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Daniel Rosenblatt
Gegen die "Neo-Gestalt"
Kritische Reflexion gegenwärtiger Tendenzen in der Gestalttherapie


Aus der Gestaltkritik

Gestaltkritik - Die Zeitschrift mit Programm aus dem Gestalt-Institut Köln
Gestaltkritik (Internet): ISSN 1615-1712

Themenschwerpunkte:

Gestaltkritik verbindet die Ankündigung unseres aktuellen Veranstaltungs- und Weiterbildungsprogramms mit dem Abdruck von Originalbeiträgen: Texte aus unseren "Werkstätten" und denen unserer Freunde.

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 Hier folgt der Abdruck eines Beitrages aus der Gestaltkritik (Heft 2-1996):

Daniel Rosenblatt
Gegen die "Neo-Gestalt"
Kritische Reflexion gegenwärtiger Tendenzen in der Gestalttherapie

 

Foto: Daniel RosenblattDaniel Rosenblatt

 

Ich bin besorgt über die gegenwärtige Darstellung Fritz Perls' und seines einmaligen Beitrags zur Theorie und Geschichte der Gestalttherapie.

Fritz und Laura Perls begannen vor 1950 als linksorientierte Psychoanalytiker. Sie rebellierten gegen die Rechtgläubigkeit des etablierten Freudianismus. Fritz sagte, sein bester Therapeut sei Wilhelm Reich gewesen, ebenfalls ein Dissident. Fritz' Mitstreiter Paul Goodman, ein Anarchist und ehemaliger Patient Reichs, hatte seine eigene Orgonbox. Fritz, Laura und Paul waren sowohl in politischer und künstlerischer als auch in psychologischer Hinsicht radikale Bohemiens. Ihr Programm war die radikale Veränderung des sozialen, politischen, ästhetischen und psychologischen Establishments. (Das beinhaltete auch die Verbreitung neuer sexueller Vorbilder, z.T. nach Art von Reichs Sexkliniken, die von den Nazis geschlossen worden waren).

Ende der Vierziger Jahre wollte Fritz ein Buch veröffentlichen, um seine noch junge Karriere voranzutreiben. Er bot Goodman $ 500 für einen ersten Entwurf. Nach einigen anfänglichen Unterredungen mit Fritz und Laura ging Goodman dann seinen eigenen Weg. Das Ergebnis ist der ehrwürdige Text "Gestalt Therapy". (Ich lasse Hefferlines Beitrag und seine Motive hier bewußt außen vor. Das ist ein anderes Kapitel, das an anderer Stelle erörtert werden mag).

Ich möchte hier die Weber'schen Idealtypen anwenden, um einerseits Fritz als den führenden Kopf der ursprünglichen Gestalttherapie-Bewegung zu charakterisieren (Fritz' ursprüngliche Grundhaltung) und andererseits sein Gegenteil, die Neo-Gestalt-Bestrebungen (die konservative Grundhaltung).

Fritz' Grundhaltung

Konservative Grundhaltung

charismatisch

routiniert, rational, bürokratisch

rebellisch

gelehrt, korrekt

anarchistisch

strukturiert

chaotisch

organisiert

simpel

zivilisiert

sexuell

asexuell

vulgär

vornehm

kreativ, künstlerisch

zuschauend, kritisch

spielerisch

ernst

abweichlerisch

bürgerlich, etabliert

intuitiv

kognitiv

persönlich

professionell

aggressiv

beschwichtigend

zerstörerisch

besänftigend

mutig, organisch

intellektuell

lebhaft

teilnahmslos, flach

Wer wäre der bessere Therapeut, wer hätte mehr zu bieten? In theoretischen Belangen war Fritz sicherlich schwach, nicht aber im persönlichen Kontakt, in seiner Präsenz. Meines Erachtens war das Buch Gestalttherapie, gemessen an seinem theoretischen Anspruch, immer ein sehr dürftiges, von Goodman ziemlich unreflektiert zusammengeschustertes und in seiner egozentrischen Arroganz für ihn typisches Werk. Ehrlich gesagt ist der heilige Text von eher bescheidenem Stil. Es geht die Legende, das Buch sei absichtlich kompliziert geschrieben worden, um es schwerer introjizierbar zu machen. Wenn jemand es jedoch introjizieren wollte, würde auch ein noch so schwieriger Schreibstil ihn nicht davon abhalten, und die verwirrenden Begriffe des Ursprungstextes (Grenze, Retroflektion, Projektion, Figur, Grund, Gestaltbildung) kehren in den Folgetexten echohaft wieder.

