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Daniel Rosenblatt
Schattenarbeit (Teil 2)
Aus der Praxis der Gestalttherapie


Aus der Gestaltkritik

Gestaltkritik - Die Zeitschrift mit Programm aus dem Gestalt-Institut Köln
Gestaltkritik (Internet): ISSN 1615-1712

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Gestaltkritik verbindet die Ankündigung unseres aktuellen Veranstaltungs- und Weiterbildungsprogramms mit dem Abdruck von Originalbeiträgen: Texte aus unseren "Werkstätten" und denen unserer Freunde.

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Praxisadressen von Gestalttherapeuten/-innen

  Hier folgt der Abdruck eines Beitrages aus der Gestaltkritik 2-2002:

Daniel Rosenblatt
Schattenarbeit (Teil 2)
Aus der Praxis der Gestalttherapie

 

Daniel Rosenblatt (Foto: Kurt Schröter)Daniel Rosenblatt

 

Liebevolle Achtung und leidenschaftliche Beharrlichkeit zeichnen Dan Rosenblatts gestalttherapeutische Arbeit aus. Er arbeitet geduldig, ohne hartnäckig zu werden. Ohne beweisen oder gewinnen zu müssen. Seine Bereitschaft, Menschen zu begleiten, hat jenen langen Atem, jene Zugewandtheit und Achtsamkeit, die die Seele braucht, um lernen zu können. Zugleich ist seine Gestalt-Arbeit auf eine sehr wirksame Weise einfach. So ursprünglich, so pur wie ihn sah ich nur einen weiteren Menschen arbeiten: Lore Perls, seine Lehrerin, deren engster Vertrauter er später war.

Im folgenden Beitrag öffnet er uns Leserinnen und Lesern großzügig auch die Tür zu seinen eigenen inneren Prozessen, während er arbeitet. Er berichtet von seinen eigenen Erfahrungen, von seiner Gegenübertragung, von seinen Werten, seinen Ängsten und seinen eigenen Bedürfnissen - und auch von seinen Fehlern. Auf diese Weise wird deutlich, was es heißt, daß der Gestalttherapeut "sein eigenes Instrument" ist.

Den ersten Teil dieses Beitrags finden Sie unter diesem Link!

Der Herausgeber

 

Eine neue Komplikation trat ein. Mit den Fortschritten seiner Therapie und wachsendem Selbstbewußtsein wagte Timmy, eine bedeutsame Beziehung zu einem Mann einzugehen. Bis dato waren seine sexuellen Beziehungen oberflächlich und auf schnelle Befriedigung ausgerichtet gewesen. Seine Affären hatten kaum einen Monat gehalten und von ihm deshalb die Bezeichnung »affairlettes« bekommen. In der Regel hatte er rasch einen Fehler am andern entdeckt und zum Anlaß genommen, sich von ihm zurückzuziehen. Mit Frank war es diesmal anders.

Frank kam wie Meg aus der Nähe von Boston, aber das war auch schon ziemlich das einzige, was sie gemeinsam hatten, abgesehen von ihrer beider Zuneigung für Timmy. Frank war Timmy zufolge weder schön noch reich noch freigiebig. Was an ihm war also so anziehend? Er war solide, zuverlässig, vernünftig. Er stammte aus einer Mittelschichtfamilie, die Ozzie und Harriet (15) übertraf, Leave it to Beaver (15) geradezu als dekadent erscheinen ließ und Father Knows Best (15) in der Wirklichkeit inszeniert. Sein Vater und seine Mutter hatten sich aus der unteren Mittelschicht emporgearbeitet und wollten die Spuren der Vergangenheit tilgen. Seine Mutter führte den Haushalt untadelig. Gesunde, nahrhafte Mahlzeiten wurden auf die Minute serviert. Sein Vater hielt sich vom Alkohol fern, arbeitete unermüdlich an Projekten zur Verbesserung des Eigenheims und war zur »Ersten Kirche Christi Wissenschafter« übergetreten. In diesem keimfreien Haushalt gab es keinen Hauch von Skandal, keinen Anflug vom Schnickschnack moderner Kunst, nicht einmal den Schatten politischer Skepsis. Frank und seine Familie waren gottesfürchtige, recht(s)denkende, waschechte Republikaner. Timmy war von Franks Geschichten völlig verzaubert und erquickte mich mit ihrer Nacherzählung.

Timmy gab zu, daß ihm Franks Solidität ein wenig auf den Nerv gehen konnte, aber gleichzeitig badete er sich in ihr. Frank lud Timmy nie nach Hause ein, Timmy äußerte auch niemals den Wunsch, Franks Eltern kennenzulernen. Aber Timmy sog Franks Geschichten förmlich in sich auf, zum Beispiel von Ausflügen zum Mount Desert State Park, vom Rasenmähen in der Teenagerzeit, von Tanzveranstaltungen der High School in geliehenem Frack mit einer Rose am Revers. An dieser Stelle konnte ich wieder mehr Sympathie mit Timmy empfinden. Seine romantischen Fantasien waren zwar nicht dieselben wie die meinen, aber im Grunde schien er genauso romantisch veranlagt zu sein wie ich selbst. Und wenn in den Geschichten auch etwas Langweiliges mitschwingen konnte, so war das doch in Ordnung. Timmy schmeckten die Erinnerungen Franks an einen Mittelschicht-Vorort weit besser als seine eigenen farbenfrohen Geschichten, wie er in der Hitzezeit sich zum Schlafen auf das Feuergitter der Mietskaserne legte, in der Schule seine Wanzenstiche versteckte und beim Lebensmittelladen Obst aus der Auslage stahl.

Auch der Sex zwischen beiden war nicht sehr aufregend, aber für Timmy war das in Ordnung. Frank blieb dabei steif und gehemmt, und Timmy begnügte sich damit, wenn sie einander in den Armen hielten. Meg war zuerst sehr eifersüchtig. Sie gab es vor Timmy zwar nicht zu, aber sie fand es schrecklich, ihn teilen zu müssen. Sie tat so, als fände sie Frank interessant, und lud beide zum Essen in vornehme Restaurants ein. Ihr schien, sie hätte keine andere Wahl, denn wenn es hart auf hart käme, würde Timmy sich für Frank entscheiden. Frank sah, daß Meg für Timmy als Einkommensquelle diente, und fühlte sich deshalb von ihr nicht bedroht. Mit dem, was er Timmy zu bieten hatte, konnte sie nicht mithalten: er war ein Mann.

Als ich meine Selbstanalyse fortsetzte, dachte ich darüber nach, ob ich zu Timmy wirklich gerecht war. Könnte ich bei ihm nicht seine eigene Version protestantischer Ethik entdecken? Wurde er nicht von Meg genau so ausgenutzt wie sie von ihm? Man konnte das Verhältnis zwischen den beiden auf verschiedene Weise betrachten. Von Timmys Zielen her gesehen war er ein ehrgeiziger junger Mann, der die Schichtgrenzen überwinden und auf der sozialen und ökonomischen Leiter aufsteigen wollte. Als Kapital setzte er dafür seinen Charme, seine sexuelle Gunst und seine Offenheit ein.

Timmy arbeitete durchaus hart, um aus sich ein »besseres Produkt« zu machen. Er wollte sich mit der passenden Kleidung und den vorgeschriebenen Möbeln ausstatten und im richtigen Ton seine Mahlzeiten ordern. Aufstieg. Was war daran so verkehrt? Für sein Streben nach Anerkennung war er bereit, mit einer Frau zu vögeln und sie zu lecken, sogar wenn ihm die weiblichen Genitalien zuwider waren. Eindeutig erbrachte er hiermit ein Opfer im Dienste seines Gelderwerbs, auch wenn es nicht darin bestand, seine Arbeit zehn Stunden am Tage zu tun. Mir kam die Frage, wieso er sich dafür nicht ältere Männer suchte, und es stellte sich heraus, daß er das tatsächlich schon getan hatte. Zwei ältere Herren waren bereits seine »Sponsoren« gewesen. Aber sein Hintergrund in der puertoricanischen Machokultur schrieb ihm vor, wenn er schon Geld fürs Bumsen verlangte, dann besser von einer Frau als einem Mann. Gegenüber einem Mann fühlte er sich in der Position des Jüngeren beschämt, gegenüber einer Frau jedoch konnte er sogar die Fantasie aufbauen, er stünde über ihr. Was er mit Frank ausprobierte, war etwas ganz Neues für ihn, nämlich einen Mann zum Partner zu haben.

Timmy hatte sich mit seinem Schwulsein herumgeschlagen. Als Teenager in einem puertoricanischen Viertel in der Bronx hatte er seine sexuellen Wünsche verstecken müssen. So war er wütend auf die heterosexuelle Welt, und an Meg konnte er stellvertretend seine Wut ablassen.

