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Michael Vincent Miller

Die Poetik der Theorie.
Paul Goodmans psychologische Essays

Aus der Gestaltkritik

Gestaltkritik - Die Zeitschrift mit Programm aus dem Gestalt-Institut Köln
Gestaltkritik (Internet): ISSN 1615-1712

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Gestaltkritk verbindet die Ankündigung unseres aktuellen Veranstaltungs- und Weiterbildungsprogramms mit dem Abdruck von Originalbeiträgen: Texte aus unseren "Werkstätten" und denen unserer Freunde.

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 Hier folgt der Abdruck eines Beitrages aus der Gestaltkritik (Heft 1-1999):

Foto: Paul Goodman bei einer Straßenaktion in New York (60er Jahre)
Paul Goodman bei einer Straßenaktion in New York (in den 60er Jahren)
Foto: (c) The Gestalt Journal

Michael Vincent Miller

Die Poetik der Theorie.
Paul Goodmans psychologische Essays

Vorweg noch diesen Hinweis auf einen weiteren Text des Autors: "Gestalttherapie in Aktion. Anmerkungen zu Fritz Perls's bekanntestem Buch"

 

Paul Goodman war unzweifelhaft brillant, seiner Zeit voraus und verband seine immense Gelehrsamkeit mit einer praktischen Einfachheit, wie sie unter Intellektuellen nur selten anzutreffen ist. Er war Sozialkritiker, Dichter, Romancier und Dramatiker, war gleichermaßen Erzieher und Psychotherapeut wie utopischer Stadtplaner und psychologischer Theoretiker und behandelte all diese Themen in seinen Büchern. Doch die längste Zeit seines Lebens, bis zu seinem achtundvierzigsten Lebensjahr (er starb mit sechzig), verbrachte er als mittelloser Kunstgelehrter. Während seiner mehr als dreißigjährigen Karriere als Schriftsteller wurde er kontinuierlich unterschätzt und mißverstanden - mit einer bemerkenswerten Ausnahme: während der sechziger Jahre hatte er Verbindungen zur Studentengeneration, die sowohl die Entfremdung vom sozialen Zeitgeist als auch die Hoffnung auf sozialen Wandel mit ihm teilten. Er hatte soeben Growing Up Absurd veröffentlicht, jenes Buch, das ihn berühmt machen sollte, und viele Angehörige seiner Generation sahen darin eine überzeugende Analyse ihrer eigenen Erfahrungen. Sowohl die radikale Studentenbewegung, frustriert und in sich zerstritten, als auch die Subkultur, die sich mehr und mehr in eine Wolke von Drogen und Mystizismus einhüllte, verloren jedoch gegen Ende der Sechziger mehr und mehr das Interesse an Goodman. So schwand sein Einfluß wieder einmal dahin.

Warum hatte Goodman es so schwer? War seine Karriere lediglich ein weiteres Beispiel für die Misere des modernen Künstlers, ein bloßes Faktum der kulturellen Soziologie? Oder war der Individualismus Goodmans zu unangepaßt, so daß andere sich vor den Kopf gestoßen fühlten? War er zu leidenschaftlich und hartnäckig in seinen öffentlichen Auseinandersetzungen um Anarchie und Homosexualität? War es sein Mangel an Respekt vor Autorität und Berühmtheit oder seine Zärtlichkeit und sein unbeirrbarer Sinn für Fehler? Seine Art zu schreiben war sicher alles andere als distanziert, ihn zu lesen eine lebhaftere Erfahrung als die umständlichen Abstraktionen Herbert Marcuses oder die geheimnisvollen Mythologisierungen eines Norman O. Brown, beide Zeitgenossen Goodmans, mit denen er bestimmte intellektuelle Standpunkte teilte. Nein, Goodmans Schriften sind Selbstoffenbarungen, und zwar vielleicht in einem viel höheren Maße als seine Leser das von ihren Propheten und Radikaltheoretikern erwarteten und zu akzeptieren bereit waren, obwohl wir in einer Zeit der bekennenden Poesie leben, in der die Patienten ihre Fallgeschichten selber schreiben und mancher Roman das getreue Tagebuch der Eheprobleme seines Autors darstellt. Goodmans Schriften enthalten ebenso persönliche wie intellektuelle Dramen. Man spürt förmlich, daß er nicht nur neue Wege fand, die Neurose und andere Aspekte sozialer Unterdrückung zu beschreiben, sondern dabei auch sich selbst entdeckte.

