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Daniel Rosenblatt
Eine Gestaltgruppe mit schwulen Männern (Teil 2)


Aus der Gestaltkritik 2/2005:

Gestaltkritik - Die Zeitschrift mit Programm aus dem Gestalt-Institut Köln
Gestaltkritik (Internet): ISSN 1615-1712

Themenschwerpunkte:

Gestaltkritik verbindet die Ankündigung unseres aktuellen Veranstaltungs- und Weiterbildungsprogramms mit dem Abdruck von Originalbeiträgen: Texte aus unseren "Werkstätten" und denen unserer Freunde.

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Hier folgt der Abdruck eines Beitrages aus der Gestaltkritik (Heft 2-2005):

Daniel Rosenblatt
Eine Gestaltgruppe mit schwulen Männern (Teil 2)

 

Daniel Rosenblatt (Foto: Kurt Schröter)Daniel Rosenblatt

 

Der erste Teil dieses Beitrags ist in Gestaltkritik 1/2005 erschienen. Sie finden ihn in Voller Länge online unter diesem Link.
Hier nun folgt der zweite Teil (aus Gestaltkritik 2/2005): 

Cherry Grove auf Fire Island ist seit mehr als sechzig Jahren ein Mekka für schwule Männer und manche lesbischen Frauen. Die Insel liegt langgestreckt wie ein Wall zwischen der Great South Bay und dem offenen Atlantik, ein schmaler Streifen Sand mit Kieferngebüsch und wildem Gehölz, den man von Manhattan aus über die Fähre bei Sayville erreichen kann. Für schwule Männer mit weniger Geld gibt es auch innerhalb von New York Nacktbadestrände, zu denen man mit der U-Bahn fahren kann, um einen Tag mit Sonnen und Cruisen (17) zu verbringen. Sogar in Jones Beach finden sich fern der großen Parkplätze abgelegene Stellen, wo schwule Männer nackt herumlaufen können und wo sich sich daraus vielleicht noch mehr ergibt. Der Unterschied zwischen diesen Stränden und Cherry Grove sowie später The Pines auf Fire Island ist, daß letztere auch Übernachtungsmöglichkeiten haben, ja eine ganze Ortschaft bilden mit eigener Verwaltung, Polizei, Wassertaxis, Immobilienmaklern, schwulen Kneipen und Restaurants. Die Einwohner waren nicht nur nett wie in Capri, sondern waren fast alle selber nur Gäste für einen Teil des Jahres. Dabei waren die meisten, die in den Restaurants und Bars, im Boatel und im Monster (18) den Sommer über arbeiteten, selber schwul. Wer auf Fire Island ein Anwesen hatte oder sich eine zeitlang einquartierte, mochte vielleicht behaupten, daß ihn die Schönheit der Natur, die Ruhe, das Fehlen von Automobilverkehr dorthin zogen, aber das hätten sie auch gegenüber in der Bay of Hamptons haben können. Was an Fire Island wirklich einmalig war, waren der hohe Anteil schwuler Männer und die damit verbundenen sozialen und sexuellen Möglichkeiten. Übrigens gibt es auf Fire Island auch noch eine ganze Reihe weiterer Gemeinden wie zum Beispiel Davis Park, die alle nichtschwul sind; aber wenn ich hier von Fire Island rede, meine ich immer nur Cherry Groves und The Pines.

Das Interessante an Fire Island war, daß hier eine ganze Gemeinde fast ausschließlich aus schwulen Männern bestand, oder genauer gesagt, weil ja Eisenbahn, Fähre, Hotel usw. ihr Geld kosten, begüterter weißer Schwuler. Was für eine Gesellschaft kommt dabei heraus, was für Werte herrschen vor? Nun, bis zum Auftauchen von Aids in den achtziger Jahren beherrschten Lust, Genuß und Konsum die Szene. Der wichtigste Wert war die Schönheit: Gesicht, Figur, Genital. Jeder, der auf der Strandpromenade spazierte, wurde als erstes nach seiner Schönheit taxiert. Diejenigen unter uns, die damit nicht mithalten konnten, hätten von vornherein unsichtbar bleiben können. Da nun aber auch Häuser gebaut und hergerichtet, Parties organisiert, Drogen besorgt und Betten verteilt werden mußten, wurden ältere reiche Männer als Quellen dieses Komforts toleriert. Der Auftakt zum allabendlichen Cruising war der Tanztee (18), und wer dort nicht den Passenden abbekam, hatte dann den Fleischmarkt (19) im Buschgelände, wo von der gerade entstandenen Schwulenbewegung überall Gleitmittel kunstvoll plaziert waren, so daß der schnelle Sex jederzeit reibungslos vonstatten gehen konnte.

Wer nicht mit der Schönheit des Körpers aufwarten konnte, warf stattdessen die Schönheit seines Hauses oder seiner Party auf den Markt. Es gab einen regelrechten Wettbewerb darum, wer die tollste Party, das sensationellste Haus, Mobiliar oder Gartengelände hatte, wer die erlesensten Speisen und Weine anbieten konnte, die gesuchtesten Persönlichkeiten kannte oder die schönsten Designerdrogen besorgte.

Ich schildere dies so ausführlich, weil viele meiner Gruppenmitglieder dort im Sommer hinfuhren und oft ganz erschüttert von ihren Erfahrungen in die Gruppe zurückkamen. Die heftige Mischung aus totalem Hedonismus, strikten Schönheitsmaßstäben und großen Mengen Alkohol und Drogen führten dazu, daß sie nach dem Wochenende ziemlich erledigt waren. Auch wenn sie vielleicht meinten, sie hätten doch nur ein ruhiges Wochenende abseits der Hektik der Stadt verbringen wollen, finden konnten sie das auf

Fire Island kaum. Viele Dauergäste von Fire Island haben ihre Abwehrkräfte dort so ruiniert, daß sie, als Aids auftauchte, dem Virus leicht zum Opfer fielen. Fire Island an sich sorgte nicht für die Ansteckung, aber es bot trotz seiner Naturschönheiten ein Milieu, das ich nicht gerade gesundheitsförderlich nennen würde. Dann leerten sich Cherry Groves und The Pines wie Geisterstädte, bis Heterosexuelle auf den Plan traten und die Häuser aufkauften.

An Fire Island kann man im Kleinen einen Aspekt des schwulen Lebens studieren, der gerne vermieden oder für feindselig erklärt wird: den Narzismus vieler schwuler Männer. Ihr Kreisen um ihre eigene Erscheinung, Schönheit, Kleidung, Wohnung, Einrichtung bedarf der Erklärung. Ist dies der Versuch einer verstoßenen Gruppe, sich wieder Ansehen zu verschaffen, ja, die Mehrheit sogar in den Schatten zu stellen? Vielleicht ist dies ein Teil der Gründe.

Dennoch, in meiner Arbeit mit schwulen Männern war ich immer wieder sehr beeindruckt, wie sehr ihr Handeln dem Mythos des Narzißus ähnelt. Selbstliebe ist nicht dasselbe wie Liebe zu Männern. Oft wußte ich nicht, wie ich einem Individuum, das an niemand anderen als sich selber denkt, den Gedanken an eine Partnerschaft nahebringen konnte. Unter Schwulen ist die folgende Scherzdefinition von Narzismus sehr beliebt: Marlene Dietrich erzählt in einem Interview in aller Länge und Breite über ihr Leben. Dann bemerkt sie: "Aber mein Lieber, wir haben jetzt wirklich genug über mich gesprochen. Reden wir jetzt über Sie! Wie fanden Sie meinen letzten Film?"

Meine Kritik an Fire Island war, daß es so sehr die Werte des herrschenden Kapitalismus widerspiegelte: unbezahlbare Häuser, Antiquitäten, Diners. Man konnte sogar den Snobismus verkehren und sich mit einer kleinen Hütte großtun. Außerdem lehnte ich den massiven Drogenkonsum ab, denn mit all den vielen Uppers und Downers, mit Kokain, Shit, Speed usw. , die man überall bekam, kann man meiner Meinung nach doch keinen wirklich guten Sex oder guten Kontakt bekommen.

