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Erhard Doubrawa
Wider die "therapeutische Inkontinenz"
Ein Gespräch


Aus der Gestaltkritik 2/2006

Gestaltkritik - Die Zeitschrift mit Programm aus dem Gestalt-Institut Köln
Gestaltkritik (Internet): ISSN 1615-1712

Themenschwerpunkte:

  • Gestalttherapie und ihre Weiterentwicklung
  • Gestalttherapie als spirituelle Suche
  • Gestalttherapie als politische Praxis

Gestaltkritik verbindet die Ankündigung unseres aktuellen Veranstaltungs- und Weiterbildungsprogramms mit dem Abdruck von Originalbeiträgen: Texte aus unseren "Werkstätten" und denen unserer Freunde.

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Praxisadressen von Gestalttherapeuten/-innen

  Hier folgt der Abdruck eines Beitrages aus der Gestaltkritik 2-2006:

Erhard Doubrawa
Wider die "therapeutische Inkontinenz"
Ein Gespräch

 

Foto: Erhard DoubrawaErhard Doubrawa (Foto: Hagen Willsch)

 

Erhard Doubrawa arbeitet seit vielen Jahren als Gestalttherapeut. Er ist Gründer und Leiter des »Gestalt-Instituts Köln/GIK Bildungswerkstatt«, wo er auch als Ausbilder tätig ist. Außerdem gibt er die Gestalttherapie-Zeitschrift »Gestaltkritik« heraus. Im Peter Hammer Verlag ediert er zusammen mit seiner Frau Anke, die als niedergelassene Psychotherapeutin tätig ist, eine Reihe zur Theorie und Praxis der Gestalttherapie. Von ihm erschien dort u.a. »Die Seele berühren: Erzählte Gestalttherapie«.

Das folgende Gespräch führte die Gestalttherapeutin Cecilie Gaarder (Oslo) gemeinsam mit dem Gestalttherapeuten Thomas Bader (Düsseldorf) am 22. Februar 2006 im Gestalt-Institut Köln. Es ist zuerst erschienen in »Norsk Gestalttidsskrift«, der norwegischen Zeitschrift für Gestalttherapie (3. Jahrgang, Nr. 1).

 

Du beschäftigst dich in den letzten Jahren vor allem mit der gestalttherapeutischen Intervention. Worum geht es dir dabei?

Nach meinem Verständnis besteht das Ziel der Gestalttherapie in der umfassenden Entfaltung von achtsamem Gewahrsein. Der Therapeut unterstützt seinen Klienten dabei, Gewahrsein zu entwickeln. Er macht dies mittels Interventionen, die aus seinem Gewahrsein kommen und die den Klienten einladen und ihn unterstützen, selbst Gewahrsein zu entwickeln.

 

In der Gestalttherapie wird viel von Gewahrsein gesprochen. Aber was genau ist damit gemeint? Manchmal scheint es sich um ein synonymes Wort für »Wahrnehmung« zu handeln, ein anderes Mal für »Bewusstsein«. Was ist richtig?

Beides trifft es nicht ganz. Gewahrsein ist mehr als Wahrnehmen. Gewahrsein ist die Bewusstheit dafür, dass ich wahrnehme. Also: Ich bin mir gewahr, dass ich etwas gewahre. Und daraus schöpfe ich meine gestalttherapeutische Intervention. Ich lehre meinen Klienten Gewahrsein. So einfach das klingen mag, so schwer ist es in Wirklichkeit. Allzu häufig sind Interventionen nur therapeutisches Agieren, d.h. therapeutisches Handeln ohne Gewahrsein. Zugegeben, ein wenig bösartig bezeichne ich das manchmal als »therapeutische Inkontinenz«, d.h. als mangelndes Ansichhalten, als mangelndes Sich-Zurückhalten. Die Interventionen entgleiten dem Therapeuten dann ohne Gewahrsein. Das hat sicher nur begrenzte gewahrseinsfördernde Wirkung beim Klienten, wenn überhaupt.

 

Du hast von »achtsamem Gewahrsein« gesprochen. Wie kommt die Achtsamkeit ins Spiel? Warum muss sie eigens erwähnt werden? Ist Achtsamkeit nicht eine für jede Therapie notwendige Haltung?

