Cover: Was ist Gestalttherapie?

Frederick S. Perls
Was ist Gestalttherapie?

Herausgegeben und mit einer Einführung von Anke und Erhard Doubrawa
Aus dem Amerikanischen von Ludger Firneburg

2., erweiterte Auflage: Mit einem Essay von Stefan Blankertz und Erhard Doubrawa:
"Und ... was ist nun eigentlich Gestalttherapie?"

Dieses Buch ist ein wichtiges historisches Dokument. Zum großen Teil erscheinen die hier veröffentlichten Texte des weltberühmten Mitbegründers der Gestalttherapie, Fritz Perls, zum ersten Mal in Schriftform: Vorträge, Demonstrationen, ein wirklich außergewöhnliches Interview und schließlich seine autobiographischen Stichworte.

Edition Gestalt-Institut Köln / GIK Bildungswerkstatt
im Peter Hammer Verlag, 2., erweiterte Auflage: Wuppertal 2004

140 Seiten, broschiert, mit seltenen Fotos, 14,90 Euro

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 Frederick S. Perls

Was ist Gestalttherapie

Herausgegeben und mit einer Einführungvon Anke und Erhard Doubrawa
Aus dem Amerikanischen von Ludger Firneburg
Edition des Gestalt-Instituts Köln / GIK Bildungswerkstatt im Peter Hammer Verlag

 

Inhalt der 2., erweiterten Auflage:

Anke und Erhard Doubrawa: Einführung (Leseprobe 1)

Frederick S. Perls: Was ist Gestalttherapie?

1. Was ist Gestalttherapie? Ein außergewöhnliches Interview von Adelaide Bry (Ende der 60er Jahre)

2. Vorträge und Demonstrationen in Esalen-Institut, Big Sur/Kalifornien (1968-1969), Transkripte von Tonbändern (Leseprobe 2)

3. Autobiographische Stichworte (Mitte der 60er Jahre)

4. Essay von Stefan Blankertz und Erhard Doubrawa: "Und ... was ist nun eigentlich Gestalttherapie?"

Anmerkungen

Anke und Erhard Doubrawa

Einführung

Mitte der 60er Jahre. Esalen - ein kleiner grüner Landstreifen an der phantastischen Pazifik-Steilküste Kaliforniens bei Big Sur, etwa 300 km südlich von San Francisco. Das Zentrum der Human-Potential-Bewegung, der therapeutisch-spirituell-politischen Aufbruchbewegung junger Amerikaner in den 60er Jahren. Vormals ein alter Kultplatz der Indianer, der "Esalen Indians", die diesem Platz den Namen gaben. Heiße Quellen. Ein heiliger und ein heilender Ort.

"Esalen - [...] ein Misthaufen, zwei Beete mit Löwenmäulchen und Kartoffeln; drei Dutzend Holzhäuschen für zahlende Gäste; Wohnwagen und VW-Busse, umlagert von flötespielenden, Säuglinge nährenden und perlenzählenden Hippies; heiße Schwefelquellen, französische Weine, nackte Leiber, nackte Seelen - Wut, Wonne und Tränen, vierundzwanzig Stunden am Tag, von der Unternehmensleitung gefördert, je heftiger, desto besser.

Esalen [...] ist eine Art Sanatorium für zivilisationsgeschädigte Seelen. Ziel ist hier allerdings nicht Anpassung, sondern mehr Aufsässigkeit, nicht die Aussöhnung mit dem Feind, sondern die möglichst krasse Konfrontation mit ihm. [...]

Seit Michael Murphy dieses Institut vor zehn Jahren gründete und es sich sehr rasch zum Zentrum einer neuen Strömung innerhalb der amerikanischen Psychologie, nämlich dem sogenannten Human Potentialities Movement entwickelte, hat Esalen Tausende von Wochenend-, Fünftage- und Dauergästen zu Seelenbad, Bewußtseinserweiterung und Sinnenpflege empfangen, hat ungezählte Ehen geheilt oder gesprengt, Priester zu Sündern gemacht, Studenten zu Handwerkern, Handwerker zu Gurus, Hausmütterchen zu Hippies und Hexen.

Esalen betreibt Bewußtseinserweiterung im Hier und Jetzt. Im Prozeß der Erweiterung, sagen seine Gurus, verschwindet die Neurose. [...]

Es geht dabei nicht um Wissen, sondern um Erfahrung, und die Erfahrungen werden in Form von Arbeitskreisen [heute würden wir das neudeutsche Wort "Workshops" verwenden, A. u. E. D.] gemacht, an denen unter der Führung eines Gruppenleiters jeweils zehn bis dreißig Personen teilnehmen. [...]

Das Encounter übersetzt in Aktion, was der Zen-Meister durch die sogenannten Koans, d.h. paradoxe Fragen wie: 'Ehe es deine Eltern gab, wer bist du?', unternimmt. Das Ziel ist das gleiche: den Schüler oder 'Patienten' zum Durchbruch alter Denk- und Verhaltensgewohnheiten zu provozieren. [...] Das Durchpusten der verstopften Ventile - die Encounter- oder Gestalttherapiesitzungen mit ihren mindblowing experiences - geht selten ohne Schmerzen ab, aber Esalen geizt nicht mit Belohnungen. Der psychischen Zerreißprobe folgt physische Labsal:

- in den zwischen Himmel und Meer in die steilen Felswände geschlagenen Bädern [...]

- bei der Super-Antörn-Massage Esalen-Spezial [...]

- im Swimmingpool [...]

- Erholung, Behagen oder seliges Vergessen - je nachdem - bieten ferner die Tafelfreuden; die vorzüglichen Weine, die Abende, an denen die madonnenhaften Saaltöchter ihr Haar herunterlassen und sich beim dumpfen Geklopfe der Bongotrommeln in kreiselnde, wirbelnde, zuckende, zischende Urwaldhexen verwandeln. Alle Türen stehen offen, alle Lichter sind gelöscht, auf dem Rasen tanzt der Irrsinn, zwei Lagerfeuer, viele Menschen, auch die Einsiedler aus den Bergen sind gekommen, und dazwischen ein paar Heilige oder ein Normaler." (1)

Dort lebte und arbeitete Fritz Perls, der Mitbegründer der Gestalttherapie, mit Unterbrechungen von 1963 bis 1969. Er gab Workshops, leitete Gruppen. Demonstrationen der Gestalttherapie, vor allem der Gestalt-Traumarbeit. Davor und dazwischen Minilektionen: Gestalttherapie an ihren Wurzeln. Einfach und kraftvoll. Immer im Hier und Jetzt. Erlebnis- und erfahrungsbezogen. Denn das, was in der Therapie heilend wirkt, sind neue Erfahrungen und nicht verbale Erklärungen.

