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Bärbel Wardetzki
Kränkungen - verletzte Gefühle
( Gestalttherapie )


Aus der Gestaltkritik

Gestaltkritik - Die Zeitschrift mit Programm aus dem Gestalt-Institut Köln

Themenschwerpunkte:

Gestaltkritk verbindet die Ankündigung unseres aktuellen Veranstaltungs- und Weiterbildungsprogramms mit dem Abdruck von Originalbeiträgen: Texte aus unseren "Werkstätten" und denen unserer Freunde.

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 Hier folgt der Abdruck eines Beitrages aus der Gestaltkritik 1-2000:

Bärbel Wardetzki
Kränkungen - verletzte Gefühle
( Gestalttherapie )

 

Foto: Bärbel WardetzkiBärbel Wardetzki

In meiner psychotherapeutischen Arbeit begegnen mir Kränkungen immer öfter, entweder indem ich mich selbst gekränkt fühle oder dadurch, daß ich mit den Kränkungsreaktionen der PatientInnen zu tun habe. Diese Tatsache motivierte mich, das Phänomen Kränkung näher zu ergründen. Ich wollte verstehen, was passiert, wenn ein Mensch sich gekränkt fühlt. Und was er tun kann, um mit dieser seelischen Wunde umzugehen. Denn daß Kränkungen zum Teil massive Wirkungen hinterlassen, wurde mir beispielsweise an der Reaktion einer Klientin von mir deutlich.

Sie war schon lange Zeit bei mir in Behandlung und kündigte eines Tages die Absage unseres nächsten Termins telefonisch an. An ihrem scharfen Ton und dem Kurz-Angebunden-Sein spürte ich bereits, daß "etwas nicht stimmte". Ich war sehr erstaunt, da wir bisher eine tragende Beziehung aufgebaut hatten und ich mich auch an keine Mißverständnisse in der letzten Stunde erinnerte. Ich fragte daher nach dem Grund ihrer Absage, erhielt aber nur die Antwort: "Das müssen Sie doch wissen". Sie ließ mich regelrecht "im Regen stehen" und vermittelte mir unterschwellig, daß ich Schuld sei und etwas falsch gemacht hätte. Da ich mir nicht erklären konnte, was es war, fragte ich weiter und erfuhr endlich, daß sie sich in der letzten Stunde durch eine Aussage von mir so stark gekränkt fühlte, daß sie nichts mehr mit mir zu tun haben wollte. Sie brach innerlich und äußerlich den Kontakt zu mir ab, vertraute mir nicht mehr und wollte nicht mehr kommen. Sie fühlte sich zutiefst unverstanden, auch nachdem ich ihr erklärte, wie ich meine Aussage verstand. Es half ihr nichts. Auch das Angebot, uns wenigstens noch einmal zu treffen und im persönlichen Kontakt das Problem zu lösen, schlug sie aus. Sie hatte sich bereits dazu entschlossen, die Beziehung abzubrechen. In diesem Fall konnten wir also keine angemessene Lösung finden, was ich sehr bedauerte.

 

Kränkungen sind ein Alltagsphänomen

Doch nicht nur in Therapien kann es uns passieren, daß wir vom Gegenüber beschuldigt werden, ihn verletzt zu haben, sondern auch in persönlichen Begegnungen kann es sein, daß wir "aus dem Kontakt geworfen werden". Wir wissen oft gar nicht - wie im Fall meiner Klientin - was wir Schlimmes angerichtet haben, sondern spüren nur die Wucht der Verachtung des anderen und seine Unversöhnlichkeit.

Auch umgekehrt sind wir nicht selten jene, die sich gekränkt zurückziehen und mit Wut und Ärger auf das reagieren, was wir vom anderen erfahren haben. Wir sind nicht nur Kränkende, sondern auch Gekränkte.

Kränkungen sind mögliche Reaktionen auf Ereignisse, durch die wir uns seelisch verletzt fühlen. Diese Ereignisse sind in der Regel Kritik, Zurückweisungen, Ablehnung, Ausschluß oder Ignoriertwerden, die wir als Entwertung erleben. Und zwar als Entwertung unserer Person, unserer Handlungen oder unserer Bedeutung für einen anderen Menschen.

Auf Kränkungen reagieren wir mit Gefühlen von Ohnmacht, Enttäuschung und Trotz sowie Wut und Verachtung gegen den Kränkenden. Dahinter sind Gefühle von Schmerz, Angst und Scham verborgen, die oft weder gespürt noch ausgedrückt werden. Statt dessen wendet sich die Kränkung meist in Form von Gewalt gegen den "Täter". Die Wut und Verachtung sind gleichsam Schutzreaktionen vor dem Schmerz der Verletzung. Ihr Ziel ist es, die schmerzliche Gekränktheit zu beenden und zu neutralisieren.

Aus der Wut heraus brechen wir die Beziehung zum Kränkenden ab und wollen mit ihm nichts mehr zu tun haben. In unserem Trotz sinnen wir häufig auf Rache und Vergeltung. In der Kränkung drücken wir aus: "So will ich das nicht haben, da mach´ ich nicht mehr mit".

