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Hunter Beaumont
Das Interview
Teil II: Ordnungen der Liebe
Bert Hellingers Systemische Therapie und die Gestalttherapie


Aus der Gestaltkritik

Gestaltkritik - Die Zeitschrift mit Programm aus dem Gestalt-Institut Köln
Gestaltkritik (Internet): ISSN 1615-1712

Themenschwerpunkte:

Gestaltkritk verbindet die Ankündigung unseres aktuellen Veranstaltungs- und Weiterbildungsprogramms mit dem Abdruck von Originalbeiträgen: Texte aus unseren "Werkstätten" und denen unserer Freunde.

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 Hier folgt der Abdruck eines Beitrages aus der Gestaltkritik (Heft 2-1999):

Hunter Beaumont
Das Interview
Teil II: Ordnungen der Liebe
Bert Hellingers Systemische Therapie und die Gestalttherapie

Foto: Hunter BeaumontHunter Beaumont

 

Der erste Teil dieses umfangreichen Interviews, das Judith Hemming mit Hunter Beaumont führte, trägt den Titel "Gestalttherapie und die Seele".

 

Die Entdeckung des Hintergrundes

Judith: Ich möchte nun einen Schritt weitergehen und dich nach deinem Engagement für die Ordnungen der Liebe fragen - der systemischen Therapie nach Bert Hellinger. Seit mehr als fünf Jahren lehrst du diese Arbeit jetzt hier in England und hast Hellingers Ideen übersetzt und das erste englischsprachige Buch zu diesem Thema geschrieben (LOVE'S HIDDEN SYMMETRY, 1998). Inzwischen arbeitest du mit ihm zusammen und ihr lehrt in Amerika und Europa. Wenn ich das richtig sehe, haben aus deiner Sicht sowohl der innovative Stil der systemischen Arbeit als auch ihre Erkenntnisse einen bedeutenden Platz neben den anderen therapeutischen Ansätzen eingenommen. Welche neuen Bedürfnisse erfüllt Hellingers Arbeit deiner Ansicht nach, und was schätzt du an seinem Denken besonders?

Hunter: Eine schöne Frage. Hellinger hat erkannt, welchen störenden Einfluß Turbulenzen im System auf die Selbstorganisation haben und wie andererseits die systemische Ordnung mit der Komplettierung von Gestalten zusammenhängt. Ich kenne niemanden, der auf diese Zusammenhänge schon einmal hingewiesen hätte. Gordon Wheeler schrieb 1991 über die Strukturiertheit des Feldes. Er sagt, das Feld ist weder leer noch zufällig geprägt, es hat eine Struktur, aber er sagt nicht, wie diese Struktur aussieht. Eine allen Gestalttherapeuten wohlbekannte Struktur ist die Tendenz der Gestalt, sich selbst zu schließen. Das bringt die Existenz mit sich; eine Gestalt offen zu halten, erfordert Energie. Das ist ein Gesetz des Seins, es ist dem Feld immanent.

Auch Jungs Archetypen sind Strukturen des psychologischen Feldes, die unsere Erfahrung prägen. Sie verleihen unserer Erfahrung eine Form. Hellinger wollte wissen, was Liebe und Intimität fördert. Es ist völlig klar, daß die Liebe welkt und stirbt, wenn wir sie verletzen. Was aber müssen wir tun, damit sie blühen, wachsen und reifen kann? Wie müssen wir uns verhalten? Welche Entscheidungen müssen wir treffen? Bert Hellinger war der erste, den ich darüber habe sprechen hören.

Was z.B. die Beziehung zwischen Eltern und Kindern betrifft, bemerkte er, daß die Liebe besser funktioniert, wenn die Eltern sich wie Eltern verhalten und die Kinder wie Kinder. Alles andere macht die Liebe kaputt. Das spezielle Verhalten mag sich von Kultur zu Kultur unterscheiden, aber die Struktur bleibt dieselbe - über alle kulturellen Unterschiede hinweg: Der Liebe ist dann am besten gedient, wenn die Eltern die Funktion und Verantwortung von Eltern übernehmen und die Kinder sich wie Kinder verhalten. In manchen Familien müssen die Kinder, um zu überleben, das übernehmen, was die Eltern nicht fertigbringen. Das ist eine Last für die Kinder, aber wenn es einen guten Grund dafür gibt, geht es normalerweise gut. In allen Kulturen nimmt die Liebe schaden, wenn Eltern ohne guten Grund in ihrer Aufgabe versagen und die Kinder mit einer gewissen Überheblichkeit die Verantwortung und Privilegien ihrer Eltern übernehmen. Das ist ein Beispiel dafür, was Hellinger als Ordnungen der Liebe bezeichnet. Wenn man das einmal erkannt hat, ist es so offensichtlich und einfach, als ob wir es schon immer gewußt hätten. Es ist eine Feldstruktur, die über Erfolg oder Scheitern der Liebe bestimmt. Wenn wir diese Ordnung kennen, dann können wir feststellen, ob wir in Übereinstimmung mit ihr leben oder nicht, indem wir auf unsere Körpererfahrung achten. Wenn wir so tun, als gäbe es diese Ordnung nicht, dann verlieren wir die Unterstützung, die aus der Übereinstimmung mit dem Sein resultiert, und wir müssen uns sehr anstrengen.

Judith: In England ist Hellingers Arbeit als manipulativ und nicht gestaltorientiert kritisiert worden. Möchtest du dazu Stellung nehmen?

Hunter: Ich kenne diese Kritik. Bert Hellinger hat eine radikale Treue zur Wahrheit seiner eigenen Seele. Aber Fritz war genauso. Die Art von Autorität, die er verkörpert, ist sehr umstritten. Ich halte diese Kontroverse für gut, und Bert versucht nicht, sie zu vermeiden. Er spürt, daß der Konflikt zum Leben gehört, und das bewahrt die Leute vor der Konfluenz mit ihm. Man muß den Leuten zugestehen, anderer Meinung zu sein. Je klarer die Menschen ihre Kritik äußern, desto kleiner wird die Gefahr für ihn, sie zu verführen ihm blind zu folgen. Deshalb möchte ich die Kritik auf dieser Ebene unkommentiert lassen, weil ich glaube, daß sie in diesem Sinne konstruktiv ist. Ich finde auch, daß seine Art sich auszudrücken manchmal autoritär erscheint, und für diejenigen, die mit der Arbeit noch nicht so vertraut sind, ist es schwer, das zu sehen, was er sieht. Auf den ersten Blick sieht es so aus, als mache er wilde Sprünge und stelle sehr eigenwillige Hypothesen auf. Mit zunehmender Erfahrung erscheint seine Arbeit aber fließend und logisch. Andererseits gibt es auch Leute, die sofort verstehen, worum es geht.

