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Bruno M. Schleeger
Von der Erleuchtung her kommend die Erleuchtung praktizieren
Zen-Buddhismus und Gestalttherapie


Aus der Gestaltkritik 1/2009:

Gestaltkritik - Die Zeitschrift mit Programm aus dem Gestalt-Institut Köln
Gestaltkritik (Internet): ISSN 1615-1712

Themenschwerpunkte:

Gestaltkritik verbindet die Ankündigung unseres aktuellen Veranstaltungs- und Weiterbildungsprogramms mit dem Abdruck von Originalbeiträgen: Texte aus unseren "Werkstätten" und denen unserer Freunde.

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Praxisadressen von Gestalttherapeuten/-innen

  Hier folgt der Abdruck eines Beitrages aus Gestaltkritik 1/2009:

Bruno M. Schleeger
Von der Erleuchtung her kommend die Erleuchtung praktizieren
Zen-Buddhismus und Gestalttherapie

Foto: Bruno M. SchleegerBruno M. Schleeger

 

Vortrag anlässlich der 12. Jahrestagung des Förderkreises "Gestaltkritik" am 7. Juni 2008 im Gestalt-Institut Köln.

 

 

Alle diese - und ähnliche Sätze - waren in wechselnder Weise in all den Jahren, in denen ich die beiden Wege gehe, meine jeweiligen Überzeugungen.

Heute sage ich: "Wozu ist diese Frage wichtig?" "Welche Erfahrung, welches Wachstum ermöglicht Ihnen eine Antwort auf diese Frage?"

 

Über Zen zu reden oder zu schreiben bedeutet einer Schlange Füße anzukleben.
Hui Neng (638 - 713)

Über Gestalttherapie zu reden oder zu schreiben bedeutet Elefantenscheiße zu verzapfen!
Friedrich S. Perls (1873 - 1970)

 

Zwischen Zen-Buddhismus und Gestalttherapie finden sich sehr viele Parallelen sowohl in Bezug auf das Menschenbild als auch in Bezug auf die Praxis, auch wenn wir uns davor hüten sollen, beide Wege voreilig gleichzusetzen; Meditation ist kein Ersatz für Therapie und eine Therapie kann die spirituelle Suche nicht ersetzen; sie können sich ergänzen, nicht aber ersetzen.

Eine erste sehr markante Gemeinsamkeit zeigen jedoch bereits die beiden kurzen Zitate: Sowohl im Zen-Buddhismus als auch in der Gestalttherapie geht es um Dinge, um Erfahrungen, die sich der theoretischen Beschreibung entziehen, die nur im Tun erfahrbar sind.

Zen kann man nicht beschreiben - das, was ich beschreibe, kann kein Zen sein.

Bei beiden Wegen geht es um die Erfahrung - nicht um Wissen; ganz im Gegenteil: Wissen kann, darin sind sich Gestalttherapie und Zen-Buddhismus einig, eher wachstumverhindernd als förderlich sein. Wissen und Erfahrung sind solange sinnvoll, wie sie aufeinander aufbauen.

 

Beispiele:

Die Hin- oder Einführung speziell in den Zen-Buddhismus ist in der Regel recht kurz und prägnant: "Da ist Dein Sitzkissen, setz Dich hin und sei ruhig!" Dies ist oft für den Anfänger frustrierend; er hätte doch soooo gerne genaue Anweisungen, damit er alles "richtig" machen kann; und Erklärungen, damit er seine Erfahrungen "einordnen" kann.

Erst mit und im Laufe der Praxis kommen in meist homöopathischen Dosen weitere Instruktionen über die Sitzhaltung, das Zählen des Atems, aus Aus- und Einatmen das richtige Verbeugen etc. Schritt für Schritt hinzu.

 

In der Gestalttherapie versuche ich auf die Frage eines neuen Klienten, was denn nun Gestalttherapie sei, wie sie wirke und ob sie denn auch für ihn hilfreich sei, so sparsam und so wenig wie möglich zu antworten. Meine Standartantwort lautet: "Fragen Sie mich das in zwei Jahren nochmals, dann komme ich gerne auf Ihre Frage zurück."

Antworten ohne Erfahrung sind kaltes Wissen.

Erfahrung ohne Wissen sind Spontanaktivierungen, die meist nicht lange tragen.

 

Schüler: "Sie haben gesagt, dies alles sei für einen Erleuchteten sehr wahr. Und für einen Nicht-Erleuchteten ist es nur Gerede?"

Suzuki Roshi: "Was fehlt? Die Übung fehlt. Nur wenn ihr sehr intensiv Zazen übt, ist dies wahr. Doch selbst wenn ihr sehr intensiv übt, ist eure Praxis nicht immer vollkommen. Es kann eine große Kluft zwischen der Wahrheit und eurem Verständnis oder euren tatsächlichen Erfahrungen bestehen …"

 

Die Vorgehensweisen sowohl der Gestalttherapeuten als auch die des Zen Meisters gleichen sich hier unter anderem auch darin, dass sie uns immer wieder neu aus der Bahn, speziell der "Wissensbahn" werfen wollen hin zur Erfahrung. In der Gestalttherapie nennen wir das Wegschlagen der Krücken des Intellekts "Skillful frustration". Perls selber war ein Meister dieser Strategie, obwohl böse Zungen behaupten, Perls habe mit Vorliebe Frauen geärgert und das dann "skillful frustration" genannt.

Aus der Zen Tradition kennen wir die oft ruppige Vorgehensweise, mit der die Lehrer verdeutlichen, dass uns intellektuelles Erörtern und Wissen nicht voranbringen - im Gegenteil!

 

Wenn du etwas sagst, dreißig Stockhiebe. Wenn du nichts sagst, dreißig Stockhiebe.
Tokusan Senkan

 

Zur "Lösung" eines sog. Koans taugt der Verstand nicht, die Antwort auf ein Koan liegt "hinter" dem Verstand.

Ein wunderbares Beispiel für diese Vorgehensweise zeigt uns das 28. Beispiel aus dem Mumonkan, einer berühmten Sammlung von Koan Geschichten:

Tokusan bat eines Nachts Ryûtan mit großer Beharrlichkeit um Unterweisung. Schließlich sagte Ryûtan: "Es ist spät in der Nacht. Möchtest du nicht schlafen gehen?" Tokusan dankte dem Meister, verbeugte sich mehrmals, hob den Türvorhang hoch und ging hinaus. Als er sah, wie dunkel es draußen war, kehrte er zurück und sagte: "Draußen ist's pechschwarz." Ryûtan zündete eine Laterne an und reichte sie ihm. Als Tokusan seine Hand danach ausstreckte, blies Ryûtan das Licht aus. In diesem Augenblick wurde Tokusan plötzlich erleuchtet und verneigte sich tief.

