervt, weil die Realität nicht unseren Vorstellungen entspricht. Wäre es da nicht sinnvoller, wenn man sich einfach bewusst machte, dass man in Wahrheit wenig über die Zukunft weiß? Sollten wir nicht statt lebendiger Szenen nur sichere Fakten vor unserem geistigen Auge sehen?

Nein, sind sich Psychologen und Gehirnforscher einig. Denn das vermeintliche Wissen von unserer Zukunft ist eine wichtige Basis für unsere Handlungsfähigkeit. „Unser Verhalten setzt voraus, dass wir so tun, als hätten wir konkrete Vorstellungen von der Zukunft“ erklärt Markus Kiefer, Psychologe und Hirnforscher an der Universität Ulm. Denn nur diese konkreten Vorstellungen geben uns ein Gefühl von Berechenbarkeit, Kontrollierbarkeit und Sicherheit. Dabei ist es nicht einmal entscheidend, ob wir uns die Zukunft rosig oder grau ausmalen. Schon die Gewissheit, eine absehbare Gefahr kontrollieren zu können, gibt uns ein Gefühl von Wohlbefinden.

In Augenblicken größter Freude hören wir – in der Regel – nicht auf zu denken: „Ich bin glücklich“ oder „Was für Freude!“ Normalerweise hören wir auch nicht auf, solche Gedanken zu haben, bis die Freude über ihren Höhepunkt hinaus ist, oder eine Angst, dass sie entschwinden könnte, sich einstellt. In solchen Zeiten sind wir derart des Augenblicks gewahr, dass wir keinen Versuch machen, seine Erfahrung mit anderen Erfahrungen zu vergleichen. Aus diesem Grunde geben wir ihm keinen Namen, denn Namen, die nicht reine Ausrufe sind, sind auf Vergleiche gestützt. „Freude“ unterscheidet sich von „Sorge“ durch Gegensatz, durch Vergleich eines geistigen Zustandes mit dem anderen. Würden wir Freude nie gekannt haben, würde es nicht möglich sein, die Sorge als Sorge zu identifizieren.

In Wirklichkeit aber können wir Freude nicht mit Sorge vergleichen. Vergleichen ist nur möglich durch den sehr raschen Wechsel zweier geistiger Verfassungen und du kannst zwischen echtem Gefühl der Freude und Sorge nicht so beliebig vor- und zurückschalten, wie deine Augen zwischen einem Hund und einer Katze hin- und herwechseln können, Sorge kann nur mit der „Erinnerung“ an Freude verglichen werden, was keineswegs das gleiche ist, wie die Freude selbst. Ebenso wenig wie Worte können Erinnerungen die Wirklichkeit erfolgreich „erfassen“. Erinnerungen sind irgendwie abstrakt, mehr ein Wissen um Dinge, als von Dingen. Erinnerung fängt niemals das Wesentliche ein, weder die gegenwärtige Intensität, noch die greifbare Wirklichkeit einer Erfahrung. Sie ist wie der Leichnam einer Erfahrung, aus dem das Leben entschwunden ist. Was wir aus der Erinnerung wissen, kennen wir nur aus zweiter Hand. Erinnerungen sind tot, weil sie feststehend sind. Die Erinnerung an deine verstorbene Großmutter bringt dir nur zurück, was deine Großmutter war. Jedoch könnte die wirkliche, anwesende Großmutter immer irgendetwas Neues tun oder sagen und du wärest niemals ganz sicher, was sie als nächstes täte.

 

Also gibt es zwei Wege, eine Erfahrung zu verstehen:

 

Beide Wege haben ihr Gutes. Sie entsprechen jedoch dem Unterschied zwischen dem Wissen der Dinge durch Worte und dem unmittelbaren Wissen. Eine Menükarte ist sehr nützlich; aber sie ist kein Ersatz für das Essen selbst. Ein Reiseführer ist ein bewundernswertes Handwerkszeug, jedoch ist er schwerlich dem Land, das er beschreibt, gleichzusetzen.

