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Bruno M. Schleeger
"
Auch Richtig ist Falsch"
Dualität in Zen-Buddhismus und Gestalttherapie
Ein Vortrag


Aus der Gestaltkritik 2/2012:

Gestaltkritik - Die Zeitschrift mit Programm aus dem Gestalt-Institut Köln
Gestaltkritik (Internet): ISSN 1615-1712

Themenschwerpunkte:

Gestaltkritik verbindet die Ankündigung unseres aktuellen Veranstaltungs- und Weiterbildungsprogramms mit dem Abdruck von Originalbeiträgen: Texte aus unseren "Werkstätten" und denen unserer Freunde.

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  Hier folgt der Abdruck eines Beitrages aus Gestaltkritik 2/2012:

Bruno M. Schleeger
"Auch Richtig ist Falsch"
Dualität in Zen-Buddhismus und Gestalttherapie
Ein Vortrag

Kalligraphie

Yume Der Traum, auch richtig ist falsch
von Takuan, japanischer Rinzai-Zen Mönch (1573-1645)
Kalligraphie: © Sanae Sakamoto, Switzerland, www.sanae-sakamoto.ch *)
Tusche auf handgeschöpftem Japanpapier und nochmals aufgezogen, 88x120 cm

Takuan hat seinem Shôgun Jemitsu geantwortet:
Wir müssen wegkommen vom Gedanken richtig und falsch. Der Mensch soll nicht kleinkrämerisch sein, nicht eigensinnig - nicht befangen,
Platz haben (leer machen) für Grossherzigkeit. Dieses Leben ist ein Traum, das Leben ist nicht ewig.

 

Foto: Bruno M. Schleeger
Bruno M. Schleeger (Foto: © Horst ter Haar, 2011 im GIK)

Vortrag anlässlich der 15. Jahrestagung des Förderkreises "Gestaltkritik" am 9. September 2011 im Gestalt-Institut Köln.

Eine Vorbemerkung

Ich halte meine Vorträge meistens in freier Rede; einige mir wichtige Gedanken habe ich mir als roten Faden überlegt. Der Rest ergibt sich in spontaner Assoziation. Ich habe für diese Veröffentlichung den Vortrag transkribiert und nur leicht sprachlich überarbeitet.

Der Vortrag

Ich möchte Euch gerne zu einem Experiment einladen: Das Experiment ist, ich werde jetzt eine Zeitlang reden, einen Vortrag halten nennt man das, und Ihr hört zu. Das ist das Experiment. Das ist kein leichtes Experiment, weil zuhören ist ja eine schwere Sache. Wenn wir zuhören haben wir schon die Antwort, die Bewertung, was noch alles kommt, im Kopf. Alles das wissen wir schon, aber das hat mit zuhören nichts zu tun. Wir hören entweder mit Vergnügen oder mit Abneigung zu. Wir vergleichen das Gehörte mit unseren Ideen oder anerzogenen Philosophien. Wir hören durch all diese Filter, wir interpretieren und übersetzen, wir verwerfen das, was uns nicht gefällt und nehmen an, was uns zusagt, und so hören wir niemals richtig zu, sondern nehmen das, was der andere sagt als Stichwortgeber für unsere „schlauen Sätze“, für das, was wir schon immer mal sagen wollten. Der beste Zuhörer ist ein Mikrophon, das hört zu, das nimmt auf. Insofern immer dann, wenn wir anfangen zu bewerten, gehen wir weg vom Zuhören, vom Aufnehmen. Immer dann, wenn wir bewerten haben wir das, worüber ich heute sprechen möchte: Dualität und Polarität. Zuhören, wie ich es meine, ist jenseits der Dualitäten. Ein Aufnahmegerät wie z.B. das, was jetzt das, was ich sage aufnimmt, kennt kein richtig und falsch, kein gut und schlecht …

Seit vielen Jahren interessiere ich mich für Zen Buddhismus und Gestalttherapie, wo sind Parallelen, wo sind Unterschiede. Zurzeit ist mein Schwerpunkt ein Thema, bei dem Zen Buddhismus und Gestalttherapie sehr ähnlich und gleichzeitig sehr unterschiedlich sind. Dualität und Polarität und wie gehen wir damit um.

In der Gestalttherapie ist die Dualität ein ganz wesentliches Element. Figur/Grund – Dualität, Topdog/Underdog – Dualität oder Victim/Victimizer sind Beispiele für Polaritäten in der Gestalttherapie. Im Zen Buddhismus sprechen wir auch viel über Dualität und mögliche Wege, sie zu überwinden. Das Thema – so ist mein Eindruck - ist zurzeit sehr „in“. Das heißt aber nicht, dass damit das Thema auch klar sei. Mein Eindruck ist, dass ein Punkt für Verwirrung sorgt, nämlich: worüber sprechen wir eigentlich? Auf welcher Ebene bewegen wir uns jeweils. Und da sind wir bei einem Punkt, wo sich Gestalttherapie und Zen Buddhismus sehr unterscheiden:

Im Zen Buddhismus sprechen wir von der absoluten und der relativen Ebene. Relative Ebene ist unser Alltag: da sprechen wir miteinander, halte ich hier z.B. eine Klangschale in der Hand. Auf der absoluten Ebene weiß ich nicht, was das ist: man könnte es brauchen, als Pippitopf, als Fressnapf, es eine Ansammlung von Metall nennen… ich weiß es nicht. Und die absolute Ebene ist die, auf der uns letztlich auch die Worte fehlen. Es ist letztlich unsagbar, und wenn wir es in Worte fassen, dann beschreiben die Worte es nicht.