Auf viele Leute mag Goodmans scharfe persönliche Art abstoßend gewirkt haben, obwohl ich persönlich das nicht nachvollziehen kann. Bei zwei Gelegenheiten kam ich mit Goodman zusammen; das erste Mal 1964, als wir beide beauftragt wurden, für Dissent über die Redefreiheitsbewegung in Berkeley zu schreiben; das zweite Mal 1970, als er ans MIT kam, wo ich damals unterrichtete, um vor den radikalen Studenten eine Dichterlesung zu halten. Ich fand ihn freundlich und aufgeschlossen, nicht überheblich, sondern enthusiastisch. Bei dieser zweiten Begegnung lag vielleicht etwas Bitterkeit in seiner Stimme. Drei Jahre vorher war sein Sohn Matthew im Alter von zwanzig Jahren beim Bergwandern ums Leben gekommen, und dieses Ereignis hatte ihn tief erschüttert. Außerdem wurde die Kluft zwischen Goodman und den Studenten immer größer, vor allem weil Goodman die zunehmende Gewaltbereitschaft einiger Studentengruppen verurteilte. Ich erinnere mich an eine Rede, bei der er permanent durch militante Aktivisten unterbrochen wurde; er reagierte geduldig und nahm die Herausforderung gleichmütig an. Wie auch immer, ich fühlte mich spontan zu diesem Mann hingezogen.

Ich glaube tatsächlich, daß Goodman sich selbst als eine Art Exilanten jedweder Gruppierung betrachtete, selbst auf dem Höhepunkt seiner Bekanntheit in den Sechzigern. In einem seiner späten Essays mit dem Titel Die Politik des Schwulseins gibt es eine sehr bewegende Stelle, die zeigt, wie intensiv Goodman seine Isolation gespürt hat: "Offen gesagt, meine Erfahrung mit radikalen Gemeinschaften läuft darauf hinaus, daß sie meine Freiheit nicht tolerieren. Dennoch trete ich ohne Vorbehalte für Gemeinschaft ein, weil sie zum Menschsein gehört; nur bin ich scheinbar dazu verurteilt, ausgeschlossen zu sein." Dies sind die Worte eines Sozialphilosophen, in dessen Vision freie Menschen ihre Erfüllung darin fanden, gemeinsam zu leben und zu arbeiten!

Es paßt ins Bild, daß Goodman ein eher unauffälliger Vater der Gestalttherapie ist, obwohl er vielleicht nach wie vor ihre eloquenteste und theoretisch bedeutendste Stimme ist. Natürlich tendierten alle, die dazu beitrugen, das ursprüngliche Terrain der Gestalttherapie abzustecken - Laura Perls, Isadore From und andere, einschließlich Paul Goodman - dazu, in der Öffentlichkeit vor Fritz Perls zu verblassen, der nicht nur ein hervorragender und kreativer Kliniker war, sondern auch ein cleverer Publizist dieser neuen Therapie. Unter den angehenden Gestalttherapeuten reichte Goodmans Einfluß kaum über die Grenzen von New York hinaus (lediglich die Gründer des Gestaltinstituts von Cleveland waren Schüler der ursprünglichen New Yorker Gruppe). Die meisten waren zu beeindruckt von Fritz Perls' charismatischer Ausstrahlung, abgesehen davon, daß viele von der religiösen Welle der "Human Potential Bewegung" weggespült wurden. Goodmans altmodischer Humanismus - seine psychologischen Schriften sind voll von Hinweisen auf Aristoteles, Kant, Sigmund Freud und Wilhelm Reich - und sein Drängen auf die politischen Implikationen der Gestalttherapie paßten nicht zu jener nach innen gewandten Spiritualität, wie sie etwa in Esalen praktiziert wurde.

