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Daniel Rosenblatt
"Wie wenig wir wissen! - Wie viel wir zu lernen haben!"
Erinnerungen an den Gestalttherapeuten Isadore From


Aus der Gestaltkritik

Gestaltkritik - Die Zeitschrift mit Programm aus dem Gestalt-Institut Köln
Gestaltkritik (Internet): ISSN 1615-1712

Themenschwerpunkte:

Gestaltkritik verbindet die Ankündigung unseres aktuellen Veranstaltungs- und Weiterbildungsprogramms mit dem Abdruck von Originalbeiträgen: Texte aus unseren "Werkstätten" und denen unserer Freunde.

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Praxisadressen von Gestalttherapeuten/-innen

 Hier folgt der Abdruck eines Beitrages aus der Gestaltkritik (Heft 2-1995):

Daniel Rosenblatt
"Wie wenig wir wissen! - Wie viel wir zu lernen haben!"
Erinnerungen an den Gestalttherapeuten Isadore From

 

Foto: Isadore FromIsadore From

 

Ich kannte Isadore From über fünfundzwanzig Jahre lang. Er war mein Therapeut, mein Supervisor, mein Kollege und mein Freund. Zeitweilig war er auch mein Gegner, da wir in professionellen Fragen nicht immer übereinstimmten. Daher habe ich eine Unmenge von Erinnerungen und Gefühlen Isadore gegenüber. Überdies ist er eine mächtige Figur in der Geschichte der Gestalt Therapie: ein hervorragender Lehrer, ein führender Interpret der Theorien Goodmans, ein Intimus von Fritz und Laura Perls und ein brillanter Trainer.

In seiner physischen Erscheinung war Isadore außergewöhnlich und eindrucksvoll. Er war winzig, nur knapp über einen Meter fünfzig. Zierlich, drahtig, knochig. Isadore war so klein, daß er seine Kleider in der Knabenabteilung von Brooks Brothers kaufen konnte. Er tat das auch, einerseits aus Sparsamkeit, andererseits weil er es genoß, den Peter Pan, den Penrod, den Huckleberry Finn zu spielen: alle die Knabenfiguren, die Verstand, Phantasie, Auflehnung und Neugier repräsentieren.

Obgleich Isadore so winzig war, hatte er einen erstaunlichen Kopf, normal groß, breite Stirn; eindringliche, hellblaue Augen, schwarze Locken und eine entschieden jüdische Nase. Ein großer Kopf mit einem kleinen Körper könnte Zwergenvorstellungen hervorrufen, aber nein, Isadore war eher ein Homunkulus, ein vollständig ausgeformter, kleiner Mann.

Isadore war leichtfüßig. Als Kind hatten er und sein Zwillingsbruder Sam Vaudeville getanzt und gesungen. Er liebte diese Erinnerungen an ihre schauspielerischen Unternehmungen zärtlich, und ich glaube, daß sie ihm als Therapeut und Trainer gute Dienste leisteten. Er hatte ein bühnenmäßiges Gespür für die Entwicklung einer Linie, für effektvolle Pausen, für einen Lacher. Er liebte es zu lachen und zu kichern, und er lachte auf eine offene, jungenhafte Art, voller Freude und Verwunderung. Wenn er offiziell leitete und lehrte, konnte er den Weisen und den Seher spielen. Er saß dann aufmerksam, die Beine übereinandergeschlagen, fast bewegungslos; nur seine Augen blitzten, während er eine Bedeutung herauszukitzeln und nach Ausdruck für seine Gedanken suchte. Häufig hielt er eine Zigarre zwischen den Fingern, und die Asche wurde lang und länger, während er konzentriert dasaß, kaum atmend, bis sie schließlich auf seine Hose fiel. Das einzige, was sich vielleicht noch bewegte, waren seine Hände. Sie zuckten vor Spannung. Isadore sagte oft: "Was ist dir lieber, daß ich mich darum kümmere, daß meine Hände nicht mehr zucken oder daß ich mich mit dem befasse, was du gerade sagst?" Soweit ich weiß, hat niemand jemals erwidert, Isadore solle sich lieber mit seinen zuckenden Händen befassen.