Meister Eckhardt, bei Buddhisten wie bei Gestalttherapeuten zunehmend bekannter und beliebter, weil er viele Gedanken, die in beide Bereiche gut passen, beschrieben hat:

Ich habe neulich darüber nachgedacht, ob ich wohl von Gott etwas annehmen oder begehren wollte: Ich will mir das gar nicht sehr überlegen, weil ich da, wo ich Gott empfangen würde , unter ihm oder unterhalb seiner wäre, so wie ein Diener oder Knecht, er selbst aber im Geben wie ein Herr wäre – und so soll es mit uns nicht stehen im ewigen Leben. Gott ist weder gut noch vollkommen; wenn ich Gott gut nenne, so sage ich etwas ebenso Verkehrtes, als wenn ich das Weiße schwarz nennen würde!

Anders ausgedrückt: Die entweder - oder Polarität, mit der wir im westlichen Denken sehr vertraut sind. Ein Schritt darüber hinaus ist das Sowohl-als-auch als ein Schritt weg von Polaritäten. Aber dann kommt – im buddhistischen Denken der nächste Schritt, der unseren Alltagsverstand, unsere Alltagslogik überfordert: sowohl entweder/oder als auch Sowohl-als-auch. Ist diese Vorstellung nur schwer zu beschreiben, so fehlen uns für den nächsten Schritt vollkommen die Worte: Dann kommt noch ein Schritt weiter, über das „sowohl entweder/oder als auch Sowohl-als-auch“ hinaus. Dann haben wir gar keine Worte mehr, und das ist das was im Buddhismus mit Leerheit beschrieben wird. Leerheit für die uns letztlich die Worte fehlen. Das ist für uns im Westen eine Nummer schwieriger, weil wir auf entweder-oder sozialisiert sind. Etwas ist schwarz oder weiß. Es gibt im Japanischen einen Begriff. Soshi: „lebentod“. Beides zusammen. Ich weiß nicht, wie man das übersetzen kann und solche Formulierungen gibt es in der japanischen Sprache viele. Begriffe, die es leichter machen, die Dualität zu überwinden und die Gesamtheit zu erfassen. Das ist für uns viel schwieriger, weil wir unsere Logik haben und wir brauchen die auch. Wenn wir uns um 3 Uhr verabreden, dann will ich auch, dass du um 3 Uhr da bist… ich warte schon eine Stunde und bin sauer.. da hilft keine absolute Ebene. Wir brauchen die relative (alltags-) Ebene, in der das hier eine Klangschale ist und eins und eins zwei ist. Wenn wir uns der absoluten Ebene nähern wollen, müssen wir erkennen, dass es unsere Abmachung ist: eins und eins UND wir beide sind zwei. Eins und eins und unsere Abmachung, die Konvention ist zwei. Diese Erkenntnis ist ein Schritt hin von der relativen Ebene hin zur Überwindung der Dualität.

In der Gestalttherapie ist die Aufteilung von Topdog/Underdog ein Element der Dualität. Der eine will alles, der andere verneint alles, ich bin der Geist, der stets verneint. Und worum geht es hier? Es geht darum festzustellen, Topdog und Underdog gehören zusammen, beide sind für unsere Weiterentwicklung notwendig, keine Seite ist richtig oder falsch. Mit der letzten Aussage gehen wir einen Schritt Richtung Aufhebung der Dualität. Wie kommen wir dahin, beides anzunehmen, beides zu integrieren? Wir müssen erkennen: beides ist sinnvoll; es gibt – in uns - keinen Müll, alles hat einen Sinn, alles hat einen Wert. In 30 Metern Höhe hängt ein Blatt. Damit dieses Blatt da hängt, war viel Arbeit notwendig. Über Jahrzehnte ist ein Baum gewachsen und hat sich damit beschäftigt, das Blatt dahin zu hängen. Alles was passiert ist Teil des Prozesses, der zu diesem Ergebnis geführt hat; das Blatt kann nicht sagen: ist mir doch egal, wie ich dahin gekommen bin, was habe ich mit den Wurzeln, dem Stamm oder den Ästen zu tun.

Das gleiche gilt für uns: alles, was wir gelebt haben, wie wir geworden sind, ist Teil unserer Biographie. Und wenn wir anfangen aufzuhören, das zu bewerten, dann ist schon viel gewonnen. Ruth Cohn sagte immer. “The problem is not what we feel – the problem is what we feel about what we feel!” Und mein Lehrer Stuart Alpert: “It’s always the judgment that causes the problem!”Immer dann wenn wir bewerten, sind wir schon in der Dualität.

Es waren einmal Zwillinge, die glichen sich äußerlich wie ein Ei dem anderen. Ansonsten waren sie aber vollkommen verschieden. Wenn es dem einen zu heiß war, war es dem anderen zu kalt. Wenn der eine sagte: "Die Musik ist zu laut", wollte der andere die Musik noch lauter. Und der auffälligste Un­terschied zwischen den beiden war der, dass der eine von ihnen zu jeder Stunde optimistisch und zuversichtlich war, während sich der andere immer schlecht gelaunt und pessimistisch gab.

Als sie nun eines Tages Geburtstag hatten, wagte der Vater der Zwillinge ein Experiment: Er wartete am Vorabend des Geburtstages so lange, bis seine Söhne eingeschlafen waren, und machte sich dann heimlich ans Werk.

Er füllte das Zimmer des Pessimisten bis unter die Decke voll mit den schönsten Geschenken: Spiel­zeug, Sportgeräte, technische Geräte und vieles mehr. Dem Optimisten aber legte er nur einen stin­kenden Haufen Pferdeäpfel ins Zimmer – sonst nichts. Nun war er gespannt, was passieren würde.

Am nächsten Morgen schaute der Vater zuerst ins Zimmer des Pessimisten. Er fand ihn laut klagend am Boden sitzen, inmitten der ganzen wundervollen Geschenke.

"Warum weinst du denn?" fragte der Vater.

"Erstens, weil meine Freunde neidisch sein werden, zweitens, weil ich die ganzen Gebrauchsanlei­tungen lesen muss, bevor ich mit den Geschenken etwas anfangen kann, drittens, weil ich für die meisten dieser Spielsachen ständig neue Batterien brauchen werde und viertens, weil im Lauf der Zeit bestimmt ein paar von den Spielsachen kaputtgehen werden!"