Wahrscheinlich liegt es z.T. an Goodmans Haltung selbst, daß er als innovativer Psychologietheoretiker keine Anerkennung fand. Seine Schriften wollen sich nicht so recht in die gängigen Kategorien einfügen. Sein Umgang mit den Human- und Sozialwissenschaften hat etwas Eigenwilliges, und was immer er anpackt wirft eine Menge neuer Fragen auf. Es hat etwas Verschrobenes, wenn er in seiner Abhandlung über Gestalttherapie von Yeats über Federn bis Gandhi alle möglichen Leute zitiert, und auch seine Angewohnheit, sich vor studentischen Aktivisten, die kurz davor standen, sich dem Tränengas auszusetzen, auf Sokrates oder Milton zu beziehen, erscheint eher kompromißlos (obwohl auch Goodman seinen Beitrag zu den Studentenprotesten leistete). In einem Essay über seine eigene literarische Methode macht er eine nette Bemerkung über diese Gewohnheit: "Wenn ich am wütendsten war", sagt er, "fand ich es immer köstlich, Aristoteles oder Spinoza zu zitieren und mich völlig unschuldig und im Recht zu fühlen." Wie gewöhnlich verbirgt sich hinter dem flapsigen Ton ein ernstes Prinzip. Auf diese Art versuchte er, seine Beziehung zur humanistischen Tradition zu vermitteln, die für ihn eine Unterstützung seines Radikalismus darstellte.

Ich vermute, daß die meisten Psychotherapeuten mit Goodmans Stil, über Therapie zu schreiben, nicht viel anfangen können. Einerseits kann ich mir vorstellen, daß die Bürokraten in der Psychiatrie seine psychologischen Schriften eher als "literarisch" denn als "wissenschaftlich" betrachten und sie deshalb nicht so recht ernstnehmen. Es ist grotesk, daß ein Fach, das so sehr mit emotionalen Prozessen beschäftigt ist, sich (abgesehen von ein paar Ausnahmen wie z.B. Freud in seinen Fallstudien) einer so alten und schwerfälligen Terminologie bedient. Andererseits scheinen die Hochspannungstherapeuten häufig mehr daran interessiert zu sein, ihre Patienten mit Hilfe neuer Techniken zum Sieg anzufeuern als ihr theoretisches Wissen zu bereichern. Goodman paßt eigentlich in keines dieser Modelle, was seine Kompromißlosigkeit noch unterstreicht.

Poesie ist jene Art von Sprache, in der eine Verschmelzung von Ideen mit der persönlichen Offenbarung von Gefühlen stattfindet, und Goodmans Stil ist nie sehr weit davon entfernt, poetisch zu werden, selbst wenn er sich mit irgend einer abstrusen oder subtilen Frage der infantilen Charakterbildung auseinandersetzt. In seiner frühen Freudianischen Phase schrieb er über den Ödipuskomplex in einer Weise, die mehr Ähnlichkeit mit den Parabeln Kafkas als mit der üblichen Exegese der Psychoanalytiker hatte (vgl. Das goldene Zeitalter und Eros oder den Bogen spannen in Natur heilt). Umgekehrt veröffentlichte Goodman 1947 ein Buch mit dem Titel Kafkas Gebet, eine nachdenkliche psychoanalytische Untersuchung der Arbeiten Kafkas.

Mir persönlich erscheinen Goodmans Sozialkritik und seine psychologischen Schriften poetischer als seine Gedichte. Sie enthalten kreativere Gedankensprünge und weitreichendere Metaphern. Als Sozialkritiker hatte Goodman in Amerika nur wenige Gleichgesinnte. Er verteidigte hartnäckig die Vision der individuellen Selbstverwirklichung durch Liebe und Arbeit gegen den unmenschlichen Druck, den Bürokratie und Technologie erzeugten. Das war nicht die darwinistische Vision der Selbstbehauptung oder des robusten amerikanischen Individualismus, sondern die einer anarchistischen Gemeinschaft. Goodman war der Überzeugung, daß überschaubare Gruppen, in denen Menschen direkt miteinander kommunizierten, imstande wären, aus der wuchernden Masse der überzentralisierten postindustriellen Gesellschaft eine neue, menschliche Gemeinschaft zu formen. Sowohl über die verheerenden Zustände als auch über Verbesserungsmöglichkeiten schrieb er mit einer Intelligenz, die sich in ihrer Präzision, ihrer Verständlichkeit und ihrer leidenschaftlichen Überzeugungskraft oft zu dichterischen Höhen emporschwingt.

