Cover: Schleeger, Zen-Buddhismus u. Gestalttherapie

Bruno M. Schleeger
Und wo ist das Problem ...?
Zen-Buddhismus und Gestalttherapie

Wenn Sie etwas über Zen wissen, dann wird es mir vielleicht möglich sein, Ihnen etwas über Gestalttherapie zu vermitteln.“ So antwortete Fritz Perls, der Mitbegründer der Gestalttherapie, auf die Frage, was es mit dieser auf sich habe.

In der Tat gibt es viele Berührungspunkte zwischen Zen-Buddhismus und Gestalttherapie: die positive Sicht des Menschen, der als Ganzheit geboren wird, die Betonung des Hier-und-Jetzt, die unvollendete Gestalt, die uns daran hindert, in unserer Entwicklung weiterzugehen, die Suche nach einer spirituellen Heimat und die Begleitung durch den Therapeuten oder Meister auf dem Weg zur Selbstfindung.

Edition Gestalt-Institut Köln / GIK Bildungswerkstatt
im Peter Hammer Verlag, Wuppertal 2008
428 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen, 24,90 Euro

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 Praxisadressen von Gestalttherapeuten/-innen

 

Inhalt des Buches:

Geleitwort der Herausgeber (Leseprobe I), S. 7

Einleitung (Leseprobe II), S. 11

Zen-Buddhismus und Gestaltpsychologie / Gestalttherapie (Leseprobe III), S. 23

Wir kommen als geschlossene Gestalt zur Welt, S. 75

Hier und jetzt – Wachstum als Prozess, S. 107

Die Überwindung des dualistischen Weltbildes, S. 187

Das unerledigte Geschäft, S. 249

Die Suche nach dem Sinn, S. 265

Transfer, S. 285

Unterstützung, S. 331

Epilog, S. 395

Anhang 1: Die Persönlichkeitsstrukturen in der Gestalttherapie, S. 398

Anhang 2: Die Vier edlen Wahrheiten und der Achtgliedrige Pfad, S. 403

Literaturverzeichnis, S. 407

Anmerkungen, S. 414

 

Und hier die Leseproben:

Leseprobe I:
Geleitwort der Herausgeber

"Im Jahre 50 v.Chr. waren die Gallier nach langem Kampf von den Römern besiegt worden. War ganz Gallien besetzt? Nein! Ein von unbeugsamen Galliern bevölkertes Dorf hörte nicht auf, den Eindringlingen Widerstand zu leisten …" (Aus: Asterix der Gallier)

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts. In der ersten und zweiten Welt hatten Technik und Politik die Natur unterworfen und die Köpfe der Menschen kolonialisiert. Alle? Nein! Eine kleine interdisziplinäre Gruppe von Wissenschaftlern rund um das Jüdische Lehrhaus an der Universität in Frankfurt am Main hörte nicht auf, sich für eine dialogische Beziehung von den Menschen zur Natur und von Mensch zu Mensch einzusetzen. Darunter Martin Buber, der Philosoph des Dialogs. Aber auch all jene, die später unter dem Namen „Frankfurter Schule der Sozialwissenschaften“ bekannt wurden – Max Horkheimer, Theodor W. Adorno, Walter Benjamin … In Wien, Frankfurt und Leipzig entstand der Versuch, die menschliche Wahrnehmung als Ganzheit – als Gestalt – zu begreifen. Der Arzt Kurt Goldstein, der Versehrte des schrecklichen Krieges – Auftakt eines noch schrecklicheren Krieges – betreute, ­erkannte die Fehler einer mechanistischen Sicht auf den menschlichen Körper und das Denken. Nicht zu vergessen die Bewegung der Phänomenologen in der Philo­sophie mit Edmund Husserl an der Spitze. Allesamt waren sie auf der Suche nach ­einem ­neuen Umgang der Menschen mit Natur und Mitmenschen, jenseits von ­Unter­werfung und Ausbeutung.

In ihrer Suche wandten sie ihren Blick auch nach Osten. Sie beschäftigten sich mit Yogatraditionen und (Zen-)Buddhismus. Dabei erschlossen sie den Schatz eines anderen Verhältnisses zu Natur und Mensch. Betrachtung und Begegnung anstatt Unterwerfung und Ausbeutung rückten wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit.

Die Studenten Fritz Perls und Laura Posner besuchten die Vorträge von Buber, Goldstein und Husserl. Als sie später, nach dem zweiten Weltkrieg in den USA, die „Gestalttherapie“ entwickelten, machten sie den Buddhismus und die dialogische Philosophie von Martin Buber neben dem gestaltpsychologischen Ansatz von Kurt Goldstein zu einer wichtigen Grundlage ihres humanistischen Ansatzes.

Wir haben Bruno Schleegers Buch, das die Gedankenwelt des Zen-Buddhismus mit der Gestalttherapie zusammendenkt, schon in den 1990er Jahren gelesen und geschätzt. Leider ist es schon lange vergriffen. Als wir im letzten Jahr mit dem Autor Kontakt aufgenommen haben, erfuhren wir, dass er an dem Buch „immer weiter geschrieben“ habe. Darum können wir Ihnen, liebe Leserin und lieber Leser, nun nicht bloß eine Neuauflage dieses Klassikers der Gestalttherapie vorlegen, sondern eine neue, stark überarbeitete und vor allem um viele neue Gedanken erweiterte Ausgabe. Das Buch ist inzwischen fast doppelt so dick wie 1992. Noch reicher. Voller ­Gedanken und Geschichten. Voller Assoziationen und Querverbindungen. Und mit einer Menge an Anregungen für die therapeutische Praxis.

Wir hoffen, dass Sie an dem vorliegenden Buch viel Freude haben und es für Ihr eigenes Wachstum und das Ihrer Klientinnen und Klienten nutzen können.

Köln, im März 2008

Anke und Erhard Doubrawa, Herausgeber

Gestalt-Institut Köln GIK

www.gestalt.de

 

Leseprobe II:
Bruno M. Schleeger: Einleitung

Über Zen zu reden oder zu schreiben, bedeutet einer Schlange Füße anzukleben.