Diese Geschichte geht noch weiter, aber für unser Thema "Skillful frustration" soll es bis hierhin genügen. Der Meister nimmt dem Schüler alle seine Hilfsmittel der alltäglichen Welt - in diesem Augenblick erfährt der Schüler Erleuchtung!

Nun sollten wir nicht größenwahnsinnig denken, dass wir nur die Laternen des Alltages auszublasen bräuchten und schon sei unser Gegenüber geheilt! Eine solche Begebenheit hat immer einen "Vorlauf" von vielen Jahren anstrengender Praxis.

 

If I had to explain - You wouldn't understand.
Grateful Dead Aufkleber

 

Wenn ich es Dir erklären muss, wirst Du es eh' nicht verstehen; Du wirst vielleicht die Worte verstehen, es aber nicht erfassen.

Wenn Dein inneres Wachstum soweit fortgeschritten ist, dass Du es verstehen wirst, brauche ich es Dir nicht mehr zu erklären.

 

Der Wissende spricht nicht - der Sprechende weiß nicht.
Laotse

 

"Bevor ein Unglück eintritt, weiß man nicht um das eigene Glück. Danach aber erinnert man sich an die alten Tage und versteht, dass sie glücklich waren. Warum also sollte man auf irgendetwas warten, ehe man sich glücklich fühlt?" (01)

 

Von der Erleuchtung her schauend die Erleuchtung praktizieren

Voraussetzung:

Daraus erwächst die Sicherheit, die die Voraussetzung zur Absichtslosigkeit ist oder in der Sprache der Gestalttherapie: Trust the process.

Achtsamer, aufmerksamer Zeuge werden - mehr ist nicht zu tun!

 

Das ist schwer zu erreichen und noch schwerer auszuhalten. Der Widerspruch zwischen "Da möchte ich hin" und "Hier bin ich".

Wenn ich doch tatsächlich Buddhanatur in mir habe - warum fühlt sich denn dann mein Leben immer noch soooo schwer an?

Der Unterschied zwischen dem Ich-­Ideal, dem idealen Ich und meiner derzeitigen Situation ist oft sehr bedrückend. Die Fixierung auf bzw. die ständige Jagd nach dem - vermeintlichen Ideal zerstört den Augenblick; aber nur in jedem Augenblick bin ich Ich.

In der griechischen Mythologie zeigt uns die Idylle von Philemon und Baucis die lebendigen Möglichkeiten des selbstverständlichen Lebens außerhalb von ­Ideal - Mechanismen und Ideal - Zwängen.

Bach hat diesen Widerspruch, diese Spannung ausgehalten … eine Beschwerde über seine miserablen Arbeitsbedingungen, die er an den Rat der Stadt Leipzig geschrieben hat, beschreibt dies sehr deutlich. Obwohl diese Beschwerde keinerlei Verbesserungen gebracht hat und obwohl er immer wieder wegen seiner Musik kritisiert worden ist, hat Bach 27 Jahre unter diesen Randbedingen gearbeitet und Musik komponiert, die nicht menschlich, sondern von Gott gegeben genannt werden muss.

Nicht nur weil ich Bachliebhaber bin, ist Bach für mich das beste Beispiel, wie jemand unter der Spannung zwischen Ideal und Wirklichkeit liebens-, lebens- und handlungsfähig bleibt. Wie groß muss der permanente Unterschied zwischen dem, was er "innen drin" und dem, was er dann tatsächlich zuhören bekommen hat gewesen sein. Heute nennen wir das "Ambiguitätstoleranz".

Ein 5 Sterne Koch, der unter Randbedingungen arbeiten muss, die ihm immer nur die Herstellung von Pommes Frittes mit Bratwurst ermöglichen.

 

Hier Ausschnitte aus der berühmten Eingabe Bachs:

Zum Beschluß finde mich genöthiget den numerum derer itzigen alumnorum mit anzuhängen, und so dann zu reiferer Überlegung es zu überlaßen, ob bey so bewandten Ümständten die Music könne fernerhin bestehen, oder ob derer mehrerer Verfall zu besorgen sey. Es ist aber nothwendig den gantzen coetum in drey Claßes abzutheilen.

Sind demnach die brauchbaren folgende: (1) Pezold, Lange, Stoll, Præfecti, Frick, Krause, Kittler, Pohlreüter, Stein, Burckhard, Siegler, Nitzer, Reichhard, Krebs major u. minor, Schöneman, Heder und Dietel.

Die Motetten Singer, so sich noch erstlich mehr perfectioniren müßen, üm mit der Zeit zur Figural Music gebrauchet werden zu können, heißen wie folget: (2) Jänigke, Ludewig major und minor, Meißner, Neücke major und minor, Hillmeyer, Steidel, Heße, Haupt, Suppius, Segnitz, Thieme, Keller, Röder, Oßan, Berger, Lösch, Hauptman und Sachse.

Die von lezterer sorte sind gar keine Musici, und heißen also: (3) Bauer, Graß, Eberhard, Braune, Seyman, Tietze, Hebenstreit, Wintzer, Ößer, Leppert, Haußius, Feller, Crell, Zeymer, Guffer, Eichel und Zwicker.

Summa. 17 zu gebrauchende, 20. noch nicht zu gebrauchende, und 17 untüchtige.

Leipzig den 23. Aug. 1730.

Joh: Seb: Bach.

Director Musices.

 

Das heißt Bach konnte über 36 Vokalisten, 20 Instrumentalisten verfügen; es gab 9 Vakanzen - das alles auf vier Kirchen verteilt! Das waren die Arbeitsbedingungen zur Zeit der Matthäuspassion!

Die h-moll-Messe hat Bach für sich und für Gott - über Jahrzehnte hinweg immer wieder - komponiert; sie wurde zu seinen Lebzeiten nicht aufgeführt!

Knapp 70 Jahre nach dem Tod Johann Sebastian Bachs wagte der schweizerischer Komponist, Musikverleger und Musikpädagoge Hans Georg Nägeli (1773 - 1836) das Unternehmen, die handschriftliche Partitur der h-Moll-Messe für den Druck vorzubereiten. Er bezeichnete im Jahre die h moll Messe als das "größte musikalische Kunstwerk aller Zeiten und Völker" Solche Musik kann nur jemand komponieren, der auf der Erde zuhause ist (bei Bachs soll es immer recht lebendig zugegangen sein), gleichzeitig aber mit dem göttlichen in sich selber zutiefst verbunden ist.

Um es in der Sprache dieses Vortrages auszudrücken: "Seine Buddha Natur erkannt hat und sie lebt!"

"S.D.G." Damit beendete Johann Sebastian Bach viele seiner Kompositionen. Und damit meine ich nicht die Töne S, D und G. Nein, dieses Kürzel steht für "soli deo gloria" und bedeutet soviel wie "allein zur Ehre Gottes". Bach ist bekannt für die Zahlensymbolik, die er in seinen Werken eingearbeitet hat. Bestimmte Buchstabenkürzel hat er musikalisch übersetzt. S.D.G. ist eben so ein Kürzel. Doch Bachforscher haben längst herausgefunden, dass die Töne für S.D.G. und die Töne für J.S.B., also Johann Sebastian Bach, dieselben sind. Für Bach hieß das, sein Name steht allein für die Ehre Gottes. Er wollte sein ganzes Leben zur Ehre Gottes leben.