Ich will damit keineswegs sagen, daß Goodman zu stringenten und systematischen Argumentationen nicht in der Lage gewesen wäre. Kaum jemand analysierte die Implikationen des Freudschen IchModells oder des "primärem Masochismus" bei Reich besser als er. Sein Angriff auf die Revisionisten der Psychoanalyse, Horney und Fromm, ist eine zielsichere und umwerfende Darlegung der Verhältnisse zwischen dem instinktiven Teil des menschlichen Lebens, Psychotherapie und Sozialordnung. Der Essay wurde ursprünglich in der von Dwight Macdonald in den vierziger Jahren herausgegebenen anarchistischen Zeitschrift Politics veröffentlicht und veranlaßte die linken Soziologen C. Wright Mills und Patricia Salter in der darauffolgenden Ausgabe einen äußerst gemeinen und beleidigenden Artikel gegen Goodman zu schreiben. Goodman nahm die Herausforderung an und machte - wie ich finde - intellektuelles Hackfleisch aus ihnen. Glücklicherweise hat Taylor Stoehr den ursprünglichen Essay "Die politische Bedeutung einiger neuer Revisionen an Freud" sowie die darauffolgende Diskussion in Natur heilt abgedruckt. Für meine Begriffe handelt es sich dabei um eine der wichtigen Diskussionen in der jüngeren amerikanischen Geistesgeschichte.

Goodmans bedeutendste theoretische Leistung und unverzichtbar für jeden Gestalttherapeuten ist jedoch der zweite Band von Gestalttherapie, Lebensfreude und Persönlichkeitsentfaltung, den er vor vierzig Jahren schrieb. Darin schuf er eine Verbindung zwischen Freud, Reich, Rank sowie einigen anderen und seinen eigenen Ideen bzw. denen seines Mitstreiters Perls und entwickelte daraus eine hervorragend eigenständige und verständliche Sichtweise der menschlichen Natur, der Charakterentwicklung, der gesunden Funktion und der Psychopathologie. Nach wie vor ist dieser Text der erste wesentliche Beitrag zur Definition der Theorie der Gestalttherapie. Unter anderem beschreibt er sehr sorgfältig den Prozeß von Wachstum und Veränderung sowie den Widerstand dagegen und macht dadurch deutlich, was in der Therapie erreicht werden kann. Diese Seiten müssen von allen, die sich als Gestalttherapeuten oder -therapeutinnen verstehen, gründlich verdaut werden.

Natur heilt kann als vielseitige und sehr lesenswerte Ergänzung zum zweiten Band von Gestalttherapie betrachtet werden. Während Gestalttherapie Goodmans Systembildung aufzeigt, stellt Stoehrs Sammlung der psychologischen Schriften Goodmans in Ergänzung zu den theoretischen Ansätzen seine lyrischen, empfindsamen, wütenden, polemischen und autobiographischen Stimmungen dar. Entstanden innerhalb eines Viertel Jahrhunderts, zwischen 1945 und 1969, geht es in diesen Essays, Artikeln und Reden nicht nur um klinische Sachverhalte. Neben Themen wie Krieg, soziale Machtlosigkeit, Rassismus oder die Unterdrückung der Homosexuellen geht es u.a. ums Filmemachen, den literarischen Prozeß, um Schuld, Aggression, Trauer, Kindererziehung, Sex, oder um Freud, Reich und die Gestalttherapie. Manchmal mag es scheinen, als habe Stoehr mit der Zusammenstellung von Aufsätzen mit literarischem oder politischem Schwerpunkt in diesem Band eine eher willkürliche Auswahl getroffen. Aber durch die Bandbreite seiner Auswahl macht er auch die Weite von Goodmans interdisziplinärem Denken deutlich.