Kränkungen berühren immer das Selbstwertgefühl. Einerseits werden wir durch Kränkungen in unserem Selbstwertgefühl geschwächt, da wir uns nicht respektiert, wertgeschätzt, angenommen und verstanden fühlen. Wir reagieren mit Selbstzweifeln, die bis zur Verunsicherung unseres Identitätsgefühls reichen können. Zum anderen ist die Kränkbarkeit abhängig von der Stabilität des Selbstwertgefühls. Sehr kränkbare Menschen, die wir im Alltag als "empfindlich" einstufen würden, sind häufig Menschen mit einem eher labilen Selbstwertgefühl. Sie reagieren schnell beleidigt, ziehen sich schon bei geringsten Anlässen zurück und sind für einige Zeit nicht mehr ansprechbar. Allein durch einen falschen Ton in der Stimme, ein barsches Wort oder eine hochgezogene Augenbraue können sie massiv in ihrem Selbstwert verletzt werden.

Dagegen werden wir einen Menschen mit einem stabilen Selbstwertgefühl, den wir selbstbewusst nennen würden, nicht so leicht kränken. Ein solcher Mensch wird negative Botschaften von seinem Gegenüber zum einen nicht so sensibel wahrnehmen, zum anderen nicht sofort auf sich beziehen und damit nicht in demselben Maße verunsichert werden. Der Umgang mit diesen Menschen ist einfacher, wir müssen nicht so achtgeben, etwas Falsches zu sagen oder zu tun.

Dennoch, kränkbar ist jeder Mensch, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß.

Kränkungen gehören zum Leben, wie auch der Angriff auf unser Selbstwertgefühl einen Teil unseres alltäglichen Erlebens ausmacht. Wir werden kritisiert, abgelehnt, ausgeschlossen, verlassen und zurückgewiesen. Ebenso werden wir auch geliebt, angenommen, gewollt und gelobt. Doch eben nicht immer. Die Auseinandersetzung mit Zurückweisungen bleibt niemandem erspart, so gerne wir das auch hätten.

Doch die Tatsache, daß wir uns gekränkt fühlen, hat im Grunde mehr mit uns selbst zu tun als mit der Kränkung an sich.

Alles Negative persönlich nehmen

Fühlt sich ein Mensch gekränkt, so bezieht er alles, was das Gegenüber sagt oder tut in entwertender Weise auf sich.

Auch wenn das Verhalten des anderen möglicherweise gar nichts mit einem selbst zu tun hat, fühlt sich die Person mißachtet oder zurückgestellt. Eine Rednerin beispielsweise nimmt das Gähnen einer Zuhörerin wahr und kann das nun als Zeichen sehen, daß ihre Rede langweilig oder daß diese Frau müde ist. Im ersten Fall bezieht sie das Gähnen auf sich, fühlt sich abgewertet und durch das scheinbare Desinteresse der Frau gekränkt. Im schlimmsten Fall läßt sie sich dermaßen verunsichern, daß sie ins Stocken gerät und den Faden verliert. Um eine solche Kränkung zu vermeiden und ihren Vortrag mit Überzeugung zu Ende zu bringen, muß die Rednerin lernen, der Situation eine andere Bedeutung zu geben. Das kann sie, indem sie einen Perspektivenwechsel vornimmt und die Zuhörer unter einem neuen Blickwinkel wahrnimmt. Beispielsweise kann sie registrieren, wieviele Menschen nicht gähnen und aufmerksam zuhören. Sie kann außerdem dem Gähnen eine neue Bedeutung verleihen, indem sie es nicht ihrer mangelnden Leistung zuschreibt, sondern der Müdigkeit der Frau. Auch kann sie es möglicherweise zulassen, daß diese Frau sich langweilt, muß es aber nicht auf das gesamte Publikum verallgemeinern.

 

Zurückweisung und Kritik

Zurückweisungen können Kränkungsreaktionen auslösen, wenn sie als Entwertung unserer Person, unserer Handlungen oder unserer Bedeutung für einen anderen Menschen erlebt werden. Dabei müssen sie nicht direkt oder absichtsvoll erfolgen, indem jemand versucht, einen anderen Menschen bewußt zu verletzen. Es kann sich auch um beiläufige Bemerkungen und Gesten handeln, die gar nicht auf den anderen bezogen sind wie im Fall der Rednerin. Solche Zufälligkeiten können zur Zurückweisung werden, wenn der Gekränkte sie als solche interpretiert und als Minderung des eigenen persönlichen Wertes erlebt. Auf diese Weise kann jedwede Reaktion aus der Umwelt Kränkungsreaktionen auslösen. Das macht die Situation nicht einfacher, zeigt aber deutlich, wieviel Verantwortung auch auf seiten des Gekränkten liegt. Er hat in vielen Fällen die Wahl, die Entwertung anzunehmen oder abzuwehren.

Oft reagieren wir auf Unterstellungen, die häufig Projektionen eines anderen auf uns sind, gekränkt. Besonders werden wir verletzt, wenn es sich um die Zuschreibung negativer Eigenschaften handelt und der andere genau das in uns anspricht, was wir nicht hören und tunlichst verbergen wollen.

Auch fühlen wir uns gekränkt, wenn Werte, die wir vertreten von anderen nicht anerkannt, respektiert oder sogar verletzt werden (1). Es wird uns um so mehr kränken, je bedeutsamer diese Werte für uns sind. Ebenso kann ein Nein auf eine Frage von uns eine Kränkung bedeuten. "Ich habe keine Zeit" heißt dann soviel wie: "Ich habe keine Zeit für Dich" (2).

