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Erving Polster
Technik und Erfahrung in der Gestalttherapie (1957)


Aus der Gestaltkritik 2/2005

Gestaltkritik - Die Zeitschrift mit Programm aus dem Gestalt-Institut Köln
Gestaltkritik (Internet): ISSN 1615-1712

Themenschwerpunkte:

Gestaltkritik verbindet die Ankündigung unseres aktuellen Veranstaltungs- und Weiterbildungsprogramms mit dem Abdruck von Originalbeiträgen: Texte aus unseren "Werkstätten" und denen unserer Freunde.

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  Hier folgt der Abdruck eines Beitrages aus der Gestaltkritik (Heft 2-2005):

Erving Polster
Technik und Erfahrung in der Gestalttherapie (1957)

 

Foto: Erving PolsterErving Polster

 

Wir freuen uns, dass wir Ihnen auch in dieser Ausgabe unserer Zeitschrift wieder einen Klassiker der Gestalttherapie als deutsche Erstveröffentlichung zugänglich machen können: Erving Polsters Vortrag "Technik und Erfahrung in der Gestalttherapie". Er wurde vor fast 50 Jahren gehalten - und stellt eine wichtige Grundlage für Erving (und auch Miriam) Polsters therapeutische und publizistische Arbeit dar.

Der Herausgeber

 

Zu den grundlegenden Entwicklungen der Gestalttherapie gehört die zunehmende Beschäftigung mit den formalen, äußeren Aspekten emotionaler Erfahrungen im Gegensatz zu der allgemein üblicheren Auseinandersetzung mit ihrem Inhalt. Psychoanalytische Konzepte wie Ödipuskomplex, Kastrationsangst, Übertragung und andere Phänomene werden weniger als Erklärungsmodell herangezogen und treten eher in den Hintergrund. Eine der Vorgehensweisen der Gestalttherapie - orientiert an der Form, nicht am Inhalt - besteht darin, den Klienten in Kontakt mit seinem körperlichen Widerstand zu bringen und ihm so die Möglichkeit zu eröffnen, sich den unerledigten emotionalen Erfahrungen seiner Lebensgeschichte zu öffnen. Hierzu steht jedem Therapeuten eine ohnehin schon große, aber auch noch erweiterbare Fülle von Techniken zur Verfügung. In der psychoanalytischen Theorie und Praxis findet sich eine weitaus geringere Anzahl an Techniken, wie etwa die freie Assoziation, die Arbeit mit Träumen oder die Interpretation. Die zentralen Techniken der nicht-direktiven Therapie sind das Spiegeln und die Klärung. In der Gestalttherapie hoffen wir, den Therapeuten von starren Vorgaben zu befreien, so dass er im Laufe des Prozesses eigene Techniken entwickeln und sie den Möglichkeiten des Klienten und seinem jeweiligen Thema anpassen kann.

Die Erfahrung hat uns gezeigt, dass es in der ersten Phase der Therapie darum geht, einen entkrampfenden, öffnenden Prozess in Gang zu bringen, damit der Klient neue Erfahrungen machen und zulassen kann. Manche der auf diesem Symposium vorgestellten experimentellen Ansätze mögen oberflächlich erscheinen, und zunächst einmal sind sie das auch. Wem es um das schlichte Gewahrsein des Selbst geht, muss mit Widerstand rechnen. »Was soll das?« »Das ist Unsinn!« »Das ist doch keine Therapie!« - so oder so ähnlich lauten viele Reaktionen. Aber diese ersten Erfahrungen machen Möglichkeiten des Klienten deutlich, die ihm selbst früher oft nicht klar gewesen sind.

Zu diesem Öffnungsprozess gehört auch das Erforschen der Atemgewohnheiten des Klienten. Wie Dick Wallen bereits darlegte, stellt der Prozess des Atmens den elementaren Kontakt zwischen Körper und Außenwelt dar. Permanent wird Luft aufgenommen, verbraucht und in veränderter chemischer Zusammensetzung wieder an die Umwelt abgegeben. Im Zusammenhang mit schwierigen emotionalen Erfahrungen kommt der Atmung eine zentrale Rolle und Bedeutung zu. Menschen halten den Atem an, um nicht weinen zu müssen, sie verkrampfen sich, um harte Situationen und Schicksalsschläge abzuwehren oder vermindern so ihre Empfindungsfähigkeit. Die Atmung wird als wesentliches Element des Kontakts zwischen dem einzelnen und seiner Umwelt betrachtet, deshalb erhöht eine gut funktionierende Atmung die Fähigkeit des Menschen, innere Erregung zu assimilieren.