Darauf ging der Vater in das Zimmer des optimistischen Zwillings. Dieser hüpfte vor Freude um die Pferdeäpfel herum.

"Warum bist du denn so fröhlich?" fragte der Vater.

"Ganz einfach", antwortete dieser "weil irgendwo im Haus ein Pony sein muss!"

Die Klangschale hier könnte auch Sauerkraut heißen….

Wertung und Bewertung ist das Fundament der Dualität. Es geht darum, diese Bewertung aufzugeben; die „hinter“, „unter“ der Dualität liegende Einheit zu sehen. Dies ist der erste Schritt. Nächster Schritt ist die sog. „Nondualität“. Leerheit meint etwas ähnliches, beides ist nur schwer zu beschreiben, beides liegt hinter unserem logischen Denken.

Vielleicht schaffen wir das in 30/40 Jahren viel besser, wenn wir in der Denkwelt der Quantenphysik ähnlich wie in unserer heutigen Physik beheimatet sind. Die Ideenwelt der Quantenphysik wird immer bekannter. Das Faszinierende dabei ist übrigens, dass Nagarjuna, einer der bekanntesten buddhistischen Lehrer (2. Jahrhundert) Gedanken entwickelt hat, die der Quantenphysik sehr ähnlich sind. Ich verstehe beides nur sehr wenig, aber ich denke, vielleicht werden meine Urenkel so über Quantenphysik sprechen, wie wir über Newton sprechen, mit der gleichen Sicherheit.

Das bekannteste Beispiel hierzu ist „Schrödingers Katze“. Ein Experiment das zum Ausdruck bringt, das eine Katze sowohl tot als auch lebendig ist. Das können wir mit unserem Alltagsgeist nicht erfassen, da sträuben sich alle Nackenhaare bei uns! Es entspricht komplett nicht unserem Bild. Es ist aber ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Überwindung der Dualität. Schrödingers Katze ist beides, oder Sowohl-als-auch tot.

In der Nichtdualität (buddhistisch gesprochen) im Hier und Jetzt (gestalttherapeutisch gesprochen) gibt es keine Dualität; alles ist, was es ist – nicht schlecht, nicht gut; nicht falsch, nicht richtig – sondern es IST. Hier in diesem Augenblick gibt es nur die Erfahrung – ich sehe was ich sehe – wie ein Spiegel; ich höre, was ich höre – wie ein Mikrophon und ich fühle, was ich fühle. Ursache und Wirkung gibt es in diesem Augenblick nicht:

„Jemand fragt: ‚Meister, der Mensch, der frei von Ursache und Wirkung ist, wie ist der?‘ Joshu erwiderte: ‚Wenn Du mich nicht gefragt hättest, hätte ich es wirklich nicht bemerkt!‘

Wir müssen also schauen, wie gehen wir mit Ursache und Wirkung um; auf welcher Ebene bewegen wir uns gerade? Ich glaube, dass viele Missverständnisse und Unklarheit daher kommen, dass absolute und relative Ebene vermengt oder durcheinandergebracht werden.

Nur: wie gehen wir damit um? Was können wir tun? Wie können wir das ERFAHREN?

In der Therapie arbeite ich gern mit „Hausaufgaben“. Beispiel – ich bitte den Klienten bis zum nächsten Mal mit einem kleinen Löffel aus einem Puppenbesteck zu essen. Dann kommt oft die Frage „wozu soll das gut sein?“ oder „und dann?“ Diese und ähnliche schöne Fragen beantworte ich gerne nächste Woche. Damit meine ich dass es keinerlei Sinn ergibt, wenn ich jetzt antworte. Es geht um Erfahrung. Wenn der Klient tatsächlich mit dem kleinen Löffel isst, dann erfährt er vielleicht, wie Geschmack wirklich ist … wenn ich das vorher erkläre, dann kann er sich das Experiment sparen.

Der Weg über die Dualität, über richtig und falsch, über Recht und Unrecht hinaus ist kein intellektueller. Es ist ein Erfahrungsweg – hier haben wir wieder eine wichtige Gemeinsamkeit zwischen Gestalttherapie und Zen Buddhismus .

Eugen Herigel schreibt in diesem Zusammenhang sehr schön:

„Auch die kühnsten Konstruktionen können auf dem Weg des Denkens gerade das nicht ausfindig machen und postulieren, was nur auf dem Wege der originären mystischen Erfahrung geschenkt und unmittelbar verstanden wird. Erst nachträglich, erst im Anschluss an mystische Erfahrung bestreitet der Zen Buddhismus dem Denken nicht die Möglichkeit, sich der Mystischen Gehalte zu bemächtigen. Aber mit den Aussagen, die dabei herauskommen, kann doch nur der Erfahrene etwas anfangen, und daher kann er ohne sie leben. Der Unerfahrene aber wird durch sie, wenn er sie sich anzueignen versucht, nur noch tiefer in das Gefühl der Aussichtslosigkeit gestoßen, und für ihn wirken sie daher wie Gift.“

(Eugen Herigel: Zen in der Kunst des Bogenschießens, S. 119)

Im Zen Buddhismus sind das die sog. Koans, die uns über die alltägliche Logik, über die relative Ebene hinausführen sollen. Dies sind Fragen, die mit unserem Verstand nicht zu beantworten sind. Eine der bekanntesten Aufgaben lautet: „Zeige mir das Klatschen der einen Hand“

Der Schüler denkt wochenlang, ja oft jahrelang über diese Aufgabe nach bis sein Verstand, sein logisches Denken Schiffbruch erleidet. Dies fühlt sich nicht unbedingt angenehm an. Dann aber tritt die Antwort hervor – und das Spannende ist, das sie schon immer in mir war. Zuerst verstehe ich die Frage nicht und suche verzweifelt die Antwort; habe ich dann die „Antwort“ gefunden, dann verstehe ich gar nicht wieso diese Frage jemals eine Frage hatte sein können. Die Antwort war doch seit Anbeginn meines Lebens in mir! Ich brauchte die Erleuchtung gar nicht zu suchen, sie war die ganze Zeit in mir, ich habe sie „nur“ übersehen.