Auch Kritik wird häufig als Zurückweisung oder Entwertung der eigenen Person oder Leistung erlebt und mit Kränkungsreaktionen beantwortet. Auch wenn Kritik immer die eigene Selbsteinschätzung berührt, muß sie dennoch nicht zwangsläufig eine Kränkung sein. Ob Kritik jemanden kränkt oder nicht, hängt sehr von der Selbsteinschätzung des Menschen ab. Je unsicherer er über sich und seine Leistung ist, um so größer ist die Gefahr, daß er Kritik als Kränkung erlebt. In diesem Fall wird er dann auch die Person abwerten, die ihn kritisiert. Wobei das Verhältnis zum Kritisierenden eine wesentliche Rolle spielt. Wenn er dem anderen vertrauen kann, daß er in der Kritik die Wahrheit sagt, wird die Kränkungsreaktion ausbleiben oder nur gering ausfallen. Hat er jedoch das Gefühl, vorsätzlich verletzt worden zu sein, wird das seine Kränkungsbereitschaft erhöhen und die Beziehung zum Kritisierenden verschlechtern. Die Reaktionen auf Kritik hängen zudem von den Umständen ab, unter denen sie ausgesprochen wird. Menschen sind möglicherweise weniger gekränkt, wenn sie ausdrücklich um kritische Rückmeldungen bitten als wenn sie ohne Ankündigung kritisiert werden. Auch ist die Art und Weise, mit der die Kritik ausgesprochen wird, von Bedeutung. Je nachdem, in welchem Tonfall, mit welchen Worten und mit welcher Absicht jemand kritisiert, wird der Kritisierte mehr oder weniger gekränkt reagieren.

Auch wenn Kritik mit Achtung ausgedrückt wird und die Kritisierten das Gefühl haben, trotz ihrer Fehler als Person geachtet zu werden, müssen wir immer berücksichtigen, daß Kritik unangenehm ist und das Selbstwertgefühl der Person beeinträchtigen kann. Wir sollten daher achtsam mit unserer Kritik umgehen und sie auf der Basis eines guten Kontakts zusammen mit positiven Rückmeldungen vermitteln, da wir sonst unnötige Verletzungen auslösen können.

 

Bloßstellung und Beschämung

Kränkungsereignisse beschämen den Gekränkten und geben ihm das Gefühl, bloßgestellt zu werden. Vor allem, wenn sie in der Öffentlichkeit stattfinden, also vor Dritten, ist die Beschämung besonders groß, da andere die Bloßstellung miterleben (3).

Die Schamreaktion hat zwei Wurzeln: die Angst vor Bewertung bzw. Abwertung und das Gefühl, dem eigenen Maßstab, nicht gerecht geworden zu sein, unter den verfügbaren Möglichkeiten geblieben zu sein, sich an sich selbst schuldig gemacht zu haben (4). Jedes Versagen, jede Ablehnung und jede Selbstwertschwäche ist mit Scham verbunden und bedeutet eine Kränkung unseres persönlichen Wertes. Deshalb bemühen wir uns mit aller Kraft, unsere Fehlerhaftigkeit zu verbergen, um uns nicht dafür schämen zu müssen. Jedoch hängt die Stärke der Schamreaktion ebenso wie die der Kränkungsreaktion sowohl von der Stabilität des Selbstwertgefühls als auch von der individuellen Lerngeschichte ab. Wer als Kind beschämt wurde und in sogenannten schamdominierten Familien aufwuchs, wird schneller mit Beschämung reagieren. Aber nicht nur Familien, sondern auch Gesellschaften können schamdominiert sein. Das bedeutet, daß Strukturen vorliegen, die weniger den Respekt für den anderen in den Vordergrund rücken als mehr die Bewertung und Zurechtweisung, oft verbunden mit Schuldzuweisungen, wenn etwas nicht wie geplant abläuft. Alle diese Kriterien sind westlichen Gesellschaften inhärent, weshalb wir sie schamdominiert oder schamgesteuert nennen können.

Auf dem Hintergrund dieser schamgesteuerten Mechanismen, denen wir alle unterliegen, ist ein grundlegendes Umdenken in Richtung Respekt von Nöten, wenn wir die eigene Scham überwinden und aus der Rolle des Beschämers und des Kränkenden heraustreten wollen.

 

Kränkungswut, Rache und Majestätsbeleidigung

Im Rahmen meiner psychotherapeutischen Arbeit wurde mir deutlich, dass viele zwischenmenschliche Probleme auf Kränkungen zurückzuführen sind. Missverständnisse, Meinungsverschiedenheiten, Streits und Beziehungsabbrüche beruhen oft darauf, dass ein Mensch sich durch einen anderen Menschen gekränkt fühlt, diese Kränkung jedoch entweder nicht bewußt wahrnimmt oder sie aktiv verdrängt. Was bleibt ist Wut, Verachtung und Groll gegen "diesen Menschen", der einem "so etwas" antut. In der Folge wollen wir mit "so einem" nichts mehr zu tun haben. "Der ist für mich gestorben". Anderen gegenüber sprechen wir schlecht über diesen Menschen, schimpfen über ihn und sinnen eventuell auf Rache. Auch wenn wir mit dem Kränkenden nichts mehr zu tun haben, sind wir doch innerlich noch mit ihm beschäftigt und das oft heftiger und länger als uns lieb ist. Die unerledigte Kränkungsreaktion bindet uns an ihn in einer unangenehmen und belastenden Weise.

Die Kränkungswut ist übermäßig heftig und entspricht dem Ereignis oft nicht.

