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Erving Polster
Die Landschaft des Lebens - jenseits der Pathologie
Ein Vortrag

Aus dem Amerikanischen von Thomas Bliesener

Aus der Gestaltkritik 2/2013:

Gestaltkritik - Die Zeitschrift mit Programm aus dem Gestalt-Institut Köln
Gestaltkritik (Internet): ISSN 1615-1712

Themenschwerpunkte:

Gestaltkritik verbindet die Ankündigung unseres aktuellen Veranstaltungs- und Weiterbildungsprogramms mit dem Abdruck von Originalbeiträgen: Texte aus unseren "Werkstätten" und denen unserer Freunde.

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Praxisadressen von Gestalttherapeuten/-innen

  Hier folgt der Abdruck eines Beitrages aus Gestaltkritik 2/2013:

Erving Polster
Die Landschaft des Lebens - jenseits der Pathologie
Ein Vortrag

Aus dem Amerikanischen von Thomas Bliesener

Erving Polster (2009)
Erving Polster (2009)

Erfrischend, inspirierend, herausfordernd und überaus humorvoll - so sind sie immer, meine Begegnungen mit meinem inzwischen 92jährigen Gestalt-Lehrer Erving Polster.
Als ich ihn Ende Dezember 2013 wieder einmal in La Jolla/Kalifornien traf, war er gerade von der 7. Konferenz der Milton H. Erickson Foundation "The Evolution of Psychotherapy" in Anaheim/Kalifornien (11. - 15. Dezember 2013) zurückgekehrt. (01)
Wieder einmal hat er dort einen viel beachteten Vortrag gehalten, in dem er seine zukunftsweisenden Überlegungen aus seinem Buch "Zugehörigkeit: Eine Vision für die Psychotherapie" fortführt. Und wieder einmal freue ich mich sehr, Ihnen diesen aktuellen Vortrag hier als deutsche Erstveröffentlichung präsentieren zu dürfen.
Viel Freude bei der Lektüre!

Erhard Doubrawa, Herausgeber

 

Das Leben im Fokus der Aufmerksamkeit

Heute möchte ich Gründe für eine Ausdehnung von Psychotherapie über ihre bekannten Anwendungen hinaus darlegen. Psychotherapie könnte die Schwelle von Praxen, in denen Probleme gelöst werden, überschreiten und in die Schaffung lebenslanger Life Focus Communities (02) übergehen. Ich werde drei wesentliche Voraussetzungen beschreiben, aus denen das Bedürfnis der Gesellschaft nach solchen Gruppen hervorgeht.

Mein erster Gedanke ist, dass jeder Mensch nicht nur aufholen muss, Vergangenes verarbeiten muss, sondern außerdem jeden Tag aufs Neue mehr erlebt, als er bewältigen kann. Mein zweiter Gedanke ist, dass sich der ursprüngliche Zweck von Psychotherapie, gestörte Lebensweisen von Menschen zu verändern, verschieben wird, wenn es mehr darum geht, sich vom eigenen Leben ein Bild und eine Bilanz zu erarbeiten. Drittens glaube ich, die Menschen hatten schon immer den Drang, sich mit ihrem Leben zu beschäftigen, haben dies auch immer getan und sind davon außerordentlich fasziniert.

Nun zum ersten Gedanken, Vergangenes aufzuarbeiten. Es gibt Vieles, mit dem wir Anschluss halten müssen, denn das Leben ist ein Strom von Ereignissen, die unabänderlich aufeinanderfolgen. Denken wir an einen 24-Stunden-Tag mit seinen 86.400 Sekunden. In jedem dieser Augenblicke geht der Ereignisreichtum des einen Moments auf den des nachfolgenden über. An einem durchschnittlichen Wochentag wachen wir morgens auf, nehmen Bissen für Bissen das Frühstück zu uns, reden mit anderen aus der Familie, machen uns Vorstellungen vom vor uns liegenden Tag, laufen Freunden und Kollegen über den Weg, denken über anstehende Entscheidungen nach, denken vielleicht sogar ein bisschen philosophisch über die Ziele des Lebens nach. Wir lesen Bücher und Zeitungen, wir fahren durch verschiedene Straßen, wir bekommen Telefonanrufe und wir beginnen selber welche, wir besuchen gesellschaftliche Ereignisse. Alles was passiert, trägt zur Komplexität dessen bei, worin wir uns einschalten und einschwingen müssen.

Natürlich würde dies alles auch dann weitergehen, wenn wir uns nicht darauf innerlich einstellen würden. Doch dann würden sich aus einem Übermaß an Reizangeboten Berge an Unverarbeitetem auftürmen, die im Hintergrund unser Dasein stumm umstellen. Die meisten von uns können damit ganz gut leben und lassen nur gerade so viel an sich heran, wie sie vermögen. Doch dann geistert manches von dem, was übergangen wurde, ruhelos umher und wartet auf einen Moment, wo es wiederbelebt wird. Allerdings gibt es für solch eine Wiederbelebung keine Garantie. Viele Leute, vielleicht sogar die meisten, brauchen einen speziellen Ort, eine besondere Zeit und einen eigenen gedanklichen Rahmen, um sich noch einmal zu vergegenwärtigen, was im Strom ihres Lebens geschah. Sie brauchen eine eigens dafür zugeschnittene Gelegenheit, beinahe so etwas wie einen Sabbat, damit sie den Strom vergangener Ereignisse noch einmal anzapfen können.

