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Erhard Doubrawa
Zwei Paare
Erzählte Gestalttherapie


Aus der Gestaltkritik

Gestaltkritik - Die Zeitschrift mit Programm aus dem Gestalt-Institut Köln
Gestaltkritik (Internet): ISSN 1615-1712

Themenschwerpunkte:

Gestaltkritik verbindet die Ankündigung unseres aktuellen Veranstaltungs- und Weiterbildungsprogramms mit dem Abdruck von Originalbeiträgen: Texte aus unseren "Werkstätten" und denen unserer Freunde.

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Praxisadressen von Gestalttherapeuten/-innen

  Hier folgt der Abdruck eines Beitrages aus der Gestaltkritik 2-2003:

Erhard Doubrawa
Zwei Paare
Erzählte Gestalttherapie

 

Foto: Erhard DoubrawaErhard Doubrawa (Foto: Hagen Willsch)

 

Für viele Menschen beginnen Partnerschaften noch wie ein Märchen oder zumindest mit der Hoffnung - sei sie eingestanden oder nicht -, daß Träume wahr werden: Vom guten Leben miteinander, vom wechselseitigen Verstehen, von Sicherheit, von Innigkeit, vom Glück. Manchmal werden solche Märchen wahr, oft aber verfliegen die Träume, tritt die Ernüchterung ein oder gar Enttäuschung. Manchmal geschehen Märchen einfach. Oft aber, vielleicht meistens sogar, muß das Glück verdient, erarbeitet werden. (Hilarion Petzold)

 

Renate und Martin

Renate und Martin habe ich über rund zwei Jahre begleitet. Ihre Beziehung war von Anfang an schwierig gewesen. Renate war wenige Monate, nachdem die beiden zusammengefunden hatten, schwanger geworden. Beide hatten sich für "das Kind" entschieden. Und die Zwillinge - Gesa und Meike - waren inzwischen zur Welt gekommen und fast zwei Jahre alt.

Die beiden waren kurz nach der Geburt der Zwillinge zu mir in die Praxis gekommen. Aber über die Therapie möchte ich gar nicht weiter berichten. Mir geht es hier viel mehr um das Ende der Begleitung der beiden. Die Paartherapie war nicht erfolgreich - in dem Sinne, daß die beiden besser zusammengefunden hätten. Es war zwar immer klar, daß die beiden sich liebten. Doch, wie wir wahrscheinlich alle schon erfahren mußten, reicht Liebe allein für eine glückliche Ehe nicht aus.

Irgendwann jedenfalls entschieden sie, ihr mühevolles Projekt "Beziehung" als gescheitert anzusehen. Sie fragten bei mir an, ob ich sie bei ihrer Trennung begleiten könne. Es war ihnen wichtig, sich auf eine gute Weise zu trennen. Auch, damit Gesa und Meike nicht mehr als nötig darunter zu leiden hätten. So kamen wir zu unserer ersten Trennungsbegleitungssitzung zusammen.

Die beiden wirkten sehr verletzt voneinander. Renate war voll von direkten Vorwürfen - ihre Weise, mit dem Schmerz umzugehen. Martin sei seinen Vaterpflichten überhaupt nicht nachgekommen. Er habe sich rar gemacht. Immer sei es ihm nur um seine Arbeit gegangen. Er sei ein genauso "abwesender Vater" geworden, wie ihr eigener Vater es gewesen war.

Martin verhielt sich eher sehr zurückhaltend und distanziert. Wenn er, mit geröteten trockenen Augen, über seinen Schmerz sprach, machte er ihr indirekte Vorwürfe: "Niemand würdigt, was ich für unsere Familie getan habe. Ich habe mir den Arsch abgearbeitet, alles für euch."

Augenblicklich begannen die beiden einen Streit. Sie reagierte wie "angestochen" mit unbändiger Wut über sein "Jammern". Er wiederholte seine Klage über den mangelnden Dank, der ja erneut sichtbar geworden sei.

Es war wie ein Ping-Pong-Spiel. Der Ball wechselte blitzschnell die Seiten. Keiner hörte dem anderen zu. Jeder reagierte auf irgendein Stichwort, das der andere hatte fallen lassen. Aber - wer von uns ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein. Ich jedenfalls kenne diese Art von Streit aus meiner eigenen Ehe zur Genüge. Und aus der Arbeit mit anderen Paaren natürlich auch. Sie, liebe Leserinnen und Leser, werden ihn wahrscheinlich ebenfalls kennen.

