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Robert G. Lee
Scham bei Paaren: ein unbeachtetes Thema
Ein Beitrag zur Gestalttherapie mit Paaren


Aus der Gestaltkritik 1/2013:

Gestaltkritik - Die Zeitschrift mit Programm aus dem Gestalt-Institut Köln
Gestaltkritik (Internet): ISSN 1615-1712

Themenschwerpunkte:

Gestaltkritik verbindet die Ankündigung unseres aktuellen Veranstaltungs- und Weiterbildungsprogramms mit dem Abdruck von Originalbeiträgen: Texte aus unseren "Werkstätten" und denen unserer Freunde.

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  Hier folgt der Abdruck eines Beitrages aus Gestaltkritik 1/2013:

Robert G. Lee
Scham bei Paaren: ein unbeachtetes Thema
Ein Beitrag zur Gestalttherapie mit Paaren

Robert G. LeeRobert G. Lee

Tom und Claire

Tom saß gerade und aufrecht auf seinem Stuhl und wirkte ziemlich abgespannt, als er sich zu Beginn der zweiten Therapiesitzung vorwurfsvoll an Claire wandte: "Es ärgert mich, dass du zu spät gekommen bist. Kannst du denn nicht einmal pünktlich sein?" Ohne ihn anzuschauen antwortete Claire verächtlich: "Warum bist du bloß so kleinlich mit der Zeit? Es waren doch nur zehn Minuten. Kannst du das nicht mal ein bisschen locker sehen?"

An diesem Punkt unterbrach ich die beiden, aber wir können uns vorstellen, wie diese Unterhaltung weitergegangen wäre, wenn ich das nicht getan hätte. Tom hätte vielleicht gesagt: "Das ist typisch. Zuerst bist du unpünktlich, und dann gibst du mir die Schuld." Und vielleicht hätte Claire geantwortet: "Du bist genau wie dein Vater, steif wie ein Brett." Daraufhin hätte Tom sagen können: "Zumindest bin ich nicht verantwortungslos - wie deine Familie. Ich stehe zu meinen Verpflichtungen, und außerdem bin ich nicht so verschwenderisch." Und Claire hätte sagen können: "Aber ich, ja? Ich nehme an, du spielst auf neulich abends an, als du zu knauserig warst, mit mir essen und ins Kino zu gehen", woraufhin Tom hätte antworten können: "Du willst ja nur Geld ausgeben. Du hältst dich wohl für was Besseres." Und Claire hätte ihm entgegnen können: "Du bist doch ein Weichei. Du traust dich einfach nicht, deinen Chef nach einer Gehaltserhöhung zu fragen; dann könnten wir uns nämlich einen angemessenen Lebensstil leisten." An diesem Punkt hätte einer von beiden vielleicht angefangen, den anderen anzuschreien oder wäre wütend rausgegangen.

Das ist natürlich nur eine Möglichkeit, wie Tom und Claires Unterhaltung hätte weitergehen können, und zudem eine, die für beide problematisch gewesen wäre. Andere Möglichkeiten hätten sein können, dass einer von beiden sich zurückgezogen, die Kontrolle an sich gerissen oder mit Strafen, körperlichen Symptomen oder Zwanghaftigkeit reagiert hätte usw. Solche Kommunikationsformen sind bei Paaren, die in Schwierigkeiten stecken, nicht unüblich. In der Arbeit mit diesen Paaren können wir es mit strukturellen oder strategischen Interventionen versuchen oder auch systemische und historische Interpretationen heranziehen. Aber angesichts eskalierender Konflikte zwischen Partnern bleiben selbst unsere raffiniertesten Ansätze häufig erfolglos. Diese Erfahrung kennt jeder von uns allzugut. Was passiert hier? Wie kommt es, dass diese Interaktionen auf so destruktive Weise außer Kontrolle geraten?

Wenn wir mit Paaren wie Tom und Claire, die sich in so plötzlich auftretenden, explosiven Eskalationen verstricken, unser Tempo etwas verlangsamen und ihre Interaktion genauer untersuchen, stellen wir fest, dass die zugrundeliegende, unausgesprochene Dynamik Scham ist. Die Scham bringt Tom und Claire dazu, ständig übereinander und nie von sich selbst zu sprechen. Und die Scham ist es auch, die jedem Vorwurf den Beigeschmack der Demütigung verleiht. In anderen, ähnlich gelagerten Situationen zwischen Paaren kann die Scham dazu führen, dass die Partner den Rückzug und die Flucht nach innen antreten, starre Regeln aufstellen, um die Kontrolle zu bewahren oder körperlich aggressiv, dominant und/oder gewalttätig werden.

Das Problem bei der Arbeit mit Scham besteht darin, dass sie äußerlich kaum jemals sichtbar ist. Was wir beobachten können, sind die defensiven Verhaltensweisen, hinter denen die Partner sich zu verstecken und dem Erleben der Scham zu entkommen versuchen, wie etwa die verzweifelten Mittel (einschließlich der Gewalt), die sie ergreifen, um die unerträgliche Scham von sich selbst auf ihre Partner zu verlagern. In solchen, aber auch in weniger dramatischen Situationen kann ein Verständnis der Scham uns helfen, das Durcheinander in der Interaktion der Partner zu entwirren, das oft wie ein unlösbarer Knoten erscheint.

 

Scham beim einzelnen

Was ist Scham, und warum nimmt sie in unserem Leben einen so bedeutenden Platz ein? Die Allgegenwärtigkeit der Scham in der menschlichen Erfahrung spiegelt sich wider in der Vielfalt ihrer Namen: Schüchternheit, Peinlichkeit, Chagrin, Demütigung, geringes Selbstwertgefühl, Sich-lächerlich-Fühlen, Verlegenheit, Bekümmertsein, Irritation, Erniedrigung, Schmach, Schande, Kränkung, Degradierung, Unsicherheit, Mutlosigkeit, Schuld - und diese Liste ließe sich noch fortsetzen (Kaufman, 1989; Lewis, 1971; Retzinger, 1987). Von den vielen theoretischen Ansätzen, die sich mit dem Phänomen Scham auseinandergesetzt haben (vgl. Jordan, 1989; Lewis, 1971; Lynd, 1958; Nathanson, 1992; Tomkins, 1963), harmoniert die Theorie von Kaufman und Tomkins (Kaufman, 1989; Tomkins, 1963) aufgrund ihrer theoretischen Klarheit und phänomenologischen Begründung am besten mit der organismischen und kontextualistischen (Ich-Du) Weltsicht der Gestalttheorie.

Tomkins geht davon aus, dass Scham einer von neun angeborenen Affekten ist und damit zur Überlebensausrüstung gehört, mit der jeder Mensch von Geburt an ausgestattet ist. Die Funktion der Scham besteht nach Tomkins (1987) darin, die Affekte zu regulieren, die er als Interesse-Aufregung und Freude-Vergnügen bezeichnet. "Wenn das Verlangen stärker ist als die Erfüllung, so dass das Interesse abnimmt, ohne dabei jedoch zerstört zu werden, ist das Erleben von Scham für jeden Menschen unvermeidlich" (1963). Daher ist Scham in ihrer einfachsten Form als Schüchternheit und Peinlichkeit ein natürlicher Prozess der Retroflektion oder der Zurückhaltung, und damit eine Schutzfunktion des Lebens. Die Scham schützt unseren persönlichen Raum in Bereichen wie Freundschaft, Liebe, Spiritualität, Sexualität, Geburt und Tod und bildet einen Schutzschild für den andauernden Prozess der Selbst-Integration (Schneider, 1987). Mit Hilfe der gestalttheoretischen Perspektive können wir diese normale Schutzfunktion der Scham etwas anders beschreiben. Hier wird der Mensch als einer gesehen, der an der Grenze zwischen innerer und äußerer Welt verhandelt, konstruiert und forscht. So betrachtet kann Scham ein Signal dafür sein, dass der Zustand der Verbindung an der Grenze zwischen mir und meiner Welt bedroht ist oder Aufmerksamkeit verlangt. Insofern kann die Scham mich zur Zurückhaltung veranlassen, wie in Tomkins Modell, oder sie kann bewirken, dass ich mich dem anderen und seinem Bedürfnis mir gegenüber zuwende - möglicherweise um den Preis des zeitweiligen Verlustes meiner Fähigkeit des Selbstausdrucks. (Deshalb hilft uns der Gestaltansatz, die kreative Verbindung zwischen Scham und "Koabhängigkeit" zu sehen. Wenn ich "koabhängig" bin, gilt meine Aufmerksamkeit fast ausschließlich dem anderen, den ich unterstütze, um selbst gesehen zu werden, und das bedingt eine notorische Einschränkung meines Selbstausdrucks.)

