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Erving Polster
Neuere Entwicklungen in der Gestalttherapie (1967)


Aus der Gestaltkritik 1/2006

Gestaltkritik - Die Zeitschrift mit Programm aus dem Gestalt-Institut Köln
Gestaltkritik (Internet): ISSN 1615-1712

Themenschwerpunkte:

Gestaltkritik verbindet die Ankündigung unseres aktuellen Veranstaltungs- und Weiterbildungsprogramms mit dem Abdruck von Originalbeiträgen: Texte aus unseren "Werkstätten" und denen unserer Freunde.

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  Hier folgt der Abdruck eines Beitrages aus der Gestaltkritik (Heft 1-2006):

Erving Polster
Neuere Entwicklungen in der Gestalttherapie (1967)

 

Foto: Erving PolsterErving Polster

 

Wir freuen uns, dass wir Ihnen auch in dieser Ausgabe unserer Zeitschrift wieder einen Klassiker der Gestalttherapie als deutsche Erstveröffentlichung zugänglich machen können: Erving Polsters Vortrag »Neuere Entwicklung in der Gestalttherapie«. Er wurde vor fast 40 Jahren gehalten – und stellt eine wichtige Grundlage für Erving (und auch Miriam) Polsters therapeutische und publizistische Arbeit dar.

Der Herausgeber

 

Einleitung

Die Gestalttherapie ist eine historische Erweiterung der psychoanalytischen Theorie und Methodologie. Als solche hat sie einerseits viele psychoanalytische Grundkonzepte aufgegriffen, hebt sich andererseits aber auch in vielen bedeutenden therapeutischen Fragen von diesen ab. Begründet wurden Theorie und Methode der Gestalttherapie von dem deutschen Psychoanalytiker Frederick Perls, der sich mit den holistischen Ansätzen der frühen Gestalt-Lerntheorien auseinandersetzte.

Aus dieser Verbindung entstand ein integratives psychotherapeutisches Denken, das eine Vielfalt von Ansätzen zu einer einheitlichen Methodologie zusammenführte. Durch die neuen theoretischen Ansätze der Gestalttherapie war es möglich, eine große Bandbreite unterschiedlicher Aussagen und Techniken mit einzubeziehen. Das Ergebnis dieser Ansätze zeigt sich u.a. in den Übereinstimmungen mit anderen Ansätzen wie etwa der existentiellen Therapie, dem Psychodrama, dem Rollenspiel, der nicht-direktiven Therapie nach Rogers, erfahrungsorientierten Therapieformen, der Gruppendynamik, der Semantik sowie mit dem Denken vieler psychoanalytischer Revisionisten, insbesondere Rank, Reich, Jung, Adler und Groddeck. Bei der Entwicklung einer fundierten Integration verschiedener psychotherapeutischer Ansätze gilt es zu berücksichtigen, was sich in deren unterschiedlichen Orientierungen widerspiegelt, nämlich ein Bedarf an historischem Fortschritt, ihre Bedeutung für eine bestimmte Gesellschaft sowie ihre in der praktischen Anwendung erreichbare Authentizität. In diesem Sinne sagt Otto Rank, einer der großen psychoanalytischen Vordenker:

»Die Humanpsychologie wird permanent durch all jene Kräfte beeinflusst, die an der Bildung und Gestaltung der Zivilisation, der sie entstammt, beteiligt sind. Jedes psychologische System ist nur in dem Maße Ausdruck einer bestehenden Gesellschaftsordnung, wie es diese interpretieren kann. Die Psychologie als Wissenschaft steht nicht jenseits oder über der Zivilisation, die sie zu erklären versucht. Im Gegenteil: die psychologischen Theorien sind als Teil des gesamten Sozialsystems selbst erläuterungsbedürftig und müssen als Ausdruck einer bestimmten Ebene dieses Systems verstanden werden. Dadurch werden die unterschiedlichen psychologischen Schulen, die gleichzeitig in ein und derselben kulturellen Schicht zu finden sind, überhaupt erst verstehbar. Jedes dieser einander widersprechenden Systeme nimmt für sich in Anspruch, die reine Wahrheit zu verkörpern. In Wirklichkeit jedoch repräsentieren sie lediglich unterschiedliche Typen, Gruppen und Schichten, die den stetigen Wechsel und Wandel der menschlichen Lebensbedingungen erfassen. So betrachtet, verändern sich die psychologischen Theorien – man könnte fast sagen – wie die Mode, und müssen sich zwangsläufig verändern, um den in ihrer Zeit existierenden Menschen in seinem Kampf um Beständigkeit erkennbar und verstehbar machen zu können.« [Rückübersetzung.]