Während der Arbeit mit einem Klienten in einer Einzelsitzung oder in einer Gruppe, während er sich konzentrierte, entwickelte er eine Fähigkeit reiner Aufmerksamkeit, unmittelbaren und klaren Fokussierens, eine geradezu spirituelle Gegenwärtigkeit. Isadore würde den Begriff "spirituell" verächtlich ablehnen, aber ich gebrauche ihn für ein Gefühl von etwas, das über seine Körperlichkeit hinausging, eine Art von Transzendenz, die aus seiner totalen Konzentration stammte. Als sein Klient, als ich mit dieser eindrücklichen Hingabe an das, was zwischen uns geschah, konfrontiert war, konnte ich sein Angebot voll wirklicher Dankbarkeit annehmen und die Weisheit nutzen, die für mich darin lag.

Isadore hatte mehr Philosophie als Psychologie studiert. Er wußte sehr gut, daß Philosophie die Mutter der Psychologie ist, und er geriet über den ganzen Unsinn der akademischen Psychologie, in dem er nicht ausgebildet war, nicht aus der Fassung. Er erwarb keine akademischen Grade. Er hatte im Graduiertenzweig der New School of Social Research studiert, aber er brach die Ausbildung ab. Während seiner Zeit dort lernte er George Dennison und Paul Goodman kennen, und sie blieben für den Rest des Lebens Freunde. Ich würde sie alle drei eher als Humanisten, umfassend gebildete Männer bezeichnen, denn als Psychologen. Ohne den förmlichen akademischen Rückhalt der Psychologie arbeitete Isadore meiner Meinung nach härter an sich selbst, um seine eigenen Auffassungen zu gewinnen. Er war ein vielseitiger und nachdenklicher Leser. Er kannte die psychoanalytische Literatur. Er lachte über sich selbst, als er erzählte, daß ihm, als er zum ersten Mal in Frankreich war, aufgefallen sei, daß viele Menschen Handschuhe trugen, und daß er daraufhin aus seiner Kenntnis Freuds geschlossen habe, daß die Franzosen anscheinend heftige Schuldgefühle wegen Masturbation hätten. Und dann, zurückgekehrt, in den 40er Jahren, regierte der Freudianismus auf der ganzen Linie und bot kurzschlüssige Deutungen aller Arten von Phänomenen. Viele von uns blieben davon unbefriedigt und verlangten eine andere Auffassung von psychologischem Verständnis, die Freuds Weisheit beinhalten sollte, ohne die Metapsychologie gleich mitschlucken zu müssen.

Auf dieser Grundlage wurde er ein brillanter Therapeut. Er nahm die Beiträge der Gestalt Therapie auf und integrierte sie in sein breiteres soziales und philosophisches Fundament. Es gibt eine berühmte Geschichte davon, wie Isad (so nannten ihn Fritz und Laura und andere seiner besten Freunde, weil Isadore ihnen als ein gar zu prosaischer Name erschien) zum Gestalt Therapeuten geweiht wurde. Wenn das Geld reichte, lebte Isadore oft für einige Zeit in Europa. Das bedeutete nicht notwendig, daß er große Ersparnisse gehabt hätte, da er sehr anspruchslos war, und wenn es die Situation verlangte, konnte er seine Mahlzeit auch auf dem Markt zusammenstehlen und die Diebesbeute in den Hosentaschen oder unter seinem Pullover verstecken. Er war vielseitig begabt, wenn es nötig war. Nachdem er fast ein ganzes Jahr in Europa gewesen war, aß er mit Fritz und Laura zu Mittag. Er begann zu überlegen, wie er wohl seinen Lebensunterhalt verdienen könnte. Er hatte Schuhe verkauft oder andere unwichtige Arbeiten angenommen. Laura und Fritz sahen erst einander an, dann Isadore und riefen aus: "Natürlich mußt du Therapeut werden!" Und so begann seine Karriere.