Notwendig, ja. Aber leider nicht immer vorhanden. Achtsamkeit ist notwendig, um gegen die erwähnte »therapeutische Inkontinenz« zu wirken. Vielleicht wird es an einem Beispiel klarer: Ich hatte vor einiger Zeit ein Vorgespräch mit jemandem, der bei uns zum Gestalttherapeuten ausgebildet werden will (und der sich nach diesem Gespräch von mir aus gerne hat anmelden können und es auch getan hat). Er hat mich gefragt, ob ich in meiner therapeutischen Arbeit dem Klienten auch mein inneres Erleben mitteile. Na klar, hab ich gesagt. Und dann aber innegehalten und ihn gefragt, was er damit meint. Und er hat ausgeführt: Er habe an einem Gestalttherapie-Workshop teilgenommen und sei sehr angetan davon gewesen, wie der Therapeut sein eigenes inneres Erleben in den therapeutischen Prozess eingebracht habe. Er habe z.B. einem Teilnehmer dieses Workshops gesagt, dass er ihn langweile. Also: »Ich fühle mich von Dir gelangweilt.« Ich habe dann geantwortet, dass ich das so natürlich nicht mache. Zumindest mich bemühe, es nicht zu machen. Obwohl sich solche Unachtsamkeiten vielleicht manchmal ungewollt auch in meine Arbeit einschleichen. (Welch »wunderbare« Projektion!) Was der (mir unbekannte) Kollege gemacht habe, sei nicht das Mitteilen von innerem Erleben, sondern eine Projektion des Therapeuten. In Wirklichkeit spricht er nicht über sich und sein Erleben, auch wenn er es durch die Formulierung »fühle« nahe legt, das zu tun. Anscheinend gibt das Sprechen vom Gefühlten die Erlaubnis, alles mögliche unhinterfragt auszudrücken – in diesem Fall einen Vorwurf an den Klienten. Als sei der Klient dran schuld, dass der Therapeut sich langweilt. Als sei der Klient für die Stimmung des Therapeuten verantwortlich.

 

Aber – ist der Klient nicht doch der Anlass für das Erleben des Therapeuten?

Natürlich - für dessen Erleben, aber nicht für seine Interpretationen, Projektionen oder ähnliches. Ich unterscheide also zwischen dem unmittelbaren Erleben und der Bedeutung, die ich diesem Erleben gebe. Wie fühlt sich das an, was ich vorschnell »Langeweile« nenne? Was sind die Phänomene meines Erlebens? Und wie kann ich die phänomenologisch beschreiben? Es geht eigentlich ganz leicht, das herauszufinden, wenn ich die vorschnelle Benennung »gelangweilt« weglasse. Also, z.B.: »Ich fühle mich müde. Meine Energie ist niedrig. Ich bin unkonzentriert. Leicht zusammengesunken. Schau den Klienten gar nicht an. Mein Kopf ist etwas gesenkt. Ich atme wenig und ein wenig schwer.« Ah, dann gibt’s noch diese Stimme in mir: »Reiß dich zusammen. Du kannst dich doch nicht so gehen lassen. Hier, vor deinem Klienten. Das solltest du eigentlich besser können. Nach so vielen Jahren Ausbildung. Und immer noch nichts gelernt.« Und... und... und... Lasst mich diese Stimme einfach mein Über-Ich nennen. Das hat sich nun also auch eingeschaltet. Ach ja, das darf ich als Gestalttherapeut ja gar nicht haben, ein Über-Ich. Ist ja eine analytische Kategorie. Besser drücke ich das mal schnell weg... Jetzt fühle ich mich schon viel wohler. Und dann kann ich auf einmal »wahrnehmen«, dass es eigentlich der Klient war und ist, der mich langweilt. Ja, und weil das Mit-Teilen von innerem Erleben ja eine Aufgabe des Gestalttherapeuten ist, werde ich dem Klienten das mitteilen: »Ich fühle mich von Dir gelangweilt.« Na Klasse - jetzt ist die therapeutische Inkontinenz perfekt.

