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Bud Feder
"Die Zwiebel schälen"
Eine Anleitung zur Gestalttherapie für Klientinnen und Klienten


Aus der Gestaltkritik 1/2011:

Gestaltkritik - Die Zeitschrift mit Programm aus dem Gestalt-Institut Köln
Gestaltkritik (Internet): ISSN 1615-1712

Themenschwerpunkte:

Gestaltkritik verbindet die Ankündigung unseres aktuellen Veranstaltungs- und Weiterbildungsprogramms mit dem Abdruck von Originalbeiträgen: Texte aus unseren "Werkstätten" und denen unserer Freunde.

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  Hier folgt der Abdruck eines Beitrages aus Gestaltkritik 1/2011:

Bud Feder
"Die Zwiebel schälen"
Eine Anleitung zur Gestalttherapie für Klientinnen und Klienten

Peeling the Onion (Cover der Originalausgabe)
Cover der Originalausgabe

 

VORWORT

Was ist Psychotherapie? Was wird von mir in den Sitzungen erwartet und was geschieht dort? Was sollte ich erwarten? Was ist Gestalttherapie? – Typische Fragen von Menschen, die vor dem Beginn einer Therapie stehen – zumindest waren dies meine Fragen.

„Die Zwiebel schälen“, eine für Laien verfasste Anleitung der Gestalttherapie mit praktischen Beispielen sowohl aus dem persönlichen Erleben des Autors als auch aus dem seiner Klienten liefert eine verständliche Erläuterung der Gestalttherapie und legt dar, was der „Therapieneuling“ erwarten kann. Weniger Angst vor dem Unbekannten zu haben kann die Anfangsphase einer Therapie sehr erleichtern und so den Weg ebnen für eine frühere und bessere Selbstregulierung.

Ich selbst befinde mich bereits in Therapie (bin also kein Neuling mehr), doch auch mir dient „Die Zwiebel schälen“ als ein praktischer Leitfaden. Manchmal bin ich so stark mit meiner Therapie beschäftigt, dass ich verwirrt werde und ein wenig deprimiert. Dann ist es gut, einen Leitfaden zu haben, der mir hilft, „den Wald inmitten der Bäume zu sehen“ und der mich dabei unterstützt, das, was in der Therapie geschieht, zu verinnerlichen und zu integrieren.

Dieses Büchlein hätte ich tatsächlich auch gut gebrauchen können, als ich mit Gestalttherapie begann!

Woody Weit, August 1982

 

EINLEITUNG

Dieses Buch wurde ursprünglich für Klienten ohne Gestalttherapie-Erfahrung geschrieben, obschon es wahrscheinlich auch für erfahrenere Klienten wertvoll sein kann. Viele Jahre hindurch gab ich in meiner Arbeit als Gestalttherapeut neuen Klienten eine kurze schriftliche Orientierungshilfe für die Gestalttherapie und diskutierte diese mit ihnen. Dann regte sich in mir vor nicht allzu langer Zeit der Wunsch, ihnen etwas Umfassenderes an die Hand zu geben. Das Buch „Türen öffnen“ von Daniel Rosenblatt hat sich dabei zunächst als sehr nützlich erwiesen. Allerdings ist es nicht so systematisch aufgebaut und nicht so umfassend, wie ich es gerne hätte, und es bietet auch keine Anregungen für eigenes Experimentieren, wie es dieses Büchlein tut. Das Buch „Gestalttherapie“ von Perls, Hefferline & Goodman hingegen ist für die meisten Anfänger zu komplex ebenso wie die meisten anderen vorhandenen Texte, obschon viele von ihnen für ihre Zwecke durchaus sehr wertvoll sind.

Dieses Buch weist im wesentlichen die folgende Struktur auf:

1. Darlegung vieler grundlegender Konzepte und Übungen der Gestalttherapie in weitgehend allgemeinverständlichen Begriffen

2. Persönliche Beispiele aus meinen eigenen Leben und meinen Erfahrungen in der Therapie, insofern sie zu den jeweils dargelegten Themen passen

3. Anregungen für eigene Übungen und Experimente des Lesers sowie Raum für Notizen und das Festhalten von Reaktionen, Beobachtungen und Einsichten.

Ich hoffe, dass dieses Buch dem Leser die Gestalttherapie näher bringen wird und ihn auf seinem therapeutischen Weg unterstützen wird. Außerdem bin ich mir bewusst, dass das Einbringen einiger persönlichen Erfahrungen aus meinem eigenen Erleben eher noch als das Einbringen historischer Fallstudien aus meiner Praxis eine Sehnsucht nach Selbstausdruck befriedigt, die ich lange habe schlummern lassen.

Bud Feder, 1982 – auf dem Eriesee

 

Textrevison: Kurz bevor ich mich in Minnesota auf einen Kanutrip begab, entschloss ich mich, das Buch auf der Fahrt erneut zu lesen und zu überarbeiten. Zu meiner Überraschung gefiel mir das Original sehr gut und ich sah, nun 10 Jahre später, kaum Bedarf für größere Änderungen – entweder trete ich auf der Stelle oder wir befinden uns bereits auf einem guten Weg.

Bud Feder, 1992 – auf dem Eriesee

 

Kapitel I: GEWAHRSEIN UND FOCUSING

Das primäre Ziel der Gestalttherapie ist die Förderung des Gewahrseins. Wir sind der Überzeugung: Indem du mehr Gewahrsein entwickelst (Gewahrsein deines Körpers, deines Geistes und deiner Umgebung), steigerst du deine Fähigkeit, intensive, für dich bedeutsame Erlebnisse und Erfahrungen zu kreieren, und erhöhst so deine Lebensqualität – dies ermöglicht dir letztendlich, zufriedenstellende Entscheidungen in deinem Leben zu treffen.

Ein besonders bedeutsames Erlebnis hatte ich in einer Gestalttherapiegruppe, an der ich teilnahm (es handelte sich um eine Peergruppe, d.h. eine Gruppe ohne Leiter; wir waren aber in diesem Fall alles erfahrene Therapeuten – ein großer Vorteil). Ich erinnere Folgendes:

Ich liege auf dem Rücken auf dem Boden. Alan, ein Bioenergetik-Therapeut, der viel mit dem Körper arbeitet, reibt in kreisförmigen Bewegungen meine Brust. Ich spüre Traurigkeit und Sehnsucht, aber worüber? Ich beginne Laute hervorzubringen. Mein Mund bringt einen Ton hervor. Es ist der Ton des Wortes „I“. [Anmerkung der Übersetzerin: Hier ist das englische Wort „I“ gemeint.] Ich ringe mit diesem Ton. Schließlich kommt er hervor: „Ei! Ei!“ Ich bin gewahr, dass ich „Ei“ sage, Kurzform für Eileen, die Frau, die ich liebe. Endlich artikuliere ich den Satz: „Ich will Ei.“ Ich weine. Ich werde meines Wunsches gewahr, mit Eileen zusammen zu sein. Kurze Zeit später treffe ich die Entscheidung, mich von meiner Frau zu trennen (nach vier Jahren einer lähmenden Unentschlossenheit). Ich habe ein Gewahrsein erlangt von der Bedeutung des Unbehagens in meinem Inneren und schließlich von dem, was ich will und brauche.

In der Gestalttherapie arbeitet der Therapeut [Anmerkung der Übersetzerin: Der Einfachheit halber verwende ich bei der Übersetzung aus dem Englischen durchgängig die männliche Form] ständig daran, das Gewahrsein des Klienten zu fördern, Ihr Gewahrsein. Er gibt Ihnen Feedback und schlägt Experimente vor: mit Ihren Körperbewegungen, Ihren Stimmmustern, Ihrem Sprachstil, Ihren Interaktionen mit ihm usw. Es gibt andere, untergeordnete Ziele in der Gestalttherapie – die Fähigkeit, sein Selbst emotional und auf allen anderen Ebenen zu unterstützen, die Verbesserung des zwischenmenschlichen Kontakts usw. –, doch im Endeffekt dienen sie alle dem Ziel des Gewahrseins. Wo Gewahrsein ist, folgt die Integration.

Völliges Gewahrsein ist, so vermute ich, dem Menschen unmöglich, so wie es sich ja mit fast allem im menschlichen Leben verhält. Und alle Klienten, alle Menschen besitzen bereits ein gewisses Maß an Gewahrsein, bevor sie mit einer Therapie beginnen. Völlig ohne Gewahrsein können wir im Grunde nicht überleben. Wir arbeiten also in der Gestalttherapie an der Erhöhung des Gewahrseins, das zu einem gewissen Grad fehlt oder in bestimmten Lebensbereichen fehlt, denn ansonsten würde der Klient sich nicht in Therapie befinden. Ein guter Weg, diesen Prozess, das Erhöhen des Gewahrseins, zu beginnen, ist es, zu den Grundlagen zurückzugehen. Mir gefällt das Konzept, das Gene Gendlin in seinem Buch „Focusing“ ausgearbeitet hat. Er unterscheidet drei Aspekte des Gewahrseins: Körperempfindungen, Gefühle und Gedanken (oder andere mentale Prozesse wie Phantasien, Bilder, Erinnerungen, etc.). Er behauptet, dass in der Therapie dann Fortschritte erfolgen, wenn ein Klient Körperempfindungen, Gefühle und mentale Prozesse integrieren kann. Das heißt, es ist notwendig, unserer Empfindungen gewahr zu sein, um die mit ihnen verbundenen Gefühle zu identifizieren und beide (Körperempfindung und Gefühl) mit einem mentalen Prozess zu verbinden.

Zur Nicht-Integration dieser Funktionsaspekte folgendes Beispiel aus meinem Leben, aus meiner Jugend:

Es ist spät, vielleicht 1 Uhr nachts. Sheila und ich sind gerade übereingekommen, uns für immer zu trennen, oder vielmehr hat sie mich darüber informiert, dass zwischen uns alles aus ist. Ich habe sie nach Hause gefahren und wir stehen neben meinem Auto. Sie verabschiedet sich und geht ins Haus. Plötzlich wird mir bewusst, dass ich jemand schluchzen höre. Ich bin sehr verwundert. „Wer weint denn da?“ frage ich mich besorgt. Plötzlich realisiere ich, dass ich auf dem Boden liege. „Und weshalb liege ich hier so auf dem Boden?“ Einen Moment später begreife ich: Ich weine, das bin ich. Unglaublich, ein paar Augenblicke lang war ich, wie wir treffend sagen, völlig aus dem Kontakt mit mir: Ich hatte mein eigenes Weinen nicht bemerkt – meine eigene Traurigkeit, mein Fallen und meine Gedanken über den Schlussstrich, den Sheila gezogen hatte.

