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Hunter Beaumont
Trancephänomene in der Gestalttherapie


Aus der Gestaltkritik

Gestaltkritik - Die Zeitschrift mit Programm aus dem Gestalt-Institut Köln
Gestaltkritik (Internet): ISSN 1615-1712

Themenschwerpunkte:

Gestaltkritk verbindet die Ankündigung unseres aktuellen Veranstaltungs- und Weiterbildungsprogramms mit dem Abdruck von Originalbeiträgen: Texte aus unseren "Werkstätten" und denen unserer Freunde.

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 Hier folgt der Abdruck eines Beitrages aus der Gestaltkritik (Heft 1-2004):

Hunter Beaumont
Trancephänomene in der Gestalttherapie

 

Foto: Hunter BeaumontHunter Beaumont

Der nebenstehende Beitrag ist schon vor fast 20 Jahren erschienen - in einem Fachbuch zur Hypnotherapie nach Milton H. Erickson. Wohl deshalb ist er in der Gestalt-Szene kaum zur Kenntnis genommen worden. Bedauerlicherweise! Das möchten wir hiermit nachholen. Wir freuen uns, dass wir diesen Beitrag nun einem breiten Gestalt-Publikum vorstellen können.

In unserer Zeitschrift sind bereits zwei weitere Beiträge von (und mit) Hunter Beaumont erschienen:

Der Herausgeber

 

Zu Anfang möchte ich hier gleich festhalten, dass ich kein Hypnotherapeut bin. Meine Bekanntschaft mit Milton H. Erickson erfolgte über die Literatur, insbesondere über die Schriften des späten Erickson, und über Seminare mit einigen seiner Schüler. Meine Bemerkungen sind die eines teilnehmenden Außenstehenden, der versucht, einen komplexen Zugang zum Leben und zur Therapie zu verstehen und auf eine indirekte Weise den Menschen hinter diesem System kennen zu lernen. Meine Auseinandersetzung mit Hypnotherapie hat meine eigene Ausübung von Gestalttherapie durchsichtiger gemacht, mit dem Ergebnis, dass sich meine therapeutischen Fähigkeiten verbessert haben und ich Hypnotherapie als eine reiche Quelle neuer Sichtweisen anerkannt habe. Ich möchte nun diese Unterstützung erwidern und Ihnen einige "Weisheiten" der Gestalttherapie anbieten. Zu diesem Zweck will ich die Rolle der Trance bezüglich vier für Theorie und Praxis der Gestalttherapie zentraler Verfahrensweisen beschreiben. Diese vier habe ich deshalb ausgewählt, weil sie die Kontinuität zwischen Theorie und Praxis besonders verdeutlichen und weil sie im Vergleich von Gestalttherapie mit Hypnotherapie besonders interessante Aspekte aufzeigen.

 

Trance in der Gestalttherapie

Gestalttherapeuten und Hypnotherapeuten begegneten sich schon immer mit viel Argwohn, wie dies die folgende Anekdote zeigt: Fritz Perls, einer der Begründer der Gestalttherapie, wurde einer Hörerschaft von Psychiatern von einer sehr bekannten Hypnotherapeutin mit den Worten vorgestellt: "Ich habe dreißig Jahre daran gearbeitet, Leute in Trance zu bringen; Dr. Perls hat dreißig Jahre daran gearbeitet, sie aus der Trance herauszubringen." (Private Mitteilung von Robert Resnick.) Eine solche allzu große Vereinfachung der Beziehung von Hypnotherapie und Gestalttherapie setzt eine sehr enge Definition von Trance voraus. Versteht man unter "Hypnotherapie" aber den psychotherapeutischen Ansatz von Milton H. Erickson, wird die Situation etwas schwieriger. Ich behaupte, dass Trancezustände, zumindest so wie Erickson sie definierte, auch in der Gestalttherapie auftreten, und umgekehrt ein großer Teil von dem, was Erickson unter dem Namen "Hypnotherapie" tat, nur wenig mit Trance zu tun hatte. Diese Behauptung ist natürlich davon abhängig, wie man Trance definiert. Aber hier ist der Haken; denn der Leser wird vergeblich in der Erickson-Literatur der späteren Jahre nach einer vollständigen und ausreichenden Definition von Trance suchen. Es scheint so, als ob Erickson, nachdem er seine ganze berufliche Laufbahn der Arbeit mit Trancezuständen gewidmet hatte, kein Interesse daran hatte, differentielle Definitionen zu formulieren. Vielleicht war dies von ihm beabsichtigt. Er war offensichtlich kein großer Freund von Or-thodoxie. Seine Art sich auszudrücken, hinterließ verwirrende und manchmal widersprüchliche Aufzeichnungen für seine Schüler. Jeder Leser seiner Schriften sieht sich der Aufgabe gegenübergestellt, jene Teile auszuwählen, die am bedeutsamsten für ihn und seine Arbeit sind.

Wenn ich als Gestalttherapeut diese Literatur lese, bevorzuge ich unter den vielen Aussagen Ericksons über die Natur der Hypnose ganz bestimmte. Er hebt klar hervor, dass Hypnose eine Möglichkeit der Kommunikation ist, eine Kommunikation zwischen Bewusstem und Unbewusstem und zwischen Therapeut und Patient (Zeig, 1980, S. 39). Es ist eine Methode, vorübergehend die Interferenz rationaler Gedankenprozesse aufzuheben, sodass andere Weisen der Problemlösung wirksam werden können (ebd.). Nicht das, was der Therapeut an oder mit dem Patienten tun kann, wird hierbei betont, sondern das, was der Patient mit sich selbst tun kann. Die Charakteristika des Trancezustandes, die mich am allermeisten interessieren, sind die Durchlässigkeit der Grenze zwischen Bewusstem und Unbewusstem, die Veränderungen in der Art und Weise der Wahrnehmung (Erickson, 1983, S. 11), die Phantasie- oder Halluzinationsphänomene (ebd., S. 153f), und die Veränderungen im Prozess der Identifikation oder des Subjektsinnes des Selbst (Hilgard, 1968, S. 10). Die Arbeitsdefinition von Trance, die ich hier verwende, ist die von Erickson & Rossi in ihrem Buch "Hypnotherapie" vorgeschlagene: "Die therapeutische Trance ist ein Zeitabschnitt, währenddem die Beschränkungen der eigenen gewohnten Bezugsrahmen und Überzeugungen vorübergehend aufgehoben werden, sodass der Betreffende für andere Assoziationsmuster und Funktionsweisen empfänglich ist:" (Erickson & Rossi, 1981, S. 16). Zusätzlich ist es nützlich, fünf der sieben von Hilgard angegebenen Charakteristika des hypnotischen Zustandes in Betracht zu ziehen (Hilgard, 1968, S. 6-10):

Es ist wichtig, im Auge zu behalten, dass diese Zustände spontan induziert (Erickson, 1983, S. 25), selbstinduziert (ebd., S. 17) oder intentional von einem Ausführenden induziert werden können. Die tieferen Trancetypen treten nicht häufig in der Gestalttherapie auf und werden gewöhn-lich auch nicht unterstützt. Nur im Zusammenhang mit Ericksons weitergefasster Definition von Trance und mit der Betonung auf Trancezustände mittlerer oder leichterer Tiefe ist es sinnvoll, von Trance in der Gestalttherapie zu sprechen.

Der Sachverhalt wird dadurch noch etwas erschwert, dass die Gestalttherapie den Begriff "unbewusst" zurückweist und aus theoretischen Gründen den Begriff "präkontaktiv" vorzieht, um jene Phänomene zu beschreiben, für die Erickson den Begriff "unbewusst" benutzt. In unserer Diskussion wird es notwendig sein nachzuweisen, dass die Methoden der Gestalttherapie, mit denen wir uns beschäftigen, auch Perioden des Ausbruchs aus dem begrenzten Bezugsrahmen sind und ein oder mehrere Charakteristika von Trancezuständen aufweisen. Ich argumentiere, dass das "präkontaktiv" der Gestalttherapie tatsächlich funktional äquivalent mit Ericksons "unbewusst" ist. Anstatt dies auf einer rein theoretischen Ebene zu versuchen, habe ich mich entschlossen, meine Argumentation innerhalb einer Diskussion von vier gestalttherapeutischen Prozessen und ihres praktischen Bezuges zu ihrer therapeutischen Anwendung zu entwickeln. Diese vier sind:

Die Erörterung jeder dieser vier wird in zwei Abschnitte gegliedert, in Theorie und klinische Anwendung. Auf diese Weise hoffe ich, die Kontinuität zwischen Theorie und klinischer Intervention in der Gestalttherapie zu klären; gleichzeitig zeige ich, dass diese Prozesse tatsächlich Trancearten des Gewahrseins (awareness) nutzbar machen.

