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Miriam Polster
Gestalttherapie:
Die Sprache der Erfahrung


Aus der Gestaltkritik

Gestaltkritik - Die Zeitschrift mit Programm aus dem Gestalt-Institut Köln
Gestaltkritik (Internet): ISSN 1615-1712

Themenschwerpunkte:

Gestaltkritik verbindet die Ankündigung unseres aktuellen Veranstaltungs- und Weiterbildungsprogramms mit dem Abdruck von Originalbeiträgen: Texte aus unseren "Werkstätten" und denen unserer Freunde.

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  Hier folgt der Abdruck eines Beitrages aus der Gestaltkritik 2-2001:

Miriam Polster
Gestalttherapie:
Die Sprache der Erfahrung

 

Miriam Polster (Foto von Thomas Bader)Miriam Polster (Foto: Thomas Bader)

 

In letzter Zeit hat mich eine Entdeckung sehr beeindruckt, nämlich wie viele Artikel, Aufsätze und sogar Bücher sich mit der Sprache der Psychotherapie beschäftigen. In einigen dieser Beiträge zeichnen sich bereits karikaturistische Tendenzen ab, und wie das bei guten Karikaturen so ist, treffen viele von ihnen durchaus ins Schwarze. Angeregt durch die Beschäftigung mit diesen Beiträgen, begann ich, über die Sprache der Erfahrung nachzudenken. Was wissen wir darüber? Und in welchem Verhältnis steht sie zu unserer psychotherapeutischen Arbeit?

Es gab eine Zeit, in der viele Gestalttherapeuten der Ansicht waren, daß es zumindest schwierig, wenn nicht gar destruktiv sei, über uns und unsere Erfahrungen zu sprechen. Damals versuchten wir, die lähmenden Auswirkungen der ausschließlich verbal orientierten Therapien, die wir übernommen hatten, zu überwinden. Doch bei dem Versuch, dem tödlichen Einfluß des Zuviel-Redens etwas entgegenzusetzen, verfielen wir allzu leicht ins andere Extrem und bevorzugten die Sprachlosigkeit, gerade so, als ob das Fehlen von Sprache authentischer sei als die Fähigkeit, Worte und Sprache wirkungsvoll und wohldosiert einzusetzen. In diesem Yin und Yang der sprachlichen Moden gilt es nun, einen Ansatzpunkt zu finden und einige Grundsätze der Beziehung zwischen Sprache und Erfahrung herauszuarbeiten. Anfangen möchte ich mit einem recht bekannten und für die Gestalttherapie grundlegenden Prinzip, nämlich dem der Bildung von Figur und Grund.

Als Gestalttherapeuten haben wir versucht zu definieren, was eine gesunde Funktionsweise ausmacht. Eines der Kriterien für eine gesunde Funktionsweise besteht definitionsgemäß darin, daß das Leben als Abfolge von Figur- und Grundbildungen erlebt wird (Polster & Polster, 1973). Meine Erfahrung konzentriert sich auf eine Figur, die mich gerade interessiert und anzieht, die meine Aufmerksamkeit bindet, mich beschäftigt, mir neues und ansprechendes Material, neue Details und eine gewisse Fülle verspricht; auf diese Figur reagiere ich und bleibe solange interessiert, bis ich irgendwann das Gefühl habe, daß es genug ist, um mich dann einer anderen, inzwischen interessanter gewordenen Figur zuzuwenden, ohne mich etwa schuldig oder schlecht zu fühlen, weil ich mich abgewandt habe.