Gestalttherapie wurde von den beiden deutschen Psychoanalytikern Fritz und Lore Perls entwickelt. Zuerst in den 30er und 40er Jahren im Exil in Südafrika. Dann - ab Ende der 40er Jahre - in den USA gemeinsam mit dem amerikanischen Sozialphilosophen und Schriftsteller Paul Goodman, dem späteren Mitbegründer der amerikanischen Schüler- und Studentenbewegung (2).

Zum eigentlichen Durchbruch führte Fritz Perls die Gestalttherapie in den 60er Jahren in Esalen, dem kalifornischen Mekka der Human-Potential-Bewegung. Reese beschreibt ihn Ende der 60er Jahre so: "Ein Meister der psychischen Entschlackung ist Esalens Gestalttherapist Fritz Perls. Mehr Zen-Meister als Psychotherapeut, sitzt er in einem halbkreisförmigen Raum vor der Wand und vermittelt Mini-Satoris. Ein Mini-Satori ist eine 'Aha-Erfahrung' oder plötzliche Einsicht. Hat man eine derartige Einsicht, sagt Perls, dann 'ist die Welt plötzlich da - dreidimensional und leuchtend'." (3)

Fritz Perls arbeitet dabei schlicht phänomenologisch. Er interpretiert nicht, zumindest wenig. Er lädt die Teilnehmer ein, sich mit abgespaltenen Persönlichkeitsteilen zu identifizieren - mit dem Ziel, diese wieder zu integrieren. Er arbeitet dabei in kleinen Schritten. Und betont, daß dies keine "ganzen" Therapien seien, sondern nur Demonstrationen. Auch wenn die so gemachten Erfahrungen verändernd auf das ganze Leben einwirken können.

Wir sind überrascht. So, genau so, hat auch Lore Perls mit uns gearbeitet. Schlicht und in kleinen Schritten. Phänomenologisch. Im Hier und Jetzt.

Fritz Perls' Demonstrationen hatten wir (aus Filmen, Büchern und Berichten seiner Schüler) ganz anders in Erinnerung. Konfrontativer. Aggressiver. Ruppiger. Dominanter. Daß er so sehr ähnlich wie seine Frau arbeitet, erstaunt zuerst. Dann auch wieder nicht. Sie sind schließlich Mutter und Vater der Gestalttherapie. Und wir nehmen hier vielleicht das wahr, was die beiden verbindet.

Wohl verändert der "späte" Fritz Perls in seiner Arbeit den mit Lore Perls und Paul Goodman entwickelten Ansatz: Sie spricht davon, daß jene Menschen "die Psychotherapie brauchen und wollen", die "steckengeblieben sind in ihrer Angst, ihrer Unzufriedenheit, ihren schiefgegangen persönlichen Beziehungen, ihrem Unglücksgefühl" (4).

Er geht davon aus, daß Menschen Teile ihrer Persönlichkeit - aufgrund gesellschaftlicher Zwänge - abgespalten haben. Und daß seine Arbeit zur Integration des Abgespaltenen beitragen soll. Darin ist er den anderen in Esalen verbreiteten Therapierichtungen verbunden, "die ausnahmslos auf eine Steigerung der Erlebnisfähigkeit und damit auf eine Wiederherstellung der unter dem Druck der gesellschaftlichen Zwänge zersplitterten Identität abzielen" (5).

Hier scheint auch die politische Dimension der Gestalttherapie durch. Noch einmal mit Reeses Worten: "Glaube kann Berge versetzen, und das richtige Bewußtsein genügt, um ein ganzes Pentagon zerfließen zu lassen wie die Uhr von Dali." (6)

Und hier schließt sich wieder der Kreis bei den beiden Perls. Auch Lore Perls versteht ihre Arbeit als eine politische. "Ich denke, wenn man den Menschen dabei unterstützt, authentischer zu werden - in Gesellschaften, die mehr oder weniger autoritär oder autoritätsorientiert sind, ist das immer politische Arbeit, in der Therapie, in der Erziehung, in der Sozialarbeit." (7)

Konsequent wird die Gestalttherapie von Theodore Roszak in den 60er Jahren zu den "Bausteinen" einer Gegenkultur gezählt. Er beschreibt Ansatz und Praxis der Gestalttherapie so:

"Für die Gestaltisten setzt die soziale Neurose erst in dem Augenblick ein, da das nahtlose Gewand des 'Organismus-/Umgebung-Feldes' durch einen psychischen Bruch zerrissen wird. Von der ursprünglichen ökologischen Ganzheit wird infolge eines solchen Bruchs eine Einheit defensiven Bewußtseins abgespalten, das einer fortan als fremd, sperrig und feindlich verstandenen 'äußeren' Realität entgegengestellt werden muß.

Das Symptom eines derartigen Vertrauensverlustes in autonome Prozesse ist die Konstruktion eines entfremdeten Selbst, das sich von der 'Außenwelt' furchtsam zurückzieht und immer kleiner wird, bis es - einem im eigenen Schädel belagerten Homunkulus gleich - darauf reduziert ist, den Körper zu manipulieren, als sei er eine ungeschlachte Maschine, und in fieberhafter Angst immer neue Abwehr- und Angriffsstrategien zu entwerfen. Statt spontaner Anpassung, dem 'freien Zusammenspiel der Kräfte' - wie Goodman diese Anpassung nennt - haben wir an diesem Punkt ein zwanghaftes Mißtrauen und den aggressiven Drang, all das zu reglementieren. [...]

Am Ende fragen wir uns, wie das Leben überhaupt weiterbestehen konnte, ehe das zivilisierte Gehirn sich zum Superkontrolleur aufschwang. Doch finden wir keine Antwort, da die ursprüngliche 'Weisheit des Körpers' uns gründlich abhanden gekommen ist. Wir haben die Verbindung mit der Selbstregulation eines symbiotischen Systems verloren, um einem zwanghaften Kontrollbedürfnis zu verfallen, unter dessen Druck der Organismus gefriert und unsäglich dumm zu werden scheint.

Ein wesentlicher Bestandteil der Gestalttherapie ist demgemäß eine raffinierte Form gesteuerter physischer Aktivität, die darauf abzielt, gefrorene organische Energie zu orten und aufzutauen." (8)

Auch hier erweiterte Fritz die bis dahin entwickelte Gestalttherapie: Er spricht - im Anschluß an Friedlaender - von Schichten der Neurose und davon, wie er sich mit den Klienten durch die Schichten "hindurcharbeitet". Diese Schichten der Neurose haben übrigens auffällige Parallelen in spirituellen Traditionen - im Zen-Buddhismus und auch in der christlichen Mystik. (9).