Dies meint ja auch das wunderbare Zitat:

Zunächst sind die Berge Berge
Dann hören die Berge auf Berge zu sein.
Dann sind die Berge wieder Berge.

Nur: Wir erkennen, dass zwischen den Bergen aus der ersten Zeile und denen der dritten Zeile Welten liegen!

Gehen wir „rüber“ zur Gestalttherapie: Solange wir uns mit einem Thema, mit einem Problem herumschlagen, kommt es uns riesig und unauflösbar vor; haben wir uns schließlich dadurch gearbeitet, verstehen wir oft gar nicht mehr warum uns dieses oder jenes Thema so blockiert hat. Das wunderbare Menschenbild der Gestalttherapie sagt, dass wir vollständig zur Welt kommen. Alles was wir brauchen ist bereits in uns bzw. in uns grundgelegt. Wir haben die Kompetenzen, die wir in dieser Welt brauchen in uns. In der Gestalttherapie sprechen wir von der Fähigkeit zur „homöostatischen Selbstregulation“

Früher war ich mal Starkstromelektriker, von daher weiß ich, wie wichtig Spannung – hier die Spannung zwischen Frage und Antwort - ist.

Ein Schüler des Weges war jahraus jahrein mit der Frage beschäftigt, was denn der Sinn allen Seins sei. Da hörte er von einem berühmten Meister, dem wollte er diese seine Frage vorlegen. Er machte sich auf eine monatelange Reise zu dem Kloster, in dem dieser Meister Abt war. Dort angekommen wurde ihm mitgeteilt, dass der Meister sich in eine Waldeinsiedelei zurückgezogen habe, nicht mehr spreche und auch niemanden mehr empfange. Der Schüler wollte sich nicht entmutigen lassen; er dachte, da er nun schon den langen beschwerlichen Weg gemacht hätte, wollte er zu der Einsiedelei und den Meister befragen. Die Mönche des Klosters konnten ihn nicht von seinem Vorhaben abhalten. So machte er sich erneut auf die Pilgerschaft und nach wochenlanger beschwerlicher Wanderschaft traf er endlich auf die Einsiedelei des alten Mönches. Der Mönch war aber nicht bereit ihn zu empfangen; unser eifriger Schüler wiederholte aber immer wieder die Frage: „Meister, was ist der Sinn allen Daseins?“ Weiterhin nahm der Meister keinerlei Notiz von dem Schüler und weiterhin wiederholte dieser seine Frage.

Nach einiger Zeit bekam der Schüler von dem Meister eine kräftige schallende Ohrfeige; geschockt machte dieser sich auf den Rückweg. Er kam wieder an dem Kloster vorbei, die Mönche dort wollten wissen, was aus der Begegnung geworden sei. Frustriert berichtete der Schüler, dass er seine Frage immer wiederholt hätte, der Meister aber keinen Ton gesagt hätte, sondern ihm eine kräftige Ohrfeige versetzt hätte. Die Mönche des Klosters waren darauf begeistert und beglückwünschten den Pilgermönch: „Welch eine wunderbare Antwort, mit der dir der Meister gezeigt hat, dass eine solch wichtige Frage viel zu schade ist, um sie mit einer Antwort zu verschandeln!“

Polaritäten brauchen wir, Fragen hat einen Sinn, mein Dasein ist die Antwort, wir müssen die Frage finden. Dies ist mir sehr wichtig, weil es eine Umkehr der üblichen Sichtweise ist: Allgemein heißt es immer, dass der Klient mit einer Menge an Fragen in die Therapie kommt und wir zusammen die Antworten suchen. Ich möchte das umkehren: Der Klient kommt mit einer Menge an Antworten – nämlich seinem gelebten Leben in die Therapie – und wir suchen gemeinsam die dazu passenden Fragen. Er hat ein Bündel von Reaktionen, wir suchen die entsprechenden Reize.

 

Zu dieser Erkenntnis können wir nur über den Erfahrungsweg kommen – wir brauchen den Mut zur Erfahrung, den Mut uns immer wieder neu der Ungewissheit auszuliefern. Therapeut und Zenmeister haben hier die gleiche Aufgabe, nämlich diesen notwendigen Mut immer wieder neu anzufachen.

Fragen und Antworten sind ja zugleich eine Dualität, die wir zu unserer Entwicklung brauchen!

Nur auf unsere Fragen brauchen wir unsere Antworten, nicht die des Therapeuten und auch nicht die des Zenmeisters. Die Antwort kommt aus meinem Wagnis zu meiner Erfahrung. Diese Antwort ist dann Teil unseres Lebens; ein Teil der bislang für mich verdeckt war – er war aber vorhanden – nur eben verdeckt. Ich BIN die Antwort. Wenn ich sie irgendwann gefunden habe, habe ich auch kaum noch das Bedürfnis mehr sie von meinem Meister, von meinem Therapeuten bestätigen zu lassen. Etwas, was IST bedarf keiner Bestätigung mehr, weil es ist wie es ist. Es kann auch gar nicht mehr bestätigt – oder widerlegt werden!

Im Englischen, sind wir alle human beings. Das sollten wir mal verstehen und leben. Da steht nicht „human shopping“, „humans hecktikens“, human weiß nicht was, sondern Human Beings. Jenseits von aller Dualität sein. Ganz simpel sein. In dem Augenblick, wo ich frage, wie kann ich frei sein, bin ich nicht frei. In dem Augenblick, wo ich frei bin, brauche ich die Frage nicht.

Wer in ein Zenkloster aufgenommen werden will, muss zwei Fragen beantworten: „Wer bist Du“? und „Wo kommst Du her?“

„Wer bist Du?“

„Bruno Schleeger...“, da kann ich wieder gehen. Das ist mein Name. Das bin ich doch nicht. … Wer bist du?? Das bin ja nicht ich, das sind meine Position, mein Beruf, mein Status etc., meine Etiketten... aber das alles bin ja nicht wirklich ICH.