Fritz war kein Liebhaber von Megatheorien; er bevorzugte eine überschaubare, eingegrenzte und insofern dem damaligen Wissensstand angemessenere Theorie. Als er später an der Westküste sein Esalen-Manifest schrieb, hätte er Gestalttherapie am liebsten in den Pazifik geworfen. Soviel zu dem ehrwürdigen Text vom Gründungsvater. Goodman widmete sich ebenfalls anderen Interessen und wandte sich sowohl von der Therapiepraxis als auch von weiteren theoretischen Arbeiten ab. Aus dem Kreis der Initiatoren bewahrten lediglich Laura Perls und Isadore From die kleine Flamme der Theorie. Isadore war der leitende Trainer des Cleveland-Institute. Anfänglich begleitete er Fritz auf seinem Missionszug, aber Fritz begann sich zu langweilen und wurde auf die ihm eigene Art immer reizbarer. Also sah er von regelmäßigen Besuchen in Cleveland ab und überließ Isadore die Verantwortung. Froms Ansatz basierte vor allem auf einer jüdischen, am Talmud orientierten Tradition, die das genaue Lesen der Texte betonte. Er selbst schrieb fast nichts. So blieb die Theorie der Gestalttherapie verhärtet in ihrer Definition als existentielle und experimentelle Therapie, deren Bezug zur Psychoanalyse bis heute weitgehend ungeklärt ist. Doch die Praxis der Gestalttherapie wurzelt in den Qualitäten der Fritz'schen Grundhaltung, wie sie oben aufgeführt sind. Laura meinte, jeder praktizierende Gestalttherapeut solle seinen eigenen Stil entwickeln. (Sie sagte auch, daß wir, wenn wir nur kreativ genug wären, für jeden Klienten eine eigene Therapieform erfinden könnten). Laura legte mehr Wert auf Unterstützung als Fritz, und Isadore war eher sanft. Zusammen entwickelten sie die Ausbildungsgrundlage für Generationen von Gestalttherapeuten.

Das Magische an Fritz, Laura und Isadore war ihr leidenschaftliches Engagement für die subversiven, asozialen, irrationalen Aspekte des Klienten und sein Ringen mit der Gesellschaft und ihrer Kultur, ungeachtet der Formen, die diese Auseinandersetzungen annehmen mochten. Was an ihnen befreiend wirkte, war die Tatsache, daß sie keine Phrasen gebrauchten, und darüber hinaus war es ihre Direktheit und ihre Art, die stereotype, langweilige Rigorosität korrekten Denkens und anständigen Verhaltens herauszufordern und in Frage zu stellen. Dieser Ansatz hatte etwas Belebendes und Erfrischendes. Kann es sein, daß dieser Ansatz in der Ära Thatcher-Major, Reagan-Bush oder Kohl-Mitterand altmodisch geworden ist, oder ist er vielleicht notwendiger denn je?

Natürlich können wir nicht alle kleine Fritze, Lauras oder Isadores sein, noch hätten die drei das gewollt. Aber wir können uns das Wesen ihres experimentellen Ansatzes vergegenwärtigen und uns von ihrem Beispiel anregen lassen. Nehmen wir ein anderes Beispiel: Die große Tradition der romantischen Musik in Polen reicht von Chopin bis Rubinstein. Ihre Methode war die persönliche Überlieferung und das Lernen am Beispiel. In ähnlicher Weise repräsentieren die Lehrer der Gestalttherapie die Überlieferung des ursprünglichen, körperorientierten und kreativen Gestalttherapieansatzes. Das Gestaltexperiment mit seiner Betonung des augenblicklichen phänomenologischen Gewahrseins und der Aufforderung an beide, Therapeut und Klient, Risiken einzugehen und Verantwortung zu übernehmen, gibt den Gestalttherapeuten Gelegenheit, auf kreative Weise mit der lebendigen Tradition verbunden zu sein.