Ein anderes, etwas alltäglicheres Beispiel zu den grundlegenden drei Aspekten Körperempfindung, Gefühl und Gedanken:

Ich sitze in einem Saal und wohne dem Konzert einer kleinen avantgardistischen Band bei. Ich werde einer Verspannung in meiner Brust gewahr sowie einer Unruhe in meinen Armen und Beinen (Körperempfindungen); ich merke, dass ich angespannt und unzufrieden bin (Gefühle); ich achte auf das, was in meinem Kopf vorgeht, und dabei taucht dieser Gedanke auf: „Ich habe mir nun alles, was ich wollte, von dieser Musik angehört und jetzt will ich gehen.“ Und das tue ich. Ich denke, Sie können erkennen, dass ich, wenn ich dessen weniger gewahr gewesen wäre, was in mir vorging, weiter dort sitzen geblieben wäre – so unbehaglich ich mich auch fühlte. [Während ich dies schreibe, fällt mir auf, dass bisher alle drei Beispiele aus meinem Leben das Thema „Verlassen“ gemeinsam haben. Sehr interessant.]

Zu Beginn einer Therapie finde ich die Technik des Fokussierens sehr nützlich, um zu lernen, die Fähigkeit des Gewahrseins zu steigern. Ich verwende sie auch gerne, wenn ein Klient stagniert (mehr dazu in dem Kapitel über Stagnation, Kapitel IX). Wenn Sie das Buch „Focusing“ lesen, werden Ihnen zwischen Gendlins und meinen Anleitungen einige kleinere Unterschiede auffallen, denn ich habe seine Methode leicht modifiziert, da mir dies hilfreich erschien. Aus dem gleichen Grund mögen Sie vielleicht weitere Änderungen vornehmen wollen, die besser zu Ihnen passen (und Sie wollen dies vielleicht auch bei allen anderen Experimenten und Übungen machen, die in diesem Handbuch vorgeschlagen werden – kein Problem, diese Übungen sind natürlich nicht heilig und unantastbar).

 

Einige Gewahrseinsübungen

1) Allgemeines Einstimmen: Liege oder sitze in einer bequemen Position, die Augen sind geschlossen. Zuerst achte einige Minuten lang auf deinen Atem. Beschreibe ihn hier (ist er tief, flach, schnell, langsam, laut, leise, … ?).

Als Nächstes, wieder in einer bequemen Lage mit geschlossenen Augen, erkunde den ganzen Körper, vom Kopf bis zu den Zehen oder von den Zehen bis zum Kopf, und beginne dabei jeden Satz mit: „Jetzt bin ich gewahr, dass …“; beispielsweise: „Jetzt bin ich gewahr, dass meine Zehen eingerollt sind (oder entspannt oder kalt und so weiter).“ Du sprichst die Sätze laut aus und am besten wäre es, wenn du die Sätze anfangs von einem Freund mit Stift und Papier mitschreiben lässt oder sie mit einem Tonbandgerät aufnimmst.

Unabhängig davon, ob Sie beim Kopf oder bei den Zehen beginnen, empfehle ich Ihnen, den Körper systematisch in einer Richtung durchzugehen, d.h., falls Sie oben beginnen: Schädeldecke, Stirn, Nase, Augen, Mund usw. Vergessen Sie auch nicht das Gewahrsein Ihrer Stimme, wenn Sie in dem Bereich angelangt sind (mehr dazu siehe Kapitel II und III). Bevor Sie nun weiter lesen, führen Sie diese Übungen nacheinander einmal vollständig von Anfang bis zum Ende durch.

2) Focusing. Gendlin schlägt in seiner Arbeit vor, nacheinander mehrere Abläufe der im Folgenden beschriebenen drei Schritte durchzuführen, bis eine körperlich zu spürende Veränderung eintritt, die mit der Empfindung einhergeht, dass es nun stimmig ist, die Übung zu beenden. Dies ist eine gute Übung, falls sie Ihnen gefällt, Sie können aber auch mit Schritt 3 beginnen und Ihre mentalen Prozesse wahrnehmen – entweder alleine oder im Beisein eines Therapeuten, sei es ein Amateur (Freund) oder ein praktizierender Therapeut. Therapie-Neulingen empfehle ich das tägliche Üben dieser Technik (nur einige Minuten lang) als eine gute Art und Weise, ihr Gewahrsein zu fördern, sowie als Unterstützung für ihre Therapie. Probieren Sie es gleich aus:

 

Körperliche Empfindung – Schritt 1: Schreibe die deutlichste körperliche Empfindung auf, derer du gerade jetzt gewahr bist:

Gefühle – Schritt 2: Ordne dieser Körperempfindung das Gefühl zu, das zu ihr passt:

Mentale Prozesse – Schritt 3: Lass all das, was diese Körperempfindung und dieses Gefühl auslösen, in dir aufsteigen, sei es ein Gedanke, eine Erinnerung, ein Bild, eine Phantasie, … :

Wiederholen Sie diese dreistufige Übung so lange, bis Sie Zufriedenheit empfinden oder bis Sie das Gefühl haben, dass es stimmig ist, sie abzuschließen.

 

Kapitel II: VERBALE UND NONVERBALE SPRACHE

Die Psychoanalyse und die Psychotherapie im Allgemeinen werden häufig mit dem Begriff „Redekur“ beschrieben. Auch die Gestalttherapie beruht in erheblichem Maß auf der Verwendung von Sprache und darüber hinaus wird zur Förderung des Gewahrseins in besonderem Maße auf die Sprache geachtet. Wie es schon der Titel dieses Kapitels besagt, gibt es zwei Kategorien von Sprache; diese werden wir im Folgenden betrachten. Mit „verbaler“ Sprache wird die Kommunikation mittels Worten bezeichnet. Wir werden uns die Worte, die wir benutzen, anschauen und wir werden mehr Gewahrsein dafür entwickeln, wie unsere Worte unsere Art und Weise, in dieser Welt zu sein, beschreiben. Die „nonverbale“ Sprache hingegen umfasst die anderen Aspekte des Sprechens und Produzierens von Lauten: Klang, Beschaffenheit und Volumen der Stimme; Laute, die direkt mit dem Sprechen verbunden sind, wie etwa das Räuspern, „Äh“ sagen, das Stammeln usw.; andere Lautäußerungen, die auf Kommunikation abzielen wie Lachen, Grunzen, Pfeifen, Seufzen, „Puh“ usw. Wir werden in diesem Kapitel jedoch nicht diejenigen Laute behandeln, die unwillkürlich mit Gefühlen einhergehen, wie beispielsweise Schreien oder Weinen. Auch werden wir hier nicht die unwillkürliche Kommunikation betrachten, die mit Körperpositionen einhergeht, im Allgemeinen als „Körpersprache“ bekannt (hierzu siehe das nächste Kapitel).

 

Verbale Sprache

Es ist gut möglich, dass Sie Ihr Therapeut in der Therapie auf für Sie charakteristische Ausdrucksweisen aufmerksam macht. Es gibt hier eine endlose Vielfalt, da jeder von uns seinen eigenen Stil hat. Wir werden hier nur ein paar Arten des Gebrauchs von Sprache näher beleuchten, die oft beobachtet werden: Absichern, Verleugnen sowie Introjizieren. Menschen, die eine oder mehrere dieser Arten verwenden, leben üblicherweise auch in einer entsprechenden Art und Weise.

Nehmen wir z. B. Absichern: „Absicherer“ sind Menschen, die Meinungen sehr behutsam, mit vielen Vorbehalten äußern. Ihre Lieblingsausdrücke sind „Ich schätze, …“, „ich glaube schon“, „vielleicht“, „möglicherweise“ usw. Dies sind alles gute Wörter und gute Ausdrücke – wenn sie angemessen verwendet werden. In der Psychotherapie werden sie von Interesse, wenn auffällt, dass sie exzessiv oder unangebracht verwendet werden.

Verleugnen: Verleugnen bedeutet in diesem Kontext, Sprache dazu zu verwenden, sich selbst, sein Selbst von Gefühlen zu entfernen oder seine Wünsche nur sehr zaghaft und zögerlich auszudrücken. Wenn Gefühle geleugnet werden, hören wir dann Sätze wie „Die Wut ist bedingt durch …“, „Es gab mir ein schlechtes Gefühl, als er …“ oder „Da war Traurigkeit, als er…“. Keiner dieser Sätze drückt Gefühle direkt aus, wie etwa „Ich bin wütend über …“, „Ich fühlte mich schlecht, als er …“ oder „Ich war traurig, als er…“. Seine Wünsche zu verleugnen ist etwas, das ich selbst sehr gut kenne. Ich ertappe mich immer noch dabei – wenn auch nicht mehr so oft wie früher –, dass ich Sätze sage wie „Ich schätze, ich werde jetzt duschen gehen.“ oder „Ich würde diesen Apfel wohl essen, wenn niemand anders ihn möchte.“ oder „Ich denke, ich werde eine Runde spazieren gehen.“ Beachte die Distanz, die ich zwischen mich und meine Wünsche lege. Viel direkter wären Aussagen wie „Ich werde jetzt duschen gehen.“ oder „Ich möchte diesen Apfel essen, will ihn sonst noch jemand?“ und „Ich gehe eine Runde spazieren.“ Manche Leute verwenden auch Fragen in diesem Sinne, beispielsweise: „Möchte jemand diesen Apfel?“ Beachten Sie, wie durch diese Frage die Aussage „Ich möchte ihn.“ vermieden wird.