Judith: Gibt es Kritik an ihm, die du für ungerechtfertigt hältst?

Hunter: Seine Arbeit ist für viele Menschen enorm hilfreich; andere haben sie nicht als hilfreich empfunden, und einige fühlten sich verletzt oder mißverstanden. So ist das meistens mit der Therapie. Wenn man Hellingers Arbeit eine Zeit lang beobachtet, dann kommt man nicht umhin festzustellen, daß er wichtige Entdeckungen gemacht hat, die unser Wissen sehr bereichern und die dazu beitragen können, daß Menschen ihr Leben verbessern. Ich versuche lieber, zu verstehen was funktioniert und was nicht, als mich auf Gegenargumente und Einwände zu konzentrieren. Ich habe sehr viel von ihm gelernt.

Judith: Ich glaube, daß es für unsere Leser interessant sein könnte, mehr über die konkrete Kritik an Hellinger und seiner Arbeit zu erfahren.

Hunter: Du läßt nicht locker, was? Gut, ich nenne ein paar der wichtigsten Kritikpunkte. Ein Kritikpunkt ist, daß er keine Gestalttherapie macht. Schauen wir uns die drei Säulen an, die du vorhin erwähnt hast: die Feldtheorie, die Phänomenologie und den Dialog. Ich denke, wir stimmen darin

überein, daß seine Arbeit feldorientiert ist. Die Familienaufstellungen geben uns eine Menge Hinweise auf die Strukturen, die im Feld, in der Umgebung am Werk sind. Für Feldtheorie bekommt er also eine gute Note.

Ich habe mitbekommen, daß einige Gestalttherapeuten ihn heftig kritisiert haben, obwohl sie seine Arbeit nicht ein einziges Mal gesehen haben. So weit ich das sehen kann, basiert diese Kritik auf seiner Art, Beobachtungen zum Ausdruck zu bringen, was zugegebenermaßen ein bißchen gewöhnungsbedürftig sein kann. Die Leute glauben, er mache unangemessene Verallgemeinerungen und habe keinen Blick für Ausnahmen. Tatsache ist, daß Hellinger ein exzellenter Beobachter von Körperreaktionen ist und über viele Jahre hinweg darüber berichtet hat, was die Leute in der Arbeit mit ihm erfahren haben. Er faßt sehr präzise phänomenologische Beobachtungen zusammen.

Manche Leute machen gegenüber seinen Beobachtungen Ausnahmen geltend, als sei das ein Gegenbeweis. Im allgemeinen sind aber grundlegende Wahrheiten nützlicher als Ausnahmen, weil sie eine sehr viel größere Anzahl von Menschen in ihre Beschreibung einbeziehen. Wenn man die grundlegenden Prinzipien versteht, ist es viel leichter, zu erkennen, wer von dieser Regel abweicht. Über diese Frage habe ich schon die eine oder andere wirklich heftige Diskussion geführt, ohne jemanden überzeugen zu können, und ich gehe nicht davon aus, daß das hier nun anders sein wird. Trotzdem, die Fülle seiner Erfahrung, die Tiefe seiner Liebe und die Kraft, mit der seine Arbeit positive Veränderungen ermöglicht, lohnen den Aufwand, sich um ein besseres Verständnis seiner Arbeit zu bemühen.

Ein anderer Punkt, der ihm vorgeworfen wird ist, daß er mit einem Programm oder einem Rahmen arbeitet, während Gestalt mit dem arbeitet, was gerade auftaucht. Erstens stimmt es nicht, daß die Gestalttherapie immer mit dem arbeitet, was gerade auftaucht, sondern mit dem, was der Therapeut erkennt. Und zweitens demonstriert er in den großen Workshops eine bestimmte Technik, und nicht eine ganze Therapie.

Hellinger wird dafür angegriffen, nicht dialogisch zu arbeiten. Die Leute sehen, daß er seinen Klienten vorschlägt, was sie sagen oder in ihrer Aufstellung verändern sollen und nehmen an, daß er diese Sätze erfindet und sie auffordert, etwas zu tun, was seiner Sicht der Dinge entspricht. Das ist also autoritär und entspricht nicht den Gestalt-Regeln, die besagen, daß man nicht-direktiv arbeiten sollte.

Wer schon einmal versucht hat, als Therapeut in einer Aufstellung zu arbeiten, der weiß, daß Sätze, die man einfach nur erfindet, nicht weiterführen. Findet man aber einen Satz, der dem Klienten eine Heilungschance eröffnet, dann weiß man, daß dieser Satz nicht von einem selbst stammt. Im Feld der Aufstellung findet eine dialogische Kommunikation statt, die über die Grenzen des üblichen Gestaltverständnisses hinausgeht. Man hört geradezu diese Sätze, die von den Seelen der Familienmitglieder ausgesprochen werden wollen - aber sie können es nicht. Wenn man sie für die Klienten ausspricht, spürt man anhand ihrer Reaktionen sofort, ob man den Punkt getroffen hat oder nicht. Hat man es richtig getroffen, dann ist das ein dialogischer Dienst an der Seele. Zeigen die Körperreaktionen der Klienten aber, daß man noch nicht ganz richtigliegt, versucht man es noch einmal. Aus der Arbeit mit Aufstellungen können wir viel über dialogische Vielfalt lernen. Wir brauchen uns nicht auf einen Stil oder ein bestimmtes Konzept dialogischen Verständnisses zu beschränken. Während einer Demonstration anläßlich einer öffentlichen Konferenz in Deutschland bat Bert einen jungen Mann, sich vor seinem Vater zu verbeugen und die biblische Geschichte vom verlorenen Sohn nachzuvollziehen indem er sagen sollte: "Vater, behalte mich als deinen Diener." Ein Psychoanalytiker im Publikum wurde wütend auf Bert und meinte, Bert sei gefährlich, autoritär, altmodisch, beleidigend usw. Er nahm überhaupt nicht wahr, wie tief bewegt der junge Mann war. Nun kenne ich diesen jungen Mann zufällig und weiß, daß diese zwanzigminütige Arbeit Probleme gelöst hat, mit denen er sich jahrelang in der Therapie herumgeschlagen hatte - und sie hatten nicht einmal mit seinem Vater zu tun. Am nächsten Tag traf ich den Analytiker in einem Workshop bei einer Bewegungstherapeutin; er versuchte, die Bewegung der Verbeugung zu verstehen. Nachdem die Therapeutin ihm den Unterschied zwischen einer Verbeugung, die Respekt und Verehrung ausdrückt und einer Verbeugung aus Unterwerfung deutlich gemacht hatte, begann der Analytiker zu begreifen, was der junge Mann sofort verstanden hatte. Bert hatte nicht das leiseste Interesse daran, daß der junge Mann zum Diener seines Vaters werden sollte; es war der Satz, der den beiden gekommen war, und er funktionierte.