Doch immer wieder betonten Renate und Martin, daß sie sich "im Guten" trennen möchten. Auch und gerade "wegen der Zwillinge".

So begann ich mit einer Methode, die ich mit Paaren immer versuche. Ich lud die beiden ein, sich wechselseitig besser zuzuhören, um derart herauszubekommen, worum es dem Gegenüber eigentlich geht. Denn einander nicht zuzuhören, das konnten sie schon gut genug, wie sie mir gleich zu Beginn der Sitzung bewiesen hatten. Ich sagte ihnen das - mit einem Schmunzeln. Ich sagte ihnen natürlich auch, daß ich dieses Aneinander-Vorbeireden durchaus aus meiner eigenen Ehe kennen würde.

Ich schlug ihnen also vor, ihre Interaktion zu verlangsamen und das "3-Schritte-Modell" anzuwenden. Das geht so:

 

Der eine Partner erzählt von der Verletzung, die er spürt. Den anderen Partner frage ich danach:

1. "Was hast du gehört?" Als Antwort gibt er kurz wieder, was er gehört hat. Ich achte darauf, daß er sich nur auf die Wiedergabe des Gehörten beschränkt und dabei nicht bewertet. Das ist gar nicht so leicht, wie es sich anhört. Es ist nämlich richtig schwer, am wahrgenommenen Phänomen zu bleiben.

2. "Was ist deine innere Resonanz darauf? Was löst das Gehörte bei dir aus?" Er soll sich noch nicht an den Partner wenden, sondern nur seine "innere Antwort" erforschen und aussprechen.

3. "Was möchtest du deinem Partner von deinem inneren Erleben berichten?"

Schließlich ist der andere Partner auf die gleiche Weise, d.h. auch mit diesen drei Schritten an der Reihe.

Ich bestehe darauf, daß kein Schritt ausgelassen wird. Im Alltag geschieht das nämlich häufig. Der eine Partner versteht manchmal gar nicht, was der andere sagt. Er glaubt bloß, ihn zu verstehen und reagiert nicht auf das Gesagte, sondern nur darauf, was er angenommen hat, daß es gemeint sei.

In der Gestalttherapie nennen wir das "mangelnden Kontakt miteinander". Der (Gesprächs-)Partner ist dabei ausschließlich in Kontakt mit sich selbst: Er versteht nicht, sondern phantasiert ("projiziert"). "Projektion" ist ein wichtiger Begriff in der Gestalttherapie. Wenn jemand projiziert, läuft das so ab: Er sagt zu sich: "Mein Gesprächspartner meint B." Dieses "B" wird jedoch nicht überprüft, sondern unterstellt. Er reagiert mit "Y" auf diesen unterstellten (projizierten) Inhalt. Der Gesprächspartner erfährt jedoch nicht, daß "B" verstanden worden ist, sondern unterstellt seinerseits, daß "Y" eine Reaktion auf seine ursprüngliche Botschaft "A" sei. Er findet es verständlicherweise unangemessen, daß mit "Y" auf "A" reagiert wird und reagiert seinerseits mit "Z". In der Alltagssprache sagt man dann, daß die beiden "aneinander vorbei reden". Die Ursache für das "Aneinander-Vorbeireden" ist die Projektion. Das wird meist übersehen.

Die Projektion resultiert daraus, daß die Gesprächspartner nicht genügend Aufmerksamkeit gegenüber den Phänomenen aufbringen, daß es ihnen an "Gewahrsein" fehlt. Darum arbeiten wir in der Gestalttherapie so hart an einer Verbesserung des Gewahrseins.

 

Die beiden machten ab, daß Martin beginnen solle.

Er berichtete von seiner Arbeit. Es sei schwerer für ihn geworden, sein Geld zu verdienen. Vielleicht liege es daran, daß er älter geworden sei. Vielleicht auch daran, daß es für einen Mittvierziger schon anstrengender ist, Vater zu sein, als für einen jüngeren Mann. Aber ganz sicher daran, daß der Markt enger geworden sei. Daß er als Selbständiger heute mehr arbeiten müsse fürs gleiche Geld.