Ich fand Besuche auf Fire Island immer interessant, aber besonders genossen habe ich sie nicht. Die dauernde Spannung, wer welchen jungen Gott abbekommt oder zu welcher ultimativen Party eingeladen wird, war mir zu anstrengend. Tut mir leid, aber ich habe mich lieber feige in die Rolle des Forschers geflüchtet. Ich hatte dort auch nie ein sexuelles Abenteuer, aber nicht, weil ich dazu zu puritanisch gewesen wäre, sondern weil die Atmosphäre nichts außer Konkurrenzgefühlen in mir weckte. In der Gruppe bekam ich natürlich viele Geschichten und Mißgeschicke von Fire Island erzählt. Ich teilte von meinen Bedenken hauptsächlich die Hochspannung und den Drogenkonsum mit. Damit habe ich die Einstellungen zu Fire Island wahrscheinlich nicht wesentlich beeinflussen können. Aber immerhin zeigte ich meine eigenen Gefühle authentisch.

Was waren nun überhaupt die Themen, denen wir in der Gruppe nachgingen, und welche ließen wir unbearbeitet? Als erstes natürlich, weil es sich um eine schwule Gruppe handelte und alle Teilnehmer mehr oder weniger unter der Schwulenfeindlichkeit der Gesellschaft zu leiden hatten, die Frage, wie man mit dieser Situation umgehen und leben kann. Wenn ein Gruppenmitglied die Beziehungen zu seiner Familie einbrachte, war die kritische Frage stets, ob seine Familie von seinem Schwulsein wußte und wie sie darauf reagiert hatte. Genau so wenn jemand die Beziehungen bei seiner Arbeit einbrachte, war die Frage stets, wie viel sein Chef und seine Kollegen von seinem Schwulsein wußten und wie sich dies auf seine Karriere auswirkte. Wenn ein Gruppenmitglied selbständig war, änderte sich die Frage einfach dahin, wie er von seinen Kunden oder Lieferanten eingeschätzt wurde. Irgendwie mußte die Frage der sexuellen Orientierung immer angeschnitten werden.

Wir untersuchten dabei weniger Homosexualität an sich, als vielmehr, wie sie im jeweiligen Lebenslauf zu einem Thema geworden war. Homosexualität ist doch zu komplex, als daß man sie in ein paar Sätzen abhandeln könnte. Jenseits der Mechanik von Sexualität, der bloßen Techniken, wer seinen Schwanz und seinen Mund wohin tut, kann sich Homosexualität gerade so vielfältig ausdrücken wie Heterosexualität. Wie es unter Schwulen einen Fetischismus für Leder, Gummi, Uniformen oder Windeln gibt, so auch unter Hetero-sexuellen. Wie Schwule auf Natursekt, Scat, Einlauf, Bondage, Drill und Sadomasochismus (20) stehen können, so auch Heteros. Ja, sogar für Fummel (21) und Travestie können sich auch Heteromänner erwärmen, und manche von ihnen, die transsexuell wurden, wähnen sich besser dran als die anderen mit homosexueller Herkunft. In der schwulen Gruppe wurden alle diese Formen ohne Abwertung für akzeptable Wahlmöglichkeiten gehalten. Am meisten Angst bestand vor Sadomasochismus, Scat und Transsexualität, wobei es in der Gruppe keinen Transsexuellen gab und nur einen mit Erfahrungen in Scat und gelegentlich Sado-masochismus. Als dieser Mann über sein Verhältnis zu Scat arbeitete, reagierte ein Teil der Gruppe abwertend, so daß er lieber in Einzelsitzungen daran weiterarbeiten wollte. Mich persönlich hat die Vorstellung, wie er mit Fäkalien umgeht, sehr aufgewühlt, aber ich wollte ihn das nicht so deutlich wissen lassen, um dem Therapieprozeß nicht zu schaden. So entschied ich mich, hierin nicht authentisch zu bleiben. Je mehr er im Laufe der Therapie an Stärke gewann und sich selber an Achtung entgegenbrachte, um so mehr ging sein Interesse an Kot zurück. Als er in die Gruppe gekommen war, übte er eine Tätigkeit als persönlicher Diener einer Lady auf der Park Avenue aus. Fast wie in einem Stück von Genet mußte er sie ankleiden, ihr die Socken und Schuhe anziehen, Massagen geben und als Kummerkasten für ihre Eheprobleme dienen. Mit der Zeit hatte er aber genug Geld gespart, um die Stelle aufgeben zu können und einen eigenen Blumenladen mit speziellen Blumensteckereien zu eröffnen. Er begann sogar eine sexuelle Beziehung mit einem anderen Mann. Dann erfuhr er, daß er Aids hat. Er trug seine Krankheit mit Größe, und es ist nicht nur ein Jammer, daß er daran starb, sondern auch, wie sein Wachstumsprozeß dadurch abbrach. Eine seiner wunderbaren Fähigkeiten war, aus Stoffresten fantasievolle Fummel zu nähen. Ein Amateurfotograf aus der Gruppe war davon so fasziniert, daß er seine verschiedenen Spontanauftritte in Divenrollen von der Qualität einer Duse oder Bernardt (22) aufnahm. Ich habe noch ein paar von diesen Fotos, und sie erzählen mir wundervolle Geschichten von dieser Bühne. Er brach ein Stück mit so viel unverwirklichten Möglichkeiten jäh ab. Mich schmerzt sein Tod noch heute.

Eine Untersuchung der sexuellen Fantasien bei Heterosexuellen fand am häufigsten die folgenden drei: 1. Sex mit einem anderen Menschen als dem festen Partner, 2. Sex mit einem Menschen desselben Geschlechts, 3. Sex in Fesseln und Ausgeliefertsein. Es ist klar, daß es Bondage und Sadomasochismus nicht nur bei schwulen Männer gibt. Trotzdem finde ich die Vorstellung sehr beunruhigend, daß man einem Wehrlosen um der Lust willen Schmerz zufügen oder seinen Willen aufzwingen kann. Bei einem meiner sadomasochistischen Klienten wollte ich wieder unauthentisch sein und meine wahren Gefühle verbergen, aber er durchschaute mich. Ich sagte ihm, er könne mich in diese mir fast unbekannte Subkultur einführen, dann würde ich genauer wissen, wie offen ich ihm fortan gegenübertreten könne. Anders als viele englische Schuljungen meiner Generation bin ich ja nie mit einem Stock oder einem Riemen geschlagen worden und habe auch nie gelernt, dabei Lust zu empfinden. Ich hatte de Sade und Sacher-Masoch gelesen, aber das war genau so, als hätte ich einen fremden Planeten besucht. Mein Klient traute sich nicht, seine Erfahrungen mit Sadomasochismus in die Gruppe einzubringen, und ich wollte ihn auch nicht der erwartbaren Kritik aussetzen. Ich hatte gerade genug damit zu tun, meine eigenen Bewertungen im Zaum zu halten. Er war ein guter Informant und benutzte großzügig einen Teil seiner Therapiezeit, um mir die Welt von Fesseln und Gehorsam und das Ethos des Sadomasochismus beizubringen. Ich las mir auch noch einiges an und verlor manches von meiner Kritik, besonders gegenüber denen, die die Grenzen ihrer Partner respektieren und nur eine Art dramatische Inszenierung durchführen. Hierbei war mir wieder Genet sehr hilfreich. Ich erkannte auch, daß "Soft-Sex" genauso seine Begrenzungen haben kann. Gewisse Zweifel jedoch behielt ich bis heute. Als mein Klient mehr an Stärke gewann, sich aktiver um sein Leben statt um seine Fantasien kümmerte und an einer Berufskarriere zu arbeiten anfing, schwächte sich (ähnlich wie bei dem Klienten mit Scat) sein Interesse an Sadomasochismus ab. Ich will nicht behaupten, daß es verschwand, aber es verlor an Gewicht und zog sich auf gewisse Rituale mit seinem Partner zurück. Ich bin ihm für seine Belehrungen noch heute dankbar, und sie sind nützten mir auch sehr bei der Arbeit mit heterosexuellen Gruppen. Mit ihrer Hilfe bin ich sado-masochistischen Prozessen gegenüber, die ich früher wahrscheinlich übersehen hätte, aufmerksamer, weniger ängstlich und weniger wertend geworden. Ich kann damit jetzt mehr auf therapeutische Weise umgehen.