Allein zur Ehre Gottes wollte er komponieren. Diese Tatsache hat ihm auch den Beinamen "der fünfte Evangelist" eingebracht und zu dem wunderschön prägnanten Satz "An Gott zweifeln - Bach glauben!" geführt.

 

Je mehr mir wirklich klar wird, was es heißt, wenn ich sage "wir kommen als geschlossene Gestalt zur Welt", "wir haben die Buddhanatur in uns" oder im christlichen Glauben: "Gott hat uns / mich nach seinem Ebenbild geschaffen", desto schwieriger kann dann oft die Praxis sein.

Ich lerne ein Instrument, z.B. Geige; irgendwann habe ich das Glück z.B. Itzhak Perlman zu sehen und zu hören. Meine Reaktion: das lerne ich nie, so weit komme ich in diesem Leben nie und ich höre auf zu üben.

Wir wissen nicht, was wir nicht wissen - doch je weiter wir in unserem Bemühen fortschreiten - sei es nun auf dem therapeutischen oder dem spirituellen Weg - desto mehr erahnen wir, was wir alles nicht wissen. Irgendwann landen wir dann bei der Erkenntnis, dass wohl ein Leben nicht ausreicht, um alles Wissenswerte zu wissen, um alles Erfahrenswerte zu erfahren.

Um diesen Widerspruch, der ja mit fortschreitender Erkenntnis nicht kleiner, sondern größer wird, aushalten zu können, brauchen wir einen Lehrer, brauchen wir den Therapeuten; er hält für uns das Ziel im Auge:

Navigationsgerät (Beispiel)

Ich habe seit einiger Zeit ein Navigationsgerät; von diesem Gerät kann ich als Gestalttherapeut in Sachen Widerstand sehr viel lernen: Der Navigator hat immer mein Ziel vor Augen und leitet mich Schritt für Schritt, Kilometer für Kilometer meinem Ziel zu. Er kennt den Weg und führt mich sogar sicher an Staus vorbei. Manchmal jedoch "werde ich trotzig, habe ich Widerstand", da weiß ich es besser und folge nicht seinen Anweisungen. Sehr schön ist, dass er mir das nicht - auch nicht beim 27zigsten mal - übel nimmt, sondern mir auf der Grundlage meines "Widerstandes" einen neuen Weg zu meinem Ziel errechnet. Und das macht er immer wieder und sehr geduldig. Er sorgt dafür, dass ich immer zu meinem Ziel komme, lässt mich aber gleichzeitig jeden "Umweg" nehmen. Er bleibt geduldig bei mir und für mich "am Ball". Ich bin mir sicher: würde mich ein Klient so behandeln, wie ich meinen Navigator oft behandle, ich hätte schon längst gesagt "… dann mach deinen Kram doch alleine!" Nicht so der Navigator! Er führt, indem er folgt; hier haben wir Lévinas' "nach Ihnen" in Reinform. Es ist sehr viel erreicht, wenn ich als Therapeut mich in dieser Grundhaltung der nichtwertenden Begleitung übe! "Meinen" Therapeuten wünsche ich mir in genau dieser Grundhaltung!

 

Wenn die Meister aufhören zu lehren,
werden die Schüler endlich lernen können.
Montesquieu (1689 - 1755)

 

Hast du die Lehre der Buddhas erfasst, wirst du erkennen: Du hast nichts gelernt!
Bankei

 

"Wir dürfen nicht darauf verfallen zu glauben, Widerstände seien schlecht und der Patient wäre besser ohne sie dran. Otto Rank nannte sie treffend den negativen Willen. Wenn der Therapeut Widerstände nicht zu schätzen weiß, dann kann er ebenso gut aufgeben." (02)

Aus dem Zen-Buddhismus stammt die simple Wahrheit: "Nicht das Beginnen wird belohnt, sondern einzig und allein das Durchhalten."

Der Weg ist schon da, er liegt direkt vor unseren Füßen. Leider können wir ihn nur noch nicht sehen, weil unser Blick noch verschleiert ist:

 

Du siehst den Einen Geist stets vor dir, doch sobald du über ihn nachdenkst, verfällst du dem Irrtum.
Huang-Po

 

Hier sprechen wir vom "Großen Zweifel" - je mehr mir deutlich wird, was die wahre Buddhanatur ist, desto größer werden oft die Zweifel, ob ich sie jemals erreichen kann. Doch die Antwort auf die simple koanartige Frage ist genauso simpel: "Ich gehe weiter!"

Größtes Vertrauen, größte Zweifel und größte Beständigkeit sind die drei Bestandteile des Weges:

 

 

Unsere tiefste Essenz ist von Natur aus gegeben; ursprünglich gehört sie nicht der Domäne der Verwirklichung an; wie könnte sie also verloren gehen.
Hanshan

 

 

Wenn du weißt, dass alles, was du tust, verkehrt ist, was tust Du dann?
Hisamutsu Shin'ichi (1889 - 1980)

 

 

Wenn du suchst Was ist das anderes, Schall und Form nachzujagen? Wenn du nicht suchst worin unterscheidest du dich dann von Erde, Holz und Stein? Du musst suchen, ohne zu suchen.
Foyan

 

WSEIO KNÖNEN SEI DEIESN STAZ LSEEN, OWHOBL DIE BCUTHSAEBN NCHIT IN DER RITHCIEGN RIEHNFOGLE SHETEN ?

 

Unser Wahrnehmungsapparat fügt die Dinge so, dass wir - wie in diesem Beispiel - Zusammenhänge erkennen können; unser "psychischer Apparat" verfährt ähnlich. Nur bilden sich so oft vermeintlich geschlossenen Gestalten, die weder heilsam sind, noch wirklich abgeschlossen. Hier werden die Anfänge der sog. "Gestaltpsychologie" sichtbar, die einer der vielen Ausgangspunkte der Gestalttherapie sind.

Das obige Wahrnehmungsbeispiel geht ja noch, aber hier wird es schwieriger: Das Suchbild vom Hirten.

Suchbild

 

Von der Erleuchtung her schauend

Beispiel: Ich sehe einen komplizierten Spionagefilm und verstehe vor lauter Verwirrung, vor lauter Verschachtelungen nichts. Dann sehe ich am Ende die "Lösung" und nun schaue ich mir den Film noch einmal an; plötzlich erkenne ich die Zusammenhänge, alle Verwirrungen erschließen sich mir. Alle vorher - vermeintlich - unzusammenhängende Mosaiksteine ergeben vor dem Hintergrund der Gesamtauflösung nun einen Sinnzusammenhang.