Introjektion ist ein Fachbegriff aus der Gestalttheorie; er bedeutet, Konzepte zu akzeptieren, ohne sie vorher wirklich geprüft zu haben. Fritz Perl legt dies in seinem Buch „Das Ich, der Hunger und die Aggression“ anhand von Metaphern aus dem Bereich des Essens dar: Er spricht über das Hinunterschlucken von Dingen, ohne sie vorher zu kauen. Dann liegen sie unverdaulich in uns, d.h., es sind Introjekte. In der Sprache äußern sich Introjekte am häufigsten durch Wörter wie „sollte“ und „müsste“, oft auch indem man sie auf andere anwendet: „Du solltest stehen, während die Nationalhymne gespielt wird.“ oder „Ich müsste meinem Nachbar meinen Rasenmäher ausleihen.“ oder „Väter sollten für die Erziehung ihrer Kinder aufkommen.“ oder auch „Der Platz einer Frau ist im Haus“ im Sinne von „sollte im Haus sein.“ Beachten Sie, wie jede dieser Aussagen eine Schuldzuweisung impliziert, manchmal auch sich selbst gegenüber. Sieht man genauer hin, so entpuppt sich die Basis für dieses „sollte“ oft als ein vages „Irgendjemand behauptet das.“ Ein Leben mit „Soll-Sätzen“ ist ein lausiges Leben.

Über viele Jahre hinweg war einer meiner favorisierten Soll-Sätze „ein Mann sollte für eine Frau bezahlen“ – im Restaurant, im Kino usw. In den etlichen Jahren jedoch zwischen meiner Trennung und meiner späteren festen Beziehung erkannte ich, wie dieses „Soll“ eine Menge Müll, d.h. unnötigen Ärger, mit sich brachte: Einmal schlug eine Frau vor, gemeinsam essen zu gehen. Als ich sie nach dem Essen um die Hälfte des Rechnungsbetrages bat, wurde sie ärgerlich und wir gerieten darüber in Streit. Eine andere Frau weigerte sich, ein zweites Mal mit mir auszugehen, als ich sagte, ich würde ihren Anteil nicht bezahlen. Was mich betrifft, so bemerkte ich, dass ich mich sicherer und größer fühlte, wenn ich die Rechnung beglich, und ich wurde mir meiner Erwartungen bewusst, überwiegend sexueller Natur, die sich hinter meinem Bezahlen verbargen. Sieh hinter ein „sollte“ und du wirst eine Menge Schrott dahinter finden.

 

Nonverbale Sprache

Wir kommunizieren mit Worten und darüber hinaus mit unserer Stimme und anderen Lauten. Im Allgemeinen sind wir so an unsere Art, unsere Stimme zu gebrauchen, gewöhnt, dass wir sie nicht in Frage stellen, und wenn wir – oder andere – es doch tun, können wir uns tatsächlich sehr bedroht fühlen. Menschen verwenden alle möglichen Arten von Stimmen und variieren diese je nach Situation: laut, sanft, weinerlich, fest, schwach, kräftig, nuschelnd, klar usw.

„Um Himmels willen, hör auf, so zu nuscheln. Sprich ordentlich, damit man dich verstehen kann.“ Meine Mutter muss das wohl tausende Male zu mir gesagt haben.

„Ich nuschle gar nicht“, nuschelte ich für gewöhnlich zurück.

Jahre darauf, in der Gruppentherapie, präsentiert meine Therapeutin mir einen leeren Stuhl und sagt: „Sage das zu deinem Vater.“ Ich tue das. Kurz darauf unterbricht sie mich: „Merkst du, dass du nuschelst?“ – und mir geht ein Licht auf!

 

Einige Sprachübungen

1) Verbale Muster. Achten Sie während des nächsten Tages auf Ihren Gebrauch von Wörtern:

a) Haben Sie irgendwelche Lieblingsphrasen wie etwa „du weißt, was ich meine…“, „um die Wahrheit zu sagen“, „in anderen Worten“ usw. Falls ja, was beabsichtigen Sie damit?

b) Sichern Sie sich ab? Oder verleugnen Sie Ihre Wünsche? Falls ja, wie?

c) Erkennen Sie irgendwelche Introjekte? Machen Sie sich oder anderen indirekte Vorwürfe jeglicher Art, indem Sie „solltest“ und „müsstest“ verwenden?

Falls ja, zum Beispiel:

d) Stellen Sie Fragen, die eine versteckte Aussage beinhalten?

Falls ja, beispielsweise:

e) Was ist Ihnen sonst noch Interessantes aufgefallen?

2) Nonverbale Muster.

a) Achten Sie einen Tag lang auf den Ton Ihrer Stimme. Sprechen Sie in einem bestimmten Ton, in einer besonderen Lautstärke, in einem bestimmten Stil?

b) Sagen Sie den folgenden Satz laut zu vier oder fünf Personen, die Ihnen in Ihrem Leben wichtig sind (d.h., stellen Sie sich diese Personen nacheinander Ihnen gegenübersitzend vor):

„Ich werde mir ein neues Auto gönnen.“ – oder eine Stereoanlage, ein Gemälde, eine Reise – irgendetwas, das Sie sich sehr wünschen.

Merken Sie, ob sich Ihre Stimme dabei verändert – etwa der Ton oder die Lautstärke? Ändern Sie Ihre Aussage je nach Gegenüber ab, z.B. indem Sie ergänzende Sätze hinzufügen oder indem sie lachen, etc.?

 

Kapitel III: KÖRPER UND KÖRPERARBEIT

In der Gestalttherapie schenken wir dem Körper sehr viel Beachtung. Dieses Kapitel gibt einen kurzen Überblick über die zahlreichen Ansätze, bei denen das Gewahrsein des Körpers eine wichtige Rolle für das Erleben in der Therapie (und oft auch in anderen Lebensbereichen) einnimmt.

 

Körpersprache

Im Anschluss an das vorhergehende Kapitel, in dem wir verbale und nonverbale Kommunikation betrachtet haben, werfen wir nun einen Blick auf die Kommunika­tion, die über den Körper erfolgt: Gesichtsausdruck, Handbewegungen, Haltung und jedwede andere Bewegung oder Position von einigen oder allen Teilen des Körpers. Dieser Aspekt der Kommunika­tion wurde in der letzten Zeit sehr populär und einige gängige Bücher zu diesem Thema sind auf dem Markt erhältlich.

Lassen Sie uns als erstes zwischen transienter und habitueller Körpersprache unterscheiden. Mit „transient“ bezeichne ich eine momentane, vorübergehende und sich verändernde Kommunikation wie beispielsweise beim Lächeln. Unter „habituell“ verstehe ich eine verfestigte oder eingefrorene Körpersprache – obschon auch hier normalerweise die Möglichkeit einer Veränderung besteht: So ist z.B. der „eingefrorene“ Gesichtsausdruck nur in relativer Hinsicht eingefroren.

Während meiner „dunklen“ Jahre, den 70ern, bemerkte ich – und Bilder aus dieser Zeit bestätigen das – drei senkrechte, ca. 2,5 cm hohe Furchen auf meiner Stirn, genau über meiner Nase. Nun, da ich mein Leben (zumindest bis zu einem gewissen Grad) ins Lot gebracht habe, sind sie zwar immer noch vorhanden, aber längst nicht mehr so tief. Ich kann sie aber auch wieder herbeiführen, indem ich meine Stirn runzle, mein Gesicht anspanne und einen besorgten Gesichtsausdruck annehme. Glauben Sie mir, ich war damals notorisch besorgt und mein Gesicht, besonders in der Stirnregion, spiegelte das wieder.

Die meisten Gesichter enthüllen eine habituelle Einstellung dem Leben gegenüber durch eine Art von „verfestigtem, fixiertem Ausdruck“ – eingraviert in das Gesicht durch gewohnheitsmäßiges Verwenden. Und andere Teile des Körpers tun womöglich das Gleiche. Denken Sie an den liebedienerischen Uriah Heep in “David Copperfield” und seine devote Körperhaltung, seine wiederkehrenden Bewegungen: runder Rücken und sich notorisch die Hände reibend.

Transiente Kommunikation hingegen bezieht sich auf das, was jetzt passiert. Natürlich runzle ich immer noch besorgt meine Stirn – ab und an. Doch wenn ich es jetzt tue, dann ist es meine eigene Antwort auf etwas, was gerade jetzt passiert, und nicht meine permanente Einstellung. Im Laufe Ihrer Therapie mag Ihr Therapeut Ihnen vorschlagen, darauf zu achten, was Sie mit ihrem Körper mitteilen, insbesondere, wenn dies nicht mit dem übereinstimmt, was Sie sagen. Ein klassisches Beispiel hierfür ist jemand, der in wütendem Ton spricht und zugleich lächelt; oder der freundlich redet – mit geballter Faust; oder der behauptet, er sei ruhig – während er mit den Fingern auf der Tischplatte trommelt.

Als nächstes lassen Sie uns unterscheiden zwischen willentlicher, bewusster Körpersprache und unwillentlicher, unbewusster Körpersprache. In allen drei oben aufgeführten Beispielen besteht sowohl die Möglichkeit, dass der Klient sich bewusst ist, dass er lächelt (die Faust ballt, mit den Fingern trommelt) als auch dass er sich dessen nicht bewusst ist. In dem ersten Fall bietet sich eine bestimmte therapeutische Intervention an („Nun, woher kommt es, dass Sie mich willentlich anlächeln, während Sie wütend auf mich sind?“) – in dem zweiten Fall eine andere („Nun, Sie wissen, dass Sie wütend sind; lassen Sie uns nun herausfinden, woher es kommt, dass Sie mich zugleich unbewusst anlächeln?“.

Wir werden also in der Therapie auf alle Aspekte der Körpersprache achten: habituelle oder transiente, bewusste oder unbewusste, übereinstimmende oder nicht übereinstimmende Körpersprache mittels Gesichtsausdruck, Bewegungen oder Körperhaltungen.

 

Einige Übungen zur Körpersprache

1) Sieh dir dein Gesicht im Spiegel an. Was drückst du habituell aus? (Beachte besonders die Augen, den Mund und die Stirn.)

2) Achte auf deinen Körper: Fällt dir etwas auf?

3) Beobachte andere Menschen. Veranstalte keine psychologischen Spielchen mit ihnen, sondern beobachte schweigend, ob du interessante Beispiele für Körperkommunikation an ihnen bemerkst.

Jeweils ein Beispiel für Körperkommunikation:

habituelle:

transiente:

unbewusste:

bewusste:

übereinstimmende:

nicht übereinstimmende:

 

Atmen

Der Atem ist unsere erste und dauerhafte Unterstützung für unser Leben. Bei emotionalem Stress schränken manche Menschen ihre Atmung ein, etwa indem sie flach atmen oder vorübergehend den Atem anhalten. Manche Menschen, wie ich auch, schränken ihre Atmung durch chronische Muskelanspannung des Rumpfes ein.