Wie harmoniert die Gestalttherapie dann aber mit der derzeit zu beobachtenden Vielfalt, und inwiefern hebt sie sich von der psychoanalytischen Doktrin ab, aus der sie hervorgeht? Um diese Fragen zu beantworten, habe ich vier grundlegende Konzepte der psychoanalytischen Therapie ausgewählt, an denen ich die jeweiligen Unterschiede gegenüber der gestalttherapeutischen Betrachtungsweise beschreiben und deutlich machen werde, für die diese Konzepte ebenfalls von grundlegender Bedeutung sind:

1. In der Psychoanalyse gibt es das Konzept des Unbewussten - In der Gestalttherapie gibt es die Figur-Grund-Formation

2. In der Psychoanalyse gibt es die Übertragung - In der Gestalttherapie ist das der Kontakt

3. In der Psychoanalyse gibt es Interpretation und Einsicht - In der Gestalttherapie gibt es Awareness

4. In der Psychoanalyse gibt es die freie Assoziation und Träume - In der Gestalttherapie gibt es das Experiment

 

Figur-Grund-Formation

Betrachten wir als erstes den unbewussten Prozess. Die Funktionen, die durch das Konzept des Unbewussten beschrieben werden, scheinen unbestreitbar zu sein. Das heißt in jedem Menschen gibt es dynamische Kräfte, die seinem Bewusstsein unzugänglich sind, die aber erheblichen Einfluss auf seinen Lebenswandel haben. Allerdings lädt das Konzept »Bewusstsein-Unbewusstes« zu einer dichotomen Entweder-oder-Sichtweise der psychologischen Funktionen ein, was eine Einschränkung der ganzheitlichen Sicht vom Menschen mit sich bringt. Natürlich haben die Psychoanalytiker das Zusammenspiel und die Wechselwirkung zwischen Bewusstsein und Unbewusstem immer wieder bestätigt, ja sie haben sogar die Ebene des Vorbewussten als einem bedingt zugänglichen Bewusstseinsbereich zwischengeschaltet. Trotzdem wird dem andauernden und permanenten Sprudeln des Geistes, dem freien Fluss zwischen dem, was zugänglich und dem, was unzugänglich ist, hier nicht so viel Aufmerksamkeit gewidmet wie in der Gestalttherapie, weder im konzeptionellen Denken der Psychoanalyse, noch – als logische Folge – in ihrer therapeutischen Methodologie. Im Konzept des Unbewussten wird das, was unter der Oberfläche liegt, als therapeutisch interessanter und wirksamer betrachtet als das, was sich an der Oberfläche zeigt. Hierin liegt eine Deflektion der Unmittelbarkeit, wodurch wiederum eine Haltung gefördert wird, die sich vom Offensichtlichen weg- und zunehmend an dem orientiert, was vermeintlich wirklich geschieht.

Das Figur-Grund-Modell hingegen sieht in der »Oberflächenerfahrung« die besseren therapeutischen Ansatzpunkte. Wir können es als den Prozess beschreiben, in dem der einzelne permanent und spontan aus dem Hintergrund seiner gesamten gegenwärtigen Erfahrung das jeweils Hervorstechende auswählt, das dann als prägnante Figur aufsteigt und im Kontext seines jeweiligen Hintergrundes betrachtet wird.