In ihrem jüngsten Roman gibt Barbara Kingsolver (03) einen Einblick darin, wie die Angehörigen einer ländlichen Pfarrgemeinde ein unauffälliges Leben führen. Doch als der Pfarrer, Bobby, mit seinen Gemeindemitgliedern spricht, ermutigt er sie dazu, sich auch mit dem zu beschäftigen, was zurückliegt. Er sagt: “Ich möchte Euch die Frage stellen: Was ist Euch lieb und wert? Was hat der Herrgott Eurer Familie und Eurem Heim zuteilwerden lassen, das Eurem Leben Glück brachte?” Eine Person sagt: “Mein Enkelchen, Haylee. Mein Ein und Alles.” Der Pfarrer rückt dieses Gefühl in den Mittelpunkt und sagt zu seinen Leuten: ”Ich bitte Euch alle, sich innerlich mit unserer Schwester Rachel zu verbinden.” Der Saal nimmt tatsächlich lebhaften Anteil an Rachel und ihrer Geschichte. Nachdem sie erzählt hat, was ihr auf dem Herzen lag, spricht ein anderer über seine Tochter Jill, die eine Krebserkrankung überwunden hat, und an der er das neue strohblonde Haar so sehr liebt. Bei seiner Geschichte und seinen Tränen der Dankbarkeit wird es den Menschen im Raum noch wärmer ums Herz. Dann folgt eine Überraschung auf die andere. Alle Leute legen beglückende Begebenheiten auf den Tisch: eine neue Glasterrasse mit freiem Blick auf den Sonnenuntergang; die Hochzeit eines behinderten Cousins, die Geburt eines schlohweißen Kalbs. Solche Erfahrungen gehören zu ihrer gemeinsamen Wirklichkeit und zu ihrem alltäglichen Leben. Leider gehen sie leicht verloren, weil die Menschen von alleine das Leben bloß so hinnehmen, wie es kommt, und sich von ihren Impulsen des Augenblicks weitertreiben lassen. An den Schätzen des Daseins, die sie nur im Halbdunkel ahnen, streifen sie so aber haarscharf vorbei.

Fachleute der Psychotherapie können an Bobbys Erkundungen der Lebenserfahrungen seiner Gemeindemitglieder anknüpfen und zu diesem Zweck Gruppen einer Life Focus Community einrichten. Diese Gruppen sind von einem psychotherapeutischen Ethos geprägt und decken ein breites Spektrum an Lebensthemen ab, damit die Menschen leichter Abstand gewinnen vom Fließband der Anforderungen dieser Welt und stattdessen die Landschaft ihres Lebens in Augenschein nehmen und sich aneignen können.

Sie rücken Themen des täglichen Lebens ins Rampenlicht, darunter zum Beispiel auch das Drama der inneren Verhältnisse in einer Familie, die Höhepunkte und Tiefpunkte im allgegenwärtigen Wettbewerb, die belebende Wirkung heimlicher Pläne, oder eines der vielen Ereignisse, die das Leben mit Lichtblicken anreichern. Eine Gruppe zum Beispiel erkundete das Thema “Heimat”. Die Mitglieder teilten sich in Kleingruppen auf, hörten ein sehr zu Herzen gehendes Lied über “Zuhause”, und erzählten sich dann gegenseitig ihre persönlichen Erfahrungen mit ihrem Zuhause. Dabei sagte ein Teilnehmer dies:

“Ich hoffe, dass ich darüber erzählen kann, ohne in Tränen auszubrechen, aber ich bin mir nicht so sicher. Für mich hatte das eine sehr große Bedeutung. Ich kam vor 14 Jahren über das Meer hierher, sah voller Erwartungen meinem Aufenthalt entgegen, den ich auf 1 Jahr geplant hatte, und nach dem ich wieder nach Hause wollte. Aber es kam ganz anders. Ich begegnete einen Mann, der mich dazu überredete, hierzubleiben. Allerdings nahm ich ihm vorher das Versprechen für zwei Dinge ab: Dass immer genug Geld auf dem Konto wäre, damit ich jederzeit nach Hause fahren könnte, und dass das Geld dafür reichte, in meiner Heimat begraben zu werden. Es war mir eine schreckliche Vorstellung, ich könnte in diesem Land unter die Erde kommen. Das sagt jetzt nichts über Amerika und mein hiesiges Leben. Es ist einfach nur meine Sehnsucht, wieder nach Hause zu kommen.

Und dann kam eine Zeit in meinem Leben, wo es mir nicht mehr so sehr darauf ankam, in meiner Heimat begraben zu werden. Das fand ich total merkwürdig. Aber inzwischen bin ich 68 Jahre alt, und jetzt habe ich den festen Wunsch nach einem Grab in meiner Heimat. Ich weiß nicht, ob es nur Sehnsucht ist, die mich übermannt. Vielleicht ist es einfach nur das: dort begegnen sich auf dem Friedhof Menschen, erinnern sich gemeinsam an mich und geben meinen Blumen Wasser. Ja, sie unterhalten sich über mich, aber vor allem ist es wieder die große große Sehnsucht, nach Hause zu kommen.”

Bei immer mehr Menschen blüht heute der Wunsch auf, sich auf die eine oder andere Weise damit zu befassen, wie sie ihr Leben gestalten. Wir sehen das an den Veranstaltungen zur Achtsamkeit, wie sie landauf landab angeboten werden, an spirituellen Praktiken, an den vielen Selbsthilfegruppen aller Schattierungen, an der Ratgeberliteratur und an den leicht konsumierbaren Rührgeschichten in Büchern, Zeitungen und Magazinen. Wir erleben die Suche nach sich selbst in Männer- und in Frauengruppen, deren Hauptzweck darin besteht, dass die Teilnehmer miteinander über ihr Leben reden. Das Bedürfnis nach einer Thematisierung des Lebens wird auch von Buchclubs aufgegriffen, wo die Teilnehmer von Leserdiskussionen über ihr eigenes Leben hinausblicken und sich dafür öffnen, wie die Romanfiguren ihr Leben gestalten und wie sich darin allgemeine Lebenserfahrungen widerspiegeln.

Wir sehen es auch in der Geschäftswelt, wo hausinterne Seminare florieren, bei denen die Mitarbeiter lernen, wie sich ihre Gefühle und Einstellungen auf ihre Arbeit auswirken. Wir erleben es auch in religiösen Gemeinschaften, wie auf einem neuen Niveau eine Lebenserkundung zwischen den Mitgliedern untereinander entsteht. Es wurden dafür vielerlei Formen vom Retreat bis zur Langzeitgruppe geschaffen, wodurch die Menschen ihre eher herkömmlichen Formen der Frömmigkeit erweiterten. In solchen Gruppen werden die Teilnehmer dabei angeleitet, anderen über sich zu erzählen und einander ihre Sorgen anzuvertrauen, so wie es in den Geschichten aus ihrem Leben zum Ausdruck kommt. Während Gott dabei gewöhnlich eher im Hintergrund bleibt, sind sie mehr denn je zuvor mit ihrem Mitmenschen engagiert. Sie untersuchen, was er fühlt, was er denkt, was er hofft und was er will. Sie gewähren sehr viel Verständnis und Akzeptanz für die Gefühle des anderen, und sie bieten ihm Unterstützung zum Ausdruck seiner selbst.