Ich habe versucht, den statischen Begriff "Bewusstseinszustände" (states of consciousness) zu vermeiden, weil dieser mit der Prozessorientierung in der Gestalttherapie nicht vereinbar ist. Ich möchte lieber von "Bewusstseinsweisen" (modes of consciousness) sprechen. Diese sprachliche Abwandlung mag unbedeutend erscheinen; sie hat tatsächlich aber größere theoretische und klinische Bedeutung. Der Begriff "Bewusstseinszustände" lenkt unsere Aufmerksamkeit und die des Patienten auf das Endergebnis eines Prozesses und stellt für unsere Erfahrung eine statische bzw. verdinglichte Qualität dar. Der von mir bevorzugte Begriff "Bewusstseinsweisen" dagegen versucht, unsere Aufmerksamkeit auf jene Prozesse zu lenken, welche auf den Endzustand hinauslaufen bzw. ihn herstellen. So hat der Patient die Möglichkeit, gewahr zu werden, wie der Zustand herbeigeführt wird, und erlebt ihn nicht mehr als etwas, was ihm von außen her widerfährt.

 

Gewahrseinskontinuum

Der Begriff "Gewahrseinskontinuum" hat zwei wichtige Bedeutungen in der Gestalttherapie. Er wird einmal verwendet, um den Fluss der Vordergrundinformation zu beschreiben, der die Struktur jedes gewahren Prozesses beinhaltet. Zum anderen bedeutet er eine in der Therapie zu entwickelnde und anzuwendende Fertigkeit. So wie psychoanalytische Patienten frei zu assoziieren lernen und Hypnosepatienten in Trance zu gehen, lernen Gestaltpatienten, das Gewahrseinskontinuum zu nutzen.

 

Theorie des Gewahrseinskontinuums

Entsprechend der Gestaltpsychologie versteht die Gestalttherapie alle menschlichen Erfahrungen als einen kontinuierlichen Fluss von Interesse erregenden Gestalten (figures of interest), die aus dem Gewahrseinsgrund auftauchen, für einen Moment die Aufmerksamkeit beanspruchen und dann wieder zurücksinken, um von der nächsten dominanten Gestalt ersetzt zu werden. Manche der Gestalten besitzen genügend Energie, um voll in das Bewusstsein zu treten, während andere weniger Macht besitzen, aber auf unser Verhalten einwirken, ohne die Schwelle des Gewahrseins zu überschreiten. Diese Gestalten sind stark genug, Verhalten zu beeinflussen, aber nicht stark genug, das Gewahrsein zu erlangen. Ein gängiges Beispiel dafür ist das gedankenlose automatische Schalten, das wir beim Steuern eines Autos vornehmen; nur ein geringer Teil davon erlangt je das Gewahrsein; oder die Anpassungen des Körpers während des Gehens, die gewöhnlich auch automatisch ausgeführt werden. Während Psychoanalyse und Hypnotherapie für diese Gestalten den Begriff "unbewusst" verwenden, zieht die Gestalttherapie den Begriff "präkontaktiv" vor, der nachdrücklich die Flexibilität des Grenzbereichs zwischen dem Gewahren und dem Ungewahren betont.

Klinische Erfahrung zeigt zudem, dass zusätzlich zu jenen Gestalten, die mangels genügender Energie nicht in das Gewahrsein durchdringen, auftauchende Gestalten auch aktiv daran gehindert werden, Gewahrsein zu erlangen. Diese "Wahlmöglichkeit des Ausschließens" liegt gewöhnlich außerhalb des Gewahrseins. Wo Hypnotherapie von "erlernten Mustern der Selbstbegrenzung" und "vergessenen Erfahrungen" spricht, spricht die Gestalttherapie von "unerledigten Geschäften" aus der Vergangenheit und "habitueller Entfremdung". Diese Fähigkeit der menschlichen Psyche, Gestalten für die Zuwendung von Aufmerksamkeit auszuwählen, steht offensichtlich im Dienste der Gesundheit, aber auch der Neurose. Handelt es sich bei den ausgeklammerten Gestalten um Gefühle, Gedanken und Intuitionen, die auf kreative Art bei den laufenden Problemen eingesetzt werden können, so bedeutet der Akt des Ausschließens eine unnötige Selbsteinschränkung.

Beide Ansätze erkennen die therapeutische Notwendigkeit an, diese Muster der Selbsteinschränkung aufzubrechen, sodass das Individuum zu seiner vollen Kreativität zurückgelangen kann. Eine Möglichkeit dazu ist Trance, eine Art lokalen Anästhetikums, um den Zensor vorübergehend außer Gefecht zu setzen. Eine andere Möglichkeit ist das Gewahrseinskontinuum als Fertigkeit; hierbei wird die Aufmerksamkeit so geschult, dass sie der auftauchenden und wieder verschwindenden Gestalten gewahr wird, ohne sich einzumischen; sie lernt, dieses Aktes des Ausschließens gewahr zu werden und zurückgehaltenen Gestalten die Erlaubnis zu geben, ins Gewahrsein zu treten. Diese Fertigkeit könnte man so ausdrücken: Ich lerne, an den Ufern des geistigen Gewahrseinsstromes zu sitzen, und sehe, wie das Wasser vorbeifließt.

 

Gewahrseinskontinuum als therapeutische Intervention

Der erste Schritt, diese Fertigkeit zu erlernen, ist sehr einfach. Der Patient soll wiederholt den Satz vervollständigen: "Jetzt merke ich…", wobei die Leerstelle mit seiner vorherrschend bedeutsamen Gestalt gefüllt wird. Dies verlangt ein bisschen geistige Beweglichkeit. Fast immer vervollständigen Patienten fünf oder sechs Sätze und sagen dann: "Na, das ist alles."

Im Laufe der Erfahrung lernen sie jedoch, diejenigen Gedanken zu erkennen, die dem Entschluss aufzuhören unmittelbar vorausgingen; sie lernen, die Selbstunterbrechungen zu erkennen, und das Zurückweisen bestimmter Vordergründe. Wenn Patienten dies erreicht haben, könnten sie z.B. berichten: "Nun merke ich, dass ich zensiere. Nun merke ich, wie ich denke, dass ich das Gesagte nicht wiederholen sollte. Jetzt denke ich, dass das dumm ist. Jetzt fühle ich mich verlegen, etc." Der therapeutische Nutzen dieser Fertigkeit ist gewaltig. Anstatt mit dem berühmten "Ich weiß nicht" zu antworten, besitzen die Patienten jetzt eine Fertigkeit, mittels derer sie die Grenzen des ihnen Bekannten erweitern können und mit der sie in der Lage sind, Verantwortung für ihr eigenes Lernen zu übernehmen. So können sie lernen, an der Grenze des "Unbekannten" schweigsam zu sein und die Technik des Gewahrseinskontinuums zu benutzen, um die "Wahlmöglichkeit des Ausschließens" beobachten zu können. Gewahrsein dieser "Wahlmöglichkeit des Ausschließens" bedeutet die Freiheit, den unerschlossenen Inhalten den Zutritt in das Bewusstsein zu gestatten. Es ist nicht immer möglich, im Gewahrsein alle unterbrochenen Gestalten aufzuspüren; es ist jedoch für geübte Patienten in jedem Fall möglich, den Akt der Selbstunterbrechung zu bemerken. Das ist an sich selbst schon ein therapeutischer Gewinn.