Ich will nicht behaupten, daß mit wachsendem Selbstbewußtsein jeder Sadomasochismus einfach verschwindet, sondern er kann, wenn er nicht vom Gefühl persönlichen Versagens angetrieben wird, eine eigenständige sexuelle Ausdrucksform sein. Ohne das ganze Leben eines Menschen in zerstörerischer Weise zu beherrschen, kann er in bestimmten sexuellen Ritualen einen wohldefinierten Platz einnehmen. Je mehr sich außerdem seine Akzeptanz in der Gesellschaft vergrößert, um so durchschnittlicher und unaufregender wird er, und wenn sich seine Überschreitungen und Gefahren entschärfen, verliert er auch an erotischer Schärfe. Das kann man sehr anschaulich in Schroeders Film La Maitresse (23) sehen.

Ein oder zwei Mitglieder der Gruppe gingen neben ihrem Beruf der Prostitution nach, schwiegen aber darüber in der Gruppe. Auch einige Frauen, die nebenher anschafften, sagten darüber nichts in der Gruppe. Die Männer und die Frauen hatten wohl ähnliche Beweggründe. Aus Geldmangel versuchten sie es mit dem Verkauf von Sex und entdeckten zu ihrer Aufregung, daß sie für diese Dienstleistung hoch bezahlt wurden. Gleichzeitig hatten sie wenig Freude an ihrer Arbeit. Nach einigen Kontakten mit Freiern hörten sie wieder auf und suchten sich eine neue Beschäftigung. Ihre Erfahrungen nahmen in ihrem Leben nur einen begrenzten Raum ein und waren Teil ihrer Experimente, die Mittelschichtnormen zu überwinden. Ich hatte auch einmal kurz eine Klientin, die Kokain nahm und sich das Geld dafür mit Prostitution verdiente. Sie war aber nicht in der Lage, am vereinbarten Tag zur vereinbarten Zeit zu erscheinen, und brach nach wenigen Sitzungen die Therapie wieder ab. Ich deute dies so, daß sie wohl noch nicht an dem Punkt war, sich ernsthaft mit ihren Themen auseinanderzusetzen. Mir schien, sie war noch ganz geblendet vom Glanze großer Mengen Kokain und vom Reichtum ihrer Freier, die ihr den Zugang zu höheren Kreisen verschafften. So konnte sie sich noch nicht ihr Verhalten und seine Folgen vor Augen führen.

Hier ist die Stelle, um auf den Gebrauch von Drogen in der schwulen Gruppe zu kommen. Wie ich schon sagte, schnitt ich in der Gruppe Themen wie Scat, SM und Prostitution nicht von mir aus an, weil ich befürchtete, viele Mitglieder könnten sogar noch moralisierender reagieren als ich selbst. Dabei hätte ich meine Ansichten noch aus therapeutischen Gründen zurückhalten können, aber die Gruppenmitglieder unterlagen keiner solchen Beschränkung. Beim Thema Drogen war das etwas anders. Ich war schon immer gegen Drogen. Als ich in Harvard erlebte, wie Leary und Alpert (24) ihren Studenten LSD verabreichten, indem sie es heimlich dem Partygetränk beimischten, war ich entsetzt. Als man in der Drogenwelle der sechziger und siebziger Jahre in New York an jeder Straßenecke Drogen bekam, war ich darüber überhaupt nicht begeistert. Sicher, Laura und Fritz hatten viel mit LSD experimentiert, aber das mußte ich ja deshalb nicht gutfinden. Laura berichtete, daß Fritz in Esalen (25) manchmal von hohen Dosen LSD richtig paranoid geworden war. Ich war selbst nicht völlig unerfahren. LSD habe ich einmal ausprobiert und mich dabei wie auf einer Welle der Empfindungen davongetragen gefühlt; und weil ich beschlossen hatte, nicht dagegen anzukämpfen, sondern mit der Welle mitzuschwimmen, war mein Trip ganz vernünftig verlaufen. Aber ein zweites Mal mußte ich das nicht haben. Gras gab es überall, und ich habe hin und wieder welches geraucht. Ich fand es ganz interessant und schön, wie sich die Farben und das Zeiterleben veränderten und das sexuelle Empfinden verstärkte. Wenn ich heute zurücksehe, fällt mir jedoch auf, daß ich mir niemals auch nur eine Unze davon gekauft hatte, ähnlich wie ich ja auch nicht an Tabak und Alkohol hänge. Kokain habe ich ein- oder zweimal geschnupft; ich fand die Hochstimmung gut, aber sehr kurz, teuer bezahlt und mit zu hohem Suchtpotential behaftet, so daß ich wieder die Finger davonließ. Angel Dust war schlecht; ich bekam Kopfschmerzen und Depressionen davon. Poppers (26) gefiel mir gut, brachte allerdings manchmal Kopfschmerzen und Erschöpfung mit sich. Ich mochte Amphetamine, doch als ich am nächsten Tag zusammenbrach, wollte ich nie wieder welche anrühren. Quaaludes (26) ich auch einmal probiert, dabei aber kaum etwas erlebt. Als ich mir mal die Hand gebrochen hatte, verschrieb mir der Arzt Darvon (26), das machte ein wunderbares heiteres Hochgefühl; ich habe allerdings auch nicht versucht, davon mehr zu bekommen. Heroin habe ich nie probiert; jedoch habe ich mal in einem Forschungsprojekt über Heroinabhängige mitarbeitet und dabei erfahren, daß es viele Heroinkonsumenten schaffen, davon nicht abhängig zu werden; anderseits sind diejenigen, die doch der Sucht verfallen, arm dran. Crack habe ich auch niemals versucht. Ich trinke gern Kaffee, auch wenn er keine Wunder bewirkt. Zusammenfassend muß ich feststellen, daß ich wohl von Natur aus einen Widerstand gegen chemische Substanzen besitze. Sie sind nicht mein Ding. Ich bin dafür dankbar.

In irgendeiner Hinsicht sind wir natürlich alle Abhängige; man muß nur lange genug suchen, wovon. Bei mir dürfte dies wohl Schokolade sein, und ich mag mich gerne als Schokoholiker bezeichnen. Wer mich kennt, schenkt mir keine Designerdrogen, sondern Godiva, Cadbury und Belgische Schokolade. Ich bin davon überzeugt, daß Drogen zerstörerisch wirken. Viele Menschen unterschätzen das Potential und das Tempo, mit dem Drogen die Herrschaft über ihr Leben bekommen. Mit welchen persönlichen Problemen es auch angefangen haben mag, sobald Drogen dazukommen, spielen sie sich in den Vordergrund, verlangen von einem Menschen überwältigend viel und verdecken die anfänglichen Probleme, denen er sich besser zuwenden sollte. Das ist meine Haltung gegenüber Drogen. Aber ich bin auch nicht in der Drogenschwemme der sechziger und siebziger aufgewachsen wie meine jüngeren Klienten und die Mitglieder der schwulen Gruppe. Von daher war mein Grundgefühl anders als das ihre. Ich habe gegen Drogen Stellung bezogen, ohne dabei zu moralisieren, weiß aber nicht mehr genau, wie viel ich ihnen von meinem Hintergrund erklärte und was sie mit meiner Haltung anfingen. Auf jeden Fall machten sie ihre eigenen Erfahrungen mit Drogen und sprachen mit mir nicht viel darüber. Ich habe mich auch nicht bemüht, mehr aus ihnen herauszubekommen; nur wenn sie das Thema aufbrachten, ging ich darauf ein. Gewiß nahm die Mehrheit von ihnen diese oder jene Substanz; allerdings einen wirklich Drogenabhängigen hatten wir auch nicht dabei. Bei den Gruppenwochenenden ließ ich es zu, daß sie abends ein Joint rauchten, und zog auch selber mal mit, um zu zeigen, daß ich das nicht verurteilte. Manche Teilnehmer schwärmten mir von LSD und Ecstasy vor und boten mir wiederholt welches an, aber ich bedankte mich nur und sagte, ich wäre glücklich genug. Hätte ich einen Kreuzzug dagegen geführt, hätten sie mich einfach ignoriert. Rückblickend glaube ich, daß wir ein stillschweigendes Abkommen hatten, das Thema Drogen nicht allzu ausgiebig zu diskutieren.