Dies steht (uns ist es wichtig, dies hervorzuheben!) im Gegensatz zum häufig gemachten Vorwurf, Fritz Perls habe mit der Theoriefeindlichkeit seiner "kalifornischen Jahre" die "wahre Gestalttherapie verraten".

Claudio Naranjo - Schüler und naher Kollege von Fritz Perls - sieht dessen Zeit in Esalen sogar als seine eigentliche Reifezeit an: "Es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen Talent und Genie. Genie ist nicht lediglich ein Potential, noch besteht es in nützlichen Fertigkeiten, sondern es hat vielmehr mit einem tiefgreifenden Kontakt der Person mit dem Kern des Wesens zu tun. Die Größe, die all diejenigen, die Fritz Perls kannten, in der zweiten Phase seines Lebens in ihm spürten, war, glaube ich, der Ausdruck einer Reife und nicht etwas, das in der ersten Phase seines Lebens offensichtlich gewesen wäre, so groß sein Talent auch gewesen sein mag. [...] Doch es war nicht nur die Blüte von Fritz Perls' Genie, die der erstaunlichen 'Gestaltexplosion' Mitte der 60er Jahre zugrundelag. Ein weiterer Faktor dabei war Esalen selbst oder der Beginn des 'Phänomens Kalifornien' ganz allgemein. Es gab eine glückliche synergetische Fügung zwischen der Ankunft Perls' in Kalifornien und den bedeutsamen Inhalten, die er zu bieten hatte, sowie der bemerkenswerten Gemeinschaft dieses Ortes." (10)

Schon früh hatte es sich eingebürgert, schlecht über den Vater der Gestalttherapie zu sprechen. Fritz, der "rastlose" hieß es, "verläßt seine Familie, um herumzustreunen". Das hört sich heute so an, wie immer über Väter gesprochen wurde. Sie waren nie da. Natürlich nicht. Sie waren schließlich weg zur Arbeit. Und wirklich - um Brot für die Familie heranzuschaffen. Der Erfolg zahlte sich auch für letzere aus. Auch Fritz war nun gerade nicht untätig beim "Herumstreunen". Er gründete Gestalt-Institute. Er lehrte. Er machte Gestalttherapie weltbekannt. Alle, auch Lore und Paul, haben davon profitiert.

Und Lore? Sie warnt vor den "Fehlbegriffen der Gestalttherapie" (11). Entstanden durch Fritz' Art, der Demonstrations-Workshops vor allem in Esalen. Unverständlich, wo er es doch war, der die Gestalttherapie berühmt gemacht hat. Aber wie überraschend: Lores Warnung vor "Fehlbegriffen der Gestalttherapie" von 1978 deckt sich in weiten Zügen erstaunlich mit Fritz' Warnungen davor - z.B. schon 1969 in der Einleitung von "Gestalttherapie in Aktion" (12).

Das, was Lore Perls hier für die Gestalttherapie fordert, nämlich gut durchgearbeitete Therapeuten, die mehr sind als Sozialtechniker, hat Fritz dort ebenfalls als Bedingung formuliert. Ebenso verhält es sich bezüglich der Distanzierung von "Wunderheilern" und "plötzlichen Durchbrüchen". Die waren auch Fritz suspekt.

"Wachstum" ist für ihn "ein Prozeß, der Zeit braucht. Gestalttherapie erfordert eine Haltung, die nicht in zwei Monaten erworben wird, sondern durch ein langes, ernstes Training, in dessen Zentrum die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit steht" (13).

Übereinstimmung gibt es bei Lore und Fritz Perls auch bei einem weiteren Thema, nämlich der "Weiterentwicklung des Therapeuten". Wieder ein Anliegen von beiden Perls:

"Ich akzeptiere niemanden als kompetenten Gestalttherapeuten, solange er noch 'Techniken' benützt. Wenn er seinen eigenen Stil nicht gefunden hat, wenn er sich selbst nicht ins Spiel bringen kann und den Modus (oder die Technik), die die Situation verlangt, nicht der Eingebung des Augenblicks folgend erfindet, ist er kein Gestalttherapeut." (14)

Heute überwiegt häufig erst einmal die Kritik an Fritz Perls' Arbeit: Na ja, gibt man zu. Fritz sei sehr intuitiv und wirklich ein Genie gewesen. Doch seine therapeutische Haltung sei zweifelhaft ... So könne man Gestalttherapie natürlich nicht mehr machen. Sie habe sich weiterentwickelt. Es ist aber doch das mindeste, was man erwarten kann! Daß gute Schüler guter Lehrer das Gelernte weiterentwickeln! Wie der Bauer, der gute Saat pflegt, bis sie aufgeht und reiche Frucht trägt. Also, nur zu verständlich, daß Gestalttherapie jetzt an einer anderen Stelle steht. Wie sollte sie anders, wenn sie überhaupt noch "sein" will?

War es in den letzten zwei Jahrzehnten angebracht, Lore Perls' (ebenso wie Paul Goodmans) Beitrag zur Gestalttherapie (15) hervorzuheben, so scheint es nun wichtig, sich wieder Fritz Perls zuzuwenden. Darin stimmen wir mit Ludwig Frambach überein: "Jetzt scheint es mir, angesichts von Abwertungen [...], hingegen wieder notwendig, die Bedeutung von Fritz Perls ins Bewußtsein zu heben." (16) Und wenn dieses Buch ein kleiner Beitrag zur Würdigung von Fritz Perls ist, würden wir uns sehr darüber freuen.

Zum vorliegenden Buch:

Dem heutigen Leser mag vielleicht nicht unmittelbar bewußt werden, welches "Schätzchen" er hier vor sich hat. Diese Art, im ersten Kapitel ein Interview in eine Therapiesitzung (bzw. in eine Demonstration der Gestalttherapie) zu verwandeln, war vor 30 Jahren revolutionär. Vielfach kopiert. Aber dies ist das Original! Kreativ. Witzig. Völlig unerwartet. Außergewöhnlich. Eben so, wie es der Vater der Gestalttherapie war.

Genau so die "Autobiographischen Stichworte", das letzte Kapitel. Unvorstellbar vor mehr als 30 Jahren. So schreibt doch kein Begründer einer ernstzunehmenden therapeutischen Schule (wenn er vom etablierten Fachpublikum anerkannt werden will)!