 

Ja, aber wie soll ich als Gestalttherapeut denn sonst mit meinem inneren Erleben umgehen? Wie soll ich es denn sonst im therapeutischen Prozess einsetzen?

Ich habe drei Stufen der gestalttherapeutischen Intervention herausgearbeitet. Die erste Stufe - ich nenne sie einmal »Das Gewahrsein des Therapeuten« - ist vor allem eins, nämlich »unsichtbar«. Ich bemühe mich um eine Haltung der Präsenz - mir und meinem Erleben gegenüber (meiner inneren Wahrnehmung gegenüber also) und dem Klienten gegenüber (meiner äußeren Wahrnehmung gegenüber). Ich versuche dabei nicht zu werten und zu vergleichen, sondern bemühe mich, meine Wahrnehmungen (die innere und die äußere) im Stillen phänomenologisch zu beschreiben. Ich kommuniziere nicht, was ich wahrnehme. Höchstens sage ich, dass ich z.B. gerade in mich hineinspüren möchte, dafür ein wenig Zeit brauche und deshalb jetzt einen Moment lang schweigen werde. Und dass er, mein Klient, wenn er mag, auch in sich hineinspüren könne. Meist sage ich da allerdings nicht einmal das. Das ist auch meist nicht nötig. Denn die Präsenz, die ich als Therapeut in mir aufzusuchen versuche, hat meist eine Feldwirkung. Sie unterstützt den Klienten, auch selbst Präsenz aufzusuchen. Das kennen wir auch aus anderen Zusammenhängen, zum Beispiel der Meditation. Wenn ich alleine meditiere, dann fällt mir das oft schwer. In der Gemeinschaft fällt mir das viel leichter, so als würde ich dann von den Anderen mitgetragen.

 

Das ist also die erste Stufe. Und wann beginnst du damit, das, was du innen und außen wahrgenommen hast, für Deine gestalttherapeutischen Interventionen zu nutzen?

Die erste Stufe der gestalttherapeutischen Intervention habe ich zwar als »unsichtbare« Intervention beschrieben, aber es handelt sich bereits um eine gestalttherapeutische Intervention. Es gibt ein recht verbreitetes Missverständnis, nämlich dass Intervention immer sichtbar, hörbar etc. sein müsse. Aber bei Sichtbarkeit bzw. Hörbarkeit handelt es sich schon um die zweite Stufe der gestalttherapeutischen Intervention: »Das Gewahrsein des Klienten.« Dann stelle ich die berühmten gewahrseinfördernden Fragen: »Was ist? Was ist jetzt? Was ist im Vordergrund? Was nimmst Du wahr? Was fühlst Du? Wie nimmst Du dich körperlich war? Wie sieht es um Deine Energie aus? Wie ist Deine Stimmung?«

 

Du stellst diese Fragen immer in einer bestimmten Reihenfolge, nicht wahr? Verrätst du uns, ob das nur ein Tick von dir ist oder einen tieferen Sinn hat?

Es geht von weiten zu engeren Fragen. Zunächst sollte man dem Klienten durch die Frage nicht eine Richtung vorgeben oder suggerieren. Fragen von Therapeuten sind so oft suggestiv-pädagogisch und der Klient versucht, die »richtige« Antwort zu geben wie damals in der Schule. Der Therapeut aber sollte keineswegs »erwarten«, dass der Klient das Gleiche wahrnimmt wie der Therapeut selbst. Wenn der Klient etwas ganz anderes wahrnimmt und darüber spricht, sollte man dann natürlich damit arbeiten. Wenn die Wahrnehmung des Klienten jedoch blockiert ist, kann man zu engeren Fragen übergehen. Wie ich das meine? Nun, wenn ich z.B. traurig bin, dann muss mein Klient nicht - geführt durch meine Fragen - herausfinden, dass er selbst traurig ist. Vielmehr geht es darum, dass mein Klient herausfindet, was bei ihm ist. Das kann z.B. Wut sein. Nicht selten nehmen mein Klient und ich nicht einfach dasselbe in uns wahr, sondern manchmal Aspekte des selben Prozesses, z.B. Trauer und Wut. Und manchmal haben meine inneren Wahrnehmungen gar nichts mit meinem Klienten hier vor mir zu tun. Sind vielmehr in mir begründet, in meinem aktuellen Erleben, in meiner aktuellen Lebenssituation oder in einer früheren... oder... oder. Na ja, und manchmal sind sie auch das, was die Psychoanalyse »Gegenübertragungen« genannt hat: Meine unbewusste Antwort auf die unbewusste »Übertragung« meines Klienten auf mich. Aber es geht mir (auch und gerade in der Geschichte von Dirk, die hier parallel abgedruckt wird) nicht darum, hier tiefer in eine Diskussion über Übertragung und Gegenübertragung einzusteigen. Es geht mir vielmehr darum, mit dieser Form der Projektion (durch Klienten, aber auch durch Therapeuten) auf eine therapeutisch sinnvolle Weise umzugehen. Die Projektion ins Gewahrsein zu bringen, bedeutet, sie meinem Klienten zur Verfügung zu stellen, damit er bei sich selbst weiterforschen kann. Wie Dirk es getan hat.