Wir können auch das ungezügelte Wachstum der technischen Vernetzung mitansehen. Facebook allein hat über 600 Millionen registrierte Mitglieder, und der Jahresgewinn des Unternehmens betrug mehr als 4 Milliarden Dollar. Solche Zahlen sind gigantisch. Dabei wird ein breites Spektrum von Funktionen abgedeckt: Planen, Berichten, Befragen, Feiern, Beschwerden. So entstanden neue Gelegenheiten, bei denen die Menschen über Dinge reden können, was sie bei anderen Gelegenheiten vielleicht von Angesicht zu Angesicht tun könnten, aber tatsächlich unterlassen. Dabei geht es oft sehr persönlich zu. Es wird offenbart, welche Werte die Menschen haben, welche Lebensziele, welche empfindlichen Stellen und welche großen Lieben. Sie erzählen einander, was in ihrer Welt vor sich geht, und wie es sich anfühlt, darüber zu reden. Ganz deutlich erleben wir also einen beeindruckenden Zuwachs an zwischenmenschlicher Kommunikation, einen gesellschaftlichen Ausbruch von neuer Erreichbarkeit in der Gemeinschaft. Bei diesen tastenden ersten Schritten in ein sprunghaft wachsendes Potential von Verbindungen ist es noch zu früh zu sagen, welcher Nutzen und welche Gefahren damit verbunden sind. Was aber jetzt schon ohne jeden Zweifel sichtbar wird, ist das unabweisbare Bedürfnis der Menschen, sich zusammenzutun und sich mit ihrer Lebensgestaltung zu befassen.

Ich komme jetzt zum zweiten Punkt, nämlich dass ein angeborenes Bedürfnis danach besteht, sich seine Lebenserfahrung anzusehen, und dass die Psychotherapie dieses Bedürfnis als Instrument benutzte, um persönlichen Wandel zu bewirken. Weil nun in der Psychotherapie der medizinische Zweck vorherrschte, wurde die grundlegende therapeutische Funktion der Betrachtung der eigenen Lebensgestaltung von der speziellen Funktion, in Not geratene Lebensläufe zu verändern, überlagert. Psychologische “Heilbehandlungen” bekamen durch ihre Dringlichkeit eine medizinische Rechtfertigung zur Erforschung der individuellen Seele, die mit einer noch niemals dagewesenen Eindringlichkeit durchgeführt wurden. Sie hatten sehr hochgesteckte Ziele, wenn man sich andere Beispiele gezielter Beschäftigung mit menschlicher Erfahrung ansieht. Dazu gehören etwa der sokratische Dialog, frühchristliche Gemeinden Gläubiger, antike Mysterienkulte auf der Grundlage bewusstseinsverändernder Drogen, religiöse Gebete, schamanische Heilprozeduren, Andachten christlicher Mönche, Übungen des Zen und viele andere Formen, unser Leben tiefergehend zu erkunden. Keine von diesen erreicht die detailgenaue Aufmerksamkeit, die der Psychotherapeut dem Drehbuch des Lebens gewöhnlicher Menschen entgegenbringt. Nur er blättert sich Seite für Seite durch die intimsten Einzelheiten seiner Gedanken, Gefühle, Handlungen und Erinnerungen.

Im Verlauf der Reise, die mit den Gesprächen in einer Therapie angetreten wird, haben die Menschen mit pedantischer Aufmerksamkeit lange vergessene Erfahrungen freigelegt. Manche davon hatten traumatische Inhalte, andere waren nur die üblichen Zutaten des alltäglichen Lebens. Geschichten vom Mobbing durch einen älteren Bruder, freche Bemerkungen zu einer Tante auf Besuch, die Lebensrettung von dem Ertrinken, die Peinlichkeit beim Versagen der Stuhlkontrolle in einem entscheidenden Moment: solche Geschichten stellen Beispiele dafür dar, wie menschliche Erfahrungen den Lebenslauf prägen. Während nun Psychotherapien den Zweck verfolgen, die Ursachen seelischer Störungen in den Geschichten aufzudecken, wird oft vergessen, dass aus den Geschichten noch viel mehr entsteht. Sie machen das Besondere eines Lebenslaufs aus. Durch die vorherrschende medizinische Brille wurde der Blick dafür verstellt, dass in unserer Kultur der Therapeut zu einem Akteur par excellence für neue Betrachtungen des Lebens wurde. Der Grund dafür liegt im unstillbaren menschlichen Bedürfnis, seinem eigenen Leben Aufmerksamkeit zu widmen, als unverzichtbare Ergänzung zu dem Fakt, dass man einfach so dahinlebt.

Ich kann mich noch daran erinnern, welchen Bann es in meiner ersten Therapieerfahrung 1947 auf mich ausübte, dass mir mein Psychoanalytiker mit großer Aufmerksamkeit zuhörte, nicht bloß gelegentlich wie in dieser oder jener Unterhaltung, sondern eine Sitzung nach der anderen. Ich erzählte ihm von vielen Erlebnissen. Manche waren ganz frisch, andere schon lange ad acta gelegt, dritte bezogen sich auf meine Zukunft, von der ich nur die vage Idee hatte, dass sie irgendetwas Neues bringen würde. Aber all diese Geschichten verebbten einmal.

Woran ich mich auch noch gut erinnere ist die noch nie zuvor erlebte Freiheit, mein Leben auszubreiten. Ich war davon wie verzaubert. Dieser Mann hörte einfach allem zu. Was auch immer ich sagte, er hörte zu. Wie oft ich auch wiederkam, er hörte zu. Nie zuvor hatte mir ein Mensch so ausdauernd und ergeben zugehört. Des Weiteren konnte ich an seinen Bemerkungen im passenden Augenblick erkennen, dass dieser Mann wirklich wusste, worüber ich sprach, so als wäre er in meiner Seele zu Hause.