Übrigens werfen die Systemiker in Deutschland Hellinger vor, er sei nicht systemisch, und die Familientherapeuten werfen ihm vor, er arbeite nicht mit Familien; und die Hypnotherapeuten kritisieren ihn dafür, wie er die therapeutische Trance einsetzt, und die Analytiker dafür, daß er nicht analytisch vorgehe. Trotzdem macht er einfach weiter und versucht so gut er kann, Menschen in ihrer Not zu helfen. Ich kenne niemanden, der mehr Konflikttoleranz besäße als er. Ich habe erlebt, wie er in der Öffentlichkeit aufs Gehässigste angegriffen wurde, aber ich habe nie erlebt, daß er es darauf angelegt hätte, daß seine Gegner ihr Gesicht verlieren. Er ist ein Meister des Psycho-Aikido. Er löst es einfach auf.

Manchmal wird ihm vorgeworfen, er unterstütze die Abhängigkeit und fordere Klienten dazu auf, ihre Autonomie aufzugeben. Wenn man genau hinschaut, stellt man fest, daß Hellingers Klienten ein oder zweimal kommen und dann ihren eigenen Weg gehen. Er macht keine Langzeittherapie. Er unterstützt keine Abhängigkeit. Er bietet Menschen eine mögliche Lösung für ihre Schwierigkeiten an, und dann zieht er sich zurück und läßt sie ihre eigenen Entscheidungen treffen. Wenn sie mit seinem Angebot etwas anfangen können, nehmen sie es an, und wenn nicht, lehnen sie es ab. Wir wissen ja, daß viele Leute sein Angebot durchaus ablehnen, es kritisieren und anderer Auffassung sind als er. Andere berichten, daß die Arbeit mit ihm ihr Leben verändert hat. Es stimmt, daß er sehr bestimmend sein kann, aber es stimmt auch, daß die Leute seine Vorschläge einfach nicht annehmen, wenn es für sie nicht paßt; oder aber sie machen die Bewegungen ohne innere Überzeugung, und dann drängt er sie nicht. Er zeigt lediglich einen Weg auf. Ob sie ihn gehen oder nicht, liegt an ihnen selbst.

Bert ist ein alter Krieger im Sinne Castanedas. Vielleicht ist es hilfreich, ein paar seiner Schlachten zu nennen. Als Siebzehnjähriger stand er bei den Nazis auf einer Liste von Leuten, die als Volksfeinde verdächtigt wurden, und man verweigerte ihm sein Abiturzeugnis. Wer auf dieser Liste stand, war nur noch einen Schritt von der Todesliste entfernt. Gegen Kriegsende zog Hitler alle 15-17jährigen ein und benutzte sie als Kanonenfutter. Paradoxerweise führte dieses letzte verzweifelte Menschenopfer für den Wahnsinn Hitlers zu Hellingers Flucht vor der Gestapo. Man schickte ihn in den Krieg, dort wurde er Kriegsgefangener und schließlich entschloß er sich, katholischer Priester zu werden. Er arbeitete mit den Zulu in Südafrika, unterrichtete und betreute sie und lebte mit ihnen. Er ist stolz darauf, daß 13% der Afrikaner, die damals in Südafrika die Universität besuchten, von seiner Schule kamen. Schließlich legte er das religiöse Amt nieder und ging nach Wien, um Psychoanalytiker zu werden. Gegen Ende seiner Ausbildung erwähnte sein Lehranalytiker ein Buch über Primärtherapie von Arthur Janov. Hellinger ging nach Amerika, um bei Janov zu studieren, kam dann nach Wien zurück und hatte vor, die körperorientierte Therapie in die Psychoanalyse zu integrieren. Doch die Wiener Analytiker waren dazu nicht bereit, und so gab er seine psychoanalytischen Studien auf, um seine Unabhängigkeit zu bewahren. Ein paar Jahre später wurde er durch die Münchener Psychoanalytische Gesellschaft als Psychoanalytiker anerkannt. Hellinger hat drei der mächtigsten Ideologien unseres Jahrhunderts miterlebt: den Nationalsozialismus, die Katholische Kirche und die Psychoanalyse, und er hatte den moralischen Mut, seiner eigenen inneren Wahrheit zu folgen.

Judith: Du hast gesagt, die Arbeit mit Familienaufstellungen sei keine vollständige Psychotherapie. Wie paßt sich deiner Meinung nach Hellingers Arbeit in den größeren psychotherapeutischen Rahmen ein?

Hunter: Meiner Ansicht nach kann Psychotherapie vier grundlegende Angebote machen. Die verschiedenen therapeutischen Ansätze betonen auf ihre je eigene Weise einen oder mehrere Aspekte. Wenn z.B. jemand in seinem Leben nicht weiterkommt, obwohl er das Potential dazu hätte, können wir davon ausgehen, daß ihm irgend etwas im Weg steht. Je nach unserer eigenen Orientierung könnten wir das, was diese Person blockiert, als erlerntes Muster ansehen, das mit Hilfe von Verhaltenstherapie oder Hypnose behandelt werden kann, oder als psychodynamisch verzögerte Entwicklung oder als Defizit, das durch Gestalttherapie oder Psychoanalyse behandelt werden kann. Oder jemand leidet an den Folgen eines schweren Schicksalsschlages, an dem auch die Psychotherapie nichts ändern kann; in diesem Fall können wir der Person vielleicht helfen, mit dem zu leben, was auch durch Therapie nicht geändert werden kann. Zusätzlich zu diesen drei grundlegenden Bereichen berücksichtigt Hellingers Arbeit, daß wir auch unter den Verwicklungen in unserer Familie leiden können. Und manchmal leiden wir gerade darunter, was wir nicht getan haben. Die Arbeit mit dieser Art von Leiden erfordert einen anderen Ansatz. Hellingers Ansatz gibt uns Werkzeuge an die Hand, um wirksam mit solchen Klienten arbeiten zu können, die Familienprobleme zu lösen haben, die sie weder geschaffen haben noch deren sie sich bewußt sind. Manche Klienten z.B. suchen ehrlich nach einer Beziehung. Hier sehen wir die Diskrepanz, über die wir vorher schon gesprochen haben, nämlich die zwischen ihrem Wollen und ihrem Handeln. Wenn man diese Situation aus einer systemischen Perspektive betrachtet, dann stellt man oft fest, daß diese Leute selbstlos handeln - aus einer Haltung der Treue gegenüber der Familie oder einem Familienmitglied. Für gewöhnlich reicht es nicht, mit so jemandem an seiner Beziehungsfähigkeit zu arbeiten, es sei denn, seine unbewußte Funktion im Familiensystem kann ans Licht gebracht und anschließend verändert werden.

