GESTALTKRITIK  - Zeitschrift für Gestalttherapie

Miriam Polster:

Gestalttherapie

Jenseits der Einzeltherapie

Aus der Gestaltkritik

Gestaltkritik - Die Zeitschrift mit Programm aus dem Gestalt-Institut Köln
Gestaltkritik (Internet): ISSN 1615-1712

Themenschwerpunkte:

Gestaltkritik verbindet die Ankündigung unseres aktuellen Veranstaltungs- und Weiterbildungsprogramms mit dem Abdruck von Originalbeiträgen: Texte aus unseren "Werkstätten" und denen unserer Freunde.

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 Praxisadressen von Gestalttherapeuten/-innen

 Hier folgt der Abdruck eines Beitrages aus der Zeitschrift Gestaltkritik (Heft 1-1997):

Miriam Polster (Foto von Thomas Bader)Miriam Polster (Foto: Thomas Bader)

 

Miriam Polster:

Gestalttherapie

Jenseits der Einzeltherapie

 

Seit Sigmund Freud sich aufmachte, die psychologischen Geheimnisse in der Natur der menschlichen Erfahrung zu erforschen, ist die klassische Atmosphäre in den Sprechzimmern der Therapeuten von einer ungeteilten Aufmerksamkeit für die Probleme des einzelnen geprägt.

Doch wie unliebsame Zeitgenossen störten die Geister der Vergangenheit unentwegt den Frieden dieses scheinbar privaten Rahmens. Die therapeutischen Erben Freuds glaubten daher, daß es fruchtbar sein könnte, den Einfluß dieser Abwesenden in die aktuelle therapeutische Situation mit einzubeziehen. Also begannen wir, den ursprünglichen Eins-zu-eins-Rahmen zu erweitern. Wir luden die Partner unserer Klienten ein und machten Paartherapie. Wir baten verschiedene Mitglieder der Familie dazu und nannten das Familientherapie. Und nachdem wir einmal damit angefangen hatten, ließen wir endlich die Katze aus dem Sack und fingen an, mit Organisationen, Klassenverbänden und anderen großen Gruppen zu arbeiten. Wir lernten, uns wünschenswerte Eigenschaften anzueignen oder andere, destruktive abzustreifen. (1) Auch die Gestalttherapie bestand ursprünglich in der klassischen Arbeit mit einzelnen. Sicherlich war Frederick Perls ein Produkt der psychoanalytischen Tradition der zwanziger und dreißiger Jahre in Deutschland, aber auch andere Theoretiker dieser Zeit wirkten auf ihn ein. Nach deren Verständnis war das Verhalten des einzelnen in ein größeres Verhaltensfeld eingebettet, auf das es reagierte und in dem es sich entwickelte. Sie betrachteten Verhalten nicht in erster Linie als Ausdruck einer inneren, instinktiven Anstrengung. Angeregt durch die damals in Deutschland sehr einflußreichen Feldtheorie Kurt Goldsteins und Kurt Lewins, erkannte Perls die therapeutische Notwendigkeit, das Verhalten des einzelnen als Antwort auf seine Umwelt oder als Interaktion mit ihr zu verstehen. Diese Interaktion, die gleichermaßen reich und fruchtbar wie auch unbeholfen und unbefriedigend sein konnte, nannte er "Kontakt".

Erstaunlicherweise war Perls selbst in der Arbeit mit Gruppen weder sonderlich erfahren noch sehr daran interessiert. Und obwohl er für Demonstrationen therapeutischer Einzelarbeit in großen Gruppen sehr bekannt war, bezog er die Gegenwart der Gruppe nur äußerst selten in die Arbeit mit ein. Gelegentlich forderte er zwar sein Gegenüber auf, sich an die Gruppe oder einen einzelnen Gruppenteilnehmer zu wenden, aber diese repräsentierten dann bestimmte Einflüsse im Leben des Klienten oder auch eine generelle Öffentlichkeit. Viel seltener gestattete er einzelnen Gruppenteilnehmern, persönliche Antworten oder Sichtweisen einzubringen. Selbst im Gruppensetting hatte Perls' Arbeit deutlich den Charakter der Eins-zu-eins-Interaktion zwischen Therapeut und Klient, und zwar vor der Gruppe, aber nicht in ihr. Dennoch zeigte diese Arbeitsweise durch ihren öffentlichen Charakter eine tiefe Wirkung. Sie führte über den ursprünglich privaten Rahmen der therapeutischen Begegnung hinaus und eröffnete neue Möglichkeiten für die Arbeit mit persönlichen Themen.

 

Gestalttherapie in Gruppen

Eines der grundlegenden Ziele von Therapiegruppen besteht darin, Kontaktmöglichkeiten zu erweitern: Menschen kommen zusammen mit je ihrer eigenen Geschichte, ihren unterschiedlichen Bedürfnissen; jeder einzelne von ihnen mit seiner eigenen Art zu kommunizieren oder einfach präsent zu sein. Von daher überrascht es nicht, daß verschiedene Gestalttherapeuten auf die Bedeutung hingewiesen haben, die den Grundkonzepten der Gestalttherapie, dem Kontakt, dem Gewahrsein und dem Experiment in der Arbeit mit Gruppen zukommt (2, 3, 4, um nur einige zu nennen).

Sinn und Zweck jeder Theorie der Therapie ist die Bestimmung der Elemente und des gewünschten Ergebnisses der therapeutischen Arbeit, einerlei ob es sich dabei um Einzel- oder Gruppenarbeit handelt. Erwartungsgemäß liefert aus gestalttherapeutischer Perspektive die Qualität des Kontakts zwischen Individuum und Gruppe ein wesentliches Kriterium. Guter Kontakt basiert auf der Fähigkeit des einzelnen zur Selbstunterstützung und dem Gewahrsein seiner selbst, der anderen anwesenden Personen sowie der relevanten Umweltbedingungen. Gewahrsein erregt und erzeugt entweder einen erfüllten Kontakt, oder bleibt ungenau, zusammenhanglos und beschwerlich.