Das erste deutliche Zeichen, dass ich nicht im Einklang mit mir selbst lebte, erhielt ich durch Gewahrsein meines Atems – oder vielmehr durch Gewahrsein des „Nicht-Atems“. Jedes Mal, wenn ich versuchte, tief einzuatmen, bemerkte ich kaum einen anderen Effekt als einen dumpfen Schmerz in meiner Brust. Besonders schmerzhaft war dies während eines Orgasmus. Eine Zeitlang befürchtete ich, krank zu sein – Lungenkrebs, Tuberkulose oder sonst etwas kam mir dabei in den Sinn. (Natürlich wusste ich es besser und suchte daher auch keinen Arzt auf.) Nach einigen Jahren abwehrender Haltung begann ich mit einer Therapie. Zu Beginn verspürte ich keine Änderung. Doch nach und nach ließ der Schmerz nach. Bald begann ich meinen Schmerz beim Atmen als einen Indikator für meine emotionale Gesundheit zu betrachten. Je besser es mir ging, desto leichter ging auch mein Atem. Noch heute prüfe ich meinen Atem. Wenn ich diesen dumpfen Schmerz beim tiefen Einatmen spüre, versuche ich herauszufinden, was los ist, insbesondere, was in meinem Leben falsch läuft. Wenn ich den Mumm habe, dies zu korrigieren, fließt mein Atem wieder.

Achten Sie während Ihrer Therapie und auch außerhalb der Therapie auf Ihren Atem. Sie werden eine Menge lernen.

 

Allgemeine Atemübungen

1) Setze dich bequem hin, Wirbelsäule aufrecht, aber nicht steif, Augen geschlossen. Achte auf deinen Atem und auf die Gefühle, die mit ihm verbunden sind:

2) Beobachte deinen Atem im Alltag. Welche interessanten Beobachtungen machst du?

Zusätzlich zum allgemeinen Beobachten und Gewahrsein des Atems gibt es einige Techniken des tiefen Atmens, die in der Therapie hilfreich sein können. Tiefes Atmen unterstützt Sie dabei, an tiefe Gefühle zu gelangen. Bei verschiedenen Techniken, etwa Rebirthing, hypnotischer Induktion und anderen wird in Rückenlage tief und regelmäßig geatmet, um den Klienten zu einem intensiveren Gewahrsein zu führen. Wahrscheinlich ist es besser, solche Übungen mit einem Begleiter bzw. Ihrem Therapeuten durchzuführen.

Bioenergetik und andere körperorientierte Techniken. Manche Therapeuten verwenden von Wilhelm Reich, Alexander Lowen und anderen entwickelte Methoden, um Gewahrsein und emotionalen Ausdruck zu fördern. Es gibt zu viele spezifische Methoden in diesem Bereich, um sie alle aufzuzählen – ein Beispiel dafür ist das zu Beginn des ersten Kapitels beschriebene Erlebnis von mir.

 

Körperübungen

1) Suche Verspannungen und wenn möglich, palpiere [palpieren: sanft aber bestimmt mit den Fingerkuppen berühren] die Stelle oder lass dies einen Freund tun – nimm wahr, was in Dir dabei geschieht.

2) Stell dich aufrecht hin, beuge die Knie, biege den Rücken nach hinten, stütze dich auf Deine Zehen, Fersen vom Boden abgehoben. Bleibe so lange in dieser Position, wie es dir möglich ist und nimm wahr, was in dir dabei geschieht – nimm wahr, ob Energie fließt oder ob sie blockiert ist.

 

Bewegung

Betrachtet man das weite Feld der Körperbewegungen, so gibt es grundsätzlich zwei Aspekte, die für Therapeuten von besonderer Wichtigkeit sind. Sie legen den Fokus zum einen auf diejenigen Körperbewegungen, die wir habituell ausführen (das ist die Art und Weise, in der wir uns normalerweise bewegen), und zum anderen auf diejenigen, die wir unter Zuhilfenahme von Experimenten und dem, was wir dabei entdecken, ausführen können. Manche Therapeuten arbeiten übrigens in erster Linie mit Bewegungen und werden infolgedessen auch als Bewegungstherapeuten bezeichnet.

Ich erinnere mich, wie ich den großen Konferenzsaal des Hotels in San Francisco betrat für meine erste Erfahrung mit Bewegungstherapie mit Del Typer. Abgesehen von ihr war ich der Erste im Raum und es lief eine Art afrikanischer Beatmusik. Meine anfängliche Anspannung wich einem Hoch, da die Gruppe zwei Tage lang Bewegung erforschte: im Saal, im Gelände, alleine, gemeinsam. Es war ein Highlight, als sie Ravel’s „Bolero“ auflegte und ich tatsächlich meine eigene Choreographie dazu erfand: Nie hätte ich es für möglich gehalten, dass ich jemals eine eigene Choreographie entwickeln oder gut tanzen könnte.

Ihr Therapeut könnte Sie also bitten, hin und her zu gehen und wahrzunehmen, was Sie spüren: Wie gehst du, welche Haltung nimmst du ein, wie baust du Spannung auf? Welche Botschaft vermittelt deine Bewegung?

Wenn ein Klient Körpermetaphern in seiner Sprache verwendet, bitte ich ihn häufig, die Metapher auszuagieren. Wenn er beispielsweise sagt: „Ich stagniere, ich drehe mich nur im Kreis.“, dann sage ich vielleicht: „Ok, steh auf, bewege dich im Kreis und sage dabei ’auf diese Weise lebe ich mein Leben’ – und nimm wahr, womit du in Berührung kommst.

 

Bewegungsübungen

1) Geh’ hin und her und achte auf das Wie und Was – auf deinen Stil, dein Tempo, deine Energie, deine Körperhaltungen und deine Manöver im Raum und auch darauf, wie viel Raum du für dich einnimmst

2) Beschreibe dein Leben nun mit Körpermetaphern wie im bereits erwähnten Beispiel („ich drehe mich nur im Kreis“) und choreographiere, tanze es und nimm wahr, was bei dir passiert.

 

Körperkontakt

Es war einmal – eine Zeit, als Therapeuten (freudianische Analytiker) Körperkontakt in der Therapie missbilligten, sogar das Hände schütteln. Einige missbilligen es heute noch. Die meisten Gestalttherapeuten sehen dies jedoch entspannter, wobei sie hoffentlich eine verantwortungsvolle Einstellung zu dieser Art des Kontakts haben.

Wenn ich sehr deprimiert, angespannt und einsam war, freute ich mich in meiner Therapie mit Al darauf, ihn am Ende der Sitzung zu umarmen. Einmal, als ich weinte, rollte er mit seinem Stuhl zu mir her und nahm meine Hand.

Laura Perls sagt, „Gib’ so viel Support wie nötig und so wenig wie möglich.“ Manchmal ist Unterstützung (Support) in Form von Körperkontakt notwendig. Offensichtlich haben die Menschen in unserer Kultur jedoch Hemmungen in bezug auf Körperkontakt, Therapie ist da ein geeigneter Ort, den richtigen Umgang damit zu erforschen. In Gestalttherapiegruppen findet Körperkontakt häufig statt und steht im Dienst von Unterstützung und Nähren (ein liebevoller und achtsamer Umgang miteinander). Berühren, anlehnen, massieren usw. – all dies sind Möglichkeiten, die es zu erkunden gilt.

 

Körperliches Training

Manche Therapeuten unterstützen ihre Klienten darin, durch körperliche Aktivitäten wie etwa Walken, Joggen, Hatha Yoga, Tai Chi, Sport usw. eine gesündere Lebensweise zu entwickeln. Je nach Therapeut mag dieses Thema angesprochen oder betont werden oder nicht. In meiner Arbeit als Therapeut ermutige ich die Klienten, auf ihren Körper genauso gut zu achten wie auf den Rest von ihnen. Ein Therapeut, dem dies ein Anliegen ist, spricht dann oft von einem „ganzheitlichen Gesundheitsansatz“ (näheres hierzu siehe in Kapitel IX). Ein solcher Therapeut wird einen Klienten ermutigen und dabei unterstützen, auf sich als ganze Person zu achten mittels entsprechender Ernährung, Stress-Management, Körpertraining, naturheilkundlichen Therapien usw. Die Interaktion mit anderen Aspekten des Lebens ist manchmal faszinierend. Kürzlich hatte ich einen Klienten, dessen – klagend hervorgebrachtes – Thema es war: „Das Leben sollte einfach sein.“ Es überrascht nicht, dass er Alkoholiker gewesen war und dass er sein Leben, obschon mittlerweile von diesem „Selbstmissbrauch“ genesen, noch immer kaum wirklich in der Hand hatte: verschuldet, ein einziges Chaos im Haus, übergewichtig usw. Ich schlug ihm ein Experiment vor: um Viertel vor sieben aufstehen, 45 Minuten früher als normalerweise, und Hatha Yoga praktizieren. Er gewann an Energie und begann sein Leben in Ordnung zu bringen. Kürzlich schnitt er in meinem Büro seine Kreditkarten entzwei.

Während einer Sitzung mit meiner Yoga-Lehrerin bat sie mich, mich auf den Boden zu setzen und meine Zehen zu berühren. Dann legte sie sich auf den oberen Teil meines Rückens und drückte mich hinunter, so dass mein Kinn auf meinen Knien war. Der Schmerz war unglaublich. „Gib dich dem Schmerz hin,“ sagte sie, „gib dich hin.“ Ich tat es – und lernte sehr viel.

Vorschlag: Beobachte, wie du mit deinem Körper umgehst (Ernährung, Alkohol, Tabak, Koffein, Körperübungen, etc.) und stelle Vermutungen über mögliche Verbindungen zu deinem Gefühlsleben an. Gibt es zu den körperlichen passende emotionale Muster? Oder unterschiedliche? Welche?

 

Kapitel IV: DU UND DEIN THERAPEUT

Wenn ich über Al nachdenke, ich mit Al, Al mit mir, steigen Bilder in mir hoch: Er tätschelt behutsam mein Gesicht (nur einmal); er umarmt mich und ich umarme ihn; er fährt mit seinem Rollstuhl zu mir her und nimmt meine Hand, ich weine; er zeigt mir in unserer letzten Sitzung die Bilder, die er gemalt hat; ein Lunch mit den Mitgliedern einer Konferenz in Boston (ziemlich langweilig).