In ähnlicher Weise vermieden wir wohl auch Diskussionen über das Thema wechselnder Sexualpartner. Das Wort "Promiskuität" möchte ich hier nicht benutzen, weil es mir zu moralisch klingt. Viele homosexuelle Männer verstehen sich als Männer, die sexuell auf Jagd gehen oder Beutezüge unternehmen. Wahrscheinlich haben auch viele heterosexuelle Männer diese Haltung gelernt, unterliegen aber stärker den gesellschaftlichen Werten Monogamie, Ehe, Treue und richten sich auch mehr nach ihnen. In der schwulen Welt gibt es aber keine Ehe, und mit dem unerlaubten sexuellen Akt ist es oft auch um Treue und Monogamie geschehen. So sagen schwule Männer zum Beispiel, sie hätten eine "Nummer geschoben". Ich finde, mit solch einer anonymen Ausdrucksweise wird ein menschliches Wesen zu einer Nummer abgewertet. Vielleicht steckt hinter der Jagd nach "Abenteuern" und "Nummern" außer dem sexuellen Begehren ja auch tatsächlich das Bedürfnis, einen Partner zu einer schwulen Nutte zu degradieren. Dabei war ich nicht so unschuldig zu glauben, daß man nur einmal einen Liebespartner zu finden brauche und dann für immer mit ihm glücklich zusammenbliebe. Ich fand es aber wertvoller, mit jemanden sein Leben, seine Sexualität und Gesellschaft teilen zu wollen, als endlos auf der Jagd nach flüchtiger Lust zu sein. Ich wußte wohl, daß das nicht leicht zu verwirklichen ist und seine Schwierigkeiten hat, aber ich fand es ein besseres Ziel als der Sklave seines Triebs zu werden. In der Gruppe habe ich meine Haltung wohl hie und da durchblicken lassen, und so wurde über wechselnde Partner nicht viel gesprochen. Eingebracht wurden die Schwierigkeiten beim Aufbau einer dauerhaften sexuellen und emotionalen Beziehung. Dafür boten die Gruppe und ich Unterstützung und Klärung. Wenn es dagegen um Abenteuer außerhalb einer Beziehung ging, bestand kein großes Interesse, ihre mögliche Bedeutung genauer zu erkunden. Meiner Ansicht nach steckt oft dahinter, daß ein wichtiges Thema zwischen den Partnern vermieden wird, zum Beispiel versteckter Ärger, Schuldgefühle oder Provokation. Wenn ich diese Auffassung in Europa vertrete, wird gerne gewitzelt, ich sei halt ein puritanischer Amerikaner, aber Abenteuer hätten nun wirklich keine besondere Bedeutung in einer festen Partnerschaft. Vielleicht manchmal wirklich nicht, aber ähnlich wie Drogen verführerisch sind und über ein Leben bald die Oberhand gewinnen können, so können Abenteuer eine feste Beziehung schon bald mit Eifersucht, Ärger oder Schuldgefühlen untergraben. In Einzeltherapien war es leichter, diesen Gedanken zu besprechen. In der schwulen Gruppe aber hätte ich für meine Ansichten über viele Abenteuer genau so wenig Resonanz wie für meine Ansichten über Drogen gefunden, und so verständigten wir uns stillschweigend, dem Thema nicht sehr viel Zeit zu widmen. Allerdings holten sich viele Männer der Gruppe schon vor dem Aufkommen von Aids andere Geschlechtskrankheiten wie Amöben, Syphilis, Gonorrhö. Bei solchen Gelegenheiten konnte ich vorbringen, daß dies auch eine Folge von zahllosen Abenteuern ist. Ich predigte nicht von der Kanzel, wollte aber doch, daß die Gruppe darüber nachdachte, wenn sie sich so viele sexuelle Abwechslung holte, um der Depression und den Gefühlen der Wertlosigkeit und des Selbsthasses zu entfliehen. Viel Gehör dafür fand ich nicht. Mit dem Thema des Coming-out hatte ich mehr Erfolg. Man muß auch bedenken, daß dies noch vor dem Aufstand von Stonewall der sexuellen Liberalisierung (4) war, und daß sogar danach die Gesellschaft und die Schwulen nicht auf einen Schlag anders wurden, sondern nur in einem langsamen Prozeß.

Ich hatte den Standpunkt, wenn ein Familienglied, Freund oder Kollege jemanden wirklich mochte, würden sie auch seine sexuelle Orientierung akzeptieren. Das wäre aber nicht immer mit einer bloßen Mitteilung getan, sondern könne ein längerer Prozeß sein. Typischerweise zogen die Gruppenmitglieder zuerst ihre Mutter ins Vertrauen und fanden bei ihr auch meistens Verständnis. Danach sagte es die Mutter dem Vater weiter, oder das Gruppenmitglied sagte es ihm selber. Dann pflegte die Angelegenheit vom Tisch zu sein und zu versanden, so daß der Betreffende sie in Erinnerung halten mußte. Brüder und Schwestern waren oft sehr verständnisvoll. Aber nicht immer ging alles so glatt. Es gab auch heftige Kämpfe und Phasen der Entfremdung. Manchmal war die Mutter über die Homosexualität des Sohnes hellauf empört. Dennoch, mit der Zeit nahm es die Familie in aller Regel hin.

Bei vielen Coming-out-Arbeiten setzte ich Rollenspiele ein. Die spontanen Dramen halfen sehr, Befürchtungen, Zweifel und Ängste zu klären. Einmal war ein junger Mann mit sizilianischem Hintergrund felsenfest überzeugt, er würde niemals als schwul akzeptiert. Aber im Rollenspiel fiel ihm plötzlich ein, daß einer seiner Onkel nicht verheiratet war, mit einem Mann zusammenwohnte und dabei dennoch von seiner ganzen Familie akzeptiert wurde. Niemand pflegte ihn nach seiner sexuellen Ausrichtung zu fragen oder über ihn zu herzuziehen. Bei diesem Einfall entspannte sich der junge Mann und lachte auf. In der nächsten Sitzung berichtete er, seine Eltern seien zwar nicht sehr erfreut gewesen, hätten aber trotzdem ihn und seine sexuelle Wahl akzeptiert.

Eine gute Gelegenheit, den Eltern das große Geheimnis zu lüften, boten Feiertage wie Thanksgiving und Weihnachten, wo man aus dem New Yorker Exil heimfuhr zur Familie im Süden, Mittelwesten oder Neuengland. Rollenspiele halfen entscheidend, vorher die Angst abzubauen. Und nach den Ferien freuten wir uns, wenn ein Mann berichtete, er habe seiner Familie alles gesagt und dabei entdeckt, daß er nun ein viel tieferes Verhältnis mit ihr haben könne als jemals zuvor. Der Kampfruf der sexuellen Befreiung, "Raus aus dem Versteck, geht auf die Straße", war noch nicht zu hören, aber diese Männer wollten sich in dieser Zeit auf eine freundlichere und sanftere Weise ihrer Umgebung öffnen.

Mit dem Coming-out gegenüber dem Chef ging ich vorsichtiger um. Während Familie, Freunde und Kollegen sich ja schon auf eine persönliche Beziehung mit dem Betreffenden eingelassen und deshalb gute Gründe hatten, ihn dann auch ganz zu akzeptieren, können Chefs viel distanzierter sein. Es gab und gibt da noch viele Vorurteile bei einem Coming-out, so daß ein Chef vielleicht einerseits sagt "Okay, das ist ihre Privatangelegenheit, solange sie weiterhin gute Arbeit machen", aber andererseits Beförderungen verschiebt oder ganz unterläßt. Deswegen ließ ich schwule Männer selber genau abwägen, ob sie ihren Chef von ihrer sexuellen Orientierung in Kenntnis setzen wollten. Was hingegen Freunde und Verwandte betrifft, redete ich ihnen eher zu, ihre Beziehungen von Täuschungsmanövern zu befreien und lebenswichtige Informationen zu teilen. Fast immer kam die Familie nach den ersten Stürmen damit zurecht, und der Mann war danach ganz erleichtert.