Renate ging "wie eine Rakete" in die Höhe. "Wieder erzählst du so einen Quatsch. Du bist doch gar kein richtiger Vater. Du bist doch nie da. Du kriegst Gesa und Meike doch gar nicht mit. Du kommst immer erst nach Hause, wenn sie schon längst im Bett sind."

Ich unterbrach sie, um sie erneut auf die Regeln des 3-Schritte-Modells hinzuweisen. Martin bat ich, nicht auf das einzugehen, was Renate gerade gesagt hatte. Ich sagte beiden außerdem, daß es wirklich schwer sei, was wir da gerade versuchen würden. Dann bat ich Martin, das, was er vorhin gesagt hatte, noch einmal zu sagen. Es gelang ihm erst im dritten Anlauf. Denn "natürlich" nahm er jetzt Bezug auf Renates eben geäußerten Vorwürfe.

Als er endete, forderte ich Renate auf, das Gehörte möglichst ohne Verzerrung und vor allem ohne Wertung wiederzugeben. Das versuchte sie. Es gelang ihr auch ganz gut - im dritten Anlauf. Sie sagte, daß es für Martin heute schwerer

geworden sei, das gleiche Geld wie früher zu verdienen. Das liege sicher am veränderten Markt und vielleicht auch an seinem Alter. Und daran, daß er jetzt Vater sei, was er als anstrengend empfinde.

Nun bat ich sie, sich vorzustellen, wie es Martin wohl mit dem Gesagten gehen müsse. Sie vermutete, daß er darunter leiden würde. Daß er wohl immer angestrengt und angespannt sein würde. Sie führte weiter aus, daß sie die ständige Sorge wegen des Geldes auch von ihren Eltern kennen würde, die einen kleinen Handwerksbetrieb hätten. Zum ersten Mal hielt sie länger inne. Schluckte einmal. Und noch einmal. Dann sagte sie: "Mist. Das war schon als Kind immer sehr belastend für mich. Ich wollte das auf keinen Fall selbst so haben, wenn ich einmal erwachsen sein würde." Sie schaute hinüber zu Martin. Ich hatte den Eindruck, es war das erste Mal während dieser Sitzung. Sie sagte ihm, sie könne den Druck, unter dem er steht, durchaus nachvollziehen. Sie habe ihn sich aber bis jetzt aus eben den genannten Gründen immer fern gehalten.

Ich blickte zu Martin. Seine geröteten Augen waren ein wenig feucht geworden. Seine Stimme krächzte ein bißchen, als er antwortete: "Diese Reaktion, die du gerade geäußert hast, die habe ich mir eigentlich schon immer von dir gewünscht. Und die habe ich bisher immer so vermißt. Sie hat mir so gefehlt."

Noch bevor Renate ein "Ja aber" hätte sagen können, bat ich sie erneut, das zu wiederholen, was Martin gerade geäußert hatte. Diesmal klappte es schon beim zweiten Anlauf: Ihm habe ihr Mitgefühl, was seine Arbeitsbelastung angehe, gefehlt. Er habe es vermißt und sich doch immer so danach gesehnt. "Ja, das stimmt. Das habe ich dir gegenüber nie geäußert," sagte Renate. "Ich weiß doch sehr genau, wie wichtig es für dich gewesen wäre."

Dies nun ist eine heikle Stelle für die Paartherapie - ja für die Gestalttherapie überhaupt. Wir können (natürlich gemeinsam mit den Klienten) nur das erforschen, was wir ohne Bewertung anschauen können. Jetzt bestünde die Gefahr, daß Martin Renate einen Vorwurf daraus machen könnte. Wer könnte ihm das verdenken? Dann würde Renate sich natürlich unmittelbar wieder verschließen. Umgekehrt, könnte Renate sich selbst Vorwürfe machen. Auch das hätte keine gute, keine öffnende Wirkung, sondern eine verschließende. Spätestens sicherlich dann, wenn Martin auf diese Selbstvorwürfe Bezug nehmen würde.

Also, was machen in einer solchen heiklen Situation? Ich habe den beiden diese Gefahr im Paarprozeß deutlich gemacht. Davon gesprochen, daß sie sich beide jetzt etwas füreinander geöffnet hätten und berührbarer, aber auch verletzlicher geworden seien. Das Gelingen unseres gemeinsamen Vorhabens hinge jetzt von ihrer "Disziplin" ab. Ja, ich habe dieses verpönte Wort wirklich benutzt. Sie haben es auf eine gute Weise angenommen und im weiteren beherzigt.