Der freie Ausdruck dieser Kränkungswut bringt daher auch keine Erlösung, höchstens eine Entlastung von dem großen inneren Druck. Das liegt daran, daß diese Form der Wut mit Verachtung gepaart ist, und sich darauf richtet, die Macht über den anderen zu erringen. Zu dieser Wut gehören eine hohe Destruktivität, Kälte und Gnadenlosigkeit. Auch der Trotz findet hier seinen Ausdruck. Er zeigt sich in einem kategorischen Nein gegen den Kränkenden und die Welt, manchmal sogar gegen das Leben schlechthin. Der Gekränkte wendet sich ab, "spielt" nicht mehr mit, will von "alledem" nichts mehr wissen und verweigert sich vollständig.

Die Kränkungswut löst das bestehende Problem nicht, sondern sie zerstört die Beziehung zum Gegenüber. Und das oft sogar vorsätzlich. Der Gekränkte will in seiner Enttäuschung den anderen verletzen, ihn treffen, ihm so viel Schmerz zufügen, wie er selbst erlitten hat. Und dieser Gedanke erfüllt ihn mit Genugtuung. Nicht von ungefähr sagt der Volksmund: "Rache ist süß". Sie verschafft dem Gekränkten das Gefühl, die Kontrolle über die Situation und sein Gegenüber zurückzugewinnen. Rache macht den Menschen handlungsfähig und führt ihn aus der Starre. Indem er sich aggressiv nach außen wendet, erlebt er sich machtvoller, stärker und selbstbewußter und er gibt die Aggression zurück, die er selbst erlebt hat. Rache löst jedoch das Problem der Kränkung nicht, sondern mündet nicht selten in gewalttätigem Verhalten, das zusätzliche negative Folgen haben kann.

Was muß passieren, um die unangemessene Kränkungswut zu kanalisieren? Wir müssen zuerst die Entscheidung treffen, es zu wollen und das bedeutet, den inneren Stolz zu überwinden. Und dieser Schritt ist sehr schwer, denn auf die Wut zu verzichten ist für gekränkte Menschen gleichzusetzen mit klein beizugeben, die Verlierer zu sein, sich mies zu fühlen. Sich am anderen nicht zu rächen, heißt soviel wie, ihn ohne Strafe davon kommen zu lassen, oder ihm sogar zu vergeben beziehungsweise ihn zu verstehen. Undenkbar und eine erneute Kränkung für das Idealselbst.

Die Empörung drückt etwas aus, das wir eine Majestätsbeleidigung nennen (5): Das ideale, grandiose Bild von sich wurde verletzt. "Das erhabene Selbst ist beleidigt worden" (6) und reagiert mit blindem Haß.

Der Hintergrund dieser heftigen emotionalen Reaktionen ist die Enttäuschung unausgesprochener Erwartungen des Gekränkten. Die Majestätsbeleidigung ist immer verbunden mit der Enttäuschung der grandiosen Vorstellungen der eigenen Person, wenn diese nicht von außen bestätigt werden. Wenn also die Dinge nicht so laufen, wie geplant. Die Täuschung besteht darin, zu erwarten, nicht enttäuscht zu werden.

Der Schmerz der Verletzung

Neben Scham und Wut ist Schmerz eine weitere emotionale Reaktion auf Kränkungen (7). Meist wird er durch die Wut maskiert und abgewehrt. In Kränkungen drückt sich die tiefe Sehnsucht und der Schmerz der Entbehrung aus. Unsere überhöhten Sehnsüchte nach Akzeptanz, Angenommensein und Geachtetwerden stehen in der Regel mit frühen Entbehrungen in der Kindheit in Verbindung. Wer früh in seinem Leben positive Erfahrungen machen konnte und das Gefühl bekam, angenommen zu sein, wird im Erwachsenenalter weniger auf äußere Zuwendung angewiesen sein. An Stelle des "emotionalen Lochs" spürt er seine Zuversicht und sein Selbstvertrauen, die ihm jene Unterstützung geben, die andere unbedingt von außen benötigen und erwarten. Er wird dann auch bei Ausbleiben von Zuwendung weniger kränkbar reagieren, da er die Fähigkeit besitzt, sie sich zumindest teilweise selbst zu geben.

 

Der wunde Punkt

Die Frage ist nun, wie es dazu kommt, daß bestimmte Ereignisse zu Kränkungen führen. Meine These ist, daß Kritik, Ablehnung oder Zurückweisung dann eine Kränkungsreaktion auslösen, wenn sie einen "wunden Punkt" beim Gekränkten treffen. Ein wunder Punkt ist eine nicht ganz verheilte Wunde, die bei entsprechendem Anlaß aufbricht. Er wird gebildet durch frühere verletzende Erfahrungen oder Entbehrungen, die das Selbstwertgefühl angegriffen haben. Diese bleiben als sogenannte "offene Gestalten" unabgeschlossen bestehen. Sie bilden den wunden Punkt, an dem durch Kritik, Zurückweisung, Verlassen- oder Ignoriertwerden die alten, unverarbeiteten Verletzungen aktiviert werden und Kränkungsreaktionen auslösen.

Jeder hat gemäß seiner eigenen Lerngeschichte unterschiedliche offene Gestalten als Hintergrund des wunden Punktes, die meist nicht mehr im Bewußtsein sind. Denn frühe Verletzungen sind unserem bewußten Erinnern gewöhnlich nicht zugänglich, da sie der kindlichen Amnesie unterliegen. Das Nicht-Erinnern erleichtert uns das Weiterleben, es bleibt aber die Verletzlichkeit durch die nicht verarbeitete frühe Verwundung bestehen. In der Therapie haben wir die Möglichkeit, die alten Verletzungen aufzudecken und abzu-schließen. Je besser uns das gelingt, um so weniger kränkbar werden wir sein.