Was für Gefühle hätte ich für Timmy gehabt, wenn er schwarz gewesen wäre? Mehr Sympathie mit seinem Gefühl der Unterdrückung und der Wahllosigkeit seiner Mittel zur Befreiung? Vermutlich ja. Die Themen rund um Schichtzugehörigkeit, wirtschaftliche Lage und sexuelle Orientierung waren nicht bloß psychologisch, sondern politisch. Sie waren in Timmys Leben zu einem Geflecht verbunden, das sich kaum mehr entwirren ließ. Und meine eigenen Ansichten über Politik, Wirtschaft und Gesellschaft würden jenseits der psychologischen Ebene ihren Einfluß haben. Deshalb war es so wichtig, den Platz zu bestimmen, den ich in Timmys Verwirrungen bei der Suche nach Sicherheit und Achtbarkeit einnahm. Mir fiel ein guter Freund ein, der als Kochbuchautor Erfolg hat, radikale Ansichten vertritt und mir einmal sagte: »Gerade die alten Huren sind es, die am Ende alles der Kirche vermachen.« Gewiß kann auch dies ein Weg zur Achtbarkeit sein.

Ich entdeckte in der Beziehung von Timmy und Meg noch ein anderes Element, das für mich eine individuelle psychologische Bedeutung hatte. Am deutlichsten trat es bei Megs Gefühl zu Tage, sie sei »aus dem Rennen« und »jenseits von Gut und Böse«, eben eine ältere Frau in einer Jugendkultur. Und damit hatte sie wohl Recht. In unserer Gesellschaft haben es ältere Frauen sogar noch schwerer als ältere Männer. Ihre Chancen, sich noch einmal zu verheiraten, sind eher gering. Das liegt daran, daß viele ältere Männer entweder wegsterben oder sich jüngeren Frauen zuwenden. Ich hatte für Megs Situation viel Verständnis.

Und dann fiel mir plötzlich ein, daß ja auch meine Mutter verwitwet war. Ich erkannte die Parallele zwischen der Witwenschaft meiner Mutter sowie meinen Beschützergefühlen für sie und der Witwenschaft von Meg sowie meinen Beschützergefühlen für sie. Jetzt war mir klar, warum ich um Meg so besorgt war und zu Timmy so kritisch stand. Mit dieser neuen Information kannte ich die Quelle meiner Gefühle. Aber Meg war nicht meine Mutter. Sie wußte sehr wohl, was sie mit Timmy tat. Von ihrem Standpunkt aus waren es sogar kluge Investitionen in ihre Zukunft. Würde ich meine Beschützergefühle weiterhin auf Meg übertragen, so würde ich weder ihr noch mir einen guten Dienst erweisen. Endlich hatte mein Bemühen um die Klärung meines Unbehagens erste Früchte getragen.

Timmys psychosomatische Symptome besserten sich immer weiter. Seine Blähungen gingen zurück, sein schlechter Atem verschwand, die Kopf- und Bauchschmerzen wurden rarer und schwächer; einzig das übermäßige Schwitzen widersetzte sich noch. Timmys Grundstimmung hatte sich auch gewandelt. Seine Depression lockerte sich, er wurde fröhlich und ausgelassen. Sein Leben nahm die Formen an, die er gehofft hatte. Sein Plan, Meg in eine gute Mutter zu verwandeln, hatte Aussicht auf Erfolg. Sie sollte ihn nur noch mit Gaben und Geschenken versorgen, aber ihre sexuelle Beziehung sollte der Vergangenheit angehören. Meg schien auch Frank zu mögen, und Timmy freute sich darauf, von beiden, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen, umworben zu werden. Dies erinnerte ihn an seine Kindheit, als er für seine Onkels, Tanten und Großeltern der erklärte Liebling war.

Mit der Aufheiterung seiner Stimmung trat Timmy auch weniger großspurig auf, sondern ließ mehr Jungenhaftes zu, was mir an ihm gut gefiel. Meg wahrte stoische Gelassenheit. Sie war entschlossen, die Oberhand zu behalten, aber wie? Unsere therapeutische Arbeit hatte ihr Gefühlsleben umschifft. Sie konnte mir ihre Gefühle, sogar wenn sie sie spürte, nicht anvertrauen. Nein, was sie von ihrem Therapeuten erhoffte, war ein Verbündeter für ihr Ziel, Timmy zu behalten. Ich, der ich Timmy kannte, sollte mit ihr Pläne aushecken, damit sie ihn nicht verlöre. In Wirklichkeit war diese Gefahr ziemlich gering, solange sie ihr Portemonnaie offenhielt, ein Umstand, den sie jedoch gerne herunterspielte. Nach einigem Zögern hielt sie es für das Klügste, Frank als zweiten Verehrer zu vereinnahmen, wohlwissend, daß zwischen Frank und Timmy eine Beziehung bestand. Sie bekam ja schon von einem schwulen Mann Sex für Geld, warum dann nicht auch von zweien? Nun kam es zwar zwischen ihr und Frank niemals wirklich dazu, doch um sich bei Unternehmungen zu dritt nicht zurückgesetzt zu fühlen, tat sie einfach so, als ob Frank an ihr interessiert wäre. Frank seinerseits spielte auf Drängen von Timmy mit. So neckten sie die drei gegenseitig, wen Meg wohl attraktiver fände und wer der bessere Liebhaber wäre.

Mir fiel ein schwuler Dreier ein, den ich eines Winters auf

St. Barts (16) getroffen hatte. Ein älterer Verwandter der Krupps hatte seine Villa auf dem höchsten Punkt der Insel und hielt dort mit zwei attraktiven jungen Deutschen, einem Blonden und einem Brünetten, Hof. Die beiden blieben bei ihm, weil er ihnen alles ausgab. Der Blonde und der Brünette hatten einen herzlichen Umgang miteinander, und es wurde sogar gemunkelt, sie hätten miteinander geschlafen, seien aber beide aktiv und deshalb nicht weit gekommen. Ich fühlte mich abgestoßen von diesem Schauspiel, von den Aufwendungen des älteren Mannes und von seiner Vorspiegelung, der Geliebte der beiden zu sein und nicht bloß ihr Gönner. Sehr eindrucksvoll fand ich den verblichenen Glanz der Villa im Stile von Norma Desmonds (17) Anwesen auf dem Sunset Boulevard. Es gab auch Drogen und zu viel Alkohol, und der Blonde setzte etwas zu sehr an und bekam um die Augen schon zu viele müde Falten. Mit diesem dekadenten Trio verglichen erschienen Frank, Timmy und Meg als gesunde und unschuldige Amerikaner bei einem Sonntagsausflug, beinahe wie aus »Ozzie and Harriet«.

Timmy war über den Fortschritt seiner Therapie beglückt, Meg war mit dem ihren zufrieden, aber ich fühlte mich dabei nicht wohl. Ich war immer noch verwirrt über meine heftige Reaktion auf Timmy. Irgendein störendes Element wirkte noch immer in mir. Ich sprach mit einem Kollegen über die Situation, und dabei entdeckte ich einen weiteren Grund für meine Distanz zu Timmy. Es hatte mit einer alten Wunde von mir zu tun und damit, daß Timmy als schwuler Mann seine heterosexuelle Seite benutzte, um sich besser zu machen. Ich hatte Jahrzehnte zuvor mit viel Schmerzen erlebt, daß ich auch mit Frauen Sex haben kann, aber trotzdem Männer bevorzuge. Ich stand vor der Wahl, mit einer Frau, einem Mann oder beiden zusammenzuleben. Mit der Entscheidung für eine Frau als Lebenspartner wäre eine Enttäuschung verbunden gewesen, die ich niemandem zumuten wollte. Ich war überzeugt, daß eine empfindsame Frau in meiner körperlichen Liebe etwas vermißt hätte. Um mir diese Zurückweisung zu ersparen und mich selbst vor der Heuchelei zu bewahren, hatte ich heterosexuellen Verkehr ganz aufgegeben. Ich wählte ein schwules Leben mit allem, was dazugehört. Das bedeutete, daß ich mich all der Schwulenfeindlichkeit, die in den fünfziger Jahren bestand (und die heute nicht gar so viel geringer ist) ausgesetzt hatte. Ich war auf Timmy ärgerlich, weil er meine damalige Entscheidung in Frage stellte. Er konnte den Kuchen essen und ihn zugleich behalten. Er wurde weiterhin von der Heterowelt unterstützt, ja sogar obendrein noch bezahlt. Sicher würde ich auch heute wieder dieselbe Entscheidung wie damals treffen. Aber offenbar war die Wunde noch immer nicht ganz verheilt, daß ich dafür so viele Diskriminierungen als Schwuler in Amerika in Kauf nehmen mußte.

Meine Selbstanalyse brachte immer neues Material für meinen Ärger zu Tage. Flaubert hatte einmal gesagt: »Madame Bovary, das bin ich.« Ich war überrascht und erschreckt, in allen drei Mitgliedern des Trios Teile meiner selbst wiederzufinden.

In Frank erkannte ich meine Selbstgerechtigkeit wieder. Ich bin ja für meine Entscheidung zu einem schwulen Leben unter anderem auch deshalb dankbar, weil ich dadurch die scheinbaren Sicherheiten der Welt und die Besitzansprüche auf alleinige Wahrheit aufgeben mußte. So, wie die Welt mit Schwulen umging und wie sie mich behandelt hatte, wurde ich davon geheilt, und meine Selbstgerechtigkeit löste sich gottseidank weitgehend auf. Wenn ich aber nun Frank vor mir sah, fühlte ich mich an eine Vergangenheit erinnert, von der ich am liebsten nichts mehr wüßte. Wie ein trockener Alkoholiker, der die Freuden anderer am Alkohol nicht aushalten kann, hätte ich Frank am liebsten seine kleinbürgerliche Arroganz und Selbstgefälligkeit ausgetrieben.

