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Erving Polster
Von Zigeunern geraubt
Persönliche Erfahrungen mit der Gestalttherapie


Aus der Gestaltkritik 1/2009:

Gestaltkritik - Die Zeitschrift mit Programm aus dem Gestalt-Institut Köln
Gestaltkritik (Internet): ISSN 1615-1712

Themenschwerpunkte:

Gestaltkritik verbindet die Ankündigung unseres aktuellen Veranstaltungs- und Weiterbildungsprogramms mit dem Abdruck von Originalbeiträgen: Texte aus unseren "Werkstätten" und denen unserer Freunde.

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  Hier folgt der Abdruck eines Beitrages aus Gestaltkritik 1/2009:

Erving Polster
Von Zigeunern geraubt
Persönliche Erfahrungen mit der Gestalttherapie

Foto: Erving PolsterErving Polster

Liebe Leserinnen, liebe Leser!

Wir haben uns zu einem ungewöhnlichen Schritt entschieden: An dieser Stelle veröffentlichen wir unseren Lieblingsartikel aus der Feder unseres Lehrers Erving Polsters nach mehr als 10 Jahren noch einmal in unserer Zeitschrift.
Die Lektüre des Gesprächs von Lynne Jacobs mit Erving Polster hat uns diesen so persönlichen Artikel wieder in Erinnerung gerufen - und auch wie gerne wir ihn damals gelesen haben und unsere tiefe Berührung dabei. Und jetzt, wo wir ihn wieder gelesen haben, ist es uns nicht anders ergangen.
Wir wünschen Ihnen viel Freude an diesem Beitrag.

Anke und Erhard Doubrawa

Bitte beachten Sie auch die Beiträge von Erving Polster in früheren Ausgaben unser Gestalttherapie-Zeitschrift "Gestaltkritik", sowie seine Buchveröffentlichungen in unserer "Edition GIK des Gestalt-Instituts Köln". Danke.

Mit vier Jahren war ich ungefähr so groß wie Mutters Bügelbrett. Manchmal stand ich da und sah ihr beim Bügeln zu, während sie mir Geschichten erzählte. Sie stammte aus der Tschechoslowakei, und die Geschichten, an die ich mich am besten erinnere, handelten von Zigeunern und von Kindern mit märchenhaften Namen wie Jobbela-Bobbela, die ihren Eltern kostbarer waren als alles andere auf der Welt. Ich war fasziniert. Die Zigeuner schienen diese Kinder so sehr zu lieben, daß sie offensichtlich überhaupt keine Hemmungen hatten, sie zu stehlen. Sie raubten fremde Kinder und behandelten sie wie Königskinder; doch die Kinder sehnten sich immer nach ihrem wirklichen Elternhaus und ihrer ursprünglichen Heimat zurück.

In diesen Erzählungen kam Mutters eigene Sehnsucht nach Zuhause zum Ausdruck; das beeindruckte mich. Selbst heute, fühle ich mich noch hin und hergerissen zwischen meiner Vorliebe für alles Vertraute und der Suche nach neuen Erfahrungen. Der innere Dialog zwischen diesen beiden Seiten könnte ungefähr so aussehen:

Das Vertraute: Ich erinnere mich noch gut an die alten Zeiten. Mit meinen Freunden oder meiner Familie gab es nie Schwierigkeiten. Sie akzeptierten mich so, wie ich war und verurteilten mich nie, außer vielleicht in einem spontanen Gefühl der Erregung. So liebe ich das Leben, und wenn es so nicht geht, vergiß es.

Das Neue: Quatsch. Auf die Art verfaulst du doch. Diese kritiklose Liebe wird völlig überbewertet. Davon hast du dich immer schon zu sehr beeindrucken lassen. Du bist einfach nur zu faul und hast Angst, notwendige Veränderungen in deinem Leben vorzunehmen. Von mir aus können die Leute über mich denken, was sie wollen. Ich will das Neue und ich stehe für die Konsequenzen ein.

Das Vertraute: Was heißt hier faul? Du verwechselst Faulheit mit Gelassenheit; dir ist der Ehrgeiz heilig. Was glaubst du, wo das hinführt? Hier kommt doch niemand lebend raus, und der ewige Kampf um eine neue Welt bringt dich deinem Ziel kein Stückchen näher; nicht mehr als das, was du kennst und womit du vertraut bist. Ehrgeiz!

Das Neue: Ja, natürlich erwartet uns alle dasselbe Ende, aber bis ich da angekommen bin, möchte ich ein interessantes Leben führen. Nur weil ich eines Tages sterben werde, habe ich nicht vor, mich der Langeweile und der Sicherheit hinzugeben. Für mich repräsentiert der Tod die Veränderung meines Lebens.

Das Vertraute: Gut, das ist ein wichtiger Punkt. Aber vergiß nicht: wenn du nicht auf mich hörst, läufst du sehr leicht Gefahr, überschwenglich zu werden; du wirst zwar immer weiter wachsen, aber ohne deine Erfahrungen jemals wirklich auszukosten.

Das Neue: Ich weiß, was du meinst; aber das entspricht mir eigentlich nicht. Im Gegenteil, ich fühle mich gerade dann lebendig, wenn ich meine Erfahrungen auskoste, und erst dann erscheinen sie mir auch im tiefsten Innern vertraut.

Das Vertraute: Da hast du's. Diese Vertrautheit, das bin ich, und ohne mich geht es nicht. Die Frage ist nicht, ob etwas schon einmal dagewesen ist, sondern ob ich die Gefühle, die damit verbunden sind, aus meinem tiefsten inneren Erleben kenne. Wenn wir beide weiterhin diese vertrauten Gefühle erleben, ist es mir egal, ob die Ereignisse dieselben bleiben oder nicht.

Das Neue: Ich glaube, darauf kann ich mich schon eher einlassen.

Selbst in Anbetracht der unbeabsichtigten Gehirnwäsche durch meine Mutter ist klar, daß das, was ich mit Grundvertrauen meine, nur durch neue Erfahrungen erneuert werden kann, die immer wieder alte Empfindungen und Gefühle hervorbringen. Die grundsätzlichen Stimmungen wie Faszination, Ehrfurcht, Scham oder Freude mögen ein Leben lang dieselben bleiben. Da ein solches grundsätzliches Gewahrsein vielgestaltig und an keine bestimmte Situation gebunden ist, kann man sich auch mit achtzig ebenso jung fühlen wie mit acht. Ich bin immer wieder dar­über erstaunt, daß ich mich - von den Schmerzen und Leiden des Älterwerdens einmal abgesehen - immer noch als derselbe wahrnehme. Zwar erlebe ich mich heute anders als früher, aber weniger in meiner grundsätzlichen Eigenart als vielmehr im Hinblick darauf, was ich tue und empfinde oder aus welchem Blickwinkel ich die Dinge betrachte. Natürlich wäre ich mit acht Jahren weder im Fernsehen aufgetreten, noch hätte ich diesen Artikel geschrieben. Damals interessierte ich mich dafür, wie oft hintereinander ich einen Ball auf einen bestimmten Punkt an unserer Treppe werfen und ihn anschließend wieder auffangen konnte. Und doch haben sich mein inneres Streben, meine Aufmerksamkeit und selbst mein Sinn fürs Abenteuer nicht verändert. Die Ausprägung meines Handelns, die Einzelheiten sind nur insofern von Bedeutung, als ich dieses alte Gefühl heute nicht mehr dadurch hervorrufe, daß ich einen Ball gegen die Treppe werfe, es sei denn in einem nostalgischen Augenblick.