Oder: Was ist denn von der Sicht des Totenbettes aus wirklich wichtig? Wer das Geschenk erleben durfte, einen Freund oder sonstig nahen Menschen bei dessen Sterben begleiten zu dürfen, der wird erlebt haben, wie kräftig ein solches Erlebnis die Kategorien von wichtig und unwichtig durcheinander wirbelt - auf den Kopf stellt. Ist es von dieser Warte aus gesehen wichtig, dass mein Auto schön geputzt ist … etc.?

Oder mein Computer ist von einem Virus befallen; ein Fachmann sagt mir, "die Festplatte und mithin alle Daten sind weg". Ich ärgere mich einige Tage furchtbar; dann stelle ich erstaunt fest, dass ich mich - auch - entlastet und befreit fühle.

Niemals wäre ich in der Lage, alle meine schönen in vielen Jahren aufgehäuften Besitztümer einfach weg zu geben. Dann stelle ich mich vor, mein Haus würde abbrennen; alles wäre durch die Flammen vernichtet …

Wenn der Schleier erst weg ist und ich mehr "Durchblick" habe, ist es oft schwer, dass ich mich an die Zeit vor der Entschleierung erinnere. Wenn ich einmal den Hirten entdeckt habe, kann ich das Bild nicht mehr anschauen und so tun, als hätte ich den Hirten noch nie gesehen. Das ist das Tröstliche: Der Wachstumsprozess ist irreversibel!

Wenn ich in einer Mauer ein Loch breche und eine Türe einbaue, dann bleibt dort immer eine Türe. Es ist zwar möglich, dass diese Türe geschlossen sein kann - und das kommt immer wieder vor -; was aber jeden Fall bleibt: Eine Mauer mit einer Türe!

Es gibt auf dem Weg kein Daran-Vorbei-Gehen; wir müssen ihn gehen; es gibt auch keine Abkürzungen.

Es gibt mindmaschins, die in unserem Gehirn die gleichen Wellen erzeugen, wie sie durch tiefe, jahrelange Meditation entstehen; es gibt Bücher, in denen die Antworten auf die bekanntestes Koans aufgeführt sind.

Auf der Basis der Erkenntnis der wahren Buddhanatur ist alles Tun "die Erleuchtung praktizieren"; fehlt diese Basis, ist sogar Zazen nichts anderes als ein gelangweilter Fleischsack auf einem schmutzigen Kissen. Es mag beruhigend sein, es mag entlastend wirken, aber mit Praktizieren, mit "von der Erleuchtung schauend die Erleuchtung praktizieren" hat es nichts zu tun.

 

Wissen & Theorie

Wissen und Erfahrung müssen im Einklang sein; das eine ohne das andere ist sinnlos

Daher gibt es zwei Fragen, die vor jeder Antwort auf die Warum - Frage, auf die Theorie Frage geklärt werden sollten:

Was in der Gestalttherapie oder im Zen-Buddhismus als theoriefeindlich dargestellt wird, meint nichts anderes als das eine Antwort auf die Frage der Theorie, auf die Frage des warum - so sie ohne vorherige Klärung der beiden Fragen (s.o.) gegeben wird, tatsächlich "bullshit" ist.

 

Zen behauptet, Buddhismus zu sein, doch alle in den Sutras und Shastras dargelegten buddhistischen Lehren werden vom Zen als bloßes Papier betrachtet, das lediglich dazu taugt, den Schmutz des Intellekts wegzuwischen.
D.T. Suzuki

 

Jedes Mal, wenn Du es ablehnst, eine Frage zu beantworten, hilfst Du dem anderen, seine Kräfte zu entfalten.
F. Perls

 

Die Unterweisung eines Zen-Mönches muss sein wie die Rede eines Taubstummen.

Taisen Deshimaru

 

Es gehört schon eine Menge Mut dazu,
schlicht und einfach zu erklären,
dass der Zweck des Lebens ist,
sich seiner zu erfreuen.

Laotse (570 bis ca. 490 v. Chr.)

 

Es gibt zwei Gründe, abzuwaschen:

 

Wir essen nicht, um scheißen zu können Wir scheißen nicht, um Dünger zu machen.
Doch in den letzten Jahren denken die meisten Menschen, dass man in die Oberschule geht, um auf die Uni zu kommen, und in die Uni, um einen guten Job zu kriegen. (03)

Kodo Sawaki

 

Praxis ist Praxis - sie ist nicht falsch, sie ist nicht richtig; sie ist nicht gut, sie ist nicht schlecht. Sie ist genau das, was sie in jedem Augenblick ist: Unsere / meine Praxis. In der Therapie arbeite ich gerne mit "Hausaufgaben" und "Experimenten". Beide kann man nicht falsch machen; was immer mit dem Experiment, mit der Hausaufgabe geschieht, es hat eine Bedeutung - auch, wenn ich die Hausaufgabe "vergessen" habe oder wenn ich "keine Zeit" hatte. All' dies hat eine Aussagekraft - nicht im Sinne von richtig oder falsch, gut oder schlecht, sondern im Sinne von: so ist es - mein Leben, meine Praxis … oder was auch immer.

Wer sich selber, den anderen oder die Welt beurteilt, macht sich selber, den Anderen oder die Welt zum "Teil"; er verhindert so die ganzheitliche Sicht, die ganzheitliche Erfahrung seiner Selbst bzw. der Welt.

Indem wir uns schrittweise von unserer Abhängigkeit unseres sezierenden und kategoriesierenden Alltagsverstand lö-sen, können wir davon ablassen, das Meditieren zu erlernen - wir meditieren einfach.

Wenn wir das wirklich erfasst (nicht verstanden) haben, dann können wir auch erkennen, dass es nicht darum geht, die Erleuchtung zu erlangen, sondern darum, sie zu praktizieren.

Sich auf den Weg begeben bedeutet nicht nachzulassen; nicht nachzulassen allerdings nicht im Erreichen wollen, sondern im Praktizieren.

Hierzu ein - auch für mich schwer nachzuvollziehendes - Extrembeispiel: Als am 16. August 2005 der Gründer der Taize Bewegung, Frère Roger Schütz während eines Gottesdienstes von einer offensichtlich verwirrten Frau ermordet wurde, haben die Brüder weiter gebetet und gesungen: "Wir lassen uns doch nicht von einer verwirrten Frau vorschreiben, wann wir unser Gebet zu beenden haben …" war die Erklärung der Brüder - wahrlich schwer zu verdauen für uns …

 

Lerne die Regeln sorgfältig,
und dann vergiss sie.