Vieles von dem, was in einer Therapie wichtig ist, geschieht zwischen Ihnen und

Ihrem Therapeuten. Vermutlich kannten Sie ihn nicht, bevor Sie mit der Therapie begannen, aber er kann ein sehr wichtiger Mensch für Sie werden. Ihre Inter­aktionen können Ihnen manchmal die Möglichkeit bieten zu riskieren, einmal anders zu sein (herzlich, feindselig, was auch immer). Fritz Perls nannte Therapie „den sicheren Notfall“: ein sicherer Ort, um beängstigende Wege auszuprobieren.

Ein anderer Aspekt der Therapeut-Klient-Beziehung ist der Support. Ein Hauptziel der Gestalttherapie ist die Entwicklung des Selbstsupports, aber eine Stütze auf dem Weg dorthin mag durchaus notwendig sein (wieder sehe ich Al, der zu mir rollt und meine Hand hält).

Häufig wird ein Klient mit seinem Therapeuten alte Eltern-Kind-Muster wieder erleben. Diese Erfahrung kann sehr intensiv sein und manchmal sehr schwer und schmerzhaft; für manche Klienten können diese Erfahrungen (die manchmal von kurzer Dauer sind, die sich manchmal aber auch über Monate oder Jahre hinweg ziehen) den wichtigsten Aspekt ihrer Therapie darstellen. Doch sind die Unterschiede hierbei sehr groß und manche Klienten machen diese Erfahrung nicht.

 

Übung

1) Was ist dein wesentliches Gefühl gegenüber deinem Therapeuten?

2) Gibt es etwas, das du im Kontakt mit ihm vermeidest – eine bestimmte Art der Kommunikation oder des Ausdrucks?

 

Kapitel V: TRÄUME UND FANTASIEN

In diesem Kapitel werden wir die Gestaltmethode in bezug auf Träume (nächtliche und Tagträume) diskutieren und erläutern ebenso wie die Bedeutung von Fantasien und Bildern in der Gestalttherapie. Manche Klienten erwähnen mir gegenüber spontan ihre Träume – andere tun dies nicht. Manchmal versäume ich es über Monate hinweg, nach Träumen zu fragen. Normalerweise frage ich danach, wenn in der Therapie gerade eine Flaute herrscht, und häufig haben die Klienten wichtige Träume gehabt, aber nicht daran gedacht, sie zu erwähnen. Falls Sie träumen, verlassen Sie sich also nicht immer auf Ihren Therapeuten, dass er danach fragen wird, Sie können sie von sich aus ansprechen.

Ich habe sehr häufig von Sport ge­träumt; diese Träume sind sehr wichtig für mich gewesen. In dem bemer­kens­wertesten Traum im Verlauf meiner Therapie mit Al war ich ein Basketballspieler und mein Dad war der Coach. Al machte keine Gestalt-Traumarbeit, aber da ich damit Erfahrung hatte, arbeitete ich in seinem Beisein selbständig mit meinem Traum. Ich fand viel heraus über meine kritische Haltung mir selbst gegenüber, die der kritischen Haltung meines Vaters ähnelte, welche er mir gegenüber einnahm, als ich noch ein Kind war.

Sigmund Freund, der Begründer der Psychoanalyse, leistete bedeutende Pionierarbeit auf dem Gebiet der Träume. Sein Ansatz dabei war, die Träume durch das Finden von Symbolen und Bedeutungen in den Charakteren, Vorfällen und Gegenständen des Traums zu analysieren. Dem Ansatz von Perls bzw. dem Gestalt-Ansatz liegt die Prämisse zugrunde, dass jeder Traum eine existentielle Aussage ist, d.h., eine Aussage über dein Leben. Ich entdeckte z.B., dass mein (oben erwähnter) Basketball-Traum aussagte: „Bud, du machst es nicht gut genug. So sieht dein Leben aus.“ Oder in der Ichform ge­spro­chen: „Ich bin nie zufrieden, egal wie gut ich etwas tue. So sieht mein Leben aus.“

Ein weiterer Unterschied zwischen der Traumarbeit von Freud und der Gestalt-Traumarbeit, wieder von Perls eingeführt, ist die Bitte an den Klienten, den Traum in der Zeitform der Gegenwart zu erzählen, so als ob er jetzt passieren würde. Zum Beispiel: „Ich spiele Basketball, mein Dad ist der Coach, …“ anstatt in der Vergangenheit: „Ich träumte, ich spielte Basketball und mein Dad war der Coach, …“ Dieses Erzählen in der Gegenwartsform geht mit einem intensiveren Erleben einher.

Außerdem gehen wir davon aus, dass jede Person, jedes Geschehen oder jeder Aspekt eines Traumes einen bestimmten Anteil des Träumers darstellt bzw. reflektiert. Durch die Traumarbeit sollen all diese Teile ins Gewahrsein gelangen und letztendlich integriert werden. Um also wieder auf den Basketballtraum zurückzukommen: Bud, der Spieler, ist mein strebsames Selbst; Dad, der Coach, ist mein kritisches Selbst; das Spiel ist mein gegenwärtiges Eingebundensein in mein Leben. Indem wir alle diese Teile erforschen, bereiten wir uns darauf vor, sie zu integrieren oder eine Abmachung zwischen ihnen auszuhandeln oder einen Teil als nicht mehr benötigt zu verabschieden – oder was immer als kreative Lösung zu diesem Zeitpunkt in uns auftaucht.

 

Übung

1) Kürzlich einige Träume gehabt? Falls ja, dann schreibe den ersten, der dir in Erinnerung kommt, hier auf:

2) Welche Teile birgt der Traum? Auf welche Art und Weise repräsentieren sie verschiedene, oft widersprüchliche Anteile von dir? Ziehe deinen Gestalttherapeuten hinzu, wenn du weiter daran arbeiten möchtest, diese Teile zu integrieren.

3) Gibt es einen wiederkehrenden Traum in deinem Leben? Du musst diesen Traum nicht vor kurzem geträumt haben, aber es sollte ein Traum sein, den du mehrfach in deinem Leben gehabt hast. Falls ja, arbeite auf die gleiche Art und Weise mit diesem Traum wie mit dem ersten Traum in dieser Übung.

4) Was sagst du mit dem Traum über dein Leben aus?

Für die Arbeit mit Tagträumen (bzw. mit Fantasien, wie Tagträume häufig bezeichnet werden) gilt das Gleiche wie für die Arbeit mit nächtlichen Träumen, d.h., wir haben – wenn wir die Gestaltmethode verwenden – die gleichen drei Aspekte:

a) Sieh die Erfahrung, den Tagtraum als eine existentielle Botschaft an.

b) Erzähl ihn in der Zeitform der Gegenwart, um die Lebendigkeit und Unmittelbarkeit zu erhöhen.

c) Erforsche die Teile des Traums als Projektionen von Teilen von dir; dann arbeite auf deren Integration hin.

 

Es kommt vor, dass ich in einer Therapiesitzung den Klienten bitte: „Fantasiere einen Tagtraum, produziere ihn – hier und jetzt.“ Im Allgemeinen gebe ich dabei die Anleitung, die Augen zu schließen, manchmal auch, sich zurückzulehnen, um den Prozess zu erleichtern. Dieses Fantasieren (oder „Kopfkino“) kann entweder eine Erinnerung zum Thema haben oder es kann ein ganz neuer Film sein. Im Folgenden ein Beispiel dafür, wie sich einer meiner Klienten, nennen wir ihn Bill, mittels seiner Fantasie in eine Erinnerung hineinversetzte:

Bill kam in die Therapie nach einem Jahr voller heftiger Angstattacken, die immer dann auftraten, wenn er das Haus verlassen wollte, in dem er alleine lebte, nachdem er und seine Frau sich getrennt hatten. In einer früheren Sitzung hatte er sich an eine Operation im Alter von drei Jahren erinnert. Ich bat ihn, sich hinzulegen, seine Augen zu schließen und die damalige Situation zu visualisieren. Er beschrieb ungefähr Folgendes:

„Ich bin drei Jahre alt und ich liege im Krankenhaus. Es ist dunkel und furchterregend. Ich bin ganz alleine, niemand achtet auf mich. Meine Eltern sind weggegangen und haben mich allein zurückgelassen. Ich habe Angst, sie könnten niemals wiederkommen.“

Beim Sich-Vorstellen bzw. visuellen Erinnern dieses Erlebnisses erfuhr Bill einen emotionalen Durchbruch. Zum ersten Mal fühlt er tatsächlich etwas während unserer Sitzungen und stellt einige Verbindungen zwischen seinen aktuellen Panikzuständen und seiner Kindheit her.

Eine andere Art der Fantasiearbeit findet statt, wenn ich den Klienten bitte, sich vorzustellen, wie ein Geschehen sich weiterentwickelt. Für gewöhnlich wähle ich ein Ereignis, über das er betrübt oder verwirrt ist, oder aber ich bitte ihn, aus einer Körpererfahrung heraus ein Bild entstehen zu lassen, ähnlich wie beim Fokus­sieren (Kapitel I). Astrid beispielsweise ist, was eine Beziehung zu einem Mann angeht, sehr verkrampft und ängstlich. Kürzlich hat sie jemanden kennen gelernt, nennen wir ihn Ted. Ich bitte sie, sich selbst zusammen mit Ted in 6 Monaten vorzustellen. Sie imaginiert etwa Folgendes:

„Ich sehe uns die Straße hinunter gehen. Er driftet ständig zu meiner Seite des Bürgersteigs ab, so dass er mich in die Straßenrinne abdrängt. Ich bin sehr wütend, doch ich lächle und mache einen Witz.“

Dann erforschen wir das Thema in dieser Fantasiearbeit und können so die Art und Weise ihres Umgangs mit dem Konflikt betrachten und weiter dazu arbeiten.

Eine andere Variation der Traumarbeit ist das geführte Imaginieren. Dabei schließt der Klient die Augen und lässt sich mit Hilfe der Worte und Beschreibungen des Therapeuten auf eine Fantasie­reise bzw. lässt den Therapeuten eine bestimmte Szene weiterentwickeln. Dies wird häufig angewendet, um Reaktionen hervorzurufen oder manchmal auch, um bestimmte Einstellungen zu verankern. Ich verwende diese Methode nicht häufig.