Ich möchte nicht das Bild vermitteln, die Gruppe hätte keine Konflikte gehabt. Sicher war die wechselseitige Unterstützung ganz außergewöhnlich, weil jeder erkannte, daß der andere auch mit seinen Problemen und Dämonen kämpfte und Mitgefühl und Unterstützung brauchen konnte. Dennoch war die Gruppe ähnlich wie jede Familie fortwährend in Konflikten, Rivalitäten, Ärger, Neid, Eifersucht und Häme befangen. Ich war nicht unglücklich, daß solche aufwühlenden Gefühle und zerstörerischen Energien an die Oberfläche traten. Dadurch konnten die Mitglieder lernen, Prozesse, die dem Wesen einer Gruppe entsprangen, auch wieder in einer Gruppe zu bearbeiten. Am deutlichsten erkennbar waren Prozesse der Übertragung. Ein Teilnehmer hatte einen schönen und klugen älteren Bruder, der Mutters Liebling war. In der Gruppe kehrte dieser verhaßte Bruder wieder, wenn ein schönes, kluges Gruppenmitglied von seinen sexuellen Erfolgen erzählte oder sich bei anderen Mitgliedern beliebt machen wollte. Rollenspiele eigneten sich sehr gut, die Quellen des damit verbundenen Ärgers aufzudecken.

Ein anderer Teilnehmer war mißtrauisch, hochmütig, fordernd und feindselig. Er löste bei einer Reihe von Gruppenmitgliedern viel Ärger aus, so daß er fast zum Sündenbock geworden wäre, den alle hassen. Durch Arbeit mit den Polaritäten erkannten wir jedoch seinen verzweifelten Wunsch nach Liebe, seine große Angst jemandem zu vertrauen, seine Unsicherheit und Schüchternheit hinter der Arroganz; wir erfuhren, daß er seine Feindseligkeit früh im Leben entwickelt hatte zur Verteidigung gegen eine verwahrloste, notleidende Familie. Danach wurde er von der Gruppe nicht gerade geliebt, aber sie hatte die Angst vor ihm verloren und konnte ihn verstehen und akzeptieren. Er freundete sich mit einem anderen Gruppenmitglied mit einer ähnlichen Geschichte an: überlegen, unnahbar, abweisend, bedürftig. Dieser hatte nun an unerwarteter Stelle einen Bündnispartner gefunden: immer wenn er die Gruppe gegen sich aufgebracht hatte, stellte sein Verbündeter mit großer Beredtheit heraus, daß dies eine Methode war, seine Verzweiflung und seine Sehnsucht nach Liebe zu zeigen. Er erklärte, daß er auf diese Weise sicher nicht bekäme, was er suche, und bat die Gruppe, dahinter zu blicken. Die Gruppe ließ sich auf dieses Plädoyer seines Alter Ego ein, und der Konflikt war dadurch beendet. Ich war für seine Interventionen immer sehr dankbar, denn ich hatte sogar mich selbst in der Front gegen den unnahbaren Mann wiedergefunden und wurde nun daran erinnert, daß man die Situation doch besser begreife, als sich dem Ärger hinzugeben, den er so gut auszulösen verstand.

Ein anderer Gruppenteilnehmer hatte kaum mitmenschliche Kontakte zu schwulen Männern, sondern benutzte sie fast nur als Sexualobjekte. Entweder dominierte er sie oder unterwarf sich ihnen. Seinen Selbsthaß und seinen Ekel vor Homosexualität projizierte er einfach auf andere. Dabei fühlte er sich stolz, einsam, vorwurfsvoll und wütend. Doch trotz seines Ärger und seiner Feindseligkeit fand er in der Gruppe etwas für ihn Wertvolles und entwickelte selber im Laufe der Zeit ein kostbares Einfühlungsvermögen und tiefes Verständnis für die Ängste und Schmerzen der anderen Mitglieder. Später machte er noch ein Aufbaustudium und wurde ein begabter Therapeut.

Ein anderes Mitglied der Gruppe war sehr schön, der Liebling seiner Familie und der Star der Frauen, die ihn anbeteten. Er war selber vom Wunder seiner Schönheit, Eleganz und Überlegenheit so überzeugt, daß er von uns dasselbe erwartete. Natürlich löste er keine allgemeine Bewunderung aus, sondern die Gruppe riß Witze über ihn und nahm ihn mit seinem Anspruch, der Tollste zu sein, hoch. Immerhin war er der Einsicht zugänglich, daß ihn vielleicht nicht jeder Mensch auf der Welt so göttlich finden müsse wie seine Familie. So stellte er in der Gruppe seine Suche nach Bewunderung ein. Allerdings in seinem Sexualleben hielt er weiter nach Männern Ausschau, die ihn auf den Altar der Schönheit erhoben.

Mit fortschreitendem Gruppenprozeß wurden die Themen der einzelnen Mitglieder deutlicher sichtbar, aber weil Therapie keine Expreßreparatur leistet (was Fritz Perls der Encounterbewegung (27) ironisch nachsagte), entwickelte die Gruppe einen Tenor der wechselseitigen Anerkennung von Schwierigkeiten und des Mitgefühls miteinander. Die Gruppe lernte, mit ihrer anfänglichen Feindseligkeit dadurch umzugehen, daß sie die individuellen Schwächen mit Heiterkeit hinnahm.

Mit fortschreitendem Gruppenprozeß wurden die Themen der einzelnen Mitglieder deutlicher sichtbar, aber weil Therapie keine Expreßreparatur leistet (was Fritz Perls der Encounterbewegung (27) ironisch nachsagte), entwickelte die Gruppe einen Tenor der wechselseitigen Anerkennung von Schwierigkeiten und des Mitgefühls miteinander. Die Gruppe lernte, mit ihrer anfänglichen Feindseligkeit dadurch umzugehen, daß sie die individuellen Schwächen mit Heiterkeit hinnahm.

Im großen und ganzen hat mich die Gruppe nicht überfordert. Zwar bekam auch ich meinen Teil an Seitenhieben und Dolchstößen ab, aber das gehört wohl dazu, denn "Schwer wird das Haupt, das die Krone trägt". Ich habe mich nicht darum bemüht, von der Gruppe geliebt und bewundert zu werden, und wollte wahrlich keine Jüngerschaft. Ich freute mich, wenn die Mitglieder in der Gruppe blieben, ihre Themen bearbeiteten und ihre Rechnungen bezahlten. Wenn jemand Grund zu Beschwerden gegen mich hatte, nahmen mich Gruppenmitglieder oft in Schutz oder diskutierten die Sache aus. Ich wollte Beispiel sein für eine wohlwollende Autorität, anders als jene, die sie bislang erlebt hatten. Gerade meine Gutmütigkeit zog aber auch Projektionen von schlummerndem Groll gegen Elternfiguren auf sich. Ich habe mich zum Glück nicht zu Verteidigungen hinreißen lassen, sondern mir die Vorwürfe angehört und der Gruppe die Klarstellung überlassen, wie ich gerade verteufelt wurde. Solche Angriffe auf meine Führungsqualität oder meine Persönlichkeit hörten aber bald auf, weil ich ihnen keine weitere Nahrung bot. Aus dem Film For Whom the Bell Tolls (28) zitiere ich gerne den Satz von Akim Tamiroff in der Rolle des Pablo: "Ich provoziere nicht".

Wenn ich auf die Konflikte in der Gruppe zurückblicke, sehe ich im Vordergrund die Aufrichtigkeit, die Offenheit für alle Gefühle und die Bereitschaft zur Arbeit an Verletzungen, Schmerz und Wut. Wir konnten nicht alle Schaden stiftenden Gefühle klären, aber wir erlebten, wie Achtsamkeit, Fürsorge und Verzicht auf Verteidigung es ermöglichten, daß oftmals echte Heilung gelang.