In Timmy erkannte ich den Sohn von Einwanderern wieder, der in die amerikanische Gesellschaft aufgenommen werden möchte, wenngleich auch er und ich verschiedene Wege zu diesem Ziel gewählt hatten. Als Jude habe ich ein Gefühl für Außenseitertum. Zwar werden die Juden in Amerika seit dem Holocaust eher akzeptiert, aber ich finde es entsetzlich, daß dies nur um den Preis der vielen ermordeten Opfer in den europäischen Konzentrationslagern möglich wurde. Als Überlebender profitiere ich von dem Gemetzel, und wenn ich jetzt überall ein Hotel buchen kann, ohne wegen meines jüdischen Namens schief angesehen zu werden, habe ich ein Schuldgefühl. Mir sitzt immer noch der alte Spruch in den Knochen: ein Schwein, das sei der jüdische Herr, der gerade den Raum verließ. Mit dem Wort Ghetto wurde ursprünglich der Stadtteil Venedigs bezeichnet, in dem die Juden leben mußten, so wie Guideca das Judenviertel bezeichnet. Bin ich dem wirklich entkommen? Ich werde es wohl mein Leben lang bei mir haben und im rechten Moment darüber reden. Vielleicht kann der Schmerz der Vergangenheit einmal in hundert Jahren vergessen sein.

Und was von mir traf ich in Meg (im Sinne Flauberts)? Da Meg und ich etwa gleichalt sind, teilten wir die Last des Alters. Wäre sie zehn oder zwanzig Jahre jünger gewesen, hätte ich ihr zugerufen: »Such dir gefälligst einen Heteromann, einen der wirklich DICH will und nicht bloß dein Geld!« Doch mit dem Alter lassen die Kräfte nach, und mein Ruf kam nur noch als subvokales Flüstern heraus, das sie offenbar nicht hörte. Laut stimmte ich ihr zu, daß sie mit Timmy sicher auf den Richtigen gesetzt hätte, solange sie ihr Königreich nicht wie King Lear vor der Zeit verteilte. Ich fühlte mich durch Megs Alter entwaffnet, so wie ich es bald durch mein eigenes Alter sein würde. Außerdem fühlte ich mich vor Meg wie eine Hure, denn sie bezahlte mich zwar, aber bekam keinen besonders guten Gegenwert dafür. Sie war damit zufrieden, aber ich war es nicht. Ich hätte gewünscht, daß sie sich mehr einließe, aber ihr war es Befriedigung genug, mich zu bezahlen, meine Zeit und mich zu kaufen.

Da stand ich also und erblickte schmerzliche Aspekte meiner selbst in allen dreien, in Timmy, Meg und Frank. Ich empfand keine Freude bei diesem Triptychon, bei diesen meinen Spiegelbildern. Und dann gab es noch einen Grund, warum es mir damit nicht gut ging, einen ziemlich trivialen Grund sogar. Aber wenn ich mich schon selbst betrachte, warum dann nicht auch mit meiner Trivialität? Timmy, Meg und Frank waren die engste Beschäftigung mit einer menage à trois, die ich je hatte. Bis dahin hatte ich solche Arrangements nur in der Literatur kenngelernt. Ich hatte schon erwähnt, wie hoffnungslos romantisch ich manchmal sein kann. Nun, mit sechzehn hatte ich O'Neills Strange Interlude (18) gelesen und Stark Youngs (19) Kritik über Lynn Fontana (20) in der Rolle der Nina, wie sie im Schlußakt triumphal erklärt, wie glücklich sie mit ihren drei Männern sei, mit ihrem Mann, ihrem Sohn und ihrem Hausfreund. Noel Coward lieferte eine wunderbare Darstellung einer menage à trois mit seinem Film Design for Living (21) mit Noel Coward (22), Gertrude Lawrence und Alfred Lunt (20) in den Hauptrollen. Zur gleichen Zeit schrieben Lillian Hellman The children's hour (23) und D.H.Lawrence The Fox (24). Ich fand ihre Vorstellungen von Bisexualität und von Beziehungen zu dritt höchst aufregend, auch wenn ich zu jener Zeit noch nicht wußte, warum.

Einiges von dieser Aufregung bei ungewöhnlichen Beziehungskonstellationen besteht bis heute fort, sogar wenn ich ihnen in einer überreifen Form wie auf St. Barts begegne. Als mich mit näher damit beschäftigte, wie Frank, Timmy und Meg miteinander rangen, war ich enttäuscht, daß ihre Dreierkonstellation nicht an meine romantischen Visionen und die Großartigkeit der Literatur heranreichte, sondern sich in prosaischen Fragen des Alltags erschöpfte.

In meiner Arbeit als Therapeut habe ich viel mit alltäglichen Dingen zu tun, aber wenn mir eine Dreierbeziehung begegnet, flammen die glühenden Fantasien von Gertrude Lawrence, Virginia Woolf, Colette, Alfred Lunt und Noel Coward wieder auf. Mir hatte einmal eine übergewichtige Klientin erzählt, daß sie und ihr guatemaltekischer Freund, den sie über eine Computervermittlung kennengelernt hatte, sich gerne hinsetzten und sich einbildeteten, Greer Garson und Walter Pidgeon (25) zu sein. Nun war ich noch nicht so weit gegangen, mich für Noel Coward auszugeben, aber kurz davor stand ich wohl schon. Ich dachte: »Mein Gott, es ist an der Zeit, mehr für mich selber zu tun. Ich sollte mich daran erinnern, daß die süße Mary Pickford, der Liebling aller Amerikaner, privat wie ein Landsknecht fluchte und zwanzig Jahre lang jeden Tag zum letzten Mal einen halben Liter Whiskey soff.«

Ich arbeitete mit realen Menschen, aber entdeckte, daß ich sie auch durch die Brille von Starphantasien sah, die mich als Sechszehnjährigen bewegt hatten. Zu allem Überfluß hatte wohl Noel Coward niemals wirklich eine Dreierbeziehung, und die Heirat von Alfred Lunt und Lynn Fontanne war nur eine Scheinehe, in der der Altersunterschied zwischen den beiden sogar noch größer war als der zwischen Timmy und Meg.

Ich will jetzt nicht so weit gehen, den Wert von Literatur und historischen Biografien zu schmälern, vor allem, wenn sie sich um ein Verständnis des menschlichen Lebens bemüht. Es war Freud, der mit seinen Studien über Leonardo und Moses das Feld der psychologischen Biographie erschloß. Auch wenn wir heutzutage seine Irrtümer und Übertreibungen kritisch betrachten, so hatte er doch eine Pionierleistung vollbracht, die trotz aller Unzulänglichkeit auf ein tieferes Verständnis der menschlichen Seele, und der begabten allzumal, hoffen läßt. Die jüngste Fortentwicklung ist Anne Sextons Biografie, die sich auf einige hundert Therapiestunden stützt, deren Bandaufnahmen ihr Therapeut zur Verfügung stellte. Freud schrieb auch Studien zu den psychologischen Charakteren in Erzählungen von Dostojewski und Stefan Zweig. Er benutzte auch den vielgelesenen viktorianischen Roman »Gravida« zur Veranschaulichung seiner Theorien, genauso natürlich Euripides' Ödipus. Für problematisch halte ich nicht die Verwendung von Literatur und Biografien zur Vertiefung unseres Verständnisses des Lebens. Für problematisch halte ich eine Verkehrung, in der die Literatur das wirkliche Leben ersetzt oder mittels ihrer besonderen Formen und dramatischen Inhalte zu einem Schauspiel überhöht. In dieser Weise hatte ich versucht, dem wirklichen Leben von Meg, Timmy und Frank meine romantischen Vorstellungen über Dreierbeziehungen, die ich aus der Literatur gewonnen hatte, anzuhängen.