Das Gewahrsein des einzelnen muß die anderen Gruppenteilnehmer ebenso mit einschließen wie andere Menschen in seinem Leben. Wessen ist der Teilnehmer einer Gruppe gewahr in der Begegnung mit den anderen, in der Interaktion mit ihnen? Ist er flexibel und vielseitig genug, die Kommunikation mit ihnen zu gestalten, zu verändern oder die Interaktion zwischen anderen zu bereichern? Ist er in der Lage, auf seine Bedürfnisse zu achten und sie auf eine Weise einzubringen, die einen feinfühligeren Umgang mit den anderen ermöglicht? Erwartet er von ihnen, daß sie ihm zuhören oder macht seine Art des Erzählens deutlich, daß er sich bereits entschieden hat, nicht ernstgenommen zu werden? Nimmt er vielleicht an, daß das Interesse der anderen nur vorgetäuscht sei, so daß er sich darauf beschränkt, oberflächlich und formal aufzutreten?

Ein Mann hatte die Angewohnheit, das Ende seiner Sätze schleifen zu lassen, geradeso, als ob er das Interesse an dem, was er zu sagen hatte, verloren hätte. Ich schlug ihm vor, weiterzusprechen, aber nach jedem Satz hinzuzufügen: "... und ich meine das wirklich!" Er fing an, das zu genießen und seine Sprache wurde lebhafter. Seine Sätze endeten kraftvoll und er erreichte dadurch, daß die Gruppe ihm bis zum Schluß interessiert zuhörte.

Entgegen ihrem Ruf als einer einfachen Hier-und-Jetzt-Therapie erfordern die Ziele einer Gestalttherapiegruppe die gleichwertige Anerkennung von Prozeß und Inhalt. Die Gruppenteilnehmer sprechen über ihre Sorgen und Nöte, sie sprechen über Dinge, die in ihnen ein Gefühl von Verwirrung und Unbehagen zurücklassen. Obwohl wir also die Bedeutung guter Beziehungen zwischen dem Individuum und seiner Umgebung - in diesem Fall der Gruppe - sehr hoch schätzen, wissen wir auch, daß die Welt eines jeden nicht nur die momentane Erfahrung, sondern auch seine persönliche Geschichte umfaßt.

Seine Art des Kontakts in der Gruppe hängt nicht nur davon ab, was sich aktuell in der Gruppe abspielt, sondern wird auch von Ereignissen beeinflußt, die der Gruppensitzung vorausgegangen sind oder zwischen den Sitzungen stattfinden. All diese Erfahrungen sind äußerst wichtig. Wir können den einzelnen nicht verstehen, ohne seine Geschichte zu hören. Doch die Geschichte allein reicht nicht aus. Die Frage ist nicht nur, ob er uns seine Geschichte erzählt, sondern auch wie er sie erzählt - und wie wir zuhören. Wie die Gruppe reagiert, wie die Teilnehmer schauen, zuhören und andere ernstnehmen ergibt sich daraus, wie klar und deutlich jemand spricht. Das Gewahrsein der anderen Gruppenteilnehmer - sowohl von sich selbst und ihren Reaktionen als auch von dem, der spricht - bilden die zweite Hälfte seiner Geschichte.

In einer fortlaufenden Therapiegruppe wurde eine Teilnehmerin auf ausgesprochen oberflächliche und höfliche Art aufgefordert, von einer Konferenz zu erzählen, von der sie gerade zurückgekehrt war. Ihre Antwort entsprach der Frage: es war ein heiteres Plaudern. Eine andere Frau in der Gruppe hörte sehr genau hin und nahm ihr den Ton nicht ab. Dieser Frau erschien die Antwort wie ein schön verpacktes Nichts, ein glänzendes Päckchen ohne Inhalt. Darauf reagierte die Konferenzteilnehmerin mit einer ganz anderen Geschichte und einem eher sarkastischen Ton. Sie strich sich den Pony aus dem Gesicht und auf ihrer Stirn wurde ein Verband sichtbar. Dann erzählte sie, wie sie sich in der ersten Sitzung den Kopf an einer scharfen Tischkante aufgeschlagen hatte, so daß die Wunde genäht werden mußte. Die Wunde schmerzte das ganze Wochenende. Eine völlig andere Geschichte; und all das, weil diese eine Teilnehmerin sehr genau hingesehen und zugehört hatte und sich mit einer netten Antwort nicht begnügen wollte.

Der Leiter einer Gestaltgruppe achtet auf solche Widersprüche. Er bemüht sich um die Verstärkung sowohl der individuellen Erfahrung als auch der Klarheit und Direktheit der Interaktion zwischen den Gruppenmitgliedern. Die Qualität des Kontakts zwischen den Teilnehmern basiert auf ihrer Fähigkeit und Bereitschaft, hinzuschauen und über das zu reden, was sie sehen. Der Gruppenleiter achtet deshalb darauf, wann Unterschiede oder Gemeinsamkeiten zwischen einzelnen Teilnehmern sichtbar werden und angesprochen werden können. Er konzentriert sich darauf, wie die Teilnehmer mit solchen Unterschieden oder Gemeinsamkeiten umgehen. Führen Unterschiede zu Entfremdung, oder wecken sie das Interesse der Teilnehmer? Wie könnten Unterschiede zwischen einzelnen einen Sinn für mehr Wahlmöglichkeiten wachrufen? Werden Ähnlichkeiten oder Gemeinsamkeiten unter dem Mantel einer nicht gerechtfertigten konfluenten Identität verdeckt?

