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Erving und Miriam Polster
Gestalttherapie
Therapie ohne Widerstand


Aus der Gestaltkritik

Gestaltkritik - Die Zeitschrift mit Programm aus dem Gestalt-Institut Köln
Gestaltkritik (Internet): ISSN 1615-1712

Themenschwerpunkte:

Gestaltkritik verbindet die Ankündigung unseres aktuellen Veranstaltungs- und Weiterbildungsprogramms mit dem Abdruck von Originalbeiträgen: Texte aus unseren "Werkstätten" und denen unserer Freunde.

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Praxisadressen von Gestalttherapeuten/-innen

  Hier folgt der Abdruck eines Beitrages aus der Gestaltkritik 1-2002:

Erving und Miriam Polster
Gestalttherapie
Therapie ohne Widerstand

 

Foto: Erving und Miriam Polster
Erving und Miriam Polster, Foto: © Thomas Bader 1999

 

Wir leben in einer Zeit der Verstärkung. Filmblut ist roter als echtes Blut, elektronische Medien verdrängen das direkte Gespräch, gigantische Terrorszenarien schlagen die Kinobesucher in ihren Bann, und die Bierwerbung verrät uns, daß man ja schließlich nur einmal lebt und also genießen sollte. Unsere Kultur gleicht einem Markt der Sensationen.

Das ist verständlich, denn die Übertreibungen wecken unsere Aufmerksamkeit für das, was wir ansonsten leicht übersehen könnten. Sie spiegeln das berechtigte Interesse wider, verlorene Erfahrungen, Empfindungen und Gefühle und den damit verbundenen Respekt für das persönliche Gewahrsein wiederzubeleben.

Aus eben diesen Überlegungen entstand die sogenannte »Dritte Kraft« in der Psychotherapie. Ihr Beitrag zu einem neuen Niveau des persönlichen Gewahrseins in unserer Kultur ist beträchtlich und war längst überfällig. Dessen ungeachtet zeigen sich die Auswirkungen der langen Periode eines verkümmerten Gewahrseins, die den neueren psychotherapeutischen Entwicklungen vorausging, in undifferenzierten und unechten Verhaltensweisen, die manche dieser neueren Techniken ins Lächerliche ziehen. Das erbitterte Einschlagen auf irgendwelche Kissen z.B. ist ein Versuch, das Gewahrsein von Gefühlen wie Aggression und Wut zu sensibilisieren. So notwendig solche Gewaltmärsche auch manchmal sein mögen, was dabei häufig übersehen wird, ist, daß es daneben auch einen organischeren Weg in die sinnliche Erfahrung gibt. Die Verstärkung der Erfahrung vollzieht sich auf organische Weise, wenn man auf das achtet, was bereits geschieht. Daß die kontinuierliche aufmerksame Beobachtung des eigenen Erlebens zu einer wachsenden Empfindungsfähigkeit und einem Drang nach persönlichem Ausdruck führt, ist eine der großen Erkenntnisse der Gestalttherapie. In dem Maße, wie diese Bewegung sich von einem Augenblick zum nächsten verstärkt, treibt sie uns, das zu tun oder zu sagen, was wir tun oder sagen müssen. Und schließlich führt die Bewegung zur Schließung, zum Abschluß einer Erfahrungseinheit. Mit der Schließung entsteht ein Gefühl der Klarheit, ein Gefühl, an lebendigen Entwicklungen teilzuhaben, ohne sich innerlich zu verstricken, wie das bei unerledigten Situationen so häufig der Fall ist.

Um Verhaltensänderungen herbeizuführen, gilt es deshalb zwei »paradoxe« Grundsätze zu beachten (Beisser, 1970). Der erste Grundsatz lautet: Was ist, ist. Der zweite lautet: Eines folgt dem anderen. Anstatt zu versuchen, die Dinge in Gang zu setzen, muß der Therapeut, der sich an diesen Grundsätzen orientiert, sich auf das konzentrieren, was in diesem Augenblick tatsächlich geschieht. Der gegenwärtige Augenblick eröffnet ein unbegrenztes Spektrum an Möglichkeiten, die für den Therapeuten von Interesse sein können: die betörende Stimme des Patienten, seine dramatische Geschichte, widersprüchliche Aussagen, Schwitzen, glasige Augen, eine schlaffe Haltung, unbegründeter Optimismus, usw. ad infinitum. Dazu gehört auch die Haltung des Therapeuten, seine Ideen, Vorstellungen und Gefühle etc. Aus diesem Spektrum wählt der Therapeut seinen Fokus. Läßt er sich auf das ein, was gerade ist, und lenkt er die Aufmerksamkeit seines Patienten auf die gegenwärtige Erfahrung, dann beginnt ein Wiederbelebungsprozeß, der selbst ganz simple Ereignisse lebendig werden läßt.

Ein therapeutisches Märchen soll das verdeutlichen. Ein Mann beklagt sich darüber, daß er keine Picknicks mag. Er fühlt sich neurotisch und abgestumpft. Während er erzählt, nimmt sein Gesicht einen schmerzverzerrten Ausdruck an. Der Therapeut schlägt ihm vor, sich auf sein Gesicht zu konzentrieren. Als der Patient dem Vorschlag nachgeht, nimmt er mit Erstaunen die Spannung in seinem Gesicht wahr. Er bleibt bei der Spannung und spürt, wie der gespannte Bereich langsam warm wird. Er bemerkt eine kleine Bewegung, eine unwillkürliche Grimasse, wie er sagt. Als er sich auf die Grimasse konzentriert, nimmt die Spannung zu und verwandelt sich in einen Schmerz. Als der Therapeut ihm vorschlägt, einen Laut zu machen, der seinem Gefühl von Spannung und Bewegung entspricht, verzieht der Patient sein Gesicht und grunzt ein paarmal. Auf die Frage, wie dieser Laut sich anfühle, sagt er, er habe das Gefühl, scheißen zu müssen, aber nicht zu können. Mit dieser Phantasie fühlt er sich ziemlich eigenartig, gleichzeitig bemerkt er aber auch, wie die Spannung abnimmt. Einerseits gefällt es ihm, dieses Geräusch zu machen, andererseits ist es ihm aber auch peinlich, und er wird rot. »Angenommen«, sagt der Therapeut, »Sie würden nur das Geräusch machen, und jede Bedeutung, die es für sie hat, für einen Moment außer acht lassen.« Der Patient macht wieder das Geräusch, und diesmal machen seine Hände eine leichte Bewegung, die sich rhythmisch an das Grunzen anpaßt. Aufgefordert, darauf zu achten, wie seine Hände mit ins Spiel kommen, antwortet der Patient überrascht, daß sie dem Laut einen Takt hinzufügen, und er fängt an, mit den Fingern zu schnipsen. Kurz darauf beginnt er zu lachen und sagt, daß ihm das unheimlichen Spaß mache. Er fängt an zu singen und ist schließlich so ausgelassen fröhlich, daß er sich auf den Boden wirft und sagt, das sei viel schöner als Scheißen. Außerdem könne er das in aller Öffentlichkeit tun. Er bemerkt seine innere Erregung und seine Unbeschwertheit und macht sich keine Sorgen über das Scheißen oder irgendwelche Fehler, die ihm in seinem Wunsch nach freiem Ausdruck unterlaufen könnten.

Dieses Märchen nimmt die einfachen Dinge, die passieren, ernst. Die Abfolge der Ereignisse, die Bewegung von einem zum nächsten, brachte eine natürliche Verstärkung mit sich und führte schließlich zu einem Höhepunkt und zur Schließung. In der Pattsituation zwischen der Angst zu scheißen und Spaß zu haben kamen neue Elemente zum Vorschein, die die Intensität des Konfliktes beeinflußten und veränderten. Solche Elemente, in diesem Fall die Spannung im Gesicht, das Grunzen, das Fingerschnipsen, das Singen etc. verändern die Chemie einer Situation und rekonstituieren sie. Was ist, ist. Eines folgt dem anderen.

 

Über den Widerstand hinaus

Märchen entsprechen natürlich nicht der Wirklichkeit, und manch einer mag einwenden, daß die komplexe Struktur der wirksamen Kräfte, die i.d.R. auch den Widerstand beinhaltet, eine so einfache Lösung nicht hergibt. Natürlich hat das Konzept des Widerstands eine nützliche Geschichte. Zum Beispiel hat dieses Konzept widersprüchliche Motivationen zum Vorschein gebracht, die sich hemmend auf Verhalten und Gefühl auswirken. Menschen unterbrechen Verhaltensweisen und Gefühle, die scheinbar ihren eigentlichen Interessen entsprechen. Schließlich sollte man Picknicks mögen. Man sollte Erfolg haben, weinen, wenn man traurig ist, mit seinen Kindern spielen, beim Sex einen Orgasmus haben usw. Wenn für uns und unsere Patienten offensichtlich ist, daß sie all diese Dinge tun sollten, sie aber nicht tun, dann suchen wir nach dem Widerstand. Im Idealfall wird dieser Widerstand dann aufgelöst, und der Mensch ist frei, der zu sein, der er sein könnte oder sollte.