Die Tagesordnung einer Gruppensitzung ergab sich gewöhnlich aus den Antworten auf meine Frage "Wer möchte arbeiten, wer will Zeit für sich?" Manchmal aber schlug ich auch ein Thema vor. So sagte ich zum Beispiel "Heute abend geht es um Väter" oder "Heute abend geht es um Mütter". Diese beiden riefen mit Sicherheit so viel Begeisterung hervor, daß sich die Mitglieder um die Arbeit an den Eltern rissen. Und die Arbeiten wiederum riefen in der Gruppe eine Vielzahl von Reaktionen hervor. Als ich ein anderes Mal das Thema "Geld" vorschlug, löste dies ganz erstaunlich viele und starke Reaktionen aus. Ich schlug sogar einmal das Thema "Scheiße" vor und erlebte zu meinem noch größeren Erstaunen, wie hoch geladen dieses Thema wirklich ist. Angesichts solcher starken Resonanz bedaure ich sogar ein bißchen, daß ich derartige Themenabende nicht noch öfter anbot. Auf der anderen Seite fühlte ich mich aber auch verpflichtet, auf die aktuellen Bedürfnisse der Gruppe einzugehen und an dem zu arbeiten, was gegenwärtig im Vordergrund stand. Ich fand, eine Therapiegruppe ist nicht so sehr für heiße Themen gedacht, sondern vor allem für das, was die Gruppenmitglieder persönlich im Augenblick bewegt. Dennoch, die Intensität der damals ausgesuchten Themen kann ich noch heute spüren.

Wie ist es mit Theorie? Welche theoretischen Einsichten hat mir die Gruppenarbeit vermittelt? Welche Änderungen habe ich an meinen theoretischen Grundlagen vorgenommen? Gewiß ist hier die Einsicht zu nennen, daß Homosexualität keine klinische Einheit ist, sondern eine Kategorie, die sich bloß selektiv auf die Dimension des sexuellen Verhaltens bezieht. Im gleichen Sinne habe ich über Diagnostik generell gelernt, daß ihre Kategorien zu grob und zu starr, also einfach unangemessen sind. Ein Mann ist vielleicht bedrückt, wütend, mißtrauisch, fordernd, hat Migräne und Magenschmerzen sowie Angst vorm Fliegen. Welche Diagnose sollte ich ihm stellen? Und anders herum stellten sich manche mit einer ganzen Liste von Symptomen vor. Nun erwartet man von Gestalttherapeuten ja nicht, daß sie auf Symptome schauen und Diagnosen stellen, sondern den ganzen Menschen im Blick haben. Aber wie hätte ich nun wiederum den Alkoholismus eines Klienten übersehen können, der deswegen Arbeit und Partner verlor und der genau deshalb in die Gruppe kam, um sich aus diesen Verheerungen herauszuarbeiten? Ich erlaubte mir also, in einigen Fällen auf Symptome zu achten, in anderen Fällen darüber hinwegzusehen.

Ähnlich ging ich mit Introjektion, Projektion, Retroflexion um. Vielleicht nahm ich sie in der Arbeit mit einem Klienten wahr, aber sie waren doch oft so ineinander verwoben, daß die theoretischen Begriffe wenig halfen. Es mag also der Fall sein, daß ein Mann den Haß seines Vaters auf Homosexualität introjiziert und dann den Selbsthaß wegen seiner Homosexualität auf andere Männer projiziert. Aber in der Arbeit mit dem Klienten nützt dieses Wissen wenig. Ich wollte lieber näher an der Oberfläche seiner Erfahrungen bleiben und ihm diese ins Gewahrsein bringen. Er soll einen Sinn für sein Leben finden, nicht für meines.

Ich bin nicht der Ansicht, daß in den Theorien zu Gestalt alles enthalten ist. Gestalt ging aus der Psychoanalyse hervor. Paul Goodman hatte eine Reichianische Therapie hinter sich, und Fritz Perls war Klient bei Wilhelm Reich persönlich. Fritz und Laura Perls waren Anfang der dreißiger Jahre überzeugte Mitglieder des Berliner Psychoanalytischen Instituts gewesen. Isadore From hatte sich sehr für Otto Rank interessiert. Ich selber fand manches von Sullivan (29), Jung und Adler nützlich, später interessierten mich Tart (30), Binswanger und Buber (31). Allerdings sah ich keinen Bedarf, alles was geschehen kann, in eine Theorie von Gestalt zu übersetzen. Andersherum glaubte ich auch nicht, daß die Theorie von Gestalt den Umgang mit allem, was passieren kann, anleiten muß. Einmal war ich in Big Sur Gasttrainer einer Gruppe von Jim Simkin. Er fragte mich, für wie wichtig ich es hielte, Gestalttherapeut zu sein. Ich antwortete, mir sei am wichtigsten, den Klienten erreichen zu können, und was mir dabei helfe, käme mir recht. Er erwiderte streng: "Für mich ist es immer am wichtigsten, Gestalttherapeut zu sein". Darauf sagte ich, daß ich nicht immer so puristisch sein könne, wenn die Bedürfnisse des Klienten etwas anderes verlangten.

In den letzten fünfzig Jahren Gestalttherapie hat die Theorie keine entscheidende Änderung erfahren, auch keine Korrektur an den ursprünglichen Texten von Perls, Hefferline und Goodman (1). Vielleicht hat das sein Gutes und liegt daran, daß in Gestalt die Theorie nicht so wichtig ist wie die Methode. Und vielleicht liegt gerade darin der Ruhm der Gestalttherapie.

Über Aids wurde schon so viel geschrieben, daß ich mich hier kurzfassen will. 1981 erfuhren als erste die Gesundheitsberufe von dieser Krankheit. Zunächst wählte man die Bezeichnung GRID (32), das bedeutet "schwule Abwehrschwäche", aber nachdem auch andere Teile der Bevölkerung davon betroffen waren, zum Beispiel Haitianer und Bluterkranke, änderte man sie ab zu AIDS (33), das bedeutet "erworbenes Abwehrschwäche-Syndrom". Im Sommer diesen Jahres erkrankte ein Mann aus der Gruppe, im November war er tot. Er gehörte zu den ersten zwanzig registrierten Aidstoten der Vereinigten Staaten.

In dieser frühen Phase diskutierten die Gruppenmitglieder über ihre Gedanken und Gefühle gegenüber Aids: Angst, Schrecken, Panik, Hypochondrie, wissenschaftliche Neugier, Verleugnung, Schuldgefühle, Verwirrung - alles kam hoch. Wir wußten zu jener Zeit nicht, wodurch Aids entsteht, wie es sich ausbreitet, welche sexuellen Verhaltensweisen dafür verantwortlich sind, welche Formen auftreten (z.B. Hautkrebs, Kaposi (34) Lungenentzündung), welche Heilmittel es gibt, wie man es entdeckt, wie man es verhindern kann. Wir wußten nur, daß die Epidemie wütete, viele Leute an fürchterlichen Symptomen litten und qualvolle Tode starben. Wir lebten im Zentrum der Seuche und des Holocausts an Schwulen. Als man später genaueres wußte, diskutierten die Gruppenmitglieder, ob sie den HIV-Test machen, Kondome benutzen, Anal- oder Oralverkehr beibehalten sollten oder nicht. Manche verlangten von mir klare Antworten. Aber natürlich konnte ich ihnen keine geben.