Diesen Vorgang kann man auch an sehr einfachen Funktionen, wie etwa dem Sehen, nachvollziehen. Man sieht nicht einfach einen anderen Menschen, sondern einen, der auf einem Stuhl sitzt, auf einem schwarzen, gemusterten Stuhl, in einem Raum mit weißen Wänden, an denen bestimmte Bilder hängen. Dieser Raum befindet sich in einem Haus mit einer vertrauten Atmosphäre, und es ist das Haus, in dem man das Wochenende verbringen wird und in dem man mit der Person, die da auf dem Stuhl sitzt, schon einige sehr schöne Erlebnisse hatte. Das innere Gefühl ist bestimmt durch Aufregung, Vorfreude, Zuversicht und Ordnung. Wie anders ist diese Erfahrung als bloß einen anderen Menschen zu sehen – Punkt! Aus dieser Verbindung von Figur und Grund entsteht ein echter Reichtum. Viele unserer Klienten sind in der Situation, entweder den anderen Menschen zu sehen - und mehr nicht –, oder sie leiden darunter, dass sie fast ausschließlich den Hintergrund wahrnehmen, aber die Person kaum sehen. In beiden Fällen sind sie auf eine mehr oder weniger rigide Auswahl fixiert und verschließen sich dadurch gegenüber bestimmten Gefühlen oder Wahrnehmungen.

Das Modell der Figur-Grund-Formation umfasst auch die existentialistische Auffassung, dass alles, was existiert, nur jetzt existiert. Schon im nächsten Moment wird es sich verändern, denn die Erfahrung der Gegenwart vollzieht sich in einer für sie charakteristischen Fließbewegung. Das Erleben von Gleichheit hingegen funktioniert allenfalls als Auswirkung einer psychologischen Beharrlichkeit. Wenn man sich mit einer anderen Person im selben Raum aufhält, dann kann man eine ganze Reihe von Figur-Bildungen erleben: von der Vertiefung im Gespräch über Gedanken und Ideen, unterbrochen von gelegentlichem Zucken der Gesichtsmuskulatur des Gegenübers bis hin zu einem Leuchten in seinem Gesicht, der strengen Wirkung seiner Kieferpartie und dem Spiel der Farben in seinen Augen usw.

So wie das einzelne Bild einer Filmrolle in der Bewegung zum Eindruck eines laufenden Films beiträgt, trägt auch jede einzelne Figurentwicklung zur Gesamtheit der Erfahrung bei. Wenn der Projektor kaputtgeht, ist die Bewegung unterbrochen. Sind einzelne Bilder leer, bekommt der Film Lücken, die seine Bedeutung und das Interesse an ihm ernsthaft stören können.

Aus diesem Grund muss der Klient die Methode der nicht-fixierten Aufmerksamkeit erlernen; er muss lernen, die fließende Bewegung der Awareness zuzulassen. Viele Menschen sind entweder so sehr auf einen kleinen Ausschnitt des Lebens fixiert, dass sie sich selbst in Sorgen, Zwängen, persönlichen Vorurteilen oder Ängsten einsperren, oder sie sind so labil, dass die überflexiblen Figurbildungen niemals die Einheitlichkeit, Beständigkeit oder Bedeutung erreichen können, die für ein gesundes Leben unerlässlich ist. Deshalb geht es in der Therapie immer wieder darum, das nicht integrierte oder blockierte Material aus dem Hintergrund in den Vordergrund treten zu lassen, damit auch diese Erfahrungen sich in den freien Fluss der Figur-Grund-Formation einfügen können.