Meine Gesprächsthemen ernteten bei ihm ein solches Maß an Aufmerksamkeit, dass sie auch für mich selbst ein ungewöhnliches Maß an Bedeutsamkeit annahmen. Zum einen wirkte seine Aufmerksamkeit wie ein Sog, der mich zu einer höheren Wertschätzung dessen bewegte, was ich erzählte. Zum anderen brachte er mich in ein Fahrwasser, viele Dinge zu sagen, die ich andernfalls niemals für wichtig genug oder überhaupt für aussprechbar gehalten hätte.

Am eindrücklichsten bleibt mir aber etwas in Erinnerung, was ich auch in den nachfolgenden 60 Jahren eigener therapeutischer Tätigkeit immer wieder erlebte: die außerordentliche Vertiefung, die diese so geheimnisvoll private Veranstaltung kennzeichnet. Obwohl wir einfach nur zwei Menschen waren, die sich über Ereignisse in meinem Leben unterhielten, und später über Ereignisse im Leben meiner Eltern, war diese besondere soziale Situation mit ihrer konzentrierten Aufmerksamkeit wie eine Einladung in eine neue Welt, die der „Erfahrung“.

In diesen weit zurückliegenden Anfängen tat ich einen ersten unschuldigen Blick auf das, was sich mir heute viel deutlicher abzeichnet. Es war der Ursprung meiner Faszination von dieser Art hochkonzentrierter Lebendigkeit. Dass das auch mein medizinisch orientierter Therapeut so eingeschätzt hätte, bezweifle ich allerdings. Wir nahmen etwas in den Blick, was nach dem Zauber dieses Engagements erscheint, und diese Erfahrung hüllten wir in das Gewand einer professionellen Heiltätigkeit. Mein Abenteuer einer intensiven Beschäftigung mit meinem Leben wurde durch die Bemühungen um Verbesserungen meiner Person in den Schatten gedrängt. Ich hatte nicht das Selbstverständnis, dass ich einem biologisch bedingten menschlichen Bedürfnis folgte, die Landschaft meines Lebens zu erkunden. Stattdessen hielt ich diesen Prozess für ein, wenn auch menschlich anregendes, Instrument der Medizin. Ich sah ihn als ein Hilfsmittel an, das dem Zweck dient, meine innerpsychisch verursachten Symptome zu verändern.

Sicherlich hatte und hat auch der medizinische Zweck seine Berechtigung. Doch er stellte die Erregung beim Erkunden des Lebens, wenn es in den Mittelpunkt gestellt wird, weit in den Schatten. Dabei hat sie, wie die Erfüllung auch anderer biologischer Antriebe, durchaus ihren eigenen Reiz. Das Leben in den Fokus der Aufmerksamkeit zu stellen ist so entscheidend für das menschliche Dasein, dass die Menschen dieser Funktion schon aus innerem Antrieb nachgehen und dass es dabei für sie keine Rolle spielt, ob dadurch noch andere wichtige Zwecke erreicht werden oder nicht. Das Leben in den Fokus der Aufmerksamkeit zu stellen ist so natürlich wie Essen, Sex, Bewegung oder irgendein anderer biologischer Trieb, der uns in Gang hält.

Wir essen aufgrund unseres Appetits, nicht für das Ziel, bei Kräften zu bleiben; dabei wird jedoch tatsächlich erreicht, dass wir fit bleiben. Wir haben Sex, weil es uns dazu drängt, nicht für das Ziel der Gattungserhaltung; dabei wird jedoch tatsächlich erreicht, dass sich die Gattung reproduziert. Wir bewegen uns mit unserem Körper im Raum, weil dies unserer Natur entspricht, nicht erst um des Zieles willen, an einen bestimmten Ort zu gelangen; dabei gelangen wir jedoch tatsächlich an einen anderen Ort. In gleicher Weise erkunden wir unseren eigenen Lebenslauf, weil dies zu unserer Natur gehört; durch unsere Geschichten wird jedoch tatsächlich erreicht, dass sich unser Leben erhellt und dass wir neuen Schwung zu Verbindungen mit anderen Menschen bekommen.

Darum plädiere ich für einen Paradigmenwechsel, der uns fortführt von bloßer Sanierung seelischer Störungen hin zu einer breiteren und stärker öffentlichen Aufgabenstellung. Dabei können die ursprünglich medizinischen Zwecke und Erkenntnisse auch weiterhin bei der Behebung seelischer Störungen nützen. Doch in der Gegenwart zeigt sich unübersehbar ein gesellschaftliches Interesse an mehr als bloß der Dringlichkeit persönlicher Veränderung, sondern auch an dem breiteren Bedürfnis, uns selber besser kennen zu lernen. Viele Menschen „wie Du und ich“ suchen nach der Kraft einer Erleuchtung. Sie wollen nicht mehr nur nach den Ursachen persönlicher Probleme forschen, sondern nach dem Wesentlichen in ihrem Leben. Die Betrachtungs- und Vorgehensweisen, die ursprünglich auf die Lösung akuter Probleme abzielten, haben ihren Weg aus den Praxen herausgefunden und sich in der Gesellschaft ausgebreitet. Mehr Menschen denn je haben einen wachsenden Hunger nach Möglichkeiten entwickelt, ihr Leben zum Thema zu machen. Was dadurch entstand, würde ich als eine Revolution der Lebensbetrachtung bezeichnen.

Freud wäre von dieser Fortentwicklung der Psychotherapie über ihre medizinische Definition hinaus sicher überrascht. Nach Bruno Bettelheim soll er einmal geäußert haben, in Amerika würde die Psychoanalyse niemals Fuß fassen, weil die Amerikaner zu seinem Bedauern stets auf Verbesserungen bestünden. Was die Akzeptanz der Psychoanalyse durch die Amerikaner betrifft, so hatte er sich offensichtlich getäuscht. Merkwürdig ist aber, wie er das amerikanische Bedürfnis nach Verbesserungen herabsetzt; er trifft mit seiner Bemerkung einen wichtigen Punkt, den nicht nur die amerikanische Öffentlichkeit, sondern paradoxerweise bald auch er selber anders sahen. Letztlich war Freud immer Arzt geblieben und dem Ideal verpflichtet, Menschen zu heilen. Gewiss hatte er eine sehr weitreichende Vision und hatte auch erkannt, dass die Fokussierung auf das eigene Leben eine fruchtbare Quelle zur Aufklärung des Menschen sein könnte. Doch dann geriet er ganz in das Fahrwasser des medizinischen Ansatzes und zielte darauf ab, Menschen zu heilen.