Hui Neng (638-713)

Über Gestalttherapie zu reden oder zu schreiben, bedeutet Elefantenscheiße zu verzapfen!

Friedrich S. Perls (1873-1970)

Zwischen Zen-Buddhismus und Gestalttherapie finden sich sehr viele Parallelen sowohl in Bezug auf das Menschenbild als auch in Bezug auf die Praxis, auch wenn wir uns davor hüten sollen, beide Wege voreilig gleichzusetzen; Meditation ist kein Ersatz für Therapie und eine Therapie kann die spirituelle Suche nicht ersetzen; sie können sich ergänzen, nicht aber ersetzen.

Eine erste sehr markante Gemeinsamkeit zeigen jedoch bereits die beiden kurzen Zitate: Sowohl im Zen-Buddhismus als auch in der Gestalttherapie geht es um Dinge, um Erfahrungen, die sich der theoretischen Beschreibung entziehen, die nur im Tun erfahrbar sind. Zen kann man nicht beschreiben – das, was ich beschreibe, kann kein Zen sein.

Fritz Perls hat sich in seinen Schriften an verschiedenen Stellen mit dem Zen-Buddhismus auseinandergesetzt; durch seine Supervisorin Karin Horney kam er in Berührung mit Zen. Und Zen, zumindest intellektuell, erschien ihm als die Befreiung von all dem pessimistischen und düsteren Dogmatismus der Psychoanalyse, wie er selbst sagte, „von dem ganzen Freud’schen Mist“.

Ich will versuchen, wesentliche Berührungspunkte zwischen Zen-Buddhismus und Gestalttherapie zu beschreiben. Damit meine ich:

  • die positive Sicht des Menschen, der als Ganzheit geboren wird
  • die Betonung des Hier und Jetzt
  • das Überwinden des dualistischen Weltbildes
  • das unerledigte Geschäft oder die inkomplette Gestalt, die uns daran hindert, in unserer Entwicklung/unserem Prozess weiterzugehen
  • die Suche nach einer spirituellen Heimat/die Frage nach dem Sinn
  • Transfer: Zen und Praxis des Alltags/Gestalttherapie und Alltag
  • Unterstützung durch den Therapeuten bzw. den Meister als Begleitung auf dem Prozess der Selbstwiederfindung

Eine wichtige Gemeinsamkeit besteht in der Betonung spontaner Kreativität als Ausdruck ursprünglicher, direkter, „unverfälschter“ Energie. Intellektuelle Logik wird als Motor des Wachstums abgelehnt. Die Antwort auf einen Koan lässt sich nicht durch intellektuelle Arbeit finden; eine Biographie nicht durch abstrakte Logik erklären.

Meister Mumon: Wenn Du mit Deinen Augen siehst und mit Deinem Ohr hörst, kannst Du es nicht erlangen.

Oder: Der folgende Satz ist falsch. Der vorhergehende Satz ist richtig.

Mein Sohn fragte mit 4 Jahren: „Papa, aus welchem Material ist eigentlich eine Holz-Eisenbahn?“ Wenn das kein Koan ist …

 

In dieser unlogischen, vermeintlichen Absurdität wächst Zen-Bemühen; ein Versuch, mit neuen Mitteln zu neuen Zielen zu gelangen, dies versucht Gestalttherapie. Perls:

„ … ich glaube nicht, dass Worte überhaupt etwas vermitteln können, besonders über Gestalttherapie. Vielleicht kennen einige von Ihnen eine eigentümliche Philosophie, den Zen-Buddhismus. Wenn Sie etwas über Zen wissen , … dann wird es mir vielleicht möglich sein, Ihnen etwas zu vermitteln.“ (1)

Dies soll weder ein Lehrbuch über Gestalttherapie, noch eines über Zen-Buddhismus werden. Was ich hier auch nicht will – und kann – ist, Gestalttherapie und Zen-Buddhismus zu definieren. Ich möchte voraussetzen, dass sowohl Gestalttherapie als auch Zen-Buddhismus dem Leser – zumindest grundsätzlich – bekannt sind. (2) Die Begriffe Zen-Buddhismus und Gestalttherapie sind allgemein oder bei Interessierten etwas klarer umrissen als der eher schwammige Begriff der ‚Spiritualität‘. Statt einer Definition sei hier kurz eine Studie erwähnt, in der der Begriffbereich ‚Spiritualität‘ anhand von neun Dimensionen erfasst wurde. Ich finde, diese Auflistung beschreibt gut, worüber wir sprechen wollen.

Die neun Dimensionen von Spiritualität entwickelten James Elkins et al.3 nicht nur qua Literaturstudium, sondern in eingehenden Gesprächen mit spirituellen Führern aus den verschiedensten Religionen. Im Folgenden sind die Dimensionen aufgelistet:

1. Transzendenz: „Es gibt eine transzendente Dimension des Lebens.“

2. Sinn- und Zweckhaftigkeit: „Das Bedürfnis nach Sinn- und Zweckhaftigkeit ist eine der stärksten menschlichen Triebkräfte.“

3. Lebensmission: „Das Leben ist dann am wertvollsten, wenn es im Dienste einer wichtigen Aufgabe geführt wird“.

4. Heiligkeit des Lebens: „Dass die einfachen Völker die Natur als heilig verehrten, ist für mich Weisheit.“

5. Materielle Werte: „Obschon Geld und Besitz für mich wichtig sind, finde ich die tiefste Befriedigung durch spirituelle Faktoren.“

6. Altruismus: „Ich bin schnell und tief betroffen, wenn ich menschliches Elend und Leid sehe.“

7. Idealismus: „In allem, was ich tue, habe ich einen tiefen und positiven Glauben an die Menschheit.“

8. Bewusstsein für die Tragik: „Offensichtlich sind Schmerz und Leid notwendig, damit wir unser Leben prüfen und neu orientieren.“

9. „Früchte“ der Spiritualität: „Der Bezug zur transzendenten, spirituellen Dimension half mir, persönlichen Stress zu verringern.“

Ich möchte jedoch einige grundsätzliche Gedanken zur Gestalttherapie und zum Zen-Buddhismus, soweit sie zum Verständnis des Buches hilfreich sein können, im Anschluss an diese Einleitung darstellen.