Wie dieses Modell funktioniert, lässt sich am Beispiel einer fünfunddreißigjährigen Klientin zeigen, die seit längerem geschieden, beruflich erfolgreich, durchaus kontaktfreudig, aber dennoch unzufrieden ist. Trotz ihrer Kontaktfreudigkeit bewahrt sie immer eine gewisse Distanziertheit, und die Gefühle, die eigentlich in den Vordergrund treten müssten, bleiben im Hintergrund, so dass in ihr eine undeutliche Sehnsucht und das Gefühl, unvollständig zu sein, zurückbleiben. Plötzlich bemerkte sie, dass sie Angst davor hatte, sich zu verlieben, wenn sie jemandem nahe kommen würde. Sie befürchtete, dass wenn ihr Gefühl nicht entsprechend erwidert würde, sie den anderen nicht würde loslassen können. Dies war die Entstehung einer neuen Figur. Während sie sprach, bat ich sie zu beschreiben, was sie fühlte. Sie sagte, sie empfinde ein Stechen, das sie ängstige – wiederum eine neue Figur. Als sie sich eine Weile auf diese Empfindung konzentrierte, spürte sie, dass die Empfindung, wenn sie sie wirklich zulassen könnte, so stark werden würde, dass sie etwas tun müsste. Ich forderte sie auf, die Augen zu schließen und zu sehen, ob ein Bild oder eine Phantasie auftaucht. Sie phantasierte die Situation in meiner Praxis. Ich bat sie, sich vorzustellen, was sie gerne tun würde. Dann sah sie sich selbst weinend in meinen Armen. Plötzlich schoss Farbe in ihr Gesicht, so als hätte sie gerade etwas sehr Überraschendes oder Neues erlebt. Sie hatte nie wärmer ausgesehen. Und sie sagte, sie spüre die Wärme, und das gebe ihr ein Gefühl von Vollständigkeit und Unabhängigkeit. Als sie ging, hatte sie ihr Bedürfnis sichtbar werden lassen und es erfüllt. Etwas Neues hatte sich gebildet.

 

Kontakt

Kommen wir nun zur Diskussion des zweiten Konzeptes, der Übertragung und ihrem gestalttherapeutischen Pendant, dem Kontakt. Freuds Übertragungsbegriff kann auf verschiedene Arten interpretiert werden. Man kann die Übertragung als reines Als-ob-Phänomen verstehen, bei dem sämtliche aktuellen, gegenwärtigen Bezüge deflektiert und auf eine Maske vergangener Ereignisse reduziert werden – ein bloßes Heraufbringen oder Herauswürgen der Vergangenheit, die nichts mit den Empfindungen der aktuellen Situation zu tun hat. Man kann darin aber auch ein raffiniertes Mittel sehen, vergangene Ereignisse in die Gegenwart und in den Raum zu holen, so dass man nicht mehr über eine distanzierte und gedämpfte Beziehung spricht, sondern eine neue Beziehung mit dem Analytiker lebt. In Freuds Arbeiten finden sich Argumente für beide Betrachtungsweisen. In »Abriss der Psychoanalyse« z.B. macht Freud zwei Aussagen. An einer Stelle sagt er im Hinblick auf erotische Wünsche und Abhängigkeit vom Therapeuten: »Offenbar besteht die Gefahr dieser Übertragungszustände darin, dass der Patient ihre Natur verkennt und sie für neue reale Erlebnisse hält anstatt für Spiegelungen der Vergangenheit« (S. 35). Das würde die aktuelle Beziehung zum Therapeuten jedoch in ein falsches Licht rücken. Im selben Zusammenhang sagt Freud allerdings auch: »Ein anderer Vorteil der Übertragung ist noch, dass der Patient uns in ihr mit plastischer Deutlichkeit ein wichtiges Stück seiner Lebensgeschichte vorführt, über das er uns wahrscheinlich sonst nur ungenügende Auskunft gegeben hätte. Er agiert gleichsam vor uns, anstatt uns zu berichten« (S. 34). [Sigmund Freud, Abriss der Psychoanalyse, Frankfurt/M. 1972.] Diese Aussage plädiert für den Vorrang des frischen, gegenwärtigen Moments, im Gegensatz zu dem abgeschlossenen, historisch biographischen Ereignis. Die therapeutische Situation wird hier als symbolisches und dramatisches Ereignis mit einem hohen Maß an Eigenleben verstanden. Ein wesentlicher Aspekt der gestalttherapeutischen Sichtweise ist darin jedoch nicht enthalten, dass nämlich gute Symbole aus der realen Erfahrung entstehen.