Dies ist im großen und ganzen die gesunde Seite der Scham. Sobald die Scham aber in Form von Scham-Bindungen (Kaufman, 1989) internalisiert wird, gerät ihre natürliche Funktion aus dem Gleichgewicht und wirkt dadurch mitunter selbst zerstörerisch. Obwohl dieser Prozess sich in jeder Lebensphase abspielen kann, beginnt er doch meistens während der Kindheit. Wenn die Sorgepersonen nicht in der Lage sind, beim Kind ein bestimmtes Bedürfnis, ein Gefühl oder eine Absicht zu erkennen, zu akzeptieren und angemessen darauf zu reagieren, hilft die normale Scham dem Kind, sich aus dem Kontakt zurückzuziehen, der auf die Erfüllung dieses Bedürfnisses oder Wunsches abzielt. Wiederholt sich dieser Prozess oft genug oder hat er traumatische Qualität, dann entsteht eine innere Verbindung oder Kopplung zwischen der Scham und diesem speziellen Bedürfnis, Gefühl oder der Absicht (Kaufman, 1989). Die Unfähigkeit der Sorgeperson, angemessen bzw. überhaupt auf das Kind einzugehen, kann mit ihrer Reaktion auf die eigene internalisierte Scham zusammenhängen, vielleicht sogar mit der Unfähigkeit, zwischen dem Temperament und den Fähigkeiten des Kindes und den eigenen Fähigkeiten zu unterscheiden. In jedem Fall wird das Kind, sobald es dieses Bedürfnis oder diesen Drang später wieder verspürt, automatisch auch Scham empfinden. Im Laufe der Zeit und mit zunehmenden Schamerfahrungen geht das Bewusstsein des ursprünglichen Gefühls oder Bedürfnisses verloren; was bleibt, ist die Scham (Kaufman, 1989). Dadurch verliert das Kind die "Stimme" für diesen Teil seiner selbst - ein Teil seines Selbst ist abgespalten oder ausgeschaltet. Dieser Stimmverlust ist eine Reaktion auf die reale Erfahrung oder "Umweltbedingung", dass niemand diese Stimme hört. Der Verlust der Stimme wird von einem Gefühl der Entfremdung und Unterlegenheit, der Unverbundenheit und der Wertlosigkeit begleitet. Dieses Gefühl der Entfremdung und Unterlegenheit entsteht aber nicht nur aufgrund der Erfahrung, dass die Stimme schambesetzt und nicht wert ist, gehört zu werden, sondern auch, weil selbst dann, wenn jemand kommt und bereit ist, zuzuhören, es dem Kind ohne diese Stimme viel schwerer fällt, dem anderen mitzuteilen, wer es ist. All dies ist Teil der Erfahrung internalisierter Scham.

Aus gestalttheoretischer Sicht stellt dieser Stimmverlust, diese Schambindung, ein negatives Introjekt dar, eine angenommene Überzeugung oder internalisierte Botschaft über das Selbst, die Welt und die Möglichkeiten zum Kontakt. Aber auch das Gegenteil ist der Fall. Negative Introjekte sind Schambindungen. Wenn wir die Scham verstehen, dann verstehen wir auch das Wesen negativer Introjekte.

Es ist unmöglich, keine Schambindungen zu entwickeln. Die kulturelle Unterstützung der Kindererziehung in unserer Gesellschaft basiert zum großen Teil auf Scham. Wenn sich bei Mädchen ein Gefühl für Konkurrenz in der Welt entwickelt, werden sie häufig beschämt - "Nette Mädchen sind nicht vorlaut" (Gilligan, 1982). Und Jungen werden häufig mit ihren Gefühlen von Kummer, Traurigkeit und der Scham selbst beschämt - "Große Jungen weinen nicht" (Balcom, 1991). Tatsächlich sind in unserer Kultur die Geschlechterrollen so eng mit der Scham verknüpft, dass fast jedes von der Geschlechterrolle abweichende Fühlen oder Verhalten mit großer Wahrscheinlichkeit als beschämend angesehen oder erlebt wird.

Jede Situation, in der die Gefühle oder Wünsche eines Menschen oder seine Art, in der Welt zu sein, konsequent übersehen oder ignoriert und nicht bestätigt oder respektvoll beantwortet werden, kann Schambindungen erzeugen. Dies geschieht vor allem in hierarchisch strukturierten Beziehungen, in denen einer auf den anderen angewiesen ist, um versorgt zu werden und Schutz (oder auch Macht) zu erhalten, wie in Eltern-Kind-, Lehrer-Schüler-, Trainer-Spieler-, Supervisor-Supervisand-, Therapeut-Klient- und Arzt-Patient-Beziehungen. In solchen Beziehungen kann die Macht entweder missbraucht werden, oder ihr konstruktiver und einfühlsamer Gebrauch gerade dann, wenn es erforderlich wäre, ausbleiben oder fehlschlagen. Dasselbe gilt für die Erfahrung schwerer Verluste. Die schwerwiegendsten Schambindungen gehen auf traumatische Erfahrungen wie sexuellen oder körperlichen Missbrauch, Verwahrlosung und schwere Verluste durch Krieg usw. zurück. Die Scham geht Hand in Hand mit der posttraumatischen Belastungsstörung.

Wir alle haben zumindest einen unbewussten Zugang zu diesem Prozess, was sich im Englischen z.B. in den spontanen Äußerungen zeigt, die wir angesichts der Krankheit oder des Verlustes eines anderen Menschen machen: "What a shame!" ("Wie schrecklich") Wenn wir uns dieses kulturelle Wissen einmal vergegenwärtigen, dann stellen wir fest, wie häufig wir darauf zurückgreifen und es mit einer ganzen Reihe von Situationen verbinden, die mit Verlust und Elend zu tun haben, und zwar vom Trivialen bis hin zum Tragischen, angefangen damit, dass wir den Bus verpassen, bis hin zu Situationen, in denen wir mit dem Grauen des Krieges konfrontiert werden. Ich denke an eine Klientin, der schmerzlich bewusst wurde, dass ihr neuer Freund sie immerzu kontrollieren wollte, um mit den Unterschieden zwischen ihnen fertigzuwerden. Sie führte dieses Verhalten darauf zurück, dass er als kleiner Junge damit fertigwerden musste, dass sein Vater sehr plötzlich gestorben war und seine Mutter in ihrer Hilflosigkeit anfing, unklare und chaotische Forderungen zu stellen. Schließlich seufzte meine Klientin: "That's really a shame!" (Das ist wirklich schlimm). Wie wahr.

Gibt es vielfältige Schambindungen, können aus den damit verknüpften Bildern, Worten und Gefühlen schambesetzte Verbindungen mit umfassenderen Persönlichkeitsaspekten wie dem Körperbild, der Beziehungsfähigkeit, der Kompetenz und dem allgemeinem Charakter entstehen (Kaufman, 1989). Die internalisierte Scham wird Teil des Hintergrundes, und indem jede neue Erfahrung vor diesem Hintergrund früheren Erlebens uminterpretiert wird, entsteht unvermeidlich neue Scham. Häufig zu beobachtende Anzeichen dafür, dass die internalisierte Scham einen solchermaßen schädlichen Einfluss hat, sind Äußerungen von übersteigerter Selbstkritik, Selbstverachtung oder Vergleiche, bei denen die betreffende Person immer schlecht abschneidet (Kaufman, 1989). Doch vergessen wir nicht, dass wir normalerweise nicht die Scham beobachten können, sondern immer nur die mehr oder weniger verzweifelten Versuche und Verhaltensweisen, die Scham abzuwehren, wie etwa Herabsetzung, Vorwürfe, Überlegenheit, emotionaler Rückzug, Starre oder die verschiedenen Formen des "Ausagierens", vom Substanzmissbrauch bis hin zu sexueller Abhängigkeit und Gewalt.

Ist die Scham einmal verinnerlicht, kann ein ansonsten positives inneres oder äußeres Ereignis eine Schamspirale oder einen "Schamanfall" in Gang setzen. Das auslösende Ereignis kann sich entweder rein innerlich abspielen (etwa das Erleben eines schambesetzten Gefühls oder Wunsches), oder mehr außenorientiert sein, wenn z.B. ein verbaler oder nonverbaler Hinweis eines anderen als Zurückweisung oder Abwertung (oder beides) interpretiert wird. Es ist auch möglich, dass die innere Scham durch so einfache Dinge wie den Vergleich mit den Erfahrungen, Fähigkeiten oder dem Status eines Gesprächspartners ausgelöst wird.

In solchen Situationen kann es vorkommen, dass der Betreffende von Scham und Selbsthass überflutet wird oder aber verzweifelt versucht, diese Überflutung abzuwehren. Er oder sie möchte dann am liebsten "im Boden versinken". Dieses Gefühl geht manchmal mit der Empfindung einer "schamvollen Wut" einher, das wiederum neue Scham erzeugt, weil der Betreffende sich der Unangemessenheit seiner Wut teilweise bewusst ist. Auf diese Weise wird die Scham in einer selbsteskalierenden Spirale von Elend, Selbstmissbrauch und vielleicht dem Missbrauch anderer "eingeschlossen" (Kaufman, 1989; Lewis, 1981).

In einem solchen Schamanfall ist es schwer, die Bedürfnisse und Absichten anderer zu erkennen oder zu verstehen. Sämtliche Systeme stehen auf "Alarmstufe rot". Gestalttherapeutisch ausgedrückt steht der Selbst-Prozess, also der Prozess der "Integration an der Grenze zwischen Person und Umwelt", kurz vor dem Zusammenbruch. Die Betroffenen sind solange mit ihrer Scham beschäftigt, bis der Schamanfall vorbei ist. Das kann Stunden, Tage, Monate - oder ein ganzes Leben umfassen.

Es ist beschämend, sich zu schämen, vor allem in unserer westlichen Kultur. Obwohl viele Menschen Scham, und während eines Schamanfalls häufig auch Wut erleben, zeigen sie kaum jemals ihre Scham, und nur selten ihre Wut. Was nach außen hin sichtbar wird, sind die Abwehrstrategien, die die Menschen anwenden, um der Belastung zu entgehen und sie zu verbergen: Rückzug, Wut, Verachtung, Kontrollversuche, subtile oder unverhohlene Kritik, Perfektionismus, Suchtverhalten, zwanghaftes Verhalten, Gewalt und andere Arten des Missbrauchs (Bradshaw, 1988; Fossum & Mason, 1986; Kaufman, 1980, 1989; Lansky, 1991; Nichols, 1991; Retzinger, 1987). Da die Erfahrung internalisierter Scham so zerstörerisch ist, lernen schamanfällige Menschen normalerweise, ihre Scham zu verleugnen und einige der oben genannten Abwehrstrategien in ihr Lebensskript zu integrieren (rigide Verhaltensmuster für "fixierte Gestalten"), um weitere Erfahrungen mit Scham vermeiden oder bewältigen zu können (Tomkins, 1979).