All diese Schwierigkeiten gibt es innerhalb einer Gruppe ebenso, wie außerhalb. Die Chance besteht darin, daß die Erfahrungen, die in der Gruppe gemacht werden, über den Rahmen der Therapiepraxis hinaus wirksam werden. Dennoch gibt es natürlich Grenzen. Der Austausch und die Experimente innerhalb des Gruppensettings können nicht einfach als Probe betrachtet und ungeprüft übertragen werden. Die Gruppe bietet ihren Teilnehmern Möglichkeiten, die ihnen in alltäglicheren Lebensumständen nicht zur Verfügung stehen oder die umzusetzen sie sich nicht trauen würden. Es gibt eine Ebene der persönlichen Entdeckungen und der Gruppenerfahrung, die gerade durch die Besonderheit dieser Situation möglich werden.

Ein wesentlicher Beitrag einer Gruppe besteht in ihrer Resonanz auf die Arbeit eines einzelnen. Jemand, der seine Geschichte erzählt, während die anderen ihm einfach aufmerksam zuhören, erfährt womöglich ein Gefühl von Würde und Bedeutung, daß er vorher nicht kannte. Das mögliche Spektrum von Antworten und Reaktionen überschreitet den Rahmen von Einzelperspektiven und vermittelt einen Sinn für die Vielfalt der Möglichkeiten. Ein Mann, der zwar betrübt aber auch entschlossen war, nach Jahren schmerzlicher Erfahrungen seine Ehe zu beenden und seinen unbefriedigenden Job aufzugeben, wurde von einem anderen Mann gefragt, was er aus all dem gelernt habe. Aus seiner Antwort sprach eine - wenn auch mühevoll erworbene - Weisheit. Der Mann, der die Frage gestellt hatte, bemerkte: "Das klingt, als ob du nicht bloß mit leeren Händen weggingst." - Der andere nickte, sichtlich berührt und beschenkt.

Im Gestaltexperiment, der "sicheren Notfallsituation", hat der einzelne die Chance, über seine restriktiven und zur Gewohnheit gewordenen Kontaktgrenzen hinauszugehen. Er begreift den Unterschied zwischen dem Gefühl des Exponiertseins und dem wachsenden Sinn für die Möglichkeiten, die daraus entstehen, daß er sichtbar ist. Der innere Kampf zwischen den Gegensätzen, der Konflikt mit anderen in Situationen des wirklichen Lebens oder im Traum kann dadurch ans Licht gebracht werden, daß der Klient einen Dialog führt, in dem er die verschiedenen Positionen selbst repräsentiert. Dies kann auch in der Weise geschehen, daß eine Metapher dargestellt wird, die ihn oder andere Menschen in seinem Leben beschreibt oder die für eine schwierige Situation in seinem Leben steht. Indem er sich hierfür anderer Gruppenteilnehmer bedient, vermindert sich sowohl seine Kontrolle als auch das Risiko, die anderen könnten ihre Rollen auf eine Art spielen, die nicht seiner Vorstellung entspricht; aber dadurch kommt auch ein Element der Überraschung hinzu, das die Arbeit frischer und lebendiger machen kann.

Eine Frau z.B. fing gerade an, sich politisch zu engagieren. Sie war eine unerfahrene aber ziemlich idealistische Anfängerin und fühlte sich unsicher, weil sie nicht wußte, wie sie acht Leute, die sich freiwillig für die Unterstützung eines Wahlkandidaten gemeldet hatten, an einem Tisch plazieren sollte. Sie wählte sieben Gruppenteilnehmer für die Rollen dieser Volontäre und beschrieb ihre verschiedenen Persönlichkeiten und Interessen. Dann setzte sie sich mit ihnen in einen Kreis, beobachtete das Gespräch und spielte ihre Möglichkeiten durch, die Sitzordnung zu verändern. Sie entdeckte, daß sie tatsächlich ein recht gutes Gespür für die Situation hatte und daß es ihr Spaß machte, Einfluß zu nehmen.

Die Gruppe ist da, auch wenn sie schweigt. Abgesehen von der Aussicht, an dem Lebensdrama eines anderen teilzunehmen, wird sie Zeugin des Geschehens und trägt so zu einem Gefühl von Kontinuität und Weite bei. Die Gruppe ist ein Mikrokosmos neuer Möglichkeiten. Es gibt in ihr ein stillschweigendes Einvernehmen, eine Haltung des Wohlwollens, die weder zufällig noch selbstverständlich ist. Zum einen ergibt sie sich aus der gegenseitigen Anerkennung der Gruppenteilnehmer, die alle irgendwie weiterkommen wollen. Zum anderen entsteht dieses Wohlwollen aus der Zusicherung von Kontinuität und der Häufung gemeinsamer Erfahrung oder einfach dadurch, daß man sieht, wie andere ihre Schwierigkeiten durcharbeiten. Dies kann uns ermutigen, unseren eigenen Weg zu finden und den Ideenreichtum und den Mut der anderen zu nutzen, um uns den eigenen Schwierigkeiten zu stellen. Aber auch die Bereitschaft, uns auseinanderzusetzen, Verwirrung auszuhalten und uns nicht durch Unsicherheit einschüchtern zu lassen, trägt zu dieser Haltung des Wohlwollens bei.

Wie bei allen anderen guten Erfahrungen waren die Früchte solcher Therapiegruppen von Anfang an zu wertvoll, um auf die Grenzen der therapeutischen Praxis beschränkt zu bleiben. Immer mehr Menschen suchten nach Möglichkeiten, die Bedeutung dessen, was sie gelernt hatten, auszuweiten.