In der Kunst wird zur Zeit so ausgiebig mit symbolischen Tricks gearbeitet, dass es manchmal verführerisch ist, ein Theaterstück oder ein Gemälde nicht um der Erfahrung willen zu betrachten, sondern um seiner vermeintlichen Bedeutung willen. Das jedoch heißt, den Karren vor das Pferd zu spannen. Ein gutes Beispiel für einen Roman, der das Pferd dort lässt, wo es hingehört, ist Moby Dick. Es ist eine faszinierende Geschichte, und wenn man möchte, kann man sie als genau das genießen. Gleichzeitig enthält sie aber auch eine Symbolik, denn die Ereignisse, die in der Geschichte erzählt werden, reichen über ihren eigenen mikrokosmischen Zusammenhang hinaus und geben uns so einen Hinweis darauf, wie das gesamte Universum funktioniert oder nach welchen Mustern wir unser persönliches Leben gestalten.

Auf ähnliche Weise ist das Symbol in der Psychotherapie am kraftvollsten und wirksamsten, wenn die unmittelbare Erfahrung in sich authentisch ist, gleichzeitig aber auch über die Bedeutung ihres Augenblicks hinausweist. Für den Klienten muss es ein wahrhaftiges Ereignis sein, den Therapeuten zu sabotieren, ihn zu langweilen oder Angst vor ihm zu haben, damit sich die symbolische Wirkung unverfälscht und voll entfalten kann. Damit die Wirkung auch therapeutisch sein kann, muss sie über den örtlichen und zeitlichen Rahmen der Therapiesitzung hinausgehen, sodass der Klient die Erfahrung machen kann, dass seine Gefühle und Lösungen für ihn relevant und auch anderswo möglich sind.

Wir sollten hinzufügen, dass es für Menschen, die gemeinsam in tiefer Konzentration sind, relativ leicht ist, starke Gefühle zu entwickeln. Das ist die Gesundheit, zu der man wieder zurückfinden möchte. Was die Entwicklung gegenseitiger Konzentration betrifft, bringt das therapeutische Setting, verglichen mit vielen anderen Lebenssituationen, einige deutliche Vorteile mit sich. Tiefe Gefühle entstehen nicht nur aufgrund der Neurose, sondern auch wegen der Möglichkeit, den eigenen Zustand zu verbessern. Kontinuität, Verständnis, Offenheit, die Rückkehr zur Tiefe sowie die einfachen Momente des Kontakts werden wieder möglich. Indem wir die Oberfläche akzeptieren, können wir auch das tiefe Bedürfnis nach Begegnung, nach einem Gegenüber ansprechen. Es bedeutet auch, dass wir uns selbst öffnen und sowohl Lehrende als auch Lernende sein können. Als ein homosexueller Klient mir einmal sagte, ich sei eine »verdammte jüdische Mama, die versuche, ihn unter die Haube zu bringen«, wollte ich wissen, wie ich das machte, und nachdem er es mir erklärt hatte, hatte ich etwas gelernt. Auch er hatte etwas gelernt, allerdings nicht das, was ich ihm beibringen wollte! Ich wollte mir diesen Aspekt an mir selbst nicht anschauen, aber er zeigte mit dem Finger darauf – und es gab ihn!