Wie Kaufman zeigt, erzeugen diese Skripte und Strategien langfristig unglücklicherweise noch mehr Scham. Der Rückzug z.B. verstärkt das Gefühl der Isolation; Wut erzeugt häufig Peinlichkeit und/oder Vergeltungsdrang, was wiederum zu Erniedrigung und Isolation führen kann; Sucht führt häufig dazu, dass man seinen Aufgaben nicht mehr gerecht werden kann usw. Solche Strategien beinhalten nicht nur die Möglichkeit zusätzlicher äußerer Scham, sondern tragen auch dazu bei, dass die unterschwelligen und schambesetzten Wünsche und Bedürfnisse des Betroffenen (also die Elemente potentieller Verbindung) noch weiter verdeckt und isoliert werden, so dass es noch schwieriger wird, mit der Welt über diese wichtigen Teile seiner selbst zu kommunizieren. All das kann schließlich dazu führen, dass die Scham und ihre Vermeidung zum Dreh- und Angelpunkt des Lebens wird (Kaufman, 1989).

Zusammenfassend können wir sagen, dass der Unterschied zwischen internalisierter und affektiver Scham darin besteht, dass letztere lediglich dazu dient, das Gefühl von Interesse und Freude zu hemmen und die Privatsphäre zu schützen. Oder wie wir in der Gestalttherapie sagen würden: die affektive Scham hilft uns, unsere Aufmerksamkeit auf Probleme zu richten, die mit anderen oder mit der Welt zusammenhängen. Die internalisierte Scham hingegen kann sich entscheidend auf die Identitätsbildung auswirken. Dieser schädliche Internalisierungsprozess beginnt, wenn die Scham an verschiedene Affekte, Bedürfnisse oder Ziele gekoppelt wird (die Bildung negativer Introjekte). Die mit verschiedenen Schambindungen verknüpften Sprachgewohnheiten, Bilder und Gefühle können zusammenfließen und neue schambesetzte Verbindungen mit umfassenderen Persönlichkeitsaspekten wie dem Körperbild, der Beziehungsfähigkeit, der Kompetenz und dem allgemeinem Charakter bilden (Kaufman, 1989). Dadurch wird die Scham Teil des Hintergrundes, vor dem jede neue Erfahrung im Lichte früheren Erlebens uminterpretiert wird, was unvermeidlich neue Scham hervorbringt. Menschen mit einem hohen Grad an internalisierter Scham erleiden Schamanfälle, die durch innere oder äußere Ereignisse ausgelöst werden können. Da diese Form des internalisierten Schamerlebens so zerstörerisch ist, entwickeln solche Menschen Abwehrmechanismen und Strategien, die ihnen helfen sollen, mit ihrer Scham fertigzuwerden bzw. sie zu vermeiden. Je höher der Grad an internalisierter Scham, desto stärker dreht sich das Leben um den Versuch, die Scham zu kontrollieren und zu vermeiden.

 

Scham in Paarsystemen

Wenn zwei Menschen als Paar zusammenkommen, bringen sie immer auch ihre Lebensgeschichten in diese Beziehung mit ein: ihre Freuden, Hoffnungen und Ängste, und ihre persönliche Geschichte mit dem Erleben von Scham. Je nachdem, wie das Verhältnis zwischen ihnen und ihrer Umgebung ausgesehen hat und wieviel wohlwollendes Verständnis ihnen für ihren Selbstausdruck entgegengebracht wurde, tragen beide Partner ein ähnlich oder unterschiedlich hohes Maß an internalisierter Scham in sich (Lee, 1993), das möglicherweise zu ihrer gegenseitigen Wahl beigetragen hat. Eine Möglichkeit besteht darin, dass beide Partner Lebensweisen gefunden haben, die für den anderen zwar tabuisiert, aber auch notwendig waren (Prosky, 1979; Zinker, 1983), eine andere Variante wäre, dass sie bestimmte Probleme, die ihrer inneren Scham entspringen, gemeinsam haben, oder dass wichtige Bezugspersonen in ihrem Leben ein ähnliches Schamniveau wie ihre Partner hatten usw.

Beide Partner haben im Hinblick auf die angesammelten Schamerfahrungen sog. Leitszenen (Kaufman) entwickelt. Diese Leitszenen sind Beispiele dafür, was in der traditionellen Gestaltterminologie als "fixierte Gestalten" beschrieben wird und in den Bereich der damit verbundenen Dynamik "unabgeschlossener Situationen" gehört. In der gestalttheoretischen Theorie der Selbst-Organisation (Kaplan & Kaplan, 1991) werden diese Szenen als "feste Erfahrungszustände" beschrieben, eine Art Kopie, auf die sich das Selbst-System hin zurückorganisiert, und zwar autopoietisch, um den in der Literatur der Selbst-Organisation gebräuchlichen Ausdruck zu verwenden (Maturana & Varela, 1980). Doch im Unterschied zu einigen Ansätzen der Selbst-Organisations-Theorie und zum psychoanalytischen Konzept des "Wiederholungszwangs", betonen wir in der Gestalttheorie den inneren Trieb des Menschen, eine neue "kreative Anpassung" zu finden, eine neue Lösung für die wiederholte Szene. Auch für Tomkins und Kaufman beinhaltet die Szene immer die Möglichkeit einer neuen und kreativen Lösung.

Im wesentlichen hat sich die Scham in den Leitszenen auf dynamische Weise mit den Bildern, Affekten, der Sprache und den Bewegungen verbunden, die diejenigen Ereignisse repräsentieren, aus denen die Schambindungen ursprünglich entstanden sind. Anhand dieser Leitszenen wird dann die Möglichkeit ihres Wiederauftretens in neuen Erfahrungen überprüft. Das Wort Szene ist deshalb besonders geeignet, das Phänomen zu bezeichnen, weil es Erfahrungen beschreibt, in denen Menschen buchstäblich in eine alte Erfahrung zurückgeworfen werden, in der die Leitszene ausgelöst wird und sie einen zwar vertrauten, aber nichtsdestoweniger krankmachenden Anfall von Scham erleben.

Je nachdem, wie hoch das Maß an internalisierter Scham bei beiden Partnern ausfällt, haben sie mehr oder weniger machtvolle Scham-Leitszenen mit mehr oder weniger empfindlichen "Auslösern" - oder "Stolperdrähten" -, um eine Szene zu rekonstruieren und einen Schamanfall auszulösen. Hinsichtlich der Frage, ob die Scham-Leitszenen bei beiden Partnern mit ähnlichen Bedürfnissen, Gefühlen oder Trieben zusammenhängen oder inwiefern sie allgemeinere Persönlichkeitsaspekte wie Körperbild, Intimität, Kompetenz oder den allgemeinen Charakter betreffen, kann es zwischen den Partnern Unterschiede oder auch Ähnlichkeiten geben.

Wenn die Schamerfahrung überwältigend wird, ist das für die Beziehung in mehrfacher Hinsicht problematisch. Der von Scham überwältigte Partner wird in eine alte schambesetzte Szene zurückgeworfen und ist zeitweise unfähig zu erkennen, was in der Interaktion mit dem Partner wirklich los ist. Man könnte das als Verlust der Ich-Funktion oder als Borderlinespaltung innerhalb des Selbst bezeichnen. In der Gestaltterminologie könnten wir von einem gehemmten Selbst-Prozess oder von verminderten Kontaktfunktionen sprechen. Hier ergibt sich natürlich ein Problem für die Entwicklung von Intimität, dauerhafter Kontinuität, des gemeinsamen Gewahrseins grundlegender Bedürfnisse und für die Übersetzung dieses Gewahrseins in gemeinsame Ziele und Pläne. Doch die Scham kann noch sehr viel komplexere und dynamischere Auswirkungen auf die Paarbeziehung haben.

Je nach dem Grad der internalisierten Scham bei beiden Partnern besteht das Problem in vielen Situationen nicht bloß in dem linearen Effekt des Überwältigtseins eines Partners und des daraus resultierenden Verhaltens auf die Interaktion mit dem anderen, obwohl das im Extremfall schon zerstörerisch genug sein kann. Noch komplexer, problematischer, und potentiell destruktiver sind die qualvollen und unerträglichen Kreisläufe und Spiralen neuer Scham, die sich aus der systematischen Interaktion der gegenseitig schambesetzten Themen beider Partner ergeben können. Mit anderen Worten: die Scham in Paarsystemen wird dann systemisch, wenn die verbale oder nonverbale Reaktion auf das Erleben von Scham (ausgelöst durch ein inneres oder äußeres Ereignis) eines Partners absichtlich oder unbeabsichtigt die Scham des anderen Partners auslöst (Balcom, Lee & Tager, unveröffentlicht). Der daraus entstehende Riss oder Bruch in der Grundbeziehung (Kaufmans "interpersonale Brücke", 1980) kann sich sehr schnell erweitern, wenn der andere Partner dann seinerseits von Scham überwältigt wird, sich daraufhin revanchiert usw.

Paare mit einem geringen Maß an internalisierter Scham sind häufig - wenn auch nicht immer - in der Lage, solche Situationen relativ gut zu bewältigen. Ihre Art von Scham äußert sich vielleicht in milderen Formen, wie etwa Schüchternheit, verletzten Gefühlen oder Peinlichkeit. Hinzu kommt, dass es ihnen leichter fällt, diese milden Schamzustände zu ertragen. Für sie ist es nicht so wichtig, nach Mitteln und Strategien zur Vermeidung und Abwehr von Scham - wie etwa Wut, Verachtung, Rückzug, Vorwürfen, Kontrolle und/oder Sucht - zu suchen. Da beide Partner ein geringeres Schamniveau aufweisen, ist es unwahrscheinlicher, dass der jeweils andere entsprechende Abwehrmechanismen in Gang setzt, um mit der auftauchenden Scham fertigzuwerden oder sie zu vermeiden. Dadurch geraten beide angesichts der Scham des anderen viel weniger aus dem Gleichgewicht. Darüber hinaus verfügen diese Paare über mehr Ressourcen, um einen gesunden Kreislauf von Empathie und Erneuerung in Gang zu setzen und aufrechtzuerhalten, der ihr gegenseitiges Gefühl von emotionaler Sicherheit wiederherstellen kann.