 

Übung

Suche dir ein Thema aus, das schwierig ist für dich (Sex, Wut, eine bestimmte Beziehung o.ä.). Lehne dich zurück, schließe die Augen und imaginiere dazu einen Tagtraum. Schreibe ihn anschließend auf. Jetzt arbeite damit.

 

Kapitel VI: KONFLIKTE UND GEGENSÄTZE

Einer der Schwerpunkte in Fritz Perls Arbeit war die Integration von Konflikten und Gegensätzen, die wir alle in uns tragen. Dieses Konzept ist an und für sich keine Neuentdeckung, da es wie die meisten psychologischen Konzepte bereits bekannt war. So beschäftigte sich bereits C.G. Jung, ein früher Therapeut, mit dieser Widersprüchlichkeit des Menschen. Seine Gegensatzpaare (z.B. Introversion vs. Extraversion) sind allgemein bekannt. Perls entwickelte in seiner Gestaltarbeit wirksame Wege für die folgende Methode: Zuerst das Gewahrsein unserer Konflikte und Gegensätze (die er Polaritäten nannte) erhöhen und dann Wege finden, die zu einer Integration, einem Gleichgewicht oder einer sonstigen Lösung führen.

Vor ungefähr 8 Jahren besaß ich ein Videoband, das mich bei der Arbeit mit einer Gruppe von professionellen Therapeuten zeigt, die Gestalttherapie demonstrieren. Mir fiel auf, dass ich einige weiche, feminine Qualitäten hatte. Zu der Zeit gefiel mir das nicht besonders, ich sprach niemals mit jemandem darüber und hörte auf, darüber nachzudenken. Immerhin war ich ein „ganzer Kerl“, spielte Tennis und ließ keine Gelegenheit aus, in der Gegend herum zu vögeln. Etwa 3 Jahre später nahm ich in San Francisco an dem zweitägigen Bewegungstherapie-Workshop mit Del Tyler teil (bereits in Kapitel III erwähnt). Sie bat uns, die sexuellen Gegensätze in uns zu erforschen, d.h. die Männer ihre Weiblichkeit und die Frauen ihre Männlichkeit. Am Anfang war mir das sehr peinlich, aber dann kam ich rein: Ich ging herum, wippte mit meinen Hüften, trug eine Schultertasche, die mir jemand kurz vorher gegeben hatte, roch an Blumen usw. Durch diese Erfahrung und unser anschließendes Sharing in der Gruppe begann ich, mich nach und nach besser mit dem weichen Anteil von mir zu fühlen, und habe seither erkannt, dass er nicht „feminin“ ist, sondern dass er ein Teil meiner selbst ist.

Mit dieser Art von Arbeit – dem Erforschen von Konflikten und Gegensätzen – verbringen wir viel Zeit in der Gestalttherapie. Perls prägte den Begriff „Topdog“ und „Underdog“ für die beiden Teile in uns, die über die vielen „Solls“ streiten: „Du solltest wirklich abnehmen.“ versus „Ja, aber ich liebe nun mal Eis.“ „Du solltest deinen Vater besuchen.“ versus: „Ja, aber ich möchte an den Strand gehen.“ und so fort. Eine Methode, die Perls hier oft verwendete, war der Dialog, in dem der Klient beide Seiten spielt: Zuerst spricht er alles aus, was ihm in den Sinn kommt, dann sucht er eine Lösung. Hier kann es sehr hilfreich sein, zwei Stühle, einen für jede Seite, zu verwenden.

 

Übung

Suche ein Topdog/Underdog-Thema, einen „Soll“–Satz, der dich schon lange beschäftigt. Wie lautet er?

Nun nimm beide Seiten ein und lass sie miteinander sprechen. Z.B.: Zuerst sagt der Topdog: „Du solltest ___________.“ Der Underdog entgegnet: „___________.“ Und so weiter, immer abwechselnd. Wenn sie alles Notwendige gesagt und ausgedrückt haben, lass einen von den beiden eine Abmachung oder Übereinkunft vorschlagen, beginne den Dialog von neuem und sieh, ob du zu einer Lösung kommst (die beiden Seiten müssen sich nicht unbedingt in der Mitte treffen).

 

Eine andere Art von Spaltung ist für den Klienten häufig nicht so offensichtlich, etwa wenn der Klient zwar mit einem Aspekt von sich in Berührung ist, sich aber der gegensätzlichen Tendenz nicht bewusst ist. Oft blenden wir das Gewahrsein eines unakzeptierten Gegensatzes in uns aus, während er uns bei anderen schnell unangenehm auffällt.

Ich bin in meiner Peergruppe – einer Gruppe von Therapeuten, die sich trifft, um an eigenen Themen zu arbeiten und um professionelle Themen zu diskutieren. In der Gruppe ist ein Typ, Max, der mich nervt. Für mich ist er ein Mensch, der kontrolliert, der seinen eigenen Willen durchsetzt, der rechthaberisch und übergriffig ist – alles auch Eigenschaften von mir, die zu akzeptieren und mit ihnen umzugehen mir schwer fällt.

Als ich erkenne, dass wir uns ähnlich sind, nervt er mich nicht mehr – zumindest nicht mehr ganz so sehr!

In der Gestalttherapie helfen wir Klienten, ihre polaren Spaltungen zu finden, sie anzuerkennen, mit ihnen zu arbeiten und sie in eine harmonischere, von Gewahrsein geprägte Daseinsart zu integrieren.

 

Übung

Denk an jemanden, den du hasst oder den du nicht magst. Was hasst du an dieser Person oder magst du nicht an ihr? Ist dies charakteristisch für eine Eigenschaft, die du an dir nicht akzeptieren kannst, mit der du schwer umgehen kannst? Falls ja, erforsche das mit deinem Therapeuten. Er wird dir helfen, sie anzuerkennen und zu integrieren.

 

Kapitel VII: ASPEKTE DES WANDELS UND ANDERE GESTALTKONZEPTE

In diesem Kapitel werden wir einige andere Aspekte der Gestalttherapie betrachten, die im Grunde genommen eines gemeinsam haben – Eigenverantwortlichkeit: Ich bin für mein eigenes Leben verantwortlich. Es handelt sich bei diesen Aspekten um: Experimentieren, Hausaufgaben, Stagnation und Bewegung sowie Verantwortung, absichtsvolles Handeln und Entscheidungen.

 

Experimentieren

Gestalttherapie wird oft mittels der „3 E’s“ beschrieben: existentiell, empirisch (auf Erfahrung beruhend) und experimentell. Tatsächlich überschneiden sich diese drei E’s: zu existieren heißt zu erfahren; zu experimentieren (in größerem oder geringerem Maße) heißt, deine Existenz auf eine neue Art zu erfahren; und wirkliches Erfahren heißt, mit deiner Existenz zu experimentieren. In der Gestalttherapie besteht ein beträchtlicher Teil der Aufgabe des Therapeuten und des Klienten darin, Experimente zu kreieren, die das Gewahrsein des Klienten für alte, festgefahrene Muster (Daseinsarten und Arten, in Beziehung zu treten) erhöhen und somit dem Klienten die Möglichkeit bieten, neue Daseinsarten und Arten des In-Beziehung-Tretens zu erleben und ihren Wert für sich zu entdecken. Im Gegensatz zu traditionellen Gesprächstherapien ist die Gestalttherapie immer offen für jedwede Form kreativen Experimentierens, die sinnvoll erscheint. Ein therapeutisches Experiment mag daher viele verschiedene Formen annehmen: Kichern, Armdrücken, ein Bild zeichnen, Umhergehen, Umarmen, „Nein“ schreien usw. Die Kunst, ein neues therapeutisches Experiment zu kreieren, besteht darin, das Experiment aus dem jeweiligen Kontext heraus entstehen zu lassen. Viele der bereits in den vorhergehenden Kapiteln erzählten Anekdoten basieren auf solchen Experimenten. Hier ein weiteres:

Es ist ein Wochenend-Marathon für Paare, an dem ich teilnehme. Ich bin hier mit der Frau, die ich liebe, um an unserer Beziehung zu arbeiten Aber gerade in diesem Moment liegt mein Fokus auf mir selbst – um es genauer zu sagen, auf meinem Unvermögen, spontan fröhlich zu sein. Das Wochenende ist fast vorüber, ich bin entspannt und müde. Die Gruppe sitzt in einem großen Kreis, es läuft griechische Musik. Ich spüre den Impuls aufzustehen und zu tanzen, aber ich geniere mich. Ich dränge mich selbst dazu, aufzustehen und es zu versuchen. Ich leiste Widerstand, ich bewege mich ein wenig, mein Widerstand wird größer, die Musik ist fast zu Ende, ich ärgere mich über mich selbst, weil ich hartnäckig sitzen bleibe. Ich schreie „Halt!“, stehe auf und tanze – unbeholfen aber glücklich. Ich fordere meine Partnerin auf mitzutanzen – wir zwei feiern, genießen es aufs höchste, dann schnappt sich jeder von uns jemand anderen und sehr bald sind fast alle aufgestanden und tanzen ebenfalls. Ich bin sehr zufrieden.

Dieses Experiment half mir, eine andere (als meine übliche) Daseinsart und Art des In-Beziehung-Tretens zu erfahren. Ich kreierte es selber – aus meinem Impuls zu tanzen heraus, meiner gleichzeitigen Schüchternheit und meiner daraus entstandenen Unzufriedenheit mit mir selbst. Ich lernte etwas. In Ihrer Therapie werden Sie und Ihr Therapeut wahrscheinlich ebenfalls Experimente spontan erfinden. Es können große oder kleine Experimente sein – so klein wie einen tiefen Atemzug machen und so groß wie nach Indien zu reisen – aber in jedem Fall werden sie Ihnen ermöglichen, etwas Neues zu lernen.

 

Hausaufgaben

In der Gestalttherapie werden dem Klienten häufig Aufgaben gestellt, die er zu Hause ausführen soll. Ebenso wie bei den Experimenten, die während der Therapiesitzungen durchgeführt werden, können Hausaufgaben entweder allein vom Therapeuten erdacht werden oder gemeinsam mit dem Klienten entwickelt werden. Es gibt hauptsächlich zwei Gründe dafür, Hausaufgaben zu geben: Sie werden zum einen gegeben, um Informationen zu erhalten, die in der Therapie verwendet werden können, und zum anderen, um neue Fähigkeiten zu entwickeln. Nehmen wir beispielsweise die Selbstbehauptung. Stellen wir uns einen Klienten vor, der mit seiner Selbstbehauptung unzufrieden ist. Wir können in den Therapiesitzungen damit arbeiten und/oder wir können für die Zeit zwischen den Sitzungen Hausaufgaben entwerfen, um mehr darüber herauszufinden, wie der Klient sich selbst behauptet oder auch nicht, und um zu erfahren, wie er sich während des Prozesses fühlt und was er denkt.