 

Gewahrseinskontinuum als Trancephänomen

Ein Gestalttheoretiker könnte argumentieren, dass diese Bewusstseinsweisen in unserer Kultur zwar als "normal" angesehen, aber tatsächlich gelernte Weisen des Bewusstseins sind, während das Gewahrseinskontinuum, wie ich es hier beschrieben habe, die natürliche Weise des menschlichen Bewusstseins darstellt. Wie auch immer: Das Hinwenden der Aufmerksamkeit auf das Gewahrseinskontinuum stellt für die meisten eine große Veränderung dar; es kann auch nur für kurze Zeit aufrechterhalten werden. Es ist eine jener Weisen des Bewusstseins, die besonders frei von Überzeugungs- und begrenzenden Systemen zu sein scheinen. In seiner reinsten Form ist dies der Fluss des Gewahrseins selbst. Mit den hypnotischen Zuständen hat es das Charakteristikum des Absinkens der Planungsfunktion, der Neuverteilung der Aufmerksamkeit und der Verfügbarkeit der visuellen Erinnerung und Phantasieproduktion gemeinsam. Die Planungsfunktion ist fast nicht existent, da die einzige Aufgabe darin besteht zu beobachten. Es gibt einfach nichts zu planen. Aufmerksamkeit wird so verteilt, dass sie auf die Formation von Gestalten gerichtet und damit weniger verwickelt ist in irgendeine spezifische Gestalt. Visuelle Erinnerungen und Phantasie-Erfahrungen tauchen oft spontan auf, ebenso Erfahrungen vollständiger Versunkenheit im sensorischen Gewahrsein.

 

Identifikation

Wenn das Gewahrseinskontinuum der grundlegende Prozess des Gewahrseins ist, dann ist Identifikation jener Prozess, in dem das Gefühl für "Ich" und "Nicht-Ich" entsteht. Überraschenderweise hat diese klinische Intervention ihren Ursprung in der Theaterschule von Max Reinhardt: Schauspieler wissen seit langem um die Fähigkeit der menschlichen Psyche, sich mit anderen Dingen und Charakteren zu identifizieren; sie berichten manchmal von der Empfindung, zeitweilig der Charakter zu werden, den sie gerade spielen. Im Spiel von Kindern zeigen sich oft Gelegenheiten, alternative Identifikationen anzunehmen: "Du sollst der Superman und ich werde die Prinzessin sein"; und die Kinder identifizieren sich oder "werden" diese Charaktere für die Dauer des Spiels. Diese Schauspielschule erkannte die kreativen Möglichkeiten, solche Fähigkeiten zu entwickeln. Die Humanistische Psychologie hat eine außerordentliche Zahl von Techniken aus dieser Quelle übernommen. Psychodrama, Spieltherapie und gelenkte Phantasie sind Beispiele dafür.

 

Die Theorie der Identifikation

Wir haben gesehen, dass Gewahrsein betrachtet werden kann als ein kontinuierlicher Fluss von Gestalten, die Interesse erregen. Diese Gestalten oder Gruppen von Gestalten treten im Gewahrsein auf, begleitet von einem Gefühl für "Ich" oder "Nicht-Ich". In seiner deutlichsten Form könnte dies sein "Mir ist es heiß", "Ich denke", "Ich fühle", "Ich glaube" etc., im Gegensatz zu "Ich sehe das Gebäude", wobei dieses Gebäude, das ich sehe, "Nicht-Ich" ist. In der Gestalttherapie ist das Vermögen, sich zu identifizieren und sich zu desidentifizieren, das Ego. Das Ego ist der Prozess des Identifizierens und Desidentifizierens, nicht aber das Subjekt irgendeiner einzelnen Identifikation; es ist auch nicht identisch mit dem phänomenologischen "Ich". Die Phänomenologie hat gezeigt, dass die Identifizierung sich ständig verändert. Selbst in einem so einfachen Satz wie "Ich möchte gerne einkaufen gehen, aber ich komme nicht weg", sehen wir zwei unterschiedliche Identifikationen. Da ist das "Ich", das einkaufen gehen möchte; das ist eine Erfahrung des "Ich" als ein wünschendes. Dann tritt das "Ich" auf, das sich verpflichtet fühlt, hier zu bleiben. Wenn man sorgfältig auf seine Patienten hört, lernt man bald, die ständig sich verändernden Identifikationen zu hören, und es ist möglich, Muster oder Gewohnheiten der Identifikation zu erkennen; Erfahrungen, mit denen Patienten sich habituell identifizieren, und Erfahrungen, die sie zu vermeiden suchen. Während das Vermögen, sich zu identifizieren und sich zu desidentifizieren, die Grundlage der Autonomie und Individualität ist, begrenzen die Muster oder Gewohnheiten der Identifikation auch Freiheit und Kreativität und stellen so einen Teil der Struktur der Neurose dar. Der Neurotiker identifiziert sich gewohnheitsmäßig mit Erfahrungen, die nicht vereinbar sind mit seinen Zielen und Wünschen. Dieses gewohnheitsmäßige Auswählen kann entweder zu einengend sein, weil es kreatives und produktives Verhalten ausschließt; oder es kann zu expansiv sein, weil Selbstanforderungen und Erwartungen akzeptiert werden, die zu groß und jenseits verfügbarer Unterstützung sind und deshalb zum Scheitern führen. Umgekehrt desidentifiziert er sich mit Erfahrungen, wie z.B. Widerständen, Selbstaggressionen etc., mit denen er eher konstruktiv als Teilen des Selbst umgehen könnte.

 

Identifikation als klinische Intervention

Jeder Patient bringt in die Therapie sein eigenes Identifikationssystem mit. Gewöhnlich hat sich dieses als maladaptiv erwiesen. Eine der Aufgaben der Therapie ist es, dem Patienten zu helfen, dieses System neu zu evaluieren, Identifikationen mit kreativen Aspekten des Selbst, die habituell entfremdet waren, zu reetablieren und sich von zerstörerischen Aspekten des Selbst zu desidentifizieren, wie z.B. von dem üblichen Gefühl "Ich kann nicht". Im folgenden Fallbericht wird die Methode der Erstellung einer Identifikation mit einem entfremdeten Aspekt der Persönlichkeit gezeigt.

Eine 45-jährige Frau kam zu mir in die Behandlung mit vielfachen Beschwerden: eine Vielfalt von psychosomatischen Krankheiten, Eheprobleme, schwere Depression und eine selbstzerstörerische Angewohnheit, in ihrem Gesicht so sehr herumzuzupfen, dass offene Wunden entstanden. Im Gespräch über dieses Zupfsymptom stellte ich bei ihr eine starke Tendenz für ihre Identifikation mit dem Wunsch fest, mit dein Zupfen aufzuhören, und mit dem Gefühl, ein hilfloses Opfer eines Verhaltens zu sein, das sie nicht kontrollieren oder beenden könne.

Ich sagte ihr, obgleich sie damit aufhören wolle, erschiene es mir so, als ob ihre Hand einen eigenen Verstand habe, denn sie führe ja damit fort zu tun, was sie wolle. Ich bat sie zu empfinden, was ihre Hand fühle, um zu sehen, ob sie den

Wunsch der Hand zu zwicken empfinden konnte. Sie konnte dies, aber aus der Perspektive einer die Hand betrachtenden Außenstehenden. Ich schlug sodann vor, dass sie in die Hand schlüpfen solle und die im Gesicht zwickende Hand sein solle. Das tat sie erfolgreich, und darauf folgte eine Tirade von Selbsthass und Ekel heftigster Art. Wahrend dieser Periode "wurde" sie die Hand, und damit identifizierte sie sich wieder mit ihrer Aggression, deren Eintritt in das Gewahrsein sie seit Jahren verboten hatte.

Am Ende der Sitzung berichtete die Frau von einem großen Gefühl der Erleichterung; sie sagte, sie wisse jetzt, dass sie sich dies selber antue. Intellektuell habe sie dies seit Jahren gewusst, aber nun habe sie die Erfahrung. Das subjektive Ergebnis war, das Gefühl geistiger Gesundheit wiedererlangt zu haben; obgleich sie mit dem unerwünschten Verhalten noch nicht aufhören konnte, wusste sie, dass sie dessen Urheberin war.

 

Identifikation als ein Trancephänomen

In diesem Beispiel sind die fixierten Verhaltensmuster klar eingestellt, sodass neue Erfahrungen gemacht werden können: sie erfährt sich selbst sowohl als Aggressor wie auch als Opfer. Ihre gewohnte Identifikation mit dem Gefühl "Ich kann dieses Verhalten nicht beenden. Es passiert mir", ist verändert durch die Entdeckung, dass sie sich selber etwas antut. Ihre Fähigkeit, die Hand zu "sein", ist ähnlich dem von Hilgard erwähnten Rollenverhalten, während die lebhaften Visualisierungen, das Gefühl der Realität der gesamten Erfahrung und das Fehlen jeglicher bewussten Planungsfunktion auch die Charakteristika des Trancezustandes aufweisen.