Die Gelegenheiten, diese elementare Vertrautheit zu erfahren, sind schier unbegrenzt, und paradoxerweise ist die Wahrscheinlichkeit um so größer, je neuartiger und ungewohnter diese Erfahrung ist. Das kann eine Begegnung mit einem Fremden im Flugzeug sein oder ein eindrucksvolles Naturerlebnis wie der Anblick der italienischen Alpen; eine Cocktailparty, auf der ich mit einer schönen Frau flirte oder beim Schwimmen plötzlich meine Kraft zu spüren.

Als ich als Kind in meinem Bett lag und mitbekam, daß meine Eltern sich liebten, hatte ich dieses Gefühl ebenso wie beim Sandkuchen backen im Kindergarten, auf der Achterbahn oder auf dem Fußballplatz; an einem Feiertag in der Synagoge oder als ich zum ersten Mal die Brust eines Mädchens berührte. Meinen Bruder nach langer Zeit wiederzusehen; die Hochzeit meiner Schwester; die Fahrt zum Krankenhaus als meine Mutter gestorben war; der Anblick meiner Frau, als sie gerade aus dem Kreisssaal gefahren wurde oder ihr Anblick, wenn ich nach Hause komme; die Geburt unserer Kinder; der Tod eines Kindes während der Geburt; die Landung nach einem Bombenangriff; ein Bier nach der Sauna; eine überraschende Begegnung mit einem alten Freund, ein Eis ... Und dann natürlich die Erfahrungen des täglichen Lebens: einfach dasitzen; lächeln, weil jemand etwas Nettes sagt oder an die Geschichten anderer Menschen erinnert zu werden. Was ich für dieses Gefühl elementarer Vertrautheit brauche, ist ein wohlwollendes Klima. In einer gastfreundlichen Atmosphäre kann ich mich auf vielerlei Arten verhalten, ob ich nun schreie, einen Vortrag halte, Scherze mache, zuhöre oder völlig unbeteiligt bin. Wenn ich mich jedoch meiner Umgebung entfremdet oder aufgrund meines eigenen Verhaltens beschämt fühle, dann habe ich keinen Sinn für Vertrautheit, sondern fühle mich fremd und isoliert. Bis die Vertrautheit zurückkehrt, befinde ich mich dann in einer Art Fegefeuer. Es ist mein ganz eigenes Fegefeuer; häufig ist es sehr still, und manchmal betrübt es mich, immer aber bin ich allein.

Dieser zwanghafte Drang nach einem wohlwollenden Klima wirkt auf mich wie ein schleichendes Gift, und doch mobilisiert er paradoxerweise mein psychologisches Verständnis und Handeln. Während meiner Jugend nahm ich das Leben im großen und ganzen so, wie es kam. Ich schuf um mich herum keine neue Atmosphäre, sondern bewegte mich im Umfeld derer, die mir ein Gefühl des Wohlwollens entgegenbrachten. Unter diesen Umständen brauchte ich nur mit halber Kraft zu fahren, was in Ordnung war, da ich kaum daran interessiert war, mein Leben zu ändern - und angesichts der stillen Wasser, in denen ich lebte, bedeutete halbe Kraft schon sehr viel. Ich begann, meinen eigenen Weg zu gehen und mit meinem Bedürfnis, Entscheidungen zu beeinflussen, wuchs auch die Zahl der Auseinandersetzungen. Ich fing an, mich darum zu kümmern, was um mich her passierte und spürte den Drang, im Mittelpunkt zu stehen. In den Auseinandersetzungen während der Anfänge unseres Gestalt-Instituts verlor ich zwei Freunde, die das Institut verließen. Das war eine aufreibende Erfahrung. Ein Teil von mir starb, und ein anderer wurde geboren. Einerseits nahm mein Hochgefühl zu, andererseits bekam meine Heiterkeit aber auch ein paar Beulen ab. Bevor ich mich auf den Weg machte, um auch in professioneller Hinsicht meinen Platz in der Welt zu finden, war ich vor allem darum bemüht, ein netter Kerl zu sein. Während der ersten Jahre meiner therapeutischen Tätigkeit kam es kaum vor, daß meine Klienten sich über mich ärgerten, und das erstaunte mich.

Auch meine Kollegen waren niemals wütend auf mich, und so arbeitete ich an meiner Unzugänglichkeit für Ärger.

Wieder wechselten Glück und ängst­-liche Besorgnis einander ab. Kein schlechter Handel - sagt meine Gegenwart -, doch meine Vergangenheit hegt Zweifel. Heute ist mir der Ärger willkommen, wie schmerzlich auch immer er sein mag, solange er Erleichterung verspricht. Die Menschen, die ich am meisten bewundert habe, betrachten gelegentliche Konflikte als die Würze des Lebens und sind in der Lage, sich zu entscheiden, ob sie sich darauf einlassen oder nicht, aber bei mir scheint der Weg nach Utopia noch sehr weit zu sein.

Tatsächlich hatte ich eine Utopie. Mein Großvater hatte zwölf Kinder, von denen mein Vater der älteste war, und ich war sein erstes Enkelkind. Ich kam in einem kleinen Dorf in der Tschechoslowakei zur Welt. Später erfuhr ich, daß die Feier meiner Geburt sechs Monate dauerte. Was gab es sonst zu tun in diesem Dorf? Aber nach einiger Zeit ließ der Reiz des Neuen nach. Obwohl ich dieses Paradies meiner ersten Lebensmonate wieder verlassen musste, habe ich mir während der folgenden Jahre niemals in irgend einer Weise Gedanken über Liebe gemacht.

Bei uns zu Hause war die Liebe an keinerlei Bedingungen geknüpft, und das gab mir eine große Sicherheit; ich brauchte nichts dafür zu tun. Diese leichte und selbstverständliche Anerkennung hatte ich schon mit der Muttermilch eingesogen; was ich jedoch wirklich brauchte, war ein kräftiger Trank, der mich aufrüttelte. Nicht daß es bei uns keinen Krach gegeben hätte, aber unsere Streitereien hatten nichts existentiell Bedrohliches - unsere Liebe blieb davon immer unberührt. Mutter konnte sehr wütend werden, und häufig war sie es auch, entweder, weil sie überreizt war oder einfach nur, weil wir im Wohnzimmer Basketball spielten. Doch ihr Ärger glich mehr dem Kräuseln sanfter Wellen auf dem Wasser. Sie drängte uns nie in irgendeine Ecke, aus der es kein Entkommen gab. Daß sie Forderungen stellte und wir dagegen protestierten war völlig normal. Häufig endeten unsere Streitigkeiten darin, daß wir ihren Forderungen schließlich nachkamen, aber das war keineswegs immer so. Nie gab es ein Ultimatum oder eine Bestrafung. Wenn ich im Bett masturbiert hatte und mein Schlafanzug wieder trocken war, bekam er immer diese Knitterfalten. Aber ich erinnere mich nicht, daß Mutter jemals eine Bemerkung darüber hätte fallenlassen. In meiner Unschuld kam mir gar nicht in den Sinn, daß sie etwas davon mitbekommen könnte. Ich wäre tief gekränkt gewesen. Heute weiß ich, daß sie nicht einfach nur unschuldig war, sondern anständig genug, mir meine neue Entdeckung zu gönnen und mir die Freude daran nicht durch ihre eigenen Moralvorstellungen zu verderben. Einem geliebten Freund gegenüber seine Zweifel zu äußern, bedeutet für beide einen Gewinn, und ich glaube, daß das zu einer guten Freundschaft dazugehört. Unter den psychologisch interessierten Menschen habe ich diese Offenheit gegenüber den Eigenarten des anderen immer wieder gefunden, und wann immer ich ihr begegne, empfinde ich eine gewisse Wärme und habe das Gefühl, am richtigen Ort zu sein.

In einem fernen Land schaut ein kleiner Junge seine Mutter an. Sie ist heiter und wohlgemut und bereit, ihn in ihre Arme zu schließen wann immer es ihn zu ihr hindrängt. Und als er diesem einzigartigen Ort entgegeneilt, berührt ihr Atem seine junge Seele; unvergesslich der Duft, der seine kleine Nase umspielt.