In solchen Systemen lässt die Scham beiden Partnern die Möglichkeit offen, die den verschiedenen Stadien der Entwicklung ihrer Beziehung angemessenen Risiken zu erkennen - z.B. das Risiko, sich selbst zu zeigen und zu öffnen oder den anderen zu erreichen - und auf diese Weise den Kontakt zu modulieren. (Man beachte, dass angemessen im Gestaltansatz immer bedeutet: mit ausreichender Unterstützung - Wheeler, 1993.) Die nach Tomkins (1963) angeborene und gesunde Funktion der Scham besteht darin, das Interesse oder die Freude zu modulieren, sobald ihre Intensität die wahrgenommene Chance auf Verwirklichung übersteigt, d.h. wenn dieses Interesse oder die Freude mit einer Bedrohung für die Verbindung innerhalb der Beziehung einhergeht. Daher hilft die affektive Scham, die z.B. in Form von Schüchternheit oder Peinlichkeit erlebt werden kann, den Partnern, ihre Selbstoffenbarung aufzuschieben und sich bewusst zu werden, wann der andere für den erwünschten Kontakt nicht zur Verfügung steht, wie etwa für das Verlangen nach Trost, Zuneigung, Kameradschaft oder Sex oder in Bezug auf bestimmte andere persönliche oder die Beziehung betreffende Bereiche.

Am anderen Ende des Kontinuums, d.h. wenn der Grad der internalisierten Scham bei beiden Partnern relativ hoch ist, kann schon eine einfache Enttäuschung dazu führen, dass einer der Partner von Scham überwältigt wird. In diesem Fall kann alles, was die Partner in ihre gemeinsame Kommunikation mit einbringen, eine Erfahrung des Überwältigtseins von Scham auslösen.

Ein Blick auf den interaktiven Gestaltzyklus (Papernow, 1993; Zinker & Nevis, 1981), der die Phasen der typischen Paarinteraktion beschreibt, kann zur Klärung dieser Situation beitragen. Den ersten Abschnitt des interaktiven Gestaltzyklus bei Paaren bildet die Phase des Gewahrseins, in der die Partner bei sich selbst und dem anderen ankommen und ihre gemeinsamen Wünsche, Bedürfnisse oder Anliegen erforschen. In der Phase der Energiemobilisierung und Handlung entsteht ein gemeinsamer Interessensbereich, und die Partner gehen über in eine Handlung, die das gemeinsame Bedürfnis befriedigen kann. Die Befriedigung des gemeinsamen Bedürfnisses entsteht in der Kontakt-Phase. Daran schließt sich die Phase der Auflösung oder der Schließung an, in der sich die Partner der überschüssigen Energie und dem Rückblick auf ihre gemeinsame Erfahrung zuwenden. Der Kreislauf endet mit der Phase des Rückzugs, in dem die Partner ihre Energie voneinander abwenden und auf sich selbst richten, um dann so lange getrennt zu bleiben, bis sie bereit sind, in einen neuen Kreislauf einzutreten.

Bei Menschen mit hoher Schambelastung kann die Erfahrung, während der Gewahrseins-Phase gesehen zu werden, als Schutzlosigkeit und Demütigung und das Sehen des anderen als Übergriff oder Beschämung des Partners erlebt werden. Während der Energiemobilisierungs- und Handlungsphase können Vorschläge als Kritik oder Zeichen der eigenen Unterlegenheit interpretiert werden, und während der Kontaktphase ist es möglich, dass die auftauchenden Gefühle von Scham begleitet werden. Auch in der Auflösungs- und Schließungsphase kann die nachträgliche Reflexion dessen, was geschehen ist, als Demütigung erlebt werden. Und die Trennung während der Rückzugsphase kann als Verlassenwerden empfunden werden.

Erinnern wir uns, dass Menschen mit hoher innerer Schambelastung (normalerweise unbewusst) auf Abwehrmechanismen und Strategien zurückgreifen, die ihr Schamerleben deflektieren und verbergen. Wie wir gesehen haben, sind diese Abwehrmechanismen und Strategien (Wut, Vorwürfe, Verachtung, Kontrolle, Rückzug usw.) auch für den Partner häufig beschämend.

Bringt der Partner eine vergleichsweise geringe innere Schambelastung mit, dann ist er vielleicht in der Lage, mit der Abwehr des Partners umzugehen, ohne die Situation eskalieren zu lassen. Dennoch wird das grundsätzliche Vertrauen und die emotionale Sicherheit des weniger belasteten Partners nachteilig beeinflusst. Darüber hinaus wird die Fähigkeit beider Partner, ein gemeinsames Gewahrsein ihrer in­dividuellen Wünsche, Bedürfnisse und Ziele zu entwickeln, beeinträchigt. Die Erfahrung und die Angst, von Scham überwältigt zu werden, schränkt die Fähigkeit des schambelasteten Partners ein, sich selbst zu zeigen oder den anderen zu sehen. Der drohende Abbruch der Verbindung, der mit der Erfahrung des Überwältigtwerdens einhergeht, kann dazu führen, dass der weniger belastete Partner zögert, bestimmte Fragen und Themen einzubringen oder anzusprechen. Daher ist das Problemlösungspotential solcher Paare eingeschränkt, und die Handlungen, auf die sie sich einlassen, sind für einen oder beide Partner weniger befriedigend. (Für eine vollständigere Beschreibung des gegenseitigen Zielfindungsprozesses bei Paaren aus gestalttherapeutischer Sicht vgl. Zinker & Nevis, 1981.)

In solchen Beziehungen mit unterschiedlich hohem Schamniveau hängt das Maß, in dem die Partner ein realistisches gemeinsames Bewusstsein all ihrer Bedürfnisse, Anliegen, Gefühle, Ziele usw. entwickeln und sich auf Handlungen einlassen können, die für beide befriedigend sind, sehr stark von den interpersonalen Fähigkeiten des weniger schambelasteten Partners ab, nämlich von der Fähigkeit, die Abwehr des anderen zu tolerieren, zu verstehen, was hinter dieser Abwehr steckt und Möglichkeiten zu schaffen, die dem anderen genügend Sicherheit geben, um sich einlassen zu können. Der weniger belastete Partner hat in der Tat eine ganze Reihe von Problemen zu lösen: Was soll er tun, wenn der andere von Scham überwältigt wird? Wie soll er verstehen, was sich hinter dem Sichtbaren verbirgt? Wie kann er die nötigen Grenzen setzen, um sich selbst zu schützen, ohne den anderen zu beschämen? Wie geht er damit um, dass er den Kontakt mit dem anderen in solchen Momenten verliert? Und wie wird er seinen eigenen Bedürfnissen gerecht?

Wenn beide Partner ein hohes Maß an internalisierter Scham mitbringen, ist es wahrscheinlicher, dass die Abwehrstrategien (z.B. Wut, Verachtung, Vorwürfe, Kontrolle, Rückzug etc.), mit Hilfe derer sie versuchen, die Scham zu bewältigen bzw. zu vermeiden, auch beim anderen eine Welle von Scham auslösen. Daher kann jede Schamerfahrung bei einem der Partner zu einer emotionalen Eskalation auf immer weiter ansteigende Ebenen der Abwehr führen, die dann solche Konsequenzen wie den verzweifelten Versuch, den anderen zu demütigen, familiäre Gewalt oder schwerwiegende emotionale Brüche in der Bindung der Partner mit sich bringen. Und wie wir gesehen haben, kann vieles von dem, was Paare in schwierigen Situationen tun, als Versuch betrachtet werden, sich von der Scham zu befreien oder dagegen anzukämpfen. Bei Tom und Claire, die wir zu Beginn des Kapitels vorgestellt haben, konnten wir ahnen, dass dieser Prozess gerade in Gang kam, als beide versuchten, die Scham oder die Schuld von sich auf den Partner zu schieben. Wenn ein Gefühl, ein Bedürfnis oder ein Wunsch als Vorwurf formuliert wird, wie das bei Tom und Claire der Fall war, ist das für den Therapeuten ein deutliches Zeichen.

Leider sind diese Strategien zum Scheitern verurteilt, da sie nur immer neue Scham hervorbringen. Unter solchen Bedingungen lernen die Partner, Intimität zu fürchten und eine emotionale Distanz voneinander aufrechtzuerhalten, um diese gefährlichen und schmerzlichen Perioden zu vermeiden. Dadurch bleiben sie jedoch allein und ohne Partner, der ihnen hilft, sich auf ihre Probleme einzustellen, die durch die Grenzen, die ihre internalisierte Scham ihnen setzt, noch verschlimmert werden.

Dieses Profil der Auswirkungen von Scham auf Paarsysteme wird durch die Forschung bestätigt. In einer 1993 von mir durchgeführten Studie zeigte sich, dass Paare, in denen beide Partner ein geringes Maß an internalisierter Scham aufwiesen, durchweg Beziehungen führten, die von einem Gefühl emotionaler Sicherheit getragen wurden. Diese Paare berichteten, dass sie sich im allgemeinen sicher genug fühlten, um ihre tiefsten Sorgen, Gefühle, Wünsche oder Probleme anzusprechen. Die Partner hatten klare Erwartungen aneinander und betrachteten sich durchweg als gute Freunde. Darüber hinaus berichteten sie von einer ausgeprägten Problemlösungsfähigkeit und großem gegenseitigen Interesse. Diese Paare wiesen einen hohen Grad an ehelicher Intimität und Befriedigung auf.