 

Aber immer noch ist die Intervention sehr zurückhaltend. Sie findet nicht mehr bloß im Stillen statt, aber hat, wie du sagst, keine suggestive Wirkung. Wann geht’s denn »zur Sache«?

Vielleicht überhaupt nicht. Es widerspricht meiner Auffassung von der Aufgabe des Gestalttherapeuten immer mehr, von sich aus »zur Sache« zu kommen. Aber nach Durchlaufen der ersten beiden Stufen kann ich auch – als dritte Stufe der Gestalt-Intervention – dem Klienten mein Erleben mitteilen. Allerdings nur, um ihn damit wieder bei der Entfaltung seines eigenen Gewahrseins zu unterstützen, z.B. durch gewahrseinsfördernde Fragen. Und wenn ich etwas von meinem Gewahrsein mitteile, dann auf phänomenologische Weise. Natürlich muss ich den Klienten auch drauf vorbereiten, d.h. ich werde solche Mit-Teilungen nicht gleich am Anfang des Therapieprozesses machen, sondern meist erst dann, wenn schon eine Arbeitsbasis miteinander etabliert ist.

 

Wo bleibt bei so viel Vorsicht und Zurückhaltung noch Platz für die Wirksamkeit von therapeutischer Arbeit?

Nach gestalttherapeutischem Verständnis geschieht Veränderung paradox. Sie stellt sich ein, wenn wir das was ist wahrgenommen, fürwahr-genommen und an-genommen haben. Arnold R. Beisser, ein Gestalttherapeut der ersten Stunde, hat das das »Paradox der Veränderung« genannt. Veränderung geschieht. Sie stellt sich ein, wenn ich das, was ist, angenommen habe. Der Therapeut macht die Veränderung nicht. Auch der Klient macht sie in diesem Sinne nicht. Vielmehr bahnt sich die Seele des Klienten selbst einen Weg, wenn das, was ist, mit Gewahrsein erfasst ist. Die Beihilfe des Therapeuten besteht in zweierlei - und beides folgt aus seiner Präsenz: Er fördert Gewahrsein (unsichtbar und sichtbar) und er hält den Raum offen für die Eigenbewegung der Seele des Klienten, die sich so ihren eigenen Weg bahnen kann. Klienten beschreiben oft, dass sie Veränderung wie ein Geschenk erfahren haben, das ihnen zugefallen ist. Manche nennen es auch Gnade.

 

Wie bist du dazu gekommen, diese drei Stufen der gestalttherapeutischen Intervention zu identifizieren? Und mit welchem Interesse hast du daran geforscht?