Jetzt zum dritten Punkt meines Vortrags. Was ich als neue Ausrichtung für Psychotherapeuten vorschlage, ist etwas, das die Menschen schon lange in ihrem Alltag tun. Sie tun es sogar mit großer Begeisterung. Wie tief verwurzelt die Menschen darin sind, ihrem Leben Aufmerksamkeit zu widmen, erkennt man bei näherer Betrachtung von drei gesellschaftlich weit verbreiteten Aktivitäten: der Religion, der Kunst und den Alltagsgesprächen. Im Folgenden will ich genauer skizzieren, wie diese drei sozialen Formen dem Bedürfnis dienen, das Leben in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu rücken.

Das Leben im Fokus von Religionen

Zunächst also ein Blick auf die Religion. Die Liste der religiösen Körperschaften und Organisationen ist sehr lang. Nach Angaben des Hartford-Instituts für Religionsforschung gibt es alleine in den Vereinigten Staaten von Amerika 335.000 Organisationen mit religiösem Charakter. Die Zahl der Christen, die einmal pro Woche an einem Gottesdienst teilnehmen, liegt bei 56 Millionen. Anderen Berichten zufolge geben 20 bis 40 Prozent der Amerikaner an, am vorhergegangenen Wochenende einen Gottesdienst besucht zu haben.

Was zieht all diese Menschen dorthin? Es ist ziemlich offenkundig, dass die meisten Menschen nicht deswegen zu einer religiösen Veranstaltung gehen, damit sie dadurch verändert würden. Gewiss, wenn sie in Not sind, suchen sie auch nach Hilfe. Doch solche spezielle Unterstützung ist nur ein zusätzlicher Gewinn. Der Hauptgewinn liegt jedoch darin, dass sie dort gerne hingehen. Sie nehmen daran teil, um Bestätigung zu bekommen; um Teil einer Gemeinschaft zu sein; um ihr Gefühl, lebendig zu sein, zu vertiefen; um unterhalten zu werden; um die Geheimnisse des Weltalls erklärt zu bekommen; um inspirierende Musik zu hören; um einer Tradition zu folgen. Ja, es stimmt, religiöse Führer sprechen oft Ermahnungen aus, dass sich die Menschen ändern sollten. Ja, es ist auch wahr, dass das Verhalten unter Regeln gestellt wird, zum Beispiel die Zehn Gebote – Moral ist durchaus ein Thema. Es ist auch wahr, dass die Botschaft der Erlösung in der Religion ein Äquivalent zu Wandel und Wachstum in der Psychotherapie darstellt; Verbesserung ist durchaus eines der Themen, und nicht selten liegt ein Anreiz religiöser Gemeinschaften auch in der Aussicht auf Heilung. Alles in allem: religiöse Erfahrung hat bei vielen Menschen die Lebensführung beeinflusst, und Veränderung ist oft eine erstrebte und begrüßte Folge.

Dennoch: Wenn man die Menschen danach fragt, warum sie zur Kirche oder zur Synagoge gehen, wird wohl den wenigstens von ihnen als erstes in den Sinn kommen, dass sie dies zur Veränderung ihres Verhaltens oder zur Verbesserung ihrer Beziehung täten. In einer Gallup-Umfrage aus dem Jahr 2007 an 562 Erwachsenen, die mindestens einmal im Monat zur Kirche gehen, gaben nur 23% an, dass es ihnen dabei um spirituelles Wachstum oder geistliche Führung gehe. Die anderen kamen, um auf vertrautem Boden zu bleiben, sich inspiriert zu fühlen, ihrem Glaubensbekenntnis Ehre zu erweisen, zu Gott zu beten, um Gemeinschaft mit anderen Gemeindemitgliedern zu erleben, ihren eigenen Glauben zu stärken und um auf dem Weg weiterzugehen, auf den sie von den Eltern gebracht worden waren.

In Übereinstimmung mit diesen Befunden ergab eine Befragung der Barna Research Group über Motivationen gläubiger Christen, dass nur ein Sechstel mit allem Ernst die spirituelle Weiterentwicklung der eigenen Person anstrebt. Nun kann zwar solche Art von Umfrage nur an der Oberfläche eines komplexen Geflechts von Gründen für den Gottesdienstbesuch kratzen, doch ihre Ergebnisse stimmen völlig mit dem überein, was man in alltäglichen Unterhaltungen über dieses Thema zu hören bekommt. Klar ist allemal, dass es Kirchgängern nicht darum geht, in der vertrauten psychotherapeutischen Weise an Beziehungsproblemen zu „arbeiten“ oder Beeinträchtigungen im Fühlen oder Handeln zu überwinden. Die Menschen gehen nicht zur Kirche, um posttraumatische Störungen zu überwinden, Wutanfälle beherrschen zu lernen oder von Zwangsgedanken befreit zu werden. Sie beurteilen ihre religiöse Erfahrung im Normalfall nicht danach, welchen Wert sie auf einer Skala persönlicher Veränderungen einnimmt.

Leichter zu erkennen ist, dass die Einbindung in Rituale, Musik, Tradition und das Ethos eines nicht alltäglichen Angenommenseins dazu führen, dass das Leben intensiver erlebt wird. Darüber hinaus bieten in der jüdisch-christlichen Lehre die überlieferten Geschichten weitere Gelegenheiten, das Leben in den Mittelpunkt zu stellen. So wird das Leben Christi als die „großartigste Geschichte aller Zeiten“ angesehen. Aber nicht nur die Geschichte von Jesus ist ergreifend, sondern auch die von Moses und vielen anderen großen Gestalten, die im Laufe der Religionsgeschichte in Erscheinung traten. Welcher junge Mensch, der in der Bibel liest, wird nicht vom Drama des Auszugs aus Ägypten in Bann geschlagen, von der Ermordung Abels durch Kain, von der Berufung Moses‘ zur Führerschaft, den Wunderheilungen Christi, dem Drama des letzten Abendmahls, dem Aufstieg Josephs und der Vergebung für seine Brüder? Diese Begebenheiten faszinieren allein schon als literarische Zeugnisse, indem sie Betrug, Sieg oder Niederlage und viele sonstige Dramen des Lebens vor Augen führen.