In der Therapie mache ich gerne eine Übung: 10 oder 15 Zettel, oder 15 mit einer Antwort auf die Frage „ wer bin ich?“. Familienvater, Elektriker, Musiker, Gestalttherapeut. Immer wieder werfen wir einen Zettel weg. Zum Schluss bleibt uns nur noch ein Zettel, auch der muss abgegeben werden. Wer bin ich dann – alle meine schönen Selbstdefinitionen sind weg. Wer bin ich dann? Was bleibt übrig? Jenseits aller Dualitäten. Jenseits aller Überzeugungen, aller Religionen können wir uns auf einen Satz einigen: „ich bin“. Punkt. Viel mehr haben wir nicht im Angebot. Aber, oder und, das ist ja gigantisch viel: ich bin. Jenseits aller Dualität bin ich, mit allem, was mich ausmacht. Am Anfang der Therapie versuchen Klient und Therapeut sich zu verführen, was für ein toller Hecht sie jeweils sind. Das Spiel können wir machen, bringt uns nur nichts. Je mehr ich aufhöre, Licht und Schatten zu bewerten, umso mehr kann ich von dem einbringen, was ich normalerweise nicht so gerne zeige. Wenn wir uns auf „Ich bin“ einigen können, sind wir sehr weit. Ich bin ein human being, alles andere ist nicht wichtig.

Natürlich bin ich auf der alltäglichen Ebene Familienvater, Psychologe und was auch immer. Das soll damit nicht negiert werden.

Descartes: „ich denke, also bin ich“. Diesem Satz stimme nicht nur bedingt zu; lieber würde ich ihn umformulieren zu: „Ich bin, also bin ich“. Das ist die einzige unumstößliche Wahrheit, an die wir uns halten können. Das ist der einzige wirklich wahre Satz, den wir sagen können.

Mit 7 Jahren erzählte mein Sohn: „Ich bin so froh, dass es mich gibt!“

„Warum denn?“

„Warum? Weil es sonst keinen Sebastian gäbe!“

Der Satz des Klienten „Das was im Augenblick ist, ist falsch ... muss geändert werden .. wegtherapiert werden“ schafft Dualität. Ich arbeite in der Therapie an diesem Satz, um zu der gemeinsamen Erkenntnis zu kommen, dass uns das nicht weiterbringt. Es gibt keinen Abfall.

Es gibt immer wieder Geschichten, in denen berichtet wird, dass ein Schüler Wassertropfen auf Bambusrohr tropfen hörte und erwachte. Diese Sätze klingen immer wieder faszinierend; sie erzählen aber nichts von der jahrzehntelagen Vorbereitung auf diesen einen Augenblick. Von dem Schmerz, der Verzweiflung, der Resignation und all dem, was nötige Voraussetzung war, damit in diesem einen Augenblick das geschehen konnte, was geschehen ist. Ich glaube, wir alle hier können bis morgen früh den Wassertropfen, die auf Bambus tropfen, zuhören – niemand von uns würde Erleuchtung finden.

“In people and things there is no such thing as trash“, sagt der Zen Meister Soko Morinaga. Alles verdient Würdigung. Alles was uns stört, alles was der Therapeut uns „wegmachen“ soll, ist nicht die Frage. Es ist die Antwort. Das ist meine komplette logische Antwort, die ich auf alles, was ich gelebt, erlebt und durchlebt habe, auf alles, was vorher war gefunden habe, auch wenn es mir heut nicht gefällt. Es ist die Antwort. Meine Antwort, sie mag angepasst, höflich sein…. Wir müssen nicht die Antwort, wir müssen die FRAGE finden°! Was steckt dahinter, warum bin ich so? Was ist die Logik dahinter? Ich kann ein Verhalten nur ändern, wenn ich die Logik finde. Jedes Verhalten ist komplett logisch und komplett sinnvoll – für mich. Der Schönheitsfehler ist lediglich, dass es für andere komplett unlogisch sein kann. Die Logik müssen wir erkennen und diese Logik verdient Würdigung. Damit hast du dich gerettet, das war sinnvoll! Es war sinnvoll, ja psychisch und physisch unter Umständen sogar überlebenswichtig, so zu werden.

Derjenige, der sich heute beklagt, dass er z.B. sooo schüchtern ist, nicht auf andere zugehen kann etc. wird erkennen, dass dieses Verhalten – ja ich möchte sogar von dieser Kompetenz sprechen – in einer Zeit entstanden ist, als es (über-) lebenswichtig war, so zu handeln. Sonst hätte er nämlich spüren müssen – immer und immer wieder – dass da niemand ist, der auf seinen Versuch, Kontakt aufzunehmen, adäquat reagiert. Und so wurde es besser, sicherer, die Arme zu verschließen und nicht mehr immer wieder diesen Schmerz des Alleinseins zu spüren.

Also: Erst mal bedanken. Danke, dass ich so bin. Danke, dass ich mich so gerettet habe. Wenn ich das annehme, wenn ich das angenommen habe: dann kann ich mich mit mir versöhnen; dann habe ich es nicht mehr nötig, ständig gnadenlos „Sei anders“ „So wie Du bist, bist zu falsch“ zu sagen. Dann kann ich mit mir selber anders, achtsamer, liebevoller umgehen. Dann kann ich erkennen: Heute ist das nicht mehr so, ich bin weder dieses ausgelieferte Kind, noch lebe ich in der alten bedrohlichen Umgebung. Ich bin auch nicht mehr so ausgeliefert und abhängig, wie ich in den Situationen war als dieses Verhalten, was mich heute stört, zu Recht entstanden ist.