 

 

Selbsthilfegruppen (Support Groups)

 

In einer Ausgabe einer zweimonatlich erscheinenden Übersicht der verschiedensten Gruppen in San Diego/Kalifornien fand sich eine Auflistung von Therapiegruppen für Männer und Frauen, die sich mit Trauerarbeit, Fragen der Sexualität, Eßstörungen, sexuellem Mißbrauch, Drogenmißbrauch und anderen Themen befassen. (5) Andere Themen betrafen Kommunikation, Intimität, Macht oder Fragen der Helferrolle gegenüber Verwandten. Diese Gruppen begegnen einem breit gefächerten Bedürfnisspektrum. Neuere Untersuchungen haben ergeben, daß gegenwärtig etwa 40% aller Amerikaner an regelmäßigen Gruppen teilnehmen. (6)

Diese Gruppen sind kleine Gemeinschaften, in denen die Bedürfnisse des einzelnen durch die Begleitung Gleichgesinnter Zuspruch finden. Menschen, die einen größeren Zusammenhang als einschüchternd erleben, finden hier einen kleineren Rahmen und werden ermutigt, über ihre persönlichen Schwierigkeiten zu sprechen. In manchen dieser Gruppen finden sich z.B. Leute mit einem gemeinsamen Problem. Sicherlich besteht in themenbezogenen Gruppen die Gefahr, daß der einzelne auf sein mit anderen geteiltes Symptom reduziert wird und dadurch allzu schnell ein Gefühl der Intimität und Identifizierung entsteht. Dennoch haben sich solche Gruppen im Umgang mit einer ganzen Palette physisch und emotional zehrender Zustände wie Schlaflosigkeit, Brustkrebs oder Lernschwierigkeiten als höchst effektiv erwiesen. Es gibt sogar Hinweise darauf, daß sich das Nichtvorhandensein einer solcherart definierten Gruppe schädlich auswirkt. Jonathan Shay z.B. führt Gründe dafür an, daß der Mangel an gemeinschaftlicher Trauer während des Vietnamkrieges durchaus zur Entwicklung posttraumatischer Störungen beigetragen haben könnte. (7)

Viele von uns haben gesehen, wie Menschen, die, isoliert in der Angst, sie könnten verrückt sein, ein schambesetztes Geheimnis jahrelang gehütet haben, diese Angst verlieren, wenn sie in einer Gruppe aufmerksamer Zuhörer anfangen, darüber zu reden. Ich erinnere mich an die Reaktion einer Veteranengruppe in einer Klinik, wo ein zutiefst deprimierter Mann nach Wochen des Schweigens gestand, daß sein Selbstmordversuch eine Reaktion auf die Zurückweisung gewesen war, die er von einer Frau, in die er sich verliebt hatte, erfahren hatte. Die anderen verstanden sein Gefühl, sie fühlten mit ihm; aber sie vermittelten auch die Zuversicht, daß er den Mut, zu lieben wiederfinden würde.

Eine der wichtigsten Eigenschaften der Gruppe besteht in ihrer Fähigkeit, eine Übergangssituation hervorzubringen, in der ihre Mitglieder lernen können, am Gemeinschaftsleben außerhalb des therapeutischen Raumes teilzunehmen. Eine befriedigende Teilnahme am größeren, unpersönlicheren Gemeinschaftsleben erfordert eine Ausgewogenheit zwischen Gemeinschaftlichkeit und persönlicher Einzigartigkeit. Viele Menschen sind in Selbsthilfegruppen, weil es ihnen schwerfällt, diese Balance herzustellen und sie auf die Vermittlung der Gruppe angewiesen sind. Eine gute Gruppe bietet eine Mischung aus Unterstützung und Unabhängigkeit.

Das Problem ist nicht neu. Vor mehr als 40 Jahren beschrieb Erich Fromm (10), welchen Aufwand manche Menschen betreiben, um ihren Platz in der Gesellschaft zu finden. In einer großen Gesellschaft läßt sich der einzelne allzu häufig auf einen schlechten Handel ein, bei dem ein bestimmter Wesenszug die Oberhand gewinnt und andere Eigenschaften in den Schatten stellt. So kann etwa jemand mit der Fähigkeit, sich gleichsam als soziales Chamäleon den verschiedensten Gegebenheiten anzupassen, gleichzeitig das Gefühl haben, mit den unterschiedlichen Facetten seiner individuellen Eigenart unerwünscht zu sein. Andere fühlen sich in Gruppen unwohl und betrachten sich selbst als Einzelgänger, die ihre persönliche Integrität riskieren, wenn sie sich auf eine Gruppe einlassen.

Viele dieser "Vierzig-Prozent-Gruppen" entsprechen voll und ganz dem Bewegungsdrang unserer Gesellschaft. Die Kontinuität, die sie versprechen, ähnelt der einer Beziehung, in der die Bedingungen ihres Endes verhandelt und von Anfang an klar ausgesprochen werden können, wie etwa bei der Übereinkunft zwischen Verlobten. Die zugrunde liegende Vereinbarung besagt, daß die Gruppe zwar von Bedeutung, aber zeitlich begrenzt ist; jedes Mitglied kann aussteigen, solange es eine Woche im voraus seinen Ausstieg bekanntgibt, um einen angemessenen Abschluß zu ermöglichen. Eben das, was eine bewegliche Gesellschaft braucht: verfügbare Beziehungen.

Doch zumindest antworten diese Gruppen teilweise auf ein Gefühl der Isolation, das in einer zunehmend auf technologischen Kontakt vertrauenden Gesellschaft entsteht. Die Gruppe ist wirklich da, sie ist physisch präsent, nicht bloß am anderen Ende des Internet oder als flackernde Botschaft auf dem Bildschirm eines Computers.