Der Kernpunkt ist also der, dass, wenn wir die Gegenwart durch Vergleich mit Erinnerung zu verstehen versuchen, wir sie nicht so eindringlich verstehen, als wenn wir sie ohne Vergleich wahrnehmen. Jedoch ist das üblicherweise die Art, wie wir an unangenehme Erfahrungen herangehen. Statt sie wahrzunehmen, wie sie sind, versuchen wir, uns mit ihnen in Begriffen der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Jemand, der erschrocken oder einsam ist, denkt sofort: „Ich habe Angst“ oder „Ich bin so einsam.“

Dies ist natürlich ein Versuch, der Erfahrung auszuweichen. Wir wollen nicht dieser Gegenwart gewahr werden. Da wir aber nicht der Gegenwart entgehen können, flüchten wir in Erinnerungen. Hier fühlen wir uns sicher, denn die Vergangenheit ist Feststehendes und Bekanntes - jedoch natürlich auch Totes. Um uns, sagen wir von der Furcht, freizumachen, bemühen wir uns sofort, uns davon abzusondern und sie in Begriffen der Vergangenheit zu fixieren, in Begriffen, die bereits feststehend und bekannt sind. Mit anderen Worten: Wir versuchen, uns der geheimnisvollen Gegenwart anzupassen, indem wir sie mit der Vergangenheit (aus der Erinnerung) vergleichen, sie benennen und identifizieren.

Das wäre sehr einfach, wenn wir versuchen würden, von etwas loszukommen, wovon wir loskommen können. Es ist ein nützliches Verfahren, wenn wir aus dem Regen ins Trockene kommen wollen. Aber das sagt uns noch nicht, wie wir mit Dingen fertig werden, denen wir nicht entgehen können, und die bereits ein Teil von uns selber sind. Unser Körper kann Gift nicht ausscheiden dadurch, dass er dessen Namen kennt. Furcht, Depression oder Langeweile dadurch zu beherrschen, dass man sie beschimpft, heißt abergläubisch auf Flüche und Beschwörungen zu vertrauen.

Je mehr wir uns daran gewöhnen, die Gegenwart in Begriffen der Erinnerung, das Unbekannte durch das Bekannte, das Lebende durch das Tote zu begreifen, desto trockener und mumifizierter, freudloser und enttäuschender wird das Leben. So vor dem Leben geschützt, wird der Mensch eine Art Molluske, von einer harten Schale von „Tradition“ eingehüllt, so dass, - wenn es kommt, wie es muss und schließlich die Wirklichkeit durchbricht, - die Flut zurückgedämmter Furcht sich austobt.

Wenn wir andererseits der Furcht gewahr sind, erkennen wir, da wir jetzt selbst dies Gefühl sind, dass ein Entfliehen also unmöglich ist. Du merkst, dass es „Furcht“ zu nennen, dir wenig oder nichts darüber sagt, da Vergleich und Name auf Erinnerung, nicht aber auf vergangene Erfahrung gestützt sind. Wir haben also keine andere Wahl, als sie mit unserem ganzen Sein wahrzunehmen als eine vollkommen neue Erfahrung. In der Tat ist jede Erfahrung in diesem Sinne neu; und in jedem Augenblick unseres Lebens sind wir mitten in etwas Neuem und Unbekanntem. Dann nehmen wir die Erfahrung auf, ohne ihr zu widerstehen oder sie zu benennen, und der ganze Widerstreit zwischen dem geistigen „ICH“ und der gegenwärtigen Wirklichkeit verschwindet.

In den meisten von uns nagt dieser Widerstreit ständig, weil unser Leben eine einzige Anstrengung ist, dem Unbekannten, der wirklichen Gegenwart, in der wir leben, zu widerstehen; das heißt dem Unbekannten, was im Begriff ist, geboren zu werden. So lebend lernen wir nie, richtig damit zu leben. In jedem Moment sind wir vorsichtig, zögernd und in der Verteidigung. Und das alles völlig unnütz, da uns das Leben, wohl oder übel, in das Unbekannte wirft, und Widerstand ebenso sinnlos und verbitternd ist, wie wenn man versucht, gegen einen reißenden Strom zu schwimmen. Die Kunst, in diesem „Zwiespalt“ zu leben, besteht weder aus sorglosem Sich treibenlassen, noch aus furchtsamem Sich anklammern an Vergangenheit und Bekanntes. Sie besteht darin, gegenüber jedem Augenblick völlig empfindsam zu sein, ihn als völlig neu und einzigartig zu betrachten, mit aufgeschlossenem Geist und aufnahmebereit.