Ich bat Renate, noch einmal zu wiederholen, was sie zuletzt gesagt hatte. Sie tat es und fügte hinzu, sie bedaure, daß Martin ihr Mitgefühl diesbezüglich habe entbehren müssen.

Martin fing an zu weinen. Schluchzend sprach er davon, daß er natürlich seine Arbeit auch mögen würde. Aber vor allem sei es ihm darum gegangen, Geld für seine Familie zu verdienen. Ihnen zuhause sollte es gut gehen.

Wieder ein heikler Moment in unserem Prozeß. Ein "Ja aber" von Renate hätte hier alles zunichte machen können. Ich schlug ihr deshalb einen Satz vor. Sie sollte Martin anblicken und ihm sagen: "Ja, ich weiß, daß es dir dabei um uns gegangen ist."

Zuerst zögerte sie. Aber vertrauensvoll nahm sie meinen Vorschlag auf, wiederholte meinen Satz und blickte Martin an. Martin weinte noch mehr. Dann sagte er, daß sich sein Weinen verändern würde. Erst sei es nur Schmerz gewesen, was er gefühlt habe. Nun werde es zunehmend mehr Freude über das, was Renate gesagt habe. Schon vorhin sei das so gewesen, als sie ihr Bedauern ausgesprochen habe.

Auch Renate war sehr gerührt. Sie sei mit ihrem Wohlwollen schon lange nicht mehr zu Martin durchgedrungen. Tief in ihrem Herzen meine sie es gut mit ihm. Schon immer. Eigentlich immer noch.

Es war Zeit, die Rollen zu wechseln. Nun mußte Martin ohne Bewertung wiederholen, was Renate gerade gesagt hatte. "Du hast gesagt, daß du es in deinem Herzen gut mit mir meinst." Und dann fügt er hinzu, daß er das "im Herzen" auch wisse. Nun weinte auch Renate. Traurig, weil sie mit ihrer ungestillten Sehnsucht in Kontakt gekommen war. Doch sie war auch ein wenig freudig gerührt. Nein, die Zeit mit diesem Mann sei kein Fehlgriff und keine Verschwendung gewesen.

Martin würdigte schließlich, was Renate für die Zwillinge und für ihn getan hat. Daß sie ihre berufliche Entwicklung "auf Eis gelegt", Gesa und Meike viel Zeit gewidmet hat. Natürlich zwar gern, aber weil Martin so wenig Zeit für die beiden Kleinen hatte oder - etwa am Wochenende - zu müde dazu war. Renate sagte das jetzt ohne Vorwurf.

Das ermöglichte es Martin, Renates Leistung zu würdigen. Die beiden begannen, einander für das Gute zu danken, was sie voneinander empfangen hatten. Renate auch für das Geld, das Martin für "uns vier" verdient hat.

Diese disziplinierte Arbeit legte die Grundlage für die Trennungsvereinbarung von Renate und Martin. Er unterstützte einige Jahre später wirklich großzügig ihr Psychologie-Studium, das sie immer schon gerne hatte machen wollen. Doch auch vorher "ließ er sich nicht lumpen", was seine Alimente für die Zwillinge und seinen Beitrag für Renate anging.

Manch einer fragt sich vielleicht, ob eine solche Öffnungsarbeit in einer Trennungsbegleitung angebracht sei. Ob es sozusagen sinnvoll ist, sich gleichsam an der Ausgangstür der Beziehung zu öffnen. Aber meine Erfahrung damit ist in diesem Fall und eigentlich fast immer positiv gewesen.

Das Gute einer Beziehung am Ende zu würdigen und dafür zu danken, das macht einen freier, die Beziehung wirklich zu beenden und zu gehen, um dann nach vorne im eigenen Leben zu blicken - auch in Richtung auf einen neuen Partner, eine neue Frau, einen neuen Mann. Vorwürfe hingegen binden an den alten Partner und machen unfrei. Auf eine schlechte Weise binden sie auch den alten Partner an sich - meist im Haß. Haß klebt die Verfeindeten zusammen.

Natürlich kann man eine solche Würdigung nicht strategisch, sozusagen mit "gekreuzten Fingern hinter dem Rücken" vornehmen, also nur so tun, als würde man den scheidenden Partner würdigen. Eine befreiende Wirkung hat nur der Dank, der aus dem Herzen kommt.