Die Reste der eigentlichen Gemeinden ruhen - Artefakten gleich - unter der Oberfläche des täglichen Lebens. Immer weniger Menschen leben an dem Ort, an dem sie geboren wurden. Die engsten Vertrauten unserer Kinder sind häufig ihre Freunde, und die Familie ist zu einer Gruppe von Menschen geworden, die man vielleicht erst nach einer langen Reise und nur zu bestimmten Anlässen trifft. Manchmal bedeutet Familie den im Gerichtssaal geregelten Kontakt zu einem Elternteil. Unsere Alten leben nur noch selten mit uns, und der Reichtum persönlicher Geschichte, von dem die Erzählungen unserer Vorfahren sprechen, beschränkt sich häufig auf ein paar unruhige Momente bei einem Familientreffen oder auf die mit einem Tonband fixierten Erinnerungen. Viele von uns haben ganze Stapel von Familienfotos, auf denen sie kaum jemanden kennen.

Diese historischen Gemeinschaften schweben gewissermaßen über der Einzelarbeit und wirken aus der zeitlichen und räumlichen Entfernung. Ihre Gewohnheiten können uns manchmal die Suche nach neuen, zeitgemäßen Gemeinschaften erschweren. Nehmen wir z.B. ein Kind, das in einem sehr harten und mißgünstigen Elternhaus mit einer kritischen und perfektionistischen Atmosphäre aufgewachsen ist. Als Erwachsener lernt diese Person, sich von den destruktiven Introjekten freizumachen und ein genaueres und stimmigeres Selbstbild zu entwickeln. Die angemessene therapeutische Frage ist dann: "Was kommt als nächstes?" - Woher weiß diese Person, nachdem sie durch die Therapie ihre Loyalität gegenüber einer krankmachenden Gemeinschaft hat abbauen können, wo sie neue Bekannte und Vertraute finden kann, die ihrem neuen Selbstgefühl entsprechen?

An diesem Punkt gibt es zwei Arten der Gruppenerfahrung, die hilfreich sein können. Zum einen das vertraute Gruppentherapie-Setting, das wir bereits besprochen haben: hier geht zwar die Methode über die Eins-zu-eins-Arbeit hinaus, aber der Schwerpunkt liegt immer noch darauf, die Gruppe als Interaktionsfeld zu nutzen, um persönliche Schwierigkeiten zu bearbeiten. Andere Gruppen können so konzipiert sein, daß sie sich um bestimmte, situative Belange kümmern, wie etwa eine große Gruppe von Studienanfängern oder die Einführung neuer Mitglieder in eine bereits bestehende religiöse Gemeinschaft. Eine solche Gruppe formiert sich vorübergehend, um einzelne in ein bestehendes System zu integrieren oder sie in eine neue Art der Erfahrung einzuführen und darin zu begleiten.

Andere Möglichkeiten der Gruppenbildung basieren auf der gemeinsamen Identifikation mit bestimmten Aktivitäten oder Merkmalen. Eine Reihe kommunaler Aktivitäten basiert auf dem Anliegen, den sozialen Anschluß zu verstärken. Verschiedene Gruppen sind an der Aufnahme neuer Mitglieder interessiert, weil mit der Anzahl ihrer Mitglieder auch ihre Macht oder Bedeutung zunimmt. Hierbei handelt es sich meistens um politisch orientierte oder an öffentlichen Aufgaben interessierte Gruppen. Sie konzentrieren sich auf aktuelle oder zeitlich befristete Projekte, aber häufig ändert sich auch die konkrete Aufgabe, so daß ein Sinn für die Erfolge der Vergangenheit entsteht und die kontinuierliche Beschäftigung mit wiederkehrenden Aufgaben eine Zukunftsperspektive eröffnet.

Die Frage, welche Fähigkeiten und Interessen einen Patienten mit Gleichgesinnten zusammenführen könnten, entzieht sich nicht der Zuständigkeit der Psychotherapie. Solche Fähigkeiten können eine sehr belebende Wirkung auf das Engagement und das Interesse an der Umgebung haben, z.B. als ehrenamtliche Mitarbeit in Bürgerinitiativen. Viele solcher Gruppen bieten die Möglichkeit kontinuierlicher gemeinsamer Erfahrung, eben weil sie sich immer neue Aufgaben stellen, die über ihren ursprünglichen Zweck hinausgehen.

Soziale Aktionsgruppen, die gebildet werden, um bestimmte soziale oder politische Ziele zu erreichen, bieten ein praktisches Lernfeld für die Fähigkeit zu überzeugen und Standpunkte zu verteidigen. Jede Argumentation muß genügend Raum offenlassen, um weiterzureden und schließlich zu einer Lösung zu kommen. Eshtain nennt diese elementare "Höflichkeit" einen fundamentaler Bestandteil jeder demokratischen Disposition. (11)

Andere Gruppen entstehen, weil ihre Mitglieder in bestimmten Lebensphasen stehen oder gemeinsame Interessen haben. Einige erwachsen aus dem tiefen Bedürfnis, mehr Informationen über ganz bestimmte Lebensaspekte zu bekommen oder Erfahrungen mit anderen auszutauschen. Eine Gruppe von 125 IBM-Angestellten in Texas z.B., die aufgrund von Rationalisierungsmaßnahmen ihren Arbeitsplatz verloren hatten, traf sich regelmäßig in einer Kirche, um über ihre Reaktionen auf die Entlassung zu sprechen. Diese Reaktionen reichten von der Depression aufgrund des Arbeitsplatzverlustes bis hin zu einem Gefühl des Stolzes, das mit der Entdeckung eines neuen Selbstvertrauens einhergeht. Ein Mann erzählte, daß er den Zeitgewinn nutze, um sich verstärkt für das Gemeindeleben zu engagieren. (12)