Dieser Prozess funktioniert auf zweierlei Weise: Zum einen kann durch die Atmung auf Erregung reagiert werden. Hierbei wird die Erregung verteilt, entweder indem sie ausgedrückt wird und sich dadurch löst, oder indem sie auf den ganzen Körper verteilt, und damit erträglich wird. Zum anderen kann die Atmung durch ihre stimulative Wirkung auch Erregung produzieren. Hat der Klient die anfänglichen Stadien der Therapie erst einmal durchschritten, wird er mehr Vertrauen zu den eigenen Körperfunktionen entwickeln. Dann ist es möglich, sich mit den tiefer liegenden und emotional stärker besetzten Widerständen auseinanderzusetzen. Eine der Techniken, die sich hierfür eignen, ist die Phantasiearbeit. Der Traum als eine Form der Phantasie, hat in den psychoanalytischen Therapien lange Zeit eine zentrale Rolle gespielt. In der Gestalttherapie dagegen zählt die Arbeit mit der spontan und in wachem Zustand hervorgebrachten Phantasie zu den wichtigsten therapeutischen Techniken. Sie macht den Gegenstand der Unterhaltung wirklich, lebendig und erfahrbar. Eines der größten Hindernisse für den Fortschritt in der Therapie ist die Tendenz, über etwas zu reden und dadurch elementare Erfahrungen intellektuell wegzureden. Ich möchte die Arbeit mit der wachen Phantasie an einem kurzen Beispiel illustrieren; sie hat mit der Traumarbeit durchaus vieles gemeinsam, hat aber den Vorteil, dass die betreffende Klientin ihre eigene Wahrnehmung hier als Produkt der gegenwärtigen Situation erfahren konnte.

Sie hatte die Augen geschlossen, und ich fragte sie, ob sie irgendetwas sähe. Sie ließ sich einen Moment Zeit und sagte dann, sie sähe eine Art Kunstwerk. Sie blieb mit ihrer Aufmerksamkeit bei diesem Kunstwerk, das sich alsbald in eine Wachsfigur verwandelte. Hier möchte ich anmerken, dass die gestalttherapeutische Arbeit gerade im Wechsel zwischen verschiedenartigen therapeutischen Techniken besteht; in einem Moment arbeitet man mit der Phantasie, im nächsten mit der Körperempfindung, dann geht man vielleicht auf eine Erinnerung ein, um im nächsten Schritt wieder auf die Phantasie zurückzukommen. Wenn sich während einer Phantasiearbeit zum Beispiel die Atmung des Klienten verändert, ist es nahe liegend anzunehmen, dass da etwas geschieht, womit in Kontakt zu kommen für den Klienten durchaus wichtig sein könnte. Der Therapeut könnte den Klienten darauf aufmerksam machen und ihn dabei unterstützen, dieser Erfahrung nachzugehen. Vielleicht entsteht daraus ein Kribbeln oder irgendeine andere Empfindung oder ein Gefühl. Mit diesem neuen Gewahrsein im Hintergrund kann man nun zu der ursprünglichen Phantasie zurückkehren und sie weiterentwickeln - unterstützt durch den erweiterten Hintergrund des Selbst. Aber jetzt zurück zu der Klientin, von der ich erzählen wollte. Als sie feststellte, dass sich das Kunstwerk in eine Wachsfigur verwandelt hatte, intensivierte sich ihre Atmung. Nachdem sie sich diese Veränderung bewusst gemacht hatte, ebenso wie ein Kribbeln, das sie um die Augen herum spürte, kehrte sie zu ihrer Phantasie zurück, und diesmal war die Figur zu einem Diskuswerfer geworden, einem sehr großen Diskuswerfer. Sie sagte, dass wenn sie ihn berührte, er sie anfauchen würde. Der Vater der Klientin war ein dominanter, kraftvoller, athletischer Mann, ein echter Amerikaner, der mit kleinen Mädchen nichts anfangen konnte, und es war so gewesen, dass diese Klientin nur wenig Kontakt zu ihm hatte finden können. Es wäre sehr verführerisch gewesen, der psychoanalytischen Tradition zu folgen und das Bild ihrer Phantasie als Spiegelbild ihres Vaters zu interpretieren. Eine solche Technik hätte aber den gerade ablaufenden Prozess allzu leicht unterbrechen können und hätte damit auch die emotionale Erfahrung verhindert, die sie schließlich machte. Ich widerstand also der Versuchung (früher hatte ich mich stark an analytischen Therapien orientiert), und während wir weiter in ihre Phantasie hineingingen, stellte sie fest, dass sie von dieser Figur keine Antwort bekommen konnte. Sie fing an, sich sehr einsam zu fühlen und versuchte, Kontakt mit dem Bild aufzunehmen. Sie sprach davon, dass sie so allein sei und begann zu weinen. Es kam zu einer körperlichen Explosion, die sie auch zulassen konnte, und die mit dieser Körperreaktion verbundenen Muskelkontraktionen gaben der Spannung eine Richtung und unterstüzten die Klientin dabei, die Spannung loszulassen. Ihr Körper hatte es durchgearbeitet, und bald nachdem sie aufgehört hatte zu weinen, öffnete sie die Augen und sah mich an. Sie sagte, dass ihr inneres Bild erstaunlich klar gewesen sei, dass sie sich auch mit der Einsamkeit ganz und gar wirklich fühle, nicht gut, aber ganz, und sie spüre eine neue Art von Wertschätzung.

Hier zeigt sich, dass die Idee der psychosomatischen Einheit für die Gestalttherapie konstitutiv ist: Sie ist nicht ein Lippenbekenntnis zu dem eigenartigen Phänomen der psychosomatischen Erkrankung, sondern vielmehr die Anerkennung der charakteristischen, psychosomatischen Einheit des alltäglichen Ausdrucksverhaltens.