Ein anderer wichtiger Aspekt in der Bedeutung Isadores als Therapeut war sein ausgeprägtes Mitgefühl mit den Leiden des Patienten und seine Empathie für solche Schmerzen. Er selbst war als Klient depressiv und sogar suizidal gewesen, folgt man Laura, die seine Therapeutin war. Daher war ihm große Not nicht unbekannt, und er konnte seine eigenen Erinnerungen und seinen eigenen Schmerz heraufrufen, um sich so besser mit den Qualen seines Klienten identifizieren zu können. Er war nicht jenseits oder fern vom Leiden eines Klienten, obwohl er nicht in Gefahr war, sich darin zu verstricken. Er konnte je nach Bedarf sehr unterstützend sein und sehr konfrontativ. Und er konnte sich dann für das eine oder das andere entscheiden, wenn alles soweit war.

Ich glaube, daß manches von Isadores Geschichte als Jude, als Homosexueller und als armer Mann insgesamt zu seiner Empathie für die Verzweiflung oder die Unterdrückung anderer beigetragen hat. Während seiner Entwicklungsjahre in den 30er Jahren wußte er von den Anfängen der Nazischrecken, die die deutschen Juden zu erleiden hatten, und auch in Amerika war der Antisemitismus weit verbreitet. Homosexualität war illegal und Homosexuelle wurden verfolgt. Isadore und sein Zwillingsbruder waren beide homosexuell und wußten sich in ihrer Heimat im Mittleren Westen Amerikas ausgestoßen. Sie suchten offenere Freundschaften in New York und Kalifornien, ähnlich jenen, wie sie bei Sherwood Anderson, Carson McCuller und Aristide Maupin beschrieben werden. Dennoch bewahrte Isadore sein Leben lang engen Kontakt mit den frühen Freunden aus seiner Heimat. Martin Shepherd bezeichnet Isadore in seinem Buch über Fritz als einen "notorischen Homosexuellen", und Isadore lachte darüber. Aber ich glaube, daß er sich durch diese beschränkte Bezeichnung auch verletzt fühlte. Obgleich er seine Homosexualität nie verleugnete, da er einer früheren Generation angehörte als jene, die Stonewall folgten, bin ich überzeugt, daß sie ihm immer problematisch geblieben ist. Ich glaube auch, daß Isadore ein heimlicher Marxist gewesen ist. Anders als Fritz und Laura meine ich nicht, daß er jemals an die Kommunistische Partei gebunden war, wie sie beide und Wilhelm Reich es gewesen sind. Meiner Meinung nach war er eher ein Anarchist wie Paul Goodman und glaubte wohl an eine Art öffentliches Besitzrecht an industriellen Unternehmen. Im allgemeinen verachtete Isadore die Auftritte der Politiker. Ihre Phrasen und Heucheleien zogen bei ihm nicht. In ähnlicher Weise war er sehr aufmerksam in Bezug auf das, was in Israel und mit dem Nationalismus zionistischer Führung geschah, obgleich seine jüdische Identität für ihn außer Frage stand.

Was mit dazu beitrug, daß Isadore ein begabter Therapeut wurde, war seine Erfindung von Interventionen für den Klienten. Er erfand einerseits Experimente für den Klienten auf einer Ad-hoc-Basis und schuf andererseits eine sehr hilfreiche Folge von bestimmten therapeutischen Abläufen. Oft sagte er mit einem Lachen: "Du glaubst, du hast Probleme, warte erst mal, wenn ich dir meine erzähle!" "Wenn du es leid bist, immer dasselbe zu tun, wirklich leid, dann wirst du etwas anderes tun." "Aber du weißt, daß es falsch war, was sie da mit dir gemacht haben, du weißt das, nicht wahr?" - "Sag, ist er ein Mensch?" - "Ist das eine liebenswerte Person?" Ich wünschte, ich hätte noch mehr seiner Sätze behalten. Und sicher hat jeder seiner Trainees seine eigenen Favoriten.