Die Abbildung veranschaulicht diesen Zusammenhang noch einmal grafisch.

 

Offene Gestalten tendieren dazu, sich schließen zu wollen, wunde Punkte wollen heilen. Kränkungen, die an diesen offenen Wunden rühren, können also auch eine Chance sein, unerledigte Geschichten zu vollenden.

 

Introjekte

Im Zusammenhang mit Kränkungen und Selbstwerteinbußen sind hauptsächlich unsere perfektionistischen und abwertenden Introjekte von Interesse. Die perfektionistischen zwingen uns, anders zu sein, als wir sind, beispielsweise: "Ich muß mich noch mehr anstrengen". Die abwertenden Introjekte zementieren unser negatives Selbstbild wie: "Ich bin nicht liebenswert". Rührt nun ein anderer an unserer Unvollkommenheit, dann kränkt es uns. Spricht ein anderer in seiner Kritik aus, daß wir einen Fehler gemacht haben, dann wird das Introjekt "Ich darf keine Fehler machen" aktiviert. Wir geraten in einen Konflikt, da wir unseren Anspruch, gut sein zu müssen, nicht erfüllen und werden uns bemühen, unser Versagen zu leugnen oder den Makel wettzumachen. Gekränkt sind wir jedoch auf jeden Fall, da wir unser Ideal nicht erfüllen.

Introjekte haben weitreichende Konsequenzen für unsere Kränkbarkeit, da sie sich stark dem Bewußtsein entziehen und häufig schwer zu identifizieren sind. Denn wir haben nicht nur Introjekte, wir sind auch unsere Introjekte. So hat jemand nicht nur die Überzeugung, alles falsch zu machen, er ist in seinen Augen auch ein Versager und hätte dafür jede Menge triftige Beweise. Diese Tatsache macht es so schwer, seine Überzeugung zu verändern. Es bedarf meist eines Anlasses von außen, wie einer Kränkung oder Depression oder eines anderen Leids, um die introjizierten Überzeugungen zu hinterfragen. Denn dadurch, daß wir sie im Laufe unseres Lebens als Teil von uns erleben, statt als unverdaute Fremdkörper, ist es so schwer, sich von ihnen zu distanzieren und sie aufzugeben. Nicht selten brauchen wir dazu therapeutische Unterstützung.

 

Aktivierte Ängste und Bedürfnisse

Die Folge früher Selbstwertverletzungen sind Ängste und unbefriedigte Bedürfnisse.

Ich erinnere mich an einen wunderschönen Sommertag, den ich bei Freunden im Garten verbrachte. Jörg fing an, Tomaten für den Salat zu schneiden. Zuvor hatten wir unsere Phantasien über Lieblingsbeschäftigungen ausgetauscht und Jörg meinte, es würde ihm Spaß machen, ein Gourmetlokal zu führen. Ich sagte scherzhaft: "Dann müßtest Du aber das Auge aus der Tomate schneiden". Von mir war es nicht böse gemeint, und es war nicht meine Absicht, ihn zu maßregeln. Mich trafen jedoch sogleich ein bitterböser Blick und ärgerliche Worte, die verrieten, daß ich zu weit gegangen war und Jörg die Bemerkung kränkte. Ich hatte ihn, ohne daß ich es wollte, an seinem wunden Punkt getroffen.

Dieser hatte zu tun mit seiner Familie, speziell mit seiner Mutter. Er fühlte sich von ihr nie anerkannt und versuchte sein ganzes Leben lang, ihren Erwartungen zu entsprechen. Die Wunde lag brach, da er aktuell einen Konflikt mit ihr hatte, der sich um dieses Thema drehte. Sein wunder Punkt hieß: "Jetzt strenge ich mich schon so an, aber statt endlich gelobt zu werden für das, was ich alles schaffe, höre ich nur, es könnte noch besser sein". Sein perfektionistisches Introjekt hieß: "Du mußt dich anstrengen und alles gut machen", sein abwertendes Introjekt: "Ich bin nicht gut genug". Und nun kam ich und sagte ihm durch die Tomate: Du machst das nicht richtig. Es war zu diesem Zeitpunkt Öl aufs Feuer. Ich erschrak über die Heftigkeit seiner Reaktion und beschloß zu gehen. Ich spürte dann, daß ich meinerseits gekränkt war, da ich zum einen Angst hatte, etwas falsch gemacht zu haben und dadurch befürchtete, den Frieden zu stören, zum anderen fühlte ich mich unverstanden, weil ich es doch nicht böse meinte. Ich zog mich zurück und versuchte zu verstehen, was gerade geschehen war. Als ich mich beruhigt hatte ging ich zurück ohne Zorn und ohne Selbstanklage. Ich konnte mich so lassen wie ich war, hatte keinen Druck, verstanden werden zu müssen oder alles wieder gut zu machen. Die Situation hatte sich zwischenzeitlich schon verändert. Der Salat war fertig, schmeckte köstlich und wir genossen das Essen.

Ich mußte nicht in meiner Kränkung bleiben, da ich es als sein Problem sehen konnte, und es nicht persönlich als gegen mich gerichtet nehmen mußte. Ich konnte mein Selbstwertgefühl aufrechterhalten auch auf die Gefahr hin, daß er mich für blöd hielt, was er jedoch nicht tat. Jörg konnte auch wieder über sich lachen und seine Reaktion seiner momentanen Empfindlichkeit zuschreiben. Indem wir einen guten Kontakt zueinander fanden, löste sich die Situation unproblematisch, doch es hätte auch leicht zum Krach kommen können.