Bassho

 

Zen-Buddhismus und Gestalttherapie können uns dazu anhalten, ein enttäuschtes Leben - will meinen: ein Leben frei von Täuschungen - zu leben. Ich erweise mir weder damit, dass ich mich klein mache, noch damit, dass ich den anderen groß mache einen guten Dienst. In beiden Fällen entferne ich mich von dem, der ich nun mal bin. Zen geschieht dann - so drückt es der bekannte Zen Meister Kodo Sawaki aus - wenn das Selbst das Selbst das Selbst sein lässt. Mehr ist nicht zu tun. Mehr ist nicht zu erreichen; weder auf dem Zen Weg noch auf dem therapeutischen Weg.

Vorstellungen wie es sein sollte, wie es richtig sein sollte, wie es besser sein könnte, bringen mich nicht weiter. Wegweiser sind unterwegs gut und hilfreich, am Ziel oder Zwischenziel sind sie im günstigsten Falle Ballast; meist aber ein Gefängnis von "wie es sein sollte", "wie es ‚richtig' zu gehen hat" etc. Wir stecken oft erstaunlich viel Energie in den Aufbau solcher Gefängnisse, oder wie Watzlawick es beschrieb: "Erst wirbeln wir viel Staub auf und beschweren uns dann, dass wir nichts sehen!"

Noch einmal Kodo Sawaki: "Es ist natürlich, dass ein Veilchen als Veilchen blüht und eine Rose als Rose. Es gibt keinen Grund, sich mit dem Gedanken abzumühen: "Ich bin wie ein Veilchen, aber ich bin unzufrieden damit, Veilchenblüten zu erzeugen; ich will Rosenblüten haben." Wenn ein Veilchen keine Veilchenblüte hervorbringen kann, ist sein Leben verdreht und nicht gut. Wenn du mich fragst, ob du ein Veilchen oder eine Rose bist - ich weiß es nicht. Du musst das nicht entscheiden. Dein Leben besteht aus unbekannten Möglichkeiten." (04)

Und als Gestalttherapeut füge ich hinzu: wir - und niemand sonst - sind dafür zuständig und verantwortlich, für welche der Möglichkeiten wir uns entscheiden; besonders sind wir dafür verantwortlich, wenn wir uns entscheiden, uns nicht zu entscheiden!

Gestalttherapie und Zen-Buddhismus haben das gleiche Ziel: Die Überwindung des Dualismus. Diese Überwindung des Dualismus ist ein wichtiger Teil des Weges in allen spirituellen, insbesondere mystischen Traditionen. Der größte und drängenste Dualismus, dem wir uns alle stellen müssen, ist der Dualismus von Leben und Tod. Es ist lohnenswert, sich in den verschiedenen Traditionen umzuschauen wie sie mit diesem unerbittlichen Dualismus umgehen; wir können für unsere alltäglichen, kleineren Dualismen einiges lernen.

 

Wer nicht stirbt, bevor er stirbt, verdirbt, wenn er stirbt
Jacob Böhme

 

Stirb' und werde
Stirb bevor du stirbst

Sufi Tradition

 

Dann sprach er: Du kannst [es] nicht [ertragen], mein Angesicht zu sehen, denn kein Mensch kann mich sehen und am Leben bleiben.
Buch Exodus, 33, 20

 

Wer nicht kennt das "stirb und werde",
ist nur ein trüber Gast auf dieser Erde!

Goethe (West Östlicher Divan)

 

Tötet mich, o meine Freunde,
denn im Tod nur ist mein Leben

Hallag

 

Zen Meister Tung-shan: "Ich zeige den lebenden Wesen die Wahrheit."
Mönch: "Wie sind sie danach?"
Tung shan: "Keine lebenden Wesen mehr!"

 

Gott ist der in Seinen Erscheinungen Unerschienene.
Martin Buber

 

Der Mensch muss in dieser Welt sterben, um die höher stehende, geistige Welt erleben zu können. Der Tod ist sozusagen das 'Tor zum Leben' Leben und Tod bedeuten mit anderen Worten ein Kommen von und ein Gehen zu Gott. Leben und Tod sind "nur" unterschiedliche Aggregatzustände ein- und derselben Existenz.

Es ist kein Zufall, dass Schüler spiritueller Heilswege oft zuerst mit der größtmöglichen Dualität von Leben und Tod konfrontiert werden. Der angehende Heiler, Schamane, Medizinmann muss als erstes "sterben" lernen.

In Zen-Buddhismus rezitieren wir das Herzsutra (siehe auch unten): Da gibt es weder Alter und Tod noch die Überwindung von Alter und Tod; kein Leiden, keine Ursache, kein Ende des Leidens

Eines der wichtigsten "Gebete" im tibetischen Buddhismus, die sogenannte "Puja für ein langes Leben", das Ritual des langen Lebens von Mandarava, heißt bezeichnender Weise auch "Puja zur Überwindung der Dualität".

Die hier unüberwindbar erscheinende Kluft zwischen absoluter und relativer Ebene überbrückt die schöne Antwort, die ein tibetischer Lama auf die Frage: "Ist der Tod wirklich oder ist er eine Illusion?" gab: "Der Tod ist eine wirkliche Illusion."

Die Überwindung der alltäglichen Dualität im Zen-Buddhismus als "Sterben" - oder hier als "Blindheit" wird auch an den fünf Arten der Blindheit, die wir im Zen kennen, sehr plastisch deutlich:

1. die gewöhnliche Blindheit - unerleuchtete Menschen, die nichts über die Wahrheit wissen;

2. schlechte Blindheit - Menschen, die falschen Philosophien oder Religionen anhangen;

3. Blindheit vor der Erleuchtung - Menschen mit rechtem Glauben, die sich mühen und in rechter Weise üben, aber noch nicht erleuchtet sind;

4. richtige Blindheit - das Auge der großen Erleuchtung, das im ganzen Universum nichts sieht,

5. wahrhafte Blindheit - das Auge, in dem auch das Licht der Erleuchtung verschwunden ist. Das ist Buddhas Auge.

Entgegen unserer Alltaglogik ist hier der am meisten "Erblindete" der Fortgeschrittenste; für ihn existieren keine Dualitäten mehr.

 

Zurück zur Erfahrung

Die Frage, die wir uns als Therapeuten oder als Lehrer immer wieder stellen müssen lautet in diesem Zusammenhang:

Wie muss ich sein,

was kann ich tun,

damit mein Gegenüber erfährt, dass er Buddhanatur bereits in sich hat, dass er eine geschlossene Gestalt bereits ist. Wenn eine Intervention nicht diesem Ziel dient, sollten wir uns fragen, warum wir sie dann überhaupt machen ….

 

Praktizieren: Der werden, der ich bin!

Ein prominentes Beispiel eines Koan ist der Dialog zwischen dem Sechsten Patriarchen und dem Mönch Myo, der unmittelbar im Anschluss daran 'Satori' erfuhr - die Worte des Meisters boten ihm den letzten noch fehlenden Anstoß: Auf die Frage des Myo, was Zen ist, antwortete der Sechste Patriarch: "Wenn dein Geist (mind) nicht auf dem Dualismus von Gut und Böse siedelt, was ist dein ursprüngliches Gesicht, bevor du geboren wurdest?"