Ein anderes Beispiel gibt uns ein sechzehnjähriger Jugendlicher. Vielen Heranwachsenden fällt es schwer, mit sich selbst in Kontakt zu kommen und das Gewahrsein von sich selbst auszuhalten, das in der Psychotherapie gefördert wird. Die gewonnenen Erkenntnisse und Interpretationen führen bei jungen Menschen häufig zu Verunsicherung und provozieren so eine Rechtfertigungshaltung. Wichtige und lebendige Verhaltensweisen, die der eigenen Anregung und Orientierung dienen, sind ihnen selbst meist unbewusst. Das

folgende Beispiel zeigt den Zusammenhang zwischen einer intensiven Gefühlsbewegung und einer eigentlich recht einfachen körperlichen Geste. Mir war aufgefallen, dass der junge Klient die Beine übereinander geschlagen hatte und das obere Bein auf und ab wippen ließ. Ich fragte ihn, ob er bemerke, was er da mache, und er bejahte meine Frage. Daraufhin bat ich ihn, genau darauf zu achten, welche Wirkung mit dieser Bewegung verbunden sei. Er beschrieb mir ein paar seiner Empfindungen, den Druck und das Gefühl des Schwingens. Dann veränderte er seine Haltung, so dass er jetzt das andere Bein auf und ab wippen ließ, und erzählte mir, wie sich das anfühlte. Schon bald begann er, den Zusammenhang zwischen seinen Empfindungen und seinen Bewegungen bewusst wahrzunehmen; er merkte, wie sie sich gegenseitig beeinflussten, und das wiederum führte zu einer Art Erregung. Als er eine Hand auf sein Bein legte, machte ich ihn darauf aufmerksam. Er schaute seine Hand an und nahm darin eine Ader wahr. Dann sagte er, dass dies für ihn ein ekliger Anblick sei, und tatsächlich wurde ihm übel. Die traditionelle Versuchung besteht darin, diese Erfahrung etwa als Erektionsangst zu interpretieren. Aus gestalttherapeutischer Sicht jedoch ist die Ader in seiner Hand eine Art Metapher, und ihre bewusste Wahrnehmung, die Erfahrung der Übelkeit und deren Überwindung haben zur Folge, dass sich der Umfang der für diesen Jungen annehmbaren Herausforderungen auf natürliche Weise erweitern kann. Mit Hilfe der Selbstregulation lernt er, diese Herausforderungen zu bewältigen. In diesem Fall ließ seine Übelkeit nach. Er holt sein Portemonnaie aus der Tasche, nahm ein paar Pennies heraus und betrachtete sie. Dann sagte er: »Wissen Sie, Pennies sind wirklich lästig. Man muss so viele sammeln, bevor man wirklich etwas damit anfangen kann.« Dann schaute er wieder auf seine Hand und die Ader, eher gleichmütig und versöhnt, ein wenig fragend, aber auch wieder lächelnd, vielleicht amüsiert, vielleicht vollständiger als zuvor, vielleicht erfrischt oder ermutigt, vielleicht …. Man weiß es nicht. Der Junge machte in seinem Leben große Fortschritte. Seine schulischen Leistungen verbesserten sich deutlich, und die Beziehung zu seinem Vater wurde weicher - vielleicht aufgrund seiner Erfahrungen in der Therapie.

 

Praxisadressen von Gestalttherapeuten/-innen

 

Foto: Erving PolsterErving Polster

Erving Polster, Ph.D.

gehört zu den bekanntesten Gestalttherapeuten der Welt.Vor fast 30 Jahren veröffentlichte er - gemeinsam mit seiner 2001 verstorbenen Ehefrau Miriam - das Grundlagenwerk »Gestalttherapie. Theorie und Praxis der integrativen Gestalttherapie« (als erweiterte Neuauflage 2001 in unserer Edition des Gestalt-Instituts Köln im Peter Hammer Verlag erschienen).

Doch schon weit länger ist er - u.a. im Rahmen des Gestalt Training Center - San Diego/Kalifornien - als Gestalttherapeut und Ausbilder tätig.

Aus seiner intensiven Therapie- und Lehrtätigkeit sind zahlreiche weitere Veröffentlichungen hervorgegangen - so auch die folgende Sammlung seiner Artikel zur Praxis der Gestalttherapie - wieder gemeinsam mit seiner Ehefrau: »Das Herz der Gestalttherapie. Beiträge aus vier Jahrzehnten« (erschienen 2002 ebenfalls in unserer Edition).

Den nebenstehenden Beitrag hat Erving Polster bereits im Jahre 1957 als Vortrag auf der Tagung der »Ohio Psychological Association« gehalten. In gedruckter Form ist er u.a. erschienen in: F. Douglas Stephenson (Hg.), Gestalt therapy primer, New York 1978.

Wir danken dem Autor und dem Herausgeber für die freundliche Genehmigung der deutschen Erstveröffentlichung.

Aus dem Amerikanischen von Ludger Firneburg.

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