Demgegenüber zeichneten sich die Paare, in denen beide Partner ein hohes Maß an internalisierter Scham aufwiesen, durch Unsicherheit und eine spärliche Kommunikation aus. Was die Mitteilung ihrer tiefsten Sorgen, Gefühle, Wünsche oder Probleme betraf, fühlten diese Paare sich im allgemeinen deutlich unsicherer. Sie berichteten von relativ unklaren gegenseitigen Erwartungen und einem weniger stark ausgeprägten Freundschaftsgefühl. Das gemeinsame Problemlösungspotential und ihr gegenseitiges Interesse waren ebenfalls schwächer ausgebildet. Diese Paare berichteten auch, dass ihre Kommunikation sehr viel häufiger durch Verhaltensweisen wie Beleidigungen, nicht eingehaltene Vereinbarungen, zu lange anhaltende Meinungsverschiedenheiten, aufgebrachtes Weggehen und die Unfähigkeit, zu wissen wann es genug ist, gekennzeichnet waren. Es dürfte kaum überraschen, dass Paare mit einem hohen Grad an internalisierter Scham nur ein geringes Maß an ehelicher Intimität und Befriedigung aufwiesen.

Diese Studie bestätigt, dass internalisierte Scham ein wesentlicher Hemmfaktor für eheliche Intimität darstellt. Nach meiner eigenen Erfahrung als Paartherapeut beschneidet internalisierte Scham den Kern der intimen Beziehung, weil sie zum einen die Kenntnis des eigenen Selbst begrenzt und verbietet, und zum anderen die Entwicklung des gegenseitigen Interesses und Sich-kennenlernens behindert. Das Vorhandensein internalisierter Scham hemmt die menschliche Fähigkeit, sich auf intime Interaktionen einzulassen. Solche Menschen haben Schwierigkeiten, ihre Gefühle zu zeigen, zu erkennen, wann Selbstoffenbarungen angebracht sind, auf die Gefühle ihrer Partner zu reagieren, Wünsche und Vorlieben zu äußern, die Wünsche und Vorlieben ihrer Partner zu erkennen, mit Differenzen umzugehen und ihre eigenen und die Grenzen des Partners zu akzeptieren.

 

Die Arbeit mit Scham in Paarsystemen: Ein Gestaltansatz

Diese Studie hilft uns, einige wichtige Themen ins Auge zu fassen, die uns in der therapeutischen Arbeit mit Paaren begegnen. Zunächst einmal wächst und entwickelt sich die internalisierte Scham im Kontext einer früheren Beziehung, in der das Gefühl von emotionaler Sicherheit nur sehr schwach ausgeprägt war. Die Heilung von der internalisierten Scham und die Rückführung auf ihre normale Funktion ist nur möglich, wenn in den gegenwärtigen Beziehungen - angefangen mit der therapeutischen Beziehung - emotionale Sicherheit aufgebaut werden kann.

Deshalb ist es von entscheidender Bedeutung, dass der Therapeut um seine eigene Scham weiß und damit umgehen kann, und dass er die Feinheiten kennt, durch die sein eigener therapeutischer Stil die Klienten beschämen könnte. Darüber hinaus basiert eine therapeutische Beziehung, die die emotionale Sicherheit des Paares fördert, u.a. auf Empathie und klaren Grenzen hinsichtlich verschiedener Bereiche des Kontaktes zwischen Therapeut und Klient wie etwa Dauer der Sitzung, Bezahlung, Zahlungsweise, telephonische Erreichbarkeit, Absageregelung, Krisenunterstützung für suizidgefährdete oder andere Klienten usw. Wird mit diesen Punkten nicht klar und aufmerksam umgegangen, dann entsteht daraus eine Belastung, die bei dem Paar eine erneute Schamerfahrung auslösen kann und das Maß an emotionaler Sicherheit, die beide Partner in der Therapie erfahren, herabsetzt.

Es bedarf jedoch mehr als nur der Vorsicht, die Klienten nicht zu "belasten". Was die Rahmenbedingungen angeht, muss der Kontakt zwischen Therapeut und Klienten sorgsam aufgebaut werden, damit die Klienten spüren, welche Bedeutung sie haben, und dass sie eine respektvolle Behandlung verdienen (zumal ja gerade das Fehlen von Respekt zur Entstehung von Scham beiträgt). Auch müssen Fragen der körperlichen und emotionalen Sicherheit von Anfang an thematisiert werden. Wenn während des therapeutischen Prozesses Situationen eintreten, die die emotionale oder körperliche Sicherheit eines der Partner gefährden, dann werden die Partner nicht nur unfähig sein, mit ihrer Scham umzugehen, sondern in ihrer Scham durch die Therapie auch noch bestärkt (Balcom, Lee & Trager, unveröffentlicht).

Auch hier muss die Arbeit mit der Scham das Bemühen beinhalten, dem Paar zu helfen, emotionale Sicherheit zu entwickeln. Hinter dem defensiven Auftreten des Paares liegt eine tiefe, vielleicht schon ein ganzes Leben andauernde Scham, hinter der sich wiederum eine ebenso tiefe Sehnsucht nach emotionaler Sicherheit verbirgt. Damit die Partner den Mut und die Motivation aufbringen können, die sie brauchen, um sich ihre Scham im Laufe der Therapie genauer ansehen zu können, kommt es darauf an, ihnen schon während der ersten Sitzungen ein Gefühl emotionaler Sicherheit zu geben. Um einen solchen Ort emotionaler Sicherheit aber zu erreichen, müssen die Partner einige Aspekte ihrer Verletzlichkeit und Isolation sowie ihr Bedürfnis, umsorgt zu werden und den anderen zu umsorgen, selbst sehen und auch nach außen hin sichtbar machen. Das ist Teil ihrer Scham oder, gestalttherapeutisch ausgedrückt, der Impasse ihres gemeinsamen Lebens. Mit Impasse (einer von Fritz Perls' Lieblingsbegriffen) meinen wir die frühere kreative Lösung, die es jedem Partner ermöglicht hat, unter unsicheren Bedingungen weiterzuleben und sogar zu wachsen (denn nach gestalttherapeutischem Verständnis besteht Wachstum in eben dieser kreativen Lösung), die aber inzwischen jedes weitere Wachstum blockiert oder verzerrt. Die Macht des Impasses liegt in der Tatsache, dass der Klient sehr wohl weiß, dass genau dieses Verhalten, das sich jetzt als so problematisch erweist, in der Vergangenheit wichtig und sogar notwendig war, um genügend emotionale und persönliche Sicherheit zu gewährleisten. Mit anderen Worten, um für die Klienten eine Atmosphäre emotionaler Sicherheit zu schaffen, muss der Therapeut ihnen helfen, ein gewisses Maß an Scham von Anfang an zuzulassen.

Die Gestaltarbeit von Zinker und Nevis veranschaulicht, wie wir mit diesem Paradox kreativ umgehen können. In diesem Modell werden die Partner dazu ermutigt, miteinander zu sprechen. Ab und zu unterbricht der Therapeut die Interaktion der Partner, aber sehr bald setzen sie ihr Gespräch fort. Einer der Vorzüge dieses Verfahrens besteht darin, dass es die starken und zaghaften Sehnsüchte beider Partner (das Interesse und die Freude) ebenso ans Licht bringt wie ihre Methoden, diese Ziele und Sehnsüchte zu erfüllen oder zu umgehen (einschließlich der Anzeichen dahinterliegender Scham), während der Therapeut das Gespräch beobachtet und darauf achtet, welche Gewohnheiten die Partner im Umgang mit der Figur des Wunsches nach Nähe, Sicherheit und Selbstausdruck und Wahrnehmung des anderen zum Ausdruck bringen. Zaghafte Sehnsüchte z.B. äußern sich etwa in einem flüchtigen Blick aus dem Augenwinkel, einem neugierigen, forschenden oder suchenden Ton in der Stimme, in einer vorgelehnten oder wachsamen Körperhaltung (wenn auch vielleicht nur für einen kurzen Augenblick) oder in einem beiläufigen Satz, der unterschwellig ein Bedürfnis an den Partner auszudrücken scheint. Die Kaplans (z.B. Kaplan & Kaplan, 1987) empfehlen schon seit langem, dass der Therapeut diesen möglichen Sehnsüchten nach Kontakt mit dem anderen nachgehen solle. Sie betrachten solche Sehnsüchte als Anzeichen dafür, dass das Paar nach "Unterstützung bei der Veränderung einer experimentellen Organisation" sucht und sich nach einer anderen Art zu sein und zu handeln sehnt. Unter dem Gesichtspunkt der Scham ist das Interesse und die Freude in solchen Momenten stark genug, um der Vorwegnahme der Scham entgegenzuwirken und den Betroffenen dadurch zu befähigen, die Möglichkeit, dass der andere vielleicht doch offen sein könnte, sehr vorsichtig in Betracht zu ziehen. Bei Menschen mit geringer Schambelastung ist dies lediglich eine Frage der Schüchternheit oder der Peinlichkeit. Für jemanden mit einer hohen Schambelastung ist es hingegen ein höchst heikles Unterfangen, bei einem solchen Bedürfnis zu bleiben. Hat der Betroffene auch nur den leisesten Verdacht - ob real, phantasiert oder ernsthaft befürchtet -, dass er vom anderen mit diesem Bedürfnis nicht angenommen wird, dann steht die Scham bereit, ihn von seinem Bedürfnis zurückzuhalten. Eine Möglichkeit, die Schamerfahrung zu bewältigen besteht darin, mehr Sehnsucht oder Freude zu entwickeln. Und wenn der andere dieses zaghafte Interesse oder die Freude unterstützt, dann können Interesse und Freude weiter wachsen. Was in schambelasteten Beziehungen jedoch häufig passiert ist, dass nicht nur das Bedürfnis an sich verdeckt bleibt, sondern der andere Partner mit seiner eigenen Scham zu beschäftigt ist, um die Anzeichen wahrzunehmen. Hinzu kommt, dass sich das Phänomen Scham immer um die Frage des Sehens und Gesehenwerdens dreht, so dass das Sehen des Partners von diesem auch wieder als beschämend erlebt werden kann. Daher gehen diese kleinen Hinweise auf eine mögliche Verbindung bei beiden Partnern allzuschnell verloren. Die Gestalttherapie bietet eine Reihe von Methoden und Techniken, die sich für die Arbeit mit diesen empfindlichen Schamproblemen sehr eignen, auch wenn die Scham selbst oft gar nicht ausdrücklich angesprochen wurde. Das kommt daher, dass der Gestaltansatz sich auf die Kontaktbedingungen und den Zustand der Grenze konzentriert (Wheeler, 1993), und eben darum geht es bei der Scham.