Perls: Jetzt umfasst alles, was existiert. Die Vergangenheit ist nicht mehr, die Zukunft ist noch nicht. Jetzt schließt das Gleichgewicht des Hierseins ein, ist Erleben, Engagement, Phänomen, Bewusstheit. (7)

Perls: Ich leugne keineswegs, dass alles seinen Ursprung in der Vergangenheit hat und zu weiterer Entwicklung neigt, aber was ich deutlich machen möchte, ist der Umstand, dass Vergangenheit und Zukunft sich fortwährend an der Gegenwart orientieren und zu ihr in Beziehung gesetzt werden müssen. (8)

Perls: Wir dürfen die Zukunft nicht ganz vernachlässigen (z.B. das Planen) und ebenso wenig die Vergangenheit (unabgeschlossene Situationen), aber wir müssen erkennen, dass die Vergangenheit vorbei ist, obwohl sie uns eine Reihe unfertiger Situationen übrig gelassen hat, und dass Planung eine Leitlinie für unser Handeln sein muss, nicht eine Sublimierung oder ein Ersatz. (9)

Dieses „Hier und Jetzt“ ist die Startposition – quasi die „poolpostion“ jeglichen Wachstums, jeglicher Veränderung, denn nur hier und jetzt kann ich handeln. Nur hier und jetzt kann ich z.B. mit Rauchen aufhören, nie morgen oder übermorgen …

Heilung kann nur hier und jetzt geschehen.

Die in der Therapie sehr wichtigen Sätze:

haben in diesem Hier und Jetzt ihre Wurzeln.

In diesem Hier und Jetzt ist keiner irgendetwas schuld (sowieso nie). Und die Suche nach - vermeintlich Schuldigen führt weder zu Lösungen noch zu Wachstum.

Gerade in der Anfangsphase einer Therapie wird oft der Vorwurf an den Therapeuten laut: „… Sie wollen doch nur meine Eltern schlecht machen … die Eltern sollen immer alles schuld sein ... dabei hatte ich doch eine glückliche Kindheit …“ Wenn dieser Eindruck entsteht, läuft etwas falsch in der Therapie, denn es geht niemals darum, die Eltern anzuklagen oder zu verurteilen. Auch die Eltern hatten schließlich Eltern.

Es geht um Ursachenforschung und nicht um Schuldzuweisungen. Die Dimension Schuld ist in der Therapie immer eine Sackgasse!

Hier und jetzt gibt es kein falsch und kein richtig, kein gut und kein schlecht, alles dies entsteht immer dann, wenn wir uns vom Hier und Jetzt entfernen.

Nochmals und sehr wichtig: Das alles ist kein Freifahrtschein zu tun, was immer ich will, weil „das jetzt gerade für mich dran war ... das für mich okay war... da stehe ich zu …“ Und welche anderen heillosen Psychofloskeln es hier noch zur Rechtfertigung egozentrischer Rücksichtslosigkeit geben mag. Gerade die Gestalttherapie ist an dieser oral egozentrischen Psychohaltung wesentlich mit schuld. Aus dem sogenannten Gestaltgebet ist allzu oft „Ich bin ich - und ihr könnt mich alle“ gemacht worden.

Freiheit muss in einer ethischen Grundhaltung verwurzelt sein; Freiheit und Verantwortung gehören untrennbar zusammen.