Anderes Bespiel aus der Gestalttherapie: Victim und Victimizer – (schlechte Übersetzung: „Opfer und Opfermacher“). Letztlich sind wir immer beides. Wir haben Täter- und Opferseite in uns. Wir sind beides. Wir sorgen mit viel Energie dafür, dass es uns schlecht geht. Nehmen wir als Beispiel einen Raucher, der aufhören will zu rauchen. Der Raucher weiß, dass er nicht rauchen sollte, er weiß, dass Rauchen seiner Gesundheit schadet; alles das weiß er, das brauche ich ihm nicht zu sagen. Der Raucher, der aufhören will zu rauchen muss nicht wissen, warum er aufhören soll zu rauchen, sondern er muss wissen, warum er raucht. Warum gehe ich mit mir so unachtsam, so brutal um, dass ich mich vergifte; was ist die innere Logik dahinter …? Erst die Antwort auf diese Frage macht es nach meiner Überzeugung möglich, diese Form der Autoaggression aufzugeben.

Freud hat ja immer weiter seine geliebten Zigarren geraucht, trotz Krebs und vielen Operationen. Schließlich brauchte er sogar ein Gestell für seine Zigarren, weil sein Mund sie nicht mehr selbständig halten konnte.

Fuchs und Hase frühstücken zusammen. Der Hase liegt auf dem Teller.

Ich glaube nicht, dass das pure SEIN, das „ICH BIN“, das Bedürfnis zu Rauchen hat.

Um die Logik zu erkennen, die hinter unserem oft lieblosen Verhalten uns selber gegenüber steht, ist es erforderlich, alle Bewertung rauszunehmen. Ich bin ein Teil, der Victimizer ist UND ich bin das Opfer, ich bin beides zusammen.

Was machen wir damit?

Auch hier finden wir schöne Parallelen zwischen Gestalttherapie und Zen Buddhismus:

Mein schon erwähnter Lehrer Stuart Alpert: „Victimizer needs friends!“

Im Buddhismus wird von „Hungergeistern“ gesprochen, deren Ziel es ist, uns das Leben schwer zu machen. Eine berühmte Geschichte handelt davon, wie der Einsiedler Milarepa (* 1040; † 1123), kurz vor der Erleuchtung von Dämonen heimgesucht wurde:

Milarepa hauste schon einige Jahre allein in einer Höhle des Himalaya. Eines Tages war er unterwegs, um Brennholz zu sammeln.

Er war in sehr freudiger Stimmung, nahm seinen Baumwollschal, packte eine Handvoll Zweige und ging dann zu seiner Einsiedelei zurück. - Dort erwarteten ihn fünf eiserne Atsara-Geister, die ihn aus tassengroßen Augen anstarrten. Einer saß auf seiner Schlafstelle und predigte das Dharma, zwei hörten zu, einer rührte im Essen, und der nächste blätterte in seinen Texten. Erst war Milarepa verblüfft. Dann dachte er:

"Das sind Zaubereien unzufriedener Ortsgeister. Solchen Geistern gebe ich zwar keine Opferkuchen, aber wo es auch sein mag: ich lobe sie. Ich sollte also auch diesen Ort lobpreisen".

Da sang er dieses Loblied über den Ort:

"Hört! Diese abgelegene Bergwildnis,
wohl gefällt sie Buddhas und Bodhisattvas,
ein Platz ist sie, wo Siddhas leben,
unter den Menschen bin ich der einzige, der hier zu Hause ist -
dieser Ort ist die Garuda-Festung am Roten Felsen von Tschong Lung. (..... )
Mit den Ortsgeistern lebe ich in Eintracht.
Ihr Dämonen, die Ihr Euch hier versammelt habt,
trinkt diesen Nektar aus Liebe und Mitgefühl,
und kehrt nach Hause zurück."

Aber die Atsara-Geister zeigten Milarepa ihre Abneigung: hasserfüllt rollten sie mit den Augen und funkelten ihn böse an. Außerdem vermehrten sie sich um zwei, so dass sie nun zu siebt waren: Die einen bissen sich zornig in die Unterlippe, andere fletschten die Zähne, wieder andere lachten und brüllten, dass es ihm durch Mark und Bein ging; alle zusammen bedrohten ihn angriffslustig.

"Diese Geister wollen Schwierigkeiten machen", so dachte der Asket. Er schaute sie mit magischem Kraftblick an und rezitierte dabei zornvolle Mantras. Doch sie gingen nicht weg. Da erwachte großes Mitgefühl in ihm und er erklärte ihnen Buddhas Lehre, doch sie wollten immer noch nicht gehen. Er überlegte:

"Marpa von Lhodrag zeigte mir, daß alle Phänomene im eigenen Geist erscheinen. Solange ich glaube, dass die Dämonen wirklich da draußen sind, können sie ja gar nicht gehen!" Da wurde er furchtlos und unerschrocken, und sang dieses Lied:

"Nicht Mensch nenne ich mich,
ein Kind der mächtigen Schneelöwin bin ich!
Im Mutterleib schon waren meine Kräfte vollkommen;
in der Grube schlief ich als Junges,
ihren Eingang bewachte ich, als ich heranwuchs.
Als ausgewachsener Löwe streife ich über die Hochgletscher.
Furchtlos bin ich, wenn der Schneesturm heult,
unerschrocken bin ich vor den Felsenschluchten! (.........)
Unerschrocken geht der Löwe über Gletscher,
die Tatzen erfrieren ihm nicht.
Wie nutzlos wären seine Kräfte,
brächte der Schnee seine Tatzen zum Frieren.
Ich, Milarepa, fürchte mich nicht vor Dämonen.
Wie nutzlos wäre es, die wahre Natur des Geistes zu kennen,
hätte ich Angst vor Dämonen.
Ihr Dämonen, die ihr euch hier versammelt habt!
Wunderbar, dass ihr gekommen seid.
Nur keine Eile!
Macht's euch bequem und bleibt für immer hier.
Wir werden alles ganz genau besprechen.
Wenn ihr es eilig habt, bleibt wenigstens bis heute Abend.
Ihr werdet euch doch nicht davonmachen,
bevor ihr mir Hindernisse bereitet habt.
Es wäre doch peinlich, dass ihr gekommen seid,
kehrtet Ihr unverrichteter Dinge nach Hause zurück!"