Das problematische an der Idee des Widerstands ist die Annahme, daß der Widerstand erstens dem eigentlichen Interesse zuwider läuft, und zweitens seine Auflösung - analog der Bekämpfung eines Grippevirus - zu einer gesunden Funktionsweise führen müßte. Doch einen psychologischen Aderlaß für den kranken Organismus gibt es nicht, denn was als Widerstand bezeichnet wird, ist Teil des eigenen Verhaltens, und kein Fremdkörper. Erst durch die Wiedereinbindung der mit diesem Verhalten verknüpften und entfremdeten Energie kann das Funktionsspektrum des Individuums erweitert werden.

Die Neuformulierung des Konzeptes des Widerstands in diesem Sinne erfordert eine geistige Offenheit gegenüber den Prioritäten im Fühlen und Verhalten von Menschen. Wenn wir nicht annehmen, daß jemand sich falsch verhält, daß er »Widerstand zeigt«, dann ermöglicht uns das, beim jeweiligen Ausdruck des anderen zu bleiben, seinem momentanen Erleben zu folgen und die Entfaltung eines lebendigen Dramas mitzuerleben.

Daß dem einzelnen Therapeuten der Versuch, eine solche Haltung zu entwickeln, voll und ganz gelingt, ist eher unwahrscheinlich, denn er wird hier auf einige grundlegende Schwierigkeiten stoßen, nämlich u.a. folgende:

1. Es liegt in der Natur des Menschen, im Verlaufe jedes Prozesses nach vorne zu schauen und sich Ziele zu stecken. Das gilt natürlich sowohl für den Therapeuten als auch für den Pa-tienten. Diente die Therapie nicht auch der Klärung persönlicher Ziele, dann gäbe es sie überhaupt nicht. Die Menschen wollen mit ganz bestimmten Fragen weiterkommen. Die Aufgabe des Therapeuten besteht darin, diese Ziele dem gegenwärtigen Erleben zugänglich zu machen, auch wenn er im Grunde möchte, daß der Patient seinen Alkoholismus aufgibt, seine Beziehungen zu anderen verbessert, eine gute Arbeit findet, sich von seinen verstorbenen Eltern verabschieden kann etc. Das Problem der Koordination zwischen den Zielen und dem gegenwärtigen Prozeß beschränkt sich keineswegs auf die Psychotherapie. Der Schläger beim Baseball kann den Ball zwar so schlagen, daß ihm ein Home-run gelingt, er wird aber sofort bestätigen, daß er sich vor oder während des Schlages unmöglich auf diesen Glücksfall konzentrieren kann. Er muß auf den Ball und auf seinen Schlag achten.

Große Schriftsteller nehmen nicht ihr eigenes Erstaunen darüber vorweg, wie sich ihre Helden entwickeln. Auch Psychotherapeuten müssen sich auf eine gegebene Situation einstellen und auf das vertrauen, was sich darin als bedeutsam herausstellt.

2. Im Zeitalter der »psychologischen Ermittlungen« hat die Aufdeckung des Verborgenen eine unerhörte Attraktivität gewonnen. Viele von uns folgen fasziniert verschiedenen

Hinweisen, bis wir ein verstecktes Element entdeckt haben. Die Versuchungen der psychotherapeutischen Spurensuche werden dadurch unterstützt, daß wir häufig tatsächlich etwas entdecken. Die Mutter backt einen Kuchen. Das Kind hofft, daß es ein Schokoladenkuchen ist. Aber der Kuchen ist mit einem Tuch abgedeckt. Das Kind hebt das Tuch hoch und sieht einen Schokoladenkuchen. Die Erregung läßt das Kind strahlen. Eine riesige Freude. Aber der Kuchen war bereits da. Lediglich die Entdeckung ist neu.

Aus diesen Gründen ist es schwierig, den Magnetismus des Aufdeckens eines Phänomens zu überwinden und es durch das kreative Phänomen zu ersetzen. Das kreative Phänomen ist die Entwicklung dessen, was vorher nicht da war. Es entspricht mehr dem, was die Mutter erlebt, wenn sie den Schokoladenkuchen backt. Sie mag in ihrem Leben schon unzählige Schokoladenkuchen gebacken haben, diesen einen jedoch hat es nie zuvor gegeben, und wenn sie nicht gerade abgestumpft ist, entsteht ihre Freude aus dem immer wieder neuen Vorgang heraus, einen einzigartigen Kuchen zu produzieren. So entdecken wir auch in der Therapie das, was von neuem entsteht oder erschaffen wird. In dem Bild von dem Mann, der keine Picknicks mochte, haben wir entdeckt, daß er etwas tat, was zunächst ans Scheißen erinnerte. Es ging uns nicht um die Aufdeckung des »ursprünglichen« und inzwischen anachronistischen Traumas in seiner Erfahrung mit dem Scheißen. Vielmehr orientierten wir uns an der Aufeinanderfolge der verschiedenen Erfahrungen und Erlebnisse, die unvorhersehbar in ein lebendiges Singen mündeten. Natürlich enthält

diese Erfahrung auch aufdeckende Aspekte, und diejenigen, die es vorziehen, die Dinge aus dieser Perspektive zu betrachten, liegen bestimmt nicht »falsch.« Wir allerdings ziehen es vor, dem sich vor uns entfaltenden Prozeß selbst zu folgen, anstatt ihn so zu verstehen, daß er etwas vorher Verborgenes aufdecken würde. Wir backen lieber Kuchen als welche wiederzufinden.

3. Der Psychotherapeut bedarf einer beachtlichen Unterscheidungsfähigkeit zwischen dem, was im Augenblick geschieht und dem, was an ablenkenden und belastenden Vorerfahrungen auf die Situation einwirkt. Diese Unterscheidung ist sehr subtil, und jede Regel darüber, was eine gegenwärtige Erfahrung ausmacht, würde nur zur Verwirrung des eigenen Gespürs beitragen. Gerade das, was sich als Vorbelastung erweist, kann durch die gezielte Fokussierung zum gegenwärtigen, aktuellen Thema werden. Ein Beispiel: Eine Frau erzählt und schaut sich dabei im Zimmer um. Sie scheint mit irgend etwas anderem beschäftigt und nicht wirklich präsent zu sein. Wenn der Therapeut nun vorschlägt, daß sie darauf achtet, wie ihre Augen umherschweifen und erzählen soll, was sie sieht (anstatt ihr zu sagen, sie sei im Widerstand) kann es durchaus sein, daß eine große Neugier zum Vorschein kommt, aus der - wenn sie erkannt und akzeptiert wird - eine lebendige visuelle Erfahrung werden kann. Das heißt, obwohl der Therapeut vielleicht eher dazu neigt, den umherschweifenden Blick als etwas zu betrachten, das für die aktuelle Situation keine Bewandtnis hat, als Deflektion also, ist es ebensogut möglich, daß es eigentlich um das Umherschauen geht - in diesem Fall wäre gewissermaßen das Gespräch mit dem Therapeuten die Deflektion. Die treibende Kraft für Veränderung ist die Anerkennung, ja sogar die Akzentuierung der vorhandenen Erfahrung, und dahinter steht die Annahme, daß die echte Anerkennung dessen was ist, dem Menschen ein unermeßbares Fortschreiten der Erfahrung eröffnet.

4. Es ist wahr, daß wir aus einfachen Erfahrungen lernen. Es ist auch wahr, daß wir einen natürlichen Drang haben, den Ereignissen in unserem Leben einen Sinn zu geben. Dieser Sinn verleiht den Ereignissen eine Dimension, er stellt sie in einen Kontext, aus dem heraus sie wiederum Unterstützung erfahren. Ohne den Kontext, der durch Sinn und Bedeutung entsteht, würden die Ereignisse aus ihrem natürlichen Zusammenhang herausgerissen, sie wären dann leer und ohne Kontinuität, wie man am Beispiel der Manie sehen kann. Der Maniker steht unter dem Druck einer Art von »Lebendigkeit«, die ihn von einer Situation zur nächsten zwingt. Doch diese Situationen sind ohne Zusammenhang, ohne Verbindung und entspringen einer hektischen Isolation, die keinen persönlichen Kontext mehr kennt. Der Maniker geht durch die Luft - wie die Cartoonmännchen, die zuerst über den Abhang hinaus rasen und dann, wenn sie es merken, senkrecht herunterfallen.

Das Gestaltprinzip der Beziehung zwischen Figur und Grund beschreibt den natürlichen Prozeß der Integration von Erfahrungen (Figur) und Sinn oder Bedeutung (Grund). Ist diese integrative Funktion gestört, dann kann es notwendig sein, einen zu der aktuellen Erfahrung passenden verbalen Kontext zu formulieren, damit der Gewinn der Erfahrung im täglichen Leben des Menschen einen Platz finden kann. Die Bedeutung einer gegenwärtigen Erfahrung im Verhältnis zu bereits gemachten Erfahrungen zu erkennen, führt zu Kohärenz und Kontinuität, und dies wiederum ist notwendig, um ein Gefühl von Sicherheit und Wohlbefinden entwickeln und aufrechterhalten zu können.

