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Fritz Perls:

Autobiographische Stichworte

Aus der Gestaltkritik

Gestaltkritik - Die Zeitschrift mit Programm aus dem Gestalt-Institut Köln
Gestaltkritik (Internet): ISSN 1615-1712

Themenschwerpunkte:

Gestaltkritk verbindet die Ankündigung unseres aktuellen Veranstaltungs- und Weiterbildungsprogramms mit dem Abdruck von Originalbeiträgen: Texte aus unseren "Werkstätten" und denen unserer Freunde.

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 Praxisadressen von Gestalttherapeuten/-innen

 Hier folgt der Abdruck eines Beitrages aus der Gestaltkritik (Heft 2-1998):

Foto: Fritz Perls
(
Fritz Perls)

Fritz Perls:

Autobiographische Stichworte

Hinweis:
Ein fast vergessenes Interview mit Fritz Perls (deutsche Erstveröffentlichung)

Wieder einmal ist es uns gelungen, einen bisher noch nicht ins Deutsche übertragenen Text von Fritz Perls aufzutreiben. Die folgenden "Autobiographischen Stichworte" schrieb der Vater der Gestalttherapie als Teil seiner Einleitung zur Neuauflage von "Das Ich, der Hunger und die Aggression" im Randon-House-Verlag in den 60er Jahren. Aus uns unbekannten Gründen wurden seine "Stichworte" dort nicht veröffentlicht.Wir freuen uns umso mehr, unseren Leserinnen und Lesern diesen "Leckerbissen" hier präsentieren zu können.
Der Herausgeber.

1893 - Geburt. Ort: Berlin. Mutter liebevoll, ehrgeizig, liebt die Kunst, haßt den Vater. Vater haßt Mutter, liebt Frauen; spielt den Großmeister der Freimaurer; schwer und fröhlich. In der Öffentlichkeit sind beide freundlich. Verwirrend.

1903 - Aufgeweckter Junge in der Grundschule; immer der Beste ohne Hausaufgaben. Fürs Gymnasium getestet. Nie von Brüchen gehört. Sprachlos. Schockiert wegen Fehler. Verwirrend.

1910 - Gymnasium unliebsam, grausame Lehrer. Aufgewecktheit verloren, hasse die Schule. Selbstbefriedigungskonflikte; komme gegen verbotenen Sex nicht an. Psychiater verschreibt Bromide und Körperübungen. Glaube ihm nicht. Der Helfer ist keine Hilfe. Verwirrend.

1911 - Finde meine Welt. Verliebe mich. Poesie, Philosophie und am meisten das Theater. Max Reinhard, der Gründer des modernen Theaters führt mit den Ohren Regie: zuhören, zuhören, zuhören! Leinwand und bemalte Requisiten sind out. Drei Dimensionen. Die Bühne realistisch machen. Die Welt in eine Bühne verwandeln. Was ist Realität? Verwirrend.

1913 - Universität. Herman Staub, größter Anwalt Deutschlands. Aber ich hasse Jura, will nicht in seine Fußstapfen treten. Psychologie studieren? Unsinn. Finde ich auch. Psychologie Wundt lernt sinnlose Silben. Verwirrend. Aber es gibt Freud. Ergibt Sinn; sieht Sexproblem. Lieber Medizin studieren (ohne Interesse), das öffnet die Tür zu Philosophie und Physiologie. Das Leben weniger verwirrend; sehe Möglichkeiten.

1914 - Die Welt explodiert. Leben in Schützengräben. Todeskampf. Desensibilisiert. Grauen des Lebens und Grauen des Sterbens. Verwirrend.

1918 - Überlebt. Aufsässig in der Politik engagiert. Sehr verwirrt.

1921 - Doktor. Ruhelos. Will mich nicht niederlassen. Doctor uncle spottet über die Idee, eine Krankheit durch Gespräche zu heilen. Aber leidende Seelen (du-ich) brauchen Führung. Tastende Annäherung an die Psychiatrie durch Drogen, Elektrosachen, Hypnose und Reden. Verwirrend.