So sang er, und stürmte in die Höhle. Die Atsara-Geister wurden von panischem Schrecken erfasst, verdrehten die Augen wie im Krampf und zitterten so heftig, daß die Höhle von Grund auf erbebte. Dann verschmolzen sie zu einem einzigen Geist. Der verursachte einen Wirbelwind und verschwand mit diesem.

(Milarepas gesammelte Vajra-Lieder,Theseus Verlag, Berlin, 1996, S. 15 ff, übersetzt von Henrik Havlat)

Die bekannte buddhistische Lehrerin Tsültrim Allione ermuntert uns, die „Dämonen zu füttern.“

Dies ist jedoch keine Methode; in dem Moment, wo ich Erfahrung und die daraus resultierende Erkenntnis zur Methode degeneriere, bzw. ich mich an die Methode hafte, habe ich das Ziel schon verfehlt.

Die Schwierigkeiten kommen oft daher, dass wir beide Ebenen durcheinanderbringen… d. h. bevor wir den Abgesang auf die Dualität singen, erst mal das Loblied! Wenn ich am Ziel bin, nützt der Wegweiser nichts mehr, aber während des Weges brauche ich ihn! Wir brauchen beide Ebenen, die eine als Wegweiser, um uns mit uns selber zu versöhnen: Das, was ich hier tue, ist komplett logisch und es gibt keinen Grund, dass ich mich für irgendetwas „einmache!“ Das Leben verlangt von mir nur, dass ich es lebe – in jedem Augenblick; nicht das Leben, was ich gerne hätte, sondern das, was ich in jedem Augenblick habe. Belanglos, ob ich es schön finde!!

Bevor wir von Erleuchtung und von Erwachen reden, gelingt es uns vielleicht, das Wunder zu erkennen, dass wir hier auf einem Stuhl sitzen. Was muss alles geschehen, damit dies möglich ist? Es ist immer wieder neu ein Wunder. Wenn uns der Schritt klar wird von: es sitzt jemand auf einem Stuhl – zu: es geschieht das Wunder des Sitzens, dann können wir in allem das pure Sein erfahren, egal, ob wir sitzen, essen.

Drastisch ist es im Zen Buddhismus beschrieben: „Essen, trinken, scheißen, pinkeln und schlafen – mehr ist nicht zu tun“ – Aber wir haben inzwischen – so hoffe ich - verstanden, dass das nicht so leicht ist!

Ram Dass beschreibt wie er lange im Gefängnis gearbeitet hat mit Menschen, die auf Hinrichtung warteten. Sie waren sehr im Hier und Jetzt und meist sehr bewusst, über die alltäglichen Dualitäten hinausgegangen. Oft wurden sie begnadigt und er stellte fest, wie diese Menschen sich wieder drastisch veränderten und die alte Dualität wieder zurückkehrte. Ab da war die Arbeit schwer möglich, manchmal gar nicht mehr möglich... war die Dualität wieder da!

In der Dualität ist kein Wachstum möglich; mit richtig und falsch kann ich keinen Konflikt auflösen. Die Frage, wer in einem Konflikt verliert, kann – wenn diese Dimension einmal eröffnet worden ist – nur beantwortet werden mit: „Beide, einer jetzt, einer später.“

Stuart Alpert: „If there is a winner, there is no winner..”

Das heißt nicht, dass wir das nicht ernst nehmen sollen, was jemand uns sagt... ernst nehmen ist jenseits von glauben oder nichtglauben. Meistens tendieren wir im Konfliktfall dazu zuerst Beweise zu suchen, damit wir im Recht sind, und dann suchen wir Verbündete, damit wir noch mehr im Recht sind. Aber so bewegen wir uns immer noch in der Sackgasse der Dualität. Hier ist weder Wachstum noch Lösung möglich. Hier können wir im besten Fall mehr Wissen anhäufen.

Ich möchte verstanden werden; ich möchte gehört werden; der Satz „Ich höre Dich“ ist für mich sinn- und gehaltvoller als der Satz „Ich verstehe Dich“. Letzteres ja wohl eh kaum möglich.

Es geht um ernst nehmen.. ich höre, was du sagst..

"Wenn man eine Katze auseinandernehmen will, um zu verstehen, wie sie funktioniert, hat man als erstes eine nicht funktionierende Katze in den Händen."
(Douglas Adams)

Eine meiner Lieblingsinterventionen in der Therapie ist: „aha“. Nicht „ja“, nicht „nein“. Das ist nicht, weil ich jemanden ärgern will, sondern weil ich ernst nehme, weg von richtig und falsch. Jenseits der Dualität. Perls pflegte zu sagen: „Ach, so ist das.“ In der Therapie versuche ich immer meine Interventionen so zu formulieren, dass sie über die situative Dualität hinausführen.

Zenzentrum San Francisco. Ich war jetzt ein Jahr nicht mehr hier.. du kannst nicht vom Weg abkommen. DAS gehört alles dazu. Blatt, alles was darunter ist, morsche Äste… alles gehört dazu. No trash...

 Einer der Gründe, warum ich Gestalttherapeut geworden bin und es immer wieder gerne bin, ist das Menschenbild, was sich z. B. in der Grundannahme konkretisiert: „In jedem Augenblick tue ich das mir Bestmögliche in dieser Situation“. Das ist auch ein wunderschöner Weg, die Dualität in schöner selbstversöhnender Art und Weise zu überwinden: Wenn klar ist – wirklich klar ist – dass ich immer das mir in dieser Situation Bestmögliche, dann brauche ich keinerlei Komparativ mehr, mit dem ich selber schlecht, unzulänglich, defizitär mache. Dies wird leider oft als Fatalismus falsch verstanden – auch wenn wir uns immer für das in jeder Situation Bestmögliche entscheiden, entbindet uns das nicht von der Pflicht, uns um uns selbst, aber auch unserer Mitmenschen willen weiter zu entwickeln.