Judith: Du setzt verschiedene Perspektiven für die Betrachtung der Strukturen des Grundes an, und damit weitere Möglichkeiten, Gestalten zu schließen, die in uns angelegt sind.

Hunter: Ich kann nicht sagen, ob wir so angelegt sind, aber das Sein ist es. Für mich lautet die Frage: An welchen Strukturen der Existenz haben wir Anteil? Die Jungschen Archetypen, die großen Mythen, mit denen wir leben - die Reise des Helden, der weibliche Spiraltanz der Fruchtbarkeit, die grundlegenden Strukturen der Sprache wie Whorf und Chomsky sie beschrieben haben - all das sind Beispiele für die Strukturierung der Dynamik innerhalb des Feldes der Umwelt. Aber zusätzlich hat Bert Hellinger beschrieben, wie die versteckten Strukturen der Liebe unsere Beziehungen fördern, wenn wir ihren Anforderungen gerecht werden bzw. wie sie unsere Beziehungen beeinträchtigen, wenn wir sie verletzen.

Judith: Würdest du sagen, daß das invariante Tendenzen sind?

Hunter: Das ist eine empirische Frage. Wir müssen wirklich hinschauen und sehen, was wahr ist. Ich kann nicht genau sagen, was soziale Konditionierung und was Struktur des Seins ist. Es gibt Variationen, aber es gibt auch statistische Tendenzen.

Judith: Du hast also keine Werturteile darüber, wie Menschen sich im einzelnen verhalten sollten; du befürwortest nicht ein bestimmtes traditionelles Verhalten. Aber du scheinst eine Unterscheidung zwischen Prozeß und Inhalt der Kultur zu treffen.

Hunter: Für moralische Werturteile ist in dieser Arbeit kein Platz. Wir schauen uns die Langzeitwirkung unseres Handelns auf der Prozeßebene an. Jedes Kind zahlt einen hohen Preis dafür, wenn sein Handeln nicht in seinen sozialen Kontext paßt. Die Frage ist, was ein Kind dabei unterstützt, sich von zerstörerischen Mustern in der Familie oder im sozialen Umfeld zu befreien. Welche Motive liegen solchem Verhalten zugrunde? Und vielleicht - das ist erschreckend - welche Konsequenzen hat das für seine eigenen Kinder? Wenn die Motive in der Liebe zur Wahrheit oder zu Gott liegen, dann können wir feststellen, daß das langfristig häufig gute Auswirkungen hat, trotz des Leidens. Wenn aber ein Kind die Familie verläßt, weil das für jemand anderen in der Familie wichtig ist, dann leidet das Kind darunter, etwas getan zu haben, was es nicht bewußt gewählt hat, und die langfristigen Auswirkungen für dieses Kind und seine eigenen Kinder sind eher zerstörerisch. Ein Kind kann sich gegen diese Art von Familiendruck nicht zur Wehr setzen. Das ist kein moralisches Urteil. Die Arbeit mit Familienaufstellungen erlaubt uns, die Auswirkungen einer Handlung über mehrere Generationen hinweg zu verfolgen.

Judith: Wie ich es verstehe, bezieht sich das Wort "Ordnung" auf die Dynamik, die unsere Beziehungen formen, so wie die Gesetze der Physik die physische Welt in "Ordnung" halten.

Hunter: Wenn ein Same auf fruchtbaren Boden fällt, kann er wachsen und einen großen und kräftigen Baum hervorbringen. Fällt er auf den trockenen Boden eines Berghangs, wächst er krumm und schief. Die Frage ist nicht, welcher Baum der bessere ist, aber der Baum, der im Tal wächst, mag größer, gerader und kräftiger sein als der auf dem Berghang. Beide richten sich so gut sie können aus - je nach dem systemischen Zusammenspiel von Schwerkraft, Licht und Bodenverhältnissen.

Judith: Glaubst du, daß wir als Therapeuten dazu neigen, die Berghanglage unterstützen zu wollen - als das Neue und Unangepaßte?

Hunter: Das Neue ist nicht unbedingt an und für sich gut. Ebensowenig ist Unangepaßtheit an und für sich schlecht. Es ist nicht besser oder schlechter auf einem Berghang zu wachsen als auf fruchtbarem Boden, aber es ist schwieriger. Wir können ja danach fragen, was am meisten Unterstützung bietet. Nehmen wir z.B. Leute, die in unkonventionellen Beziehungen leben. Häufig haben sie einfach mehr Schwierigkeiten zu bewältigen als diejenigen, die in ganz normalen Beziehungen leben. Trotzdem kann es sein, daß sie eine große Befriedigung daraus gewinnen, selbst wenn sie zu leiden haben. Manchmal gewährt ein angepaßtes Leben Bequemlichkeit und Sicherheit, und manchmal zerstört es die Individualität. Dennoch, absolute Individualität ist Chaos, genau wie absolute Anpassung einer Leere gleichkommt. Das Leben erfordert eine Ausgewogenheit zwischen Individualität und Anpassung, und dasselbe gilt für die Liebe. Darum geht es in den Ordnungen der Liebe.

Judith: Kannst du ein Beispiel für solche Ordnungen geben?

Hunter: Eine Ordnung der Liebe habe ich schon erwähnt, nämlich daß Familien besser funktionieren, wenn die Kinder die Aufgaben und Verantwortung übernehmen, die ihnen angemessen sind und die Eltern jene Aufgaben und Verantwortung erfüllen, die ihnen als Eltern entsprechen. Die Familie gerät in Schwierigkeiten, wenn sie von den Kindern fordert, die Verantwortung und die Aufgaben der Eltern zu übernehmen bzw. wenn Eltern sich regelmäßig wie Kinder verhalten. Das ist ein Beispiel für eine der grundsätzlichen Ordnungen. Die Funktionen und Rollen von Eltern und Kindern mögen zwar in jeder Gesellschaft unterschiedlich sein, aber innerhalb der gesellschaftlichen Struktur, in der die Familie lebt, wird es der Familie besser gehen, wenn die Eltern das tun, was für Eltern als angemessen empfunden wird und die Kinder das, was als ihnen entsprechend angesehen wird - was immer das in ihrem jeweiligen kulturellen Kontext auch sein mag.

Judith: Was ist mit Hellingers Behauptung, daß die Frau dem Mann folgen solle? Diese Bemerkung hat hier in England eine Menge Unruhe ausgelöst.