Wenn wir Glück haben, machen wir im Laufe unseres Lebens eine ganze Menge solcher Erfahrungen. Wir beschäftigen uns mit dem, was in unserem Leben geschieht. Wir halten in jeder neuen Erfahrung nach etwas Ausschau, das uns animiert und belebt, das uns neugierig macht, uns verwirrt oder befriedigt. Eine gesunde Beschäftigung mit der Umwelt zeichnet sich durch ein Gefühl des Fließens aus, man könnte auch sagen: durch einen lebendigen Mangel an Vorurteilen. Langeweile ist Vorurteil in Aktion. Wenn ich mich langweile, dann deshalb, weil es da etwas gibt, das ich nicht sehen, nicht erkennen oder nicht tun will. Das Vorurteil drängt das Gefühl von lebendiger Beschäftigung mit meinen Erfahrungen in den Hintergrund und führt zu einer kraftlosen Interaktion, der Langeweile.

Da wir aber sprachliche Wesen sind, bin ich der Auffassung, daß unsere Sprache dieses Figur-Grund-Phänomen auf vielfältige Weise unterstützen kann.

Paul Goodman sagt:

Ein Großteil unserer Erfahrung besteht in der lautlosen Wahrnehmung von Körper und Umwelt oder in wortlosem Handeln innerhalb dieser Umwelt. Indem die Sprache aber fast jede Art von Erfahrung aufgreifen kann, also auch solche Erfahrungen, die aus lautlosen Wahrnehmungen und wortlosen Handlungen bestehen, erzeugt sie einen unermeßlichen Reichtum an verbalisierten Erfahrungen (Goodman, 1971).

Er sagt also, daß die Sprache sich an unsere Erfahrung anheften kann, zum großen Teil nonverbal, und zwar auf eine Weise, die ihr eine gewisse Funktion verleiht. Anders ausgedrückt heißt das, daß Sprache und Erfahrung sich wechsel- und gegenseitig beeinflussen. Da wir sprachliche Wesen sind, beeinflußt unsere sprachliche Fähigkeit unsere Wahrnehmung von Erfahrung.

Goodman beobachtet weiter:

Die normale Sprache ist immer Ausdruck des konkreten Umgangs mit einer realen Situation. Diese reale Situation kann selbstverständlich auch erinnerte, verinnerlichte Konzepte wie die zweite Natur sowohl des Sprechenden als auch des Hörenden beinhalten (Goodman, 1971).

In diesem Abschnitt beschreibt Goodman Figur und Grund. Die Figur besteht in der aktuellen Situation und dem entsprechenden Umgang mit ihr durch die Sprache, während der Hintergrund dieser Erfahrung sich aus den (wahrscheinlich unausgesprochenen) »in der Erinnerung gespeicherten Konzepten« sowohl des Hörers als auch des Sprechers bildet. Hier erkennen wir sehr deutlich den fortwährenden rhythmischen Tanz zwischen Figur und Grund und die Rolle der Sprache in diesem Tanz.

Das Denken wurde lange Zeit als subvokales Selbstgespräch verstanden, und es stimmt, daß wir relativ viel Zeit darauf verwenden. Wer einmal versucht hat zu meditieren, weiß was es bedeutet, dieses nicht enden wollende innere Geplapper verstummen zu lassen. Und in manchen Meditationsformen lassen wir den inneren Redefluß eigentlich gar nicht verstummen, sondern bedienen uns eines Mantras, um uns von ihm abzulenken. Wenn wir unentwegt mit uns selbst sprechen, dann kann das unsere Erfahrung entweder verstärken oder abstumpfen. Entweder wird unser Erleben klarer und lebendiger, oder aber es wird dumpfer und trüber.

Woran aber erkennt man nun eine gute Sprache?

Sie ist lebendig, sie ist spezifisch, sie ist genau, und sie trägt das Gewicht des Augenblicks. Kurz, um Joyce Cary zu paraphrasieren: »Sie transportiert sowohl das Faktum als auch das Gefühl zu diesem Faktum« (Cary, 1961). Sie hilft uns, unsere momentane Erfahrung klar und befriedigend zu definieren.