1922 - Neuer Anfang. Sehr aufregend. Wir! Ich vergrößere die familienlose Welt. Wir: Bohemiens, abseits des Weges. Schauspieler, Maler, Schriftsteller. Schaffen eine neue Welt. Bauhaus, Brücke, Dadaismus, neue Realitätsbewegung. Entdecke einen Guru: S.Friedlaender (erstes Kapitel) "Schöpferische Indifferenz." Entdecke den Nullpunkt als Zentrum des Nichts, das sich in Gegensätze ausdehnt. Zum erstenmal eine solide Position. Taste mich durch. Und weniger verwirrt.

1925 - Anfang von sieben Jahren eines nutzlosen Couchlebens. Fühlte mich dumm. Schließlich ergab Wilhelm Reich, damals noch gesund, einen Sinn. Auch Karen Horney, die ich liebte. Der Rest eingebildete Nachahmer, die Freuds gute Absichten falsch verstanden. Verwirrend.

1926 - Kurt Goldstein, Frankfurter Neurologe. Genialer Neuro-Psychiater. Konzept des Organismus als Ganzes. Gestaltorientiert. Was er sagt, ergibt Sinn; aber ich, den Freudianern gegenüber immer noch loyal, wehre mich gegen ihn. Verwirrend.

1927 - Frankfurt, Wien, Berlin. Mehr Analyse, Supervision. Fenichel, Deutsch, Hitschmann, Happel etc. Wurde ein richtiger Weisheitsscheißer. Verwirre andere.

1930 - Heirat. Später zwei Kinder, vier Enkel. Nebenbeschäftigung. Kein konservativer Ehemann. Ehefrau Laura engagiert sich in expressiver Bewegungsarbeit - Gindler. Noch keine Integration von Soma und Psyche. Geist-Körper-Beziehung immer noch verwirrend.

1934 - Früher Flüchtling des Hitlerregimes. Der orthodoxen Analyse immer noch sehr verbunden, gehe ich nach Südafrika, um Freuds Evangelium zu verkünden.

1935 - Fuhr zum Freud-Kongreß nach Marienbad. Erster Vortrag: "Der orale Widerstand." Stieß auf Ablehnung. "Widerstände sind immer anal." !!! Ärgerlich. Erster Bruch mit den Orthodoxen. Heilloses Durcheinander, aber es gibt jetzt einen sicheren Punkt: "Ich weiß es besser." Was? Ich weiß es besser als die Götter? Ja, ja, ja! Ich bin sehend; sie sind halb blind. Nicht so blind wie die Materialisten und die Spiritualisten, aber auch sie haben Vorurteile ohne Ende. Vielleicht werde ich eines Tages die Wahrheit finden. Ein bombastischer Gedanke, die Wahrheit!

1936 - Zurück in Südafrika. Schwierigkeiten, dem Treibsand der freien Assoziation zu entkommen. Komme wieder auf Goldsteins Organismus-als-Ganzes-Ansatz zurück. Immer noch zu eng. Unser Premierminister Jan Smuts hat die Antwort: Ökologie. Organismus-als-Ganzes-eingebettet-in-die-Umgebung. Das wird die Einheit. Die Geburt der Identität von Objektivem und Subjektivem. Freuds Begriff der Katharsis ist die auftauchende Gestalt. Nicht im Unbewußten, sondern genau an der Oberfläche. Das Offensichtliche wird auf den Thron gesetzt. Der Neurotiker ist jemand, der das Offensichtliche nicht sieht.