Spontan fallen mir drei Gründe ein, warum Gestalttherapeuten "Natur heilt" lesen sollten. Erstens vermittelt das Buch ein lebendiges Gefühl für die Entwicklung der Gestalttherapie vom Zweiten Weltkrieg bis zur Gegenwart. Zweitens ist es voll tiefer und direkt anwendbarer Erkenntnisse über Charakter und Psychopathologie, die das klinische Bewußtsein schärfen. Und drittens erweitert es den Horizont hinsichtlich der sozialen Auswirkungen von Psychotherapie, während es gleichzeitig deren Grenzen innerhalb eines unbefriedigenden Sozialsystems aufzeigt, und zwar mehr als jedes andere Buch, das ich kenne.

Stoehrs hervorragende Einleitung macht Goodmans Entwicklung inmitten der Trends und Strömungen der Psychotherapie nach dem Zweiten Weltkrieg besonders deutlich. Seine theoretischen Wandlungsprozesse - vom Freudschen Unbewußten zu Reichs Charakterpanzer und Sexualökonomie und weiter zur Phänomenologie der Kontaktgrenze - fassen die Entwicklung der Gestalttherapie zusammen. Seine gedankliche Entwicklung ist eine Bewegung der geistigen Integration, und nicht die Haltung eines Konvertiten, der die eine Doktrin durch die andere ersetzt. Auf seinem Weg ließ Goodman nichts Nützliches unbeachtet, sondern fügte hinzu, veränderte und brachte zusammen.

Dies ist ein wichtiger Punkt. Goodman war ohne Zweifel ein innovativer psychologischer Denker, der seine Stellung innerhalb der Tradition dennoch nie aus den Augen verloren hat. Noch deutlicher als bei Fritz Perls wird in Goodmans Schriften deutlich, wieviel die Gestalttherapie Freud zu verdanken hat. Obwohl Perls Psychoanalytiker war und den Mitgliedern des frühen Kreises um Freud sehr nahestand, hatte er ein schwieriges Verhältnis zu Freud; und nach seinem ersten Buch Das Ich, der Hunger und die Aggression, das in vielfacher Hinsicht noch sehr psychoanalytisch geprägt war, interpretierte er Unterschiede häufig als klare Trennungen und offensichtliche Brüche mit der Freudschen Tradition (wie so viele andere originäre und unorthodoxe Therapeuten, die mit der Schonkost psychoanalytischer Assoziationen aufwuchsen). Am Ende entschloß er sich, in Esalen die Gestalttherapie mit der Encountergruppen-Bewegung zusammenzubringen und wurde berühmt.

Goodman hingegen hatte keinen ödipalen Konflikt mit Freud, und da er ihn nicht abweisen mußte, suchte er nach dem Besten, was Freud zu bieten hatte. Er betonte immer den radikalen Inhalt der Freudschen Lehrmeinung, behauptete allerdings auch, daß Freud selbst, von seiner jungen Bewegung überwältigt und sie gleichzeitig schützend, sich mit zunehmendem Alter von den revolutionären Implikationen seiner Entdeckungen distanzierte. In den ersten beiden Essays aus Stoehrs Sammlung behandelt Goodman diese Seite Freuds mit einer reizvollen Mischung aus Ehrfurcht und Pathos. Goodman gefiel die Tatsache, daß Freud seine Psychologie auf die Biologie gegründet hatte, anders als die Behaviouristen, die psychoanalytischen Revisionisten und die meisten Sozialpsychologen. Nach Goodmans Verständnis war die Kernaussage die, daß der Mensch mit einer Reihe angeborener Anlagen auf die Welt kam - entsprechend etwa Freuds Triebbegriff von Eros und Thanatos - und diese Anlagen bestimmten darüber, was er von der Umwelt brauchte, um überleben und wachsen zu können. Auf diese Weise wird die Natur der Gemeinschaft durch die menschliche Natur selbst eingeschränkt: Eine schlechte Gesellschaft ist eine solche, die auf den natürlichen Rhythmus und die Bedürfnisse des Individuums nicht eingeht oder sie sogar verzerrt. Dies ist eines der grundlegenden Goodman'schen Prinzipien, das in seinen Schriften immer wieder auftaucht. Dieses Prinzip begründet seine moralische Position zu der Frage, wie eine gute Gesellschaft aussehen sollte, und es verbindet seine Psychologie mit seiner Politik. Auch in der Entwicklung der Gestalttherapie ist dieser Grundsatz von besonderem Wert.