Und er macht es doch. Siebzigjährig. Trägt nun einen Kaftan. Karierte Hemden. Gerne auch Overalls direkt über seinem Pyjama. Einen langen weißen Vollbart. Und lächelt wieder. Nach seinem Aufenthalt in Kyoto in Japan und in einem Künstler-Kibbuz in Israel. Und nach überwundener Krankheit.

Bei der Überwindung der Krankheit hat ihm Ida Rolf geholfen: Fritz Perls litt lange an sehr starken Angina pectoris-Schmerzen. Zum ersten Mal denkt er daran, sein Leben zu beenden. Er ist unwirsch und ungehalten. Der Kontakt mit ihm ist keine Freude. Ida Rolf, die ebenfalls in Esalen praktiziert, behandelt ihn mit "Struktureller Integration", heute auch nach der Begründerin "Rolfing" genannt. Fritz ist nach der Behandlung nicht nur von seinen Herzproblemen befreit. Ruth Cohn, die Begründerin der Themenzentrierten Interaktion und frühe Schülerin von Fritz Perls nimmt ihn als Verwandelten wahr: "Nun strahlt Fritz Weisheit, Lebensmut, Zärtlichkeit aus" (17). Mit den Worten von Staemmler und Bock: "Aus einem resignierten und verbitterten Zyniker wird ein liebevoller, zärtlicher, weiser alter Mann" (18). Fritz ist durch seinen persönlichen Engpaß gegangen. Und er ist nun selbst in der Lage, seine Klienten durch deren Engpaß zu führen.

Das vorliegende Buch ist ein wichtiges historisches Dokument der Gestalttherapie. Zum großen Teil erscheinen die hier veröffentlichten Vorträge und Demonstrationen aus Esalen zum ersten Mal in Schriftform. Und vor allem auch vollständig.

Aus der Zeit in Esalen ist u.a. schon eine andere Publikation hervorgegangen: "Gestalttherapie in Aktion" (19). Übrigens war das das erste Gestalttherapie-Buch auf dem deutschsprachigen Buchmarkt. John O. Stevens hatte - unter Mithilfe seiner Mutter Barry Stevens - Fritz' Vorträge und Demonstrationen von 1966 bis 1968 in Esalen zusammengestellt und in seinem Verlag "Real People Press" herausgegeben.

Joe Wysong vom amerikanischen Gestalt Journal formulierte es in seinem Vorwort zur amerikanischen Neuauflage von "Gestalttherapie in Aktion" 1992 so: "... it became clear that Stevens had made many editorial decisions as to what and what not to include and the final product was decidedly Stevens' view of Gestalt therapy as much as it was Perls'. This is especially true in the materials included in the talks and the question and answer sections" (20).

Ein kleinerer Teil des vorliegenden Buches ist bereits in "Gestalttherapie in Aktion" veröffentlicht worden. Verstreut über den Theorieteil des Buches finden sich Anklänge (manchmal auch Zitate) aus den dokumentierten Tonbändern. Wir haben darauf verzichtet, diese hervorzuheben. Auch drei der hier veröffentlichten Demonstrationen sind dort erschienen. Diese haben wir übernommen und gekennzeichnet.

Unsere Bänder sind ein Teil der Quellen von Stevens' Arbeit. Wir dokumentieren die uns vorliegenden Bänder recht unbearbeitet. So wird deutlich, wie Fritz lehrte und demonstrierte: Minilektionen und Einzelarbeiten vor der Gruppe. Immer wieder im Wechsel. Mal mit einer längeren Einleitung am Beginn der Workshop-Einheit. Mal beantwortet er Fragen danach.

Stevens hat aus dem hier vorliegenden Material nur bestimmte Arbeiten für sein Buchprojekt ausgewählt: die gelungensten Arbeiten. Die, bei denen am Ende eine Abrundung erfolgte. Und nicht die Arbeiten, die er abbrach (manchmal nach Sekunden oder Minuten), die nicht am Ende "rund" wurden, oder solche, wo das Tonband mittendrin zu Ende ging.

Was am Ende nicht "rund" wird - das sind in der alltäglichen therapeutischen Praxis wahrscheinlich die meisten. Das ist auch in Ordnung so. Denn das, was in der Gestalttherapie heilend wirkt, ist nicht nur die Abrundung der Arbeit. Oft geschieht die Abrundung erst mehr oder weniger lange Zeit nach der Therapiesitzung.

Heilsam wirken allein schon Prozeß und Methode der Gestalttherapie. In den hier dokumentierten Arbeiten sind es vor allem das Gewahrsein für das Hier und Jetzt und die Identifikation mit abgespalteten Trauminhalten. Allein dies wirkt schon fruchtbar. Verändert die Haltung sich und den anderen gegenüber. Ermöglicht neue Erfahrungen mit projizierten, weil unangenehmen Gefühlen, z.B. der eigenen Aggression. In der Tat identifizieren die meisten von uns sich lieber mit dem Opfer als mit dem Täter. Doch damit geben wir häufig auch unsere Macht auf. Fritz jedoch bringt die Teilnehmer wieder mit diesem Teil von sich in Berührung: mit dem wilden Tier in uns, mit dem gewalttätigen "dirty" Bullen etc.

So gibt es also noch einen Grund, diese Quellentexte zu veröffentlichen: Sie machen uns Therapeuten Mut. Arbeiten müssen am Ende nicht immer rund werden. Sogar bei Fritz war das so.

Schließlich noch diese Anmerkung: Unsere vorliegende Veröffentlichung basiert auf acht Tonbändern, die in Esalen Ende der 60er Jahre aufgezeichnet wurden. Darüber hinaus lag uns ein englisches Transkript vor, das wir von Joe Wysong erhalten hatten. Bei der redaktionellen Arbeit an diesem Buch machten wir des öfteren eine interessante Feststellung: Das englische Transkript wies z.T. erhebliche Mängel auf. Häufig stimmten Worte nicht mit den Bändern überein. Manchmal wurden ganze Sätze nicht transkribiert - dort fand sich dann nur die Bemerkung "unverständlich". Für uns waren diese Sätze häufig gut verständlich - eventuell hängt das damit zusammen, daß Fritz Perls ein recht "deutsches" Englisch sprach. Sollte dies wirklich so sein, wäre es interessant, auch seine anderen Bücher, die auf Transkripten von Vorträgen, Sitzungen etc. beruhen, daraufhin mit evtl. noch vorliegenden Originaltonbändern abzugleichen. (21)