Ich möchte den Begriff »Definition« von zwei unterschiedlichen Seiten beleuchten. Zunächst einmal kennen wir die Bedeutung, die das Lexikon anbietet, also eine Beschreibung dessen, was gemeint ist sowie einige Synonyme und Beispiele, aus denen hervorgeht, wie das betreffende Wort gebraucht werden kann. Es gibt aber noch eine andere Bedeutung des Wortes »Definition«, und diese Bedeutung bezieht sich darauf, wie etwa ein Photograph den Begriff gebraucht, wenn er von einer klaren Definition spricht, von einem klar definierten Motiv oder von einer klar und detailliert wahrgenommenen Form. Eine der wichtigsten Funktionen einer guten Sprache besteht darin, unsere Erfahrung in beiden Bedeutungen des Wortes klar definieren zu helfen. Eine klare Definition führt zu einem wachen Gewahrsein und einer umfassenden Wahrnehmung der Ereignisse. Insofern ist die klare Definition der Erfahrung eine der wichtigsten Funktionen von Sprache.

Eine weitere Funktion von Sprache, und eine, die sich etwas schwieriger darstellt, ist die Fähigkeit zu abstrahieren. Wir kennen die Vorbehalte gegenüber Abstraktionen als einer Möglichkeit, uns von unserem Erleben und seiner Aktualität zu distanzieren; dennoch sollten wir den möglichen Mißbrauch der Abstraktionsfähigkeit nicht mit ihren unzweifelhaft ebenfalls bestehenden Vorzügen in einen Topf werfen. Kurt Goldstein hat

sehr deutlich dargelegt, was der Verlust der Abstraktionsfähigkeit für die von ihm untersuchten hirngeschädigten Soldaten bedeutete, denn für sie war dieser Verlust etwas wirklich Schreckliches, und das gilt ganz allgemein für jeden, der allzu leicht auf nützliche Abstraktionen verzichtet.

Abstraktionen und Verallgemeinerungen gewähren uns die Möglichkeit, unsere aktuelle Erfahrung zu betrachten, und das ist notwendig. Wir brauchen diesen Blick, weil wir unausweichlich und für immer in unsere Erfahrung, und nur in sie, eingebunden sind. Häufig sind wir mit mehr beschäftigt als wir eigentlich schaffen können. Wir brauchen Zeit, brauchen die Möglichkeit, Abstand zu nehmen - wenn nicht physisch, so wenigstens symbolisch - und unsere gegenwärtigen Erfahrungen wieder in die Kontinuität unseres Lebens einfließen zu lassen.

Während einer Therapiedemonstration sagte Fritz Perls einmal, Bedeutung sei die Beziehung zwischen Figur und Grund. Die Fähigkeit zu abstrahieren ist für die Entstehung von Bedeutung wesentlich. Indem wir abstrahieren, bilden wir nützliche, passende Kategorien und Klassifikationsschemata, die es uns ermöglichen, die gegenwärtige mit früheren Erfahrungen zu vergleichen. Durch nützliche Vergleiche wird das Gefühl für die Kontinuität des Lebens bestärkt bzw. wiederhergestellt. Ich kann mich vergewissern, daß ich in der Lage bin, eine Situation, die mir im Augenblick vielleicht überwältigend erscheint, dennoch zu meistern oder durchzustehen. Ich kann die aktuellen Umstände mit früheren, ähnlichen Umständen vergleichen und mir z.B. klarmachen, wie schmerzvoll die Situation ist, wie lange bestimmte Gefühle oder Reaktionen andauern können, oder ich kann mich einfach daran erinnern, daß ich früher schon einmal etwas Ähnliches durchgestanden habe, so daß es mir wahrscheinlich auch diesmal gelingen wird. Diese Fähigkeit ist für das Überleben von unschätzbarem Wert. Wir werden nicht von unserem Erleben und unseren Erfahrungen durchgeschüttelt, sondern gehen wach und selbstbewußt durch sie hindurch. Unser Leben ist nicht mehr bloß »laut, wild und bedeutungslos.« Vielmehr flechten wir die Bedeutung dieses Lebens aus den Fäden unserer Erfahrung; und einer dieser Fäden ist die Sprache.