Wie gut tut es doch zu wissen, daß dieser Partner, von dem man sich jetzt gerade trennt, es einem wert war, daß man sich damals mit ihm zusammengetan hat! Durch dieses Eingeständnis wird sie einem selbst wertvoll, die Lebenszeit, die man mit dem anderen verbracht hat. Dadurch würdigt man auch die eigene Mühe und Anstrengung und legt schließlich auch die Grundlage für den eigenen inneren Frieden. Schön und rührend ist es auch für mich als Therapeuten, wenn meine Klienten nach der Trennungsbegleitung sich "in Frieden gehen" lassen können.

 

Ursula und Gerhard

Ursula und Gerhard sind gar nicht so lange zu mir gekommen, höchstens zehn Sitzungen. Das war zu der Zeit, als Anke und ich gerade geheiratet hatten. Damals hatten wir unsere neuen Institutsräume noch nicht angemietet, und deshalb arbeitete ich häufig mit Einzelnen und Paaren im Tagungshaus St. Georg in der Kölner Südstadt - oft im Anschluß an

Wochenendworkshops.

So auch mit diesen beiden. Sie hatten an einem meiner Workshops auf Kreta teilgenommen. Sie liebten Griechenland und hatten meinen Gestalttherapie-Bildungsurlaub dort zum Anlaß für einen dreiwöchigen Urlaub auf der Insel genommen. Doch ob sie einander noch liebten, das war ihnen nicht mehr so klar.

Ihre Beziehung hatte sich im Laufe von fast zehn Jahren verändert. Aus zwei Menschen, die gern miteinander die Zeit verbrachten und gerne miteinander redeten, waren zwei stumme Menschen geworden, die sich mehr und mehr aus dem Wege gingen. Sie nutzten den Workshop auf Kreta, um wieder miteinander in Kontakt zu kommen. Tatsächlich kamen sie sich in dieser Gestalttherapie-Woche ein Stückchen näher. Von meinem Zimmerfenster aus konnte ich öfter beobachten, wie sie zu ihren Spaziergängen in der langen Mittagspause aufbrachen, und wie sie - Hand in Hand und ins Gespräch versunken - wieder zurückkehrten.

Am Ende des Workshops fragten sie mich, ob ich mir vorstellen könnte, mit ihnen als Paar zu arbeiten. Ich konnte es mir gut vorstellen. Wir verabredeten eine erste Sitzung in ungefähr vier Wochen. Dann brachen sie zu ihrem Urlaub auf.

Im Meditationsraum im Tagungshaus St. Georg an einem späten Sonntagnachmittag sah ich die beiden vier Wochen später wieder. Ich nahm sie als deutlich zurückgezogener und verschlossener wahr. Sie berichteten, wie schön die erste Woche ihres Urlaubs war. So als wären "ihre Poren offen füreinander" gewesen. Sie hätten viel Zeit miteinander und ohne andere Menschen verbracht. Viel miteinander geredet. Zärtlich waren sie wieder miteinander gewesen. Aber - das sei in den nächsten Wochen verflogen. Der Alltagstrott und die Gewohnheit hätten alles wieder zugedeckt. Sie würden nun wieder kaum noch miteinander sprechen.

Ich sah es als meine Aufgabe als Paartherapeut an, die beiden wieder miteinander ins Gespräch zu bringen. Ich ermutigte sie, auszusprechen, was sie dachten. Nachzufragen, wenn sie etwas nicht verstanden. Zu antworten, wenn sie gefragt wurden. Langsam, ganz langsam, kamen sie wieder in Bewegung aufeinander zu.

Vielleicht in der dritten Sitzung hatte ich jedoch schließlich den Eindruck, wir würden um den "heißen Brei" herumreden. Ich fragte sie, über welche Themen sie nicht miteinander sprechen würden. Gerhard fiel dazu nichts ein. Doch Ursula erschrak nach meiner Frage und wurde plötzlich ganz blaß. Sie sagte allerdings nichts.

Es dauerte eine ganze Weile, bis ich sie dazu bewegen konnte, auszusprechen, was passiert ist: Warum sie so erschrak. Sie begann ganz zögerlich. Sagte, daß sie "dieses Kapitel" eigentlich glaubte abgeschlossen zu haben. Jedes einzelne Wort mußte ich ihr abringen, bis ich verstand. Sie sprach von ihrem Kinderwunsch, der immer noch spürbar in ihr sei. Sie sagte, daß sie mindestens schon acht Jahre nicht mehr darüber geredet hätte. Gerhard hätte sich damals immer wieder bedrängt gefühlt von ihr, wenn sie davon sprach, und dann von ihr zurückgezogen.