Goodman ging also auf Freud zurück und entdeckte eine Theorie der menschlichen Natur, die seiner eigenen Vorstellung von Anarchismus entsprach. In seinem Essay über die Revisionisten beruft sich Goodman mit Hilfe einer ironischen Verdrehung auf Freud selbst, um jene Psychoanalytiker, liberalen Sozialingenieure und soziologischen Marxisten zu widerlegen, die behaupteten, die menschliche Natur sei unbegrenzt formbar und brauche einfach nur neu entworfen zu werden, um in eine soziale Ordnung eingepaßt werden zu können, die von Experten zum Besten der Massen aufgestellt worden sei.

Nehmen wir einen anderen Punkt, der für die klinische Praxis der Gestalttherapie von unmittelbarer Bedeutung ist. Goodman war in der Lage, das Wertvolle an Freuds großer Entdeckung der Übertragung zu bewahren, die Idee jenes Schattens, den die unerledigte Situation der Vergangenheit auf die Gegenwart wirft. Doch Goodman weitet diese Idee aus, um zu zeigen, warum die Interpretation der Übertragung nicht ausreicht. Nach Freuds Vorstellung war der Hebel, an dem die Therapie ansetzt, der Wiederholungszwang des Patienten. Das Problem besteht darin, daß der Patient immer weiter versucht, die unerledigte Situation auf dieselbe, uneffektive Weise abzuschließen, z.B. indem er neurotische Symptome hervorbringt. Hierin liegt sowohl der Kern der Krankheit als auch der angeborene Drang nach Gesundheit. Die "Heilung", meinte Goodman, die echte Auflösung der Übertragung, beinhaltete "einen neuen Versuch mit einer wirklichen Person." Und hier liegt, kurz gesagt, der Übergang der psychoanalytischen Erforschung der Vergangenheit zur gestalttherapeutischen Betonung des Hier-und-jetzt.

Ein anderes Beispiel für Goodmans Neuinterpretation von Freud: Entgegen der allgemeinen Auffassung vertrat Goodman den Standpunkt, daß Freud ein Sozialpsychologe gewesen und sämtliche seiner grundlegenden Konzepte von enormer sozialer Bedeutung seien. Vielleicht ging er hier ein bißchen zu weit - natürlich wußte Freud, daß es da draußen eine Familie und eine Kultur gab, die die junge Psyche beeinflußten, aber seine Psychologie trug dieser Tatsache nicht in vollem Umfang Rechnung. Dennoch ist es wichtig zu verstehen, was Goodman mit "Sozialpsychologie" meinte, denn sein Verständnis unterscheidet sich von dem des Behaviourismus und der Rollentheorie, das bis heute Gültigkeit hat. Für Goodman muß jede Psychologie sozial orientiert sein, weil sie erforscht, was zwischen Organismus und Umwelt geschieht. Symptome, Charakterbildung und Wachstum - all das findet an der Grenze zwischen dem Selbst und dem anderen statt. Dies war ein entscheidender Punkt für die Entwicklung des gestalttherapeutischen Ansatzes der Arbeit an der Kontaktgrenze (ein Konzept, das Goodman in seiner Hälfte von Gestalttherapie erschöpfend behandelt).