Das Verhältnis von Erfahrung und Bedeutung ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Es gibt Menschen mit einem hohen Maß an Integration, die die Bedeutung bestimmter Ereignisse in ihrem Leben nicht formulieren könnten, obwohl sie die Einheit von Figur und Grund als durchaus stimmig erleben. Andere hingegen könnten diese Bedeutung sehr wohl formulieren. Manchmal überlagert das Bestehen auf Bedeutung die eigentliche Erfahrung und unterbricht dadurch den reinen Fluß des Erlebens. Andererseits kann die Erfahrung auch sprunghaft und zum Scheitern verurteilt sein, weil sich das Gefühl der Einbindung in einen persönlichen Kontext, und damit das Gefühl von Vertrautheit und Verläßlichkeit, nicht einstellt. Diese Überlegungen muß der Therapeut berücksichtigen, wann immer er der Arbeit mit seinen Patienten eine bestimmte Richtung gibt oder ihr einen besonderen Akzent verleiht.

 

Komposition

Wenn eine Therapie Ausdruck nicht als Widerstand, sondern als Kreativität betrachtet, wie kann dann der innere Konflikt zwischen zwei gleichermaßen respektierten Anteilen eines Menschen zur Schließung kommen? Kein Bedürfnis des Menschen existiert für sich allein, es gibt immer auch seinen Gegenpart. Und die Kombination aus beiden wird nur selten friedlich erreicht.

Die gestalttherapeutische Arbeit mit Polaritäten beschäftigt sich mit diesem inneren Konflikt. Beide an einem Konflikt beteiligte Seiten streben nach Dominanz, gleichzeitig aber sind beide dem Streben des Individuums nach innerer Einheit untergeordnet. Der Verlauf dieses Konflikts kann unterschiedlich sein: Wo zwei Anteile einer Person miteinander unvereinbar zu sein scheinen, kann es entweder zu einer heftigen Ambivalenz kommen, oder aber die eine Seite ordnet sich der anderen unter. Der unterlegene Teil erscheint dann manchmal wirkungslos, oder er arbeitet im Untergrund, wird häufig mit Abwertung belegt und sabotiert den dominanten Teil. Im besten Fall wird das Leben dadurch unruhig und unbehaglich, im schlimmsten Fall entstehen Panik und Angst. Häufig wird der Konflikt in anachronistischen Befürchtungen eingefroren - oder in persönlichen Horrorgeschichten darüber, welche Konsequenzen es hat, den einen oder anderen der widerstreitenden Teile auszudrücken. Um die Interaktion zwischen beiden Teilen wieder in Gang zu setzen, müssen sie sich gegenübertreten, muß der Konflikt ausgedrückt oder ausgesprochen werden. Jemand, der nach außen hin sehr hart wirkt, kann durchaus auch eine weiche Seite haben, unter der er möglicherweise einmal sehr gelitten hat. Diese weiche Seite zu zeigen, hat ihm vielleicht einigen Ärger eingehandelt, oder er hat die Erfahrungen seiner Kindheit verinnerlicht und empfindet die Momente, in denen er sanfter reagiert, als für sein Selbstwertgefühl bedrohlich. Aus seiner Sicht bleibt ihm zum Überleben nichts anderes übrig als seine Sanftmütigkeit zu verstecken und zu unterdrücken. Sehr früh hörte er die Botschaft:

Sei hart, und vergaß darüber, daß diese Botschaft eine andere ausschloß.

Der Therapeut muß der Erscheinung von Polaritäten besondere Aufmerksamkeit schenken, denn auch wenn sie manchmal offensichtlich erscheinen, erfordert ihre Wahrnehmung doch häufig ein äußerst feines Gespür. Während der harte Typ in barschem Ton erzählt, wie seine Mutter von ihrem Chef ausgebeutet und von ihrem Mann geschlagen wurde, bekommen seine Augen einen feuchten Schimmer. Vielleicht huscht nur ein leises Flackern über seine Augen, eine kaum wahrnehmbare Schwellung der Lippen, oder seine Hand entspannt sich ein wenig. Zunächst könnte er diese noch fremde, weiche Seite leicht übersehen und übergehen; wie lange schon hat er schließlich genau das getan. Und selbst wenn er bereit wäre, diese beiden Seiten seiner selbst einen Dialog miteinander führen zu lassen, wäre dies zunächst ein schwacher, kümmerlicher Dialog, gekennzeichnet durch gegenseitige Mißachtung, Verachtung, wenig Engagement und das Gefühl der Sinnlosigkeit - was sollten diese beiden Seiten sich schon zu sagen haben? Dem gegenüber steht der Therapeut, der seine Beobachtungen ins Spiel bringt und dem Patienten dessen Unterschätzung und Zögerlichkeit deutlich macht. Der Patient ist beeindruckt, und der Dialog wird etwas lebendiger. Die beiden Seiten gewinnen mehr Leidenschaft und verlangen sich gegenseitig mehr Anerkennung für ihren Beitrag zur Gesamterfahrung der Person ab. Allmählich wächst die Anerkennung dafür, daß beide auf ihre Art dazu beitragen, die Ganzheit des Individuums zu definieren. Anstatt das eindimensionale Klischee eines harten Typen zu verkörpern, ist er in der Lage, hart und einfühlsam zu sein, also jemand, der gleichzeitig liebevoll und klar oder unverblümt auftreten kann. Er hat die Freiheit, für sich selbst alle möglichen Varianten zu erfinden, sowohl hart als auch weich zu sein. Wenn

das geschieht, ist er ganzer geworden und steht dem, was früher schwierig und unwahrscheinlich schien, deutlich offener gegenüber.

 

Kontaktgrenze

Einander entfremdete Anteile eines Menschen wieder in Kontakt miteinander zu bringen, ist die natürliche Weiterführung der grundlegenden Annahme der Gestalttherapie, daß Kontakt Veränderung herbeiführt. Wir alle sind in unserer Existenz u.a. durch das Gefühl dafür bestimmt, was wir sind und was wir nicht sind. Ebenso sind wir durch das Bedürfnis bestimmt, zwischen diesen beiden zu unterscheiden, und diese Unterscheidungen sind ebenso unvollkommen wie unausweichlich. Perls sagte: »Wo immer und wann immer eine Grenze entsteht, wird sie als Kontakt und Isolierung empfunden.« (Perls, 1991, S. 156)

Das Paradox verwirrt die Seele. Wo die Unterscheidung zwischen dem Selbst und dem anderen am schwierigsten wird, entsteht für den einzelnen das größte Risiko, sich entweder von der Welt zu isolieren, oder aber eine Einheit zu erleben, die ihn verschlingt und seine Identität kostet, weil er den Willen des anderen lebt.

Was die Chemie für die Beziehung der Elemente im Universum ist, ist der Kontakt für den Menschen. Daraus folgern wir, daß man sich um eine Veränderung nicht zu bemühen braucht; sie ergibt sich von allein (vgl. Polster & Polster, 2001, S. 108). Das philosophische Äquivalent zu dieser chemischen Interaktion ist die Hegelsche Annahme, daß jede These ihre eigene Antithese hervorbringt, und der Kontakt zwischen diesen beiden führt zu einer neuen Kreation, nämlich der Synthese. Eine mögliche Folge menschlichen Kontakts sehen wir auch in der Verschmelzung aus dem, was wir sind und was wir nicht sind. Insofern sind wir unserer Umwelt enorm ausgeliefert und müssen sowohl ein Gefühl für uns selbst bewahren als uns gleichzeitig auch den vielfältigen Einflüssen unserer Umgebung öffnen. Wir werden permanent mit der Notwendigkeit konfrontiert, das, was uns begegnet, entweder zu assimilieren oder abzuwehren. Wie Perls, Hefferline und Goodman sagen:

... denn das Leben eines Organismus in seiner Umwelt besteht im wesentlichen darin, daß er seine Eigenart behauptet und, was noch wichtiger ist, daß er die Umwelt seiner Eigenart anpaßt. Die Grenze ist der Ort, wo Gefahren abgewehrt und Hindernisse überwunden werden, wo ausgewählt und vereinnahmt wird, was sich als assimilierbar erweist. Was also ausgewählt und assimiliert wird, ist stets das Neue; der Organismus überlebt durch die Assimilation des Neuen, durch Verwandlung und Wachstum. Nahrung zum Beispiel ist, wie Aristoteles zu sagen pflegte, etwas »Ungleiches«, das »gleich« werden kann; und im Prozeß der Assimilation wird auch der Organismus seinerseits verwandelt. Kontakt ist primär Wahrnehmung des assimilierbaren Neuen und Bewegung zu ihm hin sowie die Abwehr des unassimilierbaren Neuen (Perls, Hefferline, Goodman, 1992, S. 12).