Doch eines Tages endet die Zeit der Gewissheit und die Zukunft beginnt. Ein leibhaftiger Zigeuner aus einem immer fernen Land stiehlt sein Innerstes. Obwohl er den Jungen sehr liebt, ist seine Zukunft begrenzt durch die Andersartigkeit dieses Fremden. Und so wie der Zigeuner den Jungen in Wahrheit betrügt, so segnet er ihn später mit Erstrangigkeit und öffnet ihm den Weg in ein fürstliches Zigeunerleben, losgelöst vom Willen der Mutter und aufs neue geliebt. Und der Junge füllt seinen Brunnen mit immer fremden Wassern, reich zwar, aber nicht aus sich selbst entspringend.

 

Zwischen zwei Welten

Natürlich waren es nicht nur Mutters Zigeunergeschichten oder die Leichtherzigkeit ihrer Liebe, die in mir den starken Drang nach Geborgenheit begünstigten. Eine bedeutende Rolle spielte auch der Umstand, daß ich einerseits zwar Amerikaner, andererseits aber auch ein Fremder war. Als meine Familie in dieses Land übersiedelte, war ich erst zwei Jahre alt, und lange Zeit blieb ich Europäer, denn meine ganze Welt war europäisch: mein Zuhause, meine Familie, meine Religion und meine Nachbarschaft. Meine Schwester ist nur ein Jahr jünger als ich, und wir beide wurden scherzhaft die Europäer genannt, während mein vier Jahre jüngerer Bruder in dieser neuen Welt geboren und deshalb der Amerikaner genannt wurde. Dieses Land hatte ein Charisma, es gab genug zu essen und zu trinken, es gab Verbrechen, eine Zeitung in jedem Haushalt, Radio, Kino, Menschenmassen, Aufregung und Zwanglosigkeit. Überall war etwas los.

Außerdem war unsere ganze Sippe hier wieder vereint, und jeder bekam eine Chance. Ich schätzte mich glücklich, hier sein zu können und bedauerte alle, die es nicht konnten. In unserem Milieu ging es immer um Amerika: Amerika dieses und Amerika jenes, all das klang wie der Bericht eines Anthropologen, der das Leben auf einer bislang unentdeckten, primitiven Insel beschreibt. Ich selbst gewann nur flüchtige Eindrücke von Amerika - durch Filme, in den Kaufhäusern, in der Schule und auf dem Fußballplatz. Meine Einschulung vergrößerte die Kluft zwischen den beiden Welten, in denen ich lebte. Da draußen sprachen wir englisch, aber ich verstand nicht viel von dem, was eigentlich vor sich ging. Zu Hause sprach meine Mutter jiddisch und ich englisch, aber wir verstanden uns glänzend.

Die Unterschiede zwischen meinen Eltern und mir nahm ich als gegeben hin; und obwohl diese Spaltung der Welten entscheidende Bedeutung hatte, erschien sie uns kaum der Rede wert. Meine Eltern wussten so gut wie nichts von dem, was in meinem Leben geschah, und das schien völlig in Ordnung zu sein; gleichzeitig aber betonte es unbewusst die Neuartigkeit meiner äußeren Welt. Jeder erlebt während seiner Entwicklung die Faszination neuer Erfahrungen; für mich wurden diese Erfahrungen zu einer neuen Welt, in der nicht nur ihr Zauber, sondern auch meine eigene Unbeholfenheit und Vereinzelung deutlich wurden. Dieses Eintauchen in neue Welten hatte viele Gesichter: Ich erinnere mich, wie ich zum erstenmal Basketball spielte und Kinder kennenlernte, die auf der Reformschule gewesen waren; oder wie ich zum erstenmal per Anhalter fuhr und Geschichten über Marihuana hörte. Als ich später meinen Eltern oder unseren Gästen gelegentlich von diesen Erfahrungen der "amerikanischen Welt" erzählte, belächelten sie die Absonderlichkeit meiner Erlebnisse oder lachten lauthals über die Abwegigkeit meiner Geschichten, als ob ich von einem Kinofilm erzählte.

Dadurch wurde mir bewusst, dass ich wirklich allein war, auch wenn ich nie darüber sprach. Ich machte mein Diplom, war drei Jahre lang im Krieg und als mein Vater mich zum erstenmal auf meine Zukunftspläne ansprach, war ich bereits auf dem Weg zur Promotion. Er wollte wissen, was es mit dieser Psychologie auf sich hatte und ob ich wohl in der Lage sein würde, meinen Lebensunterhalt damit zu verdienen. Ich versicherte ihm, dass er sich keine Sorgen zu machen brauchte und er war zufrieden. Er hatte großes Vertrauen in meine Selbständigkeit. Ich wünschte, ich wäre damals ebenso vertrauensvoll gewesen wie er.

Mein Vater war ein Mann von großer Selbstbeherrschung, der für unseren Lebensunterhalt hart arbeitete und vor allem während der Depression sämtliche Kräfte für uns mobilisierte. Niemals bat er irgend jemanden um Hilfe oder Anleitung; er bemühte sich nicht um die Anerkennung anderer, aber er selbst gab mir auch keine. Es gibt eine Geschichte über ihn, ich weiß nicht, wer sie erzählt hat, aber wahrscheinlich ist sie wahr: Im Ersten Weltkrieg war er Soldat in einem polnischen Regiment gewesen. Selbst im Schützengraben holte er zu den vorgeschriebenen Zeiten seinen Gebetsschal und seine Gebetsriemen hervor, band sie sich feierlich um und betete. Die Tatsache, dass er von Menschen umgeben war, die im allgemeinen wenig Hemmungen hatten, einem Juden die Kehle durchzuschneiden, hielt ihn nicht davon ab, seiner unausweichlichen Pflicht nachzukommen. So einfach war das Leben. Glücklicherweise war er niemals habgierig. Er arbeitete hart und tat, was er konnte, aber im Gegensatz zu mir hatte er kein Verlangen nach dem, was die Welt darüber hinaus zu bieten hatte. Selbst die raffiniertesten Zigeuner konnten ihn nicht locken.

Meine Mutter fügte sich nie in dieses Amerika ein. Sie versuchte es nicht einmal. Ihre Welt war die Großfamilie, ihr Platz das Haus und die Nachbarschaft. Während der vierunddreißig Jahre, die sie in diesem Land lebte, ging sie nicht ein einziges Mal alleine weg. Sie fühlte sich dadurch keineswegs benachteiligt, denn alles, woran ihr gelegen war, fand sie in dieser vertrauten Umgebung; und keiner von uns zeigte ihr die vielen neuen Möglichkeiten, die sich hier auftaten. Zu Hause konnte sie all die Dinge tun, die ihr vertraut waren: sie konnte herrliche Gerichte zubereiten, lachen, Musik hören, konnte vor Wut kochen oder mit sanfter Stimme die schönsten Geschichten erzählen. Sie brachte ihre innere Welt nach außen und bereute gelegentlich den Umstand, dass sie ­- wie sie zu sagen pflegte - ihr Herz auf der Zunge trug. Gleichzeitig bedeutete dies aber auch, dass ich ihre Liebe spürte, sobald sie mich nur beim Namen rief. Kurz bevor sie starb lehnte sie im Krankenhaus die Sauerstoffmaske ab. Sie war nie wirklich in Amerika zu Hause.