Während Goodman bei Freud die philosophischen Wurzeln der Gestalttherapie und seiner anarchistischen Position fand, holte er sich bei Reich die praktischen Mittel, um Psychotherapie und soziale Revolution miteinander zu verbinden. Er spürte, daß es zwischen Freuds Therapie, die auf die Befreiung der Triebe abzielte, und seiner konservativen politischen Haltung, die auf die Notwendigkeit ihrer Verdrängung hinwies, einen Widerspruch gab, so daß am Ende nur die Sublimierung blieb. Für Sublimierung blieb keine Zeit, dachte Goodman; die Gesellschaft war bereits zu weit vom Weg abgekommen. Reich zeigte deutlicher als Freud, wie die industrielle Gesellschaftsordnung den Leuten unter die Haut ging und ihre Psyche einnahm, vor allem durch Familie und Schule. Durch Erziehung und Schulwesen lernten die Kinder, sich gegen sich selbst zu wenden und ihre spontanen Bedürfnisse zu begraben, darin stimmten Freud und Reich weitgehend überein. Dieser Blockierungsprozeß, meinte Reich weiter, hat auch eine anatomische und physiologische Komponente: er vollzieht sich durch das Anhalten des Atems und die Anspannung der Muskeln gegen den Drang zu triebhaftem Ausdruck. Sobald dieses Verhalten chronifiziert ist, bildet sich eine rigide Persönlichkeitsschale, die Reich als Charakterpanzer bezeichnete. Das Ergebnis ist eine passive, gehemmte Masse, deren Fähigkeit, durch Liebe, Sexualität, Wut und Arbeit Kontakt herzustellen, verkrüppelt ist. Solche Individuen wären kaum in der Lage, jene neue Gesellschaft aufzubauen, von der Goodman träumte, geschweige denn, sich selbst zu verwirklichen.

An dieser Stelle kam die Psychotherapie ins Spiel. Wie Reich glaubte Goodman, daß eine gute Therapie die kreative Energie der Menschen aus der Gefangenschaft schmerzlicher Charakterbildung befreien könnte, und daß die befreiten Individuen sich spontan auf eine soziale Revolution zubewegen würden. Effektive Psychotherapie kann dazu beitragen, jene verlorengegangene Lebendigkeit, Kraft und Spontaneität wiederzugewinnen, die Kennzeichen gesunder menschlicher Funktion sind. Anders ausgedrückt: sie unterstützt die Fähigkeit, guten Kontakt herzustellen. Aber Kontakt womit? Sicherlich mit anderen Menschen und mit Arbeit. Man könnte echte Freundschaften schließen, eine erfüllte Sexualität leben, wenn nötig kämpfen, Konflikte lösen und weiterhin produktiv sein. Das Meer jedoch, in dem diese erneuerten Individuen auch weiterhin schwimmen müssen, wäre aus Goodmans (und Reichs) Sicht nach wie vor durch Institutionen verseucht, die auf sexueller Unterdrückung und verzerrter Aggression durch Bürokratie, Werbung und Krieg basieren. Offensichtlich kann die Lebensqualität des Individuums nicht isoliert von dem betrachtet werden, was die Umwelt zur Verfügung stellt. Die meisten Menschen kanalisieren ihre Liebesgefühle und ihre Sexualität in die Ehe, doch Goodman bemerkte, daß die Monogamie unter den gegebenen sozialen Umständen viel häufiger zu sexueller Unterdrückung führt als Ausdruck einer natürlichen Liebesverbindung zu sein. Entscheidet man sich für die homosexuelle Liebe (das galt zumindest zu der Zeit, als Goodman schrieb), muß man mit drohenden Gefängnisstrafen, Skandalen, brutalen Angriffen oder dem Verlust der Arbeit rechnen. Und mit wenigen Ausnahmen läuft das Leben darauf hinaus, den größten Teil der Zeit mit langweiliger, leerer oder unmoralischer Arbeit zu verbringen.

Angesichts dieser sozialen Situation ist der Weg der individuellen therapeutischen Befreiung nicht einfach, und Goodman wies auf die Gefahren hin. Er stimmte mit Reich darin überein, daß Menschen, die sich daranmachten, ihr volles menschliches Potential zurückzugewinnen, es unausweichlich ablehnen würden, in dieser Welt zu leben. Sie würden sich gezwungen fühlen, auszusteigen und Alternativen zu schaffen oder aber die bestehenden Strukturen durch soziale Aktionen herausfordern. Da es der sozialen Ordnung aber auch darum geht, sich selbst zu erhalten, kann man kaum erwarten, daß sie wohlwollend reagieren würde. "Aggressive Psychotherapie ist unweigerlich ein soziales Risiko ...", warnte Goodman. "Die Gesellschaft verbietet alles, was zu ihrer Zerstörung beitragen könnte." Es war die revolutionäre Botschaft, wenn nicht gar die Betonung der Therapie in Goodmans Analyse, die seine Ideen denen der Sechziger-Jahre-Generation so verwandt machte - jungen Menschen, die versuchten, neue Lebensformen zu entwickeln, Viertelkultur, alternative Schulen, und die sich im gewaltlosen Protest gegen Krieg und Rassismus engagierten.