 

If you want perfect freedom – you have to be perfectly disciplined

John McLaughling

 

Gerade die buddhistische Ethik ist in diesem Zusammenhang in erster Linie eine Gesinnungsethik. Die intellektuelle Einsicht in das Gute ist höchstens eine notwendige, nicht aber eine hinreichende Bedingung für das Tun des Guten. Das Gute tun wir - aus buddhistischer Sicht - weil der Anblick des Bösen, der Leidensformen uns spontan veranlasst, das Gute zu tun. Wesentlich ist der Charakter. Die buddhistische Ethik legt großen Wert auf die Entwicklung guter tugendhafter Gewohnheiten, weil der gute Charakter nur zu guten Taten fähig ist, ja im positivsten Fall gar nicht anders kann als sich für alle Wesen heilsam zu verhalten.

Wir „beten“ vor jeder Mahlzeit:

Das Wort „mögen“ soll es ausdrücken: Durch unsere Praxis, durch unsere Übung wünschen wir uns solche Menschen zu werden, die alle die Dinge verinnerlicht haben. Zur Zeit müssen wir uns immer wieder neu zu diesen Handlungen und Einstellungen motivieren und auffordern. Unser Ziel, unser Wunsch ist es, dass wir solche Menschen werden, denen alle diese Handlungen wie selbstverständlich „passieren“.

Oder die Zehn Gebote …

Wenn wir auf dem Weg der Meditation oder dem Weg der Therapie weit genug fortgeschritten sind, dann können wir gar nicht anders als uns für unsere Mitmenschen, unsere Umwelt zu interessieren. An anderer Stelle hieß es „weder bei den Dingen, noch bei den Menschen gibt es ‚Müll’“. Eine der Grundannahmen in der Gestalttherapie hatte ich in dem Satz „in jeder Situation tun wir unser Bestmögliches.“ Wenn wir diese und ähnliche Sätze aus der Gestalttherapie oder dem Zen-Buddhismus erfasst haben und sie zu leben versuchen, entwickelt sich zwangsläufig eine mitfühlende Grundhaltung.

In der christlichen Tradition sind es die Zehn Gebote, die ähnliches verheißen. Leider wird das mystische Verständnis, was diesen Zehn Geboten zugrunde liegt, nicht oder nur kaum gelehrt. Stattdessen werden sie als geeignete Methode, ein schlechtes Gewissen und damit Beherrschbarkeit und Manipulierbarkeit zu erzeugen, missbraucht.

Das mystische Verständnis hingegen sagt: Wenn Du ein gottgefälliges Leben führst, dann kannst Du gar nicht anders als „nicht zu stehlen“, „als kein falsches Zeugnis ablegen“, als „nicht töten“ und all die Verhaltensweisen, die der Dekalog beschreibt, zu realisieren. Warum wird im Religionsunterricht eigentlich nicht diese wunderbare und befreiende Sicht auf den Dekalog gelehrt?

Taisen Deshimaru Roshi: „Frage: Was alles umgreift das Bodhisattva-Gelübde? Im täglichen Leben nehmen wir viele Verpflichtungen auf uns, die Konflikte erzeugen und uns jede Freiheit nehmen. Kann das Bodhisattva-Gelübde uns befreien?“

Das ist eine Frage, die immer wieder gestellt wird. Wenn Sie heiraten, haben Sie dasselbe Problem. Manchmal bedarf der Mensch einer Regel, einer Moral. Wir sind nicht wie Tiere.

Im Buddhismus und im Zen besteht die Ordination nicht aus einer Verpflichtung. Wenn Sie die Ordination erhalten haben und nicht aufhören, Zazen zu üben, können Sie keine Verfehlungen mehr begehen, selbst wenn Sie dies wollten. Wenn Sie die Ordination empfangen, ändert sich Ihr Karma. Selbst wenn Sie versuchten, das Böse zu tun, Sie hätten keine Lust dazu. Diese Wirkung der Ordination tritt automatisch und natürlich ein.

Es handelt sich um keine Willensentscheidung. Ich glaube nicht, dass es im Christentum genauso ist, aber ich meine, dass eine wirkliche religiöse Ordination kein Verbot beinhaltet.