Die Gestaltgruppe mit schwulen Männern traf sich über einen Zeitraum von 27 Jahren, nämlich von Mitte der sechziger Jahre bis 1992. Insgesamt 55 bis 60 Männer nahmen an ihr jeweils mehrere Jahre lang teil. Ich zögerte zunächst, eine Totenliste der Gruppe zusammenzustellen. Ich fand es zu aufwühlend und zu gespenstisch, die Männer durchzuzählen, die gestorben oder mit HIV angesteckt waren. Nach meinem Beschluß, über die Gruppe zu schreiben, stellte ich jedoch eine Liste aller Mitglieder auf. Zu meinem Schmerz stellte sich heraus, daß 40 bis 50 Prozent von ihnen tot oder infiziert waren. Meine Zahlenangaben sind nicht bis aufs Komma genau, weil ich die Gruppe nicht als Forschungsprojekt betrieben hatte. Aber ich kann mich auf persönliche Mitteilungen und Hinweise stützen. Weil Manhattan eine kleine Insel ist, wußten ja viele Gruppenmitglieder davon, was im Leben der anderen passierte. Die Zahl von 40 bis 50 Prozent deckt sich übrigens mit der von schwulen Gesundheitsaktivisten geschätzten Infektionsrate in den Schwulengemeinden von San Francisco und New York.

Ich weiß gar nicht, wie ich anfangen soll, die Folgen von alledem zu beschreiben. Wir wußten damals noch nicht, wie viele angesteckt würden, aber wir sahen mit an, wie viele erkrankten. Hatten wir jemanden länger nicht gesehen, vermuteten wir sofort, er wäre tot oder läge im Sterben. Trafen wir jemanden auf der Straße, fielen uns sogleich die verräterischen Anzeichen von Abmagerung oder die roten Flecken des Kaposikrebses in den Blick. Einige schwule Männer suchten ihr Heil in der Flucht aus der Gruppe und aus New York, andere verzichteten völlig auf Sex und auf Partner, wieder andere setzten sich für Spenden und für die öffentliche Finanzierung von Forschung und Krankenversorgung ein, oder sie engagierten sich in Hilfsorganisationen für Infizierte. Wir wurden alle Fachleute für die Krankheit, ihre Symptome, die neuesten Medikamente und Forschungsergebnisse.

Ohne daß ich es wollte, wurde aus der schwulen Gruppe eine Aidsgruppe (35). Gewiß wollte auch ich nicht darüber hinwegsehen, was mit der Gesundheit der schwulen Gemeinde geschah; wie hätte ich das auch können, wo doch so viele in der Gruppe krank waren und im Sterben lagen. Dennoch war der eigentliche Sinn der Gruppe gewesen, schwule Männer bei der Selbstverwirklichung in einem schöpferischen Leben zu unterstützen. Nun aber wandelte sich ihr Sinn dahin, schwule Männer beim Ertragen von Krankheit und einem wenigstens halbwegs würdevollen Sterben zu unterstützen. Wir verwendeten zwar immer noch Zeit auf Eltern, Arbeit und Beziehungen, doch mehr und mehr wurde die Gruppe von Aids beherrscht. Im gleichen Maße nahm ihre Größe ab. Das lag zum Teil direkt an Krankheit und Tod, zum Teil aber wohl auch daran, daß gesunde schwule Männer zögerten, in einer Gruppe mit so vielen Kranken Mitglied zu werden.

Manchmal verlegten wir die Gruppentreffen ins Krankenhaus, damit sich ein krankes Gruppenmitglied nicht ausgeschlossen fühlte und wir ihm wenigstens den Ausdruck unserer Solidarität geben konnten. Manchmal fand ich mich in der Rolle eines Sozialarbeiters wieder, der über Behindertenversorgung, Krankentagegeld und Versicherungsansprüche berät. Dann bot ich einmal dem schwulen Gesundheitszentrum an, Forschungsprojekte ihrer Wahl unbezahlt durchzuführen. Ich habe auch in meinen eigenen Räumen zusammen mit Freunden eine große Benefizveranstaltung zugunsten von Aidsorganisationen durchgeführt. Kranken, die nicht mehr arbeiten konnten, erließ ich die Kosten für die Gruppenteilnahme. All das machte mich aber nicht zufrieden. Ich wollte Gesundung sehen. Zum ersten Mal in meinem Berufsleben wünschte ich mir, ich hätte Medizin studiert statt Psychologie. Denn was immer wir in der Gruppe taten, dadurch konnte ich auch nicht eine einzige Infektion wieder heilen.

Zum Schluß bestand die Gruppe nur noch aus vier bis fünf Männern. Normalerweise hatte ich eine Gruppengröße von zehn bis zwölf, damit ein breites Spektrum von Persönlichkeiten vertreten ist und dabei genug Zeit für die aktive Beteiligung jedes einzelnen bleibt. Und größer sollte die Gruppen auch nicht sein, damit sich die stilleren Mitglieder nicht an den Rand gedrängt fühlen, was sogar bei zwölf schon manch einer tat. Nun waren wir zahlenmäßig dezimiert, und unsere Zusammenkünfte waren mutlos und deprimiert. Wir sprachen nur noch von Toten, vom Sterben und von Neuigkeiten der Medizin. Wir schleppten uns durch die Sitzungen hindurch, im Grunde als Trauergruppe, und konnten die Gruppe einfach nicht beenden. Welches Ereignis schließlich doch zum Beschluß führte, uns nicht mehr zu treffen, weiß ich nicht. Meine Erinnerung an die letzten Sitzungen ist vom Grauen überschattet. Ich wollte die Gruppe nicht aufgeben, aber welchen Sinn sie noch hatte, wußte ich nicht mehr. Gute Stimmungen und Wohlgefühl brachte sie nicht mehr hervor. Ich glaube, wir beschloßen, uns nicht mehr zu treffen, nachdem wieder ein Mitglied gestorben war und nur noch vier übrigblieben, ausgelaugt von fortgesetzten Trauern über ein ganzes Jahrzehnt (1981-1992), bis wir einfach nicht mehr konnten. Die Energie zum Weitermachen war weg. Ich selbst sah keinen Sinn mehr darin, die jüngsten Todesfälle und den neuesten Horror von Krankenhauseinweisungen durchzugehen. Die verbliebenen Mitglieder wußten nicht mehr, was sie verbindet und was sie noch anfangen sollten. So hörten wir auf. Einige Mitglieder sah ich in Einzeltherapien weiter. Hier mußten wir uns nicht so sehr von den Verheerungen der Epidemie absorbieren lassen, sondern konnten auch andere Themen aufgreifen.

Von den infizierten schwulen Männern sind im Laufe der Zeit alle gestorben. Als die Proteasehemmer auf den Markt kamen, kannte ich fast keinen Kranken mehr, der noch lebte. Da die meisten Gruppenmitglieder jünger waren als ich und da ihre Generation (die 30- bis 45-jährigen) viel schlimmer betroffen war als die meine, hatten manche keinen einzigen Freund mehr. Ich erinnere mich an einen Mann, dessen drei bisherigen Partner alle gestorben waren, und der dann selber erkrankte und starb. Mehrere schwule Männer erzählten mir, daß in ihren Adreßbüchern ganze Seiten voll Namen ausgestrichen sind. Ein Mann erzählte mir: "Als Georg gestorben war, wollte ich heraussuchen, wen ich benachrichtigen müßte. Ich fand keinen mehr. Sie waren alle schon tot." Ich selber bringe es nicht übers Herz, in meinem Adreßbuch die Namen der verstorbenen Männer durchzustreichen. Natürlich heißt das nicht, daß sie damit noch lebendig wären. Aber wenn ich ihre Namen stehen lasse, drücke ich damit symbolisch aus, daß ich sie nicht vergesse. Sie sind noch gegenwärtig.

(Aus dem Amerikanischen von Thomas Bliesener)

 

Anmerkungen

(1) Titel der deutschen Ausgabe: Perls, Friederich S. / Hefferline, Ralph / Goodman, Paul: Gestalttherapie, [Bd. 1:] Lebensfreude und Persönlichkeitsentfaltung (Taschenbuchausgabe: Gestalttherapie. Grundlagen); [Bd. 2:] Wiederbelebung des Selbst (Taschenbuchausgabe: Gestalttherapie. Praxis). Stuttgart 1979 (Taschenbuchausgabe: München 1991).