Hunter: Ja, das kann man leicht mißverstehen. Wenn man das im Sinne eines alten, fundamentalistischen, männlichen Chauvinismus versteht, dann ist das natürlich eine völlig überholte und unzeitgemäße Behauptung. Wenn man davon ausgehen will, daß Hellinger ein altmodischer Chauvinist ist, dann braucht man nicht mehr von ihm zu wissen, um ihn abzuschreiben. Wenn man ihm aber die Ehre des Zweifels erweist und denkt: Das kann er so nicht gemeint haben, dann muß man sich fragen, wie diese Erkenntnis einen Sinn ergeben könnte.

Eine genauere Formulierung wäre, daß der Liebe dann am besten gedient ist, wenn derjenige Partner - und das gilt ebenso für homosexuelle Paare -, der die Hauptverantwortung für die Sicherheit der Familie in der Welt trägt, den Weg anführt und die anderen ihm oder ihr folgen. Dieser Gedanke hat sehr viel Ähnlichkeit mit Maslows Hierarchie der Bedürfnisse: das physische Überleben hat evolutionäre Priorität. Auch wenn sich das in unserer Kultur jetzt verändert, ist es doch meistens so, daß in der Kernfamilie der Mann für die Sicherheit und die Frau für das interne Wohl der Familie verantwortlich ist. Aber wer auch immer den Weg anführt, muß im Gegenzuge anerkennen, daß er oder sie das im Dienst der Familie tut, und nicht um eines persönlichen Gewinns willen.

In der Anwendung kann man diese Ordnung leicht beobachten. Manche Männer z.B. nehmen die Vorrechte der Führung in Anspruch, ohne dabei für das Wohl ihrer Familie zu sorgen, oder aber sie tun es in einer eigennützigen oder erniedrigenden Weise. Wenn dem so ist, dann hat das unmittelbare und verheerende Auswirkungen auf die Liebe. Manche Frauen bringen ihren Männern für deren Bemühungen um das Wohl der Familie keine Wertschätzung entgegen und wundern sich, daß ihre Männer sie verlassen sobald die Kinder groß sind. Wenn man Familien, die über die Jahre wachsen, mit solchen vergleicht, die Schwierigkeiten erfolgreich bewältigen, dann sieht man, wovon Hellinger redet. Wie in seiner gesamten Arbeit kann es sein, daß die Konsequenzen, die sich aus der Störung der Ordnung ergeben, erst Jahre später sichtbar werden? Es ist leicht, sich dem Glauben hinzugeben, alles sei großartig; aber wenn dann später der Rückschlag kommt, ist die Überraschung groß.

In einer Familienaufstellung kann man anhand der Reaktionen der Stellvertreter sofort erkennen, wer führt und wer folgt - sie fühlen sich eindeutig besser, wenn der Mann auf der einen Seite steht und seine Frau auf der anderen. Manchmal ist es andersherum, aber es kommt selten vor, daß die Stellvertreter unentschlossen sind. Es gibt eine Menge Ausnahmen, z.B. daß selbst dann, wenn der Mann die Hauptverantwortung für die Familie in der Welt trägt, die Frau eine höhere Priorität bekommen muß. In einem meiner letzten Workshops standen in 70 % der Lösungskonstellationen Frauen in der führenden Position. Das einzige Kriterium ist, ob der Liebe gedient ist oder nicht.

Judith: Kannst du mehr darüber sagen, von welchen Voraussetzungen diese Arbeit ausgeht?

Hunter: Jede Psychotherapie geht davon aus, daß wir eine zweite Chance bekommen. Selbst Klienten, deren Mutter z.B. unnahbar war, haben ein Gefühl dafür, wie sie hätte sein sollen. Das bedeutet, obwohl diese Leute nie eine wirkliche Gelegenheit hatten, die gute Mutter zu erleben, wissen sie, wie sie aussieht. Sie kennen ihre Form, ihre Konturen. Sie haben ein Wissen um diese gute Mutter, auch wenn ihre leibliche Mutter ihnen das nie gegeben haben mag.

Irgendwann im Laufe der Therapie stehen wir vor der Wahl, ob wir an der bösen Mutter festhalten wollen, oder ob wir diese böse Mutter entlassen und unser Wissen darum, wie sie hätte sein sollen, einsetzen, um unser Potential auszuschöpfen. Woher haben wir dieses Wissen? In den Aufstellungen kann man leicht beobachten, daß es von unseren Eltern kommt. Es ist Teil des Lebensfeldes, das sie uns eröffnet haben. Unsere biologischen Eltern geben uns auch die genetische Information, die wir brauchen, um dieses Potential zu unserem Wohle zu erkennen. Wenn wir nicht in der Lage sind, diese Information in unserem Umfeld zugänglich zu machen, welche Hoffnung hat die Psychotherapie dann anzubieten? Die Ordnungen der Liebe fördern die Entwicklung von unseren Verstrickungen hin zur Verwirklichung unseres menschlichen Potentials.

Judith: Demnach ist das therapeutische Re-Parenting für den Klienten gar nicht nötig?

Hunter: Re-Parenting mag in der einen oder anderen Weise nötig sein, wenn es sich um bestimmte Krankheiten handelt, aber das dauert Jahre und ist sowohl für den Therapeuten als auch für den Klienten enorm anstrengend. Hellingers Angebot richtet sich mehr an ärmere Leute, oder an solche, die nicht jede Woche zur Therapie gehen können. Wenn ihr Problem ein systemisches ist, dann ändert sich etwas innerhalb von ein oder zwei Sitzungen, und sie können wieder ihrem Leben nachgehen.

Eine bestimmte Art der Psychotherapie unterstützt das persönliche Wachstum. Dabei geht es nicht darum, irgendein Problem loszuwerden, sondern das menschliche Potential zu entwickeln. Diese Art der therapeutischen Arbeit interessiert mich eigentlich am meisten, aber ich bin mir auch darüber im klaren, daß man dafür eine Menge Zeit und Geld zur Verfügung haben muß. Hellinger war sehr daran interessiert, Menschen zu helfen, die in Schwierigkeiten stecken und dringend eine Lösung oder Entlastung brauchen, aber nur ein begrenztes Maß an Zeit und Geld zur Verfügung haben. Es ist wirklich toll, wenn man sehen kann, wie Menschen in einer oder zwei Sitzungen Hoffnung, Freude, Liebe und Wachstum erfahren, selbst wenn sie ein Leben lang gelitten haben. Das zu sehen ist jedesmal eine Herausforderung für unsere grundlegenden Ansichten über Psychotherapie.

Vielleicht liegt die Gesundheit näher als wir denken.

 

Traditionen der Problemlösung

Judith: Kannst du sagen, wie du Hellingers Ansatz der Problemlösung in deine eigene Arbeit als Therapeut und Trainer integriert hast?