Die Abwehr dessen, was nicht assimilierbar ist, schützt uns davor, etwas zu werden, was wir nicht werden wollen, d.h. unsere individuelle Identität aufzugeben. Wohl ist unsere Freiheit, das, was uns umgibt oder auf uns eindringt, zurückzuweisen, begrenzt. Da wo geraucht wird, müßten Nichtraucher die Luft anhalten, um den giftigen Rauch nicht einzuatmen. Insofern kommt es sehr darauf an, daß der einzelne Umgebungen aufsucht oder sich schafft, die eine gesunde Assimilation oder Abwehr möglichst wahrscheinlich machen, ohne dafür einen zu hohen Preis zu fordern. Die therapeutische Umgebung, sei es in der Einzeltherapie, in der Therapiegruppe oder auch in der therapeutischen Gemeinschaft muß verstärkt Möglichkeiten zur Herstellung von qualitativ hochwertigem Kontakt bereitstellen. In der Therapie stehen hierfür fünf zentralen Faktoren zur Verfügung: 1. Die Schaffung eines neuen, interaktiven Klimas, 2. die Persönlichkeit des Therapeuten, 3. die Erweiterung der Ich-Grenzen, 4. die Stärkung der Kontaktfunktionen und 5. die Entwicklung von Experimenten.

1. Das neue interaktive Klima

Menschen, die sich auf eine therapeutische Gruppe einlassen, bemerken sehr schnell, daß diese Welt sich erheblich von der unterscheidet, die sie aus ihrem Alltag kennen. In der Regel ist die Therapiegruppe eine relativ geschlossene Gruppe von Menschen, die zunächst wenig Verbindung zum täglichen

Leben aufweist. Durch diesen Umstand wird die Angst vor unangenehmen oder gar katastrophalen Folgen zwar nicht beseitigt, aber doch wenigstens gemindert. Die Wahrscheinlichkeit, aufgrund dessen was man sagt oder tut erschossen, verurteilt, geächtet, verprügelt, verspottet oder angeprangert zu werden, ist relativ gering. Die generelle Erwartungshaltung geht in Richtung einer umfassenden Anerkennung, die auch dann noch da ist, wenn schmerzliche Ereignisse die Akzeptanz zweifelhaft erscheinen lassen. Nur höchst selten arbeitet jemand an einem Problem, ohne nicht zumindest von einigen Gruppenmitgliedern mit Respekt bedacht zu werden. Die Teilnehmer stellen nicht dieselben komplexen und z.T. widersprüchlichen Anforderungen wie die Außenwelt. Normalerweise entspricht das Klima in der Gruppe dem Grundsatz »Leben und leben lassen«, und es gibt einen unterschwelligen Optimismus, daß das Kindische, das Verwirrende, das Ekelhafte, das Erschreckende usw. sich bald verwandeln und als schwungvoll, rührend oder aufbauend erweisen und innere Schönheit offenbaren wird. Infolge dessen läßt das Bedürfnis sich selbst zu unterbrechen nach. Wenn man glaubt, daß das, was geschieht, gut ausgehen wird, selbst wenn es im Augenblick schmerzhaft oder problematisch erscheint, werden Anerkennung und Akzeptanz sehr viel leichter. Jeder einzelne kann einen neuen psychologischen Raum entdecken, in dem er funktionieren kann. Die Einengung des psychologischen Raumes eines Menschen fördert Frühreife oder Retardierung, denn die fremdartigen Anforderungen beeinflussen die Bandbreite seiner Möglichkeiten.

Die neue Gemeinschaft ist natürlich kein Garten Eden. Die Teilnehmer einer therapeutischen Gruppe ärgern sich über einander, sie mißverstehen sich oder überlisten sich gegenseitig, sie lassen sich im Stich und beladen ihre Leidensgenossen mit einer ganzen Menge ähnlichem Mist. Für gewöhnlich werden solche gegenseitigen Quälereien aber sehr schnell erkannt, so daß man sich damit auseinandersetzen kann. Dazu trägt das grundsätzlich für Aufklärung offene Klima ebenso bei wie die erweiterten zeitlichen Möglichkeiten oder die Gegenwart eines Therapeuten, der den Auftrag hat, die Dinge im Auge zu behalten.

 

2. Die Persönlichkeit des Therapeuten

In einer Therapie, die Kontakt als eines der Hauptorgane der Persönlichkeit betrachtet, kommt der Persönlichkeit des Therapeuten im Hinblick auf das Erreichen von Verhaltensänderung eine zentrale Bedeutung zu. Die besten Therapeuten, die wir kennen, sind zum größten Teil sehr aufregende Menschen. Sie haben eine Ausstrahlung und gehen in etwas auf. Sie verfügen über einen reichen persönlichen Erfahrungsschatz. Sie können hart oder sanft sein. Sie können ernst oder witzig sein. Sie verändern sich sehr schnell, je nachdem welchen Reizen sie ausgesetzt sind. Sie sind präzise in ihrer Wahrnehmung, klar und einfach in ihrer Ausdrucksweise und mutig genug, um sich neue Erfahrungen zu eigen zu machen und sich den Ungeheuern des Geistes entgegenzustellen. Wenn die Patienten sich für einige Zeit einer solchen Präsenz aussetzen, geht ein Teil dieser Präsenz auf sie über. Die Patienten nehmen eine neue Art der Wahrnehmung an, eine neue Ausdrucks- und Betrachtungsweise. Sie lernen, nach neuen Perspektiven zu suchen. Sie erkennen Alternativen zu dem, was geschieht. Sie lassen sich auf eine neue Partnerschaft des Fühlens ein. Sie erleben jemanden, der es versteht zu akzeptieren, zu frustrieren und zu erregen. Sie begegnen Überraschung und Abenteuer. Und im besten Fall werden sie durchdrungen von dem Respekt davor, was es heißt ein Mensch zu sein.

Angesichts so eindrucksvoller Eigenschaften kann man mit Recht fragen, ob nicht auch eine gewisse Bescheidenheit dazugehört. Glücklicherweise braucht der Therapeut nicht so genial zu sein, wie wir das vielleicht gerne hätten. Wichtiger als all die wünschenswerten Eigenschaften ist die unvermeidliche Tatsache, daß der Therapeut, neben allen sozialen Bezeichnungen, letztlich ein Mensch ist. Als solcher wirkt er auf andere. Als wir einem Vater einmal einen Therapeuten für seinen vierzehnjährigen Sohn empfehlen sollten, fragten wir ihn, ob er eine bestimmte Vorstellung habe. Das ist keine schlechte Frage, wenn es um die Wahl eines Therapeuten geht. Es ist ziemlich klar, daß die Persönlichkeit des Therapeuten einen ähnlich hohen Stellenwert hat wie Technik und Wissen als Determinanten der therapeutischen Richtung. Ein freundlicher Therapeut wirkt auf andere durch seine Freundlichkeit, ein fordernder durch seine fordernde Art, und einer, der an Macht interessiert ist, wirkt eben durch seine Machtorientierung. Natürlich werden viele Eigenschaften eines Therapeuten, die anderswo von Bedeutung sind, in der Therapiesitzung kaum oder gar nicht in Erscheinung treten. Wichtig ist jedoch, daß der Therapeut diese Eigenschaften oder Interessen (wenn sie auf organische Weise auftauchen) nicht zu verstecken braucht, um den Patienten nicht unangemessen zu beeinflussen. Im Gegenteil: der Einfluß des Therapeuten ist unentbehrlich und unvermeidbar, und wenn hierdurch das Risiko entsteht, daß der Patient unangemessenen Forderungen ausgesetzt wird, macht das nur noch einmal deutlich, daß es für eine gute therapeutische Arbeit keine Garantie gibt. Die Freiheit, eine solche Einflußnahme zuzulassen, befreit den Therapeuten nicht von dem sehr viel weitergehenden Auftrag, eine Kunst auszuüben, die seine eigene Persönlichkeit auf respektvolle Weise mit den authentischen persönlichen Bedürfnissen des Patienten in Einklang bringen muß.

 

3. Die Erweiterung der Ich-Grenzen

Unsere Ich-Grenzen umfassen genau das Spektrum von Kontakterfahrungen, die unsere Identität zuläßt. Wir stellen nur da Kontakt her, wo unser Gefühl, noch wir selbst zu sein, durch den Kontakt nicht bedroht wird. Deshalb ist es wichtig, daß wir Aspekte unserer selbst erfahren und kennenlernen, die wir vorher ausgeblendet hatten, so daß wir uns angesichts unvor-hergesehener Reize durch ihr Wiederauftreten nicht unangemessen bedroht fühlen. Der Prüde, für den die vergessene Sexualität eine Gefahr darstellt, der Macho, der von seiner Impotenz terrorisiert wird, der chronische Helfer, der von beunruhigender Wut eingeholt wird - sie alle haben ihre Ich-Grenzen eingeengt und sich dagegen gewehrt, bestimmte entfremdete Aspekte ihrer selbst zu akzeptieren. Der Jammerlappen, der Saboteur, der Blutsauger, das Ungeheuer sind vielleicht Verbannte des Bewußtseins, die nach ihrem Recht schreien, gehört zu werden. Was folgt, ist Unbehagen, denn das Risiko des Wiederauftauchens dieser Eigenschaften führt zu unerträglichen Verzerrungen im Selbstbild des Individuums. Wenn es aber gelingt, inakzeptable Eigenschaften zu

reassimilieren und ihnen eine Stimme zu geben, kann es sein, daß jemand merkt, daß er in Wirklichkeit ganz anders ist als er vielleicht befürchtet hatte, wenn er diesen entfremdeten Anteilen Gehör schenken würde. Sein Selbst-Sinn erweitert sich, umfaßt neue Gefühls- und Verhaltensmöglichkeiten und setzt jetzt angemessene und zeitgemäße Grenzen, die sich nicht an vergangenen Traumata, sondern an der gegenwärtigen Erfahrung orientieren.