Sie können automatisch nichts Böses mehr tun, und wenn Sie es tun, nimmt der Wunsch danach schnell ab. Über das körperliche Verhalten nehmen die Leidenschaften unbewusst ab. Sie brauchen sich keine Gedanken zu machen. Das ist die wahre Freiheit. Unbewusst, natürlich, automatisch können Sie der kosmischen Ordnung folgen.

Während der Ordination sage ich niemals: „Sie müssen dies tun, jenes hingegen nicht.“ Ich gebe die Ordination, und wenn Sie die Ordination empfangen, ändert Ihr Karma sich automatisch. Die Zen-Ordination ist keineswegs eine Verpflichtung. Natürlich sollen Sie nicht töten, stehlen, die Sexualität missbrauchen oder lügen. Es ist schwierig, nicht zu lügen, und eine Mücke nicht zu töten, ist ebenfalls schwierig! Sie sollen weder sich selbst bewundern noch andere kritisieren ...

Im Buddhismus gibt es zehn Gebote (keine Verbote). Buddha sagte aber: „Wenn Ihr Zazen übt, erfüllt Ihr das höchste Gebot; hierdurch entfallen alle anderen Gebote.“ Wenn Sie Zazen üben, ändert sich Ihr Karma und alles wird besser. Wer schlechte Neigungen hat, geht wieder fort. Die aber, welche fortfahren, Zazen zu üben, sind vortrefflich. Wenn sie irren, gestehen sie sich das ein oder gehen fort und geben Zazen auf“. (10)

 

It’s always the judgment that causes the problem

Stuart Alpert

 

The problem is not what we feel - the problem is what we feel about what we feel

Virginia Satir

 

Die Welt, soweit wir sie erkennen können, ist unsere eigene Nerventätigkeit, nichts mehr.

Friedrich Nietzsche, 1844-1900

 

Hier und jetzt heißt: Achtsamkeit für das, was im Präsens präsent ist.

Hier und jetzt sitze ich auf meinem Kissen und meditiere – oft haben wir da ja eine ganze Versammlung auf dem Kissen:

Einer der sitzt

Einer dessen Gedanken und Gefühle „abschweifen“

Einer der das bewertet

Einer der dieses Bewerten bewertet

Einer der umherirrt

Einer der das Umherirren unterbinden will

Einer dessen Beine / Rücken etc. schmerzen

Einer, der die Minuten zählt und am liebsten sofort aufhören will

Einer ...

 

Hier und jetzt sitze ich und es geschieht was immer hier und jetzt geschieht. Das ist alles. Und der einfachste Weg alle diese Quälgeister loszuwerden besteht darin, sie willkommen zu heißen und ihnen einen Platz anzubieten. Das mögen sie nämlich nicht!

Hier und jetzt geschieht Heilung, u.a. dadurch, dass wir erkennen, dass alles in uns geschieht, dass alles in uns vorhanden ist: das, was uns krank macht, aber/und auch das, was uns heilen lässt.

Wenn wir buddhistisch denken, können wir an dieser Stelle sagen, dass in diesem Hier und Jetzt die Heilung nicht dadurch geschieht, dass eine Krankheit „geheilt“ wird, sondern durch die Einsicht, dass Ich gar nicht krank bin! Wer ist das denn eigentlich, der da krank ist ...?

It’s only the body ....

Dieses alle Gegensätze übersteigende Hier und Jetzt ist auch dass, was der Buddha in seinem Schweigen ausdrückt. Er schweigt nicht, weil er Nihilist oder Agnostiker ist, sondern sein Schweigen deutet auf die Zurückweisung der verschiedenen Standpunkte hin, es erlaubt kein Festhalten an einem bestimmten Standpunkt, weil ja gerade dies den Streit unter den Standpunkten verursacht.

Vom „entweder - oder“ zum „sowohl - als auch“ und darüber hinaus zum „sowohl entweder - oder als auch sowohl - als auch“

Dies ist nicht das postmoderne „anything goes“!