 

Dialog

Wenn das Gewahrseinskontinuum der Prozess der wahrgenommenen Erfahrung ist, und wenn Identifikation/Desidentifikation der Prozess der Erzeugung eines subjektiven Gefühles des Selbst ist, dann ist Dialog jener Prozess, durch welchen die vielfältigen Identifikationen oder Erfahrungsmomente zueinander Kontakt aufnehmen und die relativen Prioritäten ihrer Bedürfnisse in dem integrierten Funktionieren der Person erstellen. Gesundheit hat eine gute Kommunikation zwischen den mannigfaltigen Identifikationen zur Voraussetzung, Krankheit ist ein Zeichen ihres Zusammenbruchs. Eine Aufgabe jeder Therapie ist es, den Dialog mit der Persönlichkeit wiederherzustellen (oder in vielen Fällen überhaupt erst zu entwickeln).

 

Die Theorie des Dialogs

Jeden Moment taucht eine einzelne Gestalt oder Identifikation als dominante Gestalt im Gewahrsein auf. Wir sagen: "Ich bin glücklich" oder "Ich bin stark" oder "Ich bin beschäftigt". Doch gibt es andere Momente der Erfahrung, wenn wir sagen: "Ich bin traurig" oder "Ich bin schwach" oder "Ich bin entspannt". Normale menschliche Erfahrung ist ein Handel zwischen verschiedenen Momenten der Identifikation. Wenn wir denken, sprechen wir mit uns selbst, unsere mannigfaltigen Identifikationen führen miteinander eine Konversation, sie argumentieren und diskutieren. Der einfache Akt, die Straße hinunterzugehen, ist eine komplexe Kakophonie von Stimmen im Kopf, die um Aufmerksamkeit quasseln. "Pass auf das Auto auf! Weißt du, was du einkaufen willst? Oh, fühlt es sich nicht wunderbar an, ein bisschen in der Sonne zu gehen?" Jede Stimme ist eine Identifikation mit einer Erfahrung. Die Gestalttherapie nimmt an, dass der Organismus geeignete Bedeutungen findet, nach denen er lebt, wenn dieser Prozess des Handelns innerhalb der Persönlichkeit nicht durch "erlernte Muster der Selbstbegrenzung" versperrt ist. Jedoch passiert es oft genug, dass dieser Handelsaustausch nicht frei fließt. Jeder hat erlernte Muster darüber, welche Identifikationen für das Bewusstsein zugelassen werden und welche nicht. Wenn eine verbotene Gestalt im Bewusstsein aufzutreten beginnt, wird sie auf der Ebene des Präkontaktes "erkannt" oder "erfasst" (Hilgard, 1968, S.8) und es wird ihr der Zugang zum Bewusstsein verwehrt.

Das Ergebnis dieser Akte des Ausschließens ist es, dass der normale Dialog zwischen Identifikationen unterbrochen wird. Eine Identifikation wird bewusst und wird erfahren als "Ich", während die entgegengesetzte Identifikation ihren Einfluss auf das Verhalten auf der Ebene des Präkontaktes geltend macht und nur indirekt als "Nicht-Ich" erfahren wird. Ein einfaches Beispiel dafür ist es, wenn wir sagen, dass wir etwas tun möchten und es dann nicht tun. "Ich möchte heute mein Auto waschen" oder "Ich sollte wirklich heute den Kühlschrank säubern und noch bügeln"; bei solchen Gedanken tritt die Identifikation mit dem Fehlenden im Bewusstsein als dominante Gestalt auf. Wenn am Ende des Tages diese Aufgaben unerledigt geblieben sind, müssen wir zugeben, dass auch ein "Ich möchte nicht... " mit im Spiele war, eine Identifikation, die auf der Ebene des Präkontaktes operierte. Sie beeinflusste zwar das Verhalten, trat selbst aber nicht in das Gewahrsein. Traditionell wurden in psychotherapeutischen Theorien solche Identifikationen als "unbewusst" beschrieben. Das Ergebnis davon ist eine Gabelung in Bewusstes und Unbewusstes. Die Gestalttherapie zieht es vor, diese Phänomene nur als graduelle Unterschiede entlang eines Kontinuums von Gewahrsein zu betrachten. Solch eine Sichtweise betont die Kontinuität zwischen bewusst und unbewusst und hält die bewusste Identifikation für verantwortlich für die Aktionen des "Unbewussten". Dialog als klinische Methode ist ein Weg, den aktiven Austausch zwischen den verschiedenen Identifikationen wiederherzustellen. Die Gestalttherapie hat viel aus der Philosophie Martin Bubers (1958) für ihr Modell des optimalen Dialogs zwischen den Elementen der Psyche geborgt. Während Buber sich aber hauptsächlich mit der Kommunikation zwischen Personen und zwischen Personen und Gott befasste, bezieht die Gestalttherapie den intrapsychischen Dialog mit ein.

 

Dialog als klinische Intervention

Ein einfaches Beispiel der Dialogmethode möchte ich aus einer Sitzung einer fortlaufenden Therapiegruppe berichten.

Ein Teilnehmer entwickelte plötzlich einen schmerzhaften Krampf in den Schultermuskeln, nachdem er der Arbeit eines anderen Teilnehmers am unbeendeten Groll gegen die Eltern gefolgt war.

Er wurde aufgefordert, sich mit dem Schmerz zu identifizieren und konnte dies leicht tun. "Ich verletze ihn, ich spanne seine Muskeln, damit sie wehtun." Er wurde angewiesen, seine Identifikation umzustellen und das Opfer zu sein. "Du tust mir weh. Warum tust du mir dies an. Ich verstehe nicht, was ich getan halse." Im darauf folgenden Gespräch, das sich spontan entwickelte, teilte der Schmerz mit, dass er seine Aufmerksamkeit erregen wolle, um sie auf sein Verlangen, seinen kleinen Bruder schlagen zu wollen, zu lenken.

Hier war die eine bewusste Identifikation die eines liebenden älteren Bruders. Die andere verbotene Identifikation war sein Groll und das Verlangen, den kleineren Bruder zu schlagen. Die Arbeit des anderen Gruppenmitgliedes rief einen verbotenen Drang, nämlich eine kinästhetische Erinnerung, hervor, wie auch ein Hypnotherapeut es versteht (Erickson, 1983, S. 259). Dieser Drang wurde psychisch und auch physisch blockiert; die physische Blockade resultierte im Krampf. Der Wunsch zu schlagen, und der Wunsch, ein liebender Bruder zu sein, sind gegensätzliche Wünsche, und nur einer konnte zu einem bestimmten Zeitpunkt Gewahrsein erlangen.

Im Laufe des weiteren Dialogs wurde das Thema ausgedehnt, um die Rolle, die die Wut in seinem Leben spielen könnte, einzubeziehen; das Verlangen, fair und rücksichtsvoll anderen gegenüber und das Verlangen, frei in seinem Selbstausdruck zu sein. Am Schluss wurde ein Kompromiss erreicht, der beiden Identifikationen Rechnung trug.

Nach dieser Arbeit war der Muskelspasmus völlig verschwunden.

Ein anderes Beispiel der klinischen Anwendung des Dialoges ist der Fall eines 37 Jahre alten Mannes, der mit Beschwerden über seine allgemeine Lebensunzufriedenheit in die Therapie kam. Im zweiten Monat der Therapie hatte er einen Traum über einen gefangenen Vogel.

Die Traumarbeit begann mit der Bitte, sich mit dem Vogel zu identifizieren, der Vogel im Käfig zu sein. Er tat dies und berichtete von dem Gefühl der Beschränkung und der Sehnsucht nach Freiheit. Ich forderte ihn dann auf, der Käfig zu sein. Obwohl überrascht, war er in der Lage, die Identifikation zu vollziehen. Der Käfig war stark und schützend. Als ich vorschlug, dass der Käfig und der Vogel miteinander ein Gespräch führen sollten, begann er einen Dialog mit diesen zwei Identifikationen, bei dem wir beide über den kreativen, spontan sich ergebenden Kompromiss überrascht waren. Der Käfig war nicht nur eine negative Begrenzung, sondern stellte auch sein Bedürfnis nach Selbstschutz dar. Der Vogel war nicht nur seine Sehnsucht nach Freiheit, sondern in seiner Stimme klangen auch Ängste durch. Der Vogel und der Käfig waren in der Lage, einen Arbeitskompromiss zu entwickeln, basierend auf einer Anerkennung für die gegenseitigen Bedürfnisse und Ängste. Er teilte dies folgendermaßen mit: "Ich bin der Vogel, der fliegen will, und der Käfig, der ihn behütet. Aber ich bin auch mehr als dies. Ich bin beides zusammen, Freiheit und Sicherheit im Gleichgewicht."