Schließlich ermöglicht die Sprache der Erfahrung das Wiederauftauchen von nützlichen Erinnerungen. Dies geschieht, indem die gegenwärtige Erfahrung präzise zusammengefaßt und beschrieben wird, sei es gegenüber einem anderen oder durch meinen inneren Monolog, sowie durch die Bestärkung des Gefühls von Vollständigkeit. Das rechte Wort tut dies, weil es in einer wiederherstellbaren Weise aufgenommen werden kann. Auf diese Weise bereichert die Sprache meine gegenwärtige Erfahrung und eröffnet mir für die Zukunft die Möglichkeit, mich auf die dann aktuellen Erfahrungen einzulassen, während Erfahrungen der Vergangenheit meine Sichtweise nötigenfalls unterstützen und erweitern.

Goodman hat beschrieben, wie die Sprache den Sprecher verfehlen, und dadurch das, was er sagen will, gerade nicht transportieren kann. Er nennt das - zu Recht, wenn auch vielleicht etwas verkürzt - eine Form von Aphasie. Normalerweise versteht man unter Aphasie eine organisch bedingte Einschränkung des Sprechvermögens unterschiedlicher Ausprägungen. Es kann sein, daß ein Aphasiker entweder überhaupt nicht sprechen, oder z.B. zwar stammeln, aber keine klaren Worte formen kann. Was man dann sieht, ist eine gewisse Vehemenz und Energie, denen aber keine Worte zur Verfügung stehen, um sich auszudrücken. Eine andere Variante ist die, daß der Aphasiker zwar Worte zur Verfügung hat, diese aber nicht zu den Dingen oder Handlungen passen, die er zu beschreiben versucht. Er sagt z.B. »Brille« und zeigt gleichzeitig auf eine Schreibmaschine.

Goodman spricht von einer nicht-organischen Art von Aphasie, die man als erlernte oder erworbene Aphasie bezeichnen könnte, vielleicht auch als selektive Aphasie. Einige ihrer Merkmale stimmen genau mit denen der organischen Funktionsstörung überein.

Eine Form der erworbenen Aphasie zeigt sich darin, daß Menschen nicht in der Lage sind, in Worte zu fassen, was sie erleben oder erfahren. Wie bei der organisch bedingten Aphasie verfügen sie nicht über die Worte, mit denen sie ihre Befindlichkeit oder Gefühle fassen, beschreiben oder mitteilen könnten. Sie haben keine Möglichkeit, mit Worten auszudrücken, was mit ihnen los ist. Bei einer anderen Form der erworbenen Aphasie existieren zwar die Worte, jedoch haben sie keine Verbindung zu den Besonderheiten der Erfahrung. Das Wort ist nicht an die erlebte Wirklichkeit angekoppelt, so daß zwar eine Fülle von Worten zur Verfügung stehen, die aber nichts mit dem Gefühl oder den Umständen zu tun haben, die sie scheinbar zu beschreiben versuchen.

Wie geschieht so etwas? Wie wird man aphasisch?

Im Laufe seines Lebens wird jeder Mensch mit Erfahrungen konfrontiert, die er nicht machen kann oder nicht machen darf. Dadurch, daß die Umgebung diese Erfahrungen verleugnet, bestraft, überspielt oder unterschiedlich benennt, gibt es für sie keine Worte. In einer Welt, in der es niemals schneit, gibt es kein Wort für Schnee. In einer Gesellschaft, in der es niemandem erlaubt ist, Ärger auszudrücken, wird es kaum Worte für Ärger geben. Das heißt nicht, daß es keinen Ärger gäbe, sondern daß es dort keine Sprache gibt, um dieses Gefühl angemessen auszudrücken und wirkungsvoll damit umzugehen.