Paul Goodman sagte, daß es eines der Ziele von Therapie sei, Patienten zu Freunden zu machen, und Isadore praktizierte dies. Als ich sein Klient war, trafen wir uns gelegentlich bei gesellschaftlichen Anlässen, er lud mich zum Essen ein oder zu seinen Parties. Laura machte das ebenso. Ich war ihnen dankbar für diese Grenzüberschreitungen, weil ich mich als Mensch und als jemand, der die Kategorie "Klient" überschritten hat, geschätzt fühlte. Später bat ich Isadore, mich zu supervidieren. Er stimmte unter gewissen Bedingungen zu: Er sagte, da er eigentlich nicht als Supervisor arbeite, würde er bei mir eine Ausnahme machen, aber ohne Bezahlung. Wir würden uns ein- oder zweimal im Monat in einem Restaurant treffen und gemeinsam zu Mittag essen. In dieser Zeit könne ich ihm über meine Klienten erzählen, was immer ich wolle, und er könne mir dazu sagen, was ihm in den Sinn komme. Und ich bezahlte das Essen. Da er wenig aß, besonders mittags, war dies das beste Geschäft, das ich je gemacht habe.

Während zwei oder drei Jahren war ich ein Mitglied in Isadores Ausbildungsgruppe. Soweit ich mich entsinne, trafen wir uns einmal in der Woche für zwei Stunden an zehn Monaten im Jahr. Es war eine kleine Gruppe, sechs oder höchstens acht Personen. Ich glaube, jeder war auf die eine oder andere Weise hingerissen von Isadore, und einige von uns nannten ihn Isadorable, andere Sankt Isidor. Da es Isadore widerstand zu schreiben, oder vielleicht war er auch nur blockiert, schmiedete ich einen Plan, daß wir ihm ein Tonbandgerät zum Geburtstag kaufen würden, damit unsere unsterblichen Sitzungen auf Band für die Ewigkeit verfügbar wären. Isadore genehmigte das auch, ich glaube, er hat sich insgeheim gefreut, und später transkribierte Hunt Cole, Isadores Gefährte, Liebhaber und Partner, diese Bänder, nicht wörtlich, aber sinngemäß. Ich jedenfalls war mit meinem Versuch, Isadore zum Schreiben zu ermutigen, gescheitert, und Hunts Transkripte überdauern.

Während des ersten Trainingsjahres in dieser Gruppe arbeiteten wir hauptsächlich am zweiten Teil von Paul Goodmans Gestalt Therapie (Anm. d. Übers.: Gemeint ist das Gemeinschaftswerk von Perls, Hefferline und Goodman: Gestalt Therapy, 1951, dessen 2. Teil insbesondere Goodmans alleiniger Autorschaft zugeschrieben wird). Isadore war geradezu talmudisch in seiner Hingabe an den Text. Mitunter erarbeiteten wir den Stoff Zeile für Zeile, Wort für Wort. Diese Prosa war so dicht, daß es manchmal einfach notwendig war. Isadores Auffassung zufolge war sie so geschrieben, damit sie nicht so leicht introjiziert werden konnte, aber da ich Goodman weniger freundschaftlich verbunden war, glaubte ich, daß er einfach Schwierigkeiten mit der Abfassung wissenschaftlicher Texte hatte. Generationen von Trainees haben ohne Isadores kluge Interpretationen mit diesem Text herumgekämpft. Und sogar Fritz bemerkte in seiner späteren Zeit in Esalen, daß er das Buch in den Pazifik schmeißen wollte. Ich dachte immer, daß Isadore einfach zu gefesselt von Goodmans Theorie war, aber da er so hingebungsvoll und leidenschaftlich damit umging und derartig viel von seinem eigenen Verständnis einfließen ließ, hatte ich keine größeren Einwände dagegen. Ich schätzte Isadores Umgang mit der Ausbildungsgruppe besonders wegen seiner großen Aufmerksamkeit darauf, wie die Gegenübertragung von jungen Trainees ihre Arbeit mit Klienten beeinträchtigte. Die offizielle Auffassung im Gestaltansatz war, daß es keine ungelösten Probleme mit der Übertragung gebe, solange der Therapeut in jeder Sitzung auf die Übertragungsthematik achte. Inoffiziell aber wußte Isadore es besser, und wir diskutierten diese strittigen Fragen häufig.