Nach dieser Zusammenkunft begann der Patient, einen langen Prozess wichtiger Lebensänderungen vorzunehmen.

Das wesentliche Element in der Verwendung dieser Methode besteht darin, intrapsychische Kommunikation und damit den Fluss des Gewahrseins wiederherzustellen.

 

Dialog als Trance

Wiederum sind hier alle fünf Charakteristika eines Trancezustandes vorhanden und die begrenzenden Bezugsrahmen und Glaubenssysteme sicherlich durchbrochen. Die Planungsfunktion ist aufgehoben in dem Sinne, dass der rationale Verstand überhaupt nichts davon weiß, was auftauchen wird; die Aufmerksamkeit wird in Bereiche abgelenkt, die gewöhnlich völlig außerhalb des Gewahrseins sind; das Rollenverhalten zeigt sich deutlich in den Identifikationen, ebenso die Visualisierungsfunktion. Ich weiß nicht, ob diese Bewusstseinsweise identisch ist zu jener, die durch einen Hypnotherapeuten induziert ist, wenn dieser mit einem Klienten arbeitet; aber sie ist sicherlich eine veränderte Weise des Bewusstseins, eng verbunden mit den hypnotischen Trancezuständen. Beeindruckend an diesen Bewusstseinsweisen ist die Leichtigkeit, mit der die meisten Patienten in diese Art zu arbeiten gelangen, und die Fluidität, mit der das so genannte "unbewusste" Material im Bewusstsein auftaucht. Es kann natürlich nicht argumentiert werden, dass diese Auslegung des Traumes die "richtige" sei; aber es ist eine Auslegung, die der Patient selber vollzog aus dem gleichen Brunnen, aus dem er den Traum schöpfte, und es ist eine Auslegung, die Bedeutung und Nutzen für ihn hatte.

 

Auflösung von Festgefahrensein

Die letzte Intervention, die ich hier erörtern möchte, ist die Auflösung von Festgefahrensein. Mit Festgefahrensein ist ganz einfach ein Feststecken gemeint. Es ist die Erfahrung, etwas tun zu wollen und dazu nicht fähig zu sein. Es ist der Wunsch, mit dem Rauchen aufhören zu wollen und weiterzurauchen; Gewicht abnehmen zu wollen und fortzufahren, zu viel zu essen. Manche Form des Festgefahrenseins ist in fast allen auftretenden Problemen in der Psychotherapie vorhanden. Die meisten psychotherapeutischen Schulen lösen Festgefahrensein indirekt dadurch, dass sie es interpretieren oder die verborgenen Ursachen und Funktionen aufdecken. Die Gestalttherapie hat mit Milton H. Ericksons Hypnotherapie bei der Auflösung von Festgefahrensein eine direkte oder "frontale" Annäherung gemeinsam, obgleich diese zwei Schulen sich in ihrer Methode unterscheiden.

 

Theorie des Festgefahrenseins und Auflösung von Festgefahrensein

Wie wir in der Erörterung von Identifikation und Dialog gesehen haben, kann es geschehen, dass die Persönlichkeit mit sich selber in Konflikt gerät; eine Identifikation oder eine Menge von Identifikationen handelt von der Ebene des Bewusstseins aus, während die anderen Funktionen auf der Ebene des Präkontaktes handeln. Oft sind die Methoden von Identifikation und Dialog ausreichend, um der funktionierenden Psyche eine dynamische Qualität zurück zugeben. Manchmal jedoch droht eine Identifikation aufzutauchen, ohne dass genügend Unterstützung vorhanden ist, um ihre volle Entwicklung im Gewahrsein zu ermöglichen. Dies geschieht gewöhnlich nur im Zusammenhang von Therapien, deren therapeutische Interventionen die Funktion haben, die neurotische Homöostase zu zerbrechen. Die äußeren Zeichen dieses therapeutischen Festgefahrenseins sind oft dramatisch: impulsive Kontraktionen, Schwierigkeiten zu sprechen und zu denken, Schwierigkeiten, klare Bedeutungen zu finden, und manchmal eine regressive Körperhaltung und Bewegung.

In der Gestalttherapie nähert sich der Prozess der Auflösung von Festgefahrensein dem Konflikt von der Seite der bewussten Identifikation, aber auf total paradoxe Weise. Er lädt die bewusste Identifikation ein, den Versuch aufzugeben, die unbewusste Identifikation zu ändern, und in die Konflikterfahrung innerhalb der Persönlichkeit bereitwillig einzutreten. Dies wird oft von den Patienten so empfunden, als gingen sie nun daran, das eigene Sterben zu erleben, und opferten sich selbst auf, ohne die Gewähr ihrer Wiedergeburt. Das vernünftige oder bewusste "Ich" kann wählen zu erlauben, dass es vom Unbekannten, vom Feind überwältigt wird. Dies ist ein Akt des Glaubens oder der Verzweiflung. Glücklicherweise zeigt sich als Ergebnis sehr häufig, dass völlig neue Verhaltensweisen und neue Integrationen auftauchen zusammen mit einem neuen Sinn vom Selbst. Die bewusste Identifikation lernt, wie sie sich der umfassenderen Persönlichkeit überlassen kann, um auf solche Weise das einheitliche Funktionieren des Ganzen wiederherzustellen.

 

Auflösung von Festgefahrensein als klinische Intervention

Ein dramatisches Beispiel der Auflösung von Festgefahrensein in der Therapie ist die Sitzung, die der schon oben berichteten mit der Gesichtszupferin folgte.

Meine Patientin kam zu dieser Sitzung voller Aufregung. Wir nahmen die Arbeit auf mit einem Dialog zwischen Hand und Gesicht. Die Hand war brutal und grausam. Das Gesicht litt und schrie wiederholt auf: "Du verletzt mich. Bitte, hör auf." Nachdem dies eine Zeit lang so hin und her gegangen war, plumpste sie aus dem Sessel auf den Boden und lag dort still wimmernd für drei oder vier Minuten.

Bis hierher hatte unsere gemeinsame Arbeit zum Vorschein kommen lassen, was in ihr seit Jahren vor sich ging, ohne dass sie sich dessen gewahr war. Die therapeutische Aufgabe bestand nun darin, eine Intervention zu finden, die die weitere Entwicklung des Gewahrseins unterstützte und Beweglichkeit ermöglichte, ohne die Richtung der Lösung zu beeinflussen, die der Organismus im Begriff war zu suchen.

Ich berührte sie sanft am Arm und signalisierte ihr dann durch festen Druck, in die entgegengesetzte Ecke des Zimmers mit mir zu kommen. Dort sagte ich zu ihr:

"Schau dir jene zwei Charaktere da drüben an. Was tun sie?" Sie antwortete: "Sie kämpfen und sie töten einander. Sie töten mich." Ich sagte zu ihr: "Das ist wirklich schrecklich, aber ich nehme an, dass sie dies seit langer Zeit schon tun." Sie nickte zustimmend. Ich fuhr fort: "Nun, ich weiß nicht, was du tun willst, aber wenn du willst, kannst du es ihnen wirklich hier ein für alle Mal austreiben und die Sache zu einem Ende bringen." Sie schaute mich eine Zeit lang neugierig an und sprang dann plötzlich in die Ecke des Zimmers und begann schreiend dort auf einen Stapel von Kissen einzuschlagen. Nach ein paar heftigen Minuten verfiel sie in ein starkes Schluchzen, das eindringlich erlösend wirkte. Sie drehte sich dann augenblicklich auf ihren Rücken, und die Tränen waren in ein schönes Lächeln übergegangen. Sie sagte: "Sie kämpfen nicht mehr. Sie lieben sich. Ich liebe mich."

Es ist nicht möglich, hier eine vollständige Analyse dieses komplexen Teils der Arbeit zu geben. Für unsere Zwecke genügt es, die zwei Impulse zu erkennen: die Hand als Aggressor und das Gesicht als Opfer. Diese sind deutlich in Konflikt miteinander. Wenn dieser Konflikt voll und bewusst erschlossen wird, taucht das Festgefahrensein auf.