Deshalb ist es für den Therapeuten wichtig, den Klienten zunächst einmal in einer Eins-zu-eins-Situation kennen zu lernen, wo es vor allem um einen authentischen Austausch geht. Die grundlegende psychologische Funktion für den einzelnen Menschen besteht in der Begegnung mit dem Anderen durch seine Sinne und sein Handeln, weitgehend so, wie Martin Buber es in seinen Schriften über die Ich-Du-Beziehung darlegt. Zweitens ist die Authentizität des Therapeuten zwar unerlässlich und wesentlich, aber nicht ausreichend. Der Klient richtet sein Verhalten zuweilen gegen sich selbst, und der Therapeut muss sehr genau darauf achten, auf welche Weise der Kontakt unterbunden oder verhindert wird. Wir müssen sehen, dass manche Klienten wegschauen, wenn sie mit uns reden, dass sie Fragen stellen wenn sie eigentlich etwas mitteilen wollen oder kleine Beobachtungen mit ellenlangen Einleitungen beginnen, dass sie zwanghaft immer beide Seiten einer Geschichte erzählen oder stocksteif dasitzen wie Statuen, dass sie Verhaltensweisen und Ausdrücke benutzen, die Desinteresse zeigen, dass sie um Anerkennung werben oder freundliche Worte mit einem feindseligen Ton unterlegen usw. In der Gestalttherapie begegnen wir solchen Widerständen frontal, weil wir glauben, dass die Auflösung der Widerstände einen guten Kontakt ermöglicht, der auf natürliche Weise in Fluss kommt.

 

Awareness

Bis hierhin haben wir das psychoanalytische Verständnis des Unbewussten skizziert und den gestalttherapeutischen Gegenpol, die Figur-Grund-Formation, beschrieben. Danach haben wir das Konzept der Übertragung und sein Gegenstück, den Kontakt, angesprochen. Nun wollen wir uns dem Gestalt-Modell der Awareness zuwenden, das den psychoanalytischen Konzepten von Interpretation und Einsicht gegenübersteht. Awareness bezieht sich auf die Erfahrung und Beschreibung der fortlaufend sich verändernden Rahmenbedingungen der Empfindungen und Wahrnehmung des Menschen sowie der daraus abgeleiteten Erfahrung komplexerer Emotionen und Einstellungen. Sie ist das Mittel, um mit sich selbst auf dem Laufenden zu bleiben.