Dies soll ein Buch vom Suchen sein; Suchen, Wählen und Aufnehmen; und alles immer wieder aufs Neue. Als Dogen Zenji in China Buddhismus studierte, fragte ihn ein Lehrer, warum er buddhistische Schriften läse. Dogen Zenji sagte: „Ich möchte wissen, was die Lehrer der Vergangenheit taten“. Der Lehrer fragte: „Wozu denn?“ Dogen Zenji sagte: „Ich würde gerne allen Wesen helfen, da sie so viel Leiden zu ertragen haben.“ Und der Lehrer fragte wiederum: „Wozu denn?“ und Dogen Zenji entgegnete: „Früher oder später würde ich gerne zurück nach Japan gehen und den Menschen auf den Dörfern helfen.“ Der Lehrer fragte weiter: „Wozu denn?“ Schließlich schwieg Dogen Zenji und sagte nichts mehr. Es gibt auch nichts zu sagen. Nichts mehr sagen können heißt hier, dass ihn die Fragen in die Enge gedrängt haben; schließlich wusste er nichts mehr zu antworten.

Dieses Leiten in der Suche nach dem Grund des Grundes des Grundes … ist ein schönes Beispiel. Letztlich haben wir uns nur selbst, hier und jetzt und unsere – immer wieder neue – Entscheidung, irgendetwas zu tun oder zu lassen.

So sind wir alle „Zwiebelschäler“: Warum-Schicht für Warum-Schicht tragen wir ab, um zum Kern unserer Persönlichkeit, der geschlossenen Gestalt, die wir einmal waren, vorzudringen. Dies ist nicht einfach und erfordert Zeit und immerwährende Geduld. In der Therapie mit meinen Klienten versuche ich dieses Zwiebelschälen nicht durch „wozu denn, wozu denn – warum, warum …“ zu bewerkstelligen, sondern durch „ … und … wo ist das Problem …?, … und … wo ist das Problem …?“ zu er­reichen:

„Ich fühle mich im Kreise von mehreren Leuten oft un­sicher“.

„ … und … wo ist das Problem …?“

„ Dann fange ich an zu stottern und werde rot.“

„ … und … wo ist das Problem …?“

„ … Ich fühle mich dann ständig beobachtet und traue mir nichts mehr zu.“

„ … und … wo ist das Problem …?“

„ … dann werde ich wütend auf mich und auf alle anderen .“

„ … und … wo ist das Problem …?“

„ … dann ziehe ich mich zurück, werde unzufrieden mit allem und jedem und werde zynisch.“

„ … und … wo ist das Problem …?“

… ?

… ?

Davon handelt dieses Buch.

 

Noch einige Sätze zur Entstehungsgeschichte dieses Buches: Seit vielen Jahren arbeite ich mit Gestalttherapiegruppen. Gerne erzähle ich in diesen Gruppen Geschichten und das, was mir – z.B. durch die Arbeiten ausgelöst – so alles einfällt. Dazu habe ich dann auch mal den einen oder anderen „Spickzettel“. Immer wieder kam dann aus der Gruppe der Wunsch „schreib’ das doch mal alles auf“ „mach’ doch mal ein Buch daraus …“ Einige aus den Gruppen haben sogar Mitschnitte angefertigt und zu Papier gebracht. Als dann noch eines der Gruppenmitglieder selber einen Verlag hatte, war es um das Erzählte geschehen; es wurde zum Buch.

Es gibt daher auch kaum einen „roten Faden“, alles ist eher assoziativ entstanden. Ich glaube, man kann das Buch immer irgendwo aufschlagen – es ist nicht notwendig, es von vorne nach hinten in einem „Rutsch“ zu lesen. Dies war auch nie mein Ziel. Der Leser mag das Buch mal hier, mal da aufschlagen – es entsteht dann immer wieder neu in seinem Inneren, sei es durch Zustimmung, durch „Aha-Erlebnisse“ oder durch heftigen Widerspruch … Vielleicht ist es ja mit diesem Buch ähnlich, wie Perls es in den Vorbemerkungen zu „Gestalttherapie – Lebensfreude und Persönlichkeitsentfaltung“ beschrieben hat:

„Sowohl für das Schreiben als auch für das gründliche Verständnis des Buches ist eine Haltung unerlässlich, die als Theorie wirklich den Inhalt und die Methode des Schreibens durchdringt. Der Leser wird daher offensichtlich vor eine unmögliche Aufgabe gestellt: Um das Buch zu verstehen, muss er die ‚Gestaltisten‘ – Mentalität haben, um sich diese aber aneignen zu können, muss er das Buch verstehen.“ (4)

Mein Ziel war es auch, Gedanken zusammenzutragen, die sowohl in die Welt des Zen-Buddhismus als auch die der Gestalttherapie passen; am besten also solche, bei denen der Zuhörer zunächst gar keine entsprechende Zuordnung machen kann.

Eines ist mir aber noch ein wichtiges Anliegen: Es kann sein, dass sich in diesem Buch Zitate ohne speziellen Hinweis oder Quellenangabe befinden. Das sind dann Sätze oder Passagen, die ich irgendwann kopiert, abgeschrieben oder aufgeschnappt habe. Da ich nie an eine Veröffentlichung dachte, kann es sein, dass ich diese Notizen und Spickzettel nicht mehr zuordnen konnte. Auf keinen Fall war und ist es mein Ziel, mich mit „fremden Federn“ zu schmücken. Sollte also jemand sich ohne speziellen Hinweis zitiert sehen, so ist dies alleine mein – allerdings vollkommen unbeabsichtigtes – Verschulden.

 

Leseprobe III:
Bruno M. Schleeger: Zen-Buddhismus und Gestaltpsychologie/Gestalttherapie

Zen-Buddhismus ist keine Form der Therapie. Gestalt­therapie ist kein Weg zur ­Erleuchtung. Beide können sich ergänzen, nicht aber ersetzen. Früher dachte ich, die beiden Wege seien letztlich gleich und daher auswechselbar; dann dachte ich sie hätten nichts gemeinsam und es sei nur verwirrend, wenn jemand sie gleichzeitig ­gehe.