Isadore trug stets Sorge, daß nicht er selbst oder die Gestalt Theorie zu Introjekten für die Trainees würden. Unglücklicherweise konnte sogar er dies nicht verhindern. Einige seiner Trainees kopierten seine präzise Sprache, seine Körperhaltung oder die Art, wie er seine Zigarre hielt. Und insofern Isadore auch nur ein Mensch war, genoß er diese Schmeichelei eine Zeitlang. Später wurde er ihrer womöglich überdrüssig, und dann geriet der unglückliche Trainee mit seinen sklavischen Aufmerksamkeiten ins Abseits.

Isadore war leidenschaftlich im Umgang mit Sprache und all ihren Schattierungen. Jede Äußerung, jeden Ausdruck beachtete er mit großer Aufmerksamkeit und Genauigkeit. Er war immer gedankenvoll in dem, was er sagte, und er verlangte dasselbe von anderen. Lange bevor die Dekonstruktion in Mode kam, nahm Isadore die Bedeutung von Wörtern, Phrasen und Begriffen auseinander. Ich glaube, daß seine besondere Freude und Hingabe an Sprache eines der vielen Dinge ist, die seine Trainees so gewinnend und wertvoll an ihm fanden. Wenn Isadore auf die Spur eines falschen Geredes, windiger Vorstellungen oder hochgestochener Phrasendrescherei kam, so blieb er nicht länger zartfühlend und unterstützend, sondern stürzte sich wie ein Tiger auf sein Opfer und riß es in Stücke.

Isadore hatte komplizierte Beziehungen, sogar mit Fritz und Laura. Da ist die berühmte Geschichte, wie er seine Therapie bei Fritz begann: Als sie einander zum ersten Mal begegneten, suchte Isadore gerade einen Psychoanalytiker, hatte aber wenig Geld, und Fritz führte ein Erstgespräch mit ihm. Natürlich gab es die Gestalt Therapie zu jener Zeit noch nicht. Als sie miteinander sprachen, bemerkte Isadore, daß er Paul Goodman kannte. Goodman und Dwight Macdonald, beide Anarchisten, waren zwei Amerikaner, die Fritz kennenlernen wollte. Also sagte Fritz: "Legen Sie sich auf die Couch", und Isadores Therapie begann. Bald darauf stellte er Fritz dann Paul Goodman vor.

Isadore war Ende Zwanzig, und Fritz war ungefähr doppelt so alt. Isadore blieb Fritz immer verpflichtet für seine persönliche therapeutische Arbeit und seine Unterstützung. Als Fritz nach Cleveland reiste, um auszubilden, begleitete Isadore ihn. Als Fritz in Kalifornien keine Einzeltherapie mehr geben wollte, überwies er seine Klienten an Isadore. Indem er Fritz so aus nächster Nähe erlebte, kannte Isadore viele seiner Schwächen. Isadore mißbilligte Fritz' Art, eine Show abzuziehen, seine Großspurigkeit, seine Manipulationen, seinen Umgang mit Laura, seine Proto-Hippie-Abenteuer in Kalifornien, seine Ablehnung der Gestalt Theorie Goodmans. Als Fritz gestorben war und Isadore bei seiner Trauerfeier eine Rede hielt, sprach er von ihm als "Friedrich", weil er es als emotionale Verrenkung empfand, das vertraute "Fritz" zu gebrauchen, aus Furcht zu weinen.