Karl Jaspers:

„Hier wird die Dialektik zum Mittel des Aufhebens des Denkens in das Undenkbare, das, am Maße des Denkbaren, weder Sein noch nichts, ebenso sehr beides, aber auch nicht einmal in solchen Aussagen fassbar ist.“ (11)

Nebenbei und in diesem Zusammenhang nur am Rande bemerkt: Einige Worte weniger täten uns immer wieder ganz gut. In diesem Zusammenhang bin ich auf eine interessante Untersuchung gestoßen:

Der Kognitionspsychologe Jonathan W. Schooler hat in interessanten Studien gezeigt, dass Menschen, die aufgefordert wurden, sich Gesichter zu merken und diese dann in einer Aufeinanderfolge von Bildern identifizieren sollen, wenig Schwierigkeiten haben. Bittet man diese Menschen aber, das Gesicht zuerst in Worten zu beschreiben und es dann zu identifizieren, gelingt es ihnen schon viel weniger gut, die Gesichter wiederzuerkennen. Schooler nennt diesen Effekt »verbales Überschatten« und meint damit eine Störung der visuellen Prozesse durch verbale Prozesse. Verbale Prozesse stören besonders jene Entscheidungen, die von uns verlangen, unsere „Intuition“, „Einsicht“ oder unser „Blitzurteil“ (snap judgment) zu benutzen. Mit anderen Worten, es gibt Dinge, die uns schlicht besser ohne Worte gelingen, also ohne zu verbalisieren, was wir tun und warum wir es tun. (12)

 

Gestalttherapie: Everything changes.

Buddhismus: Was nicht vergeht, ist das Vergehen selbst.

 

Zum Abschluss möchte ich einen meiner Lieblingssätze – von Dogen – zitieren, der für mich einer der trostreichsten und unterstützensten Sätze ist, die ich aus dem Buddhismus kenne: „ ... daher ist Leben, was ich leben lasse und ich bin, was Leben mich sein lässt ...“ (13)

 

Anmerkungen

01 Das stammt aus einem Gedicht des chinesischen Zen-Meisters Chösa Keishm [Changsha Jingcen, 854-935]:

Regungslos sitzt er auf der Dreißigmeter-Stange;

Er hat [den Weg] betreten und ist nicht wirklich [ein Mann] des Weges.

Einen Schritt über die Spitze der Dreißigmeterstange hinaus!

Die Welt der Zehn Richtungen ist der ganze Körper (der Person)

02 Meister Dogen: Shobogenzo - Zuimonki - Unterweisungen zum wahren Buddhaweg, Aufgezeichnet von Koun Ejo; ­herausgegeben und kommentiert von Shohaku Okumura mit einem Geleitwort zur Deutschen Ausgabe von Fumon Shoju Nakagawa, S.49ff

03 Majjhin - Nikaya - M 1 480f

04 Patanjalis Yoga Sutra / 6: Erkennen, Verkennen, Einbildung, Schlaf, Erinnerung - Übersetzung Egbert Richter Ushanns, S. 15

05 Wanting Enlightenment is a big mistake - Teaching of Zen Master Sueng Sahn - Compiled and edited by Hyon Gak - ­Foreword by Jon Kabat - Zinn, Boston, London 2006, Seite 145f

06 F.S. Perls: Gestalt - Wachstum - Integration; Aufsätze, Vorträge, Therapiesitzungen, Paderborn 1980, Seite 256

07 Frederick S. Perls: Gestalttherapie in Aktion, Stuttgart 1974, Seite 52

08 Frederick S. Perls: Das Ich, der Hunger und die Aggression - Die Anfänge der Gestalttherapie, Stuttgart 1978, Seite 113

09 Frederick S. Perls: Das Ich, der Hunger und die Aggression - Die Anfänge der Gestalttherapie, Stuttgart 1978, Seite 118

10 Taisen Deshimaru: Fragen an einen Zen Meister, Seite 134f

11 Karl Jaspers: Lao tse, Nagarjuna, München 1978, Seite 93

12 Jonathan W. Schooler, Stella Ohlsson und Kevin Brooks: Thoughts beyond Words. When Language Overshadows Insight, in: Journal of Experimental Psychology, 122:2, 1993, S. 166-183