Beispiel: Joe möchte sich besser durchsetzen können. Er geht gerne auf Einkaufstour. Also kommen wir überein, dass er immer dann, wenn er zwischen den Therapiesitzungen etwas kauft, versuchen soll, sich dabei zu behaupten. Zur nächsten Sitzung erscheint er sehr enttäuscht: Er ließ es zu, dass ein Reifenverkäufer ihn zu einem Kauf überredete, während er selbst glaubte, dieselben Reifen woanders preiswerter bekommen zu können. Durch das Erforschen und Wiedererleben dieser Szene entdeckt er:

1) Es ist ihm sehr wichtig, welchen Eindruck er im Geschäft hinterlässt.

2) Erinnerungen aus früher Kindheit an Geschehnisse, bei denen er sich nicht selbst behaupten konnte, quälen ihn bis heute.

Wir haben also viel Neues über ihn erfahren, um damit zu arbeiten.

 

Übungen

a) Woran arbeitest du gerade in deiner Therapie? Bieten sich zu diesem Thema Hausaufgaben an, um Informationen zu erhalten oder Fähigkeiten zu entwickeln? Falls ja, formuliere jetzt eine Hausaufgabe für dich:

b) Führe sie bei einer passenden Gelegenheit aus. Beschreibe das Ergebnis:

c) Hast du dabei etwas gelernt, woran du in deiner Therapie weiterarbeiten kannst?

 

Stagnation und Bewegung

Häufig gibt es in der Therapie – und im Leben – Zeiten, in denen wir zu stagnieren scheinen. Entweder wir kommen überhaupt nicht voran oder wir gehen mal vor und mal zurück: An einem Tag schreiten wir voran oder treffen eine Entscheidung, am nächsten Tag gehen wir wieder zurück oder ändern unsere Meinung. Oder wir stagnieren wegen unserer Ungereimtheiten oder weil nichts in der Therapie geschieht: keine Träume, keine starken Gefühle, keine genauen Themen, die sich abzeichnen würden. Das ist wirklich eine ziemlich lausige, frustrierende Situation.

Ah, jetzt der große weise Alleswisser zu sein und Ihnen die Formel an die Hand zu geben, mit der Sie aus Ihrer Stagnation herauskommen! Ich wünschte, ich hätte sie. Und doch, auf eine Art kenne ich sie. Der Weg aus der Stagnation heraus ist es, weiterhin zu stagnieren, die Einstellung zu haben, es ist alles okay mit meinem Stagnieren. Ein super Ratschlag: „Stagniere weiterhin.“ „Aber ich stagniere schon. Stagnieren ist weiterhin stagnieren, du Idiot!“ Das ist deine Antwort und sie ist angemessen. Aber du verstehst nicht ganz, worauf ich hinaus will: Interessiere dich für dein Stagnieren, hänge ab, lasse es zu und lass dich ganz hineinfallen, erforsche es, vertraue in deinen natürlichen Prozess, und wenn der Moment, die Energie, die Zeit für hartes Arbeiten (träumen, fühlen, fokussieren, experimentieren, riskieren – was auch immer) kommt, dann löse die Taue, hisse die Segel und fahre los in unbekannte Gewässer – tapfer und bange zugleich.

Ich stagniere – und es schmerzt. Meine Frau möchte mehr Raum haben – um sich zu erforschen, um zu experimentieren, zu wachsen, zu lernen. An einem Tag sage ich: „Ja, gehe, ich werde dich unterstützen.“ Am nächsten Tag wiederum: „Lass mich nicht allein.“ Und ich argumentiere, flehe, rationalisiere, schreie – all die Tricks, die mir einfallen, um mich vor meiner Panik vor dem Verlassenwerden zu schützen. An einem besonders üblen Tag – ich war besonders scheußlich und boshaft gewesen, als ich mit ihr diskutierte und hatte erreicht, dass sie meine schäbige Position resigniert und grollend akzeptierte – spürte ich den ganzen Tag über einen brennenden Schmerz. Ich bin emotional erschöpft von meiner Unschlüssigkeit und den Streitereien. Ich gehe ins Kino, sehe mir „Ghandi“ an und denke an nichts anderes als an ihre Selbstsüchtigkeit. Um drei Uhr morgens wache ich von einem quälenden Traum über eins meiner Kinder auf – Tränen laufen mir übers Gesicht, Krämpfe zerreißen meinen Unterleib – ich rufe ihren Namen, verzweifelt, flehend, wie ein Kind … wie ein Kind … wie ein Kind. Ich bin wie ein kleines Kind und habe Angst, meine Mama könnte mich nicht mehr mögen, weil ein neues Baby da ist. Ich stelle mir vor, mich an Mama zu klammern: „Mama, geh’ nicht fort. Bleib’ hier. Ich hab’ Angst, du kommst nie wieder.“ Völlig erschöpft schlafe ich wieder ein. Am nächsten Tag kehrt der Schmerz zurück – und bleibt. In dieser Nacht kommt sie zu mir – distanziert, höflich, grollend.. Wir reden, vertraut aber doch distanziert – sehr ehrlich. Sie möchte Raum, ich will Nähe. Schließlich erkenne ich, dass ich, um Nähe haben zu können, die Gefahren des Raum-Gebens, des Loslassens riskieren muss. Ich stagniere nicht mehr. Ich bin ängstlich, aber ich stagniere nicht mehr. Ich stammele die Wörter: Geh, tu es, ich liebe dich, ich unterstütze dich. Ich werde hier sein, wenn du zurückkehrst („Mama, geh zu deinem neuen Baby – freu dich an ihm – ich werde auf Deine Rückkehr warten – vielleicht kann ich es lernen, meinen Bruder auch zu lieben.“). Ich stagniere nicht mehr – ich habe immer noch Angst, manchmal bin ich einsam, aber ich bin in Bewegung.

Das ist die allgemeine Formel, vage aber klar. Lass dich hineinfallen in deine Stagnation, das ganze alte Zeug kommt raus – gebrauche es, fühle es, riskiere.

 

Verantwortlichkeit, absichtsvolles Handeln und Entscheidungen

Dies sind bedeutende Konzepte der Gestalttherapie. Sie sind eng miteinander verknüpft, daher werde ich sie hier in Einem besprechen. Zuerst das Konzept der persönlichen Verantwortlichkeit. Ich bin verantwortlich für die Qualität und Richtung meines Lebens. Ich kann versuchen, mich aus der Verantwortung zu schleichen z.B. durch unverantwortliche Sprache (siehe Kapitel II) und Ausflüchte, die ich gebrauche, aber letztendlich muss ich mir eingestehen, dass ich meine Existenz schaffe, dass meine Handlungen eine Absicht haben und dass ich mit meinem Verhalten Entscheidungen treffe. So etwas wie „Nichts-Tun“ gibt es nicht.

Frage: Was hast du heute getan?

Antwort: Nix.

Frage: Nix?

Antwort: Nö, nix.

Frage: Du musst doch irgendetwas getan haben?

Antwort: Nö, ich hab’ nur im Haus herum gehangen, viel geschlafen, etwas gegessen, ferngesehen.

Frage: Aha, du hast also entschieden, dich zu entspannen, zuhause zu bleiben und faul zu sein?

Antwort: Tja nun, ich schätze, du könntest das so ausdrücken.

Frage: Ich könnte das und ich tue es. Du hast dich entschlossen, auf deine Müdigkeit zu antworten, indem du mit Absicht Dinge tust, die dich wieder herstellen und dich auftanken lassen. Passt das?

Antwort: So ist es. Ja.

Die obige Darstellung kann in der Form erweitert und ausgearbeitet werden, dass sie so ziemlich jeden Bereich unseres Lebens erfasst, von den kleinen Aspekten unseres Lebens (siehe oben) bis hin zu den großen (Karriere, Beziehung, etc.). Es passiert nicht einfach so; wir handeln. Das Ziel einer Therapie – mit all ihren Fragen, Experimenten – ist es, mit Gewahrsein zu handeln, seine diesbezüglichen Fähigkeiten weiterzuentwickeln und die Kontrolle über das „es“ zu erlangen – ausgenommen natürlich, da ist kein „es“ – da bin bereits „Ich“. Das ist eine bittere Pille, aber ich bin das, was ich bin, weil ich mich dazu entschieden habe, so zu sein. Und wenn ich mich tatsächlich ändern will, dann kann ich es, wenn ich bereit bin, zu schwitzen, zu ächzen, zu stöhnen, zu verzweifeln, zu lügen, mich heraus zu reden – und am Ende mich selbst zu sehen. Wenn ich das nicht will, auch gut, meine Entscheidung.

PS: Niemand hat gesagt, dass es leicht sei.

 

Kapitel VIII: DER SINN DES GANZEN

Der Begriff Gestalt bedeutet „ein Ganzes“* und eines der Hauptanliegen in der Therapie ist es, ein Bild oder ein Gefühl von dir als ein Ganzes zu erhalten. In anderen Worten: Was bist du alles? Was bist du insgesamt? Was ist das ganze Bild von dir? Dazu ist viel Denken, viel Fühlen und viel Führung durch den Therapeuten erforderlich. Zusammen suchen wir nach den wesentlichen Mustern deiner Existenz, den Hauptthemen deines Lebens und erforschen deren Ursprung in der Kindheit (oder in einem späteren Lebensabschnitt) und ihren gegenwärtigen Ausdruck sowie die Möglichkeiten, wie diese Muster verändert werden können. All die vorhergehenden Techniken und Konzepte können bei dieser Erforschung hilfreich sein. Eine andere Methode, die wir bisher noch nicht erwähnt haben, heißt „frühe Entscheidungen“. Tatsächlich handelt es sich dabei um ein Konstrukt, denn wir suchen nicht nach einer früheren Entscheidung, die wir in einem ganz bestimmten Moment getroffen haben (obschon dies gelegentlich der Fall ist). Stattdessen bedienen wir uns der künstlerischen Freiheit zum Kreieren von Themen, die aufgrund früher Entscheidungen anstehen.