Timmys Sitzungen waren ohne übermäßiges Interesse für mich, aber sie erfüllten ihren Zweck. Er verwendete viel Zeit darauf, über Möglichkeiten zu reden, mit Megs Unterstützung einen Krawattenladen auf der Madison Avenue zu eröffnen, in die Branche des Herrenausstatters einzusteigen und mit seinem perfekten Geschmack die Reichen als Kunden zu gewinnen. Vielleicht wolle er auch Megs Finanzberater werden. Ein Freund an der Wall Street hätte gemeint, mit Insidertips könne er spielend ihr Kapital verdoppeln. Ich fragte Timmy, warum Geld so wichtig ist. Darauf schaute er mich an wie einen entlaufenen Irren. Unsere Gesellschaft ist auf Geld gegründet. Geld auf der Bank, Geld in der Tasche. Ich fragte nach der psychologischen Bedeutung von Geld. Timmy antwortete wie aus der Pistole geschossen: »Sicherheit!« Mit Geld ist man sicher, ohne Geld hilflos. Ich fragte, ob Meg sicher sei. Und wie es denn kommen könne, daß sie trotz ihres Geldes hilflos sei. Timmy runzelte die Stirn, gab aber keine Antwort; ich wollte ihn auch nicht weiter drängen. Als ich ihn fragte, ob er mich kaufen könne, war er bestürzt. Ja irgendwie schon, meinte er. Nein, erwiderte ich, man kann meine Zeit, Fähigkeiten und Erfahrungen kaufen, aber nicht mich. Mit einiger Mühe verstand er, daß ich mehr bin als diese Liste meiner Attribute. Ich wiederholte also: »Kann man mich kaufen?« Und ich zitierte einen früheren Therapeuten: »Jeder hat seinen Preis, und meiner ist ziemlich hoch.« Worin bestand mein Preis? Und konnte es sich Timmy leisten, ihn zu bezahlen? Er erwiderte, wenn er mir kein Honoror mehr gäbe, würde ich mit ihm nicht weiterarbeiten. Aber als ich ihm mitteilte, daß ich mit manchen Klienten für ein sehr niedriges oder gar kein Honorar arbeitete, wurde er stumm. Was also sei mein Preis, außer dem Honorar, hakte ich nach. Langsam, ganz langsam brachte er heraus, ich verlange, daß er offen und ehrlich sei gegenüber mir und sich selbst. Und dann fügte er rasch hinzu, diese Strategie könne nur hier drin funktionieren, aber nicht draußen in der Welt.

Ich fragte, ob er Frank kaufen könne. Er gab ein leises obszönes Kichern zur Antwort. Ja, sicher, das sei nicht schwer. Mit Sex. Das sei die Währung, in der sich Franks Gunst einkaufen ließ. Und Megs genau so. Ich fragte nach: Wenn er nicht seinen dicken Schwanz hätte und ihn zu benutzen wüßte, und wenn er nicht sein hübsches Gesicht hätte und im richtigen Moment zu lächeln wüßte, wo würde er dann bleiben? Wo wäre er dann jetzt? Was würde geschehen, wenn sein Gesicht nicht so hübsch wäre oder er keinen mehr hochbekäme? Er antwortete schnell: »Ja, darum muß ich mich ja beeilen, mein Moos jetzt zu machen. Mich will doch keiner mehr, wenn ich erst alt und grau bin. Wenn ich nicht jetzt bekomme, was ich will, krieg ich es niemals mehr.«

»Und was ist mit mir, der ich alt und grau bin?«

Timmy lachte: » Sie haben es doch schon geschafft. Sie haben Geld auf der Bank, ihre eigene Wohnung und einen guten Ruf. Wenn ich das auch hätte, würden mich ein paar Falten nicht mehr stören.«

Ich fragte ihn noch einmal nach Meg. Er blieb einen Augenblick still. »Mit Meg ist alles in Ordnung. Sie hat ein gutes Herz. Und sie hat es genau so beizeiten geschafft. Sie hat den richtigen Zug gemacht, als sie diesen alten Juden heiratete. Jetzt hat sie von ihm die Penunzen geerbt und hat ausgesorgt.«

Und wenn Meg kein Geld hätte, ginge es ihr dann immer noch gut? Würde er weiterhin mit ihr zusammensein?

Timmy lachte. »Sie kennen doch die Antwort. Sie ist reich und ich bin's nicht. Sie hungert nach einem Typen, und ich steh ihr zur Verfügung, wenn der Preis dafür stimmt.«

Wie viel Timmy aus dieser Diskussion gelernt hat, kann ich nicht sagen. Ich trieb ihn zum Teil auch aus eigenen Motiven so weit. Ich wollte alles getan haben, um ihm andere Gedanken zu vermitteln, ähnlich wie ich einmal eine ganze Sitzung darauf verwandt hatte, einem Zahnarzt und begeisterten Jäger die Gedanken der Animal Liberation zu vermitteln. Ich hatte ihn gebeten, sich einmal vorzustellen, er würde statt Zielfernrohr nur Pfeil und Bogen benutzen. Dann hatte ich ihm vorgeschlagen, einmal in die Rolle des Hirsches zu gehen, um die Folgen seiner Handlungen auch aus einer anderen Warte zu erleben. Ich glaube, er hat mir diese Sitzung niemals verziehen, und ich kann das auch verstehen. Aber ich weiß, ich würde es heute wieder so machen. Vielleicht kann man mich damit kaufen, daß man sich mit meinen höchsten Werten und Überzeugungen offenen Herzens auseinandersetzt, so daß sich etwas Neues entwickeln kann. Jago in Shakespeares Othello (26) sagt: »Ich säte die Saat des Zweifels, nun will ich ernten.« Was würde wohl meine Ernte bei Timmy sein? Würde er in der Therapie noch mehr an weichen Seiten erkunden?

Meg wollte das nicht. Wozu war sie in ihren Sitzungen überhaupt bereit? Ihre Hauptabsicht war, mich zum Verbündeten zu machen. Sie meinte, ich als schwuler Mann würde Timmy dazu raten, sich einen schwulen Mann als Partner zu nehmen. Sie versuchte mir zu schmeicheln, indem sie auf ihre Freundschaften mit Schwulen verwies, die Werke schwuler Künstler und Denker bewunderte und sich anerkennend über den schwulen Lebensstil äußerte. Ich griff ihre Kommentare nicht weiter auf, und irgendwann ließ sie sie bleiben.

Sie verbrachte viel Zeit damit, sich an Kindheitserlebnisse zu erinnern. Therapeuten sind doch an sowas immer interessiert. Also zog sie, um mir zu gefallen, ihre frühen Lebenserinnerungen hervor. Ich habe als Gestalttherapeut allerdings wenig Interesse an der Vergangenheit als solcher. Ich untersuche sie nur dann gerne, wenn sie für die Gegenwart von Bedeutung ist. Anderenfalls lasse ich Vergangenheit einfach auf sich beruhen. Bei Meg war vieles in der Vergangenheit ungelöst geblieben und brach störend in ihre Gegenwart ein. Ich ermutigte sie, über diese Themen mehr zu sprechen. Aber leider hatte sie daran nur so weit Interesse, als sie mich damit befriedigen könnte. Im Grunde wollte sie die ungelösten und schmerzhaften Fragen weiter verdrängen, um den Schmerz nicht neu zu erleben.

Meg hatte allerdings zwei Themen, zu denen ich ihr etwas anbieten konnte.

Das erste war ihre Angst vor dem Altern. Sie spürte, daß sie den größten Teil ihres Lebens verträumt hatte. Wie bei Schneewittchen waren die Jahrzehnte ins Land gegangen, ohne daß sich etwas ereignete. Sie hatte keine Kinder, ihre Ehe hatte vor allem der Bequemlichkeit und Vermeidung von Arbeit gedient, und die zehn Jahre ihrer Witwenschaft waren mit leerem Herumreisen zum Zeitvertreib verflossen. Der Gedanke an die Zukunft war ihr zuwider. Wenigstens Timmy war ein Mensch, um den sie sich kümmern und mit dem sie sich verbunden fühlen konnte. Praktische Lösungsvorschläge liefen jedoch ins Leere, weil sie an der Entwicklung neuer Interessen und Freundschaften desinteressiert war. Das beste, was ihr passieren könnte, wäre jemand wie Timmy, mit dem sie zusammenbleiben und den sie sich als Freund kaufen könnte. Sie hoffte, bei fortgesetzter Belohnung mit Freundlichkeit und Geld würde er sie eines Tages wirklich gerngewinnen und mit ihr gut umgehen. Eine tröstlichere Zukunft konnte sich Meg nicht vorstellen. Sie glaubte nicht, daß sie einen Mann ihres eigenen Alters gewinnen könnte: »Warum sollte er sich mich aussuchen statt einer jüngeren und hübscheren Frau?«

Ob sie etwas mit dem Konzept des Senior Citizen (26) anfangen könne?

»Das ist ein riesengroßer Sch...dreck, wenn Sie mir den Ausdruck verzeihen.«

Das Gesicht hatte sie schon ein erstes Mal liften lassen. Wenn es wieder welk würde, würde sie sich halt ein zweites Liften leisten. Sie war entschlossen, ihr Gesicht und ihre Figur

so lange wie möglich in Schuß zu halten, und ging zum Haarefärben zu Elizabeth Arden wie zu einem Gottesdienst.

Was war dran an Megs Depression, an ihrer Sorge, sie hätte nichts außer ihrem Geld, und ohne ihr Geld wäre die Zukunft leer und einsam? Da sie nicht dazu bereit war, sich auf ihre tieferen Gefühle einzulassen, konnte ich an ihren Zukunftsvorstellungen nicht viel ändern. Wenn eine Klientin von ihrem inneren Wert überzeugt ist und sich zutraut, mit der Welt erfolgreich zurechtzukommen, dann kann sie sich den Lasten und Härten des Alters stellen und sich einige Hoffnung machen, eine verwandte Seele zu finden. Aber da dies bei Meg nicht so war, konnte ich ihr höchsten ein bißchen Unterstützung auf dem von ihr eingeschlagenen Wege anbieten. Ich mußte dazu meine Meinung, daß sie ganz ohne Timmy besser fahren würde, bei mir behalten. Stattdessen konnte ich sie darin bestärken, ihre Zukunft lieber mit einem bezahlten Gefährten als ganz alleine zuzubringen. Ich bot also keine neue Lösung an, sondern bestärkte nur die bestehende Wahl.