Awareness unterscheidet sich insofern von der Einsicht, als es sich dabei um einen kontinuierlichen Prozess handelt, der zu jeder Zeit und relativ leicht zugänglich ist - anders als die gelegentlichen Geistesblitze, die man in bestimmten Augenblicken erlebt. Hinzu kommt, dass die Konzentration auf die eigene Awareness das Was, Wie und Wo der Erfahrung unterstreicht, und nicht so sehr die Frage nach dem Warum, die in der Interpretation eine große Rolle spielt. Indem man sich auf die eigene Awareness konzentriert, intensiviert sich die Verbindung mit der gegenwärtigen Situation, und das wiederum verstärkt die Intensität der therapeutischen Erfahrung. Jedes Mal, wenn die Awareness ein Stück erhöht werden kann, kommt man auch dem Abschluss eines Themas ein Stück näher, was das folgende Beispiel zeigen soll. Die therapeutische Situation beginnt mit Awareness: der Klient ist sich seines angespannten Kiefers bewusst und kommt über mehrere Zwischenschritte zu einer Entspannung seines Sprechmechanismus bis schließlich alte Kindheitserinnerungen in ihm auftauchen. Dieser Klient, ein Geistlicher, spürte, dass er die Worte nicht so betonen konnte, wie er es eigentlich wollte. Seine Sprache hatte einen metallischen Klang; er sprach wie eine klapprige Maschine. Mir fiel auf, dass sein Kiefer etwas schräg stand, also fragte ich ihn, was er dort spüre. Er sagte, es fühle sich angespannt an. Ich bat ihn, seine Mund- und Kieferbewegungen bewusst zu übertreiben. Er fühlte eine deutliche Hemmung das zu tun und beschrieb, was er bemerkte: zunächst Peinlichkeit und dann Hartnäckigkeit. Dann erinnerte er sich daran, dass seine Eltern ihn drängten, deutlich zu sprechen, worauf er sich alle Mühe gab, genau das nicht zu tun. An diesem Punkt merkte er, dass es ihm die Kehle zuschnürte. Er unterstützte sein Sprechen nicht durch die Atmung, sondern sprach aus einer muskulären Anspannung heraus. Deshalb forderte ich ihn auf, seine Atmung mehr ins Spiel zu bringen und Atem und Redefluss miteinander zu koordinieren, indem er sich ein bisschen mehr Luft holte als er gewohnt war und sich vorstellte, dass der Atem die Grundlage seines Sprechens sei. Seine Koordination war so fehlerhaft, dass er fast schon stotterte. Als ich ihn fragte, ob er jemals gestottert habe, guckte er erstaunt, wurde sich seiner Koordinationsschwierigkeiten bewusst und erinnerte sich an etwas, das er bis dahin wirklich vergessen hatte. Bis zum Alter von sechs oder sieben Jahren hatte er tatsächlich gestottert. Er erinnerte sich an eine Situation im Alter von drei oder vier Jahren. Seine Mutter rief von irgendwoher an und fragte ihn, was sie ihm mitbringen solle. Er versuchte zu sagen, dass er gerne ein Eis [»ice cream«] hätte. Seine Mutter verstand jedoch, dass er darüber redete, seinen Bruder anschreien [»I scream«] zu wollen und wurde furchtbar wütend. Ihm fiel noch eine andere Situation mit der Mutter ein: Er ging in ihr Schlafzimmer. Die Mutter war im Bad, und er glaubte, sie dort lachen zu hören. Dann merkte er plötzlich, dass es nicht ihr Lachen war, was er da hörte. Sie war fürchterlich am Weinen, und er erinnerte sich an das schreckliche Gefühl von Inkongruenz, beides nicht unterschieden haben zu können. Als er diese Geschichte erzählte, erkannte er die Verwirrung, die dieses Erlebnis für ihn nach sich gezogen hatte. Als er zum Ende kam, wirkte er erleichtert und wacher als zuvor, seine Sprache wurde offener und weicher. Und seine Kieferpartie sah zwischenzeitlich deutlich weniger angespannt aus.

 

Experiment

Wir kommen nun zu dem vierten Thema. Im Mittelpunkt der traditionellen psychoanalytischen Methodologie standen die freie Assoziation und Träume als Basis für Interpretationen und Einsichtsgewinnung. Die dem entsprechende Technik der Gestalttherapie ist das Experiment. Experimentieren heißt eigentlich nichts anderes, als etwas auszuprobieren. Dabei kann eine ganze Reihe verschiedener Techniken zur Anwendung kommen, immer geht es aber darum, die Aufmerksamkeit auf bestimmte Themen und Verhaltensweisen des Klienten zu richten. Die Themen werden in einer Weise aufgegriffen, dass alte Problemlösungsstrategien um neue Handlungsmöglichkeiten erweitert werden. Durch diese Technik werden also durchaus schwierige Situationen hervorgerufen, die aber durch den Rahmen des Experiments abgesichert sind. Das heißt, der Klient wird zwar mit Situationen konfrontiert, in denen es um die entscheidenden Ängste geht, aber die Bedingungen, unter denen dies geschieht, sind für ihn sehr viel förderlicher und unterstützender als das in seinem täglichen Leben der Fall ist. Ich möchte das an einem Beispiel deutlich machen:

Ein junger Student, sehr gesprächig und intelligent, langweilt andere, obwohl er wirklich sehr interessante Ideen hat. Wenn er redet, konzentriert er sich nicht auf seinen Gesprächspartner, sondern versprüht seine Worte um sich herum. Deshalb hat er kaum jemals das Gefühl, mit seinen Gesprächsbeiträgen wirklich jemanden erreicht zu haben. Ich probierte verschiedene Möglichkeiten durch, um ihn dazu zu bewegen, mich mit dem, was er sagte, wirklich zu erreichen. So forderte ich ihn z.B. auf, mich direkt anzuschauen, wenn er mit mir sprach, oder auf mich zu zeigen, oder auch, meinen Namen zu nennen, wenn er mir etwas sagen wollte. Jedes Mal wenn er nun die Erfahrung machte, dass er mich mit seinen Worten wirklich erreichte, strahlte er, und ein paar Mal fing er lauthals an zu lachen und konnte sich kaum beherrschen. Er sah aus, als habe er soeben das Geheimnis des Universums entdeckt!