Eine Life Focus Community bringt noch keine bekannten Helden und überlieferten Geschichten mit sich. Sie ist aber dafür offen und kann sich welche suchen, vermutlich aus Literatur und Weltgeschichte. Dagegen stellen die dramatischen Lebensgeschichten einzelner Menschen eine reichliche Auswahl an persönlichen Helden bereit. Wenn ihre Lebensgeschichten in der Gruppe erzählt werden, bekommen sie die Dimension von Heldengeschichten, und einzelnen Menschen im Leben wächst eine Bedeutsamkeit zu, die sie in den Rang von Helden erhebt. Ein Onkel, ein Lehrer, ein Nachbar, ein Sportler – all diesen kann im Rahmen einer Gruppe eine viel bleibendere Würdigung widerfahren als im trüben Umfeld einer privaten Erinnerung.

 

Das Leben im Fokus der Künste

Nun einen Blick darauf, wie Kunst das Leben in den Mittelpunkt stellt. Es lässt sich nicht leicht feststellen, wie viele Bücher jedes Jahr veröffentlicht werden und wie viele von ihnen davon handeln, wie wir unser Leben gestalten, aber ein Bericht der New York Times, der sich auf Daten einer Studiengruppe der Buchindustrie stützt, kann einen Eindruck von den Größenordnungen geben: 2005 wurden in den Vereinigten Staaten von Amerika 3,1 Milliarden Bücher verkauft. So mächtig diese Zahl erscheint, gibt sie dennoch nur einen gewissen Hinweis auf das Publikum, das sich mittels Kunst mit der Lebensführung beschäftigt. Zum einen bezieht sich die Zahl nur auf die USA. Zum andern sind in dieser riesigen Zahl von Lesern noch gar nicht diejenigen Menschen berücksichtigt, die sich anderen Möglichkeiten der Kunst zuwenden, wie sie von Film, Museum, Lesungen, Musik, Malerei und zugehörigen Kursveranstaltungen bereitgestellt werden. Viele davon beschäftigen sich hauptsächlich damit, wie Menschen ihr Leben leben, welche Abenteuer sie erleben, welche Beziehungen, Freuden und Enttäuschungen, welche intimsten Gedanken sie haben. Es sind alles Botschafter menschlicher Erfahrung.

Der Inhalt all dieser künstlerischen Hervorbringungen spiegelt zwar nicht das Leben ihrer Rezipienten, sondern das Leben anderer Menschen. Doch diese anderen sind repräsentativ und vermehren die Möglichkeiten, die der Rezipient für sein eigenes Leben sehen kann. Der Leser eines Romans fühlt sich intuitiv mit einem großen Teil der fiktiven Welt des Romans vertraut. Sei der Spielort so fremdartig wie ein Gulag, die Hauptfigur so andersartig wie ein Bergsteiger oder die Handlung so ungewöhnlich wie der Diebstahl eines Gemäldes aus einem Museum – der Stoff fügt sich doch nahtlos in die Phantasie des Lesers.

Die Erfahrung mit Kunst ist allerdings so selbstverständlich, dass ihre Bedeutung für das persönliche Leben kaum noch bemerkt wird. Viele Leute sind so erfüllt von dem Vergnügen an einer Geschichte, die sie lesen, der Musik, die sie hören und den Bildern, die sie betrachten, dass ihnen oft entgeht, dass diese Erfahrungen etwas mit ihrem eigenen gegenwärtigen Leben zu tun haben. Trotzdem ist es oft so, dass die dargestellten Personen und Umstände eine Situation repräsentieren, die der ihrigen sehr nahe kommt oder die spezielle Aspekte ihrer Lebenswelt widerspiegeln. So konnte zum Beispiel Salingers Fänger im Roggen eine ganze Generation dazu anstiften, sich um ein Leben in Echtheit und Ehrlichkeit zu bemühen; Solschenizyn beschrieb das Grauen eines Lebens im Arbeitslager und sinnbildlich eines Lebens in Unfreiheit; Moby Dick war auch ein Gleichnis über Kampf und Neid und Großartigkeit; Kafka zeigte die nebelhafte Ungreifbarkeit auch derjenigen Welt. in der wir tatsächlich leben.

Wenn sie die Künste zum Vorbild nimmt, wird eine Life Focus Community den Schwerpunkt darauf legen, die Lebenserfahrung darzustellen, nicht sie umzuändern. Für den Romanautor ist der Vorrang von Darstellung so selbstverständlich, dass er kaum der Erwähnung bedarf. Anders ist es für den Psychotherapeuten, dem es fast wie ein Abfall von rechten Glauben erscheint, wenn man sich nicht mehr um das Lösen von Problemen bemüht. Wofür ich plädiere, ist, sich von der natürlichen Anziehungskraft des Veränderns frei zu machen und mehr der Abbildung des Lebens zu huldigen, einem menschlich faszinierenden Prozess. Die Geschichten, die sich die Leute in einer Life Focus Community erzählen, erreichen wohl nicht die Qualität künstlerischer Darstellungen, aber sie haben das auch nicht nötig.

Es könnte scheinen, als würden die Menschen durch die hochwertigen Darstellungen von Künstlern am besten getroffen, zumindest viel besser als durch die Geschichten, die sich gewöhnliche Leute erzählen. Doch gewöhnliche Leute haben gegenüber dem Künstler einen bedeutenden Vorzug: beim Übermitteln einer Botschaft kann ihre Nähe in direktem Echtzeitkontakt oft ein künstlerisches Talent übertreffen. Eine Life Focus Community verstärkt in jedem Menschen das Gespür für eine persönliche Ausdrucksweise. Dadurch, dass er Themen aussucht, die sein eigenes Leben prägten, und den anderen darstellt, wie sie sich in seinem Leben abspielten, fallen ihm auch die treffendsten Worte dafür ein.