Köln, im Juli 1998
Anke und Erhard Doubrawa, Herausgeber
Gestalt-Institut Köln/GIK Bildungswerkstatt, Rurstraße 9, 50937 Köln
Fon: 0221/41 61 63, Fax: 0221/44 76 52, eMail: gik-gestalttherapie@gmx.de

Leseprobe 2

Auszug aus dem Buch:
Vorträge und Demonstrationen in Esalen-Institut, Big Sur/Kalifornien (1968-1969)
Kapitel 2 / Band 2

Ich weiß nicht, was ihr hier erwartet, Vorträge, Diskussionen, praktische Arbeit. Eines kann ich euch versichern, nämlich daß ich hier weder eine schnelle Freude noch neue Sinneswahrnehmungen versprühen werde oder Spontanheilungen anzubieten habe. Was auch immer ihr hier an heilenden oder wachstumsfördernden Erfahrungen machen werdet, ist reiner Zufall. Ich erwarte von euch zwei Dinge: Erstens, daß ihr Verantwortung für euch selbst übernehmt und mit beiden Beinen fest auf dem Boden steht. Wenn jemand verrückt oder geheilt werden möchte, wenn jemand Selbstmord begehen will, dann tut er das auf eigene Verantwortung. Eine der Grundbedingungen für Wachstum besteht darin, die volle Ver-Antwortung für sein Leben zu übernehmen. Wer das nicht will, kann jetzt die Hand heben. [Pause] Wir alle können also bezeugen, daß ihr bereit seid, Verantwortung zu übernehmen.

Die zweite Erwartung, die ich habe, ist, daß ihr euch auf die Vereinbarung einlaßt, im Jetzt zu bleiben. Ihr müßt davon ausgehen, daß außer dem Jetzt nichts existiert. Aber bitte, macht daraus kein moralisches Gesetz, daß ihr im Jetzt leben solltet. Das wäre unmöglich. Wenn ihr eine Schallplatte abspielt, repräsentiert die Stelle, an der die Nadel die Platte berührt, das Jetzt. Aber wenn ihr vergeßt, was vorher gespielt wurde oder nicht hört, was noch kommt, dann kann die ganze Platte, das ganze Stück, man könnte sagen: die Bedeutung der Musik nicht verstanden werden . Das Jetzt ist die Nadel, die die Platte berührt, und wir sind nicht in der Lage, uns etwas gewahr zu werden, das erst in der Zukunft geschehen wird oder bereits in der Vergangenheit geschehen ist.

Auf der anderen Seite schleppen wir eine Menge Erinnerungen und Unerledigtes mit uns herum. All das gibt es hier und jetzt, unter der Oberfläche. Ihr habt alle möglichen Ansichten: Erwartungen an die Zukunft, Katastrophenerwartungen, Glückserwartungen, Hoffnungen usw. Wieviel davon begründet oder rational ist, steht auf einem anderen Blatt, denn wir alle glauben an Phänomene und Ideen, die reine Glaubenssache oder bloßer Aberglaube sind. Die Idee der transzendental-phänomenologischen Reduzierung ist eigentlich nichts anderes als der Versuch, herauszufinden, was an unseren Ideen und Glaubensvorstellungen nur Maya oder Illusion, und wieviel vernünftig und berechtigt ist.

Ihr werdet das in unserer Arbeit immer wieder beobachten. Ihr glaubt, wenn ihr auf jemanden sauer seid, werdet ihr nicht mehr gemocht, oder daß wenn ihr dieses und jenes tut, etwas Bestimmtes passieren wird, ohne euch jemals die Mühe zu machen, es wirklich auszuprobieren. Oder ihr glaubt, daß eure Eltern schreckliche Leute sind. Natürlich sind Eltern nie perfekt. Sind sie groß, sollten sie kleiner sein, sind sie dick, sollten sie dünner sein, sind sie streng, sollten sie rücksichtsvoller sein, und wenn sie dich verwöhnt haben, wären sie besser etwas strenger gewesen. Wir sind voll von diesem ganzen psychotischen Müll, den Freud zuerst entdeckt und als Komplex bezeichnet hat.

Aber dieser psychotische Müll besteht aus weit mehr als nur Komplexen. Die Katastrophenerwartungen, unsere Glaubenssätze, das ganze System des Ich und der Selbstachtung und der größte Teil unseres sogenannten Denkens gehören ebenso dazu wie das unablässige Geschwätz, das manche Menschen 24 Stunden am Tag hervorbringen. Sie denken und denken, sie produzieren Worte, Worte und nochmals Worte und denken oft sogar, diese Worte hätten magische Kräfte. Sie sagen sich: "Jetzt sollte ich dies und jenes tun", und glauben, daß sie dadurch irgend etwas ändern könnten. Aber das stimmt nicht. Das sind selbstquälerische Spielchen, die dazu führen, daß man immer wieder enttäuscht wird, weil sich nichts wirklich verändert; die Auswirkungen auf die Realität sind gleich null. Wachstum, Entwicklung und der Einsatz unseres Potentials geschehen von allein. Wir tun nichts anderes, als uns selbst am Wachsen zu hindern.

Die Therapie kann uns helfen zu verstehen, in welcher Weise wir uns behindern und was wir uns selbst antun. Wachstum ist immer mit etwas verbunden, das ich als Mini-Satori (28) bezeichne. Wenn wir aus der Trance des Selbstbetrugs und des ständigen Redens erwachen und wieder in Kontakt mit der Welt sind, dann fällt eine Last von uns ab, und es hat ein winziger Wachstumsschritt stattgefunden - ganz von selbst.

Laßt uns zumindest einen kurzen Blick darauf werfen, wie wir uns selbst daran hindern zu sein und zu wachsen. Ich denke, es ist eine Mischung. Wir befinden uns in einer Übergangsphase. Während der letzten Jahrhunderte - und bis in die letzten Jahrzehnte hinein - ging es in unserer Gesellschaft darum, nach strikten Regeln zu handeln und sich richtig zu verhalten. Obwohl dieser Puritanismus keineswegs verschwunden ist, denn wir leben nach wie vor mit vielen Tabus, die uns alles mögliche verbieten, hat sich doch die Mehrheit um 180 Grad gedreht. Die meisten Menschen leben nicht mehr für das, was richtig ist, was immer das auch heißen mag, sondern für ihr Vergnügen und ihren Spaß. Wir sind in ein hedonistisches Zeitalter eingetreten, in dem wir alles Leiden und alles Unbequeme vermeiden. Ob es sich beim Leiden um eine Perversion oder eine Störung handelt, oder ob es eine gesunde Leiderfahrung ist, wie etwa die notwendige Frustration, wir betrachten es einfach als Masochismus und blenden es aus. An die Stelle der Freude ist der Spaß getreten, vorgefertigt wie im Fernsehen. Drogen und High-Sein verkürzen die Erfahrung, und die High-Macher haben Hochkonjunktur, weil es so schön ist. Wir fragen uns nicht mehr, ob das Freude macht und unserem Wachstum dient.