Das zweite, was ich Meg anbieten konnte, betraf ihre Geschäftsangelegenheiten. Sie war zwar nicht dumm, aber auch nicht gerade gewieft. Weil ich an ihren Geschäften kein Eigeninteresse hatte, konnte ich ihr ein unabhängiges Urteil anbieten. Wir könnten uns zusammen ihre Geschäfte ansehen, und sie könnte dann mit weniger Angst und Sorge ihre eigenen Entscheidungen treffen. Sie ging dankbar darauf ein und besprach mit mir, ob es überhaupt richtig wäre, für Timmy einen eigenen Laden einzurichten, wieviel er wohl kosten würde, was bei einer Geschäftskrise passieren könnte, ob sie dann noch mehr Geld investieren sollte, ob sie durch ihre Finanzhilfe Timmys Gunst gewinnen könne, ob im Falle von Mißwirtschaft durch Timmy das Verhältnis mit ihm kompliziert würde. Sie kam zu dem Ergebnis, daß es wohl für beide besser wäre, wenn Timmy weiter bei Countess Mara arbeitete und sich wie bisher seine Nebeneinkünfte verdiente. Ich würde unsere Sitzungen nicht gerade als die besten meines Lebens bezeichnen, aber vielleicht war ich hier ja selbst ein bißchen zur Hure geworden, indem ich Meg einfach gab, was sie von mir wünschte.

Ich sprach mit Meg offen über ihre Gefühle gegenüber der Therapie. Sie blieb weiter wenig zugänglich und fand es vor allem nützlich, einen Ort zu haben, wo sie mit einer neutralen Person über ihre Gedanken sprechen könne. Ich warf ein, daß ich manchmal den Impuls hätte, mehr als neutral sein, sondern ihr beizustehen. Sie reagierte mit einem schmalen Lächeln und einem kurzen Kopfschütteln. Der Therapieprozeß sei ihr immer noch ziemlich fremd, meinte sie ohne große Überzeugungskraft, aber sie hoffe, mit der Zeit mehr Mut zum Ansprechen wichtiger Themen zu gewinnen. »Welche Themen?« fragte ich sie. Sie sah mir in die Augen, lächelte und erklärte: »Ich bin jetzt nicht bereit, darüber zu sprechen.« Nun hatte ich die Wahl, ihr zu sagen, daß wir so wohl kaum weiterkämen, oder an die Möglichkeit zu glauben, daß sie tatsächlich im Laufe der Zeit mehr von ihrem tiefen Schmerz und ihrem Verlustgefühlen zulassen würde. Ich konnte mir nicht vorstellen, daß sich Meg später auf mehr einlassen würde, aber es stand mir nicht zu, dies fest zu behaupten. Sie war selber dafür verantwortlich, wann sie ihre Themen ansprach. Ich meinerseits war weiterhin bereit, ihr als Führer, Provokateur, Freund und wohlmeinender Störenfried zu dienen, als jemand, der ihre Wasser trübt, wenn sie zu tief und still werden.

Meg und ich beschlossen also, weiterzuarbeiten. Sie gab zu, daß sie in der Therapie weniger wollte als ich. Ich sagte, ich könne ja Druck machen. Sie lachte ein wenig und entgegnete, dann würde sie entweder zurückdrücken oder zur Seite gehen und mich auf die Nase fallen lassen. Hier hatte ich eindeutig eine Klientin mit Widerstand vor mir. Ich war herausgefordert. Wer würde sich durchsetzen mit seiner Richtung? Es war ein Kampf zwischen Gleichen, aber ich hätte wetten können, daß Meg gewinnt.

In der Nacht darauf hatte ich einen Traum. Ich träume selten von Klienten und auch nur dann, wenn mich Ereignisse ihres Leben sehr beschäftigen oder, was noch häufiger der Fall ist, wenn sie eine Bedeutung in meinem eigenen Leben haben. Mein Traum war kurz und bruchstückhaft.

Marvin Gaye (27) spielt Kesselpauke. Neben ihm steht eine Tambourmajorin in vollem Ornat, wirbelt ihren Stock durch die Luft und schickt sich an, eine Parade anzuführen. Niemand sonst ist da, keine Kapelle, kein Publikum, keine anderen Spieler, aber ihr macht das nichts aus. Auf Gayes Musik gibt sie nicht acht, sondern übt ihre eigenen Schritte.

In meinem Traum sah Marvin Gaye wie Timmy aus. Wie er in Wirklichkeit aussah, weiß ich nicht; mir ist nur bekannt, daß er von seinem Vater umgebracht wurde. Ich hatte ihn sicher wegen seines Namens »Gaye« gewählt, und weil ihn sein Vater, von dem er hätte Hilfe und Freundschaft erwarten dürfen, ermordet hatte. Also war ich dabei, Timmy zu ermorden, indem ich ihn umerziehen und den Stricher in ihm vernichten möchte. Auf diese Einsicht, daß ich meinen Sohn umbrächte, war ich nicht gerade stolz. Und was war mit der Kesselpauke? Gaye spielte die Pauke, er trommelte auf ihr wie ein Geschäftsmann seine Kundschaft zusammentrommelt. War Timmy nicht gerade solch ein Trommler beim Versuch, sein Geld zusammenzubekommen?

Gaye spielte auf der Kesselpauke, und dazu fiel mir das Sprichwort ein: »Ein leerer Kessel macht den größten Krach.« Darin steckte wieder, wie abwertend ich über Timmy dachte. Ich sah ihn für einen leeren Kessel an, der sein Geschäft durch Manipulation und Ausbeutung von Meg betreibt.

Plötzlich fiel mir ein weiterer Teil des Traums ein: Zu Füßen der Tambourmajorin lag ein Huhn, dem alle Federn ausgerupft waren. Ich wußte sofort, daß Meg das Huhn war. Timmy würde nicht eher damit enden, Meg zu plündern, bis sie, gänzlich gerupft und ausgenommen, in den Topf wandern würde. Mir schauderte. Timmy war bereit, bei Meg bis zum äußersten zu gehen, und ich war bereit, ihn dafür umzubringen. Zwei sehr gewalttätige Bilder, beide Teil meines Traums.

Hier endete ich mit dieser Deutung, um den Traum noch aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Angenommen, ich selbst wäre Marvin Gaye, der die Kesselpauke spielt. Sofort fiel mir ein, daß ich tatsächlich viel Lärm um die Beziehung zwischen Meg und Timmy machte, daß ich hier meine eigenen Gedanken ins Spiel brachte bzw. ein Echo gesellschaftlicher Klischees, wie sich Menschen zu benehmen hätten. Als Marvin Gaye würde ich von meinen psychologischen Vätern umgebracht, weil ich so parteiisch war und meinen Klienten meine persönlichen Probleme aufdrängte. Bei diesem Gedanken an meine Aufdringlichkeit stieg mir die Schamesröte ins Gesicht.

Und was war mit dem gerupften Huhn? Hatte ich Meg mit ihm voreilig identifiziert? Konnte nicht auch Timmy das gerupfte Huhn sein? Im schwulen Jargon werden ja junge Leute als »chicken« bezeichnet. Vielleicht war es also Meg, die Timmy rupfte.

Oder es war ich, der alle beide rupfte, indem ich Meg in Therapie nahm, obwohl sie sich gar nicht auf tiefere Prozesse einlassen wollte, und indem ich Timmy hartnäckig auf meine Ideen festnageln wollte, wie er zu leben hätte.

Und was wäre, wenn ich selber das gerupfte Huhn wäre? Und wer ist es, der mich rupft und in den Kochtopf stecken will? Jim Simkin (28), ein Therapeut in Big Sur, gab immer sehr darauf acht, daß ihn seine Klienten nicht »aussaugen«, um ihre Bedürfnisse an ihm zu befriedigen, sondern daß sie sie für sich bearbeiten. Von dieser Deutung fühlte ich mich nicht angesprochen. Ich fühle mich nicht von meinen Klienten ausgesaugt. Aber von Vater Staat! Die Steuererklärung stand gerade an, und ich fühlte mich als schwuler Mann übers Ohr gehauen. Ich mußte einen viel höheren Steuersatz zahlen als ein verheiratetes Paar. Obwohl ich mit meinem Partner schon länger als zehn Jahre zusammenlebte, gilt das vor dem Finanzamt nichts, weil wir schwul sind.

Und ich war sehr gegen den astronomischen Rüstungshaushalt, der mit der unterstellten Bedrohung durch die Sowjetunion begründet wurde. Hier lag noch eine weitere Bedeutung der Pauke: Die amerikanische Regierung haute auf die Pauke und rupfte uns alle. Nun fühlte ich mich mit Meg und Timmy, dem Puertoricaner auf der Flucht vor der Armut der Bronx, im gleichen Boot.