 

Das Leben im Fokus von Alltagsgesprächen

Zum Schluss und vielleicht am wichtigsten ein Blick darauf, wie das Leben in Alltagsgesprächen thematisiert wird.

Nicht nur denen, die nach Erleuchtung streben, ist es vorbehalten, sich mit dem eigenen Dasein zu befassen. Wir können es auch in gewöhnlichen Unterhaltungen finden, wenn die Leute darüber berichten, was sich in ihrem Leben ereignet und wie sie sich damit fühlen. Ich möchte das mit einer Geschichte über ein Tischgespräch in einem Restaurant illustrieren. Einige meiner Freunde, von denen keiner ein Psychologe ist, gehen öfters gemeinsam essen. Es ist ein gewöhnlicher Abend bei Tisch, zu dem man sich nur zur Unterhaltung trifft. An diesem speziellem Abend fragte einer der Männer in die Runde, ob wir unser Leben nach einem Plan ausrichten, oder ob sich die Dinge spontan so ergäben, wie sie geschehen.

Was für eine fundamentale Frage. Sie traf bei allen ins Schwarze. Wir redeten den ganzen Abend darüber, aber ich will hier nur ein paar Ausschnitte daraus wiedergeben. Einer aus unserer Gruppe hatte überhaupt nicht das Gefühl, dass er sein Leben lenkte. Er nahm die Dinge, wie sie kamen, und stellte sich auf sie ein. Als ein Beispiel dafür erzählte er, wie ihm vor langer Zeit nach mehreren Jahren erfolgreicher Beratungstätigkeit als Techniker gekündigt wurde. Er war darüber sehr bestürzt, aber rappelte sich nach einer Weile wieder auf und gründete eine eigene Firma. Er machte daraus ein blühendes Unternehmen, obwohl er niemals die Idee gehabt hatte, sich selbständig zu machen. Was er tat, war nichts anderes als die Überwindung eines unerwarteten Problems.

Ein anderer Mann erzählte eine völlig andere Geschichte. Er hatte sein Leben bewusst geplant. Er war als Arzt tätig gewesen und hatte großen Erfolg. Aber das genügte ihm nicht. Er wollte mehr freie Zeit haben, die für ihn das höchste Gut im Leben darstellt. Um diesen Wunsch nicht bis zum Sankt-Nimmerleinstag aufzuschieben, traf er alle Vorbereitungen zu einem frühen Ende der Berufstätigkeit. Er fixierte sich ganz auf dieses klare Ziel: Rückzug aus dem Beruf früher, als es sich jeder andere in seiner Position vorstellen könnte. Obwohl er eine eindrucksvolle Karriere gemacht hatte und damit rechnen konnte, dass sie so weiterginge, ging er im Alter von Mitte 40 in den Ruhestand. Bis jetzt, wo er 70 Jahre überschritten hat, hat er seine frühere Arbeit niemals vermisst. Mehr noch, er hat eine Reihe sehr interessanter Vorhaben gestartet. Über einige davon erzählte er uns: selber Skulpturen hauen, auf dem eigenen Grundstück einen Gartenteich anlegen und Brücken errichten, Berge von Büchern lesen, die Beziehungen mit Familie und Freunden aktiv pflegen, Orte bereisen, die er sonst niemals zu Gesicht bekommen hätte. Er war in den Jahren seit Beginn des Ruhestands immer sehr beschäftigt gewesen und konnte sich an nicht einen einzigen langweiligen Tag erinnern.

So erzählte jeder in der Runde, welche Rolle Pläne in seinem Leben gespielt hätten, und jede Geschichte war ganz persönlich und sehr interessant. Die Zeit flog dahin. Wir waren mit den ersten im Restaurant eingetroffen, und nun waren wir die letzten, die gingen, kurz bevor man uns wegen Feierabend vor die Tür gesetzt hätte. Eigentlich hatten wir uns dort nur getroffen, weil wir gerne zusammen sind. Doch nun hatten wir, ganz ungeplant, einige Aspekte des Lebens intensiv unter die Lupe genommen. Wir hatten nicht nur über unsere eigenen Lebensläufe geredet, sondern über das Leben überhaupt. Dabei hatten wir so manche Erfahrung aus dem Strom der Ereignisse herausgehoben, die sonst in unserer Erinnerung schneller durchgerauscht wäre, als sie es wert sind.

Dabei braucht niemand auf die Idee zu kommen, das Interessante an den Selbsterkundungen dieser Männer käme daher, dass sie so ungewöhnliche Menschen seien. Ich glaube, es wurde schon hinreichend klar, dass die Anziehungskraft von Geschichten die Trennlinien zwischen Persönlichkeit, Begabung, Bildung und Absicht überschreitet. Das macht sie für den Zuhörer wie für den Erzähler so interessant. Darum ist es so weit verbreitet, sich von den Plagen eines Umzugs in ein anderes Haus zu erzählen. Oder man erzählt sich die Höhepunkte von Reisen in fremde Länder. Oder man erzählt über das merkwürdige Gefühl, das beim Erzählen über den Scheidungsanwalt aufsteigt.

Allerdings, wenn Geschichten nur beiläufig erzählt werden, fehlt ihnen die starke persönliche Anteilnahme, die persönlichen Schlüsselthemen eigentlich zukäme – es sei denn, die erzählten Erfahrungen würden auf besondere Weise herausgehoben und betont. Natürlich verfügen die Menschen über eine Vielfalt von Möglichkeiten, um solch eine Heraushebung zu erreichen. Sie unternehmen mit Freunden gemeinsame Urlaubsreisen, Restaurantbesuche oder Essenseinladungen, bei denen Gespräche mit größerer Nähe aufkommen können. Sie richten für Menschen, die ihnen lieb sind, Feierlichkeiten aus; sie meditieren; sie halten sich bestimmte Zeiten von allen Verpflichtungen frei, damit ihr Geist frei schweifen kann; sie nehmen sich Zeit zum Lesen und anschließender Diskussion; sie ziehen sich aus bestimmten Verantwortlichkeiten ihres Alltags zurück. Dennoch: solche Erfahrungen sind vielen Menschen nur sporadisch möglich. Alle kennen auch das Gefühl, dass das Leben oft einfach vorbeirauscht.