Wenn die primären Bezugspersonen eines Kindes diesem nicht erlauben, eine bestimmte Erfahrung zu machen bzw. diese präzise zu benennen, lernt das Kind dadurch, daß man nicht streiten darf, daß man nicht kritisieren, traurig sein, angeben oder nicht zu erregt sein darf. Langsam und Stück für Stück verdorren die Worte, die solche Gefühle ausdrücken könnten, ebenso wie alles Wachsende (und Sprache ist schließlich etwas Wachsendes) verdorrt und verwelkt, wenn man ihm die Bedingungen entzieht, die es zum Wachsen braucht.

Unter anderen Bedingungen kann das Kind das Gefühl nicht erhalten und gerät auf diese Weise in Schwierigkeiten. Jedes Verhalten, das in einem unerfahrenen und unreifen kleinen Menschen auftaucht und bestraft wird, wird mit großer Wahrscheinlichkeit aussterben. Ein Kind kann sich vor Aufregung gar nicht mehr halten, es springt hin und her und ist völlig aus dem Häuschen und zack! - macht es sich in die Hose und wird dafür entweder hart bestraft oder ausgelacht. Diese Bestrafung wird von Worten begleitet, die das Verhalten des Kindes als schlecht definieren. Was aber ist nun schlecht: Die Aufregung? Das In-die-Hose-Machen? Oder das Hin-und-her-Springen? Dieses undifferenzierte Vermischen verwischt das eigentliche Geschehen und läßt die Sprache, die zur Klärung beitragen könnte, verarmen. Was das Kind dadurch lernt ist, daß zu viel Erregung eine Katastrophe bedeutet.

Eine weitere Möglichkeit, wie Aphasie entstehen kann besteht darin, Gefühle falsch zu benennen oder sie grundsätzlich zu verleugnen. »Mama liebt dich, Kleines, aber im Augenblick hat sie sehr viel Arbeit.« Lieben und Arbeiten hängen also irgendwie zusammen, und Arbeiten ist wichtiger. Oder: »Ich bin nicht überreizt, du bist nur im Augenblick zu schmutzig, um mich anzufassen.« Nicht überreizt? Schmutzig? - Oder das beste Beispiel, das sich häufig in Arztpraxen abspielt: »Siehst du, das hat doch überhaupt nicht wehgetan, oder?«

Eine andere Art, Aphasie zu erzeugen (ein Gruppenprojekt) besteht darin, sich in das zu ergehen, was unsere Kritiker als »Psychojargon« bezeichnen, also Slogans, Formeln und Phrasen zu benutzen. Ich habe einen Artikel mit der Überschrift »Marin County«, »hot tub« oder »encounter group« gelesen. Darin liest man viele Worte, von denen wenige wirklich etwas aussagen, während die meisten über kontaktvolle Interaktion schwafeln. Paul Goodman (1971) meinte dazu: »Was die Sprache tötet, ist dummes, stereotypes, faules oder korrektes Sprechen. Es gibt eine Tendenz zum Zerfall der Massensprache.«

Wenn nun jemand, der an einer nicht-organischen Aphasie leidet, niemals Erfahrungen macht, die die Grenzen seiner Sprachfähigkeiten strapaziert, kann er - wenn auch mit gewissen Einschränkungen - durchaus zurechtkommen. Wenn es nie regnet, braucht man kein Wort für Regenschirm. Aber irgendwann einmal regnet es in jedem Leben, und deshalb stehen die Chancen, ein ganz und gar stabiles und routiniertes Leben führen zu können, eher schlecht. Wahrscheinlicher ist es, daß der Aphasiker, sobald die unaussprechliche Erfahrung auftaucht, sich entweder durch sie bedroht fühlt, während er gleichzeitig keine Worte hat, um die daraus resultierende Angst oder Verunsicherung mitzuteilen, oder aber daß er keine »in seiner Erinnerung gespeicherten Konzepte« zur Verfügung hat, auf die er zurückgreifen könnte, um eine für ihn hilfreiche Perspektive zu entwickeln. Also wird er entweder dumpf und stumpfsinnig, um der Angst zu entgehen, oder aber er verringert seine Angst durch ein impulsives, unangemessenes oder gar schädigendes Verhalten.