Ging ich in die Rolle des Tambourmajors, so sah ich erneut, wie sehr ich in meiner Idee befangen war, Timmy und Meg sollten das Geld aus ihrer Beziehung herauslassen, die sie ohne Rücksicht auf ihre Bedürfnisse geschmiedet hatten. Es lag aber bei ihnen, sich miteinander zu verbinden. Sie machten ihre Pläne untereinander, ich war der störende Außenseiter. Als Tambourmajor war ich aus dem Takt geraten, in dem die anderen marschierten: Timmy für Sicherheit, Geld und Protektion; Meg für Sicherheit und männliche Begleitung. Mit Thoreau gesagt, marschierten sie einer anderen Trommel nach, fanden sie ihre eigene Musik. Wollte ich ihnen hilfreich sein, sollte ich besser einmal auf ihre Musik hören und auf ihre Bedürfnisse statt mich von meiner eigenen leiten zu lassen.

Ein letzter Einfall kam mir zu »Parade«. Ich hatte die Sitwells und ihr Ballett Parade (29) nie gemocht. Nun hatte vor langer Zeit einmal ein Bekannter von Osbert Sitwell im Gespräch einen »Sir« Noel erwähnt. Darauf hatte Osbert Sitwell gelacht und gemeint, Noel Coward würde sicher nie geadelt werden, weil er auf Jamaica lebte, um der Königin Steuern zu hinterziehen (30). Hier also schloß sich der Kreis! Ich war so froh, daß mir noch einmal klar wurde, wie sehr meine Vorurteile uns allen schadeten, daß ich am liebsten eine Trommel geschlagen und eine Parade veranstaltet hätte!

Die Klärung meines Ärgers auf Timmy hatte sich ausschließlich in meinem Innern abgespielt. Aber hatte Timmy meinen Ärger nicht dennoch gespürt? Vermutlich hatte ihn ja auch Roger, der in der Gruppe Timmy eine Hure genannt hatte, gespürt. Und Timmy hatte in der Diskussion über die Bedeutung von Geld vermutlich auch meine Werte erspürt. Also beschloß ich, ihn offen danach zu fragen.

Timmy eröffnete die nächste Sitzung damit, wie zufrieden er mit seinem Fortschritt sei. Die meisten Symptome waren verschwunden. Geblieben war das übermäßige Schwitzen, und er wollte von mir meine ehrliche Meinung hören, ob ich ihm bei diesem Problem helfen könne. Seine Direktheit bewegte mich. Ich schlug vor: »Wir können sofort sehen, was sich daran machen läßt. Erzähl mir mal, in welchen Situationen du zu schwitzen beginnst.« Er antworte, er müsse gerade eben wieder schwitzen.

»Was fühlst du eben? Bei welchen Gedanken beginnst du zu schwitzen?«

Ein Strom von Antworten brach aus ihm hervor. Er sei auf dem Weg zu mir ins Schwitzen gekommen. Er fühle sich ähnlich wie vor dem Schuldirektor, wenn er etwas ausgefressen hatte. Oder wie vor einer Nonne, die ihn ausschimpfte. Er spüre, daß ich etwas gegen ihn hätte (das hatte er bisher noch nie auszusprechen gewagt). Und ich behandele ihn von oben herab.

Wieviel von dem, was er über mich gesagt hatte, träfe wohl auch auf ihn selber zu?

Timmy war sich bewußt, daß er sich selbst ablehnte, sich selbst von oben herab betrachtete. Deshalb war ihm ja auch sein Name Mario nicht gut genug gewesen, deshalb hatte er sich in Timmy umbenannt.

Ob er auch eben am Schwitzen sei?

Das Schwitzen hatte aufgehört. Er fühlte sich leichter. Kühler.

Ich erklärte ihm, daß er durch seine Projektionen Gefühle bei mir wahrnahm, die seine eigenen waren. Allerdings - und jetzt tat ich den Sprung ins kalte Wasser - in allen Projektionen sei auch zumindest ein Körnchen Wahrheit enthalten. Und ich gab zu, daß ich nur schwer akzeptieren konnte, wie er sich bei Meg Geld beschaffte, und daß dies ein sehr ungewöhnliches Arrangement sei, mit dem ich Probleme hätte. Timmy lachte und zwinkerte mir zu: »Stellen Sie sich vor, Sie sollen es ihr besorgen. Wie viel würden denn Sie dafür verlangen?« Ich hütete mich, auf dieses Ausweichmanöver einzugehen, und fuhr fort, daß ich auch Schwierigkeiten damit hätte, wie viel er von seinem wahren Selbst vor der Tür stehen ließ, um stattdessen Mittelschicht zu spielen. Ich käme mit dem offenherzigen, unumwundenen, heitergestimmten Mario viel besser klar als mit dem bemühten, ehrgeizigen, ängstlich korrekten Timmy, dessen Atem übel rieche, dem der Kopf wehtue und der schwitze.

Er runzelte die Stirn und meinte: »Sie haben keine Ahnung, wie das ist, wenn man arm ist, wenn man zu siebt in drei Zimmern hausen muß, wenn man kein Geld hat fürs Kino oder für ein neues Hemd, wenn man drei- oder viermal die Woche nichts andres zum Essen kriegt als Reis mit dicken Bohnen.«

Ob er gerade eben schwitze?

»Nein«, sagte Timmy. »Mir ist heiß und ich bin ärgerlich. Aber schwitzen tue ich nicht.«

»Vielleicht schwitzt du immer dann, wenn du indirekt bleibst, dir keinen Ausdruck verschaffst und dich selber verhüllen zu müssen meinst.«

Timmy nahm diesen Gedanken auf und überlegte. Ich warte ein paar Augenblicke still und kam dann auf seinen Ärger zurück.

Arm zu sein ist sicher kein Vergnügen, aber die Alternative dazu ist nicht, bürgerlich zu werden. Billy Rose zum Beispiel hatte viele Millionen Dollar für seine Kunstsammlung ausgegeben, aber bei den impressionistischen Bildern schaltete er stets die Beleuchtung ab, um Geld zu sparen. In der millionenteuren Schloßanlage von William Randolph Hearst ertönte auf den Toiletten Musik, sobald sich jemand setzte, aber auf den Eßtischen aus der Renaissancezeit standen billige Aschenbecher in der Gestalt von Cowboys, die aus dem Ramschladen stammten.

Timmy war immer noch ärgerlich. Was denn er mit Billy Rose und William Randolph Hearst zu tun hätte? Die waren Millionäre, aber er sei ein armer Junge aus der Bronx, der seiner Mietskaserne entkommen wolle. Ich dachte: »Ja, er hat wohl recht, ich bleibe nicht bei seiner Situation. Ich werde es mit einer anderen Methode probieren.«

»Es heißt so schön, man kann den Jungen aus der Bronx rausbringen, aber man bringt nicht die Bronx aus dem Jungen heraus. Was hältst du davon?«

Timmy staunte. »Sie wollen damit sagen, ganz gleich wie gut ich mich kleide und ob ich auch eine Luxusresidenz auf der Fifth Avenue beziehe, ich bleibe immer Mario, der arme Junge aus der Bronx?«

Ich machte eine kleine Richtigstellung: »Mario, der Junge aus der Bronx: Ja. Aber nicht der arme Junge, denn du bist ja jetzt nicht mehr arm. Du bist Mario aus der Bronx, der Erinnerungen und Wurzeln nach dort hat, die man in Ehren halten kann.«

Wieder blieb Timmy eine Weile stumm. Dann sagte er: »Ich muß das noch mal in aller Ruhe überdenken. Bislang fand ich es einfach nur fürchterlich, arm zu sein, und wollte nichts wie weg aus der Bronx. Daß ich dabei vielleicht auch gute Sachen weggeworfen habe, war mir so nicht klar.«

Ich zitierte aus einem Gedicht von Ogden Nash, und wir mußten beide lachen:

The Bronx.

No thonx.

»Was macht das Schwitzen jetzt?«

Er lachte wieder und sagte »Alles okay«. Dabei streckte er den Arm aus und machte eine Geste wie die schwarzen Straßenkinder, wenn sie sich kameradschaftlich berühren und ihre Freude zum Ausdruck bringen. So locker hatte ich Timmy noch nie erlebt, und ich fühlte mich ihm so nah wie nie zuvor.

Als nächstes gab ich ihm meine Standardlektion in Entspannung. »Timmy, wenn du ängstlich oder aufgeregt, angespannt oder sehr besorgt bist, hat es keinen Sinn, dir einfach zuzurufen 'entspann dich!'. Denn wenn du wüßtest, wie das geht, tätest du es längst selber. Du mußt also stattdessen etwas anderes tun, nämlich herausfinden, auf welche Weise du dich selber verspannst. Was hattest du hier in der Situation mit mir getan, um dich anzuspannen?«

Timmy suchte die Puzzlesteine für eine Antwort zusammen. »Ich hatte Angst davor, Sie zu sehen. Ich habe jetzt keine Angst. Vielleicht habe ich das Gefühl, daß Sie mich mehr mögen. Es kann auch sein, daß ich jetzt nicht mehr so sehr darauf achte, ob Sie mich mögen. Vielleicht ist ja der Trick auch der, daß ich mich selber mag.«

Ich belehrte ihn: »Nicht 'vielleicht', sondern tatsächlich. Und es ist nicht bloß ein Trick, sondern es hängt alles davon ab, daß du dich selber magst.«

Timmy fuhr fort: »Ich habe keine Angst.« Er lächelte: »Ich brauche nicht besser zu sein als ich bin. Ich kann einfach Mario sein.« Und er strahlte übers ganze Gesicht.