Heute bin ich der Meinung: „Es kommt drauf an.“ Beide Wege können einander ergänzen; und für jeden Menschen kann je nach der Entwicklungsphase – sei es im therapeutischen Prozess oder im spirituellen – eine Kombination beider Wege sinnvoll sein. Beiden gemein ist: Es gibt keinen Weg, keinen Trick, mit dem ich mich um mich selbst herummogeln kann. Was ich zu diesem Thema nächstes Jahr denke, weiß ich erst nächstes Jahr.

Winnicott: Das Fehlen einer psychoneurotischen Krankheit kann zwar Gesundheit bedeuten, jedoch nicht unbedingt Leben.

Freud: Die Psychoanalyse ist für sich nicht in der Lage, ein Ich hervorzubringen, dass stark und flexibel genug ist, um in der Therapie seine Ziele zu erreichen. (6)

Dieser Satz ist weniger erschreckend als es zunächst scheinen mag; trifft er doch sowohl auf den therapeutischen als auch auf den spirituellen Weg zu: Die Persönlichkeit, das Ich am Ende des Weges ist eine deutlich stärkere, integriertere als zu Beginn. Das Ideal in diesem Zusammenhang ist nicht das freie Ich, sondern ein Frei-sein vom Ich. Den ganzen Weg auf einmal würde der Anfänger logischerweise nicht gehen können. Es ist daher die Aufgabe des Lehrers die Schritte so groß zu gestalten, dass sie gerade noch gangbar sind, besser noch: ein wenig darüber liegen. Dieser Gedanke wird uns unter dem Stichwort von der Wachstumsgrenze noch genauer beschäftigen.

Schon alleine aus den beiden obigen Zitaten lassen sich die Verbindung, aber auch die Notwendigkeit der beiden Wege gut herleiten – will man nicht auf halbem Wege stehen bleiben. Was haben sich diese Wege einander zu geben. Viele Jahre bin ich mir schon im Klaren darüber, dass Meditation und Psychotherapie einander wichtiges zu bieten haben und dass viele Menschen beides sehr dringend brauchen. Am Anfang hatte ich den Eindruck, es ergäbe ein lineares Entwicklungsmodell Sinn: zuerst Therapie, dann Meditation; zuerst das Selbst konsolidieren, dann es loslassen. Zuerst das Ich, dann die Ich-Losigkeit. Diese Auffassung war jedoch naiv und wohl das Resultat einer falschen Dichotomie. Fortschritte auf dem einen Weg schienen die Fähigkeit, auch den anderen zu gehen zu steigern. Die Weigerung dies zu tun schien auf beiden Wegen in die Sackgasse zu führen. Ist es vielleicht doch möglich, so frage ich mich, dass beide Hand in Hand arbeiten? Können beide Systeme tatsächlich mit verschiedenen Mitteln auf gemeinsame Ziele (wenn sie diese denn überhaupt haben) hinführen? Noch einmal Freud:

„Die analytische Situation besteht bekanntlich darin, dass wir uns mit dem Ich der Objektperson verbünden, um unbeherrschte Anteile ihres Es zu unterwerfen. … Das Ich, mit dem wir einen solchen Pakt schließen können, muss (allerdings) ein normales Ich sein. Aber ein solches Normal-Ich ist, wie die Normalität überhaupt, eine Idealfiktion. Das abnorme, für unsere Absichten unbrauchbare Ich ist leider keine.“ (7)

In diesem Punkt hat der Buddhismus der Psychotherapie am meisten zu bieten, weil die buddhistische Praxis Methoden der mentalen Entwicklung ermöglicht, die direkt auf das einwirken, was Freud hier das ‚abnormale Ich‘ nennt. Mit der Anwendung dieser Methoden macht das Ich eine Metamorphose durch, und die Therapie wirkt dann weniger bedrohlich.

Die beiden Wege haben sich in den letzten Jahren aufeinander zu bewegt. Meine – ganz subjektive – Erfahrung dabei ist allerdings, dass sich die therapeutische Welt weitaus leichter damit tut, auch die spirituelle Dimension zu sehen als umgekehrt buddhistische Kreise mit therapeutischem Gedankengut umgehen. Hierzu auch ­Oliver Petersen, der Therapeut und buddhistischer Lehrer ist:

„Ich glaube, dass es deshalb auch in der buddhistischen Szene starke Widerstände gibt, sich therapeutisch zu beschäftigen. Es geht in dieser Arbeit eben um sehr konkrete persönliche Fragen, die zu oft zunächst sehr schmerzhaft sind und für ein narzisstisches Selbstbild nicht sehr angenehm. Eigentlich möchte man auch nicht an diesen Dingen rühren und etwas verändern, weil sie als Überlebensstrategien benutzt werden. Wenn man aber echte Freiheit anstrebt, geht kein Weg an dieser Aufdeckung vorbei. Leichter ist es natürlich, sich auf der quasi ­unanfechtbaren Ebene abstrakter Philosophie zu bewegen. Diese ewigen Wahrheiten werden dann nicht auf die konkrete Situation angewandt und dienen als Vermeidungsstrategie gegenüber persönlichen Zumutungen.“ (8)

Wenn wir über die Verbindung dieser beiden Wege sprechen, ist es sinnvoll sich auf beiden Gebieten auszukennen. Mir sind jedoch kaum Menschen bekannt, von denen ich mit Fug und Recht sagen könnte, dass sie auf beiden Feldern ausreichend be­wandert sind, um sich sinnvoll zu äußern. Das Problem ist ja – wie wir noch sehen werden – eine Ebene tiefer: Was ist Buddhismus, was Zen-Buddhismus, was ist Psychotherapie, was Gestalttherapie? Sprechen wir überhaupt von den gleichen Dingen – auch wenn wir die gleichen Worte benutzen? Was nennen wir ‚krank‘ und was ‚gesund‘? Ich habe da meine Zweifel. Sich auf dem Feld des jeweils anderen – zumindest rudimentär – auszukennen, ist aber eine Grundvoraussetzung zum Dialog. Der Gestalttherapie und den Gestalttherapeuten hat man bislang – meist auch zu recht – ­eine gewisse Theoriefeindlichkeit nachgesagt. Dies hängt wohl mit der – angeb­lichen – Theoriefeindlichkeit des Gestalttherapie-Über-Vaters Fritz Perls zusammen. Die Forderung – die sowohl in der Gestalttherapie als auch im Zen-Buddhismus immer wieder erhoben wird, nämlich „nicht zu denken“, führt nicht selten zu blinder Naivität und Dummheit und für manche Menschen bedeutet ‚Nachdenken‘ lediglich umsortieren eigener Vorurteile.