 

Der Löwe in uns

Ein berühmter Bildhauer arbeitete gerade an einem Marmorlöwen. Starr vor Bewunderung fragte ihn ein Besucher, worin das Geheimnis seiner Kunst bestehe. Der Meister antwortete: "Das ist gar nicht so schwierig. Ich schlage einfach alles weg, was nicht nach Löwe aussieht."

Wir wissen nicht, was wir alles nicht wissen; was wir im besten Fall wissen können, ist, dass wir nichts - oder nur sehr wenig - wissen.

Sich darüber klar werden, wie wenig wir wissen, ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu der Erkenntnis, dass wir nichts zu suchen brauchen, weil schon alles da ist, weil die Buddhanatur schon in uns ist. Doch das ist nicht leicht.

Ein Frosch lebte seit langer Zeit in einem alten Brunnen, der sich am Rande des Meeres befand. Er wurde in ihm geboren und aufgezogen.

Eines Tages fiel ein Fisch, der aus dem Meer gesprungen war, in den Brunnen. Als der Frosch sich von seinem ersten Schreck erholt hatte, fragte er vorsichtig den Neuankömmling: "Was bist denn du für ein sonderbares Wesen und wo kommst du denn her?" Der Fisch antwortete: "Ich bin ein Fisch und komme aus dem Meer." - "Vom Meer?" fragte der Brunnenfrosch ganz erstaunt. "Wie groß ist denn das Meer?" - "Sehr groß", gab der Fisch zur Antwort. Der Frosch streckte seine Füße aus und fragte: "Ist das Meer so groß?" - "Es ist viel größer!" sagte der Fisch. Da hüpfte der Frosch mit einem gewaltigen Sprung von der einen Seite des Brunnens zur anderen hin: "Ist es etwa so groß?"

"Mein Freund", sprach da der Fisch, "das Meer ist so groß, dass du es nicht mit deinem Brunnen vergleichen kannst." - "Jetzt hast du dich verraten, du Lügner!" rief da der Frosch, "denn etwas Größeres als meinen Brunnen kann es gar nicht geben!"

Bodhidarma, der legendäre erste Patriarch des Zen aus dem sechsten Jahrhundert, hat diese unsere Situation sehr treffend beschrieben:

"Die Menschen dieser Welt suchen Buddha in weiter Ferne: Sie wissen nicht, dass Buddha das Wesen ihres eigenen Geistes ist."

 

Rabbi Sussja sprach: In den letzten Tagen wird man mich nicht fragen: Warum bist Du nicht Moses geworden? Man wird mich fragen: Warum bist Du nicht Sussja gewesen?!

 

Die eigene Buddhanatur (an) erkennen heißt, den Gestaltgrundsatz "in jedem Augenblick tun wir unser bestes" anzuerkennen, zu glauben und zu leben.

Buddhistisch ausgedrückt heißt dieser Satz ja: Alles, was wir tun, ist Praktizieren der Buddhanatur - Praktizieren heißt: Weg vom "um zu …" oder "wenn, dann" zu kommen: Ich praktiziere, um Erleuchtung zu erlangen, um zu …, um zu; wenn ich erst - dann werde ich …

Schon bin ich weg von der Praxis …

Erst, wenn ich Ich werde, bzw. wenn ich mich auf diesen Weg mache, geschieht Veränderung. Die Beschäftigung mit dem Unterschied zwischen meinem Ich-Ideal und meinem realen Selbst ist wachstumsmäßig gesehen eine Sackgasse.

"Werde der Du bist" - trägt uns der berühmte Satz auf, der mal Hermann Hesse, mal Friedrich Nietzsche, mal dem Orakel von Delphi zugeschrieben wird.

Hoffnung und unser Umgang mit ihr sind einer der größten "wenn … dann" Fallen. Wenn wir uns von Hoffnung bestimmen lassen, dann entfernen wir uns vom Hier und Jetzt; wir beschäftigen uns mit etwas, was in der Zukunft liegt. Etwas, worüber wir weder Wissen noch Erfahrung haben, sondern nur Vorstellungen und Phantasien! Auf Konjunktiven - hätte, würde, könnte, werde etc. - lässt sich kein Wachstumsprozess erbauen. In diesem Sinne wünsche ich meinen Klienten - und auch mir - immer ein "hoffnungsloses Leben"!

Die Wenn-Bedingungen (wenn, dann) halten uns vom Leben im Hier und Jetzt ab. Sie sind scheinbar auf die Zukunft gerichtet, verheißen uns dann ein besseres Leben, sind aber eine der Illusionen, die uns, wie es Albert Camus in seiner Novelle "Der Fremde" sagt, wie ein Toter existieren lassen. Wenn ich in den Wenn - Bedingungen lebe, also ohne Achtsamkeit auf das, was hier und jetzt ist, nehme ich nicht am Leben jetzt teil, sondern verschiebe es permanent mit einem Versprechen an mich selbst. Die Wenn - Bedingungen lauten in der Regel: Wenn ich meine Ausbildung beendet habe, wenn ich mehr Geld besitze, wenn ich einen Beruf ausübe, wenn ich Karriere mache, wenn ich meine Prüfung bestanden habe, wenn ich Arzt, Oberarzt, Professor bin, wenn ich Abteilungsleiter werde, wenn ich eine Partnerin habe. Wenn ich aufgehört habe zu trinken. Wenn ich geschieden bin, wenn ich in eigener Wohnung lebe, wenn ich erst mal in Rente bin, wenn ich den Führerschein bekomme, wenn ich ein Auto habe, wenn ich endlich weniger wiege, wenn ich Kinder habe, wenn die Kinder erst mal größer sind, wenn die Kinder aus dem Haus sind, wenn ich mal wieder in Urlaub fahren kann und, und, und.

Was gibt es also zu tun? Ich muss ich selber werden, eine andere Richtung kann meine Entwicklung nicht nehmen; Buddha gibt es ja schon; Roshi XY auch; Fritz Perls auch … mich selber noch nicht, sondern meist ein Bündel von Dressaten, von Illusionen, von Lebenslügen, von Rollen etc. Wie bei dem Bild mit dem Löwen müssen wir da wohl noch einiges an Ballast abwerfen. Oder auch lernen, dass das was wir als Ballast bewerten sehr wertvoll ist.

 

Suche nicht den Weg der Vorfahren, suche das, was auch sie gesucht haben.
Basho (1644-1694)

 

Man kann einen Menschen nichts lehren, man kann ihm nur helfen, es in sich selbst zu entdecken.
Galileo Galilei

 

Bodhidharma saß mit dem Gesicht zur Wand. Der zweite Patriarch stand im Schnee.

Er schnitt seinen Arm ab und hielt ihn Bodhidharma hin und rief "Mein Geist hat noch keinen Frieden! Ich bitte dich, Meister, beruhige meinen Geist!"