»Mario, jetzt möchte ich dir noch eine Aufgabe geben. Und ich hätte gern, daß du mitspielst. Du bist ja eben nicht am Schwitzen. Ich möchte dich nun bitten, daß du mit dem Schwitzen anfängst. Bring dich selbst ins Schwitzen.«

»Aber José, ich denke ja nicht daran. Ich will doch mit dem Schwitzen aufhören,« erwiderte er.

Ich wiederholte meine Aufforderung. Ich wollte ihn nämlich erfahren lassen, daß er schwitzen konnte, wenn er es wollte, und daß er daraus schließen kann, daß er auch nicht zu schwitzen brauchte, wenn er es nicht wollte.

Zögern ließ sich Timmy darauf ein. Er blieb dabei still, dann erklärte er: »Ich habe mir den Anfang dieser Sitzung vorgestellt, als ich vor Ihnen noch Angst hatte und auf Sie Eindruck machen wollte. Daraufhin habe ich gespürt, wie mir ein Tropfen Schweiß aus der Achselhöhle den Arm herunterrann. Ich glaube, ich kann es wirklich selber auslösen, wenn ich will. Aber wer will denn schon schwitzen?«

Ich fragte: »Wann ist es angemessen, zu schwitzen? Wofür kann Schwitzen gut sein?« Timmy hatte bisher noch nie über den Zweck und den Nutzen des Schwitzens nachgedacht. Er sagte, daß er die schwitzenden Körper von Leuten beim Sex liebte und daß ihn der kräftige Geruch von Frank anmachte. Dann fiel ihm auch wieder ein, wie einst sein Vater verschwitzt von der Arbeit als Packer im Hafen heimkam, und er sah dabei traurig aus.

Dann fragte ich noch weiter: »Und wie ist es mit Athleten?«

»Oh ja, und auch die Marathonläufer. Die müssen unbedingt schwitzen, sonst würden sie sterben.« Er schaute ganz erfreut: »Vielleicht darf ich ja auch schwitzen. Für meine eigenen Zwecke.« Ich lächelte sagte als Schlußbemerkung für die heutige Sitzung: »Hast du davon gehört, daß Pferde schwitzen, Männer heiß werden und Frauen in Wallung geraten?« Er lachte und zwinkerte mir auf Mario-Art zu: »Das mit den heißen Männern gefällt mir besonders.«

Ich hatte mit Timmy nicht alles durchgesprochen, was ich ihm hätte beibringen können über Entspannung und Atmung in Zusammenhang mit seinem Schwitzen. Aber könnten wir ja später noch einmal darauf zurückkommen. Wichtig war, daß ich dieses Mal zwei große Hürden genommen hatte: Er brauchte vor mir keine Angst mehr zu haben, und ich brauchte ihn nicht mehr zu kritisieren.

Wie waren nun meine Gefühle gegenüber Timmy, meine wahren Gefühle? Ich gestehe, daß ich ihn nicht besonders mochte. Aber wie wichtig ist es für einen Therapeuten, seine Klienten zu mögen?

Laura Perls hatte mir einmal gesagt: »Es ist nicht nötig, alle Klienten gern zu haben. Was du erreichen willst ist, daß Klienten ihr einmaliges Selbst entwickeln, sich selbst zu unterstützen lernen und unabhängig werden.« Sie hatte hinzugefügt: »Manchmal, wenn wir Klienten mögen, gehen wir zu vorsichtig mit ihnen um und machen sie abhängig. Wir konfrontieren sie dann nicht genug mit ihren neurotischen Seiten. Es ist also gar nicht immer gut, wenn wir unsere Klienten mögen.« Ich nehme diese Weisheit gerne an. Aber ich finde es trotzdem schwer zuzugeben, daß ich jemanden nicht mag, der bei mir für sein Leiden Heilung sucht.

Andere Therapeuten vertraten die Ansicht, wenn ein Therapeut seinen Klienten nicht mag, wäre das Problem, daß er ihn oft mißversteht. Doch bleibt es sicher ein frommer Wunsch, jeden Menschen mögen zu können. Und angenommen, ich bekäme einen Massenmörder, Antisemiten, Rassisten oder Schwulenfeind als Klienten - könnte ich ihn, sogar wenn ich mir über meine Antipathien und ihre Wurzeln im klaren wäre, denn überhaupt behandeln?

Unter dem erweiterten Blickwinkel von Polaritäten ergibt sich, wenn jeder Mensch liebenswert ist, ist jeder Mensch auch nicht liebenswert. Aber auch wenn ich nun einsehe, daß jeder je nach Perspektive sowohl liebenswert als auch nicht liebenswert ist, so bleibt immer noch die Frage: wie gehe ich mit einem Klienten um, für den ich tendenziell weniger Sympathie als Antipathie empfinde?

Ich habe darauf keine salomonische Antwort parat. Ich bemühe mich, so gut ich kann. Im Chinesischen ist das Schriftzeichen für »Problem« dasselbe wie für »Chance«. Was ich versuche, ist, das Problem als Chance zur weiteren Erkundung zu benutzen. Ich ergründe mich selber: Was ist es genau, was ich an Timmy nicht mag oder beängstigend finde? Solch eine Selbstanalyse kann oft hilfreich sein. Manchmal lege ich dazu auch Listen an mit dem, was ich an einem Klienten mag und was nicht.

Was ich an Timmy nicht mochte, war sein Vorsatz, Meg auszunutzen, seine fortgesetzte Praxis der Ausbeutung, sein Überbewertung von Geld als dem höchsten Gut im Leben. Ich mochte an ihm auch nicht seinen Schmuck, die Pomade, das Kölnisch Wasser und die Aufsteigermentalität.

Was ich an ihm mochte, waren sein Feuer und sein Durchhaltevermögen. Er hatte sich in den Kopf gesetzt, der Südbronx zu entkommen, und er hatte sich mit dem, was ihm zu Gebote stand, seiner Männlichkeit und seinem Charme, einen Weg dafür gesucht.

Ich mochte an ihm auch seine Bodenständigkeit, einen Zug, den er an sich selber nicht schätzte. Er selber wollte förmlicher und geschliffener werden und war auf seine erworbenen Umgangsformen stolz. Wenn er ein Glas Wasser trank, spreizte er den kleinen Finger geradezu sklerotisch ab. Er trug gerne Krawattennadeln, um proper und nett auszusehen. Ich wollte mehr von dem lebhaften, temperamentvollen puertoricanischen Mario sehen. Den jedoch wollte er lieber verstecken, außer beim Auftreten in der Öffentlichkeit, wenn er sich dadurch Meg warm halten konnte.

Schließlich gefiel mir Timmys deftige Sprache. Seine Ausdrucksweise war gewürzt mit scharfen Sprüchen und gepfeffertem Witz. Ein besondere Gabe von ihm war, die Geschlechtsorgane mit Früchten, Gemüse und anderen eßbaren Dingen zu bezeichnen. Wenn er von seinen Schwanz sprach, hatte er jedesmal eine neue Bezeichnung für ihn: Banane, Zucchini, Stangenbohne, dicke Nudel, Sahneschnittchen. Er wußte, daß ich seinen Humor mochte, und erfand sogar manche Bezeichnungen extra für mich. Hoden waren Pflaumen oder Zitronen, und besonders große waren Mangos. Brustwarzen hießen Kirschen oder Erdbeeren. Sperma nannte er Morgentau oder Liebesgetränk. Sex mit Meg war Müslimachen, Puddingsteilchen oder Platte putzen, oraler Sex war wie chinesisches Essen: eine halbe Stunde danach hat man schon wieder Hunger auf was Richtiges mit Fleisch.

Bei Timmys Stärken fiel mir wieder ein, was ich nach der ersten Stunde über »My Fair Lady« überlegt hatte. Meg und ich waren sozusagen Professor Higgins in verschiedenen Spielarten. Unsere erzieherische Aufgabe war die, Timmy im letzten Akt in eine Herzogin bzw. einen Herzog umzuwandeln. Ich lachte. Und es ist schon fast neunzig Jahre her, daß George Bernard Shaw in »Mistress Warren's Profession« herausgearbeitet hatte, wie sich Prostitution und Bordelle als wirtschaftliche Investitionen moralisch rechtfertigen lassen. Es war wie ein Vorgriff auf Timmys Weg, sich über die verschiedenen Klassenschranken nach oben zu bumsen. Timmy hätte wie die schwarzen Transvestiten in dem Film »Paris brennt« von sich sagen können: »Ich will nicht ein Hofverwalter bleiben, ich will der Schloßherr selber sein.« Wie hätte ich ihm verdenken können, daß er seine besten Gaben nutzte, um hochzukommen?