„Du hörst zu“, sagte der Meister, „nicht um zu entdecken, sondern um auf etwas zu stoßen, was dein eigenes Denken bestätigt. Du argumentierst, nicht um die Wahrheit zu finden, sondern um deine Ansichten zu verteidigen.“

Dann erzählte er die Geschichte von einem König, der einmal durch eine kleine Stadt zog und überall Anzeichen einer verblüffenden Schießkunst feststellte. Bäume, Zäune und Wände waren mit Kreisen bemalt und hatten genau in der Mitte ein Einschussloch. Er fragte, wo dieser Meisterschütze sei, der sich bald als ein zehnjähriger Junge entpuppte.

„Das ist doch unglaublich“, sagte der König erstaunt. „Wie um alles in der Welt bringst du das fertig?“

„Kinderleicht“, war die Antwort. „Ich schieße zuerst und male dann die Kreise.“

„Ebenso ziehst du zuerst deine Folgerungen und baust dann deine Prämissen um sie herum auf“, sagte der Meister. „Ist es nicht derselbe Weg, den du einschlägst, um an deiner Religion und deinen Theorien festzuhalten?“

In den letzten Jahren sind im Bereich Gestalttherapie und Theorie zwei wichtige Entwicklungen feststellbar: Zum einen finden wir in vielen Fachaufsätzen und Fachbüchern wichtige theoretische, fundierte Beiträge über die Gestalttherapie. Zum anderen wird aber auch mehr und mehr klar, dass Herr Perls so theoriefeindlich, wie er sich – besonders in seiner ‚wilden‘ Zeit – gerne selber darstellte, wohl gar nicht war.

Was bleibt ist, dass theoretisches Wissen kein Motor für organismisches Wachstum aus sich selber heraus ist. Bücher oder Wissen ersetzen nun mal keine Erfahrung, keine Therapie. In diesem Punkt sind sich Gestalttherapie und Zen-Buddhismus vollständig einig.

Frage: „Stellen Sie der anderen Person Fragen über sich selbst oder darüber, wie sie sich fühlt, um ihr damit zu einem besseren Verständnis ihrer Selbst zu verhelfen?“

Lama: „Manchmal tue ich das, aber für gewöhnlich nicht. Einige Leute haben recht spezifische Probleme; In solchen Fällen kann es hilfreich sein, diese zuerst genau zu kennen, damit wir genau passende Lösungen anbieten können. Aber das ist normalerweise nicht notwendig, weil im Grunde alle die gleichen Probleme haben.“

Frage: „Wie viel Zeit verbringen sie im Gespräch mit einer Person, wenn Sie herausfinden wollen, welches Problem sie hat und wie man damit umgehen kann? Wie sie wissen, verbringen wir in der westlichen Psychiatrie viel Zeit mit den Patienten, wenn wir ihnen helfen wollen, die Natur ihrer eigenen Probleme zu erkennen. Machen sie das auch so oder anders?“

Lama: „Mit unseren Methoden müssen wir nicht soviel Zeit mit den einzelnen Menschen verbringen. Wir erklären die grundlegende Natur der Probleme und die Möglichkeit, sie zu überwinden. Dann lehren wir grundlegende Techniken, wie sie mit den Problemen arbeiten können. Sie wenden diese Techniken daraufhin an … “

Frage: „Sie sagen, jeder habe grundsätzlich die gleichen Probleme?“

Lama: „Ja, richtig. Ob im Osten oder im Westen, es geht im Grunde um das gleiche. Aber im Westen müssen alle Menschen zuerst klinisch krank sein, bevor man sie als krank bezeichnet. Für uns ist das zu oberflächlich. Buddhas Psychologie und der Erfahrung der Lamas zufolge, ist Krankheit etwas tiefer als die klinischen Symptome. Solange es einen Ozean der Unzufriedenheit in euch gibt, entstehen schon dadurch kleinste Veränderungen in eurer Umgebung: Probleme. Nach unserem Ansatz ist bereits diese Anfälligkeit für künftige Probleme ein Hinweis darauf, dass der Geist nicht gesund ist. Wir alle gleichen uns darin, dass unser Geist unzufrieden ist. Deshalb kann uns schon eine kleine Veränderung in unserer Umgebung krank machen. Warum? Weil das Grundproblem in unserem Geist liegt. Es ist sehr viel wichtiger, das Grundproblem zu beseitigen, als die ganze Zeit zu versuchen, oberflächliche emotionale Probleme zu bewältigen …“

Frage: „Ist mein Grundproblem das gleiche wie sein Grundproblem?“

Lama: „Ja, das Grundproblem von allen ist die so genannte ‚Unwissenheit‘. Wir verstehen die Natur des unzufriednen Geistes nicht …“ (9)

Diese drei Frage- und Antwortbeispiele sind sehr interessant. Sie zeigen gut, wo nach meiner Meinung Unterschiede zwischen beiden Wegen und Schwierigkeiten in der Verständigung miteinander sein können.

Zunächst wundert es mich, dass ein tibetischer Lama hier das zu tun scheint, was eigentlich die Aufgabe eines Psychotherapeuten sein sollte. Zu einer solchen Grundhaltung scheint er sich ermächtigt zu fühlen, weil er wohl davon ausgeht, dass sein Hintergrund, sein Menschenmodell alle Menschen und daher auch deren möglichen Probleme und Krankheiten umfassend beschreibt. Dies mag auf einem sehr abstrakten Niveau auch stimmen; doch ich habe Zweifel, ob das Abstrakte das Konkrete ­heilen kann. Wenn Meditierende einen gewissen Grad der Reife beim Zazen erreicht ­haben, bekommt ihr Leben und alles, was sie tun, eine gleich bleibende Klarheit und Integrität. Diesen Weg zu beschreiten, bzw. davon profitieren zu können, setzt jedoch eine „Grundgesundheit“ voraus.