Ich frage Gerhard. Er bestätigte, was Ursula gesagt hatte. Er sei ganz unsicher, ob er Vater werden wolle. Er wisse das noch immer nicht. Er hätte so viele Befürchtungen, die damit verbunden seien. Vor allem die, daß Ursula dann nicht mehr für ihn da sei. So wie seine Eltern nicht für ihn dagewesen waren, als er ein Kind war. Deshalb mußte er bei den Großeltern in einem anderen Ort aufwachsen.

Wir haben daraufhin mehrere Stunden an diesem Thema gearbeitet. Gerhard bekam Raum, seine Erfahrungen aus seiner Kindheit auszusprechen, Raum für seine Befürchtungen heutzutage. Er konnte wiederentdecken, daß er seine Großeltern wirklich sehr geliebt hat und daß er auch gern bei ihnen war. Er konnte feststellen, daß es für ihn vielleicht so das beste gewesen war - denn seine Mutter hatte ganz große Probleme mit sich selbst. Sie war psychisch krank und verbrachte lange Zeit in Kliniken. Bei den Großeltern war er eigentlich ganz gut aufgehoben. Eigentlich. "Uneigentlich" allerdings nicht. Er hatte sich immer nach seiner Mutter gesehnt. Doch diese Sehnsucht war unerfüllt geblieben.

An seinen Befürchtungen änderte unsere Arbeit nichts. Er wollte Ursula ganz für sich haben. Wollte sie "mit niemandem teilen müssen". Langsam dämmerte ihm jedoch, welchen Preis er dafür bezahlen mußte. Ursula zog sich innerlich immer weiter von ihm zurück. So trat das ein, was er am meisten befürchtet hatte. Auf eine bestimmte Weise war er allein. Einsam. Getrennt von Ursula.

Nun hatten wir uns eine längere Zeit mit Gerhard beschäftigt. Jetzt trat Ursula mehr in den Vordergrund. Sie sprach von ihren Befürchtungen. Sie erzählte, daß sie "keinen Vater gehabt hätte". Daß sie dies keinem Kind wünschen würde. Daß sie lieber kein eigenes Kind haben möchte, als einem Kind dies zuzumuten.

Ich fragte sie, wann ihr Vater gestorben sei. Sie antwortete, daß sie nicht einmal wisse, ob er noch leben würde. Er sei ein Alkoholiker. Das Zusammenleben mit ihm wäre ganz schrecklich gewesen. Dann hätte sich seine Mutter von ihm getrennt. Sie seien ganz heimlich in einen anderen Ort gezogen. Der Vater hätte ihre neue Adresse irgendwann herausgefunden. Hätte ihr oft betrunken auf ihrem Heimweg von der Schule "aufgelauert". Versucht, mit ihr zu sprechen. Sie hätte sich dann fürchterlich vor ihren Klassenkameradinnen geschämt und so getan, als würde sie diesen "betrunkenen Penner" nicht kennen. Irgendwann wäre der Vater dann nicht mehr aufgetaucht. Seitdem wisse sie nicht, wo er lebte und ob überhaupt noch.

Beim Erzählen war sie ganz traurig geworden. Ich dachte, es wäre wegen der Erinnerungen, über die sie gerade gesprochen hatte, doch ich wurde überrascht. Sie berichtete, daß sie - seitdem sie hier über ihren Kinderwunsch zu sprechen begonnen hatte - öfter an ihren Vater hätte denken müssen. Als sei ihr Kinderwunsch auf eine eigenartige Weise mit ihrem Verhältnis zu ihrem Vater verbunden.

Nun fiel mir wieder ein, wie ich die beiden erlebt hatte. Wie Hänsel und Gretel. Allein im dunklen Wald. Beide hatten keine Angehörigen mehr. Aber - das stimmte nicht ganz. Da gab es vielleicht noch Ursulas Vater. Ich ermutigte Ursula, nachzuforschen. In kurzer Zeit fand sie - dem technischen Fortschritt sei dank - heraus, daß ihr Vater noch lebte. Der fast Achtzigjährige lebte in einem Pflegeheim im hohen Norden Deutschlands.