Die Fixierung von Gefühl und Verhalten führt immer zu einer Einengung der Welt, in der wir ein gehaltvolles Leben führen könnten. Doch unsere Kontrolle über die Welt und ihre Herausforderungen ist begrenzt; je flexibler wir daher in unserer Selbstakzeptanz sind, desto sicherer können wir in einer sich verändernden Welt leben. Wenn unsere schlimmsten Befürchtungen über uns selbst sich verändern und wir jene vormals als entfremdet erlebten Eigenschaften assimilieren und zu eigen machen, dann wachsen die Möglichkeiten für besseren Kontakt, dann können wir gelassen dem entgegensehen was kommt und auf unsere Fähigkeit vertrauen, angesichts des Vertrauten oder auch des Unbekannten wir selbst zu bleiben.

 

4. Die Stärkung der Kontakt-Funktionen

Vorher war die Rede davon, welche Bedeutung der Unterscheidung zwischen dem, was wir sind und dem, was wir nicht sind, zukommt. Grundlegend für diese Fähigkeit ist der Rhythmus zwischen dem Gefühl eines Menschen für seine

organische Identität und den Funktionen, mit Hilfe derer er Kontakt herstellt und erhält. Die sieben grundlegenden Kontakt-Funktionen sind: sprechen, bewegen, sehen, hören, berühren, schmecken und riechen (Polster und Polster, 2001). Indem er sich auf diese Funktionen konzentriert, versucht der Gestalttherapeut Eigenschaften wie Klarheit, Timing, Direktheit und Flexibilität zu fördern. All diese Kontakt-Funktionen haben unter den Verfallserscheinungen gelitten, die kulturelle Verbote und Unterbrechungen mit sich gebracht haben. Das Aufwachsen und Großwerden scheint allzu häufig ein langer Prozeß zu sein, in dem man lernt, was man nicht sehen, berühren, sagen oder tun darf. Jedesmal, wenn eine dieser Funktionen in ihrem natürlichen Gang unterbrochen wird, wird damit auch ihre Antriebskraft geschwächt. Es stimmt zwar, daß der eine oder andere, wie etwa Demosthenes, durch Härte und Einschränkung inspiriert wird. Doch wahrscheinlicher ist es, daß die meisten Einschränkungen weniger dramatisch ausfallen und unerkannt vorbeiziehen. Viele Menschen haben so lange über ihre eigenen Kontakt-Funktionen hinweggesehen, daß sie zwar erschrocken, sich jedoch des einfachen, aber weitreichenden Defizits kaum bewußt sind. Gestalttherapeuten sind gegenüber solchen Unterbrechungen und Einschränkungen sehr wachsam. Sie müssen das Feingefühl eines Tresorknackers entwickeln, um zu spüren, was fehlt und wovon zuviel da ist.

In der Arbeit mit einem Mann, der unablässig Kauderwelsch redet, könnte der Therapeut den Patienten z.B. auffordern, sich auf einfache Aussagesätze zu beschränken. Oder er könnte auf die durch die Weitschweifigkeit verdeckte Bedeutung eingehen. Einen sprachlich eher verkümmerten Patienten könnte der Therapeut bitten, eine zwar vollständige, aber sehr karge Aussage um ein paar zusätzliche Worte zu ergänzen. In ihrer Erfindungsgabe brauchen Therapeuten dieselbe Vielfalt, die sich auch in den verschiedenen linguistischen Positionen widerspiegelt. Auf diesem Weg werden sie häufig einer Ablehnung gegen direkten Kontakt begegnen. Die Patienten haben z.T. Angst, andere zu verletzen. Sie glauben vielleicht, daß sie, um wirklich verstanden zu werden, zu jeder Aussage eine ganze Geschichte erzählen müßten. Oder aber sie machen kurze, knappe Aussagen und erwarten griesgrämig, daß der andere nachfragt, wenn er mehr wissen will.

Diese Ablehnung muß ernstgenommen werden. Der Weitschweifige mag es unangenehm finden, zu sagen was er meint, weil er sich vielleicht vor der Entdeckung fürchtet, sehr viel kritischer zu sein als er eigentlich sein möchte. Wird er mit seiner kritischen Seite konfrontiert, kann es gut sein, daß er verängstigt reagiert. Die therapeutische Aufgabe besteht dann darin, diese Angst in Erregung umzuwandeln. Wie könnte die kritische Fähigkeit dieses Patienten nun genutzt werden, etwa im Kontakt mit dem Therapeuten? Wenn der Patient die Herausforderung schätzen lernt, entdeckt er vielleicht eine neue Klarheit, einen beißenden Humor oder eine Zuneigung, die auch dem Ausdruck von Kritik standhält. Wenn der Patient anfängt, die Lebendigkeit zu respektieren, die sein Kritikvermögen begleitet, lernt er, seiner zuvor noch stark eingeschränkten Begeisterung mehr Raum zu geben. Die anfängliche Angst vor sich selbst als einem tyrannischen Kritiker kann in die Entdeckung seiner eigenen Wahrnehmungsfähigkeit umschlagen und ihm genügend Schwung geben, sie nicht länger zurückzuhalten.

Dasselbe gilt für die anderen Kontakt-Funktionen. Ein Mann, dem das Hinschauen verboten war, weil er seiner Mutter nicht zwischen die Beine schauen durfte, mag überrascht feststellen, daß seine Therapeutin wunderschöne Augen hat und aufhören, sich das Hinschauen zu verbieten. Eine Frau, die ihre prägenden Lebensjahre damit verbracht hat, steif und mit gefalteten Händen dazusitzen, wann immer sie in Gesellschaft war, lernt vielleicht, sich Unruhe zu erlauben und die pulsierenden Schwingungen zu spüren, die durch Bewegung entstehen können. Menschen, die kaum berührt wurden, können gehalten werden oder anfangen, die verschiedenen Gegenstände und Materialien im Therapiezimmer oder in ihrer Umgebung zu ertasten und zu erspüren. Jedesmal wird der Patient durch die neue Entdeckung der Erregung und die Erfüllung, die mit dem Training der Kontakt-Funktionen einhergeht, unterstützt, ja geradezu inspiriert, weiterzumachen und sie auszuprobieren.

Ein entscheidender Faktor im Zusammenhang mit Assimilation ist die Wiederholung. Es kommt nur sehr selten vor, daß eine einzelne Erfahrung ein Problem ein für allemal löst, al-lerdings kann sie durchaus einen Weg aufzeigen. Leider gelingt die vollständige Wiederherstellung der Funktionen nur selten. Wahrscheinlicher ist es, daß der Patient sich für das Training der Kontakt-Funktion und für eine gelungene Wiederherstellung zeitweilig eingeschränkter Funktionen neue Grenzen setzt. Der Weitschweifige z.B. greift vielleicht in besonders schwierigen Situationen wieder auf seine Weitschweifigkeit zurück, aber immerhin gewinnt er auch deutlich leichter oder schneller wieder an Klarheit. Es wird schwieriger, ihn aus der Bahn zu werfen und leichter, ihn wieder hereinzuholen.