Wenn man den Fokus auf die Scham legt, dann wird man das, was die Gestalttherapeuten immer schon tun, umso mehr zu schätzen wissen. Die Aufmerksamkeit, die die Kaplans den fragilen Sehnsüchten von Paaren widmen, ist ein Beispiel dafür. Ein anderes Beispiel ist Sonia Nevis Empfehlung, sich zu Beginn der Paar­therapie auf die Stärken des Paares zu konzentrieren, also die Fähigkeiten der Partner, ihren Stil, ihr gegenseitiges Interesse etc. Um diese Empfehlung zu erklären könnte Nevis einfach anführen, dass niemand gerne etwas Schlechtes hört. Etwas Schlechtes ist natürlich ein Wort für Scham. Viele Paare haben die Befürchtung, dass wenn sie sich dem Therapeuten offenbaren (und miteinander zu reden ist sehr viel offenbarender als mit dem Therapeuten zu sprechen und ihm Geschichten darüber zu erzählen, was in der Beziehung falschläuft), sie als unangemessen, unterlegen, unzulänglich oder einfach als falsch angesehen und dadurch beschämt werden. Indem der Therapeut dem Paar seine Wertschätzung dafür zeigen kann, was in der Beziehung gut funktioniert, trägt er mit dazu bei, dass emotionale Sicherheit entstehen kann. Auf einer unbewussten Ebene können sich die Partner dann vorstellen, dass der Therapeut die verlorengegangenen Stimmen, die sie irgendwo in sich tragen, hören kann, während sie selbst zunächst nur Hinweise darauf geben können. Auf diese Weise lernen die Partner, diese Stimmen schließlich auch zum Ausdruck zu bringen.

Bei der gestalttherapeutischen Haltung gegenüber "Widerständen" oder "Abwehrmechanismen" liegt die Betonung ebenfalls auf der Gesundheit und Kreativität des Paares. Das Zurückgehen zu den ursprünglichen Schamszenen als Hilfestellung zu verstehen, dass ihre Erfahrungen und Handlungen in diesem Kontext sinnvoll waren, ist an sich schon schamreduzierend. In der Gestalttherapie stehen eine Reihe von Techniken zur Verfügung, die in dieser Hinsicht sehr hilfreich sein können. Dazu gehört, Teilen des Selbst eine Stimme zu geben, Metaphern zu entwickeln und zu erforschen, Körper- und Bewegungsgewahrsein und das Experiment überhaupt. Diese Techniken tragen dazu bei, dass die Partner mit ihren eigenen und den Schamszenen des anderen mehr und mehr vertraut werden und umgehen können. Indem sie lernen, sich von ihren Schamszenen zu lösen und ihre Schamdynamik wohlwollend zu beobachten, wächst ihr Gefühl emotionaler Sicherheit. Das ist kein gerader Weg. Die Partner müssen sich darüber klar werden, dass sie immer wieder damit rechnen müssen, von Schamgefühlen überwältigt zu werden, und darin jedesmal eine Gelegenheit zu sehen, mehr über das Wesen ihrer Scham zu erfahren: die Auslöser und Nöte, die Gefühle und Wünsche, die dieser Scham zugrunde liegen. In der Zwischenzeit ist es wichtig, mit den Partnern an der Lösung ihrer Probleme zu arbeiten, Strategien zu entwickeln und Ressourcen zu entdecken, durch die sie sich selbst und gegenseitig schützen und die auftauchenden Schamzyklen eindämmen können, indem sie einen Streit gegebenenfalls abbrechen und stattdessen in der Therapie ansprechen, oder indem sie sich zeitweilig trennen (eine Runde um den Block gehen), einen Freund anrufen, Sport machen, den Therapeuten anrufen usw. Es ist sehr wichtig, diese Strategien zu verfeinern, damit das, was beide tun, um die eigene und die gemeinsame Scham einzudämmen, für den anderen möglichst wenig beschämend ist. Bei einem Paar z.B. steigerte die Tatsache, dass der Mann das Haus auf sehr respektvolle Weise verließ, bei seiner Partnerin die Angst, verlassen zu werden und warf sie noch tiefer in ihre eigene Schamerfahrung hinein. Wenn sie hingegen das Haus verließ, konnten sie damit umgehen, und es hatte für beide sogar noch einen wohltuenden Effekt.

Was geschieht wenn der Therapeut die Schamproblematik nicht anspricht? Damit sich etwas ändern kann, muss man sich der Scham stellen. Die Scham erhält die "fixierten Gestalten" und sorgt dafür, dass verlorengegangene Stimmen stumm bleiben. Die Leute verleugnen ihre Scham und setzen sich nicht eher damit auseinander, als bis sie genügend emotionale Sicherheit empfinden. Wird die Scham nicht angesprochen, dann haben die Partner nur wenig Hoffnung, ihre Schamerfahrungen zu überwinden und müssen ihre Abwehrmechanismen und Strategien aufrechterhalten, die ihnen helfen, mit der Scham zurechtzukommen oder sie zu vermeiden. In diesem Fall werden der Druck, eine sichere Position zu finden oder den anderen zu beschuldigen, der Versuch, zu dominieren oder zu kontrollieren, die ausschließliche Konzentration auf das Verhalten des anderen, plötzliche Rückzüge, die Flucht in die Sucht etc. weitergehen. Und die verlorenen Stimmen werden natürlich unbewusst und stumm bleiben.

 

Zurück zu Tom und Claire

Als Tom und Claire an diesem Morgen in meine Praxis kamen, waren beide auf ihre individuellen Schamanfälle vorbereitet. Tom war von seiner Arbeit aus zu mir gekommen, und Claire von zu Hause. Es war eine Zeit, in der das Auftreten neuer Schamerfahrungen nahelag, denn in dieser Woche zogen sie in das Haus, das sie gemeinsam gebaut hatten, und beide betrachteten dieses Ereignis als eine Möglichkeit, einen neuen Anfang miteinander zu machen. Beide hatten sich selbst Sehnsüchte zugestanden, die leicht zu Beschämung führen konnten, wenn der andere sie nicht annahm (vielleicht sogar selbst dann, wenn er es tat). Ich intervenierte an der oben beschriebenen Stelle, weil ich sah, dass Claire Tom aus dem Augenwinkel anschaute. Ich phantasierte, dass dieser Blick vielleicht bedeutete, dass sie von Tom etwas anderes wollte, als in dieser Sitzung passierte. Als ich sie auf diesen Blick ansprach, gestand sie ihre Hoffnung ein, dass Tom sich anders verhalten würde. Ich konzentrierte mich auf diese Sehnsucht und fragte sie, wie sie sich Tom wünsche. Sie meinte, sie hätte es schön gefunden, wenn Tom sich mehr wie am Abend zuvor gezeigt hätte, als sie sich über ihr neues Haus unterhalten hatten. Sie erwähnte auch, dass sie wisse, wie ihr Zuspätkommen auf Tom wirke und dass sie extra eine halbe Stunde früher von zu Hause losgefahren, aber in einen unerwarteten Stau geraten sei. Während der ganzen Fahrt hatte sie sich schuldig gefühlt und sich gefragt, ob das, was Tom normalerweise über ihr Zuspätkommen sagte, eine angeborene Schlechtigkeit von ihr war. Ich forderte sie auf, das Tom direkt mitzuteilen. Daraufhin schwieg Tom. Als ich ihn nach seiner Reaktion fragte, meinte er, er glaube ihr nicht! Es war eine Art Trick. Aber in seinen Augen zeigte sich noch etwas anderes, und indem ich weiterhin der ehrlichen Sehnsucht nachging, sagte ich leise: "Sie bedeutet Ihnen wirklich sehr viel, nicht wahr?" Daraufhin nickte er und begann, leise zu weinen. Er sagte, er glaube nicht, dass sie das, was sie am gestrigen Abend gesagt hatte, wirklich meine, dass sich alles auflösen würde, wie auch früher nach solchen Gesprächen. Ich bat ihn, ihr das zu sagen, und er tat es. Nach ein paar Minuten, in denen sie freundlich miteinander sprachen, gaben sie sich die Hände und wirkten zufrieden und gefühlvoll.

Als ich Tom später darauf hinwies, dass er eine Schamerfahrung gemacht hatte und ihm das Wesen solcher Erfahrungen erläuterte, war er erleichtert. Er sagte, dass er sich selbst hasse, wenn er solche Gefühle und Reaktionen an sich bemerke (wütend und aggressiv).

Im Laufe der Therapie kehrten Tom und Claire immer wieder zu diesem Ort emotionaler Sicherheit zurück, den sie an diesem Tag kennengelernt und erfahren hatten. Zunächst gelang ihnen das nur in meiner Praxis. Es stellte sich die Frage, was in ihnen so beschämt war (worin die negativen Introjekte bestanden), das es ihnen unmöglich machte, an diesen Ort zurückzugehen. Die schwierigeren Themen, an denen wir arbeiteten, lösten die Grund-Introjekte auf (die unterschwelligen Glaubenssätze über Kontaktmöglichkeiten). Zum Beispiel gab es weder in seinen noch in ihren Leitszenen ein Bild dafür, dass jemand auf ihre Bedürfnisse mit Interesse reagieren könnte. Sie waren sich ihrer Grundannahme nicht bewusst, die besagte, dass wenn sie ein Bedürfnis hatten, sie die Aufmerksamkeit eines anderen nur bekommen konnten, indem sie wütend wurden. Und tatsächlich waren sie zu mir gekommen, weil sie mit ihrer Wut "besser umgehen" wollten und um sich in ihrer Wut nicht auch noch um den anderen kümmern zu müssen. Dahinter stand bei beiden die Sehnsucht, dass der andere sich wirklich für sie interessieren und um sie kümmern würde, und es tat ihnen gut, dass der Therapeut diese Sehnsucht erkannte und unterstützte.