Isadores Beziehung zu Laura war heiterer und gelassener. Er war bei Laura in Therapie gewesen, er war ihr dankbar für die gemeinsame Arbeit, und er mochte sie persönlich gern. Während vieler Jahre aßen sie einmal in der Woche gemeinsam. Doch im Laufe der Zeit entfernte sich Isadore irgendwie von ihr. Ihre gemeinsamen Essen hörten auf, und sogar der Kontakt wurde selten. In ihren späteren Jahren klagte Laura freundlich: "Ich höre nie mehr etwas von Isadore, es sei denn, ich bin krank. Dann ist er immer da." Als Laura einmal knapp bei Kasse war und ich ein paar ihrer Freunde bat, ihr etwas zu leihen, war Isadore sofort dabei, aber ihre enge Freundschaft war dennoch vorüber. Er war stets interessiert zu hören, wie es ihr ging, aber Laura war zu stolz, um sich von sich aus zu melden, und er rief sie nicht häufig an.

Ich hatte das Glück, beide, Isadore und Laura, sowohl als Therapeuten in der Einzeltherapie wie auch in der Ausbildung gehabt zu haben. So möchte ich sie kurz miteinander vergleichen. Ich war dreiundzwanzig, als ich zum ersten Mal Klient bei Laura wurde, vielleicht ihr zweiter Klient in New York; mit Isadore arbeitete ich hingegen erst etwa zwanzig Jahre später. Sicherlich ist die Zuverlässigkeit meiner Erinnerung an jene weit zurückliegende Zeit ein eigenes Ding. Doch ich war sehr zufrieden mit meiner Arbeit bei allen beiden.

Ich sage oft und gerne, daß ich die beiden besten Therapeuten hatte. Beide waren intelligent, einfühlsam, unterstützend. Worin unterschieden sie sich? Isadore war meiner Meinung nach intelligenter. Ich meine damit, daß sein Geist breiter angelegt war, eher analytisch (nicht psychoanalytisch), oder daß er ein besseres Verständnis für meine Probleme hatte und wie man damit umgehen konnte. Für mein Empfinden verstand er meine Anliegen deutlicher; Laura hingegen mochte mich lieber. Ich glaube, daß Laura liebevoller, wärmer, unterstützender und geduldiger war. Damit möchte ich aber nicht sagen, daß Isadore dies nicht gewesen wäre. Ich habe nie gezögert, Klienten an beide zu überweisen.

Nachdem Fritz gestorben war, wurde Isadore der hervorragende Trainer und Exponent der Gestalt Theorie. Er wurde ein Alleinherrscher mit Besitzungen in Cleveland, Berlin, Big Sur und San Diego. Isadore war stets freundlich und bescheiden gewesen, aber mit der Zeit nahm er mehr und mehr die Statur an, die ihm eigentlich zukam. Dennoch war Isadore kein Erbauer neuer Reiche. Er schätzte es, gesucht zu sein, aber er pflegte nicht extra eine Gefolgschaft von Jüngern zu haben. Zwar weihten sich ihm einige bereitwillig, aber nach einer gewissen Zeit ließ er sie fallen.