Goodman betrachtete Reichs Tendenz, die therapeutische Befreiung auf den vollständigen Orgasmus zu reduzieren als "übertrieben einfach und Rousseauartig", als unzulässige Reduzierung der Komplexität Freuds. In seinen Essays über Reich weist er an mehreren Stellen darauf hin, daß Reichs Theorie ein Zwischending darstellt. Trotzdem fügt er hinzu, daß Reichs Theorie an diesem Punkt der geschichtlichen Entwicklung "eine enorme revolutionäre Dynamik" aufweist.

Unter diesen Umständen erscheint es nicht verwunderlich, daß Goodmans Therapieideal sich nicht auf die Einzeltherapie beschränkt, sondern das mit einschließt, was als Therapie der Gesellschaft durch Analyse, Kritik und Handeln bezeichnet werden könnte. In diesem Sinne sind seine psychologischen Schriften weder von seinen sozialen Ideen, seiner Politik und in gewissem Maße nicht einmal von seiner Literaturkritik zu trennen, wie Stoehrs Zusammenstellung hinlänglich zeigt. Die Art, in der Paul Goodman Fragen der menschlichen Entwicklung oder der Psychopathologie aufgreift, beinhaltet immer sowohl das "Du" als auch das "Ich", die soziale Umgebung ebenso wie den Organismus des Individuums. Dieser Ansatz ist mit den fundamentalen Grundsätzen der Gestalttherapie voll und ganz vereinbar, man denke nur an die Betonung der Kontaktgrenze, jenem Treffpunkt zwischen dem Selbst und dem anderen, wo beide aufeinander einwirken und sich gegenseitig verändern durch Zusammenstoß, Liebe, Einfluß, Auseinandersetzung und Versöhnung; oder das Konzept des Selbst als strukturierender Größe im Organismus-Umwelt-Feld. Auch wenn Gestalttherapeuten immer erklärt haben, dies seien die Prinzipien des Kontakts, mit denen sie in der Therapie arbeiteten, war Goodman einer der wenigen, die mit großem Ernst auf die höhere Bedeutung dieser Prinzipien hingewiesen haben.

 

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Michael Vincent Miller (Foto von Torsten Bastert)Michael Vincent Miller (Foto von Torsten Bastert)

 

Michael Vincent Miller, Ph.D.

1939 in San Francisco geboren, lehrte an der Stanford University und am Massachusetts Institute of Technology. Heute lebt und arbeitet er als Klinischer Psychologe und Gestalttherapeut in Cambridge, Massachusetts. Er ist Autor zahlreicher Fachbeiträge zu Theorie und Praxis der Gestalttherapie. In deutscher Sprache erschien sein Buch "Macht - Liebe - Angst. Wege aus dem Beziehungsterror" 1996 im Carl Hanser Verlag, München/Wien.

Der obige Beitrag ist zuerst erschienen als Einleitung zur Neuauflage von Paul Goodmans Buch "Nature Heals. Psychological Essays" (Edited by Taylor Stoehr) in The Gestalt Journal Press.
(c) The Gestalt Journal Press, 1991
http://www.gestalt.org
Wir danken Joe Wysong vom Gestalt Journal für die Genehmigung der deutschen Erstübersetzung.
Aus dem Amerikanischen von Ludger Firneburg.

Die deutsche Ausgabe der ersten Auflage von Goodmans Buch erschien 1989 unter dem Titel "Natur Heilt. Psychologische Essays" in der Edition Humanistische Psychologie EHP, Köln.

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