"Bring mir deinen Geist, und ich werde ihn für dich beruhigen", antwortete Bodhidharma.

"Ich habe nach meinem Geist gesucht, aber ich konnte ihn nicht finden", sagte der zweite Patriarch.

"Siehst du, dein Geist ist beruhigt", antwortete Bodhidharma. (05)

 

Im Shinjinmei (Meißelschrift vom Glauben an den Geist) heißt es:

Der Natur vertrauend
Können wir in Harmonie
Mit dem WEG sein

 

Damit ist nichts anderes als die Grundüberzeugung der Gestalttherapie: "Trust the process" gemeint. In diesem Zusammenhang sei auf das Thema "Wu Wei" verwiesen - handeln durch nicht handeln. Dieser Weg der Absichtslosigkeit, der nach meiner Überzeugung einer der zentralen therapeutischen "Motore" ist, soll hier aus Zeitgründen nur genannt, nicht aber vertieft werden. Absichtslosigkeit ist keinesfalls mit "laufen lassen" zu verwechseln! Leider habe wir hier nicht die Zeit, dieses wichtige Thema ausführlich zu behandeln; ein kleiner "Therapeuten - Selbsttest" sei aber empfohlen: Machen wir eine Intervention, um etwas zu erreichen, damit der Klient etwas tut oder lässt, damit wir als kompetent da stehen, oder ist unsere Intervention ein Angebot, eine Mitteilung, mit der unser Gegenüber machen kann, was und wann er will oder nicht will? Das sollten wir uns immer wieder fragen!

Je mehr ich als Therapeut aufhören kann, den Klienten verändern zu wollen, desto mehr kann der Klient sich selber verändern, d.h. für sein So - Sein und für seine Änderung Verantwortung übernehmen. Beides sind nicht meine Aufgaben als Therapeut, sondern die des Klienten.

Indem wir uns um Wu Wei - dem ziellosen Ziel - bemühen, können wir (spirituellen / therapeutischen) Ehrgeiz und (spirituelle / therapeutische) Selbstzufriedenheit überwinden; beides hängt zusammen; beides gilt es zu überwinden. Beides sind Sackgassen, die uns von uns selber, aber auch von unserer Mitwelt abspalten. Der Ehrgeizige wird dazu neigen, andere zu belehren und wird daher auch für Selbstgefälligkeit anfällig sein. Der Selbstzufriedene läuft Gefahr, den mangelnden Einsatz für seine Entwicklung durch "sich ins Rampenlicht" drängen zu kompensieren. Dies gilt für beide Wege - Therapie und Meditation.

Wu Wei - Absichtslosigkeit ist ein weiterer großer Stein des Anstoßes für unseren Alltagsgeist. Der Alltagsgeist weiß, dass man für alles, was man im Leben erreichen will sich anstrengen muss. Sei es zum Erlernen eines Berufes, Bauen eines Hauses oder auch nur die Zubereitung ­eines Mittagessens. Hier in Köln bringt man es schön auf den Punkt: "Von nix kütt nix!"

Und nun sagt uns die Absichtslosigkeit: Du brauchst die Wahrheit nicht zu suchen, Du brauchst nirgendwo hinzugehen, Du brauchst gar nichts zu tun …"

Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass wir auf dem Weg beides brauchen: Den Alltagsgeist und den absoluten Geist; auch der Erleuchtete muss essen, sich kleiden, scheißen und schlafen, auch er sollte bei "rot" nicht über die Straße gehen. Die Zen-Lehrer nennen dies "Zen-Falle": "Was kümmert mich der Alltag mit all seinen Erfordernissen, ich bin doch auf der Suche nach dem Absoluten, der Alltag ist mir da nur im Weg …"

Aus dem Bereich der Gestalttherapie kennen wir ein ähnliches Phänomen aus dem bekannten "Gestaltgebet" von Perls (in seiner überarbeiteten Form von 1969) (06):

 

"Erst muss ich mich finden, um dir begegnen zu können
Ich und du - das sind die Grundlagen zum Wir.
Und nur gemeinsam können wir das Leben im dieser Welt menschlicher machen."

 

Egozentrisch und ruppig: "Ich bin ich und ihr könnt mich alle" wird "Ich bin doch sooo schön authentisch, soo schön gestaltich!", "Das musste ich jetzt einfach mal ‚rauslassen'!"

 

"Man sagt: Wer die Buddhanatur in den Bedingungen erkennen kann, verliert sie nicht mehr. Ein Buddha sieht diese Natur überall, ohne nach ihr zu suchen; infolge seiner Erleuchtung ist sein Handeln absichtslos." (07)

 

"Der absolute Geist spiegelt Dinge ohne Hinzufügen wider. Er besteht fortwährend in mir und anderen und ein Weiser hat nicht mehr davon als ein Narr.

Der bedingte Geist wird durch die Kraft der Dinge erzeugt. Er unterscheidet Sein, Nicht - Sein und die einseitigen Anschauungen der Denker.

Darum heißt es: Geist ist ursprünglich ungeboren." (08)

 

"Wer richtig geht, dessen Schritte sind leicht; wer richtig redet, dessen Zunge ist unverkrampft. Dies nennt man das Gehen des Nicht - Gehens; das Reden des Nicht - Redens.

Wer aus dem Nicht-Reden spricht, hinterlässt keine Worthülsen. Wer aus dem Nicht-Gehen heraus geht, hinterlässt keine Fußspuren.

So heißt es: Ohne das er geht, kommt er an; ohne das er spricht, wird ihm geglaubt." (09)

 

Ich möchte einige Grundüberzeugungen einer Gestalttherapie, die von der Ethik und dem Gedankengut des (zen-) Buddhismus geprägt ist, zusammenfassen:

 

Im Herzsutra - einem der zentralen Lehrtexte des Zen-Buddhismus - rezitieren wir:

In der Leerheit gibt es also keinen Körper, keine Empfindung,
keine Wahrnehmung, keinen Willensimpuls und kein Bewusstsein.
Es gibt weder Auge, Ohr, Nase, Zunge, Körper noch Geist,
weder Formen, Töne, Duft, Geschmack, Berührbares noch Denkbares.
Es gibt weder die Welt der Sinne noch die Welt der des Bewusstseins.
Da ist auch keine Unwissenheit und kein Ende von Unwissenheit.
Da gibt es weder Alter und Tod noch die Überwindung von Alter und Tod;
kein Leiden, keine Ursache, kein Ende des Leidens
und auch keinen Weg, der zum Ende des Leidens führt.
In der Leerheit ist kein Erkennen und kein Erreichen,
weil es da nichts zu erreichen gibt.