 

John und Susan

Ein anderes, bei Paaren sehr verbreitetes Scham-Muster, das sich nur geringfügig von dem zwischen Tom und Claire unterscheidet, besteht darin, dass der eine Partner sich über das Verhalten des anderen beschwert oder ihn angreift, während dieser sich zurückzieht und/oder sich gegen den "bösen" Partner in der Beziehung verteidigt. Paare, die diese Struktur aufweisen, kommen häufig aus Familien, in denen ein Sündenbock gebraucht wurde, damit die Familie mit ihrer kollektiven internalisierten Scham umgehen konnte.

Um diese Art von Schamzyklus bei Paaren zu durchbrechen, gibt es zwei Möglichkeiten. Jemand, der sich ausschließlich über den anderen beschwert, sagt damit nichts über sich selbst aus (auch wenn er recht hat). Gewöhnlich schämen sich diese Menschen, sich mit ihren eigenen Bedürfnissen, Gefühlen (außer Wut und Missbilligung) oder Schwierigkeiten zu zeigen und damit dem gemeinsamen Gewahrsein zugänglich zu machen. Dadurch kann derjenige, der sich beschwert, nicht wirklich die Art von Aufmerksamkeit bekommen, die er braucht, um mit seinen Problemen weiterzukommen. Gleichzeitig ist derjenige, über den sich beschwert wird, zu sehr damit beschäftigt, sich zu verteidigen, um mitzubekommen, was beim anderen eigentlich passiert. Normalerweise hat die Scham des Angegriffenen damit zu tun, dass er den anderen wahrgenommen hat, und deshalb wird er dazu verdammt, sein Verhalten zu bessern oder seine Besserung zu verteidigen. Keiner der beiden Partner schenkt dem Anklagenden Beachtung.

John und Susan sind ein Beispiel für ein Paar mit diesem Muster. Susan begann die Sitzung damit, ihre Wut auf John auszudrücken (oder sie erzählte, wie blockiert sie in ihrem Ärger auf John war). Sie meinte, er hielte seine Versprechungen nicht ein, sein Umgangston mit ihrer Tochter sei zu schroff, er verschwende seine Zeit damit, Golf zu spielen usw. John hingegen war darauf eingestellt, kritisiert zu werden und verbrachte die Zeit damit, sein Verhalten zu erklären. Er sagte, es täte ihm leid, dass er seine Versprechungen manchmal nicht einhalte; er sei überfordert und wisse nicht, wie er all das, was er zu tun habe, bewältigen solle; er müsse die Beziehung zu seiner Stieftochter auf seine eigene Weise gestalten können; er verwende eine Menge Zeit darauf, die Energie zu finden, die er brauche, um mit den Problemen in seinem Leben zurechtzukommen, und Golf sei ein gutes Mittel dafür etc.

Ich wies die beiden darauf hin, dass während ich ihnen zuhörte, ich viel mehr über Johns Erfahrungen und Probleme erführe als über Susans - beide sprächen über ihn. Ich fragte sie, ob sie die Rollen tauschen könnten, also ob er sich für sie interessieren und sie ausschließlich mit ihrer Erfahrung und ihren Problemen antworten könne. Sie versuchten es, fanden es aber unglaublich schwierig. John war nicht in der Lage, sein Misstrauen aufzugeben, weil er nicht umhin kam zu glauben, dass sie ihn kritisieren würde. Im Grunde fühlte er sich unsicher, wenn er sich auf sie, und nicht auf sich selbst konzentrierte. Als es ihm gelang, ihr Fragen zu stellen und sie versuchte, von sich zu erzählen, fühlte sie sich überaus verletzlich und es war ihr peinlich. Sie brachte das mit einem vertrauten Gefühl in Verbindung, das sie schon als Kind des öfteren gehabt hatte. Gleichzeitig meinten beide, dass ihnen diese Art des Umgangs miteinander irgendwie auch gefiele. Um sich in dieser Position wohlfühlen zu können, brauchten die beiden eine Zeit lang die Hilfe des Therapeuten. Die Unterstützung für diese neue Organisationsform des Kontakts entstand dadurch, dass wir die Scham bis zu ihrem Ursprung zurückverfolgten, ihr auch in anderen Bereichen ihres heutigen Lebens nachgingen und immer wieder darauf achteten, wann die Scham in ihrer gemeinsamen Kommunikation auftauchte.

 

Das Hören und Wiederentdecken verlorengegangener Stimmen

Haben die Partner mit Hilfe des Therapeuten einmal ein zunehmendes Gespür für emotionale Sicherheit entwickelt, was bedeutet, dass sie ein Wissen um ihre individuellen und gemeinsamen Schamzyklen aufgebaut haben und in der Lage sind, sich weitgehend von Verhaltensweisen zu lösen, die beim anderen Scham hervorbringen, dann wird es immer leichter, den Zugang zu Gefühlen und Bedürfnissen wiederzuentdecken, die lange Zeit schambelastet waren. An diesem Punkt verschiebt sich der Akzent von der Sicherheit und der Heilung an sich zu einem neuen Gefühl für das Wachstum des einzelnen und des Paares. Jetzt können die Partner von der emotionalen Sicherheit, die sie entwickelt haben, Gebrauch machen, um sich mit tiefergehenden Themen auseinanderzusetzen.

Als Joyce und Glen in die Therapie kamen, hatten sie sich gerade entschlossen zu heiraten. Sie waren seit zwei Jahren zusammen, eine stürmische Zeit, in der Joyce die Beziehung mehrmals beendet hatte. Sie sagten, dass sie sich sehr liebten und eine Form suchten, in der sie daran arbeiten konnten, "wie sie miteinander in Schwierigkeiten gerieten." Joyce, die ein bisschen älter als Glen war, meinte von sich, sie sei zuversichtlich, warmherzig und eher kontrollierend. Sie war ein Opfer von Inzest und körperlichem Missbrauch, und ihr Vater war manisch-depressiv gewesen. Ihr Erfahrungshintergrund aus ihrer Ursprungsfamilie war extrem chaotisch. Joyce's jüngere Schwester war bereits als Teenager ebenfalls als manisch-depressiv diagnostiziert worden. Als Kind war Joyce die "Unruhestifterin" der Familie gewesen. Sie erinnerte sich, dass sie häufig wütend gewesen war, ständig Streit suchte und nie jemanden aus ihrer Familie an sich heranließ.

Glen war dabei, seine Stelle zu wechseln und fühlte sich verloren und unsicher. Abgesehen davon, dass sein Vater ihn ständig kritisiert und ihn und seine Brüder angeschrien hatte, war in seiner Familie nur selten über Probleme, und noch seltener über Gefühle gesprochen worden. Als Glen drei Jahre alt war, wurde sein Bruder geboren und Glens Schlafzimmer in einen umgebauten Kellerraum verlegt. Noch immer erinnert er sich daran, wie er sich damals selbst in den Schlaf weinte.

Nach etwa einem Jahr kam in der Therapie ein für ihre Beziehung charakteristischer Schamzyklus zur Sprache. Sie berichteten, dass sie samstagnachts häufig heftige Auseinandersetzungen hatten. Diese Streitigkeiten entstanden, wenn Joyce wollte, dass Glen ins Bett kam, während er noch aufbleiben wollte. Wenn Glen dann nicht ins Bett kam, fing Joyce an, ihn auf eine Art verbal zu attackieren, die beide als erbarmungslos und gemein beschrieben. Daraufhin konterte er entweder ebenfalls verbal, oder er zog sich zurück. Als wir ihren Erzählungen nachgingen, wurde deutlich, dass Joyce während dieser Auseinandersetzungen unter heftigen Schamgefühlen litt und ihre wütenden Angriffe den Sinn hatten, sich vor dem Gefühl der Scham und der Wertlosigkeit zu schützen, das sie empfand, wenn er nicht zu ihr ins Bett kommen wollte. Ihre Wut und Aggressivität lösten dann Schamgefühle bei Glen aus. Er fühlte sich wie ein "böser Junge" und benutzte seine Wut, seine Aggressivität und vor allem den Rückzug, um sich vor seiner eigenen Scham zu schützen. Dies - vor allem sein Rückzug - verstärkte dann wieder ihre Scham, und die Paar-Schamspirale eskalierte.

Ich griff diese Schamspirale des Paares auf und konzentrierte mich zunächst auf Joyce. Ich unterstützte sie dabei, sich genauer anzusehen, was sie erlebte, wenn Glen nicht ins Bett kam, und sie entdeckte, dass sie sich ängstlich und verlassen fühlte. Es war nicht das erstemal, dass hinter Joyce's Wut die Angst zum Vorschein kam. Es sah aus, als ob sie eine Scham-Angst-Bindung hatte, hinter der sich (wie immer) eine verlorengegangene Stimme verbarg. Sie vermied das Erleben von Angst um jeden Preis. (Man beachte, dass Stimme und Erleben sehr nah beieinander liegen: in einem sehr umfassenden Sinne erleben wir das, wofür wir eine Stimme haben, was im Gegenzug wiederum einen Zuhörer erfordert, der uns nicht beschämt.) Als sie anerkennen konnte, dass sie Angst hatte, fühlte sie sich albern, dumm oder sogar ekelhaft.