Das Bedürfnis nach Gemeinschaft geht manchmal über reale Distanzen oder psychologische Inhalte hinaus. In einem Artikel der Smith Society über Randgesellschaften, deren Mitglieder nur sehr selten wirklich zusammenkommen, die aber dennoch über eine Art von Gemeinschaftssinn verfügen, findet sich einleitend die Bemerkung: "Was zählt ist nicht, was du tust, sondern wozu du gehörst." Die Mitglieder bleiben durch Korrespondenz oder regelmäßige Zusammenkünfte in Verbindung. Die Voraussetzungen für eine Mitgliedschaft ist denkbar einfach, angefangen damit, daß man denselben Namen hat (Jim Smith Society), bis hin zu gemeinsamen Aktivitäten (National Organization of Mall Walkers). Jeder kennt Menschen, die zu bestimmten Gruppen oder Verbänden gehören wie Vogelkundler, Hobbyfotografen, Wanderer oder Radsportler etc.

 

 

Über die Eins-zu-eins-Methode hinaus

 

1938 - etwa zu der Zeit als Perls mit der Formulierung der Gestalttherapie begann - arbeitete Henry Murray an seiner Persönlichkeitstheorie und konzentrierte sich dabei vor allem auf den Aspekt der individuellen Motivation. Er beschrieb 20 Bedürfnisse, die nach seinem Verständnis für die Motivation und Organisation individuellen Verhaltens verantwortlich waren. (12) Vier von ihnen möchte ich hier vorstellen:

Anschluß: Annäherung an einen Gleichgesinnten. Kooperation oder Austausch mit einem anderen. Beständige Loyalität gegenüber einem Freund.

Pflege: Wohlwollen und Bedürfnisbefriedigung gegenüber einem hilflosen Objekt, wie etwa einem Kleinkind oder einem anderen Objekt, das schwach, behindert, müde, unerfahren, gebrechlich, gedemütigt, einsam, niedergeschlagen, krank oder geistig verwirrt ist. Einem Objekt in gefährlichen Situationen beistehen. Füttern, helfen, unterstützen, trösten, schützen, halten, nähren, heilen.

Darstellung: Einen Eindruck machen. Gesehen und gehört werden, anregen, verblüffen, faszinieren, unterhalten, schockieren, intrigieren, andere amüsieren oder verlocken.

Beistand: Die eigenen Bedürfnisse durch die mitfühlende Hilfe eines gleichgesinnten Objektes befriedigt sehen. Genährt werden, unterstützt, angenommen, umhüllt, geschützt, geliebt, beraten, geführt, getröstet werden, gewährt und verziehen bekommen. Einem ergebenen Beschützer nahe sein. Immer einen Beistand haben.

All dies sind Bedürfnisse, die nur in einer Gemeinschaft befriedigt werden können. Sie repräsentieren Verhaltensweisen, die das Verlangen des einzelnen nach einem persönlichen Gemeinschaftsgefühl deutlich machen. Wichtig ist dabei zu sehen, daß es sich hier um gegenseitige Bedürfnisse handelt, bei denen es nicht nur darum geht, zu empfangen, sondern auch zu geben.

Daniel Goleman führte vor nicht allzu langer Zeit den Begriff der emotionalen Intelligenz ein. Er stellt fest, daß ein hoher Intelligenzquotient allein unmöglich erklären kann, warum manche Menschen so erfolgreich sind und andere einfach nicht weiterkommen - ein Phänomen, das vermutlich jeder in der einen oder anderen Weise kennt. Er spricht von zwei Verhaltensweisen, die zwar physiologisch begründet, aber durchaus für Veränderungen zugänglich sind und die emotionale Intelligenz umfassen: Erstens die Fähigkeit, Impulse zu kontrollieren und zweitens Empathie. Mit diesen Fähigkeiten verbindet er zwei moralische Haltungen, und zwar Selbstbeherrschung und Mitgefühl. Darüber hinaus spricht Goleman von der zentralen Bedeutung des Selbstgewahrseins sowie der Fähigkeit, mit seinen Gefühlen umzugehen und schwierige Beziehungen zu meistern.

Er gibt ein paar Empfehlungen, wie wir das Erlernen dieser Fähigkeiten bei unseren Kindern unterstützen können und zeigt auf, wie eine Art Kombination aus Psychotherapie- und Lerngruppe dazu beitragen kann, destruktives Verhalten bei Kindern zu verändern und ihre Zukunftsaussichten zu verbessern. Was leisten solche Programme? In Gruppengesprächen und speziellen Übungen lernen diese Kinder ihre eigenen und die Gefühle anderer zu erkennen; sie lernen, Konflikte zu bewältigen und zu Gruppenlösungen beizutragen oder erfahren alternative Formen des Umgangs mit Unstimmigkeiten usw.

An diesem Punkt gibt es durchaus Gemeinsamkeiten zwischen der Gruppentherapie und einem Großteil unserer Gegenwärtigen TV-Serien. "Seinfelds Freunde" (*) sind sicherlich ein unausstehlicher Haufen. Sie kommen mit einer Reihe ziemlich unwahrscheinlicher Erklärungen und verwickelter Interpretationen daher, die das eigentliche Problem, das es zu lösen gilt, nur noch komplizierter machen. Doch solches Verhalten relativiert sich vor der Prämisse, daß die Beziehung nie ernsthaft gefährdet ist. Sie mögen sich verrennen oder sich gegenseitig anschreien, aber der Fortbestand ihrer Freundschaft steht niemals in Frage. Die zugrunde liegende Haltung einer hoffnungsvollen Beständigkeit und die Bereitschaft, zwischenmenschliche Schwierigkeiten in Angriff zu nehmen, bewahrt die Beziehung vor dem Bruch.