(4) Stonewall: Name einer von Schwulen und besonders Transvestiten besuchten Bar in der Christopher Street im Greenwich Village in New York. 1969 bei einer der wiederholten schikanösen Polizeikontrollen platzte den Besuchern der Kragen, sie gingen hinaus auf die Straße und sperrten die Polizeibesatzung ins Haus. In den Tagen danach kam es zu weiteren spontanen Demonstrationen von Schwulen in den Straßen von New York und anderen Städten. Die Parole hieß "Out of the closets!", also "Heraus aus dem Versteck im Schrank!" Die Gay Liberation kam in Gang und setzte sich wenig später auch in Deutschland in der Schwulenemanzipation fort. Heutzutage findet in Erinnerung an diese Ereignisse in allen großen europäischen Städten Ende Juni der CSD oder Christopher Street Day, eine Art schwuler Sommerkarneval mit hunderttausenden von Teilnehmern, statt.

(17) "cruisen": alleine durch einschlägige Straßen flanieren, Grünanlagen oder Rastplätze spazieren, schwule Saunen oder Kneipen ziehen, etc., um einen Traumprinzen anzumachen und für die Nacht abzuschleppen.

(18) "Monster" und "Boatel" sind zwei der vielen schwulen Kneipen auf Fire Island. Das ist ein schwimmendes Hotel und veranstaltet für die schwule Gemeinde einen Nachmittagstanz im Stile des Ritz. Hier trifft man sich um vier bis sechs, nimmt einen Drink, und startet danach in die Nacht. Alles sehr gediegen und "camp" (vgl. Kap. 2, Anm. 5).

(19) Fleischmarkt: Hier speziell das allsommerliche 24-Stunden-Cruising auf der Strandpromenade und im Buschgelände mit verzweigten Trampelpfaden auf Fire Island.

(20) Sadomasochismus: sich rasch vergrößernde und ausdifferenzierende Teilkultur zunächst vor allem unter Schwulen, in den letzten Jahren auch unter Heterosexuellen. Spezielle Praktiken: Bondage = Fesselung (mit Seilen, Ketten, Handschellen). Natursekt, Watersports: Einbeziehung von Urin beim Sex. Scat: Einbeziehung von Kot beim Sex. Einlauf: Einbeziehung von Klistieren. Drill: sexuelle Spiele mit Befehl und Gehorsam analog zum Militär. Mehr zum Beispiel in: Andreas Maydorn und andere: Wie man's macht - Das schwule Sexbuch. Berlin 1993.

(21) Drag Queen: Schwule, die sich bei passender Gelegenheit mit alles überbietenden, weiblichen Verkleidungen hervortun. Frauenkleidung an Männern nennt man auch Fummel.

(22) Eleonora Duse, Geliebte von d'Annunzio, größte italienische Darstellerin zu Beginn des Jahrhunderts. Sarah Bernardt, "göttliche" französische Darstellerin zu Beginn des Jahrhunderts, brilliante Erscheinung, pflegte in einem Sarg zu schlafen und einen Tiger als Haustier zu halten. Die Duse und die Bernhardt sind frühe Beispiele für Diven und typische schwule Ikonen.

(23) Der französische Film "La Maitresse" von Barbet Schroeder, mit Gerard Depardieu in einer Hauptrolle, handelt von einer Frau, die ein sadomasochistisches Bordell betreibt.

(24) Timothy Leary und H. Alpert (der sich später "Baba Ram Dass" nannte) waren junge Professoren in Harvard, die den Studenten Drogen gaben und wegen ihrer Experimente mit LSD zu Gurus der Drogenbewegung in den sechziger Jahren wurden. Sie verloren deswegen ihre Universitätsstellungen.

(25) Das Esalen-Institut bei Big Sur an der kalifornischen Pazifikküste war in den 60er und 70er Jahren das weltweit berümteste Zentrum für die neuen Psychotherapieverfahren, die unter dem Begriff der Humanistischen Psycholgogie zusammengefaßt werden. Fritz Perls lebte und arbeitete mehrere Jahre an diesem Ort.

(26) Poppers ist ursprünglich Amylnitrit, wirkt gefäßerweiternd, wird als Medikament gegen Angina-pectoris-Anfälle eingesetzt und von Schwulen bei Tanz und Sex gerne für ein minutenkurzes, ozeanisches Hochgefühl benutzt. Quaaludes ist ein Medikament, das stimmungsausgleichend und beruhigend wirkt. Darvon ist ein Medikament zur Schmerzunterdrückung. Bewirkt sanfte Heiterkeit.

(27) Die Encounter-Bewegung entwickelte sich in Esalen (Kalifornien) mit William Schutz zur gleichen Zeit wie die Gestalttherapie. Sie verwendete zum Teil auch die gleichen Techniken, allerdings in stärker manipulativer und dramatisierender Weise. Fritz Perls haßte und beneidete sie und betitelte sie als "Anschalter".

(28) Deutscher Titel: Wem die Stunde schlägt. USA 1943, Regie: Sam Wood, nach dem gleichnamigen Roman von Ernest Hemmingway.

(29 Harry Stack Sullivan begründete die "interpersonelle Richtung" der Psychiatrie, bei der sich der Psychiater persönlich mehr als sonst einbringt. Er nahm gerne schizophrene junge Männer unter seine Fittiche und lebte mit ihnen zusammen.

(30) Charles Tart war ein humanistischer Psychologe, der ernsthafte wissenschaftliche Forschungen über transpersonelle Phänomene wie Trance und außersinnliche Wahrnehmung durchführte. Später interessierte er sich wohl auch für Parapsychologie.

(31) vgl. auch: Der Weg zur Gestalttherapie. Lore Perls im Gespräch mit Daniel

Rosenblatt. Wuppertal 1997, S. 41f.

(32) GRID: gay related immune deficiency. Vorläufige, von Medizinern deskriptiv gemeinte Bezeichnung in der Anfangszeit der ersten Aidsfälle, solange diese nur unter Schwulen auftraten und keiner bekannten Krankheit zugeordnet werden konnten. Von der Presse rasch mit abwertendem Beiklang gebraucht.

(33) AIDS: acquired immune deficiency syndrome. Spätere, patienten-neutrale Bezeichnung für dieselben Krankheitserscheinungen. Dieser Begriff wird zugleich eingeschränkt auf die letzte, Phase einer HIV-Infektion, das manifeste Vollbild mit schweren Krankheitserscheiningen. Dagegen ist die erste Phase einer Infektion mit dem HIV (=human immunodeficiency virus) frei von Symptomen und kann bis zu zehn Jahren währen. Die zweite Phase des Übergangs zum Vollbild AIDS wird manchmal ARC (aids related complex) genannt; sie ist ist durch vielfältige, schwere, aber kurierbare Erkrankungen gekennzeichnet. Weitere Informationen bieten z.B. die Broschüren der Deutschen Aidshilfe (Berlin).

(34) vgl. Kap. 5, Anm. 18.

(35) vgl. Rosenblatt, Daniel: Psychotherapie im Aids-Zeitalter. Aspekte der Arbeit mit Aids-Kranken. In: Gestaltkritik 1/1994, S. 3ff. Erhältlich bei: Gestalt-Institut Köln / GIK Bildungswerkstatt, Rurstr. 9, 50937 Köln.

 

Praxisadressen von Gestalttherapeuten/-innen

Daniel Rosenblatt (Foto: Kurt Schröter)

Daniel Rosenblatt

wurde 1925 in Detroit/Michigan geboren. Er studierte in Harvard und Cambridge und erlernte Gestalttherapie bei Laura Perls.

Nach einer langjährigen akademisch-wissenschaftlichen Tätigkeit arbeitet er seit über 30 Jahren in seiner privaten psychotherapeutischen Praxis in New York.

Er ist "Fellow" und ehemaliger Vizepräsident des New Yorker Instituts für Gestalttherapie und leitete viele Jahre lang Ausbildungsgruppen in Gestalttherapie in den USA, Europa, Australien und Japan.

Der nebenstehende Beitrag ist zuerst erschienen in seinem Buch "Zwischen Männern. Gestalttherapie und Homosexualität" in dem sich u.a. noch viele weitere Einblicke in Dan Rosenblatts praktische Arbeit finden. Wir möchten allen unseren Leserinnen und Lesern - homosexuellen und heterosexuellen (!!!) - dieses Buch ganz besonders ans Herz legen.

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