13 Dogen - Shobogenzo - Ausgewählte Schriften - Zweisprachige Ausgabe - Übersetzt und herausgegeben von Ryosuke Ohashi und Rolf Elberfeld, Stuttgart 2006. Dieser Satz ist aus dem Kapitel „Zenki“ des Shobogenzo. Im Anhang (meines Buches) habe ich das vollständige Kapitel angefügt; es ist nicht ohne weiteres verständlich – gleichwohl ist es eine sehr lohnende Sache, sich mit diesem Kapitel zu beschäftigen. Es gibt auch andere – vermeintlich „einfachere“ Übersetzungen des Shobogenzo; ich empfehle jedoch nachdrücklich diese Fassung!

Praxisadressen von Gestalttherapeuten/-innen

Foto: Bruno M. Schleeger

Bruno M. Schleeger

Bruno M. Schleeger, Jahrgang 1948. Verheiratet, zwei Söhne; Volksschule, ein bisschen Humanistisches Gymnasium, wieder Volksschule. Starkstromelektriker, Abendschule, Krankenpfleger, So­zialarbeiter, Psychologe. Ausbildung in Psychodrama; in Gestalttherapie am Hartfort Family Institute in Hartfort, Connecticut. Psychologischer Psychotherapeut und Kinder- und Jugendtherapeut. Buddhistische Praxis seit ca. 40 Jahren. Mitbegründer des Analytischen Gestaltinstituts in Bonn; dort Ausbilder und Psychotherapeut. Leitung einer therapeutischen Wohngemeinschaft mit Drogenabhängigen nach dem "Day Top"-Konzept. Dann Arbeit in einem Erziehungsheim mit schwererziehbaren Kindern und Jugend­lichen. Dann in einem Heilpädagogischen Heim mit erwachsenen geistig Behinderten. Dort schwerpunktmäßig Arbeit mit Menschen mit leichter geistiger Behinderung und so genanntem "herausforderndem Verhalten". Zur Zeit heimübergreifend Teambe­-ratung zu den Schwerpunkten "Team­arbeit - Teamklima" sowie Arbeit mit aggressiven Menschen mit geistiger Behinderung. Ein weiterer Schwerpunkt sind Fortbildungen zu den Themen "Achtsame Begegnung" und "Umgang mit Menschen mit ‚herausforderndem Verhalten'". "Mein Leben spielt sich ab zwischen den Sätzen: ,Alles ist, was es ist' und ,sometimes something needs to be done' - und das ist gut so."

Bruno M. Schleegers Buch "Und wo ist das Problem? Zen-Buddhismus und Gestalttherapie" ist 2008 in der Edition des Gestalt-Instituts Köln als erheblich erweiterte Neuauflage erschienen.

Vortrag anlässlich der 13. Jahrestagung des Förderkreises Gestaltkritik „Dialogische Gestalttherapie“ Köln, Samstag, 29. - Sonntag, 30. August 2009. Dieser Beitrag erscheint in unserer Zeitschrift als Erstverffentlichung. © Bruno M. Schleeger, 2009/2010.

Bitte beachten Sie auch Bruno Schleegers Workshop im Gestalt-Institut Köln: Der Weg: Gestalttherapie und Zen-Buddhismus.

Wenn Sie gleich zu dieser Seite gekommen sind, ohne bisher unsere Homepage besucht zu haben, so sind sie herzlich dazu eingeladen:
Homepage

Gestalt-Institut Köln - GIK Bildungswerkstatt
Einrichtung der beruflichen Weiterbildung
Rurstr. 9 / Eingang Heimbacher Str.
D-50937 Köln (Nähe Uniklinik)
Tel. 0221 - 416163
Fax. 0221 - 447652
eMail: gik-gestalttherapie@gmx.de

[Zum Seitenanfang]
[Gestaltkritik-Übersicht] [GIK-Homepage] [Gestalttherapie-Infoseite]
[eMail an uns]