An diesem Beispiel sehen wir deutlich, wieviele Ängste und unbefriedigte Bedürfnisse bei Kränkungen aktiviert werden. Sie stehen hinter den Introjekten bzw. werden von diesen abgeschirmt. Perfektionistische Introjekte schützen uns vor der Wahrnehmung unserer Ängste und Bedürfnisse. Indem wir versuchen, diese Introjekte zu erfüllen, müssen wir unser Defizit nicht spüren und beruhigen die abwertenden Introjekte.

Indem Jörg gemäß seinem Introjekt "Du mußt Dich anstrengen" handelt, muß er nicht so viel Angst haben, etwas falsch zu machen und abgelehnt zu werden. Dieses Introjekt ist eine Konsequenz aus den Erfahrungen in seiner Kindheit, und hat den Sinn, sein Bedürfnis nach Anerkennung zu befriedigen. Er erlebte, daß er ohne Vorleistung diese Anerkennung nicht bekam. Also beschloß er, einen Weg zu finden, der sie ihm bescheren könnte. Und er entschied sich für die Anstrengung, in der Hoffnung, dann seiner Mutter zu gefallen. Meine Kritik an seiner Art, Tomaten zu schneiden, belebte seine Angst, nicht gut genug zu sein und aktivierte sein Bedürfnis nach Anerkennung und Wertschätzung. Er erlebte daher meine Bemerkung als Kränkung, die ihn mit seiner alten Verletzung in Kontakt brachte.

 

Kränkungssensibilität

Menschen unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Bereitschaft, gekränkt zu reagieren. Gemäß meiner These des "wunden Punktes" steht diese Kränkungssensibilität im Zusammenhang mit frühen Selbstwertverletzungen, die den Boden für Kränkungsreaktionen bereiten.

Diese sind die Ablehnung der Person bis hin zur Infragestellung ihrer Existenzberechtigung ("Es wäre besser, Du wärst nie geboren"), körperliche, sexuelle und emotionale Gewalterfahrungen, Vernachlässigung und Trennungen. Diese Erlebnisse haben Einfluß auf die Bindungssicherheit eines Kindes und prägen das Ausmaß seiner Näheängste und seines Selbstwertgefühls. Je traumatischer die Vorerfahrungen, um so kränkbarer wird ein Mensch reagieren, wenn er befürchtet, wieder zurückgewiesen oder verletzt zu werden.

Eine Teilnehmerin aus einem Seminar sagte, sie frage sich in Kränkungssituationen, wie alt sie sich fühle. Auf diese Weise komme sie schnell in Kontakt mit ihrem wunden Punkt und ihrer Grundangst, die den Hintergrund der Kränkungsreaktion bilden. Das Alter, in dem die Verletzung passierte, wird seelisch zum aktuellen Alter. Der Schritt der Bewußtwerdung der frühen Verletzung ist schon ein erster Schritt aus der Kränkung heraus. Gewöhnlich haben wir diesen Zugang nicht und können dann auch nicht angemessen reagieren. Die nicht bewußten, verletzten kindlichen Gefühle führen zu verzerrten Formen der Es-Funktion, indem wir weder den Schmerz spüren noch das Bedürfnis nach Schutz, den wir gegen die Bedrohung in der Kränkung brauchen. Als Folge können wir auch keine Energie mobilisieren, die zu einem zielgerichteten Verhalten führen würde. Damit ist Ohnmacht und Lähmung verbunden. Daneben spüren wir einen inneren Druck, der sich in Wut, Enttäuschung und Empörung äußert und unsere Denkfunktionen blockiert. Im Idealfall würden wir uns überlegen, welches Verhalten im Moment der tiefen Verletzung sinnvoll, machbar und selbstwertstärkend wäre ohne den anderen unsererseits zu verletzen. Wir könnten ihm beispielsweise sagen, daß uns seine Bemerkung sehr verletzt hat, wir ärgerlich sind oder eine Entschuldigung erwarten. Wir könnten auch gehen, um uns zu schützen. Dazu müßten wir jedoch wissen, was wir fühlen und was wir brauchen, damit wir uns zielgerichtet verhalten könnten. Und gerade diese Wahrnehmung ist bei Kränkungen getrübt oder gar nicht vorhanden. Dadurch besitzen wir keine Wahlmöglichkeiten mehr, sondern ziehen uns vollständig zurück und brechen den Kontakt zum anderen ab. Und im Grunde haben wir ihn zu uns auch abgebrochen, da wir nicht spüren, was uns so verletzt und was uns fehlt.

In der Kränkung passiert das, was Beaumont den "Kollaps der Kontaktfunktionen" nennt, der eintritt, wenn das Selbst sich von Verlassenheit bedroht fühlt. Dann kommt es zum plötzlichen Zurückziehen aus dem Kontakt mit den anderen und mit sich selbst.

Durch den Kontaktabbruch in der Kränkung zementieren Menschen ihre negative Einstellung zu ihrem Beziehungspartner und zu sich selbst. Wird eine Frau von ihrem Mann wegen einer anderen Frau verlassen, mündet das womöglich in dem Rückschluß: Alle Männer sind Betrüger und sie selbst unattraktiv und nicht liebenswert.