Die unerschütterliche Zusicherung des Verwurzeltseins in der Gemeinschaft basierte früher auf dem System der Familie und der Nachbarschaft. Das Entstehen neuer Formen war die Folge unserer Liebe zum Individualismus. Wir haben die Härte des rauhen Einzelkämpfers, der als reitender Deus ex machina in die Stadt kommt, den Bösewicht vertreibt und sich wieder aus dem Staub macht, hinter uns gelassen. Viele Menschen werden sich der Konsequenzen dieser Art des Einzelgängertums bewußt und wollen es nicht mehr. Die zunehmende Tendenz erfolgreicher Karrieristen, aus der Tretmühle auszusteigen und ihr Leben einfacher zu gestalten oder ein selbständiges und eigenverantwortliches Dasein anzustreben ist zu groß, um übersehen zu werden.

Die Fähigkeiten, die Goleman beschreibt sind denen sehr ähnlich, die wir in der Arbeit mit Gruppen betonen, aber ihr Wert beschränkt sich nicht darauf, jemanden zu befähigen, in seiner Umwelt zurecht zu kommen. Sie sind wichtig für die Entwicklung persönlicher Gemeinschaften. Wenn wir lernen wollen, wie wir Zugang zu bereits bestehenden Gemeinschaftsformen finden können, sind sie von zentraler Bedeutung. Außerdem müssen diese Fähigkeiten über den Rahmen von Therapie- und Selbsthilfegruppen hinweg übertragbar sein und dort umgesetzt werden, wo Menschen Stunde um Stunde ihr Leben leben - zusammen mit denen, die ihnen wichtig sind, und die für eine absehbare Zeit ihren Weg teilen.

Die Einzeltherapie ist von unschätzbarem Wert. Sie hilft uns, die schwierigen Aspekte unseres Lebens in einem neuen Licht zu sehen. Aber sie birgt auch das Risiko, den Fokus - gemessen an unserem vergleichsweise weiträumigen täglichen Leben, das uns mit Freunden und Kollegen verbindet - zu sehr einzuengen. Die Gruppentherapie ist ein Zwischenschritt zwischen der konzentrierten Aufmerksamkeit für die Anliegen des einzelnen und der Orientierung, die der einzelne braucht, um sich im Chaos größerer Gemeinschaftsformen zurechtfinden zu können.

Der therapeutische Eins-zu-eins-Stil betont die Aufmerksamkeit für das individuelle Verlangen nach Ausdruck, Lösung und Selbsterfüllung. Die Übertragung dieser Haltung auf die Gruppenarbeit sowie ein tieferes Verständnis ihrer Bedeutung für die größeren Gemeinschaften können wesentliche gesellschaftliche Zusammenhänge erhellen, die die einzelnen Gruppenteilnehmer in ihrem Leben außerhalb der Gruppe anwenden können.

 

 

 

Zusammenfassung

 

 

Was uns als Individuen ausmacht ist größtenteils bestimmt durch unsere Begegnung mit der "Anderheit" der anderen. Wie wohl wir uns in diesem fortwährenden Prozeß der Interaktion fühlen, hängt wesentlich davon ab, wie wir zu all den ähnlichen und unähnlichen anderen stehen, die unentwegt unsere Wege kreuzen. Der Sinn für die eigene Einzigartigkeit, der eine Herausforderung für jeden einzelnen darstellt, erfordert eine persönliche und gemeinschaftliche Haltung der Teilnahme und Kommunikationsbereitschaft.

Eine der größten Quellen zwischenmenschlicher Konflikte ist die Frage, wie die Gemeinschaft mit individuellen Unterschieden umgeht. Der Versuch, Auseinandersetzungen zu verhindern, sei es indem man jemanden öffentlich niederschreit, einem anderen die notwendige medizinische Hilfe verweigert oder politischen Mord begeht ist nicht nur abscheulich, er ist auch aussichtslos. Widerspruch und Abweichung existieren, ob uns das gefällt oder nicht.

Der Umgang mit Gemeinsamkeit ist ebenso wert, näher betrachtet zu werden. Freundschaft und Annäherung bedürfen keiner absoluten Übereinstimmung. Sie können nicht in einem aufgesetzten Sinn für gemeinsame Identität begründet sein. Die Menschen müssen lernen, wie sie zu einer Gruppe gehören und gleichzeitig Unterschiede tolerieren oder sie sogar als fruchtbaren, kreativen Boden betrachten können. Bewirkt das Gefühl von Ärger oder Entfremdung, daß jemand sich klarer oder unklarer ausdrückt? Wird er lauter oder leiser sprechen? Wie genau hört er dem anderen zu? Sucht er nach Möglichkeiten der Klärung und Verständigung oder nach sinnvollen Kompromissen?

Wie können wir Menschen Geduld beibringen in einer gehetzten Welt, die uns lehrt zu marschieren anstatt zu gehen: die Geduld, aufmerksamen zuzuhören, was der andere zu sagen hat, anstatt ungeduldig darauf zu warten, daß er endlich fertig wird, damit wir wieder an der Reihe sind. Wie können wir unterscheiden lehren zwischen der Ausdauer, die beharrlich einer Lösung entgegenstrebt und der Unnachgiebigkeit, die jeden Fortschritt verhindert?