 

5. Die Entwicklung von Experimenten

Die funktionale Psychologie John Deweys vertrat die Ansicht, daß man handeln müsse, um zu lernen. Es ist besser, Kindern einen Bauernhof und eine Molkerei zu zeigen als ihnen lediglich etwas über Milch zu erzählen. Ähnlich verhält es sich mit der Gestalttherapie, wo wir versuchen unsere Gewohnheit, »darüber zu reden« in gegenwärtiges Handeln umzusetzen. Die Patienten werden ermutigt, die entscheidenden Herausforderungen im Leben anzunehmen, indem sie ihre unerwiderten Gefühle und Taten in der relativen Sicherheit der Fachkenntnis und Anleitung des Therapeuten »ausüben« oder »ausspielen«. In der Gestalttherapie nennen wir das den sicheren Notfall. Auch wenn die gewährende und von einfühlsamer Anleitung geprägte Atmosphäre in der Therapie einen Sicherheitsfaktor darstellt, existiert daneben doch auch ein beachtlicher Notfallfaktor, denn die Patienten kommen in die Lage, in Bereiche ihres Lebens vorzudringen, die ihnen vorher verschlossen waren und die nach wie vor mit Angst belegt sind. Eine Frau macht z.B. eine Bemerkung über ihre Großmutter und erzählt in ganz normalem Ton weiter. Wenn der Therapeut diese Frau nun auffordert, ihre Großmutter so zu spielen, wie sie ihr in Erinnerung geblieben ist - wie sie da saß, den Kopf wie ein Vogel leicht zur Seite geneigt - dann bekommt das Gespräch einen neuen Fokus. Die Patientin neigt den Kopf, ahmt Großmutters Haltung nach und schaut den Therapeuten mit demselben bescheidenen und liebevollen Ausdruck an, den sie von ihrer Großmutter kannte. Jetzt erst spürt sie wie es ist, ein so liebevoller Mensch zu sein. Sie errötet angesichts der Lebendigkeit, die das Gefühl mit sich bringt. Früher war ihre Großmutter war für die Patientin wie ein Stern, der aus den Tiefen des Universums strahlte, aber sie war nicht mehr Teil ihres täglichen Lebens. Jetzt erwacht sie zu neuem Leben, und zwar in der Haut der Patientin. Diese unendliche Liebe ist nun zu einem Teil der Wirklichkeit geworden. Daneben taucht auch die Trauer auf, die Trauer über das verlorene Geburtsrecht, das mit dem Tod der Großmutter abhanden kam: verloren deshalb, weil sie nun von allen - ihrem Mann, den Kindern, den Kollegen - gebraucht wird, und wenn sie den anderen nicht geben kann, was sie brauchen, fühlt sie sich nicht liebenswert. Und dann kann sie auch die anderen nicht lieben. Der Therapeut sagt: »Seien Sie Ihre Großmutter, und erzählen Sie den anderen von sich.« Dem Mann der Patientin erzählt die Großmutter jetzt, wie seine Frau als Kind immer wieder zu ihr kam, wie sie alles wissen wollte und ständig neue Geschichten darüber erzählte, was sie gerade entdeckt hatte. Im phantasierten Dialog erwidert der Mann, daß auch er diese Eigenschaft an seiner Frau so sehr liebt und wie sehr er genau das in letzter Zeit vermißt. Den Kindern erzählt die Großmutter, wie die Patientin aus den unmöglichsten Gegenständen, z.B. einer Holzkiste oder einer alten Decke, neues Spielzeug bastelte und neue Spiele erfand. Die Kinder wenden sich ihrer Mutter (der Patientin) zu und antworten mit der Feststellung, daß sie nie einfach nur mit ihnen spielt und daß sie sich das so sehr wünschen würden, und daß ihnen das gemeinsame Spiel viel wichtiger sei als ein regelmäßiges warmes Essen. Die Patientin, die nun bemerkt, was sie in ihrem Erwachsenenleben aufgegeben hat, spürt den Impuls, wieder die zu werden, die sie einmal war und sich selbst zu unterstützen, da die Großmutter sie nun nicht mehr unterstützen kann.

Diese Phantasie ist nur ein mögliches Abbild dessen, was die Wiederbelebung der Großmutter bewirken kann. Die Improvisationsmöglichkeiten sind schier unendlich. Das Ende der Handlung ist offen, denn sie überschreitet den gewohnten Umgang mit Erinnerungen, Ängsten oder Trauer und lenkt den Betroffenen in neue und unabsehbare Richtungen. Im Improvisationszyklus, der im Experiment gleichsam auf die Bühne gebracht wird, tun sich der Patientin ganz neue Wege auf. Etwas Ähnliches haben wir bereits an anderer Stelle gesagt:

 

Das gleiche gilt für den Patienten in der Therapie, der in der Therapiesitzung zittert, leidet, lacht, weint usw. Genau wie der Künstler durchschreitet er unbekannte Erfahrungsgebiete, die eine eigene Realität haben, und wo es keine Garantie für eine erfolgreiche Vollendung gibt. Wieder einmal sieht er sich den Kräften gegenüber, die ihn früher in gefährliche Gebiete gelenkt haben, und die Rückkehr kann so gefährlich werden, wie er reflexiv gefürchtet hatte. Der Therapeut ist der Mentor und Begleiter, der hilft, zwischen den sicheren und den gefährlichen Aspekten des Experiments das Gleichgewicht zu halten; er bietet Unterstützung, Orientierung und Vorschläge. Indem er die natürliche Entwicklung der unerledigten Themen des Patienten bis zur Vollendung fördert, wird der Therapeut Partner des Patienten in der Erschaffung eines Dramas, welches erst geschrieben wird, während es sich offenbart. (Polster und Polster, 2001, S. 226)

Die beiden Hauptformen, die das Gestalt-Experiment häufig annimmt, sind die Darstellung und das gelenkte Verhalten.

Ziel der Darstellung ist die Dramatisierung; hier wird versucht, einen wichtigen Aspekt im Leben des einzelnen darzustellen, z.B. eine unerledigte Situation aus der Vergangenheit, der Gegenwart oder der Zukunft. Ebenso kann aber auch eine bestimmte Eigenschaft des Patienten dramatisiert werden, wobei z.B. eine innere Schattenseite dargestellt wird, die der Patient im normalen Leben nicht zeigen will oder sich zu zeigen fürchtet. Auch Polaritäten können im Dialog dargestellt werden, etwa wenn der Patient eine harte und eine weiche Seite von sich miteinander sprechen läßt. Oder er führt ein Gespräch mit einem phantasierten Gegenüber auf dem »leeren Stuhl«. Ebenso können aber auch visuelle Phantasien oder die verschiedenen Teile eines Traums dargestellt und im Drama oder Rollenspiel inszeniert werden.

Beim gelenkten Verhalten wird der Patient aufgefordert, bestimmte Verhaltensweisen auszuprobieren. So könnte ein Mann z.B. gebeten werden, seine Hände sprechen zu lassen, jeden Tag einen Freund anzurufen, auf seinem Stuhl hin und her zu rutschen während er spricht oder zuhört, »Lieber ...« zu sagen, wenn er Mitglieder aus der Gruppe anspricht, mit dem Akzent der Menschen zu sprechen, bei denen er aufgewachsen ist etc. All das folgt der Maxime, daß Handeln mehr bringt als Reden. Das Handeln birgt zwar ein Risiko, doch läßt es den Patienten auch die Wirkung spüren, von der er durch die Löcher und Brüche seiner bisherigen Erfahrung abgeschnitten war. In seinem neuen und gegenwärtigen Handeln hat der Patient die Freiheit zu improvisieren; anstatt die zwar be-

kannten, aber zum Scheitern verurteilten Handlungsmuster zu wiederholen, auf die er bisher zurückgegriffen hat, kann er auch neue Wege gehen.

Das Experiment eignet sich auch, um eine unerledigte Situation des Patienten in die Gegenwart zu holen. Dadurch wird der Patient nicht nur angeregt, über eine trockene Schilderung vergangener Ereignisse hinauszugehen, sondern auch die Möglichkeiten des Handelns und der Improvisation zu nutzen, um die hartnäckigen und anachronistischen Grenzen seiner Erfahrung zu erweitern und einer Lösung näherzukommen. Die Frau, die zu allen Männern eine gewisse Distanz hält, weil ihr Vater sie auf Abstand hielt, gewinnt eine neue Freiheit, ihre Sehnsucht nach Nähe zu einem Mann auszudrücken und Wege zu finden, wie diese Sehnsucht befriedigt werden könnte - nicht indem sie auf Papas Schoß sitzt, sondern indem sie phantasiert wie es wäre, auf seinem Schoß zu sitzen und ihm zu erzählen, wieviel ihr das bedeutet hätte und was sie sich damals von ihm gewünscht hat. Auch wenn sie zunächst noch etwas ungeschickt sein mag, könnte sie doch versuchen, sich auf eine Umarmung oder eine unter-stützende Geste einzulassen, die ein Mann in ihrem Leben ihr heute vielleicht anbietet, und so ihre Annahme über die scheinbar unvermeidliche Distanz zwischen ihr und den Männern neu überdenken.

Dies sind einige der gestalttherapeutischen Grundlagen, die Verhaltensänderungen bewirken können. Das funktionale Ziel ist die Intensivierung der gegenwärtigen Erfahrung. Die zugrundeliegende Annahme lautet, daß das eigentliche Ziel, nämlich Veränderung, dann erreicht wird, wenn die Gegenwart auf optimale Weise erlebt und erfahren wird. Die Rückbesinnung auf Erfahrung und Anerkennung und das Einlassen auf das, was ist, führt immer zu einer Neuorientierung und dadurch zur Veränderung des Verhaltens. Die Verwirklichung dieser Prinzipien bedeutet, über das Konzept des Widerstands hinauszugehen und den einzelnen als einen Zusammenschluß von Ideen, Wünschen, Zielen, Reaktionen und Gefühlen zu betrachten, die alle nach bestmöglichem Ausdruck streben. Diesen vielfältigen Elementen eine Stimme zu geben bedeutet, einem bislang benachteiligten Teil der Gemeinschaft ein Stimmrecht zuzugestehen. Es ermöglicht diesen Anteilen des Menschen, gewählt und gehört zu werden, anstatt sie zu Entzweiung und Sabotage zu verurteilen.