Hunter: Ich habe zwei Metaphern für Veränderung. Zunächst die Metapher von der Reise des Helden. Sie deutet auf einen handlungsorientierten Ansatz zur Problemlösung hin. Der Held oder die Heldin suchen nach Lösungen, indem sie sich von Konventionen lösen, in die Einsamkeit gehen, nach Höherem streben oder mit einem Drachen kämpfen. Sie kämpfen mit den Waffen der Einsicht und den Gaben des Wissens und besiegen die Not durch Klugheit und Stärke. Das ist ein patriarchaler Weg - auch für Frauen -, ein Weg, der Ich-Bewußtsein und Tat betont. Ein wichtiger und unverzichtbarer Weg. Er scheint lange gebraucht zu haben, um im menschlichen Bewußtsein als Möglichkeit auftauchen zu können, aber er birgt auch das Risiko einer zügellosen Technologie, die der Erde und der Seele Gewalt antut. Er fördert den Glauben, daß ich nur deshalb immer noch krank bin oder feststecke, weil ich es nicht hart genug versucht habe.

Der zweite Ansatz zur Problemlösung liegt metaphorisch im Spiraltanz der Frauen. Das ist eine alte Tradition. Die Frauen tanzten um die Felder, bevor diese bestellt wurden, um die Menschen daran zu erinnern, daß wir uns im Einklang mit den Kräften der Natur, den Jahreszeiten und den Phasen des Mondes bewegen müssen. Hier haben wir fast den entgegengesetzten Weg zur Problemlösung; dieser Weg sagt: "Gesundheit stellt sich dann ein, wenn ich meinen Platz in einer größeren Ordnung finde und mich ihr ergebe." Es ist der Weg der Hingabe an die ewigen Wahrheiten und die Gesetze der Natur.

Beide Wege sind wichtig, aber sie erfüllen unterschiedliche Funktionen. Es gibt eine Zeit, in der es nötig ist zu kämpfen, und es gibt eine Zeit, in der wir uns den Kräften dessen, was ist, ergeben müssen. Weisheit ist das, was uns hilft, die beiden Situationen zu unterscheiden. Beide haben ihren Platz, aber es gibt - auch in der Psychotherapie - viel Verwirrung um die Frage, wann der eine und wann der andere Weg angemessener ist.

Judith: In unserer Berieselungsgesellschaft gibt es viele Arten der Hingabe, u.a. auch solche, die etwas beinhalten, das ganz ähnlich klingt, wie z.B. die Aufgabe des Ich-Bewußtseins, was die Zugehörigkeit zu einer größeren Ordnung - etwa einem Kult - ermöglicht.

Hunter: In der Reise des Helden ist "Hingabe" negativ besetzt, denn dort bedeutet sie Niederlage. Beim Spiraltanz hingegen ermöglicht sie eine der schönsten menschlichen Erfahrungen, nämlich uns im Tanz dem Rhythmus der Musik zu überlassen oder auch dem Hochgefühl der körperlichen Liebe. Das Wort "Kult" hat eine polemische Färbung. Im ursprünglichen Sinne ein gutes Wort, bezeichnet es heute Mißbrauch treibende, pseudo-religiöse Organisationen. Als Kriterium zur Unterscheidung zwischen gesunden und ausbeuterischen Organisationen schlage ich vor, sich die Richtung des Energieflusses anzusehen. In einer destruktiven Organisation fließt die Energie von den Mitgliedern zur Führung. In einer gesunden Organisation hingegen geht sie von der Führung aus und nährt die Mitglieder.

Ein letzter Punkt: Ich bin nicht davon überzeugt, daß Ich-Bewußtsein uns vor der Verstrickung in politische Bewegungen und Ideologien bewahren kann. Ich habe einmal mit einer jungen Frau gearbeitet, die einer Kultbewegung angehörte. Sie hatte studiert, war sehr intelligent und unabhängig. Sie war sich dessen, was sie tat, durchaus bewußt, hatte gute Erklärungen für ihr Verhalten und glaubte, ihrer Seele etwas Gutes zu tun. Ich glaube, daß sie ihre Seele nicht spürte, weil sie sich selbst zu viele Erklärungen gab. Es handelte sich um eine dieser Bewegungen, wo ein charismatischer Führer seine jungen Anhänger auf die Straße schickte, um Bücher zu verkaufen und zu betteln. Diese Leute arbeiteten täglich 18 oder 20 Stunden und bekamen nichts dafür. Der Führer der Bewegung wurde reich, während seine Anhänger krank und abhängig wurden. Sie wurden ausgepreßt. Als diese Frau zu mir in die Therapie kam, stand sie noch stark unter seinem Einfluß. Mir schien, daß wir Fortschritte machten, indem wir ihre Stärke aufbauten und mehr und mehr dazu kamen, daß sie wieder eigenständige Entscheidungen treffen konnte, aber ihre Eltern engagierten jemanden, um sie aus dieser Gemeinschaft zu entführen und zu rekonditionieren. Ein Teil dieser Rekonditionierung bestand darin, daß man sie dazu brachte, die Therapie mit mir abzubrechen, weil ich gewissermaßen als infiziert angesehen wurde. Etwa anderthalb Jahre später kam sie wieder und meinte, sie sei froh, daß ihre Eltern sie da rausgeholt hätten. Aber etwas in ihr war gestorben. Sie schien irgendwie leer zu sein, und diese Leere ist mir immer noch im Gedächtnis. Ich wünschte, ihre Eltern hätten ein bißchen mehr Geduld aufgebracht. Im Innersten bin ich davon überzeugt, daß sie die Kraft gefunden hätte, aus eigenen Stücken zu gehen, wenn sie nur ein bißchen mehr Zeit gehabt hätte - vielleicht sechs Monate oder ein Jahr. So bin ich mir nicht sicher, was schlimmer für sie war, der Kult oder ihre Rekonditionierung.

Gesundheit bedeutet, daß wir zur Wahrheit unserer Seele zurückfinden und fähig werden, diese tiefe Wahrheit zu verteidigen, was auch immer von außen auf uns eindringen mag. Die Seele des Klienten weiß, was zu tun ist, auch wenn das bewußte Denken das nicht erkennt. Die Tragödie, die wir in der Therapie so häufig miterleben, ist, daß Menschen die Fähigkeit verloren haben, auf die Wahrheit ihrer eigenen Seele zu hören. Und dann haben die Therapeuten mit ihrem Versuch, die Autonomie des Klienten zu fördern - genau wie die Eltern meiner Klientin - dieselbe Wirkung wie jede andere Autorität. Sie erwecken im Klienten nicht die Fähigkeit, auf die Wahrheit der eigenen Seele zu hören.