 

Ich hoffe ich habe Ihnen nichts Neues erzählt; wenn dies tatsächlich so sein sollte, dann heißt das ja nichts anderes, dass Sie erkannt haben, dass alles bereits in Ihnen ist, egal, ob Sie es nun geschlossene Gestalt oder Buddhanatur nennen. Ich kann Ihnen also nichts Neues erzählen, sondern "nur" - unbewusst bekanntes hervorholen und in neue Zusammenhänge setzen.

Eine Entsprechung solcher Gedanken finden wir ja auch in der westlichen Philosophie bereits bei Sokrates. Seine Methode der Mäeutik (= 'Hebammen-Kunst'), die darin besteht, durch geschicktes Fragen einen Gesprächspartner zu neuen, durch eigenes Denken gewonnenen Erkenntnissen zu führen. Zu Erkenntnissen, die nicht von außen kommen, sondern selbstverständlich in des Wortes wahrer und richtiger Bedeutung sind. D.h. die Antworten sind mir aus meinem Selbst zugänglich und verständlich. Der Lehrer, der Meister, der Therapeut sind nicht "Be-Lehrer" sondern Katalysator.

 

Zum Schluss

Vor über zweitausend Jahren hat Buddha am Ende seiner jahrzehntelangen Lehrtätigkeit seinen Schülern folgende Weisen mit auf den Weg gegeben.

Glaube nicht an die Macht von Traditionen,
auch wenn sie über viele Generationen hinweg
und an vielen Orten in Ehren gehalten wurden.
Glaube an nichts, nur weil viele Leute davon Sprechen.
Glaube nicht an die Weisheiten aus alter Zeit.
Glaube nicht, dass Deine eigenen Vorstellungen
Dir von einem Gott eingegeben wurden.
Glaube nichts, was nur auf der Autorität
Deiner Lehrer oder Priester basiert.

Glaube das, was Du durch Nachforschungen
selbst geprüft und für richtig befunden hast
und was gut ist für Dich und andere.

 

Da ich hier vor "Gestaltleuten" spreche, habe ich den Schwerpunkt auf das buddhistische Gedankengut zu diesem Thema gelegt; spräche ich vor buddhistischen Hörern, würde ich mehr die Gestalttherapie betonen. Ich bedanke mich herzlich für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche Ihnen eine ruhige, achtsame Zeit.

 

Literatur

Fumon S. Nakagawa: Zen - weil wir Menschen sind, Berlin 1997

Ludwig Frambach: Identität und Befreiung in Gestalttherapie Zen und christlicher Spiritualität, Petersberg 1993

Zibo Zhenke: Kuhmist vom Landhaus zur hohen Kiefer, Frankfurt 2005

Kodo Sawaki: Die Zenlehre des Landstreichers Kodo, Frankfurt 2007

Bruno M. Schleeger: … und wo ist das Problem ? - Zen-Buddhismus und Gestalttherapie, Wuppertal 2008

Kosho Uchiyama: Das Leben meistern durch Zazen, Frankfurt 2008

 

Anmerkungen

01 Suzuki, Shunryu: Leidender Buddha - Glücklicher Buddha, Berlin 1998, Seite 68 f.

02 Zibo Zhenke (1543 - 1603) Kuhmist vom Landhaus zur hohen Kiefer, Seite 27

03 Frederick Perls: Grundlagen der Gestalttherapie - Einführung und Sitzungsprotokolle, Seite 66

04 Kodo Sawaki Die Lehre des Landstreichers Kodo, Seite 67

05 Kodo Sawaki: Das Leben des Landstreichers Kodo, Seite 67

06 Zenkei Shibayama: Mumonkan, Seite 347

07 In der ursprünglichen Fassung hieß das Gestaltgebet:

Ich tu, was ich tu und du tust, was du tust
Ich bin nicht auf dieser Welt, um nach deinen Erwartungen zu leben,
Du bist nicht auf dieser Welt, um nach meinen Erwartungen zu leben
Du bist du - und ich bin ich
Wenn wir uns zufällig finden - wunderbar
Wenn nicht, kann man auch nichts machen.
Wegen dieser recht egozentrisch anmutenden Fassung ist Perl viel - und wie ich meine zu Recht - kritisiert worden. Er hat es dann später umformuliert.

08 Zibo Zhenke (1543 - 1603) Kuhmist vom Landhaus zur hohen Kiefer, Seite 49

09 Zibo Zhenke (1543 - 1603) Kuhmist vom Landhaus zur hohen Kiefer, Seite 18

10 Zibo Zhenke (1543 - 1603) Kuhmist vom Landhaus zur hohen Kiefer, Seite 27

Praxisadressen von Gestalttherapeuten/-innen

Foto: Bruno M. Schleeger

Bruno M. Schleeger

Bruno M. Schleeger, Jahrgang 1948. Verheiratet, zwei Söhne; Volksschule, ein bisschen Humanistisches Gymnasium, wieder Volksschule. Starkstromelektriker, Abendschule, Krankenpfleger, So­zialarbeiter, Psychologe. Ausbildung in Psychodrama; in Gestalttherapie am Hartfort Family Institute in Hartfort, Connecticut. Psychologischer Psychotherapeut und Kinder- und Jugendtherapeut. Buddhistische Praxis seit ca. 40 Jahren. Mitbegründer des Analytischen Gestaltinstituts in Bonn; dort Ausbilder und Psychotherapeut. Leitung einer therapeutischen Wohngemeinschaft mit Drogenabhängigen nach dem "Day Top"-Konzept. Dann Arbeit in einem Erziehungsheim mit schwererziehbaren Kindern und Jugend­lichen. Dann in einem Heilpädagogischen Heim mit erwachsenen geistig Behinderten. Dort schwerpunktmäßig Arbeit mit Menschen mit leichter geistiger Behinderung und so genanntem "herausforderndem Verhalten". Zur Zeit heimübergreifend Teambe­-ratung zu den Schwerpunkten "Team­arbeit - Teamklima" sowie Arbeit mit aggressiven Menschen mit geistiger Behinderung. Ein weiterer Schwerpunkt sind Fortbildungen zu den Themen "Achtsame Begegnung" und "Umgang mit Menschen mit ‚herausforderndem Verhalten'". "Mein Leben spielt sich ab zwischen den Sätzen: ,Alles ist, was es ist' und ,sometimes something needs to be done' - und das ist gut so."

Bruno M. Schleegers Buch "Und wo ist das Problem? Zen-Buddhismus und Gestalttherapie" ist 2008 in der Edition des Gestalt-Instituts Köln als erheblich erweiterte Neuauflage erschienen.

Vortrag anlässlich der 12. Jahrestagung des Förderkreises "Gestaltkritik" am 7. Juni 2008 im Gestalt-Institut Köln. Dieser Beitrag erscheint in unserer Zeitschrift als Erstverffentlichung. © Bruno M. Schleeger, 2008/2009.

Bitte beachten Sie auch Bruno Schleegers Workshop im Gestalt-Institut Köln: Der Weg: Gestalttherapie und Zen-Buddhismus. 13. - 15. 11. 2009.

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