Um Joyce zu helfen, ihre verlorene Stimme der Angst wiederzufinden, schlug ich ein Experiment vor, das sie und Glen zuhause durchführen konnten. Ich dachte daran, wie man kleinen Kindern hilft, mit der Angst, abends allein im Bett zu liegen, fertigzuwerden. Joyce sollte ins Bett gehen, wann sie wollte, und Glen sollte noch aufbleiben. Zu vorher festgelegten Zeiten, z.B. alle zehn Minuten, würde Glen ins Schlafzimmer kommen und fünf Minuten bei Joyce bleiben. Außerdem sollte Glen zu einer festgelegten Zeit ins Bett gehen. Zwei Monate lang machten sie dieses Experiment jeden Samstag. Jede Woche sprachen wir darüber, was am vergangenen Samstag geschehen war und stimmten daraufhin die Einzelheiten für den kommenden Samstag miteinander ab. Einmal berichtete Joyce z.B., dass sie von einem bestimmten Moment an, als Glen einmal das Zimmer verließ, immer genau wusste, wann er wieder zurückkommen würde und sich ängstlich darauf freute, ihn zu sehen. Als er dann aber kam, bemerkte sie, dass sie so tat, als sei es ihr egal, dass er da war. Um ihr zu helfen, ihre Sehnsucht nach Glen, die sie empfand, wenn er aus dem Zimmer gegangen war, von der Scham zu entbinden, schlug ich vor, dass Glen, wenn er am nächsten Wochenende ins Schlafzimmer kam, Joyce sagen könnte, dass er wisse, wie sehr sie sich freut, ihn zu sehen, auch wenn sie das nicht ausdrücken könne. Joyce fand diese Idee sehr hilfreich.

Beim Gestaltexperiment geht es nicht nur darum, neues "Verhalten auszuprobieren", obwohl das mit dazugehört. Das Experiment hat den Sinn, die alte kreative Anpassung zurückzunehmen, so dass eine neue Erlebensweise entstehen kann, die dem vollständigeren Selbst in einem neuen, wohltuenden Feld mehr Raum bietet. In diesem Fall bestand die alte kreative Anpassung darin, das Bedürfnis nach Trost zu verleugnen und die Angst nicht zu zeigen. Lässt man dieses Verhalten weg, dann wird man Zugang zu all den alten Gefühlen und Hinweisen bekommen oder davon überströmt werden, deren Bewältigung die alte kreative Anpassung ursprünglich gedient hatte. Die Therapie muss dann die Auseinandersetzung mit diesem schwierigen, "neuen" Material unterstützen, denn andernfalls bleibt die Verhaltensänderung eine bloße Übung.

In der folgenden Woche, also nachdem Glen sich beim Betreten des Schlafzimmers anders verhalten hatte als vorher, hatte Joyce Träume, in denen ihre Mutter, ihr Vater und ihr Mann vorkamen und die mit Verlassenwerden zu tun hatten. In diesen Träumen war im Haus etwas Schreckliches passiert. Joyce hatte Angst, ihre Eltern schrien und Glen klopfte an die Haustür. Obwohl sie wusste, dass es Glen war, konnte sie ihn nicht hereinlassen. Während der folgenden Wochen tauchten alte Kindheitserinnerungen an Nächte auf, in denen sie panische Angst hatte und sich unter der Bettdecke versteckte.

Während dieses ganzen Experiments schrieb Joyce ihre Träume und Erinnerungen in ein Tagebuch und erzählte sie dann in der Paartherapie. Mit meiner Hilfe erfuhr John von ihr, was sie sich von ihm wünschte wenn er ihr zuhörte. Dabei ging es ihr vor allem um sein einfühlendes Verständnis für ihre Gefühle und für das, was ihren Erinnerungen zufolge passiert war und darum, dass er nicht versuchen solle, das wieder "geradezubiegen".

Als sie etwa ein Jahr später die Therapie beendeten, sagte Joyce, dass diese Experimente für sie die deutlichste Erfahrung der Therapie gewesen seien. Sie erzählte, dass sie wesentlich weniger Scham empfinde, wenn sie Angst habe, dass sie diese Angst meistens akzeptieren könne und jetzt in der Lage sei, Glen von ihrer Angst und anderen Gefühlen zu erzählen, wenn sie seine Unterstützung wolle.

Dies ist ein Beispiel für einen Schamzyklus, der in erster Linie durch einen der Partner in Gang gesetzt und aufrechterhalten wird (Joyce's Schambindung mit der Angst). Glens "Anteil" an diesem Prozess reichte aus, um den Zyklus in Gang zu halten, obwohl er nicht problemspezifisch oder annähernd so intensiv war. Was sein Gefühl betraf, sich wie ein "böser Junge" vorzukommen, gingen wir der Frage nach, woher diese Gefühle in seiner Vergangenheit stammten, was dazu führte, dass Glen sich im Laufe der Therapie bewusst wurde, welch einzigartige Bedeutung er für

Joyce hatte; darüber hinaus unterstützte ich ihn in seinem Kampf um eine befriedigende Karriere. Die Techniken, die in der Therapie zur Anwendung kamen, um der Scham zu begegnen, waren u.a. aktives Zuhören, Schamsequenzen erkennen, das Erforschen der Ursachen der Scham in der Ursprungsfamilie, der Gebrauch von Tagebüchern, das Nachbilden des Überlebens der eigenen Scham und die Unterstützung der Klienten, um eine respektvollere und wohltuendere Art des Umgangs mit sich selbst und anderen zu finden.

Dies ist nur ein Beispiel für den Gebrauch des Gestaltexperiments, das Zinker (1993), Wheeler (1993) u.a. im Zusammenhang mit der Paartherapie weiterentwickelt und ausführlich beschrieben haben. Halten wir fest, dass das grundlegende Paar-Experiment, also das "Aufheben" alter, habitualisierter Verhaltensstrukturen, die durch Ängste, Zweifel und die Bedrohung der Scham erhalten werden, vor allem darin besteht, dass die Partner in die Therapie kommen. Diese Geste beinhaltet an sich schon all die Hoffnung und Sehnsucht, deren Bewältigung die alte kreative Anpassung, die dann zu einer "fixierten Gestalt" mit den ihr eigenen Schambindungen wurde, einmal gedient hat. Mit der entsprechenden Hilfe und Unterstützung kann dieses alte dynamische Muster dann losgelassen und der Prozess der Bildung neuer kreativer Anpassungen wieder aufgenommen werden.

 

Abschließende Bemerkungen

Paradoxerweise kann die Scham in Paarbeziehungen sowohl eine öffnende als auch eine einschränkende Funktion haben. Während die affektive Scham den Partnern hilft, ihre zwischenmenschlichen Grenzen im Auge zu behalten, zu regulieren und gegebenenfalls zurückzuziehen, wenn der andere für einen erwünschten Kontakt nicht zur Verfügung steht oder gerade eine andere Art von Aufmerksamkeit braucht, kann die internalisierte Scham zu überfordernden Schamerlebnissen führen, zu verzweifelten Versuchen, die Scham zu verbergen und loszuwerden, zu schwerwiegenden Brüchen in der Paarbindung und zu spiralförmigen Zyklen der Zerstörung bei beiden Partnern.

Haben wir einmal angefangen, die Nuancen und die Dynamik der Scham in Paarsystemen zu verstehen, verstehen wir auch die treibende Kraft hinter vielen, ansonsten unerklärlichen Erscheinungen in der Paarinteraktion innerhalb und außerhalb des therapeutischen Rahmens: Erscheinungen wie z. B. verpasste Verabredungen, nicht eingehaltene Versprechungen, festgefahrene Positionen, plötzliche Themenwechsel, einseitigen Informationsfluss, die Unfähigkeit, sich zu entschuldigen, Wut, Aggressivität, die ständige Beschäftigung mit anderen Dingen, Affären, Krankheit, Perfektionismus, Gewalt etc.

Hinter der Maske liegt eine geschützte (und möglicherweise unbewusste) Sehnsucht nach Verbindung. Bei der internalisierten Scham geht es um Unterlegenheit und Entfremdung, um den Wunsch(oder die Verleugnung des Wunsches), dazuzugehören und zu wachsen und um die Angst, dass "unangemessene" Handlungen, Gedanken oder Gefühle mit Zurückweisung und dem Verlust der Unterstützung enden. Indem wir den Paaren helfen, im Laufe der Zeit ihre Scham anzusehen und eine Atmosphäre emotionaler Sicherheit zu schaffen, können die inzwischen disfunktional gewordenen kreativen Anpassungen der Vergangenheit aufgelöst und die Fähigkeit, sich in der gegenwärtigen Situation aufeinander einzulassen, aufgebaut und erneuert werden.

 

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Zinker, J. C. (1983).Complementarity and the middle ground: Two forces for couples' binding. The Gestalt Journal, 6(2).

Zinker, J. C., & Nevis, S. M. (1981). The gestalt theory of couple and family interactions. Cleveland: Gestalt Institute of Cleveland Press.

 

Praxisadressen von Gestalttherapeuten/-innen

Robert G. LeeRobert G. Lee

Robert G. Lee, Ph.D., ist klinischer Psychologe. Seine gestalttherapeutische Ausbildung erhielt er am Gestalt Institute of Cleveland. Seine Beiträge beschäftigen sich umfassend mit dem Thema Scham. Zusammen mit Gordon Wheeler gab er das Buch "The Voice of Shame: Silence and Connection in Psychotherapy" (Jossey-Bass, 1996) heraus, das sich mit der Dynamik von Scham unter gestalttherapeutischen Gesichtspunkten beschäftigt. Eine Auswahl seiner zahlreichen Beiträge zur Gestalttherapie mit Paaren erschien in seinem Buch "The Secret Language of Intimacy" (GestaltPress/Routledge, Taylor & Francis Group, 2008). In seiner Praxis in Cambridge und Newton, Massachusetts, arbeitet er vorwiegend mit Paaren.

Der hier veröffentliche Beitrag des amerikanischen Gestalttherapeuten Robert G. Lee wurde zuerst veröffentlicht im Buch "Gestalttherapie mit Paaren" (hrsg. von Gordon Wheeler und Stephanie Backman). Dieses Buch, das wir Ihnen hiermit besonders ans Herz legen möchten, ist in unserer Edition des Gestalt-Instituts Köln (GIK) im Peter Hammer Verlag erschienen.

Aus dem Amerikanischen von Ludger Firneburg.

 

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