Wenn ich einem Klienten gegenübersitze, der in seiner unmittelbaren Präsenz etwas will, etwas braucht, dann kann ich mich keiner ausgedehnten innerlichen Theoriediskussion hingeben. Paul Goodman sagte, es sei ihm nicht schwergefallen, in einer Sitzung voranzukommen; er achtete auf das, was ihm jeweils am greifbarsten erschien. Ich folge diesem Beispiel so gut ich kann.

Ich möchte es noch anders ausdrücken. Nach meinem Verständnis wurde in der Vermittlung und Nachahmung der Gestalttherapie als einer erfolgreichen Methode eine Tradition des Außenseitertums und der Unvorhersagbarkeit aufrechterhalten, die sich gegen eingeschliffene Wahrheiten und konventionelle Überzeugungen über den Menschen oder die Gesellschaft zur Wehr setzt.

Ich backe Brot. Ich nehme Hefe, Wasser, eine Prise Zucker, Mehl und was sich sonst noch so findet. Das Wunder dieses Brotlaibes, der im Ofen wächst und backt, sein Geruch und sein Geschmack faszinieren mich jedesmal. An dem chemischen Vorgang bin ich offen gestanden nicht sonderlich interessiert (Temperatur, Ofentyp, Gluten, Eigenschaften der Hefe etc.). Ich spiele mit alten Rezepten und erfinde neue. Und meine Freunde genießen die Ergebnisse. Vor allem verlasse ich mich auf meine Erfahrungen. Ich bete nicht zu Gott, er möge den Teig aufgehen lassen. Ich beschwöre auch nicht den Hefegeist, sich mit dem Zucker zu verbinden. Und doch bin ich jedesmal bin ich von dem Vorgang ganz angetan. Ich vertraue dem Prozeß und meiner eigenen, fundierten Intuition. Genauso ist es auch in meinem Garten, und genauso ist es in meiner therapeutischen Arbeit.

Als Einstein gefragt wurde, wie er die Relativitätstheorie entdeckt hatte, antwortete er: "Ich zweifelte an einem Lehrsatz." Es ist meine Überzeugung, daß dies die Arbeit von Gestalttherapeuten ist, zu zweifeln und herauszufordern: den Klienten, sich selbst, Theorien, die Kultur, die Gesellschaft, überlieferte Wahrheiten - und dabei neue Verbindungen zu entdecken, ein neues Gewahrsein, ja sogar neue Gestalten, die später ebenfalls in Frage gestellt werden könnten. Panta re, sagte Heraklit. Alles fließt. Und ich - so hoffe ich - auch.

Wie bildet man nun aber Therapeuten aus? Meine eigene Ausbildung bei Laura und Isadore basierte in erster Linie auf meinen Erfahrungen als ihr Klient. Ich nahm auch an ihren Trainingsgruppen teil, und obwohl ich das sehr genoß und einiges lernte, bildete die persönliche Arbeit mit ihnen doch meine Grundlage. Ich sah auch einige von Fritz' Zirkusvorstellungen und profitierte davon.

Nach meinem Verständnis ist es notwendig, daß der Therapeut eine Atmosphäre des Vertrauens und der Aufregung schafft, um den Klienten in seinem Kampf mit der Ausweglosigkeit zu unterstützen. Er muß einen Raum eröffnen, in dem der Klient sich frei fühlt, die Leere zuzulassen und das Risiko einzugehen, etwas zu entdecken und anderes fallenzulassen. Fritz sagte immer, Gestalttherapie sei nicht der Ort, um höflich zu sein. (Das heißt nicht, daß sie der Ort ist, um grob zu sein). Ich denke, was er meinte, war folgendes: Indem wir uns darauf festlegen, höflich zu sein, beschränken wir uns selbst auf ein ganzes System von Verhaltensweisen und Anstandsformen, die den Klienten in seinem System von Sollen und Müssen fixieren. John Stevens erzählte, Fritz habe in der Arbeit mit ihm Holzhammermethoden angewandt und das sei die einzige Möglichkeit gewesen, zu ihm vorzudringen. Im übertragenen Sinne sagt er damit, daß er sich durch Fritz sehr intensiv bearbeitet fühlte. Und Fritz hätte wohl mit dem russischen Sprichwort geantwortet: Für ein zähes Steak braucht man ein scharfes Messer.