Irgendwo im Halbschatten meines Bewusstseins spürte ich ein nagendes Gefühl der Verantwortung für meine Mutter und meine Schwester. Mein Vater arbeitete die meiste Zeit und war fast nie da. Mein Bruder in seiner erfrischenden Art war einfach eine helle Freude; er war oft mit uns älteren zusammen. Wir trieben Sport und spielten zusammen, aber ich brauchte nie irgend etwas für ihn zu tun. Meine Mutter und meine Schwester hingegen schienen ständig irgend etwas von mir zu wollen, aber ich konnte nicht ausmachen, was es eigentlich war. Ich hatte das Gefühl, dass Frauen in dieser Welt ein elendes Schicksal zu erdulden hatten; sie taten mir leid. Sie schienen irgendwie in der Klemme zu stecken. Im großen und ganzen ging ich ihnen aus dem Weg und lebte mein eigenes Leben. Später führte ich einige sehr herzliche Gespräche mit meiner Schwester, und ich zähle sie zu den besten meines Lebens. Als Kind allerdings hörte ich ständig diese unterschwellige Forderung, hilfsbereiter zu sein und eine Art Vorwurf, dass ich meiner Pflicht, es ihr und meiner Mutter recht zu machen, nicht nachkäme. In diesem Pflichtgefühl lag vielleicht bereits der Kern meines späteren Psychotherapeutendaseins, das nur noch der rechten Mittel bedurfte, um sich zu entwickeln. Aber was hätte ich tun können? Heute glaube ich, dass mich damals die Vorstellung, die körperliche Liebe sei das für mich noch unerreichbare Instrument, das alles zum Guten wenden würde, im tiefsten Innern lähmte.

Schon im Kinderbett hatte ich die magischen Möglichkeiten der Sexualität kennengelernt, wenn ich hörte, wie sie sich liebten. Ich hatte keine Ahnung, was sie da machten, aber meine Mutter machte Geräusche, die mein eigenes Repertoire bei weitem überstiegen und die aus der ungeheuren Tiefe jenseits ihres Rachenraums zu kommen schienen. Ich war wie verzaubert und in einer Art Trance, spürte aber gleichzeitig jene überaus reine Aufmerksamkeit im Raum, die in den erfüllendsten Erfahrungen meines Lebens stets enthalten ist, vor allem in meiner therapeutischen Arbeit. Doch diese Erlebnisse gerieten in Vergessenheit bis ich erwachsen wurde; was blieb war die unklare Phantasie, dass es eine Art Glücksknopf gab, der, wenn man darauf drückte, die Menschen im Nu zum Strahlen brachte. Noch heute muss ich dieser Phantasie Einhalt gebieten. In der Wirklichkeit meiner Kindheit spielte Sexualität eine so geringe Rolle, dass ich meine Schwester niemals nackt gesehen habe, obwohl ich mit ihr und meinem Bruder ein winziges Zimmer teilte. Ein solches Meisterstück der Täuschung habe ich ansonsten nur noch an den Stränden Frankreichs gefunden, wo die Leute mit unglaublicher Behändigkeit ihre Kleider wechseln ohne jemals Blöße zu zeigen. Unnötig zu erwähnen, dass meiner Schwester und mir ein spannendes Erlebnis entging, und obwohl ich mich immer zu ihnen hingezogen fühlte, empfand ich doch auch eine unüberbrückbare Distanz zwischen mir und den Mädchen.

Die Idee, dass eine gesunde Sexualität das Leben reicher macht, hat an Attraktivität nicht verloren, und ich hege keinen Zweifel, dass die Reichianische Einsicht der Bedeutung sexueller Potenz eine großartige Erkenntnis darstellt. Während sie jedoch den Orgasmus als Grundstein eines erfüllten Lebens betrachtet, sehe ich darin nicht mehr als ein beispielhaftes Ereignis. Mit anderen Worten: die Bedingungen der sexuellen Potenz sind dieselben wie die aller anderen menschlichen Potentiale. Die Muskelentspannung, der Einsatz aller erforderlichen Kräfte, die Bewegung durch den Widerstand hindurch in eine fließende, angespannte Funktion, das Erreichen eines Höhepunktes und wiederum Entspannung - all das sind wesentliche Schritte auf dem Weg in die Höhen der menschlichen Potenz. Und das gilt nicht nur für den Orgasmus, sondern gleichermaßen für andere Funktionen wie das Erbrechen, die Planung einer Konferenz oder das Schreiben eines Kapitels für ein Buch. Für mich nimmt die sexuelle Erfahrung zweifellos einen zentralen Platz ein, dennoch kann ich eine spritzige und geistreiche Unterhaltung als mindestens ebenso wohltuend erleben, genau wie eine sorgfältig erledigte Arbeit oder eine gesellige Runde. Solche Aktivitäten stehen einem großartigen Orgasmus in nichts nach, auch wenn ich letzteren immer vorziehen würde.

Auf meinem Weg in die andere Welt wurde ich bereits in der Grundschule mit ihren ersten Anforderungen konfrontiert. Während dieser Zeit konnte ich mir nicht erklären, warum ich mich in der Schule so anders fühlte als zu Hause. In der Schule war ich schüchtern und unzugänglich, sagte kaum ein Wort und gab mich Tagträumen hin, in denen ich die Mädchen aus der brennenden Schule rettete oder andere Heldentaten vollbrachte. Unentwegt schaute ich auf die Uhr. Heute hängt eine solche Uhr in meiner Küche, und sie gefällt mir sehr; aber damals war die Schule quälend und langweilig. Bei uns zu Hause oder in der Nachbarschaft hingegen war immer etwas los, und ich gehörte auf eine ganz natürliche Art dazu. Ich wahr wohl etwas stiller als die anderen, aber sicher nicht weniger interessiert und wahrscheinlich von einer eher merkwürdigen Heiterkeit. Es gab eigentlich nichts, worin ich besonders hervorragend war, aber wann immer es darum ging, eine Mannschaft oder eine andere Gruppe zu bilden, fand ich mich aus irgend einem seltsamen Grund im Mittelpunkt des Geschehens wieder und wurde zum Mannschaftskapitän oder zum Vorsitzenden gewählt. Die größte Unvereinbarkeit bestand für mich darin, dass ich in der Schule ein kleiner Punkt im Hintergrund war, der wenig zum Geschehen beitrug und kaum bemerkt wurde, während ich in heimatlichen Gefilden deutlich im Vordergrund stand. Erst jetzt, während des Schreibens wird mir klar, dass es mir darum ging, nicht von Zigeunern erwischt zu ­werden.

Bis 1946, als ich an der Western Reserve University studierte, hatte ich nie einen Ort gefunden, der wissenschaftliche Gelehrsamkeit mit dem für mich so wichtigen Gefühl elementarer Vertrautheit verband. Nicht nur in der Schule, sondern zum erstenmal auch in der "amerikanischen Welt" bekam mein Beteiligtsein schließlich Bedeutung und ich wurde zu einem ehrfürchtigen Beobachter. Ich hatte Glück, denn mein Seminarleiter Calvin Hall war der brillanteste und aufgeschlossenste Mann, dem ich bis dahin begegnet war. Er war auch derjenige, der mich eigentlich zur Psychologie gebracht hatte. Ich war überglücklich als ich anerkannt wurde und selbst im Seminar mitarbeiten durfte. Zunächst wurde mir eine sehr interessante und verantwortungsvolle Assistentenstelle angeboten, wo ich mit Studenten der unteren Semester therapeutisch arbeiten konnte. Später wurde ich dann ins Seminar aufgenommen. Diese Erfahrungen schärften mein Verständnis dafür, wieviel wir über andere Menschen in Erfahrung bringen können. Dem Seminar war nichts heilig. Meine Arbeit war beflügelt von einem völlig neuen Denken und ich erlebte unbewusste Fähigkeiten am Werk, die über die Jahre in mir herangereift waren und meinen Blickwinkel nahezu unbemerkt erweitert hatten.