 Roland war ein Jugendlicher in dem Erziehungsheim, in dem ich lange Jahre gearbeitet habe. Ein Ausflug war geplant; wir saßen alle schon im Bus, nur Roland fehlte noch. Ich fuhr ihn an: „Roland, nun mach‘ mal voran, wir warten alle auf dich!“ „Herr Schleeger, ich kann auch nicht schneller, als ich will.“ Das war die Antwort – wunderbar! Außerhalb der Dualität.

Erleuchtung brauchen wir nicht zu finden, sie ist schon da. Sie ist in uns. Sie muss „nur“ praktiziert werden. Sie kommt nicht von außen, niemand kann sie uns geben; niemand für uns erreichen..

Wenn wirklich klar ist, dass wir in jeder Situation unser Bestmögliches tun, dann ist auch klar, dass wir nicht vom Weg abkommen können – alles ist Teil des Weges; alles ist Teil unseres Wachstums. Ein Schüler des Zenklosters in San Francisco war längere Zeit nicht mehr ins Kloster gekommen; er sagte zu Suzuki Roshi, der dieses Kloster leitete: „Meister, ich war lange nicht mehr hier, ich glaube ich bin vom Weg abgekommen.“

„Du kannst nicht vom Weg abkommen! Alles ist Teil des Weges!“ war die Antwort von Suzuki.

Ich möchte mit dem bekannten Kalamer Sutra schließen, in dem Buddha noch einmal die Bedeutung der individuellen Erfahrung hervorhebt. Diese Rede ist jedoch nicht als postmodernes „anything goes“ der Beliebigkeit misszuverstehen. An anderer Stelle sagt Buddha nämlich auch, das in dem Augenblick wo wir uns entschieden haben, dieser Entscheidung mit all unserer Energie und mit allem Einsatz nachgehen sollen.

Kalamer Sutra:
Glaube nicht an die Macht von Traditionen,
auch wenn sie über viele Generationen hinweg
und an vielen Orten in Ehren gehalten wurden.
Glaube an nichts, nur weil viele Leute davon sprechen.
Glaube nicht an die Weisheiten aus alter Zeit.
Glaube nicht, dass Deine eigenen Vorstellungen
Dir von einem Gott eingegeben wurden.
Glaube nichts, was nur auf der Autorität
Deiner Lehrer oder Priester basiert.
Glaube das, was Du durch Nachforschungen
selbst geprüft und für richtig befunden hast.

Ich hoffe - bezogen auf unser gemeinsames Experiment, dass ihr ein wenig zuhören konntet und bedanke mich!

 

Anmerkung

*) Der Autor hat sich ausdrücklich gewünscht, dass die Kalligraphie "Yume Der Traum, auch richtig ist falsch" seinem Artikel vorangestellt wird. Wir freuen uns sehr, dass die Künstlerin, Frau Sanae Sakamoto, uns dies ermöglicht hat. Dafür möchten wir ihr an dieser Stelle ganz herzlich danken!

Yume Der Traum, auch richtig ist falsch
von Takuan, japanischer Rinzai-Zen Mönch (1573-1645)
Kalligraphie: © Sanae Sakamoto, Switzerland, www.sanae-sakamoto.ch
Tusche auf handgeschöpftem Japanpapier und nochmals aufgezogen. 88x120 cm

Praxisadressen von Gestalttherapeuten/-innen

Foto: Bruno M. Schleeger
Bruno M. Schleeger (Foto: © Horst ter Haar, 2011 im GIK)

Bruno M. Schleeger, Jahrgang 1948. Verheiratet, zwei Söhne; Volksschule, ein bisschen Humanistisches Gymnasium, wieder Volksschule. Starkstromelektriker, Abendschule, Krankenpfleger, So­zialarbeiter, Psychologe. Ausbildung in Psychodrama; in Gestalttherapie am Hartfort Family Institute in Hartfort, Connecticut. Psychologischer Psychotherapeut und Kinder- und Jugendtherapeut. Buddhistische Praxis seit ca. 40 Jahren. Mitbegründer des Analytischen Gestaltinstituts in Bonn; dort Ausbilder und Psychotherapeut. Leitung einer therapeutischen Wohngemeinschaft mit Drogenabhängigen nach dem "Day Top"-Konzept. Dann Arbeit in einem Erziehungsheim mit schwererziehbaren Kindern und Jugend­lichen. Dann in einem Heilpädagogischen Heim mit erwachsenen geistig Behinderten. Dort schwerpunktmäßig Arbeit mit Menschen mit leichter geistiger Behinderung und so genanntem "herausforderndem Verhalten". Zur Zeit heimübergreifend Teambe­-ratung zu den Schwerpunkten "Team­arbeit - Teamklima" sowie Arbeit mit aggressiven Menschen mit geistiger Behinderung. Ein weiterer Schwerpunkt sind Fortbildungen zu den Themen "Achtsame Begegnung" und "Umgang mit Menschen mit ‚herausforderndem Verhalten'". "Mein Leben spielt sich ab zwischen den Sätzen: ,Alles ist, was es ist' und ,sometimes something needs to be done' - und das ist gut so."

Bruno M. Schleegers Buch "Und wo ist das Problem? Zen-Buddhismus und Gestalttherapie" ist 2008 in der Edition des Gestalt-Instituts Köln als erheblich erweiterte Neuauflage erschienen.

Vortrag anlässlich der 15. Jahrestagung des Förderkreises "Gestaltkritik" am 9. September 2011 im Gestalt-Institut Köln. Dieser Beitrag erscheint in unserer Zeitschrift als Erstverffentlichung. © Bruno M. Schleeger, 2011/2012. Weitere Beiträge von Bruno M. Schleeger finden Sie auf den Internetseiten unserer Gestalttherapie-Zeitschrift "Gestaltkritik" in voller Länge online.

Bitte beachten Sie auch Bruno Schleegers Workshop im Gestalt-Institut Köln: Der Weg: Gestalttherapie und Zen-Buddhismus. 15. - 17. 6. 2012

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