Kann sich die bewusste Identifikation dem Konflikt voll überlassen, ist das Unbewusste frei, seine eigene Lösung zu entdecken. Die Patientin konnte die destruktiven Gefühle eher zulassen, wenn sie gegen das eigene Gesicht gerichtet waren. Als aber diese Gefühle der Destruktivität volle Aufmerksamkeit erhielten, brach der Konflikt mit Intensität hervor, und der gesamte Schmerz der Konsequenzen ihres Tuns wurde ihr gewahr. Dieses Verhalten hatte über Jahre angehalten, weil der gesamte Schmerz bzw. die volle Konsequenz der Selbstzerstörung nicht bewusst erfahren wurde. Nur die Opferseite des Leidens wurde gewahr. Als beide, das Gesicht als Opfer und die Hand als Aggressor, in das Gewahrsein gelangten, konnte der gesamte Schmerz des sich selbst Zerstörens auch gewahr werden. An diesem Punkt war der Wunsch, den Schmerz zu vermeiden, größer als die Furcht vor der verbotenen Identifikation, in diesem Fall sexueller Gefühle. Bis zu dieser Sitzung gab es keinen Anhaltspunkt in Bezug auf das ursprüngliche Liebesverbot. Er tauchte erst später in der Therapie auf und war verbunden mit Inzesterfahrungen in der Kindheit.

Nach dieser Sitzung hörte das Symptom des Gesichtzupfens auf, und es trat eine Gesamtverbesserung der psychosomatischen Symptome ein. Sie hatte keine "Einsichten", weder im Sinne von Verstehen noch Erinnern; sie entdeckte nur, dass die Hand als Identifikation mit der Destruktivität und das Gesicht als verfolgtes Opfer einen Weg fanden, miteinander Frieden zu schließen.

 

Auflösung von Festgefahrensein als Trancephänomen

Weder der Patientin noch mir war ganz klar, was sich verändert hatte, um der brutalen Aggression zu erlauben, eine gründliche Selbstliebe zu werden; aber dies ist geschehen. Die Patientin erlernte etwas sehr Wichtiges, ohne es zu verstehen. Ich habe keine Interpretationen gegeben; die Integration ging von der Patientin ganz alleine aus. Es ist auch verständlich, wenn eine konservative Frau mittleren Alters ein solches Verhalten in einem normalen Bewusstseinszustand nicht ausführt. Sie befand sich in einer Bewusstseinsweise, wo der mögliche Lerngewinn das auf sich genommene Risiko rechtfertigte. Die überraschende Natur der Auflösung legt deutlich nahe, dass das Unbewusste mit der bewussten Identifikation während dieser Arbeit in Kommunikation stand.

 

Zusammenfassung

Ich hoffe deutlich gemacht zu haben, dass Trancezustände in der Gestalttherapie tatsächlich auftreten, obgleich die Methoden der Induktion völlig verschieden sind von den üblichen Induktionsmethoden der Hypnotherapie. Ungeachtet dessen, wie man diese alternativen Weisen des Gewahrseins benennt, erscheinen sie sehr nützlich, um Patienten zu helfen, Lösungen für ihre Konflikte zu finden. Es muss auch nicht betont werden, dass viele wichtige Lernvorgänge außerhalb des rationalen Bewusstseins vorkommen. Diese alternativen Weisen des Gewahrseins werden in der Praxis der Gestalttherapie noch in vielerlei Hinsicht nutzbar angewandt, oft auf ähnliche Weise wie in der Hypnotherapie. Ich habe diese vier ausgewählt, weil ich damit auf adäquate Weise das Auftreten von Trance in der Gestalttherapie aufzeigen und an ihnen beispielhaft darlegen konnte, wie die Theorie der Gestalttherapie diese Phänomene versteht. Eine erschöpfende Besprechung aller Phänomene von Trance in der Gestalttherapie übersteigt den gesetzten Umfang dieser Abhandlung. Ich muss hier auch klarstellen, dass trotz der häufigen Verwendung von Trancephänomenen in der Gestalttherapie diese nur einen Teil aus der Vielfalt der gestalttherapeutischen Methoden darstellen und nicht eine zentrale Stellung in der Praxis vieler Gestalttherapeuten einnehmen.

 

Theoretische Implikationen und Diskussion

Im folgenden Abschnitt möchte ich mehrere Punkte erörtern, bei denen ich das Gefühl habe, dass die Sichtweise der Gestalttherapie zu der von Erickson Unterschiede zeigt und Schwerpunkte etwas anders setzt.

 

Trance im Dienste der Neurose

Tranceweisen des Bewusstseins, so scheint es mir, können wie alle anderen psychischen Prozesse entweder der Gesundheit oder der Neurose dienen, so wie ein Werkzeug dazu verwendet werden kann, damit zu bauen oder niederzureißen. Aus der Perspektive der Gestalttherapie gibt es Patienten, für die Trance kontraindiziert ist; in Trance gehen würde hier bedeuten, neurotische Muster zu produzieren. Die besonderen Charakteristika, die Trance so interessant und nützlich machen, sind auch allgemeine Charakteristika neurotischen Verhaltens: selektive Wahrnehmung, Beeinflussbarkeit, Rollenverhalten, Toleranz für Verzerrungen der Wirklichkeit etc. Lassen Sie mich zwei Fälle aus meiner Praxis beschreiben, die diesen Punkt erläutern.

Ein Student kam zu mir. Er hatte Schwierigkeiten, zu studieren und sich in den Vorlesungen zu konzentrieren. Bei der Beschreibung des problematischen Verhaltens sagte er: "An einem bestimmten Punkt in der Vorlesung blende ich aus, ich schwebe in Phantasien davon und komme nur in den Hörsaal zurück, wenn plötzlich etwas passiert." Da dieser Student ein großes Interesse an der Verhaltenstherapie zeigte, schlug ich ihm vor, dass er seine therapeutische Arbeit mit der Hypothese beginnen solle, sein Verhalten sei eine erlernte Reaktion. Ich schlug vor, dass er in die Vorlesungen gehen und, so oft er wolle, ausblenden solle; er müsse aber versuchen, sich dessen gewahr zu sein, was in ihm kurz vor dem Ausblenden passiere; er solle also den spezifischen Stimulus für seine Reaktion des Ausblendens entdecken. Nach mehreren frustrierenden Wochen der Bemühung bemerkte er einige Manierismen des Professors, einen Ton in dessen Stimme und einen bestimmten Sprechrhythmus. All dies erinnerte ihn an Kindheitssituationen, in denen ihm sein Vater lange Lektionen erteilte; um sich nicht zu langweilen, hatte er gelernt auszublenden. Er hatte auch bemerkt, wie er sich dabei Gedanken über seine Hobbys und seine Beziehungen machte; diese Gedanken kamen ihm in den Kopf und beschäftigten seine Aufmerksamkeit. Die Kombination, den Manierismen des Professors sorgfältige Aufmerksamkeit zu widmen, ebenso seinem Bedürfnis, zwischen Hobbys und Studium einen Ausgleich zu finden wie auch in seine Beziehungsprobleme Ordnung zu bringen, all dies bewirkte eine bemerkenswerte Veränderung in seiner Fähigkeit, sich zu konzentrieren. Sein Ausblenden ging in einen Trancezustand über mit dem Ziel, negative Elemente in seiner Umgebung zu vermeiden. Gestalttherapie legt es nahe, dass die Behandlung sich mit Auswählen-Können beschäftigen muss, um die Aufmerksamkeit auf jene Elemente zu lenken und zu helfen, sich konstruktiv mit diesen Gegebenheiten der Welt auseinanderzusetzen. Der Professor war in der Tat sehr langweilig.