Dozenten und Studenten wandten die gelernten Kategorien der Charakterstrukturen hemmungslos aufeinander an und konfrontierten sich gegenseitig mit Scharfsinn und Abenteuerlust. Wir entgingen dem Schrecken unseres Treibens lediglich durch unseren ausgelassenen Humor, unsere Ausdauer und unsere anhaltende Zuneigung, die tiefer ging als die eine oder andere spitze Bemerkung. Die Vorstellung, was meine Kastrationsangst oder der Wunsch, mit meiner Mutter zu schlafen, bei mir auslöste, erschien mir ebenso lächerlich wie stringent, genau wie das Konzept der verschiedenen Stadien der psychosexuellen Entwicklung. Als jemand einmal eine Bemerkung darüber machte, wie sehr ich meine homosexuellen Anteile verdrängt hätte, war ich tief schockiert. Ich schluckte den psychoanalytischen Angelhaken mitsamt der Leine und dem Schwimmer, ein riskantes Unternehmen, aber es schien mir die Sache wert zu sein. Auch wenn ich die psychoanalytische Sichtweise heute nicht mehr teile, bin ich froh, sie mit vorbehaltloser Faszination auf mich gewirkt haben zu lassen. Meine Art zu lernen funktioniert am besten, wenn ich die kritischen Stimmen in mir für eine Weile zum Schweigen bringe und, meiner Intuition folgend, das Neue einfach als gegeben betrachte und in mich aufnehme wie die Muttermilch oder ein Schlaflied. Das Kauen ist natürlich genau so wichtig, aber das kommt später. Mein geistiger Horizont erweiterte sich, indem ich mich der Psychoanalyse in eben dieser unschuldigen Haltung näherte und meinen intellektuellen Fähigkeiten gestattete, sich organisch zu entwickeln. In jedem Fall kam diese neue Liturgie zur rechten Zeit und war sehr viel aufregender als die jüdisch orthodoxe Liturgie es vor meinem Austritt aus der jüdischen Gemeinschaft gewesen war.

Einmal erzählte ich meinem Onkel auf einer Familienfeier, dass wir alle die orale, die anale, die phallische und die genitale Phase durchleben. Er, ein ungebildeter, den weltlichen Dingen durchaus zugetaner Mann, lachte obszön und sah mich mit großen Augen an; für ihn war es eine imposante Verflechtung von Gossengeschichten und höherer Universitätsbildung. Er strahlte vor Stolz, dass ich zu so etwas imstande war. Selbst später, als wir nur noch wenig Kontakt miteinander hatten, bestaunte er mich, als sei ich mit unerklärlicher Weisheit gesegnet, die ihm zwar unbegreiflich schien, die aber dennoch die unauslöschlichen Zeichen meiner Menschlichkeit widerspiegelten. Während dieses Familienfestes überbrückten wir beide diese Zweiteilung der Welt, die für mich ein bedeutendes Lebensthema darstellt.

Die Idee zweier Welten entspricht der natürlichen Sichtweise eines Fremden, also auch meiner eigenen. Einerseits ist es eine idyllische, weil einfache Sichtweise. Die Gegensätze führen nicht zu Verwirrung, weil sie sich einfach nicht ins Gehege kommen; jedes bleibt an seinem Platz. Doch bei mir war diese Perspektive zum Scheitern verurteilt. Nachdem ich mich einmal in die Zigeunerwelt hineingewagt hatte, wurde ich grandios. Ich wollte mehr als nur professionell sein; ich wollte der Welt da draußen sagen, was ich zu sagen hatte. Ich wollte meine Kräfte erproben und erfahren, wie ich diese Welt verändern könnte.

Anstatt mich in einer neuen Weise auf die äußere Welt zu konzentrieren, wohnte ich während meines Studiums zu Hause. Obwohl ich bereits vierundzwanzig war, als ich mit dem Studium anfing, kam es mir seltsamerweise nie in den Sinn, woanders zu wohnen. Erstens war ich völlig pleite, und zweitens hatte ich gerade meine Zeit bei der Luftwaffe beendet; und nach all den Bombenangriffen war es ein beruhigendes Gefühl, zu Hause zu sein, wo ich mich frei bewegen konnte. Trotz der ungeheuren Vielfalt an neuen Erfahrungen, die ich an der Universität machte und neuer Bekanntschaften mit Kommilitonen, konzentrierte sich mein Gemeinschaftsgefühl doch vor allem auf meine alten Freunde und meine Familie. Aber die Welt der Psychologie wurde zunehmend attraktiver, und am Ende meines Studiums heiratete ich. Damals verließ ich Cleveland, um an der Universität von Iowa eine Stelle anzunehmen. Zwei Jahre später kehrte ich wieder nach Cleveland zurück, und eröffnete eine private Praxis, aber meine zwei Welten kamen nie wieder so richtig zusammen. Man könnte sagen, ich war erwachsen geworden, aber oft genug kam ich mir eher wie ein Abtrünniger vor. Dennoch, meine Richtung stand fest. Ich hatte Miriam, die bezaubernd war und meinem Leben eine neue Dimension gab. Sie sang wunderschöne Lieder, schmückte unser Haus, hatte immer ein sonniges Lächeln, erzählte Geschichten und hinterließ mir witzige und liebevolle Nachrichten. Ich war hingerissen, wenn ich bei ihr war. Unser neues Zuhause hatte dieselbe Vertrautheit wie mein früheres und war darüber hinaus viel aufregender. Aber Miriam war an meiner Familie und meinen alten Freunden nicht so übermäßig interessiert, und außerdem steckte ich bis über beide Ohren in "professionellen" Veränderungen und hatte nicht die Energie, mein altes Leben weiterzuleben.

 

Zigeuner!

Den entscheidenden Schritt zur Veränderung machte ich 1953, zwei Jahre nachdem ich meine Praxis in Cleveland eröffnet hatte. Fritz Perls bot einen Workshop in Gestalttherapie an, und er war eine Offenbarung. Er war ein weicher, riesiger Pilz mit einem großen, alles überragenden Kopf und geschmeidigen Lamellen, mit denen er den Raum um sich herum einnahm. Er war die atmende Freiheit, und der Klang seiner Stimme vermittelte das Gefühl, man höre das Leben selbst sprechen. Er verfügte über eine enorme Feinfühligkeit und hatte großes Vertrauen in die Kraft, die daraus entstand, dass er die Menschen, mit denen er arbeitete, Schritt für Schritt begleitete. Auch wenn es hart auf hart kam, konnte man ihm vertrauen. Einmal hatte er mich während einer Sitzung ermutigt, meine Wut zum Ausdruck zu bringen. Ich schrie und schluchzte und kehrte schließlich in einem tiefen Gefühl des Alleinseins zu mir selbst zurück. Ich konzentrierte mich auf mein Inneres, auf das einzige Licht, das noch da war, und plötzlich spürte ich seine Hand. Ich öffnete meine Augen, und er war da, ganz zärtlich. In diesem Moment liebte ich ihn. Wir umarmten uns, er sagte ein paar sanfte Worte, an die ich mich nicht erinnere und ich fühlte mich innerlich erleichtert.