Gestalttherapie ist ein phänomenologisch induktives System, in dem sich die Entwicklung des Individuums von Augenblick zu Augenblick vollzieht, und in dem es mehr darum geht, den Menschen für einen andauernden Prozeß des Entdeckens zu öffnen als ihn auf eine Reise durch die Zeit zu schicken, um sich mit Vergangenem zu beschäftigen. Dies ist zweifellos eine sehr subtile Unterscheidung. Indem wir keinen historischen, sondern einen zeitgemäßen und aktuellen Fokus wählen, um einen Menschen zu unterstützen, seine Potentiale für kreative Improvisation zu nutzen, fördern wir damit eine fundamentale Fähigkeit, die dieser Mensch braucht - jetzt in der Therapie, letztlich aber außerhalb. Das ist unsere Überzeugung.

 

Anhang / Fragen und Antworten

FRAGE: Die Gestalttherapie, wie Fritz Perls sie praktizierte und verbreitete, erschien damals wie ein trotziger Aufschrei gegen die historische Stellung der Psychoanalyse. Inzwischen hat es den Anschein, als ob sie in der Gegenbewegung angekommen sei und sich hinsichtlich der Betonung der gegenwärtigen Erfahrung selbst übertreffe. Wie sehen Sie die Balance zwischen der Hier-und-Jetzt-Erfahrung und den biographischen bzw. angeborenen Einflüssen auf die Persönlichkeit?

ERV UND MIRIAM POLSTER: Jede frühere Erfahrung, die lebendig und klar durchlebt worden ist, trägt zur biographischen und kontextuellen Basis des gegenwärtigen Handelns eines Menschen bei. Was an früherer Stelle in seinem Leben stattgefunden hat, prägt, erhellt und formt die Gegenwart mit, jedenfalls dann, wenn sie sich tatsächlich erneuert und sich nicht technisch oder pflichtgetreu wiederholt oder selbst nacherzählt.

Es kommt darauf an, frühere Erfahrungen des Menschen mit der Entwicklung neuer und aktueller Ereignisse in Übereinstimmung zu bringen. Wenn man fixiert ist und so tut, als lebe man tatsächlich in der Vergangenheit, führt das zu Leblosigkeit und Zwanghaftigkeit. Die Bewältigung unerledigter Situationen aus der Vergangenheit spielt in der Gestalttherapie eine zentrale Rolle, und ihre Bearbeitung bildet einen wichtigen methodischen Ansatzpunkt. Die Gegenwart ist der einzige Zeitraum, in dem Gewahrsein und Ausdruck möglich ist - sensorisch und motorisch. Mit diesen Möglichkeiten in die unerledigte Situation zurückzukehren bedeutet, sowohl der Biographie und der Geschichte des Patienten als auch den neuen Möglichkeiten der Gegenwart respektvoll gegenüber zu treten.

Gegenwart ist allgegenwärtig, ihre Qualität jedoch ist uneindeutig. Menschen erzählen unzählige Geschichten über ihre Vergangenheit und über frühere Erfahrungen, und diese Ge-schichten schaffen eine tiefe Einheit zwischen Erzähler und Zuhörer. Andere Geschichten sind vielleicht nur Zeitvertreib, oder sie sind nervig oder langweilig. Der Gestalttherapeut ist - ungeachtet aller theoretischen Anforderungen - immer damit beschäftigt, die vielen unterschiedlichen Schattierungen in der Qualität der Gegenwart wahrzunehmen und sich der größtmöglichen Unmittelbarkeit anzunähern.

FRAGE: Ich kann in diesem wirklich wunderbaren Aufsatz keine Aussage bezüglich der Ursachen von Unbehagen, Unzufriedenheit oder Krankheit Ihrer Patienten finden. Können Sie etwas genauer darlegen, ob Sie an psychische Krankheiten glauben und wo die Ursachen hierfür liegen könnten?

ERV UND MIRIAM POLSTER: Das Konzept der psychischen Krankheit ist eng mit einer sprachlichen Tyrannei verbunden, die wir ablehnen. Auch wenn die grundsätzliche Bedeutung dieses Begriffs darin liegt, daß ein Aspekt der Persönlichkeit gestört ist, so trennt er doch implizit zwischen dem pathologischen und dem »normalen« Erleben. Offensichtlich gibt es Leute, deren Störung unterhalb einer Schwelle liegt, die eine solche Trennung ohne weiteres rechtfertigen könnte. Diese Menschen erklären wir dann für krank und ergreifen bestimmte verzweifelte Maßnahmen, wie Einweisung in eine Klinik, Einsatz von Medikamenten usw., die die Wahlmöglichkeiten der Betroffenen völlig außer acht lassen.

Zu sagen, der eine sei gestört und der andere nicht, ist schlichtweg eine praktische, diagnostische und methodische Hilfe und sollte nicht mit den Grundprinzipien einer Störung verwechselt werden, die für jeden Menschen gelten. Schwierigkeiten bekommt ein Mensch dann, wenn er nicht in der Lage ist, das, womit er konfrontiert wird, zu assimilieren. Diese Integrationsstörung kann eine Folge von Überstimulation sein, z.B. wenn jemand sich sehr erschreckt oder ängstigt, oder wenn die zur Entlastung notwendigen Kanäle wie Weinen, Widersprechen, Schreien oder auch Umarmen abgeschnitten sind. Bei einer solchen Überlastung können wir uns verdreht, aufgebläht, ausgemergelt, gedankenverloren, enttäuscht, desillusioniert, bloßgestellt oder frustriert fühlen. In solchen Situationen müssen wir entweder die Wirkung dessen, was wir nicht assimilieren können, loswerden, oder wir müssen diese Erfahrungen re-integrieren, um uns wieder ganz und vollständig fühlen zu können. Sich vollständig und innerlich eins mit sich selbst zu fühlen ist ein elementares Bedürfnis des Menschen, und ein gut funktionierender Organismus strebt danach, dieses Gefühl von Ganzheit herzustellen. Jede Störung, einerlei ob sie die Sprache, die Bewegung, die Sinnesorgane oder was auch immer betrifft, erschwert oder behindert in gewissem Maße unsere Fähigkeit, uns ganz zu fühlen.

FRAGE: Gestalttherapie ohne Widerstand impliziert einen Prozeß und einen therapeutischen Stil, der milder und wahrscheinlich weniger unbarmherzig ist als diejenigen, die mit Begriffen wie etwa dem der Übertragungsneurose arbeiten. Aber entspricht der Widerstand, den Freud als psychologischen Prozeß beschrieben hat, nicht der grundsätzlichen Angst, mit jeder neuen, intensiven und kreativen Erfahrung seine Grenzen oder sein Selbst zu verlieren? Und ist der Widerstand nicht gerade ein Teil dieser Wachstumserfahrung? Wie kann die Gestalttherapie die Tatsache von Wachstum und Leben umgehen oder verändern, indem sie keinen Widerstand gelten läßt?

ERV UND MIRIAM POLSTER: Mehr Milde und weniger Unbarmherzigkeit hat nichts mit unse-rer Sichtweise von Widerstand zu tun. Uns geht es um die negativen Implikationen dieses Begriffs. Wir empfehlen niemandem, die Risiken, die eine Erweiterung von Grenzen mit sich bringt, zu ignorieren. Sowohl in dem unvermeidlichen inneren Konflikt als auch in der Außenwelt gibt es vieles wovor man Angst haben kann. Der innere Konflikt steht in einer unauflöslichen Beziehung zu diesen Grenzen, die wir als Ich-Grenzen bezeichnen und die sowohl den unterstützenden als auch den beängstigenden Faktoren von Verhalten und Erfahrung den Rahmen geben. Was die Betrachtungsweise der »intensiven und kreativen Erfahrung« als einem lebendigen Bestandteil des Wachstums betrifft, haben wir keine Einwände gegen Freud noch gegen irgend jemand anderen. Im Gegenteil, es geht uns darum, die notwendigen inneren Kämpfe zu erneuern.

Was wir sagen ist, daß wir Fixierung, Ausweichen, Leere, Hartnäckigkeit, Stummheit, Blindheit, Raffinesse usw. nicht als Widerstand gegen das betrachten, was manche für die wirklichen Probleme halten. Wir denken, daß dieser Wachstumsprozeß den Konflikt zwischen verschiedenen Anteilen beinhaltet - im Unterschied zu einer einseitigen Betrachtungsweise, die davon ausgeht, daß ein Mensch Widerstand gerade gegen das leistet, was eigentlich am besten für ihn wäre. Das Konzept des Widerstands geht von vorgefaßten Zielen aus, die sich häufig lähmend auf das Wachstum auswirken, insbesondere dann, wenn diese Ziele von der Gesellschaft oder dem Therapeuten definiert werden.