1940 - Ich bringe mir das Blindschreiben bei. Langsam langweilt es mich. Warum nicht die Gedanken einfach aufs Papier fließen lassen? Dabei habe ich eine Idee nach der anderen. Kapitel für Kapitel ganz von alleine. Konzepte, die ich übernommen hatte, Einwände, die ich verworfen hatte. Es entstand ein neuer Ansatz über den Menschen in seiner Gesundheit und seiner Not. Ich bin kein Analytiker mehr. Ich verstand, daß Aggression keine mystische Energie ist, die aus dem Thanatos geboren wird, sondern ein Überlebenswerkzeug. Konzepte wie z.B. Reflexe (Reiz-Reaktion) und Instinkte als stabile Eigenschaften waren veraltet, sie stürzten zusammen und machten den Platz frei für neue Perspektiven, obwohl sie auch heute noch dominieren. Das mechanistisch-kausale Denken des letzten Jahrhunderts mußte dem Prozeß, der Struktur und der Funktion eines Denkens weichen, das dem Zeitalter der Elektronik entspricht. Das "wie" ersetzt das "warum". Perspektive und Orientierung ersetzen Rationalisierung und Vermutung. Selbst das "Ich" (und für Freud ist das Ego das "Ich", und kein Konzept des Selbst) wird zur Funktion der Identifizierung. (Teil II, Kapitel 7)

1941 - Das Buch ist fertig. Überarbeiten und editieren, oder es lassen wie es ist? Nein, es lassen. Es hat viele Fehler, mein Englisch ist oftmals ungeschickt, die Beispiele schlecht gewählt, aber das bin "ich". Meine Verwirrung lichtet sich, aber dennoch bin ich häufig deprimiert und verwirrt, bis eine Idee als klar und fest erscheint.

Das Thema von "Das Ich, der Hunger und die Aggression" muß für Freud inakzeptabel sein, weil es zur Assimilation führt. Fremdes wird zu einem Teil des Selbst und führt zu seinem Wachstum. Freuds Ego-Begriff ist die Akkumulation der Teile: Introjektionen (Teil II, Kapitel 5 und 7). Nachvollziehbar, analysierbar. Aber Assimilation ist Integration. Zu wenig gelebte Aggression in der Aufnahmephase (Hunger) und Destrukturierung (zerstören, zermahlen, vorbereiten für die Einverleibung) von äußerer physischer und geistiger Nahrung behindert den Reifungs- und "Selbstwerdungsprozeß". Die Idee der Assimilation unterwandert Freuds Modell der Struktur des Menschen, vor allem das instinktive Verhältnis von Über-Ich und Ich und seine einseitige Auffassung vom Leben als eines Kampfes zwischen Eros und Thanatos. Die Psychoanalyse gebärdet sich immer mehr als geschlossenes, unverändertes und unveränderbares System voller Erklärungen, aber ohne Selbst-verständnis. Psychoanalyse ist eine Krankheit, die so tut als sei sie die Heilung. Erfolglose Behandlungen zwischen drei Jahren und zwanzig Jahren oder mehr wiegen schwerer als der dürftige Erfolg. Ich bin nicht mehr so verwirrt. Ich fange an, zu sehen. Doch es bleiben viele Probleme.

1942 - Erste Veröffentlichung des Buches in Durban, Südafrika. Gute Besprechungen, aber keine hohen Verkaufszahlen. Zeige das Buch Maria Bonaparte, einer Freundin Freuds. Ergebnis: "Wenn Sie nicht mehr an die Libidotheorie glauben (!!!), reichen Sie besser die Kündigung ein." Libidotheorie als eine Glaubensfrage? Ich traue meinen Ohren kaum. Doch einem solchen dummen und unwissenschaftlichen Urteil begegne ich mit selbstgefälligem Spott. Ich akzeptiere den Bruch und mache mich davon.

Trete als Psychiater in die Armee ein. Hier ist die Psychoanalyse völlig nutzlos. Trotzdem hat die Psychotherapie noch ihren Platz. Am Anfang sagen die Internisten: "Hinter jeder Neurose steckt ein Magengeschwür.", aber am Ende sagen sie: "Perls, Sie haben recht. Hinter dem Magengeschwür steckt die Neurose."