Er war ein rauher Kerl, war eben Fritz, wie viele damals meinten, und er ist weithin bekannt als jemand, der scharf und abweisend sein konnte, wenn er sich gerade so fühlte. Er ist weniger bekannt für seine außerordentliche Sanftheit, und genau diese Fähigkeit, zusammen mit seiner unvergleichlichen Phantasie und Feinfühligkeit, machte seine Arbeit so erfolgreich. Man wusste, dass er sowohl die Schattenseiten des Lebens als auch seine lichtesten Momente kannte. Einmal fragte er mich in einem Workshop während der Pause, warum ich so still sei. Ich sagte ihm, ich sei ängstlich. Er meinte, er wisse, wie das sei; er selbst sei bis vor ein paar Jahren so schüchtern gewesen, dass er in der Öffentlichkeit kein Wort herausbrachte, wenn er nicht ablesen konnte. Ich war erstaunt und fühlte mich durch seine Offenheit bereichert. Später in der Gruppe nannte er mich den Störenfried, weil ich nichts sagen wollte, was den Prozess in irgendeiner Weise stören könnte. Er ermutigte mich, zu stören, wann immer es mir in den Sinn kam, und ich probierte es. Ich ließ meinen Assoziationen freien Lauf und kommentierte das ganze Geschehen, bis er schließlich mit mir böse wurde. "Aber du hast ihm doch gesagt, dass er stören soll", meinte jemand aus der Gruppe. Fritz antwortete, "Ja, aber ich habe ihm nicht gesagt, dass es mir gefallen würde." Ich machte trotzdem weiter und erhielt eine meiner wichtigsten Lektionen. Was als Störung und Unterbrechung angefangen hatte, entwickelte sich zu einer echten Führungsqualität. Fritz war sehr feinfühlig, aber wenn er das Gefühl hatte, dass jemand ihn in die Enge treiben oder ihm etwas aufzwingen wollte, konnte er auch zu einem richtigen Dreckskerl werden. Seine eigene Weigerung, das Gift seiner Umgebung einzuatmen, war Ausdruck seiner grundlegenden Botschaft, nämlich dass jeder Mensch sein eigenes Leben kreiert.

Fritz öffnete vielen die Augen, zunächst in Cleveland und später im ganzen Land. Bei uns erlebte er den ersten Durchbruch seiner neuen Therapiemethode. Er war gegen jedes Intellektualisieren, und wie mir inzwischen klar geworden ist, schaffte er sehr schnell eine vertrauensvolle Atmosphäre. Er beschrieb, was guten Kontakt ausmacht und führte es vor, ohne dabei seicht zu werden oder besonders professionell wirken zu müssen. Er zeigte, wie guter Kontakt zusammen mit den Techniken der Gewahrseinssteigerung die Entwicklung grundlegender emotionaler Erfahrungen verstärken konnte. Die daraus entstehende Gefühlsintensität war für damalige Verhältnisse eine Seltenheit. In einer Gruppe von fünfzehn Leuten zu weinen galt als beachtlich, und vielen, die seine Methoden als gefährlich und verantwortungslos betrachteten, erschien ein solches Verhalten höchst fragwürdig. Wir wurden damals in Cleveland heftig angegriffen, aber unsere Gemeinschaft hatte zuviel Neues und Aufregendes zu entdecken, als dass wir uns darüber Sorgen machten, wie angesehen wir bei denen waren, die Gerüchte über unsere bacchantischen Rituale verbreiteten. Ich wünschte, manche dieser Gerüchte wären tatsächlich wahr gewesen.

Das Neuartige lag für mich in der Möglichkeit, Therapie zu erfahren, anstatt nur zu versuchen, sie zu verstehen. Diese Orientierung erscheint uns heute als alter Hut, aber zu jener Zeit war sie der Anfang einer fundamentalen Veränderung meiner professionellen Grundlagen. Ich hörte auf, bloß professionell zu sein und erlaubte mir selbst, mich so weit wie nötig einzulassen, um eine Atmosphäre tiefen Vertrauens zu schaffen. Ich wandte mich nicht mehr bloß dem äußeren Leben meiner Klienten zu und erreichte so ein größeres Maß an persönlicher Anteilnahme. Ich kam hinter meinem Schreibtisch hervor und begann, mir selbst mehr Authentizität zuzugestehen. Wenn sich Intimität entwickelte, empfand ich sie nicht mehr nur als Übertragung durch den Patienten im professionellen Rahmen, sondern als gerechtfertigte Antwort auf die Kunst, die ich ausübte; als gemeinsame Begeisterung für die Kreation eines erfüllenden Dramas.

Einer der ersten Klienten, bei dem meine gestalttherapeutische Färbung deutlich wurde, meinte "Es ist nicht mehr so einsam hier." Einem anderen Klienten brachte ich das Bellen bei, und am nächsten Tag machte der Psychiater aus der Praxis gegenüber im Aufzug eine spitze Bemerkung darüber, dass meine Klienten ihre Hunde mit zur Therapie bringen durften. Als ich ihm erzählte, das sei kein Hund gewesen, den er bellen gehört hatte, sondern ich selbst, war er schockiert. Wir redeten kein Wort mehr, aber Gott weiß, wieviele Gerüchte aus dieser Situation entstanden sein mögen. Mir gefiel es, verrückte Dinge zu tun, und für meinen Klienten war das Bellen lehrreicher als tausend Worte.

Perls war nicht der einzige, der uns die Augen öffnete. Das ganze Gestaltinstitut von Cleveland hatte diese Haltung angenommen, ebenso wie die Trainer aus New York, die wir einluden: Paul Goodman, Paul Weisz, Laura Perls und Isadore From. Als ich Isadore From zum erstenmal begegnete, sah er aus wie ein junger arabischer Gelehrter, sehr klein, exotisch und sehr elegant - sowohl im Denken als auch im sprachlichen Ausdruck. Außerhalb der Gestaltwelt ist er kaum bekannt, denn Karriere spielte für ihn eigentlich nie eine Rolle. Er fiel sozusagen zufällig vom Baum der Psychotherapie, herangereift durch die Therapie mit Fritz und Laura Perls und deren umfassende Kenntnis der Phänomenologie. Obwohl all unsere Lehrer aus New York großen Einfluss auf uns ausübten, war Isadore uns am wichtigsten. Die anderen kamen vier oder fünfmal im Jahr, um Workshops zu machen; Isadore kam sechs Jahre lang zweimal im Monat, später sogar einmal pro Monat. Seine Besuche waren immer wie Ferien, nicht im Sinne von Urlaub, sie waren eine Zeit der Ernte, in denen wir die Früchte frischer Lebensenergie einsammelten. In meiner Einzeltherapie redete ich nicht nur mit Isadore, ich weinte, schrie, berührte, flüsterte, ging umher, ich sah und hörte, erinnerte und phantasierte, liebte und lachte. Er hatte eine bemerkenswerte Fähigkeit, die Dinge zwischen uns in einem organischen Fluss zu halten ohne umständliche Experimente vorzuschlagen oder auf theoretische Bekräftigungen auszuweichen. Ich wurde ein poetischer Klient. Ich respektierte meinen inneren Fluss und bewegte mich von einem Gefühl innerer Verwirrung und verbaler Verstopfung hin zu den innigsten und eloquentesten Ausführungen, die ich jemals gemacht habe. Er verstand mich auf eine sehr außergewöhnliche Weise, und seine Gelehrsamkeit und Weisheit bildeten den Angelpunkt meiner persönlichen Entwicklung für die nächsten zehn Jahre. Nachdem sich unsere Gemeinschaft zwei Jahre lang wöchentlich ohne Leiter getroffen hatte, gründeten wir 1955 das Gestaltinstitut Cleveland, eines der ersten Wachstumszentren. Zunächst organisierten wir Trainings für uns selbst als einer Gemeinschaft von Lernenden. Später gingen wir dann dazu über, auch andere zu unterrichten und Gestalttherapie Trainings zu lehren.

Bei dieser Entwicklung spielte ich eine zentrale Rolle; ich leitete unsere ersten eigenen Workshops, unterrichtete in den ersten Kursen und arbeitete als Therapeut mit vielen, die heute selbst hervorragende Trainer und Therapeuten sind. Auch das Postgraduierten-Training geht auf meine Initiative zurück. Wir bahnten uns unseren eigenen Weg durch unser Gemeinschaftsprojekt, und der Beitrag, den ich dazu leisten konnte, hat sich nachhaltig auf meine weitere Arbeit ausgewirkt. Dies war nun ein Punkt in "Amerika" wo das, was ich zu geben hatte mit dem vergleichbar war, was ich erhielt. Bei diesen Menschen war ich zu Hause, und dadurch stellte sich mein altes Gefühl von Vertrautheit wieder ein, ohne dass die neue Gemeinschaft eine bloße Kopie meiner alten Umgebung darstellte. Le plus que ce change, le plus que c'est le meme chose.