Die Persönlichkeitsfunktion beeinflußt die anderen Selbstfunktionen, da wir beispielsweise nur jene Handlungsmöglichkeiten für uns in Betracht ziehen, die unseren Annahmen entsprechen. Wird jemand gekränkt und nimmt an, daß der andere ihn ablehnt, so wird er sich beleidigt abwenden, da er sich aus dem Kontakt geworfen fühlt. Die Alternative, sich mit dem anderen auseinanderzusetzen, wird ihm gemäß seines Introjekts, nicht gewollt zu sein, nicht "in den Sinn kommen". Die Assimilation neuer und positiver Erfahrungen wird dadurch erschwert und es wird mit großer Wahrscheinlichkeit zu einer Verfestigung seines negativen Selbstbildes kommen.

Kränkungen zu überwinden bedeutet daher auch, die Persönlichkeits-Funktion des Selbst zu stärken, indem sich jemand auf neues einläßt, sich riskiert und durch neue Erlebnisse seine Identität erweitert. Goodman nennt diese Tatsache die schöpferische Anpassung des Selbst an die jeweiligen Bedingungen, die im Fall der Kränkung erheblich eingeschränkt ist. "Selbst-Entwicklung ist die Entwicklung und Entfaltung der aktuellen Kontaktmöglichkeiten und der sie unterstützenden Funktionen des Selbst ..." (8).

Statt beispielsweise davon auszugehen, daß Kritik etwas ist, das jemand vermeiden muß, um sich nicht als Versager zu fühlen, kann er lernen, mit kritischen Rückmeldungen fruchtbar umzugehen und seinen Erfahrungshorizont dadurch erweitern.

 

Der Kränkende und der Gekränkte - Zwei, die sich brauchen

Kränkung ist ein relationales Geschehen, bei dem ein Mensch im Austausch mit anderen Menschen und seiner Umwelt steht. Um gekränkt zu werden bedarf es eines Kränkenden, der die Kränkungsreaktion im anderen auslöst. Dazu muß er jedoch nicht einmal persönlich anwesend sein wie zum Beispiel bei einem geschlossenen Laden. Allein die Tatsache, daß der Ladenbesitzer nicht lang genug für ihn offen hat, kann den Menschen kränken und ihn auf den Besitzer wütend werden lassen, obwohl er ihn gar nicht kennt. Er stempelt ihn jedoch zum Schuldigen, gegen den sich seine Verachtung richtet.

Umgekehrt gibt es einen Kränkenden nur, wenn es einen Gekränkten gibt. Auf diese Weise sind beide voneinander abhängig und aufeinander angewiesen. Eine unheilvolle Allianz, die in der Regel mit Beziehungsabbruch endet.

Kränkungen sind im wesentlichen ein spiegelbildliches Geschehen, da beim Kränkenden meist ähnliche Reaktionen ausgelöst werden wie beim Gekränkten. Und das um so mehr, je sensibler er für Kränkungen ist. Der Kränkende wird vermutlich überrascht reagieren und erschreckt darüber sein, was er ausgelöst hat. Er kann sich dann ähnlich schuldig und hilflos fühlen wie der Gekränkte. Auch er reagiert mit einem Selbstwerteinbruch, er fühlt sich unfähig und macht sich Vorwürfe, wie ihm so etwas passieren konnte.

Das kann vor allem dann geschehen, wenn jemand besonders bemüht ist, Fehler zu vermeiden und es sich oft lange vorwirft, wenn er diesem Anspruch nicht gerecht wurde. Denn indem er einen anderen kränkt, kommt er - wie der Gekränkte auch - in Kontakt mit seinen Introjekten, wie er als guter Mitmensch oder Freund zu sein hat. Hat er jemanden gekränkt, dann hat er seine Erwartungen an sich nicht erfüllt und wertet sich womöglich ab.

 

Mitgefühl und Versöhnung

Ein Schlüsselwort zur Überwindung von Kränkung und Kränkbarkeit ist das Mitgefühl für den Kränkenden. Denn durch Mitgefühl entgehen wir der Wut und der Rache und entwickeln statt dessen ein Verständnis für unser Gegenüber. Statt sich gleich bei Kritik zu rechtfertigen, nach einer Verletzung zurückzuschlagen und mit dem Kränkenden zu brechen, können wir ihm zuhören. Er kann uns erklären, wie er die Situation sieht und warum er sich so und nicht anders verhalten hat. Wenn wir offen sind, ihm zuzuhören, können wir auf diese Weise Mitgefühl und Verständnis entwickeln. Auch wenn wir seine Sicht nicht teilen, kann unser Verständnis doch einen Wandel unserer Gefühle bewirken. Es mildert unseren Ärger und verhindert den Bruch mit dem anderen. Verständnis bedeutet nicht, daß wir uns nicht über die Verletzung ärgern oder uns nicht wehren dürfen. Doch wir werden in der Haltung des Mitgefühls weniger heftig reagieren und den Kränkenden weiterhin wertschätzen. Und genau das ist das Gegenteil von dem, was wir in der Kränkung tun.

Wenn wir versuchen, einen Menschen zu verstehen, hilft uns die Kenntnis über seinen persönlichen Hintergrund. Wenn wir mehr wissen, was ihn zu seinem Verhalten bewegte, ist es für uns leichter, die Verantwortung bei ihm zu lassen und sein Verhalten nicht gegen uns gerichtet zu erleben. Auf diese Weise werden viele Kränkungen überflüssig.

Verständnis und Mitgefühl sind die Voraussetzung für Versöhnung. Versöhnung beginnt da, wo wir aufhören, den anderen abzuwerten und eine emotionale Berührung zwischen uns stattfinden kann.