Ich möchte ein paar Beispiele für eine funktionsgestörte Sprache anführen, eine Sprache, die die aktuelle Erfahrung jener Vitalität und Klarheit beraubt, die wir für eine gesunde Funktionsweise als unabdingbar ansehen.

Zum einen gibt es eine nicht unterscheidende Sprache, die sich durch den Gebrauch von Allgemeinplätzen und Universalwörtern auszeichnet. Diese Wörter sind allgemein gebräuchlich und stereotyp, sie sind nicht besonders komplex und hängen häufig vom Verstehen bzw. Mißverstehen des Zuhörers ab. Auch der »Jargon« gehört in diese Kategorie. Ein Beispiel hierfür wäre etwa der Ausdruck: »Das beunruhigt mich«, der in Sätzen vorkommt wie: »Mein Chef hat mir eben gesagt, daß ich diese Woche arbeiten kommen muß, und das beunruhigt mich.« »Gestern Nacht ist mein Hund überfahren worden, das beunruhigt mich.« »Als ich neulich mit meiner Mutter sprach, erzählte sie mir, daß meine Eltern sich scheiden lassen wollen, was mich wirklich beunruhigt.« Eine andere Art von nicht unterscheidender Sprache zeigt sich, wenn man Klienten in der Therapie fragt, wie sie etwas, das sie gerade erzählt haben, empfinden und sie dann antworten: »Okay …« oder »Gut …« oder, und das kommt wahrscheinlich häufiger vor: »Ich weiß nicht …«

Auch eine Sprache, die nicht viele Verben, dafür aber eine große Anzahl an Substantiven beinhaltet, ist funktionsgestört. Substantive sind Wörter, die Erfahrungen klassifizieren und den Anschein erwecken, als seien diese Erfahrungen gleichbleibend und unveränderlich. Darüber hinaus sind Substantive nicht handlungsanregend. Jemand sagt zum Beispiel: »Ich wäre gerne Schriftsteller«, und nicht: »Ich würde gerne schreiben.« Bei genauerer Betrachtung sieht man, daß es sehr viel leichter ist zu schreiben als ein »Schriftsteller zu sein«. Kürzlich arbeitete ich in einem Workshop mit einer Frau, die von sich selbst fast ausschließlich in Substantiven sprach. Unter anderem sagte sie: »Ich bin Mutter«, und als sie das sagte, saß sie mit gekreuzten Beinen auf dem Boden. Ich bat sie, diesen Satz in ein Verbform zu bringen, und als sie daraufhin sagte: »Ich muttere«, machte sie mit den Armen eine weite, ausladende Bewegung und stand vom Boden auf. Dadurch, daß sie ein Verb gebrauchte, verwandelte sich ihre Äußerung in eine Bewegung und eröffnete sich so neue Handlungsräume. Das Substantiv »Mutter« hatte sie statisch und unbeweglich gehalten, und diese Fixierung wurde vielleicht allenfalls kurzzeitig aufgehoben, wenn sie zum Muttertag Blumen geschenkt bekam.

Eine andere Form der erworbenen Aphasie äußert sich in einem spärlichen Gebrauch von Hinweis- und Bezugspunkten. Jemand schildert z.B. ziemlich vage und allgemein einen ganzen Lebensabschnitt und stellt schließlich fest: »... und deshalb geht es mir so schlecht.« Abgesehen von der passiven Stimme einer solchen Sprache zeigt sich hier ein ziemlich chaotischer Versuch, ein Wollknäuel abzuwickeln. Im Wirrwarr der Sprache äußert sich das empfundene Durcheinander im Leben dieses Menschen. Bleiben Erleben und Erfahrung nebulös, dann ist es nicht leicht, die Schwierigkeiten zu erkennen und Lösungswege aufzutun. Dieses gigantische und nicht definierte »Deshalb« erscheint geradezu unendlich, weil es anscheinend keine Möglichkeit gibt, zu verstehen, worin es eigentlich besteht.