Judith: Dein wichtigstes Instrument, um die Dynamik des Systems sichtbar zu machen, ist die Familienaufstellung. Der Klient sucht sich Gruppenteilnehmer, um sie als seine oder ihre Familienmitglieder aufzustellen und positioniert sie in einem räumlichen Verhältnis zueinander. Die Stellvertreter in dieser Aufstellung werden aufgefordert, vor allem auf ihre körperlichen Reaktionen und Erfahrungen zu achten. Was ist so wichtig an der körperlichen Erfahrung?

Hunter: Wie Bob Resnick schon sagte: "Der Körper kann nicht lügen." Die körperlichen Reaktionen der Stellvertreter stellen eines der überzeugendsten Elemente dieser Methode dar. Eine Ärztin z.B. fing plötzlich an zu schwitzen und hatte heftige Schmerzen im Brustkorb und im linken Arm. Sie dachte, sie erlitte einen Herzinfarkt, und es stellte sich heraus, daß die Frau, für die sie stand, ein paar Wochen vorher fast an einem Herzinfarkt gestorben wäre, aber das wußten wir nicht. In Seattle kippte ein Mann um, der jemanden repräsentierte, der einen Selbstmordversuch unternommen hatte. Er schlug dermaßen hart auf den Boden, daß wir alle dachten, er hätte sich den Kopf aufgeschlagen. Erst letzte Woche erzählte jemand in einer Aufstellung, er sei auf dem rechten Ohr taub, und was herauskam war, daß der Mann, den er darstellte, eine Kriegsverletzung davongetragen hatte und auf dem rechten Ohr taub war, aber als wir anfingen, wußten wir das noch nicht. Wenn Leute umkippen oder Symptome eines Herzinfarkts entwickeln nur weil sie in einer Aufstellung jemanden repräsentieren, dann sollten wir diese Phänomene ernstnehmen. Um so mehr, wenn ihre Reaktionen Wiederholungen dessen sind, was die eigentlichen Personen erlebt haben. Wir wissen nicht genau, wie das vonstatten geht, dennoch geben uns die Reaktionen der Stellvertreter wertvolle Informationen über die versteckten Dynamiken innerhalb einer Familie. Fragen wir uns: Was passiert da, daß Menschen so dramatische und detailgetreue Symptome erleben, nur weil sie in einer Aufstellung jemanden repräsentieren? In meiner Arbeit erlebe ich so etwas immer wieder. Ich kann Tausende solcher Geschichten erzählen, ebenso wie jeder andere Therapeut, der mit Aufstellungen arbeitet. Nach ein paar Jahren Erfahrung mit dieser Arbeit mußte ich mich der Beweislast beugen und zu der Schlußfolgerung kommen, daß wir auf eine Weise miteinander verbunden sind, die meinen früheren Ansichten über Individualität und Autonomie widerspricht. Wenn man tausend Aufstellungen sieht, in denen solche Dinge passieren, dann muß man Fritz' Aussage "Du machst deine Sache, und ich mache meine" noch einmal überdenken, denn sie hält dem, was wir beobachten können, einfach nicht stand.

Letztendlich wird dieses Phänomen unsere Sicht der Welt verändern. Die Aufstellung ist die einzige mir bekannte Methode, die es normalen Menschen ermöglicht, den Einfluß der Erfahrung eines anderen Menschen körperlich zu erleben. Wenn man in einer Aufstellung steht und glaubt, sich übergeben zu müssen, und wenn man gleichzeitig spürt: "Das hat nichts mit mir persönlich zu tun", dann ist das eine wunderbare Gelegenheit, die eigenen Ansichten darüber, wo die Grenzen zwischen Ich und Nicht-Ich liegen, noch einmal zu überdenken. Das eröffnet ein völlig neues Feld der Forschung und wird letztendlich zu einem fundamentalen Paradigmenwechsel innerhalb der Psychotherapie führen.

Die Aufstellungen zeigen sehr deutlich, daß wir mit anderen Familienmitgliedern auch über die Zeit hinweg verbunden sind, und daß diese Verbindung nicht allein von unserem bewußten Wissen abhängt. Vieles, worunter wir leiden, entstammt Dingen, die andere Menschen in unserem Familiensystem entweder getan oder zu tun versäumt haben. Ganz gewiß sind wir Teile größerer Ganzheiten. Und auch das wird die Therapeuten schließlich dahinführen, die Psychopathologie und Entwicklungspsychologie zu überdenken. Auch können wir beobachten, welche ungeheure Wirkung es auf die Stellvertreter hat, wenn jedes Familienmitglied einbezogen ist und jeder an dem für ihn oder sie richtigen Platz steht. Harmonie ist ein reales Phänomen.

Als Therapeuten sind wir auf diese spontanen Reaktionen weit mehr angewiesen als darauf, was die Stellvertreter denken oder was sie in einem Rollenspiel oder Psychodrama erfinden könnten.

Judith: Ist Denken gefährlich?

Hunter: Klares Denken ist lebensnotwendig, aber es gibt auch eine bestimmte Art von Denken, das die Illusion erzeugt, das Ich kontrolliere das Universum. Diese Illusion lenkt die Aufmerksamkeit der Seele von den Bewegungen der Erde und der Natur ab. Was die Leute in den Aufstellungen denken, hilft uns nicht, die versteckten Dynamiken ans Licht zu bringen.

Judith: Du sagst, der Geist könne auf eine höhere Weisheit hören. Eine wichtige Frage ist: Wie kann der Geist zwischen dieser Weisheit und einer möglichen hypnotischen Suggestion unterscheiden, die sich vielleicht nur anfühlt wie eine höhere Weisheit? Weder Hellinger noch du hast gezögert, traditionelle Vorstellungen von Freiheit und Autonomie in Frage zu stellen.

Hunter: Nimm an ein paar Aufstellungen als Stellvertreter teil und achte auf deine Erfahrung. Du brauchst an nichts zu glauben oder auf irgend etwas blind zu vertrauen. Das ist das Schöne an dieser Methode. Die Reaktionen der Stellvertreter fordern die traditionellen Vorstellungen heraus, nicht Hellinger. Ihre Erfahrungen in den Aufstellungen bedrohen unsere westlichen Illusionen persönlicher Freiheit und Autonomie. Sie versetzen uns als einzelne Individuen unausweichlich in den Kontext größerer sozialer Systeme. In dieser Arbeit wird sichtbar, daß der Grad unserer Wahlfreiheit durch die sozialen Systeme, in denen wir leben, deutlich eingeschränkt ist. Der Preis für unsere tatsächliche individuelle Freiheit ist unsere Bereitschaft, die tiefe Schuld zu erfahren, die darin besteht, daß wir die Regeln der für uns bedeutsamen Gruppen verletzen und daß wir diejenigen, die wir lieben, zurücklassen.