Als Menschen, die professionell mit Differenzen und mit Konflikten befaßt sind, müssen wir lernen, wie wichtig es ist, einem Individualismusideal entgegenzuwirken, das einen berechtigt, jeden seinen Feind zu nennen, der anders ist oder dessen Verhalten man mißbilligt. Oft beginnt die Eskalation mit Worten und allzu häufig endet sie in Gewalt. Wir müssen lernen, mit gegenseitigem Respekt zu streiten. Wir müssen lernen, weiterzugehen; nicht indem wir dieselben alten Argumente ständig wiederholen, sondern indem wir sie erneut erörtern und sie für die Einsichten anderer öffnen.

Manche der Fähigkeiten, die wir in Gruppen lernen und praktizieren sind vielleicht um so nützlicher, je weiter wir über das Eins-zu-eins hinausgehen: in den alltäglichen Begegnungen, wo die Kommunikationsregeln keineswegs immer so deutlich formuliert sind. Auch unter weniger strukturierten Bedingungen muß der Kontakt dauerhaft genug sein, um Phasen dürftiger und unbefriedigender Beziehungen mit anderen zu überdauern.

Unter bestimmten Bedingungen fällt es uns leicht, den allgemeinen Zweck der Gemeinschaft zu sehen, z.B. während des Krieges oder wenn wir ein nationales Raumfahrtprogramm starten. Das sind überwältigende Ereignisse, und wir reagieren mit einem fast reflexhaften Enthusiasmus, den wir längst verloren geglaubt hatten. Durch die umgehende Berichterstattung fühlen wir z.B., wie eine ganze Nation den Atem anhält, wenn eine gefährdete Weltraummission erfolgreich zur Erde zurückkehrt. (**) Solche Augenblicke sind bezaubernd, aber darauf können wir kein Leben aufbauen. Die meiste Zeit verbringen wir in einfachen Verhältnissen mit ganz gewöhnlichen Menschen. Nichts besonderes - das ist es. Wir müssen lernen in den "nicht besonderen" Momenten gut zu kommunizieren. Wir haben so viele davon.

 

(*) Die Autorin bezieht sich hier auf eine Comedy-Serie im amerikanischen Fernsehprogramm, die vor allem brisante Themen und gesellschaftliche Tabus aufgreift und diese für das amerikanische Fernsehen ungewöhnlich offen und provokativ behandelt. (A.d.Ü.)

(**) An dieser Stelle beschreibt die Autorin zum wiederholten Mal charakteristische Merkmale der amerikanischen Gesellschaft, die für uns Deutsche im allgemeinen nicht ohne weiteres nachvollziehbar sind. Um den Zugang zu den hier gegebenen Beispielen etwas zu erleichtern, sei an die allgemeine Stimmungslage in Deutschland erinnert, die durch den Fall der Mauer ausgelöst wurde. (A.d.Ü.)

 

 

Literatur

 

(01) Wuthnow, Robert. Sharing the Journey. New York: Free Press, 1994

(02) Polster, E. and Polster, M. Gestalt Therapy Integrated. New York: Vintage, 1974;

dt..: Gestalttherapie. Theorie und Praxis der integrativen Gestalttherapie. Frankfurt: Fischer, 1983

(03) Rosenblatt, Daniel, Opening Doors. Highland, New York: The Center for Gestalt Development, 1989; dt.: Türen öffnen. Was geschieht in der Gestalttherapie. Köln: Edition Humanistische Psychologie, 1986

(04) Feder, Bud and Ronall, Ruth: Beyond the Hot Seat. Highland, New York: The Gestalt Journal Press, 1994; dt.: Gestaltgruppen.Stuttgart: Klett-Cotta, 1982

(05) Group Network, Volume 6, Number 3. May/June 1995. York

(06) Wuthnow. op. cit.

(07) Shay, Jonathan. Achilles in Vietnam. New York: Touchstone, 1994

(08) Fromm, Erich. The Sane Society. New York: Holt, Rinehart and Winston, 1955

(09) Eshtain, Jean B. Democracy on Trial. New York: Basic Books, 1995

(10) N. Y. Times. 9/7/95 p. B 1

(11) Watson, Bruce. Smithsonian Magazine. V. 26 No. 1, April 1995

(12) Hall, Calvin S. and Lindzey, Gardner. Theories of Personality, Second edition. New York: John Wiley and Sons, 1978

(13) Goleman, Daniel. Emotional Intelligence. New York: Bantam, 1995 

 Praxisadressen von Gestalttherapeuten/-innen

 Zur Autorin:

Dr. Miriam Polster

ist Co-Leiterin des "Gestalt Training Center, San Diego" und lehrt klinische Psychologie am "Department of Psychiatry, School of Medicine" an der "University of California, San Diego". Sie ist eine der führenden Ausbilderinnen der Gestalttherapie und Co-Autorin (zusammen mit Erving Poster) des Klassikers "Gestalttherapie. Theorie und Praxis der integrativen Gestalttherapie" (Edition GIK im Hammer Verlag), sowie Autorin zahlreicher weiterer Publikationen.

Zuletzt erschien ihr Buch "Evas Töchter. Frauen als heimliche Heldinnen" (EHP).

Der vorliegende Essay ist zuerst erschienen in: "The Evolution of Psychotherapy: The Third Conference", herausgegeben von Jeffrey K. Zeig, New York 1996, Brunner/Mazel.

© 1996 by Milton H. Erickson Foundation.

Wir danken dem Herausgeber, dem Verlag und der Stiftung für die Genehmigung

der deutschen Erstübersetzung und der Veröffentlichung auf dieser Page.

Aus dem Amerikanischen von Ludger Firneburg.

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Gestalt-Institut Köln - GIK Bildungswerkstatt
Einrichtung der beruflichen Weiterbildung
Rurstr. 9 / Eingang Heimbacher Str.
D-50937 Köln (Nähe Uniklinik)
Tel. 0221 - 416163
Fax. 0221 - 447652
eMail: gik-gestalttherapie@gmx.de

 

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