Die Unwissenheit des Geistes ist bestimmt eine grundlegende Ursache vielen Übels. Ähnlich können wir ja auch sagen, dass die Aussagen der Vier edlen Wahrheiten auf alle Menschen zutreffen und dass ihnen zufolge die so genannte Anhaftung das zentrale Problem sei. (10) Auf diesem abstrakten Niveau stimme ich dieser Aussage ja auch zu. Doch diese generelle Aussage hat für mich noch keine therapeutische Bewandtnis. Die entsteht erst dann, wenn wir zusammen herauszufinden versuchen, wie, wodurch, auf welche Art und Weise, unter welchen Bedingungen diese generelle Aussage ganz konkret sich in meinem Leben negativ niederschlägt.

Ich mache es vielen Diskussionspartnern aus der buddhistischen Welt zum Vorwurf, dass sie der Meinung sind, in dem Augenblick, wo sie die Vier edlen Wahr­heiten und den Achtfachen Pfad zitieren und beschreiben, sprächen sie schon über Psychotherapie oder diese geschähe sogar schon.

Das wäre als würde ich – psychoanalytisch gesehen – sagen: Es ist ein Grund­thema aller Menschen, dass das Über-Ich und das Es ständig im Streit um die Herrschaft über das Ich sind und dass es darum gehe, dass ‚wo Es war, Ich werden sollte‘. Oder mit dem Modell der Gestalttherapie beschrieben:

„Wenn der homöostatische Prozess bis zu einem gewissen Grade versagt, wenn der Organismus zu lange in einem Zustand des Ungleichgewichts bleibt und ­seine Bedürfnisse nicht befriedigen kann, ist er krank. Wenn der homöostatische Prozess ganz versagt, stirbt der Organismus.“ (11)

Beide Aussagen sind vollkommen richtig; nur mit praktischer Therapie haben sie noch nichts zu tun! Sie dienen höchstens dazu, sich mit Abstraktionen um die oft schmerzvolle therapeutische Klein-Klein-Arbeit herum zu stehlen.

Ein Grundirrtum ermöglicht solche Gedanken besonders: Was will, was kann Therapie, und wer braucht Therapie? Ohne sie zu bewerten, möchte ich zwei Schwerpunkte therapeutischer Arbeit nennen:

  • Auf der einen Seite sehe ich den Bereich, wo es um Verbesserung von Lebensqualität geht. Das Leben des Klienten ist ,im großen und ganzen‘ in Ordnung, Wohlbefinden, Zufriedenheit und Lebendigkeit wollen sich jedoch nicht einstellen.
  • Auf der anderen Seite sehe ich diejenigen Klienten, die ohne therapeutische Hilfe zumindest für einen begrenzten Zeitraum kaum (über-)lebensfähig wären.

Könnte man bei der ersten Kategorie noch die beiden Wege in etwa gleichsetzen, so wäre dies im zweiten Fall völlig falsch! Meditation ist keine Therapie und auch kein Therapieersatz. Umgekehrt gilt das gleiche! Der (Grund-)Irrtum beruht auf der ungerechtfertigten Gleichstellung von Meditation und Therapie der zweiten Kategorie.

Bei dem „Wellness-Klienten“ stellt sich die Frage der Unterschiedlichkeit der beiden Wege nicht und es ist auch relativ egal, in welcher Phase des Prozesses welcher der beiden Wege beschritten wird. Isadore From, einer der Mitbegründer der Gestalttherapie, betont eine klare Trennungslinie:

„… Jedoch auch andere Entwicklungen machten ihm [I. From] Sorgen, z.B. die notorische Affinität der Gestalttherapie zu ,Growth-Centers‘ sah er geradezu als Untergang der Gestalttherapie als Psychotherapie. ,Gestalttherapie beschäftigt sich nicht mit Wachstum, sondern mit den Auflösungen von Störungen von Wachstum’, sagte er mit Deutlichkeit. ,Therapie ist eine untergeordnete, triviale Disziplin, notwendig, aber trivial. Die Funktion des human-animalen Organismus’ ist es zu überleben. Um zu überleben, wächst es. Dies geschieht durch sich selbst in einem anregenden und ernährenden Feld. Gestalttherapie ist deshalb keine Methode zur Selbstverwirklichung, es ist kein Weg zur Persönlichkeitsgestaltung und zur Erreichung von persönlichem Glück. Sie ist vielmehr einfach Unterstützung zur Auflösung von Hindernissen beim Wachsen, jedoch keine Anleitung zum Wachstum selbst.‘ Mit dieser unmissverständlich scharfen Abgrenzung verteidigt I. From die Gestalttherapie als klinische, heilkundliche Psychotherapie und bewahrt sie vor einer Verramschung als Wachstums-Allheilmittel im Selbsterfahrungs-Psychomarkt.“ (12 )

Es ist wichtig, dass der Zen-Buddhismus nicht psychologisiert und nicht „therapeutisiert“ wird. Der Jesuitenpater Heinrich Dumoulin, einer der Pioniere und einer der besten Kenner des Zen unter den heutigen christlichen Religionswissenschaftlern, der fast zwei Jahrzehnte in Japan verbracht, der die meisten Zenmeister der Gegenwart in ihren Zenklöstern besucht und selber Zen geübt hat, hat sich bereits sehr früh und sehr nachdrücklich gegen die moderne Psychologisierung von Zen gewandt.

Dumoulin, der von seinem katholischen Standpunkt aus Zen durchaus positiv als „natürliche Mystik“ bewertet, bemüht sich, Zen vor einer Psychologisierung zu schützen und seine religiöse Substanz zu bewahren. Er weist mit Recht darauf hin, dass man Zen seines eigentlichen Wesens beraubt, wenn man das Zen-Erlebnis des Satori rein psychologisch interpretieren will.