An dieser Stelle habe ich damals die Therapie mit den beiden beendet. Habe ihnen gesagt, sie könnten, wenn sie wollten, "ihr Geld noch weiter zu mir tragen". Ich hätte nichts dagegen, aber fände es nicht sonderlich sinnvoll. Jetzt seien sie dran. In ihrem richtigen Leben dort draußen.

Meiner Einschätzung nach wußten sie jetzt, was bei jedem von ihnen als nächster Schritt anstünde. Bei Ursula, sich bewußt zu werden, ob sie Kontakt mit ihrem Vater aufnehmen wolle. Ich machte kein Hehl daraus, daß ich es wichtig und drängend fände. Denn, wer weiß, wie lange ihr Vater noch leben würde. Das war ihr klar. Ja, mehr noch. Sie sagte, daß sie wohl nie mehr Frieden würde finden können, wenn sie ihn nicht noch einmal sehen würde. Im weiteren Verlauf der Dinge wurde deutlich, wie berechtigt die Dringlichkeit war, die auch sie empfunden hatte.

Gerhards nächster Schritt wäre, einzusehen, daß sein "ich weiß noch nicht, ob ich ein Kind will" mit fortschreitender Zeit zu einem "biologischen" Nein für Ursula würde. Als "Nein" ausgesprochen, wußte er, welche Konsequenzen Ursula daraus ziehen würde. Sie würde sich ganz sicher von ihm trennen, das war ihm in den letzten Wochen klar geworden.

Mehr als vier Jahre später nahm Gerhard mit mir telefonisch Kontakt auf, um einen Termin - er sagte: einen "Kontrolltermin" - für sie mit mir zu vereinbaren. Diesmal kamen sie schon in unsere neuen Institutsräume. Und zwar zu dritt. Mit Franziska, ihrer Tochter, die inzwischen fast zwei Jahre alt und ein ganz munteres Wesen war. Sie fing gleich an, die Regale in meinem Praxisraum auszuräumen, weswegen wir in einen der Gruppenräume umzogen.

Sie sagten, daß sie mir ihre Tochter zeigen wollten, und natürlich berichten wollten, was in der Zwischenzeit geschehen war. Zuerst hätte sich Ursula entschieden, mit ihrem Vater Kontakt aufzunehmen. Sie hatte ihm einen kurzen Brief geschrieben - daß sie ihn sehen möchte, wenn er es wolle. Das wollte er. Sie hatten einen Termin für sechs Wochen später ausgemacht. Dann wollten die beiden nach Norden reisen und den Besuch beim Vater mit einem Kurzurlaub auf einer der ostfriesischen Inseln verbinden.

Doch einige Tage später rief der Vater an und sagte, daß kurzfristig eine Herzoperation bei ihm erforderlich geworden sei. Er wolle sie gerne noch vor dieser Operation sehen. Ursula und Gerhard ließen alles stehen und liegen und fuhren unmittelbar zu Ursulas Vater. Es sei ein schönes Wiedersehen, sagte sie. Sie fing an zu weinen, aber sprach weiter. Er war ein sehr sanfter Mann geworden, sehr freundlich, aber gesundheitlich wirklich angeschlagen. Sie habe einen Nachmittag mit ihm verbracht, erst einige Zeit zusammen mit Gerhard und ihm, dann habe Gerhard die beiden für zwei Stunden allein gelassen. Sie hätten in der Zeit viel miteinander zu besprechen gehabt. Sie hätte ihm von ihrer Scham erzählt, die sie vor ihren Klassenkameradinnen empfunden hatte, als er ihr "auflauerte". Und er sprach über seine Schuld, die er ihr - und ihrer Mutter - gegenüber empfand. Und noch vieles andere mehr. Als Gerhard nach seinem Spaziergang wieder dazu gekommen war, fragte der Vater beim Verabschieden, warum sie noch keine eigenen Kinder hätten. Als die beiden - schon in der Tür - schweigend stehen blieben, fügte er hinzu: "Es gibt wohl nichts schöneres als eigene Kinder." Dabei hätte er - so sagte Gerhard - Ursula ganz liebevoll angesehen. Dann wären sie gefahren. Ursula hätte am Tag vor der Operation noch einmal mit ihm telefoniert. Kurz nach der Operation war er gestorben. Nun weinten wir alle - bis auf Franziska. Sie drängte sich bei ihrem Vater auf den Schoß. Er hob sie hoch und lächelte sie an.