Dieses Beispiel verdeutlicht ein paar wesentliche Eigenschaften des Experiments. Es geht nicht darum, über neue Handlungsmöglichkeiten zu reden, sondern dem Klienten zu ermöglichen, im aktiven Kontakt mit neuen Handlungsmöglichkeiten zu lernen. Es erzeugt eine sichere Notfallsituation, in der einer angstbesetzten Situation unter relativ sicheren Bedingungen begegnet werden kann. In diesem Fall bestand die angstbesetzte Situation in der Begegnung mit einem anderen Menschen, nämlich dem Therapeuten. Die Arbeit in kleineren therapeutischen Einheiten bringt verschiedene theoretische und technische Vorteile mit sich (hier zum Beispiel Übungen zum Abschließen von Situationen, zum Aufbau eines Spannungsbogens, zur Themenauswahl usw.). In einer bestimmten, erkennbaren Einheit gab es ein Problem, einen Höhepunkt und eine Erkenntnis. Und schließlich erweiterte das Experiment die Bandbreite der in der Therapie zur Verfügung stehenden Techniken, zumal es über die reine Verbalisierung hinausging. Die Vielfalt an Möglichkeiten, mit unterschiedlichen Arten von Experimenten zu arbeiten (z.B. mit Inszenierung, Phantasie, konkreten Handlungsanweisungen usw.), reicht aber natürlich weit über dieses Beispiel hinaus.

Wir müssen hier zum Ende kommen, und vielleicht reicht es, zusammenfassend zu sagen, dass es sich bei den vier vorgestellten Konzepten (Figur-Grund-Formation, Kontaktintensität, Awareness und Experiment) um Erweiterungen und Modifikationen psychoanalytischer Grundkonzepte handelt. Sie bilden die Grundlage für die Integration neuer und moderner Techniken und beinhalten die existentialistische Philosophie von Sein und Authentizität.

Praxisadressen von Gestalttherapeuten/-innen

 

Foto: Erving PolsterErving Polster

Erving Polster, Ph.D.

gehört zu den bekanntesten Gestalttherapeuten der Welt.Vor fast 30 Jahren veröffentlichte er - gemeinsam mit seiner 2001 verstorbenen Ehefrau Miriam - das Grundlagenwerk »Gestalttherapie. Theorie und Praxis der integrativen Gestalttherapie« (als erweiterte Neuauflage 2001 in unserer Edition des Gestalt-Instituts Köln im Peter Hammer Verlag erschienen).

Doch schon weit länger ist er - u.a. im Rahmen des Gestalt Training Center - San Diego/Kalifornien - als Gestalttherapeut und Ausbilder tätig.

Aus seiner intensiven Therapie- und Lehrtätigkeit sind zahlreiche weitere Veröffentlichungen hervorgegangen - so auch die folgende Sammlung seiner Artikel zur Praxis der Gestalttherapie - wieder gemeinsam mit seiner Ehefrau: »Das Herz der Gestalttherapie. Beiträge aus vier Jahrzehnten« (erschienen 2002 ebenfalls in unserer Edition).

Den nebenstehenden Beitrag hat Erving Polster bereits im Jahre 1967 als Vortrag auf der Tagung der »Ohio Psychological Association« gehalten. In gedruckter Form ist er u.a. erschienen in: F. Douglas Stephenson (Hg.), Gestalt therapy primer, New York 1978.

Wir danken dem Autor und dem Herausgeber für die freundliche Genehmigung der deutschen Erstveröffentlichung.

Aus dem Amerikanischen von Ludger Firneburg.

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