Judith: Jede Therapie vermittelt ein bestimmtes Wertesystem. Das läßt sich nicht vermeiden. Ich denke an Leute, die auf Entscheidungen zurückblicken, die für sie selbst zwar gut gewesen zu sein schienen, andere aber verletzt haben. Hellingers Ansatz ermöglicht es, die therapeutische Arbeit am Verhältnis zum Wohl eines ganzen Systems zu messen, und nicht nur dem Wohl eines einzelnen. Dieser Wert scheint in unserer individualistisch orientierten Therapiekultur sehr vernachlässigt worden zu sein.

Hunter: Ja, das stimmt. Kein Therapeut kann seinem oder ihrem Wertesystem entgehen. Selbst der Versuch, das eigene Wertesystem in einem phänomenologischen Sinne auszuklammern, kann uns letztlich nicht vor unseren Neigungen und Vor-urteilen bewahren. Die systemische Arbeit achtet den einzelnen in einem größeren systemischen Kontext. Für mein Verständnis klingt das sehr gestaltorientiert. Indem wir uns größere Gestalten des einzelnen innerhalb seines Familiensystems anschauen, beginnen wir, für jeden eine Lösung zu sehen. Möglicherweise gibt es für den einzelnen solange keine Auflösung, bis die Familie als Ganzes eine Lösung findet. Welchen Frieden kann ich finden, wenn meinen Eltern, meinen Brüder und Schwestern Ungerechtigkeit widerfährt? Die Arbeit mit Familienaufstellungen lehrt uns, daß jedes Mitglied eines Systems das Gefühl haben muß "Dies ist mein Platz; hier kann ich stehen." Nur dann ist das System als Ganzes in Ordnung. Nur dann kann jedes einzelne Mitglied dauerhaft Frieden finden.

Judith: Die Arbeit mit Familienaufstellungen stellt die Ebenbürtigkeit aller am System beteiligten wieder her.

Hunter: Es ist ein grundlegender Gedanke der Gestalttherapie, daß wir Teil eines größeren Ganzen sind, daß das Ganze etwas anderes ist als die Summe seiner Teile. Das Konzept der Gestalttherapie beinhaltet, daß "der andere" Bedeutung hat. Die Frage ist, ob ich mir kleinere Gestalten ansehe, wo ich das Ganze bin, oder größere, in denen ich nur ein Teil bin. Es ist dem Gestaltkonzept immanent, daß jedes Individuum gleichzeitig sowohl Totalität kleinerer Einheiten als auch Teil größerer Ganzheiten ist. Das ist die Struktur des Seins. Etwas anderes gibt es nicht. Um die Zugehörigkeit zu einem größeren Ganzen zu erfahren, bedarf es dieser wunderbaren Hingabe, von der ich vorhin gesprochen habe, und die Erhaltung der Individualität in diesem Ganzen erfordert den Weg des Helden.

Der Therapeut kann in eine sublime dialogische Beziehung mit dem Klienten treten und auf die stille Botschaft der Seele hören - wortlos ausgesprochen in der Sprache der Seele. Wir hören diese Sätze und können der Seele des Klienten unsere Stimme leihen und aussprechen, was er nicht aussprechen kann. Tun wir das im Dienst am größeren Ganzen, dann sprechen wir vielleicht nur aus, was bereits gesagt worden ist. Wir achten genau auf die Körpersprache - auf Bestätigung oder Einhalt. Wir sehen den Gesichtsausdruck oder die Muster der Atmung. Wir hören den Klienten in die Wahrheit fallen - oder nicht. Während wir all das tun, sind weniger unsere persönlichen Neigungen von Bedeutung als vielmehr unser Sinn fürs Dienen. In solchen therapeutischen Momenten verschwinden wir als Individuen, wir ergeben uns dem größeren Geschehen, das im "Dazwischen" stattfindet. Und wir wissen, das es gut ist.

An solchen Momenten teilhaben zu dürfen ist das große Privileg der therapeutischen Arbeit. Wenn wir sorgfältig damit umgehen, dann helfen unsere Klienten uns vielleicht, auf unsere eigene Seele zu hören.

Der erste Teil dieses umfangreichen Interviews, das Judith Hemming mit Hunter Beaumont führte, trägt den Titel "Gestalttherapie und die Seele". 

Praxisadressen von Gestalttherapeuten/-innen

 Hunter Beaumont, Ph.D.

 Klinischer Psychologe, erhielt seine Gestalttherapie-Ausbildung am Gestalt Institute of Los Angeles, wo er später auch als Lehrtrainer wirkte, bevor er 1980 nach München zog. Rege Lehrtätigkeit und zahlreiche Veröffentlichungen zu Theorie und Praxis der Gestalttherapie.
So gut wie er kann, läßt Hunter Beaumont sich von dem Fluß der Dinge führen. Er beschäftigt sich intensiv mit der Anwendung von psychologischem und psychotherapeutischem Wissen in der Alltagspraxis des Auf-die-Seele-Schauens.
Zwischenstationen seines Weges: Archetypsche Psychologie, Psychoanalyse (besonders die Objektbeziehungstheorie), Verhaltenstherapie, Ericksonische Hypnotherapie und NLP, Körpertherapie (besonders Feldenkrais und integrierende Bewegungen), verschiedene spirituelle Traditionen, und die systemisch-phänomenologische Arbeit Bert Hellingers. Zusammen mit Bert Hellinger hat er bis jetzt drei englische Bücher über diese Arbeit geschrieben. Er lebt mit seiner Frau, die er gerne als seine wichtigste Lehrerin bezeichnet, seit 33 Jahren zusammen.

Auf zwei seiner als Audiocassetten erschienenen Vorträge möchten wir hier besonders hinweisen: "Erlösung der Väter" und "Selbstheilung - Hoffnung oder Illusion". Sie sind erhältlich bei: ZIST, Zist 3, 82377 Penzberg, Fax. 08856 - 83180.

Das obige Interview mit Hunter Beaumont führte die britische Gestalttherapeutin und Ausbildungstrainerin Judith Hemming.
Es ist zuerst erschienen in: British Gestalt Journal, Vol. 7, No. 2, 1998.
© British Gestalt Journal, 1998.
Wir danken Malcom Parlett, dem Herausgeber des British Gestalt Journal, für die Genehmigung der deutschen Erstübersetzung.
Aus dem Englischen von Ludger Firneburg.

Der erste Teil dieses umfangreichen Interviews, das Judith Hemming mit Hunter Beaumont führte, trägt den Titel "Gestalttherapie und die Seele".

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