„Es mag wohl sein, dass die Psychotherapie aus der Erfahrung des Zen brauchbare Hinweise für die Vervollkommnung ihrer Methoden empfängt. Doch ist dem Zen die Seele genommen, wenn es sein Dasein im psychologischen Laboratorium fristen soll. Aus dem religiösen Urtrieb des Menschen geboren und aus religiösen Quellen genährt, hat das Zen in vielen Jahrhunderten der Geschichte große religiöse Leistungen inspiriert. Die Psychologie kann nicht das letzte Wort über Wert und Brauchbarkeit des Zen sprechen.“ (13)

Er wendet sich hier auch explizit gegen C.G. Jung, der sich auch mit dem Zen-Buddhismus beschäftigt hat, aber das Satori-Erlebnis psychologisch und nicht vom Zen-Buddhismus her interpretiert.

Noch einmal Dumoulin:

„Auch Jungs Deutung des Satori-Erlebnisses als eines Durchbruchs des Unter­bewusstseins scheint eher für einen künstlich erzwungenen seelischen Explosionsvorgang als für eine echte Wirklichkeitserfahrung zu sprechen. Denn das Erfassen ins Unterbewusste gesunkener psychischer Gehalte besagt keine neue Wesensschau oder Geistberührung.“ (14 )

An dieser Psychologisierung des Zen trägt aber auch Daisetz Suzuki, der wichtigste Pionier, der den Zen-Buddhismus in den Westen gebracht hat, eine Mitverantwortung. Er hat, als er das zen-buddhistische Gedankengut seinerzeit nach Amerika brachte, seine Darstellungen anhand der Theorien und Kategorien des ‚Mystischen Erlebens‘ des amerikanischen Philosophen und Psychologen William James dargestellt. James nennt als Kennzeichen des mystischen Zustandes

  • Unaussprechlichkeit,
  • noetische Qualität,
  • Unbeständigkeit,
  • Passivität.

Basierend darauf nannte Suzuki die Merkmale: Irrationalität, Intuitive Einsicht, Autoritativer Charakter, Bejahung, Sinn für das ‚Drüben‘, Unpersönliche Färbung, Exaltationsgefühl und Augenblicklichkeit. Er vergleicht auch die Ideen Meister Eckhards und des Zen-Buddhismus, wenn er schreibt:

„Satori erfahren bedeutet, an oder in diesem Punkt – des ‚Seelenfunken‘ – Eckharts zu stehen, von dem aus wir in zwei Richtungen sehen können: In die Richtung auf Gott und die Richtung auf das Geschaffene hin. Anders ausgedrückt: Von hier aus wird das Endliche unendlich und das Unendliche endlich.“ (15)

Damit hat Suzuki sich dem westlichen Leser zwar begreiflich gemacht, sich aber gleichzeitig vom Zen-Erleben entfernt. Wenn mein Lehrer mir bestätigt, dass ich einen Wachstumsschritt gegangen bin, dann werde ich den Mund halten und mich freuen. In welche Kategorie dieser Schritt nun fällt, ist mir eigentlich recht egal!

Einige Würdenträger der Stadt waren in einem Zenkloster zu einem einfachen Mahl geladen. Um den Zen-Meister zu beeindrucken, unterhielten sie sich über höchst spirituelle Themen, über Wiedergeburt und Karma. Schließlich ergriff der Bürgermeister das Wort: „Verehrter Meister, uns würde vor allem ihre Meinung zum Thema Wiedergeburt interessieren.“ Der Meister schaute von seinem Teller auf, und sagte: „Haben sie schon einmal gekostet? Der Rettich schmeckt ausgezeichnet.“ Taisen Deshimaru Roshi:

„Beim Zazen konzentrieren sie sich auf die Haltung und lassen alles Übrige vorbeiziehen. Dann kommt das Unterbewusste hervor, denn wenn man sein bewusstes Denkens anhält, offenbart sich das Unterbewusste. Freud und Jung haben bereits darüber gesprochen. Jung ist ein tiefgründiger Psychologe. Er hat sich mit dem Zen aus den Büchern Professor D.T. Suzuki befasst. Aber jener Suzuki hatte keine Zazen Erfahrung, und es ist unmöglich, Zen zu verstehen wenn man Zazen nicht praktiziert.“ (16)

Ich stimme ihm hier zu, habe jedoch erhebliche Zweifel, ob der Roshi weiß, was für Freud und für Jung das Unterbewusste, das Unbewusste ist.

Ich will hier – mit allen Gefahren der Vereinfachung – kurz die grundlegenden Gedanken des Zen-Buddhismus beschreiben, in denen ich Parallelen zur humanistischen Psychologie oder zur Gestalttherapie sehe. Suzuki ist uns hier sehr behilflich, auch wenn mein verehrter Lehrer und Meister Taisen Deshimaru sich eher geringschätzig über Suzuki geäußert hat, weil er Wissenschaftler und nicht Praktizierender gewesen sein soll.

 

Anmerkungen:

001 Frederick Perls in einem Vortrag in New York im Rahmen einer Vortragsreihe des ,Cooper Union Forum‘ über das Selbst; abgedruckt in: F. Perls: Gestalt – Wachstum – Integration, S. 129

002 Sowohl zur Gestalttherapie als auch zum Themenbereich Zen-Buddhismus gibt es eine Vielzahl von Büchern; als Einführung können hilfreich sein:
Zum Thema Zen-Buddhismus: Hugo M. Enomiya Lassalle: Zen Weg zur Erleuchtung – Einführung und Anleitung, Freiburg, Basel, Wien 1987. Robert Aitken: Zen als Lebenspraxis, München 1988.
Wer etwas über Zen-Buddhismus wissen will, dem sei empfohlen: Stephan Schumacher: Zen, Kreuzlingen, München 2001.
Wer etwas über Zen-Buddhismus erfahren will, dem sei empfohlen: Fumon Nakagawa: Zen – weil wir Menschen sind, Berlin 1997. Soko Morinaga: Novice to Master – An ongoing lesson in the extent of my own stupidity, Summerville, Boston 2002.
Zum Thema Gestalttherapie: Ervin und Miriam Polster: Theorie und Praxis der integrativen Gestalttherapie, Wuppertal 2001. Axel Dinslage: Gestalttherapie – Was sie kann, wie sie wirkt und wem sie hilft, München 1990. Gerd Hansen und Diane Hansberg Schröder: Analytische Gestalttherapie, Bad Heilbrunn 1990.
In den letzten Jahren hat das Gestalt-Institut Köln/GIK Bildungswerkstatt eine Reihe von Büchern herausgebracht, die auch sehr zu empfehlen sind. Ihnen kommt vor allem das wichtige Verdienst zu, dass im deutschsprachigen Raum nicht mehr die Gleichung „Perls gleich Gestalttherapie“ und „Gestalttherapie gleich Perls“ gilt. Es ist gut, dass viele andere bedeutende Namen – auch aus der Pionierzeit der Gestalttherapie – bekannt gemacht worden sind. Die Einengung auf den Namen und die Person F.S. Perls – sogar seine Frau, Lore Perls, wurde ja lange eher als „Anhängsel“ denn als eigenständige Gestalttherapeutin angesehen – hat der Gestalttherapie nicht gut getan. An dieser überfälligen Öffnung hat die Arbeit des Gestalt-Institut Köln wesentlichen Anteil.