Im Mitgefühl und Verständnis für den anderen ist auch die Überwindung unserer Überheblichkeit enthalten. In der Kränkung bringen wir zum Ausdruck, wie wichtig wir sind, welche Bedeutung uns und unseren Gefühlen zukommt. Doch wir geben dem anderen nicht dieselbe Wichtigkeit und Bedeutung. Durch Mitgefühl und Verständnis können wir unseren engen Horizont weiten und unseren Blick auch auf den anderen richten.

Die Versöhnung betrifft jedoch nicht nur die Aussöhnung mit dem Kränkenden, sondern auch mit uns selbst im Sinne der Selbstakzeptanz.

 

Hoffnung und Gelassenheit

Hoffnung und Gelassenheit haben im weiteren Sinne etwas mit der Überwindung von Kränkungen zu tun (9). So ist Hoffnung der Gegensatz von Erwartung, Gelassenheit der Gegenpol von Kontrolle und Macht. Indem wir hoffen, nehmen wir Abschied von Erwartungen und ihrer unbedingten Erfüllung. Die Folge unerfüllter Erwartungen ist Enttäuschung und Kränkung. Wenn sich Hoffnungen zerschlagen, ist die Folge Trauer. Dann betrauern wir das, was wir nicht bekommen können, sind aber nicht gekränkt. In der Hoffnung liegt nicht der Anspruch auf Befriedigung, sondern der Wunsch und das Vertrauen, daß wir bekommen, was wir brauchen.

Kränkungen sind vermeidbar, wenn wir statt der Erwartungen Hoffnungen hegen, uns Zeit nehmen, Geduld haben und warten können. In dieser Haltung haben wir das, was ich Gelassenheit nenne. In der Gelassenheit hören wir auf zu kontrollieren, und vertrauen uns an. Wir lassen geschehen, was wir nicht beeinflussen können und wenden keine unnötige Kraft auf, etwas außerhalb unserer Macht Stehendes steuern zu wollen. Wir können beispielsweise die Liebe und Zuneigung eines Menschen nicht erzwingen, nicht durch Macht und Kontrolle erringen. Wir können nur hoffen, daß er uns so liebt wie wir ihn und er uns seine Liebe schenkt. Wir können nicht mehr tun als unsererseits offen für ihn zu sein. Kränkung hat da keinen Platz, da sie fordert und alles zunichte macht. Hoffnung dagegen kontrolliert nicht, sondern läßt sich beschenken.

Und unsere Erfahrung hat uns möglicherweise gelehrt, daß wir gerade das bekommen, was wir innerlich auch bereit sind herzugeben. Und daß wir vieles nicht bekommen, was wir zwanghaft und unbedingt "haben wollen". Wenn wir uns für die Hoffnung und die Gelassenheit entscheiden sind wir weniger anfällig für Kränkungen.

 

Anmerkungen

(1) Zander S.15 (2) Savage (3) Kroschel (4) Fuhr S. 231 (5) Asper (6) Symington (7) s.auch Kroschel (8) Fuhr S.170 (9) Viele der hier verarbeiteten Gedanken resultieren aus einem DVG Seminar

 

Literatur

ASPER; Kathrin: Verlassenheit und Selbstentfremdung. Walter-Verlag, Olten 1997

FUHR, Reinhard/GREMMLER-FUHR, Martina: Gesalt-Ansatz. Grundkonzepte und Modelle aus neuer Perspektive. EHP, Köln 1995

KROSCHEL, Evelyn: Die Weisheit des Erfolgs. Von der Kunst, mit natürlicher Autorität zu führen. Kösel, München 1996

SAVAGE, Elayne: Don´t take it personally! The Art of Dealing with Rejection. New Harbinger Publications,Inc. Oakland, CA. 1997

SYMINGTON, Neville: Narzißmus. Steidl, Göttingen 1995, 1997

YONTEF, Gary: Awareness, Dialog, Prozess. Wege zu einer relationalen Gestalttherapie. EHP, Köln 1999

ZANDER, Wolfgang; Überlegungen eines Psychoanalytikers zum Problem der Kränkung. In: Wege zum Menschen. 35.Jahrgnag, H.1, 14-20, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1983

 

Praxisadressen von Gestalttherapeuten/-innen

Zur Person:

Bärbel Wardetzki

Dr. phil., Dipl. Psych., Pädagogin M.A., Gestalttherapeutin und Familientherapeutin. Langjährige therapeutische Erfahrungen in der Psychosomatischen Klinik Grönenbach mit den Arbeitsschwerpunkten Sucht und Eßstörungen. Seit 1992 arbeitet sie als Psychotherapeutin, Ausbilderin und Supervisorin in freier Praxis in München.

Aus ihrer Arbeit entstand 1991 ihr Buch "Weiblicher Narzißmus. Der Hunger nach Anerkennung" (Kösel-Verlag, München). Ihr zweites Buch über Eßstörungen erschien 1996 ebenfalls im Kösel-Verlag: "Iß doch endlich mal normal. Hilfen für die Angehörigen von eßgestörten Mädchen und Frauen". Ihr neues Buch "Ohrfeige für die Seele. Der konstruktive Umgang mit Kränkungen" zum Thema des hier abgedruckten Artikels erscheint 2000 im selben Verlag.

Bitte beachten Sie auch die Ankündigung von Bärbel Wardetzkis Workshop in unserem Weiterbildungsprogramm:
"Kränkungen und narzißtische Verletzungen überwinden" (18. - 19. 2. 2000)

 

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Gestalt-Institut Köln - GIK Bildungswerkstatt
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