Wofür ich hier plädiere ist, daß Gestalttherapeuten nicht dem Beispiel späterer Freudianer oder Christen folgen und fromm, selbstgefällig, routiniert, gelehrt und akademisch werden; und - um mein eigenes Vorurteil einzugestehen - nicht spirituell. Fritz, Laura, Paul und Isadore waren weder religiös oder spirituell noch sentimental. Keiner von ihnen gehörte irgendeiner Gemeinschaft an, wenngleich sie alle sich einem jüdischen kulturellen Erbe verbunden fühlten, dem Frömmigkeit keine Notwendigkeit war. Während der Naziherrschaft war ihr Judentum eine Frage der Ehre. Ihr Glaube galt der Kunst, dem praktischen Humanismus und dem Existentialismus. Nicht alles Nährende ist einfach. Laura würde sagen: Nur der Säugling darf schlucken ohne zu kauen. Und Fritz würde - in seiner groben Art - sagen: Reife bedeutet, sich selbst den Arsch abwischen zu können.

Was können wir nun tun, um das Wachstum der Gestalttherapie zu fördern? Ich glaube nicht, daß eine Rückkehr zu Diagnose oder Spiritualität als Antwort gelten könnte. Aischylos meinte, die griechischen Dramatiker lebten von dem, was Homer übrigließ. Ich denke, daß die Gestalttherapeuten für mindestens weitere fünfzig Jahre bei dem bleiben könnten, was das oben erwähnte Viergespann übriggelassen hat, nicht durch sklavische Nachahmung, sondern indem sie das, was da ist, durchkauen und sich bemühen, neue Möglichkeiten zu finden, die Tradition fortzusetzen. In meiner eigenen Arbeit versuche ich, dem zu vertrauen, was sich für mich als fruchtbar erwiesen hat und Neues auszuprobieren, wo die Tradition mich nicht ausreichend unterstützt. Und meine Neuerungen sind - wie ich hoffe - von dieser Tradition beseelt. Ich trete nicht einfach beiseite und fange an, mit Astrologie oder Tarot oder mit geistigen Heilweisen zu arbeiten. In meinem Geist wiederhole ich unentwegt Fritz' Aussage, daß Therapie ein Spiel sei und versuche, mehr davon zu verstehen. Ich erinnere mich auch an Harry Stack Sullivan, der sagte, Therapeut zu sein sei der härteste Beruf der Welt. Zwischen diesen Gegensätzen spiele und kämpfe ich, Altes kopierend und Neues erfindend.

Praxisadressen von Gestalttherapeuten/-innen

Autor und Beitrag:

Dr. Daniel Rosenblatt

wurde 1925 in Detroit/Michigan geboren. Er studierte in Harvard und Cambridge und erlernte Gestalttherapie bei Laura Perls. Nach einer langjährigen akademisch-wissenschaftlichen Tätigkeit arbeitet er seit über 30 Jahren in seiner privaten psychotherapeutischen Praxis in New York. Er ist "Fellow" und ehemaliger Vizepräsident des New Yorker Instituts für Gestalttherapie und leitet Ausbildungsgruppen in Gestalttherapie in den USA, Europa, Australien und Japan.

Seine Bücher "Gestalttherapie für Einsteiger. Eine Anleitung zur Selbstentdeckung" und "Zwischen Männern. Gestalttherapie und Homosexualität" eröffentlichten wir zusammen mit dem Peter Hammer Verlag.

Bei uns erschien außerdem sein Vortrag "Bin ich meines Bruders Hüter? Anmerkungen zur Gestalttherapie mit AIDS-Patienten" als Audio-Cassette. Und hier finden Sie auch das Transkript dieses Vortrags.

Der vorliegende Text ist zuerst erschienen als Leserbrief in: British Gestalt Journal,Vol. 4 No. 1, Juni 1995, S. 47ff. Wir danken dem British Gestalt Journal und Malcolm Parlett, seinem Herausgeber, für die freundliche Genehmigung der deutschen Erstübersetzung.

Aus dem Amerikanischen von Ludger Firneburg.

 

 

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