Freude ist etwas anderes als Spaß. Freude ist Glut, sie ist die tiefste Art, Glück zu erfahren. Noch einmal: Wir versprühen hier keine Glückseligkeit, nicht einmal elektromagnetische Alphawellen. Wie gewonnen, so zerronnen. Es gibt keine Abkürzung. Allein das Wörtchen jetzt zu verstehen braucht lange, vielleicht sogar viele Jahre.

Wenn es stimmt, daß wir in unserer hedonistischen Zeit jede Art von Unannehmlichkeit vermeiden wollen, dann wird der ganze Prozeß in der Therapie und in anderen "Wachstumserfahrungen" deutlich werden. Wir stellen fest, daß jemand zuerst im Jetzt bleibt und in Kontakt mit dem ist, dessen er gewahr ist, denn Gewahrsein des Gegenwärtigen und Jetzt sind ein und dasselbe. Und plötzlich bemerkt man, daß er sein Gewahrsein abblockt. In diesem Moment vermeidet er es, sich dem Unbequemen zu stellen. Alles, was zu seiner sogenannten unangenehmen Erfahrung beiträgt, wird unterdrückt oder projiziert. Das Schöne ist, daß sobald wir den Mut aufbringen, dem Unangenehmen zu begegnen, es fast immer verschwindet und sich in etwas Angenehmes, etwas Schönes oder Wirkliches verwandelt.

Eines der Hemmnisse des Wachstums ist die Bildung des Charakters, vor allem die Ausbildung des neurotischen Charakters. Wachstum ist der Übergang von äußerer Unterstützung zu Selbstunterstützung. Das Baby ist ganz und gar von der Unterstützung durch die Umwelt abhängig, und während es wächst, wird es immer unabhängiger. Viele Erwachsene machen sich abhängig, vor allem vom Urteil anderer, die sie häufig nicht einmal kennen, und ihr Selbstbewußtsein ist so schwach, daß sie sehr viel Zustimmung brauchen. Aber durch all die Frustrationen, die wir erfahren, als Kinder und Erwachsene, fangen wir irgendwann an, unsere Umgebung zu manipulieren. Wir schaffen starke Bündnisse und entwickeln in unserer Umwelt ein System von Rollenspielen. Wir fangen an, hilflos oder dumm zu erscheinen. Wir werden Tyrannen, Arschkriecher, lernen Daumenlutschen, lernen zu drohen und erfinden alle möglichen Mittel, um unsere Umgebung dazu zu bringen, uns zu unterstützen, weil wir uns selbst nicht erlauben, unser volles Potential zu entwickeln und auf unseren eigenen Beinen zu stehen. Wir stellen Fragen, um zu verstehen. Dabei ist alles, was wir wissen können, in uns selbst zu finden; wir bräuchten die Fragen nur in Aussagen umzuwandeln und den Hintergrund zu öffnen. Dort sind die Antworten schon gegeben. Wir erfinden jedoch Fragen, um mit uns und unserer Umwelt zu sprechen; aber jedes Fragezeichen hat einen Haken.

Es gibt einen Ort, an dem unsere Psychose sehr dicht ist und wir wirklich völlig verrückt sind: der Traum. Selbst im paradoxesten Traum wird das Geträumte als wirklich erlebt. Wir werden soviel wie möglich mit Träumen arbeiten und dabei eine Menge interessanter Dinge feststellen.

Der andere interessante Teil unserer Persönlichkeit, der uns selbst unbekannt, aber für jeden anderen offensichtlich ist, ist das Nonverbale: die Haltung, die psychosomatischen Symptome und die Stimme. Meistens sind wir aber so sehr in unser Geschwätz, in Abstraktionen und Computer-Aktivitäten (29) verstrickt, daß wir den Sinn für die Wirklichkeit verloren haben.

Genug bullshit (30) für den Anfang. Laßt uns arbeiten.

Ann (31): Zwei Träume. Ich heiße Ann. Es gibt zwei Träume, die ich immer wieder habe - mit wiederkehrenden Themen.

F.P.: Wiederholungsträume sind die wichtigsten überhaupt. Freud machte einen weitreichenden Fehler im Zusammenhang mit der zwanghaften Wiederholung. Er dachte, wenn man etwas fortwährend wiederholt, z.B. einen Traum oder eine Gewohnheit, dann sei das ein Defizit. Ich glaube, damit hat er völlig unrecht. Vielmehr glaube ich, daß ein Wiederholungstraum und alles andere, das wir wiederholen, den Versuch darstellt, eine Gestalt zu schließen. Aber jedesmal kommt etwas dazwischen, das einen daran hindert, die Situation abzuschließen. Das ist kein Defizit. Es ist im Gegenteil eine lebensunterstützende Tätigkeit. Also, was wiederholt sich in deinem Traum?

Ann: Also, im letzten Traum, der sich ein paarmal wiederholt hat, bin ich in Berkeley. Immer wieder tauchen Polizisten auf, und ich gehe immer weg. Das letzte Mal war ich, glaube ich, in einem großen Gebäude. Ich wurde die Treppe hinuntergestoßen. Ich war mit all diesen Schwarzen zusammen, meine Mitbewohnerin war auch dort. Sie identifizierten uns, und ich dachte, weil ich weiß bin, könnte ich kämpfen und weglaufen.

 

F.P.: Spiel den Bullen.

Ann: Ich bin der Bulle. Soll ich fühlen, wie es ist, Bulle zu sein?

F.P.: Ja. Laßt mich das noch einmal sagen. Der Erfolg hängt davon ab, wie sehr ihr euch in die Rolle hineinversetzen und euch damit identifizieren könnt.

Ann: Jetzt bin ich der Bulle, und das gefällt mir nicht; ich will keine Leute herumschubsen.

F.P.: Wenn du kein Bulle sein willst, warum bist du einer geworden?

Ann: Ich bin kein Bulle.

F.P.: Du bist kein Bulle.

Ann: Nein, ich fühle mich herumgestoßen von einem gesichtslosen Bullen.

F.P.: Sei ein gesichtsloser Bulle. Das hier ist ein Theater, eine Bühne. Wenn ich dir die Anweisung gebe, spielst du einen gesichtslosen Polizisten. Schau, ob du mit der Anweisung zurechtkommst.