Im Laufe der Zeit wuchs Isadore in seine Stellung hinein. Zunächst eröffnete er eine Praxis in Manhattan, später kaufte er ein Brownstone (Anm. d. Übers.: ein typisches New Yorker Reihenhaus aus braunem Backstein), in dem er lebte und arbeitete. Er freute sich sehr darüber, ein Zuhause zu haben, und er erwarb sogar ein kleines Anwesen in der Dordogne, wo er den Sommer verbringen konnte. Diese Behausung in Frankreich, die er selbst renovierte, war spartanisch und ist es immer geblieben. Doch selbst als Mann von Besitz und Wohlstand blieb Isadore bescheiden. Seine Praxis war immer berühmt für ihre dürftige und billige Einrichtung. Isadore war nicht eigentlich interessiert an persönlichem Komfort. Sein Interesse galt der Kunst, den Büchern, dem Theater. Er liebte auch gutes Essen und Trinken. Sicher trank er zu viele Martinis. Ganz gewiß rauchte er zu viele billige Zigarren.

Obwohl er es leugnen würde, war doch seine Arbeit sehr wichtig für Isadore. Vielleicht mußte er ihre Bedeutung aufgrund mancher Ängste herunterspielen. Trotz seiner Weisheit blieb er letztlich furchtsam, geängstigt durch die große, weite Welt da draußen. Er fühlte sich im Grunde gefährdet und auf der Hut. Ich glaube, daß die Liebe, die seine Trainees für ihn empfanden, zu einem Teil aus dieser Wahrnehmung herrührte, wie zerbrechlich, wie voller Ängste er war. Er wurde nie ganz arglos vertraut mit dem Briefträger, dem Zimmermann, dem Klempner, dem Finanzbeamten.

Trotz alledem, Isadore war nicht einfach nur freundlich und bescheiden. Er konnte Klatsch und Aggressivität nicht leiden - und er war zu beidem selbst imstande. Meinem Gefühl nach mußte ich ihn zum Klatschen einladen. Ich machte dann etwa Bemerkungen oder vertrat eine entsprechende Position, und er konnte dann reagieren. Er hatte ausgeprägte eigene Anschauungen über Leute und Ereignisse in der Gestalt-Welt, aber er behielt sie meistens für sich, bis ich sie aus ihm herausschwatzte. Vielleicht war er bei anderen entgegenkommender. Mitunter konnte er sogar verletzend und abweisend gegen andere sein; ich empfand dies als ein stärkendes Gegengift zu seiner sonst so zurückhaltenden Art. Dabei muß gesagt werden, daß Isadores ausdrückliche Meinung, wenn er als Therapeut arbeitete, lautete: "Wir sind nicht hier, um zu urteilen." Viele seiner negativen Gedanken stellte er daher als schädlich für die Bedürfnisse der Trainees zurück.

Aus den Ausbildungssituationen erinnere ich mich hauptsächlich an Isadores intensive Aufnahmefähigkeit angesichts des Materials, das ihm dargeboten wurde, an sein leidenschaftliches Interesse für die therapeutische Bedeutung, sein leidenschaftliches Interesse an dem, was ein Trainee erlebte, und seinen leidenschaftlichen Versuch, den Trainees zu verdeutlichen, worin die wichtigen Zusammenhänge bestanden. Meiner Erinnerung nach hielt Isadore keine Vorlesungen über Theorie. Er wollte vielmehr, daß alles auf der Grundlage dessen, was in der Sitzung und für die beteiligten Leute geschah, deutlich wurde.

Die größte Schwierigkeit, die ich mit Isadore hatte, ergab sich, als ich vorschlug, daß das New Yorker Gestalt Institut eine ehrenamtliche Klinik für Patienten, die nicht regulär zahlen konnten, organisieren sollte. Nach meinem Plan sollten Trainees und ältere Therapeuten in der Klinik arbeiten, und sie sollte zudem für die weitere Ausbildung junger Therapeuten genutzt werden. Aus irgendeinem Grund war Isadore gegen dies alles. Ich fragte ihn, warum, aber er gab mir nie eine Antwort. Ich fragte ihn, wie er die Klinik denn gerne organisiert hätte, aber er gab mir weiterhin keine Antwort. Angesichts seiner Gegnerschaft ließ ich die Idee fallen, aber unsere Beziehung hatte für eine ganze Zeit einen Sprung bekommen.