Der Gestalttherapeut versucht also innerhalb der Therapie, einem ansonsten diskreditierten Verhalten möglichst umfassenden Ausdruck zu ermöglichen, sei dies in der Phantasie oder im konkreten Handeln. So könnten wir einen Patienten beispielsweise aufforden, seine Sprachlosigkeit zu verstärken, seinen Kiefer schlaff herunterhängen zu lassen, seine Schultern hängen zu lassen und seinem Blick einen leeren, starren Ausdruck zu erlauben. Und siehe da, der intelligente, energievolle, aber auch getriebene junge Mann entdeckt seine Fähigkeit, sich zu entspannen, er entdeckt, daß Sprachlosigkeit nicht den Panikzustand bedeuten muß, den er befürchtet hatte, sondern auch eine Entlastung, eine Abwesenheit von Angst mit sich bringt, von der er nicht wußte, daß er sie fühlen könnte. Das aber bedeutet, daß die Wahrscheinlich-keit, in den unausweichlichen Momenten, in denen er nicht mehr weiter weiß, mit Panik zu reagieren, wesentlich abnimmt. Die Gelöstheit, die er in seiner Sprachlosigkeit entdeckt hat, kann seine Intelligenz zu einem agilen und verläßlichen Teil seiner selbst werden lassen und es ihm gleichzeitig ermöglichen, sein Unwissen wohlwollend zu akzeptieren.

Man könnte einwenden, dies sei lediglich eine Frage der Bezeichnung und daß wir dem Widerstand nur einen anderen Namen gäben. In gewisser Weise stimmt das, aber es stimmt auch, daß Veränderungen häufig gerade aus solchen Umbenennungen entstehen. Solche Veränderungen sind Reaktionen auf einen früheren mißbräuchlichen Umgang mit Worten. Der Perspektivwechsel, der mit der Umbenennung von »Widerstand« in »Konflikt« hat in der Tat Auswirkungen auf unser methodisches Vorgehen als Therapeuten. Viele Konzepte, die das Verhalten beeinflußt haben, sind eigentlich nur kleinere Perspektivwechsel. Man kann nicht erwarten, daß ein neues Konzept etwas völlig Neues darstellen müßte.

FRAGE: Ich habe eine Untersuchung zum Leben von Therapeuten durchgeführt, und dabei habe ich festgestellt, daß sie das Leben gerne durchschauen würden und unbewußt oft damit beschäftigt sind, mit Hilfe ihrer Patienten oder Klienten ihr eigenes verborgenes und ungeklärtes Leben zu durchschauen. Ist es in der gestalttherapeutischen Praxis möglich, phänomenologisch so sauber zu arbeiten, daß man sagen könnte: Hier spielt das Bedürfnis, das Leben zu durchschauen keine Rolle mehr? Mein Eindruck ist, daß dieses Bedürfnis bei Perls selbst noch stärker ausgeprägt war als bei anderen.

ERV UND MIRIAM POLSTER: Wir haben in unserem Artikel bereits gesagt, daß es schwierig ist, »den Magnetismus des aufdeckenden Phänomens zu überwinden.« Es ist ziemlich unwahrscheinlich, daß man jeden Augenblick ganz »rein« erlebt und dabei auch noch offen ist, nur das zu entdecken, was neu oder noch nie da gewesen ist. Wir haben einen methodisch sinnvollen Unterschied zwischen dem aufdeckenden und dem kreativen Phänomen beschrieben. Im Prozeß der Umwandlung Reinheit zu erwarten, wäre absurd.

Es stimmt, daß Fritz Perls immer sehr stark von seiner Geschichte als Psychoanalytiker geprägt war und daß die psychologisch-aufdeckende Arbeit ihn wahrscheinlich fasziniert hat. Es stimmt aber auch, daß trotz dieser Besonderheit seiner Arbeitsweise selbst gelegentliche Beobachtungen deutliche Unterschiede zwischen seiner schrittweisen Arbeit mit der gegenwärtigen Erfahrung und der psychoanalytisch-interpretativen Vorgehensweise gezeigt hätten. Wir müssen sowohl unsere Gemeinsamkeiten als auch unsere Unterschiede so zur Kenntnis nehmen, wie sie auftauchen, und uns nicht gleichmachen, nur weil wir nicht in allem unterschiedlich sind.

FRAGE: Halten Sie in der Gestalttherapie auch andere Modalitäten für wertvoll? Zum Beispiel: Machen Sie Spielanalysen wie die Transaktionsanalytiker, arbeiten Sie mit Bildern und kreativem Ausdruck wie die Jungianer oder mit Meditation wie im Yoga etc.? In Ihrem Aufsatz gibt es keine spezifischen Hinweise auf bestimmte Techniken der Gestalttherapie; oder ist es so, daß ähnlich wie in der intuitiven Therapie früher oder später sämtliche Techniken zur Anwendung

kommen?

ERV UND MIRIAM POLSTER: Wir finden viele technische Modalitäten in unserer Arbeit sehr wichtig. Das methodische Konzept des Experiments ist für uns der Eintritt in die ganze Bandbreite von Übungen und Spielen, die in den letzten 25 Jahren erfunden worden sind. Wir können nicht nur dieses Repertoire in unsere Arbeit mit einbeziehen, sondern jeder Gestalttherapeut kann auch auf seine eigene Erfindungsgabe zurückgreifen, um individuelle Experimente für individuelle Bedürfnisse zu entwickeln. Wenn wir mit einem Künstler arbeiten, der mit einem schwierigen Gemälde beschäftigt ist, könnten wir dem Künstler vorschlagen, einen Teil des Bildes im Dialog darzustellen: eine Farbe spricht mit einer anderen, eine Figur mit einer anderen usw. Wir arbeiten mit Musik. Wir arbeiten mit Bewegung, Tanz, Schattenboxen, Stretching, mit der Darstellung von Starre, Zappeln usw. Wir gebrauchen Metaphern, spielen in Allegorien und erzählen Lebensgeschichten so, als wären sie eine Komödie von Laurel und Hardy oder ein Film von Bergman oder Fellini. Wir lassen Phantasien darstellen oder ein Erlebnis so betrachten, als wäre es Teil einer Soap Opera usw.

Yoga-Übungen, Meditationserfahrungen, freie Assoziation, Mandala-Malen, visuelle Vorstellung, Pantomime, Gruppen-Traumarbeit usw. - all das sind mögliche Zutaten im Repertoire eines jeden Gestalttherapeuten. Worum es letztlich geht ist, daß der einzelne mit dem experimentiert, was sein Gewahrsein und seine Kontaktfähigkeit fördert.

 

Literatur

Beisser, A.R.: Gestalttherapie und das Paradox der Veränderung. In: Beisser, A.R.: Wozu brauche ich Flügel? Ein Gestalttherapeut betrachtet sein Leben als Gelähmter. Wuppertal: Peter Hammer Verlag 1997, S. 144-148.

Perls, F.: Das Ich, der Hunger und die Aggression. München: DTV 1991.

Polster, E., & Polster, M.: Gestalttherapie. Theorie und Praxis der integrativen Gestalttherapie. Wuppertal: Peter Hammer Verlag 2001.

Perls, F., Hefferline, R., & Goodman, P.: Gestalttherapie - Grundlagen. Ausgabe in zwei Bänden (Grundlagen & Praxis) München: DTV 1991.

 

Praxisadressen von Gestalttherapeuten/-innen

 

Eving und Miriam Polster

Erving und Miriam Polster sind die wohl bekanntesten Gestalttherapeuten der Welt. Vor fast 30 Jahren veröffentlichten sie ihr Grundlagenwerk »Gestalttherapie. Theorie und Praxis der integrativen Gestalttherapie« (als erweiterte Neuauflage 2001 in unserer Edition des Gestalt-Instituts Köln im Peter Hammer Verlag erschienen).

Und schon weit länger waren sie - im Rahmen des von ihnen gemeinsam geleiteten Gestalt Training Center - San Diego/Kalifornien - als Ausbilder tätig. Aus ihrer intensiven Therapie- und Lehrtätigkeit sind weitere zahlreiche Veröffentlichungen hervorgegangen - u.a. die folgende Sammlung ihrer Artikel zur Praxis der Gestalttherapie: »From the Radical Center. The Heart of Gestalt Therapy« © 1999 by The Gestalt Institute of Cleveland Press.

Zur Zeit bereiten wir die Veröffentlichung der deutschen Ausgabe dieses Buches vor. Sie wird im Herbst 2002 in der Edition des Gestalt-Instituts Köln im Peter Hammer Verlag erscheinen - und zwar unter dem Titel: »Das Herz der Gestalttherapie. Beiträge aus vier Jahrzehnten«.

Weitere Informationen dazu finden Sie in der nächsten Ausgabe unserer Zeitschrift (Heft 2/2002).

Der nebenstehende Beitrag, der an dieser Stelle zum ersten Mal in deutscher Sprache erscheint, ist in dieser Aufsatzsammlung erschienen.

Aus dem Amerikanischen von Ludger Firneburg.

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