Ann [leise]: Ich bin ein Bulle und stoße die Leute von mir weg, ich verletze sie und sage ihnen, was sie tun sollen.

F.P.: Ich glaube dir nicht.

Ann: Ich will kein Polizist sein, ich identifiziere mich nicht mit diesem Teil des Traumes.

F.P.: Ich weiß.

Ann: [...]

F.P.: Okay, den anderen Stuhl. Setz den Polizisten auf diesen Stuhl. Gib ihm eine Blume oder was auch immer. [Publikum lacht]

Ann: Nein. Du bist ein dreckiges Schwein.

F.P.: Noch einmal.

Ann: Du bist ein dreckiges Schwein.

F.P.: Lauter.

Ann: Du bist ein dreckiges Schwein.

F.P.: Lauter.

Ann: Du bist ein dreckiges Schwein.

F.P.: Bemerkst du, daß du mich jedesmal ansiehst und lächelst? Ich sehe, daß dein linkes Bein ein bißchen lebendiger wird. [...]

Ann: Du bist ein dreckiges Schwein, ich will nicht, daß du einen Aufstand machst, weil ich hier herumsitze, und ich will nicht, daß du meine Freunde schikanierst.

F.P.: Jetzt tausche die Plätze.

Ann: Ich kenne euch nicht. Man hat mir gesagt, ich soll herkommen; ich mache nur meinen Job.

F.P.: Also, schreib ein Skript zwischen dir und dem dreckigen Bullen.

Ann: Du bist ein dreckiger Bulle und hast kein Gesicht. Ich sehe ein Gesicht, aber für dich empfinde ich nichts. Du bist weit weg.

F.P.: Schließ die Augen.

Ann: Ich sehe eine Menge fetter, lächelnder Gesichter, nervöse Gesichter mit verspanntem Kiefer.

F.P.: Sprich zu der Verspannung im Kiefer.

Ann [leise]: Scher dich weg.

F.P.: Noch einmal.

Ann [etwas lauter]: Scher dich weg.

F.P.: Würdest du es so sagen?

Ann [leise]: Hau ab, Mann, hau ab.

F.P.: Würdest du das so sagen? Hör auf deine Stimme, ich glaub' dir nicht.

Ann [lauter]: Zieh Leine! Hau ab!

F.P.: Ah! Da ist die Stimme. Sag es noch einmal.

Ann [lauter]: Verschwinde!

F.P.: Noch einmal.

Ann [noch lauter]: Verschwinde!

F.P.: Noch einmal.

Ann [sehr laut]: Verschwinde! Verschwinde! Verschwinde!

F.P.: Was fühlst du jetzt?

Ann: Wut, Ärger.

F.P.: Jetzt laß den Polizisten zu dir sagen: "Ich bin wütend und böse auf dich."

Ann: Ich bin wütend und böse auf dich.

Ich fühle mich nicht wie der Polizist. Das sind meine Gefühle dem Polizisten gegenüber.

F.P.: Du sagst es also zu ihm. Du siehst, wie schwer es oft ist, wenn der Verstand sagt, das sei nicht nett - wo du doch ein so liebenswertes und nettes Mädchen bist. Wie könnte ein so nettes Mädchen das Herz eines Bullen haben?

Der Dämon, den wir in uns haben und den wir meistens nicht wahrhaben wollen, erscheint hier in Gestalt eines Polizisten. Ihr seht, wieviel Macht sie diesem Bullen gibt. Natürlich hat sie das alles wunderbar rationalisiert. ... (32) Wie fühlst du dich?

Ann: Ich habe nicht das Gefühl, daß der Bulle soviel Macht hat.

F.P.: Vielleicht fällt euch auf, daß sie mit einem geschlossenen System angefangen hat. Die linke Hand ging zur rechten und die rechte Hand zur linken. [...] Wie kann man leben, wenn man sich so verschränkt? Jetzt ist sie offen. Und das ist etwas ganz anderes.

Ann: Ich fühle mich entspannter.

F.P.: Wir wollen sehen, ob wir dir nicht ein bißchen mehr Bullenkraft geben können. Fang noch einmal an.

Ann: Verschwinde, verstehst du, hau ab und laß uns in Frieden. Laß mich in Ruhe.

F.P.: Sag das noch mal.

Ann: Hau einfach ab!

F.P.: Noch mal.

Ann: Hau ab!

F.P.: Lauter.

Ann [lauter]: Hau ab!

F.P.: Lauter.

Ann [noch lauter]: Hau ab!

F.P.: Noch mal.

Ann [noch lauter]: Hau ab!

F.P.: Noch mal.

Ann [schreit]: Hau ab!

F.P.: Noch mal.

Ann [schreit]: Hau ab! [lange Pause] Ich weine!?

F.P.: Ja. Das passiert häufig, daß die Härte und das Weinen zusammen auftauchen. Sie sind gute Polaritäten. Was sagt der Polizist?

Ann: Tut mir leid, aber ich habe meine Anweisungen, und ich muß wiederkommen. Verpiß dich, verstehst du? Sonst mach ich dich alle.

F.P.: Wer sagt "Verpiß dich"?

Ann: Ich, ich bin ich selbst.

F.P.: Okay, dann sagst du es. [Publikum lacht]

Ann: ... der Bulle, verstehst du. Steh auf. [Pause] Ich gehe, wenn es mir paßt. Ich wache auf und schaue raus, und da sitzt du auf meiner verdammten Terrasse. Hau ab! [laut]

F.P.: Wann war der Bulle das letzte Mal auf deiner Terrasse?

Ann: Vor zwei Monaten.

F.P.: Was wollte er?

Ann: Sie standen an der Ecke, weißt du, als sie alle auf einen Kaffee vorbeikamen. Sobald du wach wirst und nachts über den Campus gehst, sitzen sie da und ...man fühlt sich nicht zuhause. Sie reden nie mit dir, sie lachen nie ...

F.P.: Bist du sicher, daß es eine Person und kein Symbol ist, zu dem du sprichst?

Ann: Ich habe keine Zeit ... Symbol. Ich hasse es, und ich hasse es, daß sie Symbole sind.

F.P.: Kannst du jetzt das Symbol spielen? "Ich bin ein Symbol des Establishments ..." Sprich zu den Leuten hier. Gib uns eine gute Vorstellung.

Ann: Ich, ein Symbol? [Lachen im Publikum] Du meinst, was das Symbol sagen würde?

F.P.: Ja, was das Symbol sagen würde. Spiel das Symbol.