Und schließlich gibt es noch jene Form der erworbenen Aphasie, die sich darin zeigt, daß Worte wie Objekte behandelt werden, was darauf zurückzuführen ist, daß Erfahrungen falsch benannt werden. Man lernt, viele Worte herauszuschleudern und sich hinter ihnen zu verstecken - in der Hoffnung, daß irgendwo in diesem Sammelsurium von Worten ein oder zwei Worte enthalten sind, die den Anforderungen der Situation entsprechen. Hier werden Worte wie Objekte benutzt, sie werden herumgestoßen und vorgeschoben, ohne jedoch zum eigentlichen Kern der Erfahrung vorzudringen oder diesen widerzuspiegeln. Häufig werden diese Worte sehr unpersönlich in den Raum gestellt. Ich hatte eine Klientin, die mir fast immer wenn ich sie fragte, wie sie angesichts eines Ereignisses, von dem sie erzählt hatte, empfinde, mir eine ganze Liste aufzählte. Sie sagte dann: »Also, ich spüre die Einsamkeit, die Zurückweisung, den Schmerz, den Frust ...«, gerade so, als ob sie bei einer ärztlichen Untersuchung die Kinderkrankheiten durchgehen würde: »Hatten Sie die Masern, Mumps, Keuchhusten ...?« Es geht nicht darum, mich über ihr Erleben lustig zu machen. Ich beklage lediglich die Tatsache, daß ihre Sprache mich nicht berührte. Die Situation zwischen uns war dergestalt, daß ich von ihrer Geschichte hätte berührt sein können, es aber nicht war. Und die aphasische Interaktion mit ihrer Welt besteht eben darin, daß ihre Sprache für sie selbst nicht gut funktioniert.

Es gibt noch eine andere Art einer (nicht funktionsgestörten) unterschwelligen Fülle in der Sprache eines Menschen, nämlich persönliche Metaphern. Solche Metaphern stellen häufig Verbindungen zu gemachten und erlebten Erfahrungen dar, und die Beachtung der Metapher verstärkt diese Verbindung. Ein Beispiel: Ein Mann war tieftraurig, wahrhaft und ehrlich traurig, weil er in seinem Leben so häufig Abschied nehmen mußte. Er war dabei, sich aus einem Berufsleben zurückzuziehen, das ihn früher sehr inspiriert, und das er lange Zeit mit viel Idealismus ausgefüllt hatte und stand vor dem Ende einer Ehe, die lange gehalten hatte. Als er seine Trauer beschrieb, gebrauchte er ein Bild, das mir irgendwie magisch vorkam. Er sagte: »Ich glaube, ich muß meinen Koffer nehmen und gehen.« Ich sagte: »Das klingt, als ob sie nicht mit leeren Händen gingen.« Dieser Gedanke war ihm bis dahin noch nie gekommen, hatte aber eine große Bedeutung für ihn. Er wurde sich darüber klar, was er am Ende dieser langen Lebensphase nun mit auf die Reise nahm. Es war nicht mehr nur ein »Schluß, Ende, Auf wiedersehen« - ohne Verbindung zwischen diesem und dem nächsten Lebensabschnitt.

Goodman faßte seinen Glauben an die zentrale Bedeutung einer guten Sprache und ihrer Beziehung zum Erleben in dem Satz zusammen: »Die Persönlichkeit besteht (zum großen Teil) aus den eigenen Sprachgewohnheiten, die wir deshalb angenommen haben , weil sie sich in vielen spontanen Sprechsituationen bewährt haben« (Goodman, 1971). Laura Perls schrieb: »Ich arbeite mit Sprachmustern und dem jeweiligen idiosynkratischen Gebrauch der Sprache« (L. Perls, 1976). Unter anderem arbeitet sie damit, wie Menschen mit sich selbst sprechen und wie die Sprache ihr Erleben und ihre Erfahrung formt und strukturiert.