Nach einer Weile erzählte Gerhard von seiner Entscheidung. Er habe "soetwas wie Versöhnung und Frieden" zwischen Ursula und ihrem Vater erlebt. Und das hätte auch ihn ganz zuversichtlich gestimmt. Innerlich hätte er sich mit seiner Mutter ausgesöhnt. Und dann hätte er "Ja" sagen können zu einem Kind.

Die beiden hatten während der Schwangerschaft schließlich auch noch geheiratet. Ursula hatte seinen Namen angenommen. "Damit du weißt, daß ich zu dir gehöre", hatte sie gesagt. Gerhard fügte aus vollem Herzen hinzu: "Ursula und Franziska, das ist wirklich das beste, was mir passieren konnte."

Während ich dies notiere, bin ich den ganzen Tag schon sehr angerührt. Ich sitze hier am Wohnzimmertisch und schreibe, spüre immer wieder meine Tränen, wie sie sanft aufsteigen hinter meinen Lidern. Ich bin auf eine Weise sowohl ernst als auch voller Freude darüber, daß ich diese Menschen, von denen ich hier berichte, eine Zeit lang begleiten durfte. Aber das ist nicht alles. Ich habe den Eindruck, daß sich auch meine Seelenporen öffnen, während ich diese bewegenden Geschichten von meinen Klienten erzähle. Gerade bei den Geschichten über meine Paartherapie fühle ich mit Dankbarkeit, daß ich glücklich verheiratet bin. Daß ich Anke habe finden dürfen.

Manchmal war es sogar so, daß die Arbeit mit Paaren mir selbst richtig Mut gemacht hat. Damals, als ich schon eine ganze Weile mit Paaren gearbeitet hatte, aber selbst immer noch allein geblieben war.

Kurz nachdem ich Anke kennengelernt hatte, gingen wir in der Mittagspause meines ersten Paartherapie-Wochenendes gemeinsam mit den teilnehmenden Paaren zum Mittagessen. Nach dem Mittagessen sagte eine der Teilnehmerinnen, die mit ihrem Mann schon eine Weile bei mir zur Paartherapie gewesen war, so zu mir, daß es alle, auch Anke, gut hören konnten: "Schön, daß Du Anke kennengelernt hast. Endlich wird es bei dir auch einmal was. Wir haben uns schon richtig Sorgen um dich gemacht." Damals hatte ich schon eine ganze Weile mit Paaren gearbeitet. Währenddessen hatte ich selbst einige - nicht sonderlich glückliche - Beziehungen gehabt. Das hatten meine Klienten (natürlich!) auch mitbekommen.

 

 

Praxisadressen von Gestalttherapeuten/-innen

 

Erhard Doubrawa

Jahrgang 1955, Gestalttherapeut, Diplom-Pädagoge und Diplom-Sozialpädagoge grad., Studium der Erwachsenenbildung, Kath. Theologie und Publizistik.

Er ist Gründer und Leiter des »Gestalt-Instituts Köln/GIK Bildungswerkstatt«, wo er auch als Ausbilder tätig ist.

Außerdem gibt er die Zeitschrift »Gestaltkritik« heraus. Im Peter Hammer Verlag ediert er zusammen mit seiner Frau Anke, einer niedergelassenen Psychotherapeutin, eine Reihe zur Theorie und Praxis der Gestalttherapie.

Gemeinsam mit Stefan Blankertz veröffentlichte er "Einladung zur Gestalttherapie. Eine Einführung mit Beispielen" (Peter Hammer Verlag 2000).

Und gemeinsam mit Frank-M. Staemmler gab er eine Aufsatzsammlung zur Bedeutung Martin Bubers für die Gestalttherapie heraus: "Heilende Beziehung. Dialogische Gestalttherapie" (Peter Hammer Verlag 1999).

Der nebenstehend veröffentlichte Beitrag ist zuerst erschienen in: Erhard Doubrawa, "Die Seele berühren. Erzählte Gestalttherapie" Edition Gestalt-Institut Köln / GIK Bildungswerkstatt im Peter Hammer Verlag, Wuppertal 2002, 123 Seiten, broschiert, 11,90 €.

 

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