1946 - Aus der Armee entlassen. Ich gehe in die Vereinigten Staaten. Allen & Unwin bringen das Buch heraus. Wieder verfrüht: keine starke Reaktion.

1950 - Die Awareness-Theorie kristallisiert sich heraus. Präge den Begriff Gestalttherapie. Erfinde Experimente zur Topologie des Gewahrseins und dem Durcheinander von Selbst- und Umweltgewahrsein. Gestalttherapie erscheint als Buch; R.Hefferline und P.Goodman sind Koautoren. Die akademischen Gestaltpsychologen spotten darüber. Aber Gestalttherapie ist nicht ohne. Jahr für Jahr werden mehr Exemplare verkauft.

1960 - Die Psychoanalyse geht zurück. Zu viele Enttäuschungen. Aus Europa kommt eine Welle der Existentiellen Psychiatrie herübergeschwappt. Auch die Gestalttherapie erfährt mehr Anerkennung. Wilson van Dusen schreibt: "Die Gestalttherapie vervollständigt die Phänomenologie, indem sie ihr eine praktische Basis verleiht." Auch die existentielle Psychiatrie entpuppt sich als Enttäuschung. Zuviel Gerede und zu viele Konzepte.

1961 - Existenz: Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose. Das erlebte Phänomen als die Gestalt schlechthin!! Nicht religiös orientiert wie Buber, Tillich und Marcel; nicht sprachlich orientiert wie Heidegger; nicht kommunistisch orientiert wie Sartre; nicht psychoanalytisch orientiert wie Binswanger. Wo ist das Non-verbale? Studiere Zen in Japan. Ebenfalls enttäuschend.

1964 - Ich gehe ans Esalen-Institute. So wie das Bauhaus in Deutschland für die Entwicklung eines neuen Stils in der Architektur und der Kunst wegweisend war, ist Esalen ein Praxiszentrum für die dritte Welle der humanistischen Psychologie.

1966 - Die Gestalttherapie wird in den Vereinigten Staaten immer bekannter. Füllen wir die Leere, die Psychoanalyse und Existentielle Psychiatrie hinterlassen haben? Werden wir es schaffen? 

 Praxisadressen von Gestalttherapeuten/-innen

 Hinweise zu Autor, Text, etc.:

Zu den obigen "Autobiographischen Stichworten":
© The Gestalt Journal Press, 1998
Die amerikanische Originalversion finden Sie hier.
Wir danken Joe Wysong vom Gestalt Journal für die Genehmigung der deutschen Erstübersetzung.
Aus dem Amerikanischen von Ludger Firneburg.

Dr. Friedrich Salomon Perls
(genannt : Fritz) 1893 - 1970
Begründer der Gestalttherapie - zusammen mit seiner Frau Lore Perls und dem amerikanischen Sozialphilosophen und Schriftsteller Paul Goodman.

An dieser Stelle möchten wir Sie auf zwei weitere interessante Veröffentlichungen hinweisen:

In der GESTALTKRITIK 2-96 erschien ein wirklich außergewöhnliches Interview mit Fritz Perls. Titel: "Was ist Gestalttherapie?". Die Reporterin will Fritz über Gestalttherapie befragen, er aber zeigt ihr, wie Gestalttherapie funktioniert. Aus dem Interview wird auf diese Weise eine spannende Therapiesitzung. Restexemplare dieser Ausgabe der GESTALTKRITIK können Sie gegen DM 8,- in Briefmarken bei uns bestellen.

"Der Weg zur Gestalttherapie. Lore Perls im Gespräch mit Daniel Rosenblatt" - dieses Buch haben wir gemeinsam mit dem Peter Hammer Verlag veröffentlicht. Ein ebenso menschlich liebenswertes wie historisch interessantes Dokument der "oral history" der Gestalttherapie.

Wenn Sie gleich zu dieser Seite gekommen sind, ohne bisher unsere Homepage besucht zu haben, so sind sie herzlich dazu eingeladen:
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