 

Der Schritt von der Gegenwart in die Zukunft

Solche Wachstumszentren entwickelten sich später im ganzen Land. Das führte dazu, dass die Psychotherapeuten und ihre Kollegen bis heute versuchen, eine modernere Form der Psychotherapie zu entwickeln. Damit meine ich eine Therapie, die über die Praxen hinausgeht und nicht mehr nur den klassischen Patienten, sondern große Teile der Bevölkerung anspricht.

Die traditionelle psychotherapeutische Perspektive war naiv genug zu glauben, dass eine gute therapeutische Erfahrung es jedermann ermöglichen würde, mit der Gesellschaft zurecht zu kommen. Man ging davon aus, dass die Gesellschaft ausreichend Freiraum bot, so dass man in einer gesunden psychischen Verfassung seinen geeigneten Platz darin finden konnte. Nur diejenigen, die unter Zwängen oder anderen Störungen litten, hatten Schwierigkeiten, den Anforderungen ihres eigenen Lebens zu entsprechen. Inzwischen ist klar, dass diese Annahmen auf blindem Optimismus basierten und dass die Graffitis der jungen Generation mehr mit der Realität zu tun haben. Wir versuchten, die Leute zu "heilen", bis wir endlich einsehen mussten, dass der Krankheitsbegriff völlig ungeeignet war, um diejenigen, die zu uns kamen, zu beschreiben. Der Begriff Wachstum entstand.

Neue Menschen tauchten auf, und mehr als jemals zuvor; Menschen, die sich kaum für Heilung interessierten, sondern nach besseren Lebensformen suchten und denen an Selbstverwirklichung und Selbsterfahrung gelegen war. 'Erregung' war jetzt die stärkste Motivation. Die neuen Interaktionsformen brachten ein großes Maß an Erregung mit sich und ermöglichten so die Erfahrung ursprünglicher Vertrautheit.

Ein wesentlicher Faktor dieser Erregung war etwas, das ich selbst als synaptische Erfahrung bezeichnet habe. Damit meine ich die Erfahrung der eigenen Einheit und Dynamik, die durch das Zusammenspiel von Gewahrsein und Handeln entsteht. Als senso-motorische Wesen sind wir dann am vollständigsten, wenn sowohl das sensorische als auch das motorische System in unserem Leben ausreichend repräsentiert sind. Der eine neigt zu einer stärkeren Ausprägung des sensorischen Systems, beim anderen liegt der Schwerpunkt auf dem motorischen; solche Neigungen sind variabel. Unter bestimmten Umständen kann das eine oder andere System überwiegen und dadurch entweder Blockierung oder verstärkte Präsenz bewirken. Die Wiederherstellung der Einheit von Gewahrsein und Handeln ist eine der Grundideen wachstumsorientierter Gruppen. Dies zeigt sich in der permanenten Fokussierung der GruppenteilnehmerInnen auf die eigenen Gefühle, Wünsche, Werte und Einschätzungen. Die dazugehörigen Aktionen, das Handeln (vor allem das Sprechen, aber auch non-verbales Verhalten) entstehen aus dem Wissen um die inneren Prozesse. Man spürt den Wunsch zu tanzen, und man tanzt. Andersherum kann es sein, dass kunstvoll entwickelte Fähigkeiten neue Einsichten in unser Inneres eröffnen; etwa, dass man sich nach dem Tanzen erfrischt und beschwingt fühlt. Wie auch immer diese Vereinigung zustande kommt, die Steigerung der eigenen Präsenz im Zusammenspiel mit dem Gefühl ursprünglicher Vertrautheit führt zu einem gesunden Kontakt mit anderen. Eine weitere Besonderheit von wachstumsorientierten Gruppen zeigt sich im Prozess der Verdichtung, der neben der Erregung auch das Grundvertrauen fördert und verstärkt. Die Verdichtung ist der Prozess, durch den der Mensch weite Gebiete seiner Erfahrung zu kleinen, überschaubaren Einheiten zusammenfasst. Verdichtung ermöglicht gleichermaßen den dichterischen wie den faktischen Ausdruck von Wahrheit in klarer, knapper und bedeutsamer Form.

Angenommen, jemand, der groß und sehr still ist, nimmt sich selbst in einer Gruppe wie ein Elefant wahr. Er agiert dieses Bild im Rollenspiel aus, begegnet seinem Partner mit unbewusster Aggression und ist nah daran, ihn zu verletzen, weil er mit viel größerem Kraftaufwand kämpft, als eigentlich nötig wäre. Jetzt ist er mit der Angst und der Bestürzung der anderen Gruppenteilnehmer konfrontiert. Da er - vielleicht zum erstenmal - erfährt, wie es ist, dieses Elefantenhafte zum Ausdruck zu bringen, kann er ein Verständnis dafür entwickeln, dass andere ihm oft ängstlich gegenüberstehen, selbst dann, wenn er niemandem etwas tut. Der Übergang von einer verdichteten oberflächlichen Erfahrung zu dem zugrundeliegenden Verhalten führt zu einem Schwall von Erregung, in dem die Energie des Symbols frei wird.

Ein weiteres Merkmal der wachstumsorientierten Gruppe ist ihre besondere Würde und Erhabenheit, die sie den hemmenden Bedingungen des Alltags enthebt. Die Gefahren der Kündigung, der Scheidung, der Ächtung, des Missverständnisses oder der Bestrafung, die im täglichen Leben allgegenwärtig sind, sind in diesen Gruppen auf ein Minimum reduziert. Die meisten Menschen sind nicht in der Lage, sich in dieser Welt der permanenten Eindrücke und Anforderungen zurechtzufinden, ohne sich in Heiligtümer zurückzuziehen, in denen sie Erfahrungen machen können, die normalerweise verboten sind. Es gibt kein ideales Verhältnis zwischen dem Geheiligten und dem Alltäglichen, dennoch ist klar, dass beides fortwährend in Beziehung miteinander stehen muss, da die geheiligte Erfahrung ansonsten kultisch werden und die Welt erneut zweiteilen könnte. Statt dessen muss die alltägliche Welt durch die neuen Erfahrungen, die Menschen in solchen Gruppen machen, verändert werden, was unausweichlich der Fall ist, wenn genügend Leute ihre neuen Entdeckungen in ihr Alltagsleben integrieren. Je früher solche Erfahrungen gemacht werden und je vitaler sie sind, desto revolutionärer wird ihre Wirkung auf die ganze Bevölkerung sein.