Ann: Ich bin ein Symbol des Establishments. Und ich bin sehr stolz, daß ich das Establishment unterstützen kann. Ich will alles ruhig halten, und ich stoße euch herum. Ich glaube, es gefällt ihnen richtig, uns wegzustoßen.

F.P.: Wie würdest du mich gerne wegstoßen?

Ann: Überhaupt nicht.

F.P.: Überhaupt nicht?

Ann: Nein.

F.P.: Warum nicht?

Ann: Hmm?

F.P.: Was spricht dagegen?

Ann: Dir gegenüber habe ich überhaupt keine solchen Gefühle.

F.P.: Wie wär's ... jetzt?

Ann: Nein, ich will die Bullen wegstoßen.

F.P.: Hast du jemals die Bullen weggestoßen?

Ann: Nein, noch nie, aber ich bin von ihnen geschlagen worden.

F.P.: Ich sehe Tränen. Darf ich dir einen Satz vorschlagen? "Seht was ihr mir antut"

Ann [weinend und laut]: Seht was ihr Dreckskerle mir antut! Ihr tut alles dafür, daß ich nicht mal in meinem eigenen Haus leben kann!

F.P. [nach einer langen Pause]: Wie fühlst du dich jetzt?

Ann: [...] Ich hasse sie noch immer!

F.P.: Was ist mit deiner eigenen Stärke?

Ann: Ich fühle mich stärker ... und erleichtert.

F.P.: Soweit erstmal.

[Band endet hier]


Anmerkungen:

Einführung

(1) Reese, Karin: Body and Soul in Esalen, in: Reese, Karin (Hrsg.): DIG. Neue Bewußtseinsmodelle. Frankfurt/Main 1970 (März), S. 135ff.

(2) vgl. Der Weg zur Gestalttherapie. Lore Perls im Gespräch mit Daniel Rosenblatt. Wuppertal 1997 (Hammer); vgl. auch: Rosenblatt, Daniel: Zwischen Männern. Gestalttherapie und Homosexualität. Wuppertal 1998 (Hammer), S. 13-71.

(3) Reese, Karin: Body and Soul in Esalen, aaO., S. 141.

(4) Perls, Lore: Begriffe und Fehlbegriffe der Gestalttherapie, in: Perls, Frederick S.: Gestalt - Wachstum - Inegration. Aufsätze, Vorträge, Therapiesitzungen (Hrsg. von Hilarion Petzold). Paderborn (2) 1985 (Junfermann), S. 260.

(5) Reese, Karin: Body and Soul in Esalen, aaO., S. 135.

(6) Ebd., S. 150.

(7) Der Weg zur Gestalttherapie, aaO., S. 126.

(8) Roszak, Theodore: Die Gestalttherapie bei Paul Goodman, in: Reese (Hrsg.), aaO., S. 152f.

(9) vgl. Frambach, Ludwig: Identität und Befreiung in Gestalttherapie, Zen und christlicher Spiritualität. Petersberg 1993 (Vianova), S. 83ff.

(10) Naranjo, Claudio: Gestalt - Präsenz, Gewahrsein, Verantwortung. Grundhaltung und Praxis einer lebendigen Therapie. Freiamt 1996 (Arbor), S. 276.

(11) vgl. Perls, Lore: Begriffe und Fehlbegriffe der Gestalttherapie, aaO., S. 255ff.

(12) vgl. Perls, Frederick S.: Gestalttherapie in Aktion. Stuttgart (6) 1993 (Klett-Cotta), S. 10ff.

(13) Petzold, Hilarion: Einleitung, in: Perls, Friedrich S.: Gestalt - Wachstum - Integration, aaO., S. 9.

(14) Perls, Friedrich S.: Gestalt - Wachstum - Integration, aaO., S. 170.

(15) vgl. Der Weg zur Gestalttherapie, aaO.

(16) Frambach, Ludwig: Die Ursprünge der Gestalttherapie, in: Gestaltkritik 2/1996, S. 41. Erhältlich bei: Gestalt-Institut Köln / GIK Bildungswerkstatt, Rurstr. 9, 50937 Köln.

(17) Cohn, Ruth C. / Farau, Alfred: Gelebte Geschichte der Psychotherapie. Zwei Perspektiven. Stuttgart 1995 (Klett-Cotta), S. 301.

(18) Staemmler, Frank-M. / Bock, Werner: Ganzheitliche Veränderung in der Gestalttherapie. Wuppertal 1998 (Hammer), S. 36.

(19) vgl. Perls, Frederick S.: Gestalttherapie in Aktion, aaO.

(20) Wysong, Joe: Editors's Preface, in:Perls, Frederick S.: Gestalt Therapy Verbatim, Highland, NY 1992, S. VI.

(21) vgl. u.a. Perls, Frederick S.: Gestalttherapie in Aktion, aaO.; Perls, Friedrich S.: Gestalt - Wachstum - Integration, aaO.; Perls, Fritz: Grundlagen der Gestalttherapie. Einführung und Sitzungsprotokolle. München (6) 1985 (Pfeiffer); Perls, Frederick / Baumgardner, Patricia: Das Vermächtnis der Gestalttherapie. Stuttgart 1990 (Klett-Cotta).

 

Kapitel 2 / Band 2

(28) Aha-Erlebnis, ein kleine Erleuchtung.

(29) Gedanken-Aktivitäten.

(30) Rationalisierung bzw. Geschwafel.

(31) alle Namen wurden geändert.

(32) ... = d.h. Pause auf dem Tonband.

Hier finden Sie noch einen weiteren Beitrag von Fritz Perls:

Interview: Was ist Gestalttherapie? 

 Praxisadressen von Gestalttherapeuten/-innen

 Kurzinfo zu Autor und Buch:

Dr. Frederik S. Perls

(genannt: Fritz), 1893-1970. Begründer der Gestalttherapie - zusammen mit seiner Frau Lore Perls und dem amerikanischen Sozialphilosophen und Schriftsteller Paul Goodman.

Was ist Gestalttherapie?

Dieses Buch ist ein wichtiges historisches Dokument. Zum großen Teil erscheinen die hier veröffentlichten Texte des weltberühmten Mitbegründers der Gestalttherapie, Fritz Perls, zum ersten Mal in Schriftform: Vorträge, Demonstrationen, ein wirklich außergewöhnliches Interview und schließlich seine autobiographischen Stichworte.
140 Seiten / broschiert / mit seltenen Fotos

Bezug des Buches:

Gestalt-Institut Köln / GIK Bildungswerkstatt
14,90 Euro

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