Ein zweites Beispiel wurde mir kürzlich von einer Patientin erzählt:

In einem schwachen Moment hatte sie ihrer Tochter zögernd ein Schoßtier versprochen. Die Tochter fasste dieses vorläufige Versprechen als eine bindende Verpflichtung auf und wählte mit der angeborenen Schlauheit von Kindern einen anderen schwachen Moment der Mutter, um mit einem Überredungsprogramm zu beginnen. Die Mutter berichtete, dass sie sich im Auto wieder fand und ganz gegen ihr besseres Urteil zu der Zoohandlung fuhr. Sie berichtete von einem Gefühl von Verwirrung und Unfähigkeit, sich gegen das Beharren des Kindes und gegen das Drängen des Verkaufspersonals zu wehren. Ohne ganz zu verstehen, wie es geschah, fand sie sich dann im Auto wieder und fuhr nach Hause mit einem Tier, das vollkommen ungeeignet war und das sie niemals unter normalen Umständen ausgewählt hätte. Auf meine Aufforderung hin versuchte sie, sich die Situation zu vergegenwärtigen, und berichtete dann von einer Verzerrung des normalen Gesichtsfeldes, so als ob sich ein "Vorhang" zwischen ihr, der Tochter und der Verkäuferin geschoben hätte. Sie berichtete, dass sie diese wirklich nicht wahrgenommen habe.

Ich nehme an, dass sich die Mutter während der ganzen Zeit in einem Trancezustand befand. Sie hatte zwar über einen Mangel an Selbstsicherheit geklagt und über Angst vor einem Konflikt; aber es scheint mir, dass sie ein Muster dafür besaß, unter bestimmten Umständen in einen veränderten Bewusstseinszustand zu gelangen. Falls dies tatsächlich zutrifft, bieten sich zwei Erklärungen an. Zum einen könnte die Mutter früher - natürlich nicht absichtlich - dazu gebracht worden sein, in Trance zu gehen und das zu tun, was von ihr erwartet wurde, und nicht das, was sie selbst gerne getan hätte. Die Tochter erlernte zufällig, jene posthypnotischen Suggestionen zu manipulieren, die die Trance induzierten. Zum anderen könnte Trance eine Methode sein, möglichen Konflikten zu begegnen. Das Insistieren der Tochter, zu dem Schoßtier zu kommen, lässt eine Konfliktsituation entstehen und induziert Trance. In beiden Fällen ist die Tochter unbeabsichtigt in der Position, Trance auslösen zu können. Es ist sicherlich nicht im Interesse von beiden, dass das Kind diese Macht über seine Mutter besitzt.

Ein anderer Bereich, in dem veränderte Bewusstseinszustände der Neurose dienen, ist allgemein als Übertragungs- und Projektionsphänomen bekannt. Für einen Gestalttherapeuten sind diese Phänomene viel verbreiteter, als gemeinhin angenommen wird. Ein typisches Beispiel ist die altehrwürdige Tradition des Sichverliebens: Wir haben starke Gefühle, sind vernarrt, und wenn wir dann die Person kennen lernen, wird klar, dass sie keineswegs ist, wie wir dachten oder hofften, ja, dass wir sie tatsächlich überhaupt nicht mögen. In unserem betörten Zustand befinden wir uns in einer veränderten Bewusstseinsweise. Das heißt, der Vordergrund besteht nicht nur aus unseren Wahrnehmungen darüber, wer die Person ist, also aus unserer momentanen perzeptuellen Information; der Vordergrund ist vielmehr stark gefärbt von unseren Hoffnungen, Erinnerungen und Sehnsüchten. Patienten wissen normalerweise nicht, dass das, was sie "sehen", keine reine Sinneswahrnehmung ist, und weigern sich starrsinnig zuzugeben, dass ihre subjektive Gewissheit bezüglich der anderen Person eine Projektion sein könnte; dies ist das Ergebnis von Erfahrungen in veränderten Bewusstseinsweisen. In der Arbeit mit Paaren geht es häufig um dieses Thema. Es ist seltsam, wie blind ein Partner der Realität gegenüber sein kann. In den vergangenen Jahren bin ich zunehmend sensibilisiert worden für die Möglichkeit, dass manche Patienten eine veränderte Bewusstseinsweise verwenden, wenn sie ihre Lieben wahrnehmen und die Wahrheit überhaupt nicht "sehen". Es gibt sicherlich Patienten, die die Gewohnheit haben, mit "geschlossenen Augen" in neue Situationen zu gehen. Sie tendieren stark dazu, nicht die realen Gegebenheiten wahrzunehmen, vielmehr Hoffnung oder Angst davor zu haben, was sein könnte. Sie benutzen habituell eine Bewusstseinsweise, die die Wahrnehmung stark herabsetzt und reich an Phantasiematerial ist.

Die therapeutische Frage, die sich aufgrund dieser Beobachtungen und aus der Position der Gestalttherapie stellt, ist: Welches ist die geeignete Behandlungsmethode? Während wir nicht darüber diskutieren müssen, dass verschiedene Patienten verschiedener Behandlungsmethoden bedürfen, muss man sich doch fragen, ob die unkritische Verwendung von Trance die bestmögliche therapeutische Wahl ist, Zustände zu behandeln, in denen Trancezustände selbst das pathologische Vehikel darstellen. Gestalttherapie argumentiert, dass Trancearbeit nicht immer die beste Wahl ist, therapeutisch zu arbeiten; sie schlägt stattdessen Methoden vor, die den perzeptuellen Kontakt mit und die Orientierung in der Wirklichkeit entwickeln als Grundlage dafür, gesund in der Welt zu leben. Die unbesonnene Verwendung von Trance in der Therapie kann den Therapeuten veranlassen, die Gelegenheit zu übersehen, wo eine alternative Perzeption gelernt werden kann, die eher zu adäquaten Zugangsweisen zur Realität führt. Erickson selbst scheint sehr sensibel für solche Themen gewesen zu sein, und es ist interessant, seine Schriften zu lesen und zu spekulieren, warum er Trance bei einigen seiner Patienten verwendete und bei anderen nicht. In seiner Ausbildung von Therapeuten legte er ebenfalls großen Nachdruck auf die Entwicklung der Wahrnehmung. Nichtsdestoweniger glaube ich, dass die Vorsicht, mit der die Gestalttherapie die Verwendung von Trance in der Therapie betrachtet, ein Korrektiv für den Therapeuten darstellt. Trance kann, wie alle anderen Gewahrseinsweisen, der Gesundheit oder der Pathologie dienen.

 

Entwicklungstherapie kontra Behandlung von Symptomen

Die meisten "teaching tales" Milton H. Ericksons drehen sich um die Behandlung eines Symptoms oder die Lösung eines Problems. Ich bin in vollkommenem Einverständnis mit seiner Verfahrensweise, Patienten zu behandeln, für die das hauptsächliche Problem ein spezifisches Symptom ist. Aber zunehmend suchen Leute psychotherapeutische Hilfe, um mit Problemen und Gegebenheiten fertig zu werden, auf die es keine einfache Antwort gibt. Menschen sind heutzutage mit einer Welt konfrontiert, die weitaus komplexer ist und deren Fortdauern immer fragwürdiger wird. Kein Therapeut weiß die Antwort auf diese Fragen; meiner Ansicht nach kann man nur hoffen, dass eine wachsende Zahl von Menschen versucht, eine kreative Beziehung zu ihren inneren Ressourcen zu entwickeln. Gestalttherapie zieht traditionell jenen Patienten an, der eine Entwicklungsoption sucht. Es gibt keinen Grund, warum die Methoden der Hypnotherapie nicht verwendet werden können, um auch diesen Patienten wie jenen zu helfen, die an Schmerzen oder an spezifischen Symptomen leiden. Bei dieser Arbeit muss sich der Therapeut jedoch des Ausspruchs von Erickson bewusst bleiben, dass der Patient selbst die Heilung vollzieht und der Therapeut nur die Bedingungen bereitstellt. Das Misstrauen, mit dem die Gestalttherapie die Hypnotherapie betrachtet, hat zum Teil mit unserer eigenen schwierigen Geschichte zu tun, wo wir in Versuchung geraten sind, Techniken zu benutzen als Mittel, die Konfrontation mit Themen zu vermeiden, für die es keine einfachen Antworten gibt, und unseren eigenen Gefühlen der Impotenz. Es ist leicht, einen Patienten in eine Trance zu bringen und ein paar Suggestionen zu äußern. Es ist leicht, einen Patienten dazu zu bringen, einen Dialog auszuführen; aber oft entzieht diese Leichtigkeit dem Patienten sein Recht, die Tiefe des Konfliktes voll zu erfahren. Vielleicht entzieht man damit der Welt ein kleines Molekül einer neuen Lösung. Ich finde es bedauerlich, dass in der jüngsten Erickson-Literatur so wenig Raum einer Darlegung seiner Verfahrensweisen zu Entwicklungsthemen und der Arbeit mit reifen Leuten, die mit Moral- oder Wertkonflikten ringen, gegeben wurde. Die Betonung auf Strategie und Analyse der Methode, die man in der Literatur antrifft, ist irreführend. Sie führt dazu, die Vorstellung vom Therapeuten als einem Techniker zu verstärken. Das Gefühl von Spiel und Freude, das auch ein wichtiger Teil der Therapie ist, geht verloren, obgleich Erickson selbst seinen eigenen Humor beibehalten hat. Der besondere Stil der meisten Erickson-Literatur ermutigt den Therapeuten kaum, sich der Person des Patienten zu erinnern und dessen Persönlichkeit zu respektieren, obwohl Erickson selbst diese Verpflichtung tief empfunden hat. Vielmehr wird der Therapie-Schüler angehalten, jeden Gedanken und jede Aktion zu untersuchen und an jeder Ecke nach Wunder-Interventionen zu suchen. Andererseits freute ich mich über die absolute Aufrichtigkeit, mit der Haley, Zeig, Rossi und Rosen jeweils jenen Teil von Erickson dargelegt haben, den jeder von ihnen am besten geeignet war zu verstehen. Ich bin voller Erwartung, Auslegungen seiner Arbeit von einigen seiner Schülerinnen zu lesen.