Anders als Fritz und Laura, die arbeiteten, solange sie konnten, ging Isadore mit fünfundsechzig in den Ruhestand. Obgleich er weiterhin gelegentlich einen Klienten hatte oder hier und da einen Workshop leitete, war er nicht wirklich aktiv. Ich glaube, er vermißte seine Arbeit, seine Berühmtheit, und es fehlte ihm, eine aktive Figur im Gestalt-Leben zu sein. (Er versäumte es nicht, den Treffen der Mitgliedergesellschaft des New Yorker Gestalt Institutes beizuwohnen.) Doch er beschäftigte sich mit Lesen, Reisen, Theater und Freunden. Allmählich machten sich Beschwernisse des Alters bemerkbar. Er bekam grauen Star und mußte eine starke Brille tragen, er hatte Ärger mit den Zähnen, und ich fand es mitunter schwierig, ihn zu verstehen. Er hörte schlecht. Und dann bekam er Blasenkrebs. Er war stoisch. Er nahm es hin, einen Beutel zu tragen, um darin seinen Urin zu sammeln; und er lernte, damit umzugehen. Isadore war überzeugt, daß der Körper dafür da ist, aufgebraucht zu werden. Er sah keinen Sinn darin, einen vollkommenen Körper mit ins Grab zu nehmen. Über seine Raucherei sagte er lächelnd: "Ich bin süchtig." Aber als er Krebs bekam, hörte er doch für einige Monate auf zu rauchen. Während seiner letzten Zeit bewahrte er Mut und Würde und überstand die Verheerungen extensiver Chemotherapie.

Nach seinem Eintritt in den Ruhestand ging ich ein- oder zweimal im Monat mit Isadore essen. Ich erinnere, daß ich ihm von einigen Klienten erzählte, mit denen ich gerade arbeitete, fast so, wie ich es vor vielen, vielen Jahren getan hatte, als er mein Supervisor gewesen war. Ich erinnere genau, wie er an einer Stelle sagte: "Wie wenig wir wissen! Wie viel wir zu lernen haben." Ich war beeindruckt von seiner Ehrlichkeit, seiner Weisheit, aber ich dachte auch: `Und wie vieles weißt du.'

 

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Autor und Beitrag:

Foto: Daniel RosenblattDaniel Rosenblatt

Dr. Daniel Rosenblatt

wurde 1925 in Detroit/Michigan geboren. Er studierte in Harvard und Cambridge und erlernte Gestalttherapie bei Laura Perls. Nach einer langjährigen akademisch-wissenschaftlichen Tätigkeit arbeitet er seit über 30 Jahren in seiner privaten psychotherapeutischen Praxis in New York. Er ist "Fellow" und ehemaliger Vizepräsident des New Yorker Instituts für Gestalttherapie und leitet Ausbildungsgruppen in Gestalttherapie in den USA, Europa, Australien und Japan.

Seine Bücher "Gestalttherapie für Einsteiger. Eine Anleitung zur Selbstentdeckung" und "Zwischen Männern. Gestalttherapie und Homosexualität" eröffentlichten wir zusammen mit dem Peter Hammer Verlag.

Bei uns erschien außerdem sein Vortrag "Bin ich meines Bruders Hüter? Anmerkungen zur Gestalttherapie mit AIDS-Patienten" als Audio-Cassette. Und hier finden Sie auch das Transkript dieses Vortrags.

Der vorliegende Text ist zuerst erschienen als Leserbrief in: British Gestalt Journal,Vol. 4 No. 1, Juni 1995, S. 47ff. Wir danken dem British Gestalt Journal und Malcolm Parlett, seinem Herausgeber, für die freundliche Genehmigung der deutschen Erstübersetzung.

Aus dem Amerikanischen von Ludger Firneburg.

 

 

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