Ich habe, als ich selbst Gestalttherapie als Klient und Gruppenteilnehmer erfuhr, mit Staunen die Interventionen der Therapeuten wahrgenommen. Ich war begeistert über die Wirkung, die sie hatten. Aber ich fragte mich, woher die Interventionen kamen. In gestalttherapeutischen Aus- und Weiterbildungsgruppen haben wir die Therapeuten dann oft gefragt, wie sie zu den Interventionen gekommen sind. Meist konnten sie gar nicht darauf antworten. Es war ihnen gar nicht klar, woher ihre Interventionen kamen. Sie waren ein Ausfluss zufälliger Intuition - und häufig eigentlich nichts anderes als »therapeutische Inkontinenz«! Dann habe ich von meinem Lehrer Erving Polster die Forderung gehört, dass ein Therapeut immer Auskunft geben können müsste, woher seine Interventionen kommen und was seine Intention dabei ist - egal, an welcher Stelle man ihn in seiner therapeutischen Arbeit unterbrechen würde. Nur so sei Wahrnehmung des Wahrgenommenen, also Gewahrsein gewährleistet. Sonst ist es »bloße« Wahrnehmung und entgleitet mir, rutscht ab ins Nicht-Gewahrsein. So, das war der erste Teil der Antwort zu dieser Frage. Der zweite ist dieser: Ich bilde nun schon seit geraumer Zeit Gestalttherapeuten aus. Und denen wollte ich ein Handwerkszeug an die Hand geben, damit sie lernen können, selbst gestalttherapeutische Interventionen zu schöpfen.

 

War nicht der Satz von Erving und Miriam Polster, der Therapeut sei sein eigenes Instrument, Ausgangspunkt deiner Überlegungen zur gestalttherapeutischen Intervention?

Ja, im Nachhinein ist es der Schlüsselsatz überhaupt, weil er andeutet, dass das innere Erleben des Therapeuten das diagnostische Instrument schlechthin ist. Aber das war mir Anfangs überhaupt nicht klar. Bei »Instrument« habe ich zuerst immer an einen Bohrer gedacht. Den »Therapie-Bohrer«. Oder das »therapeutische Skalpell«. Oder, nicht ganz so schlimm, einen Schraubenzieher. Um die Schrauben im Hirn nachzuziehen. Im Spaß nenne ich uns Therapeuten immer noch hin und wieder »Schrauber«. Wir »schrauben« ja alle manchmal ganz gern, wenn unser narzisstisches Größenselbst mit uns durchgeht – der positive Narzissmus; oder sogar der negative Narzissmus: Wenn ich daran zweifle, ob ich als »therapeutischer Schrauber« gut genug bin. Heute denke ich bei »Instrument« eher an ein Musikinstrument, ein Instrument, das in Schwingung versetzt wird, damit es einen Klang erzeugt. Der im Raum klingt und dabei auch andere mitschwingen lässt. »In Schwingung versetzen« – ein schönes Bild für den gestalttherapeutischen Prozess wie ich ihn verstehe.

 

Vom Bild des Musikinstruments ist es zur Kunst und Ästhetik nicht weit. Du sprichst manchmal von einer »ästhetischen Intervention«. Das klingt zunächst ziemlich befremdlich!

Mag sein. Aber für die Beschäftigung mit der gestalttherapeutischen Intervention ist meines Erachtens als Ausgangspunkt der Rückgriff auf den Begriff »Ästhetik« hilfreich, und zwar auf die ursprüngliche Wortbedeutung dieses Begriffs: Das griechische Verb aisthanomai bedeutet »wahrnehmen«, das Substantiv aisthesis die »Lehre von der Wahrnehmung«. Wahrnehmung ist ein wichtiges Wort für den Gestalttherapeuten. Ihm geht es in seiner therapeutischen Arbeit um awareness, um Gewahrsein und um Gewahrer-Werden - das gilt sowohl für seinen Klienten als auch immer wieder für den Therapeuten selbst. Der Gestalttherapie geht es um die Entwicklung bzw. Entfaltung von Gewahrsein. Ästhetik ist die Lehre von der Wahrnehmung.

 

Was wäre demzufolge eine »ästhetische Intervention« in der Gestalttherapie?

Nach diesem Verständnis wäre dies eine Intervention, die von der Wahrnehmung ausgeht und die zur Wahrnehmung hinführt. Die Intervention wird geschöpft aus der Wahrnehmung bzw. dem Gewahrsein des Therapeuten und unterstützt den Klienten in der Entwicklung bzw. Entfaltung seiner Wahrnehmungsfähigkeit und seines Gewahrseins.