003 Zit. In: Anton Bucher: Psychologie der Spiritualität, S. 41

004 Perls, Hefferline, Goodman: Gestalttherapie (Band 1): Lebensfreude und Persönlichkeitsentfaltung, S. 14

005 Seng-Ts’an: Die Meißelschrift vom Glauben an den Geist: Das geistige Vermächtnis des dritten Patriarchen des Zen in China; mit Erläuterungen des modernen japanischen Zen-Meisters Soko Mozinaga Roshi, Bern 1991

006 S. Freud: Die endliche und die unendliche Analyse, S. 80

007 S. Freud und J. Breuer: Studien über Hysterie, S. 312

008 Oliver Peterson: Buddhismus und Psychotherapie – Vortrag auf der Vesakh­Feier 1997 in Berlin, S. 12

009 Lama Thubten Yeshe: Grenzenlos ist die Kraft des Geistes – Aspekte buddhistischer Psychologie, S. 43 f

010 Die ‚Vier edlen Wahrheiten‘ und der daraus resultierende ‚Achtfache Pfad‘ sind der Kern der Lehre Buddhas und finden sich in allen Schulen in buddhistischen Richtungen wieder. Da in diesem Buch häufiger auf diese Gedanken verwiesen wird, habe ich sie im Anhang kurz dargestellt.

011 Es gibt bei Perls keine explizite zusammengefasste Definition von Krankheit. Diese zitierte Stelle kommt einer solchen noch am nächsten: F. Perls: Grundlagen der Gestalttherapie – Einführung und Sitzungsprotokolle, S. 22

012 B. Müller: I. Froms Beitrag zur Theorie und Praxis der Gestalttherapie, S. 40

013 Heinrich Dumoulin, zit. in: Ernst Benz: Zen in westlicher Sicht, S. 35

014 Heinrich Dumoulin: Zen – Geschichte und Gestalt, S. 282

015 D. Suzuki: Der westliche und der östliche Weg – Essays über christliche und buddhistische Mystik, S. 79. Zum spannenden und lohnenden Vergleich zwischen dem Gedankengut des Meister Eckhart und dem Buddhismus gibt es eine Vielzahl von Untersuchungen; dies soll aber hier nicht vertieft werden.

016 Taisen Deshimaru – Fragen an einen Zen-Meister, S. 121

 

 

  Praxisadressen von Gestalttherapeuten/-innen

 

 Foto: Bruno M. Schleeger Bruno M. Schleeger

Bruno M. Schleeger, Jahrgang 1948. Verheiratet, zwei Söhne; Volksschule, ein bisschen Humanistisches Gymnasium, wieder Volksschule. Starkstromelektriker, Abendschule, Krankenpfleger, So­zialarbeiter, Psychologe. Ausbildung in Psychodrama; in Gestalttherapie am Hartfort Family Institute in Hartfort, Connecticut. Psychologischer Psychotherapeut und Kinder- und Jugendtherapeut. Buddhistische Praxis seit ca. 40 Jahren. Mitbegründer des Analytischen Gestaltinstituts in Bonn; dort Ausbilder und Psychotherapeut. Leitung einer therapeutischen Wohngemeinschaft mit Drogenabhängigen nach dem „Day Top“-Konzept. Dann Arbeit in einem Erziehungsheim mit schwererziehbaren Kindern und Jugend­lichen. Dann in einem Heilpädagogischen Heim mit erwachsenen geistig Behinderten. Dort schwerpunktmäßig Arbeit mit Menschen mit leichter geistiger Behinderung und so genanntem „herausforderndem Verhalten“.

Zur Zeit heimübergreifend Teamberatung zu den Schwerpunkten „Team­arbeit – Teamklima“ sowie Arbeit mit aggressiven Menschen mit geistiger Behinderung.

Ein weiterer Schwerpunkt sind Fortbildungen zu den Themen „Achtsame Begegnung“ und „Umgang mit Menschen mit ‚herausforderndem Verhalten‘“.

„Mein Leben spielt sich ab zwischen den Sätzen: ,Alles ist, was es ist‘ und ,sometimes something needs to be done‘ – und das ist gut so.“

 

Cover: Schleeger, Zen-Buddhismus u. Gestalttherapie

Bruno M. Schleeger
Und wo ist das Problem ...
ZenBuddhismus und Gestalttherapie

Wenn Sie etwas über Zen wissen, dann wird es mir vielleicht möglich sein, Ihnen etwas über Gestalttherapie zu vermitteln.“ So antwortete Fritz Perls, der Mitbegründer der Gestalttherapie, auf die Frage, was es mit dieser auf sich habe.

In der Tat gibt es viele Berührungspunkte zwischen Zen-Buddhismus und Gestalttherapie: die positive Sicht des Menschen, der als Ganzheit geboren wird, die Betonung des Hier-und-Jetzt, die unvollendete Gestalt, die uns daran hindert, in unserer Entwicklung weiterzugehen, die Suche nach einer spirituellen Heimat und die Begleitung durch den Therapeuten oder Meister auf dem Weg zur Selbstfindung.

Edition Gestalt-Institut Köln / GIK Bildungswerkstatt
im Peter Hammer Verlag, Wuppertal 2008
428 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen, 24,90 Euro

Dieses Buch erhalten Sie im gut sortierten Buchhandel und
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