Was bedeutet all das für die Therapie? In dem gerade zitierten Aufsatz schreibt Laura Perls über den Einfluß von Vergangenheit und Zukunft auf die Gegenwart:

Die Vergangenheit existiert jetzt als Erinnerung, Nostalgie, Bedauern, Groll, Phantasie, Legende, Geschichte. Die Zukunft existiert hier und jetzt in der Gegenwart als Antizipation, Plan, als Ausprobieren, Erwartung und Hoffnung, oder als Furcht und Verzweiflung (L. Perls, 1976).

Dies ist ein Beispiel dafür, wie die Fähigkeit des Therapeuten, feine Unterscheidungen zu treffen und die subtilen Schattierungen der Gefühle zu erfassen, sein eigentliches Werkzeug für die Arbeit mit seinen Klienten ist, um das Wesen ihrer gelebten Erfahrung zu erkennen und zu klären. Darin besteht das Ziel unserer Arbeit: den Geschmack, den Charakter der Erfahrung klar erlebbar zu machen. In dem Maße, in dem wir Sprache zur Verfügung haben, um diese Unterscheidungen zu treffen, in dem Maße, in dem wir Menschen inspirieren und dabei unterstützen können, die Lücke zu schließen zwischen ihrer Erfahrung und ihrer Fähigkeit, dieser Erfahrung lebendigen und reichhaltigen Ausdruck zu verleihen, in diesem Maße haben wir auch das Wesen ihres In-der-Welt-Seins unterstützt.

Goodman sagt: »Bedeutung heißt, daß Sprechender und Hörender sich in einer Situation sinnvoll verständigen.« Ich möchte hinzufügen, daß Kontakt häufig darin besteht, daß Sprechender und Hörender sich in einer Situation sinnvoll verständigen.

 

Literatur:

Cary, J. (1961). Art and Reality. New York: Doubleday.

Goodman, P. (1971). Speaking and Language: Defence of Poetry. New York: Random House.

Perls, L. (1976). Comments on the New Directions. In: Smith., E. (Hg.), The Growing Edge of Gestalt Therapy. New York: Bruner/Mazel [dt. (1989) Grundlegende Begriffe und Konzepte der Gestalttherapie. In: Perls, L., Leben an der Grenze. Essays und Anmerkungen zur Gestalttherapie. Hrsg. von Milan Sreckovic. Köln: Edition Humanistische Psychologie].

Polster, E. & Polster, M. (1973). Gestalt Therapy Integrated. New York: Random House [dt. (2001) Gestalttherapie. Theorie und Praxis der integrativen Gestalttherapie. Wuppertal: Peter Hammer Verlag].

 

 

Praxisadressen von Gestalttherapeuten/-innen

 

Dr. Miriam Polster

ist eine der weltweit führenden Ausbilderinnen der Gestalttherapie und Co-Autorin (zusammen mit ihrem Ehemann Erving Polster) des Klassikers "Gestalttherapie. Theorie und Praxis der integrativen Gestalttherapie" (Edition GIK im Hammer Verlag), sowie Autorin zahlreicher weiterer Fachbeiträge zur Gestalttherapie.

Der nebenstehende Beitrag, der an dieser Stelle zum ersten Mal in deutscher Sprache erscheint, ist in der folgenden Aufsatzsammlung von Miriam und Erving Polster erschienen: "From the Radical Center. The Heart of Gestalt Therapy" © 1999 by The Gestalt Institute of Cleveland Press.

Aus dem Amerikanischen von Ludger Firneburg.

Zur Zeit bereiten wir die Veröffentlichung der deutschen Ausgabe dieses Buches vor. Sie wird (voraussichtlich im Frühjahr 2002) in der Edition des Gestalt-Instituts Köln im Peter Hammer Verlag erscheinen - und zwar unter dem Titel: "Das Herz der Gestalttherapie. Beiträge aus vier Jahrzehnten".

 

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