Meine Mutter hatte sich darin gefallen, ihre Kinder alle gleich zu lieben. Sie wollte damit gut und gerecht sein, hatte uns aber nicht miteinbezogen. Wir fragten nämlich: An wen geht, wenn es Huhn gibt, die Leber? Wer bekommt das Lendenstück? Sie hatte nur gelacht und blieb die Antwort schuldig. In Therapiegruppen haben Klienten ein feines Gespür, wer der Liebling des Therapeuten ist. Sie klagen mich manchmal an, einen von ihnen besonders zu lieben. Ein eifersüchtiger Klient zum Beispiel hatte einmal genau registriert, wie ich mich um eine schwächere Frau kümmerte. Weil ich auf ihre Bedürftigkeit einging, hatte er dies als Zeichen gewertet, daß ich sie den andern bevorzuge. Seine Schlußfolgerung war falsch; ich hatte die Klientin nicht besonders gern, sondern wollte nur ein guter Therapeut sein. Im Prinzip jedoch hatte er recht, denn ich habe für manche Klienten mehr und für andere weniger übrig. Auf eine Frau mittleren Alters, die sehr viel jammerte, konnte ich nur mit Mühe eingehen; denn ich hatte ihr Klagen mit einem Verhalten identifiziert, das ich früher selber praktizierte. Ich weiß heute noch, wie ich vor Scham rot anlief, als Dwight Macdonald (32) mir dies vor über vierzig Jahren zum ersten Mal über mich zurückspiegelte. Er war nett und nannte sich gerne mein guter Onkel, und ich schätzte an ihm, der er mir schwierige Wahrheiten über mich sagte. Beim Gedanken an seine Ermahnungen werde ich heute noch rot. Er war ein guter Therapeut, denn er konnte mir sagen, was ich hören mußte und nur mit Mühe annehmen konnte.

Für Timmy wurde das Schwitzen immer weniger problematisch, auch wenn es nicht vollkommen aufhörte. Seine Therapie kam an ihr Ende. Er hatte erreicht, was er erreichen wollte. Seine Symptome waren nun alle verschwunden oder zumindest erträglich geworden. Wir sprachen darüber, die Arbeit abzuschließen. Meine eigenen Therapieziele für Timmy waren jetzt nicht mehr aktuell, teils unangemessen, teil erledigt. Ich war glücklich, in Timmys Sprache und Erscheinung mehr von Mario zu sehen. Zu einer unserer letzten Sitzungen kam er leger mit T-Shirt ohne Jacket, zu einer anderen statt mit Guccis mit Reeboks, wenn auch immer noch den teuersten. Er fühlte sich wohl mit Meg, mit Frank und sich selbst. In der letzten Sitzung erzählte er mir, daß Frank ihn jetzt zu seinen Eltern eingeladen hätte, und Meg würde als seine Freundin dabeisein. Er hätte kaum glücklicher sein können.

Nach Timmys Weggang blieb Meg noch zwei Monate in Therapie, denn mit ihm zur selben Zeit zu gehen, wäre ihr zu peinlich gewesen. Aber ihr Bedürfnis, mich gegen Timmy zum Verbündeten zu haben, war nun gegenstandslos, und sie hatte an einer Fortsetzung eigentlich kein Interesse mehr. Sie hatte bekommen, wofür sie hergekommen war, wofür sie bezahlt hatte. Was ich bedauerte war, daß sie so wenig dafür gewollt hatte. Meg war unzugänglich geblieben für alles, was über eine oberflächliche Erkundung ihrer Motive hinausgegangen wäre. An die Möglichkeit zum Wachstum hatte sie nicht geglaubt. Auf merkwürdige Weise hatte sie nun zwei Männer statt einem, wobei sich freilich Timmy und Frank nicht zu einem ganzen Geliebten für sie addierten. Dies war ihr Kompromiß, und er paßte wohl zu ihr.

Nachdem auch Meg die Therapie beendet hatte, dachte ich über die drei nach. Wie viel hatte ich doch über mich selbst und meine versteckten Vorurteile gelernt. Wie viel Erfahrung hatte ich dazugewonnen. Hätte nicht ich dafür Geld bezahlen müssen? Und ich fragte mich, ob ich sie in derselben Weise ausgenutzt hatte wie sie sich gegenseitig. Oder war meine Ausnutzung doch eine andere?

 

Anmerkungen

(15) Ozzie und Harriet stammen aus der Fernsehserie »The Nelson Family« aus den fünfziger Jahren und stehen für die Familienwerte der amerikanischen Mittelschicht. Ricky Nelson wurde für viele Teenager zu einem Idol. »Leave it to Beaver« und »Father Knows Best« sind weitere Fernsehserien über das bürgerliche amerikanische Familienleben. Über alle drei wird von Linken, Liberalen und Schwulen gerne gelästert und gelacht.

(16) St. Barts, eigentlich St. Bartolomé, ist eine französische Karibikinsel, auf der sich wie auf Sylt und Capri die Schönen und Reichen, wenn auch nicht notwendigerweise immer Homosexuellen, ein Stelldichein geben.

(17) Norma Desmond, die Heldin in Billy Wilders Film »Sunset Boulevard« aus den fünfziger Jahren, ist ein alternder Filmstar mit einem jüngeren Liebhaber. Sie wird von Gloria Swanson gespielt, die in frühen Stummfilmen mit Buster Keaton gespielt hatte. A. Lloyd Webber machte daraus ein Musical.

(18) O'Neill, Eugene Gladstone: Strange interlude. A play. New York 1928. 1932 erfolgreich mit Norma Shearer und Clark Gable verfilmt. Neu verfilmt unter dem Titel »Strange Interlude«; deutscher Titel: Verhängnisvolle Liebe. USA 1987, Regie Herbert Wise.

(19) Stark Young war zu Beginn des Jahrhunderts ein bekannter Theaterkritiker.

(20) Lynn Fontanne und ihr Mann Alfred Lunt waren Theaterstars am Broadway. Lynn waren ausgesprochen schön und brilliant. Beide waren mit Noel Coward befreundet und spielten in seinem Stück »Design for Living« mit.

(21) Deutscher Titel: Serenade zur dritt. USA 1933, Regie: Ernst Lubitsch. Nach einem Bühnenstück von Noel Coward.

(22) Noel Pierce Coward (1899 - 1973), englischer Schriftsteller, Schauspieler, Produzent und Komponist. Coward wurde 1970 geadelt. Sein Film »Brief Encounter« gilt als Klassiker; deutscher Titel: Flüchtige Begegnung. Regie: Alan Bridges, England/Italien 1974.

Daniel Rosenblatt hat ein Theaterstück über Noel Coward geschrieben: »Bottoms Up - The Private Lives of Noel Coward«, also etwa: »Aktiv werden - Aus Noel Cowards Privatleben« (Bottom heißt auch der sexuell Passive, top auch der sexuell Aktive. A.d.Ü.). Die Premiere findet am 27. März 1998 im HomeGrown Theatre am Broadway statt.

(23) Hellman, Lilian: Children's hour. London 1994.

(24) Lawrence, David H.: Der Fuchs. In: Lawrence, David H.: Sämtliche Kurzromane. Zürich 1975.

(25) Walter Pidgeon und Greer Garson spielten in Filmen zusammen, z.B. während des Krieges in dem großen Erfolg »Mrs. Miniver«, der von der englischen Standhaftigkeit gegen die deutschen Blitzerfolge handelt, und in »Madame Curie«, der die polnische Entdeckerin des Radiums portraitiert. Zwei sehr »campe« und gediegene Figuren.

(26) »Senior Citizen« ist eine Bezeichnung für Pensionäre, die deren Lebenserfahrung und Wichtigkeit für die Gemeinschaft aufwerten will.

(27) Marvin Gaye (1939 - 1984), amerikanischer Soulmusiker, Sänger, Kompunist und Multi-Instrumentalist. Einer der wichtigsten Vertreter der afroamerikanischen Soulmusik.

(28) Simkin, James S.: Gestalttherapie. Mini-Lektionen für Einzelne und Gruppen. Wuppertal 1994.

(29) Edith Sitwell schrieb in den zwanziger Jahren das Gedicht »Parade«, das die Vorlage zu einem avantgardistischen Ballett mit Bühnenbild von Picasso wurde.

(30) Noel Coward trägt den Adelstitel »Sir« allerdings trotz seiner steuerbegünstigen Ansiedlung in der Karibik. Für die Deutung des Traums ist dies allerdings ohne Bedeutung, sondern hier geht es nur um die Querverbindung »Karibik«.

 

 

Praxisadressen von Gestalttherapeuten/-innen

Daniel Rosenblatt

wurde 1925 in Detroit/Michigan geboren. Er studierte in Harvard und Cambridge und erlernte Gestalttherapie bei Laura Perls.

Nach einer langjährigen akademisch-wissenschaftlichen Tätigkeit arbeitet er seit über 30 Jahren in seiner privaten psychotherapeutischen Praxis in New York.

Er ist "Fellow" und ehemaliger Vizepräsident des New Yorker Instituts für Gestalttherapie und leitete viele Jahre lang Ausbildungsgruppen in Gestalttherapie in den USA, Europa, Australien und Japan.

Der nebenstehende Beitrag ist zuerst erschienen in seinem Buch "Zwischen Männern. Gestalttherapie und Homosexualität" in dem sich u.a. noch viele weitere Einblicke in Dan Rosenblatts praktische Arbeit finden. Wir möchten allen unseren Leserinnen und Lesern - homosexuellen und heterosexuellen (!!!) - dieses Buch ganz besonders ans Herz legen.

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