 

Gerade aber die ästhetische Wahrnehmung wird gemeinhin als eher passives Aufnehmen angesehen. Wo bleibt die dialogische Dimension, auf die in der Gestalttherapie doch solch ein Nachdruck gelegt wird?

Da fällt mir Paulo Freire, der brasilianische Befreiungs-Pädagoge ein. Er hat von einer dialogischen Pädagogik auf der Grundlage von Martin Bubers »Philosophie des Dialogischen« gesprochen. Freire hat zwei für mich wichtige Begriffe geprägt: Der Lehrer wird zum »Lehrer-Schüler« und der Schüler wird zum »Schüler-Lehrer«. Wie wäre es, diese Begriffe vorsichtig und probeweise auf die therapeutische Situation, auf den therapeutischen Prozess zu übertragen: Der Therapeut wird zum »Therapeuten-Klienten« und der Klient zum »Klienten-Therapeuten«.

 

Aber was könnte z.B. mit dem Begriff »Klienten-Therapeut« gemeint werden?

Zuerst einmal, dass der gestalttherapeutische Prozess ein dialogischer ist ...

 

... und warum ist das Dialogische so wichtig?

Damit der Klient nicht von »außen«, vom »Fachmann« be-handelt wird, also beigebracht bekommt, dass er dumm ist. »Depositäre Therapie« könnte man das im Anschluss an Paulo Freire nennen. So bezeichnete er die herkömmliche Pädagogik, die von Wissen (oben) und Unwissenheit (unten) gekennzeichnet ist. Oben ist der Lehrer, unten der Schüler. Der Lehrer füllt dann gleichermaßen Wissen von oben in den Schüler unten ein. Der Schüler bleibt unten. Er bekommt seine schon längst bekannte Unwissenheit durch dieserart Lehrprozess noch einmal erneut bestätigt. So wird das Unten verstärkt und festgeschrieben. Erinnert derart Pädagogik nicht auch an die ihr zutiefst verwandte herkömmliche Psychotherapie? Die »depositäre Therapie«! Der Therapeut reicht dem Klienten den »Fisch« des Wissens, den »Fisch« der Heilung - den er (für ihn) gefangen hat. Aber er bringt ihm nicht das (heilende) »Fischen« bei.

 

Wie nun kann der »dialogische Therapeut« dem Klienten das heilende »Fischen« beibringen?

Also, wenn achtsames Gewahrsein das Ziel des gestalttherapeutischen Prozesses ist, dann muss der Weg dorthin selbst durch achtsames Gewahrsein gekennzeichnet sein - und zwar beim Therapeuten und beim Klienten. Nicht der allwissende Therapeut ist das Ideal. Der Klient ist der Fachmann für sich selbst - er ist selbst der »Klienten-Therapeut«. Der Therapeut ist nur der Fachmann für die Haltung des achtsamen Gewahrseins. Die hat er selbst einzunehmen gelernt, und er hat gelernt, sie dem Klienten weiterzugeben.

 

Erhard, wir danken dir für das Gespräch.

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Foto: Erhard DoubrawaErhard Doubrawa (Foto: Hagen Willsch)

Erhard Doubrawa arbeitet seit vielen Jahren als Gestalttherapeut. Er ist Gründer und Leiter des »Gestalt-Instituts Köln/GIK Bildungswerkstatt«, wo er auch als Ausbilder tätig ist. Außerdem gibt er die Gestalttherapie-Zeitschrift »Gestaltkritik« heraus. Im Peter Hammer Verlag ediert er zusammen mit seiner Frau Anke, die als niedergelassene Psychotherapeutin tätig ist, eine Reihe zur Theorie und Praxis der Gestalttherapie. Von ihm erschien dort u.a. »Die Seele berühren: Erzählte Gestalttherapie«.

Das folgende Gespräch führte die Gestalttherapeutin Cecilie Gaarder (Oslo) gemeinsam mit dem Gestalttherapeuten Thomas Bader (Düsseldorf) am 22. Februar 2006 im Gestalt-Institut Köln. Es ist zuerst erschienen in »Norsk Gestalttidsskrift«, der norwegischen Zeitschrift für Gestalttherapie (3. Jahrgang, Nr. 1).

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