 

Zusammenfassung und Folgerungen

Ich bin überzeugt, dass Trancephänomene, wie von Milton H. Erickson erkannt, eine wichtige Rolle in der Praxis der Gestalttherapie spielen. Ich hoffe, dass ich diese Behauptung überzeugend nachgewiesen habe. Mehrere allgemeine Folgerungen und Vorschläge für weitere Untersuchungen legen sich nahe.

1. Die Synthese der Theorie und Praxis von Gestalttherapie und der Theorie und Praxis von Hypnotherapie scheint sehr wirksam zu sein, menschliches Verhalten zu beschreiben. Die existentielle Phänomenologie und Prozessausrichtung von Gestalttherapie liefert einen philosophischen Hintergrund, der in größerer Harmonie mit der Arbeit Ericksons zu stehen scheint als die mechanischen Theorien einiger anderer psychotherapeutischer Richtungen. Es erscheint nutzbringend, diese Integration in systematischer Weise vorzunehmen.

2. Menschliche Erfahrung ist nicht unimodal, vielmehr ein Fluss oder ein ständiges Gleiten zwischen mannigfaltigen Erfahrungsweisen. Ohne ein gewisses Training wird dies von den meisten Leuten nicht bemerkt. Während der Begriff "Trance" nützlich ist zur Unterscheidung des "normalen"' bzw. "wachen" Zustandes von den "veränderten" bzw. "alternativen" Erfahrungsweisen, trägt er nichts dazu bei, die unter dieser Bezeichnung angenommenen verschiedenartigen Weisen zu differenzieren. Wenn, wie ich nahe gelegt habe, das ungewahre oder unkontrollierte Verschieben der Bewusstseinsweisen ein Merkmalsfaktor in der neurotischen Erfahrung ist, dann stehen wir der Aufgabe gegenüber, eine exakte Unterscheidung und Terminologie für diese Weisen von Erfahrung zu entwickeln.

3. Der interessanteste Gedanke, der sich hieraus ergibt, betrifft die Natur des neurotischen Prozesses. Herkömmlich wurde angenommen, dass die für Neurotiker charakteristischen Perzeptions- und Kontaktstörungen das Ergebnis der Neurose sind. Mir erscheint dies rückständig; ein alternatives Modell der Neurose sollte an der habituellen Verschiebung der Bewusstseinsweisen in bestimmten Situationen als Ursache der neurotischen Kontaktstörung und nicht als ihrer Konsequenz ansetzen. Sowohl in der Gestalttherapie als auch in hypnotherapeutischen Verfahrensweisen ist ein solches Konzept implizit enthalten; es ist aber meiner Kenntnis nach nie explizit entwickelt und untersucht worden.

Ich äußere hiermit die Hoffnung, dass andere diesen Dialog zwischen Gestalttherapie und Hypnotherapie aufnehmen werden. Ich bin überzeugt davon, dass ein solcher Dialog weiterhin fruchtbar sein wird.

 

Literatur

Buber, M., Between Man and Man. New York: The Macmillan Company, 1968.

Buber, M., I and Thou. New York: Charles Scribner's Sons, 1958.

Erickson, M., Healing in Hypnosis: The Seminars, Workshops and Lectures of Milton H. Erickson, M. D. Vol. 1. Eds. Ernest Rossi, Margaret O. Ryan, and Florence A. Shap. New York: Irvington Publishers, Inc., 1983.

Erickson. M. H. & Rossi E. L., Hypnotherapie, München: Pfeiffer, 198!.

Haley, J. (Ed.), Advanced Techniques of Hypnosis and Therapy: Selected Papers of Milton H. Erickson, M. D. New York: Grune and Stratton, 1967.

Hilgard, E. R., The Experience of Hypnosis. New York: Harcourt, Brace and Jovanovich, 1968.

Kogan, G., Gestalt Therapy Resources. San Francisco: Lodestar Press, 1972.

Naranjo, C., The Attitude and Practice of Gestalt Therapy. Ben Lomond, California: Science and Behavior Books, 1974.

Naranjo, C., I and Thou: Here and Now Contributions of Gestalt Therapy. Esalen Institute Paper 5, 1967. Reprinted in: J. Fagan & I. L. Shepherd (Eds.), Gestalt Therapy Now, New York: Harper and Row, 1970, under the title "PresentCenteredness: Technique, Prescription, Ideal".

Perls, F. S., Goodman, P. & Hefferline, R., Gestalt Therapy, New York: Dell, 1951.

Rosen, S., My Voice Will Go with You: The Teaching Tales of Milton H. Erickson. New York: W. W. Norton, 1982.

Zeig, J. K., A Teaching Seminar with Milton H. Erickson, M. D. New York: Brunner/Mazel, 1980.

 

 

Praxisadressen von Gestalttherapeuten/-innen

Foto: Hunter BeaumontHunter Beaumont

Hunter Beaumont, Ph.D.

Klinischer Psychologe, erhielt seine Gestalttherapie-Ausbildung am Gestalt Institute of Los Angeles, wo er später auch als Lehrtrainer wirkte, bevor er 1980 nach München zog.
Rege Lehrtätigkeit und zahlreiche Veröffentlichungen zu Theorie und Praxis der Gestalttherapie und tiefenpsychologisch fundierter Psychotherapie.
So gut wie er kann, lässt Hunter Beaumont sich von dem Fluss der Dinge führen.
Er beschäftigt sich intensiv mit der Anwendung von psychologischem und psychotherapeutischem Wissen in der Alltagspraxis des Auf-die-Seele-Schauens.
Zwischenstationen seines Weges: Archetypsche Psychologie, Psychoanalyse (besonders die Objektbeziehungstheorie), Verhaltenstherapie, Ericksonische Hypnotherapie und NLP, Körpertherapie (besonders Feldenkrais und integrierende Bewegungen), verschiedene spirituelle Traditionen (besonders der "Diamond Heart Approach" von Almaas) und die systemisch-phänomenologische Arbeit Bert Hellingers.
Zusammen mit Bert Hellinger hat er bis jetzt drei englische Bücher über diese Arbeit geschrieben u.a. "Love's hidden symmetry. What makes love work in relationships", Carl-Auer-Systeme.
Er lebt mit seiner Frau, die er gerne als einen seiner wichtigsten Lehrer bezeichnet, seit 37 Jahren zusammen.

Der nebenstehende Beitrag ist zuerst erschienen in: Burkhard Peter (Hg.), Hypnose und Hypnotherapie nach Milton H. Erickson: Grundlagen und Anwendungsfelder, München: Pfeiffer, 1985. Wir danken dem Herausgeber für die freundliche Genehmigung der Wiederveröffentlichung. Aus dem Amerikanischen von Hans-Otto Handel

Bitte beachten Sie auch das zweiteilige Interview mit Hunter Beaumont, das in Gestaltkritik 1/1999 erschienen ist: "Gestalttherapie und die Seele" und "Bert Hellingers Systemische Therapie und die Gestalttherapie", sowie seinen Vortrag "Die Erlösung der Väter" (Gestaltkritik 2/2003)

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