Wenn wir die Bedingungen der Wiederherstellung des Grundvertrauens und der Entfaltung des beschriebenen revolutionären Effekts einmal voraussetzen, kommen wir zu einem soziologischen Schritt, der nicht nur den alten Heilungsbegriff hinter sich lässt, sondern auch über das Wachstum hinausgeht: der Entwicklung eines neuen Klimas. Niemand kann der psychologischen Umweltverschmutzung seiner Umgebung entkommen, deshalb werden wir mit unseren Gruppen oder der Therapie so lange in einer geteilten Welt leben, bis wir die psychologisch notwendigen Veränderungen im gesellschaftlichen Klima herbeiführen. Neue Wege der Kommunikation; neue Werte; neue Prioritäten; die Veränderung von Institutionen wie Ehe, Schule oder Regierung; neue Anforderungen an die Ausbildung und neue Bezahlungs- und Gratifikationssysteme gehören sämtlich zu den notwendigen Veränderungen im spirituellen Raum unserer Gesellschaft. Veränderung ist die unverzichtbare Grundlage unserer Gesellschaft, deshalb geschieht sie ganz selbstverständlich. In unserer Zeit gestalten die Therapeuten mit ihren Ansichten und Perspektiven den soziologischen Fluss mit. Sie haben großen Einfluss, können sich aber nicht sicher sein, dass sie wirklich gehört werden. Wie immer kommt die größte Herausforderung aus den Kreisen materialistisch orientierter Mitbürger, die teils aus Habgier, teils aus Gewohnheit und manchmal aus reiner Not die Auffassung vertreten, ein Huhn in jedem Topf gebe jedem, was er braucht. Materielle Grundbedürfnisse wie das Essen sind so vorrangig, dass sie alle anderen Überlegungen überwiegen und die Aufmerksamkeit der Menschen und der Regierungen auf sich ziehen. Dadurch verschwinden die psychologischen Tatsachen des Lebens natürlich im Hintergrund, von der geringfügigen Anerkennung durch die Arbeit verwelkter Religionen einmal abgesehen. Das erschwert es der psychotherapeutischen Bewegung, sich Gehör zu verschaffen. Dennoch tun wir es, und ich glaube, dass wir es auch weiterhin tun werden, ohne deshalb die materiellen Grundbedürfnisse zu ignorieren. Vielleicht hat unsere Ausdehnung in den Materialismus mit der zunehmenden Beschäftigung von Psychologen in Industriefirmen und dem wachsenden Markt öffentlicher Beratungseinrichtungen schon begonnen.

Indem wir nicht nur das persönliche Wachstum, sondern auch das soziale Klima betrachten, kommen wir zu einem mehr ganzheitlichen Bild des Menschen, der nicht ein isoliertes Ganzes bildet, sondern immer untrennbar mit einer Gemeinschaft verbunden ist. Unaufhörlich werden in unserer Welt ungesunde Tabus gelockert oder aufgelöst. Traditionelle Modevorstellungen werden durchbrochen; in den Studentenwohnheimen gibt es keine strikte Trennung von Männern und Frauen mehr; die Rassentrennung lockert sich; neue Gemeinschaftsformen deuten darauf hin, dass sich das Familienleben verändern wird; die Friedensbewegungen gewinnen an Einfluss; auf Bildschirm und Bühne ist Nacktheit keine Seltenheit mehr usw. In all diesen Entwicklungen spielt die Psychotherapie eine wichtige Rolle, weil sie seit Jahren Menschen auffordert, ihre eigene Wirklichkeit zu erfahren anstatt sich brav an Normen und Klischees anzupassen, denen jede Abweichung als pathologisch gilt. Diese Botschaften werden stärker und deutlicher. Es ist kaum noch möglich, mit dem Tempo neuer technologischer Entwicklungen Schritt zu halten.

Fortlaufende Kleingruppen gaben Aufschluss über Fragen der Interaktion und der Kommunikation. Die Erfahrung der Großgruppe fügte diesen Erkenntnissen die Idee des Designs hinzu und war deshalb eine wegweisende Innovation. Durch dieses Design konnten wir die Erfahrung machen, mit eintausend Menschen in einem Raum zu arbeiten, die ohne Leitung miteinander kommunizierten. Die Idee der Großgruppe fand Anwendung in der Gestaltung von Konferenzen, in Cafés, Wachstumszentren, Wohnprojekten, in der Industrie, den Universitäten, Wohltätigkeitsinitiativen, Stadtversammlungen und anderen, mehr alltäglichen Zusammenkünften. Unsere technischen Möglichkeiten umfassen nicht nur das Fernsehen oder verfeinerte Aufnahmetechniken, sondern auch selbstgesteuerte Maschinen und Kommunikationsmittel. Darüber hinaus entstehen neue soziale und soziologische Modelle, wie etwa in den Ansätzen einer Philosophie des Designs sichtbar wird. Philmore Hart z.B., mit dem ich eng befreundet bin, ist Professor für Architektur; sein theoretisches Grundkonzept besteht in der Idee, dass die Psyche des Menschen mit der von ihm geschaffenen Umwelt unauflöslich verwoben ist. Er hat eine Schule gebaut, in der es bis auf die Außenmauern keine Wände gibt, und so die traditionelle Zellstruktur der Klassenräume aufgelöst. Der Sinn für die Gemeinschaft ist für Schüler, Lehrer und Besucher spürbar.

Es ist klar, dass diese kurzen Überlegungen über neue Ausdrucksmöglichkeiten einer modernen Botschaft nicht den Anforderungen an Ausführlichkeit und Kritik gerecht werden können. Aber vielleicht machen sie doch deutlich, warum ich der Ansicht bin, dass sich die weitgefächerten Innovationen des Menschen und seiner Technologien unweigerlich auf die Gesellschaft auswirken und sie auf einen Weg bringen werden, den die psychotherapeutische Bewegung vorgezeichnet hat. Während der letzten zwanzig Jahre habe ich in dieser Bewegung ein Zuhause und eine Gemeinschaft gefunden, angefangen mit meiner Rolle in der Entwicklung der Gestalttherapie bis hin zu den vielen Erfahrungen mit anderen Menschen an verschiedenen Orten. Hier liegt meine Zigeunerheimat, die mich immer wieder fasziniert hat. Wenn ich das nächste Mal das Grab meiner Mutter besuche, sollte ich ihr vielleicht von meinen Zigeunererfahrungen erzählen. Wahrscheinlich würde sie meine Geschichten nicht so leicht glauben, wie ich damals die ihren glaubte. Aber wofür ist eine Mutter schließlich da, wenn nicht, um zu ihr zurückzukehren?

 

Praxisadressen von Gestalttherapeuten/-innen

Foto: Erving Polster

Erving Polster

Erving Polster, Ph.D., gehört zu den bekanntesten Gestalttherapeuten der Welt. Vor fast 30 Jahren veröffentlichte er - gemeinsam mit seiner 2001 verstorbenen Ehefrau Miriam - das Grundlagenwerk "Gestalttherapie. Theorie und Praxis der integrativen Gestalttherapie" (als erweiterte Neuauflage 2001 in unserer Edition des Gestalt-Instituts Köln im Peter Hammer Verlag erschienen).

Doch schon weit länger ist er - u.a. im Rahmen des Gestalt Training Center, San Diego/Kalifornien - als Gestalttherapeut und Ausbilder tätig.

Aus seiner intensiven Therapie- und Lehrtätigkeit sind zahlreiche weitere Veröffentlichungen hervorgegangen - so auch die folgende Sammlung seiner Artikel zur Praxis der Gestalttherapie - wieder gemeinsam mit seiner Ehefrau: "Das Herz der Gestalttherapie. Beiträge aus vier Jahrzehnten" (erschienen 2002 ebenfalls in unserer Edition).

Erving Polsters neuestes Buch „Uncommon Ground: Harmonizing Psychotherapy & Community To Enhance Everyday Living“ wird im Spätsommer 2009 als deutsche Übersetzung von Ludger Firneburg in unserer „Edition GIK des Gestalt-Instituts Köln im Peter Hammer Verlag erscheinen (dt. Titel: Zugehörigkeit. Eine Vision für die Psychotherapie).

Bibliographische Angaben:

Der vorliegende Essay ist zuerst erschienen in: "Twelve Therapists", herausgegeben von Arthur Burton, San Francisco, 1972, Jossey-Bass Inc., Publishers. © 1972 by Jossey-Bass Inc., Publishers.

Wir danken dem Verlag für die Genehmigung der Veröffentlichung in deutscher Sprache.

Deutsche Erstveröffentlichung in Gestaltkritik 1/1998. Aus dem Amerikanischen von Ludger Firneburg.

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