Damit das Erzählen von Geschichten aus dem Leben für das Leben gelingt, sind besondere Rahmenbedingungen nötig. Dies ist ein Kernanliegen jeder Life Focus Community. Ich werde später in dieser Konferenz (01) darauf zurückkommen. Eben sei nur gesagt, dass es für solche Gruppen wichtig ist, Kontinuität und Intensität zu garantieren, möglicherweise sogar für die Dauer des ganzen Lebens. Sie sollen als Brutplatz für Ideen verfügbar sein, die den Menschen durch den Kopf schwirren oder eine Weile brachliegen, bis sie zu neuem Leben erweckt werden und zu persönlichen Geschichten heranreifen können.

Die Gruppentreffen bieten einen Raum, wie er sonst nirgends im Alltag besteht. Er ist aus dem täglichen Hasten von Augenblick zu Augenblick herausgenommen und dafür reserviert, das Leben in den Fokus zu stellen und von äußeren Anforderungen freizuhalten, damit sich die Aufmerksamkeit ganz auf die persönlichen Erfahrungen konzentrieren kann, die sonst dem Gewahrsein entgehen. Die Teilnehmer werden zu einer seelischen Rundreise angeleitet und mit Übungen unterstützt, in denen sie die deutliche Stimme ihrer selbst entdecken können. Sie blättern ihre Lebenserfahrungen durch und bringen einzelne Geschichten zu Gehör. Die Atmosphäre ist geprägt von Gegenseitigkeit und Unterstützung. In diesem Rahmen können die Menschen eine ungewöhnliche Verbindung aus Atempause und Anregung entfalten. Es ist ein Raum, in dem die Anforderungen heruntergeschraubt sind, während das gleichzeitige Angebot von Ideen und Aktivitäten belebend wirkt.

Dabei ist besonders wichtig, dass in unserer auf den Einzelnen fixierten Gesellschaft leicht übersehen wird, wie viel Resonanz aus einer Gemeinschaft von Menschen hervorgeht. Selbsterkundungen können so etwas nicht erreichen. Über die einzelnen Teilnehmerbeiträge hinaus gehören zur Gruppenerfahrung auch die Bemerkungen durch den Leiter, wiedergegebene Musik, vorgelesene Dichtung, die Übereinstimmung von sonst wesensverschiedenen Menschen in universellen Fragen, die ansteckende Wirkung gewonnener Selbstsicherheit und, nicht zu vergessen, die Zuverlässigkeit, dass diese Treffen weitergehen werden. All diese Bedingungen fügen sich zu einem sonst selten zu findenden Angebot, das jeden in seiner Art willkommen heißt und ihn dabei weiterbringt, den Kurs seines Daseins tiefer auszuloten und breiter abzustecken.

Wenn einmal anerkannt ist, dass die Betrachtung des Lebens an erster Stelle steht, kann dies einen starken Impuls zur Einrichtung einer Life Focus Community bedeuten. Die Menschen kommen hier nicht zusammen, um in ihrem Leben Fehler zu finden, sondern um ihr Leben zu würdigen. Der Boden, aus dem solch eine gemeinschaftsfreundliche Veranstaltung erwächst, ist das verbreitete Bedürfnis der Menschen, sich lieber ihr Leben anzueignen als es unter Gruppendruck umzuändern. Dementsprechend werden die Gruppen auf diesen großen Teil der Bevölkerung zugeschnitten, der sich Klarheit wünscht, Lebendigkeit, Bestärkung und Zugehörigkeit mit dem Leben, wie es eben schon gelebt wird.

 

Anmerkungen des Übersetzers

(01) 7. Konferenz der Milton H. Erickson Foundation “The Evolution of Psychotherapy” in Anaheim/Kalifornien (11. - 15. Dezember 2013): http://www.evolutionofpsychotherapy.com [Zugriff 26.3.2014]

(02) “Life Focus Community” heisst wörtlich übersetzt: “Gemeinschaft mit Fokus auf das Leben”. Erving Polster behandelt das Thema “Life Focus Community” ausführlich im zweiten Teil seines Buches “Zugehörigkeit: Eine Vision für die Psychotherapie”.
Vergleiche: In Deutschland entstand, von anderen Ländern kaum beachtet, in der autonomen Jugendbewegung zwischen den Kriegen das Gruppenkonzept des “Lebensbundes”. Als Randerscheinung existieren solche Bünde bis heute.

(03) Barbara Kingsolver: Flight Behavior. New York, London 2013: Harper Perennial. Auszüge daraus online als Google e-book.

Praxisadressen von Gestalttherapeuten/-innen

Erving Polster (2009)Erving Polster (2009)

Erving Polster, Ph.D., geb. 1922, gehört zu den bekanntesten Gestalttherapeuten der Welt. Vor gut 40 Jahren veröffentlichte er – gemeinsam mit seiner 2001 verstorbenen Ehefrau Miriam – das Grundlagenwerk »Gestalttherapie: Theorie und Praxis der integrativen Gestalttherapie« (als erweiterte Neuauflage 2001 in unserer Edition des Gestalt-Instituts Köln GIK im Peter Hammer Verlag erschienen).

Doch schon weit länger war er als Gestalttherapeut und Ausbilder tätig – u.a. im Rahmen des Gestalt Training Center - San Diego/Kalifornien

Aus seiner intensiven Therapie- und Lehrtätigkeit sind zahlreiche weitere Veröffentlichungen hervorgegangen - so auch die folgende Sammlung seiner Artikel zur Praxis der Gestalttherapie - wieder gemeinsam mit seiner Ehefrau: »Das Herz der Gestalttherapie: Beiträge aus vier Jahrzehnten« (erschienen 2002 in unserer Edition GIK).
Erving Polsters neuestes Buch „
Zugehörigkeit: Eine Vision für die Psychotherapie“ erschien 2009 (ebenfalls in unserer Edition GIK)..

Der obige Artikel ist Erving Polsters Vortrag auf der 7. Konferenz der Milton H. Erickson Foundation “The Evolution of Psychotherapy” in Anaheim/Kalifornien (11. - 15. Dezember 2013). © Erving Polster, 2013. Wir danken dem Autor für die freundliche Genehmigung der deutschen Erstübersetzung. Aus dem Amerikanischen von Thomas Bliesener.

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