[*und mein Nachbar auf dem Flug nach Minneapolis erklärt mir, dass „whole“ und „health“ linguistisch in Beziehung stehen (1992). Anmerkung der Übersetzerin: Bud Feder bezieht sich hier auf die etymologische Verwandtschaft von „whole“ (ein Ganzes) und „health“ (Gesundheit), denn beide Wörter gehen auf das althochdeutsche „heil“ zurück. Auch für die deutsche Sprache ist dieser etymologische Aspekt interessant. Denn das althochdeutsche „heil“ bedeutet „gesund“, „unversehrt“ und somit „ganz“ und wird auch im heutigen Sprachgebrauch noch so verwendet. Es geht in der Gestalttherapie also um Heilung, Heil-Werdung, Ganz-Werdung.]

Eine meiner frühen Entscheidungen, die ich während meiner Therapie entdeckte, war es, hinter Frauen herzusein, die unerreichbar waren – oder mit Sicherheit nur sehr schwierig zu erobern –, da sie bereits mit einem anderen Mann zusammen waren oder ein Lebensziel verfolgten, das nicht zu meinem passte, oder… . Der Frauen, die ich leicht haben konnte, wurde ich schnell überdrüssig: keine Herausforderung – kein Interesse. Im Erforschen meiner Kindheit entdeckten wir, dass sich eine „frühe Entscheidung“ herausschälte aus der schwierigen Beziehung zu meiner Mutter, die mit der Geburt meines Bruders, als ich erst 14 Monate alt war, begann. Ich drückte diese frühe Entscheidung aus, indem ich mich durch Krankheit, auffälliges Verhalten usw. um die Liebe meiner Mutter bemühte. Es ist leicht, sowohl die positiven als auch die negativen Aspekte der Entscheidung „die Herausforderung zu suchen“ zu sehen, obgleich sich diese manchmal überschneiden und ich dann verwirrt bin. Wann ist zum Beispiel „hinter jemandem her sein“ eine gesunde Bemühung und wann erreicht es einen Grad von neurotischem „gegen eine Wand anrennen“?

Achten Sie in Ihrer eigenen Therapie auf das Auftauchen Ihrer Lebensthemen. Das wird wahrscheinlich nicht auf einmal passieren, aber sie werden sich nach und nach aus der vielfältigen therapeutischen Arbeit, die Sie tun, herausschälen. Handlungsfähigkeit in bezug auf sich selbst, auf sein Selbst, zu erlangen wirkt außerordentlich zentrierend und stabilisierend. Das schützt nicht vor Angst und schweren Zeiten, aber für gewöhnlich wandelt es die Empfindung einer Katastrophe und das Gefühl von Panik zu besser „handhabbaren“ Empfindungen von Enttäuschung und Gefühlen von Schmerz oder Traurigkeit. Die Hauptthemen betreffen Ihre Beziehungen zu Menschen sowie Ihre Einstellung gegenüber Ihrer Umgebung – also Themen, die mit Kontakt zu tun haben, mit Gefühlen, Leistungen, Zielen usw. Wenn diese Themen und ihre Ursprünge erst einmal klarer werden, kann die Richtung, wohin die Reise gehen soll, ausgemacht werden und dann bewegen wir uns darauf zu. Dies alles erfordert Zeit und es ist nicht einfach.

 

Kapitel IX: GANZHEITLICHER GESUNDHEITSANSATZ UND THERAPIE

Viele Menschen befinden sich in einem schlechten körperlichen Gesundheitszustand, wenn sie eine Psychotherapie beginnen – nicht gerade schwer krank, aber: übergewichtig; durchgängig gestresst mit solchen körperlichen Symptomen wie Kopfschmerzen, Sodbrennen und anderen Verdauungsproblemen, Rückenschmerzen usw.; sie leiden an Schlaflosigkeit und dauernder Müdigkeit, sind abhängig von Zigaretten, Alkohol, Koffein usw., haben eine schlechte körperliche Kondition. Dies ist ein chronischer Zustand mangelnder Gesundheit, der letztendlich zu akuten Erkrankungen und vorzeitigem Tod oder Behinderungen führen kann.

Oft passiert es im Laufe einer Psychotherapie, dass der Klient sich von diesen ungesunden Mustern lösen möchte. Dies kann für einige sehr schwierig werden und oft wird bis zum Ende der Therapie, wenn die Hauptarbeit im psychologischen Bereich getan ist, nur ein geringer Fortschritt erzielt.

Als ich begann, als Psychotherapeut zu arbeiten, sah ich es nicht als besonders relevant für meine Arbeit an, wie der Klient mit seinem Körper umging, es sei denn, er selbst brachte das zur Sprache. Diese Einstellung war teilweise bedingt durch die allgemeine Haltung der Therapeuten zu dieser Zeit, aber um ganz genau zu sein, dadurch, dass ich in dieser Hinsicht selber ein eklatanter Missetäter war (übergewichtig, Workaholic, Kaffee, Alkohol, Zigaretten usw.). Ich konnte bei meinen Klienten schwerlich mein Augenmerk auf eine gesündere Lebensführung richten, wenn ich mich selbst nicht danach richtete.

Als ich die Vierzig überschritt, wurde ich jedoch sehr unzufrieden mit meinem Übergewicht, meiner Abhängigkeit von Zigaretten und mit anderen ungesunden Praktiken. In den letzten 23 Jahren habe ich viel über gesündere Lebensweisen gelernt und mit diesen experimentiert; dieser Prozess dauert bis heute an. „Ganzheit­liche Gesundheit“ ist heutzutage in aller Munde und meint im Allgemeinen folgendes:

a) Körperliche, geistige und spirituelle (moralische, ethische) Gesundheit sind eng miteinander verbunden.

b) Jede Person ist verantwortlich für ihre Gesundheit und fähig, diese zu verbessern und zu erhalten.

c) Natürliche Methoden zur Erhaltung der Gesundheit bzw. zur Behandlung von Krankheiten sind besser als chemische Methoden.

In den letzten 22 Jahren hat sich bei mir u.a. Folgendes verändert:

a) Körperübungen und körperliche Betätigungen (Yoga, Joggen, Tennis usw.) in meinen normalen Tagesablauf aufgenommen.

b) Gewichtsverlust von 30 Pfund

c) Das Rauchen aufgegeben (vollständig) sowie den Genuss von Koffein und Alkohol (fast). (Zum Teil bin ich immer noch süchtig nach Zucker.)

d) Vegetarier geworden.

e) Stressreduktionstechniken gelernt.

f) Einnahme von bestimmten Nahrungsergänzungsmitteln (Vitamine, Mineralien).

g) Meine wöchentliche Arbeitszeit von 60 auf 35 Stunden reduziert.

Diese Veränderungen erfolgten weder alle gleichzeitig, noch waren sie alle einfach zu bewerkstelligen. Ich habe mindestens ein halbes Dutzend Mal versucht, mit dem Rauchen aufzuhören, bevor ich es endlich schaffte (andererseits hörte ich ohne jede Schwierigkeit oder irgendein Gefühl des Verlusts auf, rotes Fleisch zu essen). Manche dieser Praktiken erfordern meine ständige Aufmerksamkeit; so muss ich beispielsweise häufig mein Arbeitspensum checken und es ggf. reduzieren – die Zahl meiner wöchentlichen Arbeitsstunden neigt dazu unmerklich anzusteigen, wenn mein Problem, Nein zu sagen, oder das Verlangen nach Konsumartikeln und Geld sich erneut Geltung verschaffen.

Meine eigene Erfahrung mit einer gesünderen Lebensweise überzeugte mich von dem Wert, den es hat, bei meinen Klienten für einen gesünderen Lebensstil zu werben – falls sie dafür empfänglich sind und wenn ja, zu dem für sie richtigen Zeitpunkt. Seit langer Zeit versuche ich nun, ein ganzheitliches Gesundheitszentrum auf die Beine zu stellen oder ein Netzwerk, in dem Psychotherapeuten, Chiropraktiker, Ernährungsberater, Masseure, Yoga- und Meditationslehrer usw. zusammenarbeiten können und bei Bedarf untereinander für die jeweiligen Klienten zur Verfügung stehen. Ich glaube, in einer nicht allzu fernen Zukunft werden viele Psychotherapeuten den ganzheitlichen Ansatz in ihre eigene Arbeit integrieren und/oder oder in enger Verbindung mit anderen Fachleuten arbeiten.

Bis es soweit ist, rate ich meinen Klienten zu Gesundheitsprogrammen und empfehle ihnen Fachleute aus verschiedenen Gesundheitsbereichen, wenn ich die Notwendigkeit dafür sehe, und arbeite auch selbst direkt mit ihnen an gesundheit­lichen Problemen, wenn diese in der Psyche begründet sind, wie es häufig der Fall ist.

Einer meiner Klienten zum Beispiel, nennen wir ihn Todd, war deutlich übergewichtig, sehr angespannt, litt an Kopfschmerzen usw. Er befand sich bei mir in Therapie (Einzel- und Gruppentherapie, Familien- und Paartherapie, Marathon-Wochenenden usw.), und zwar mit Unterbrechungen über einen Zeitraum von zehn Jahren (eher größere Unterbrechungen als kleinere, aber insgesamt doch eine beträchtliche Anzahl an Jahren). Dieses Mal kam er wieder zur Therapie wegen eines dauerhaft starken Angstzustandes, ständiger Sorgen und der Unfähigkeit, wirklich zu entspannen und das Leben zu genießen. In den vergangenen zwei Jahren ist seine körperliche Gesundheit immer wieder ein wichtiges Thema in seiner Therapie gewesen. Wie bereits erwähnt, war er übergewichtig. Sein täglicher Speiseplan umfasste eine Menge Junkfood und so etwa um die acht Tassen Kaffee; abgesehen von seinem Job (der auch körperliche Arbeit beinhaltete) betätigte er sich körperlich kaum und beim Genuss von Alkohol traten negative Reaktionen auf, die bis zum nächsten Tag anhielten. Im Verlauf der Therapie arbeiteten wir sehr intensiv an seinen schädlichen Gewohnheiten. Als Ergebnis dieser Arbeit beendete er seinen Kaffeekonsum (trotz Entzugssymptomen, die zwei bis drei Wochen andauerten), reduzierte drastisch den Genuss von Alkohol und Junkfood, begann ein regelmäßiges Übungsprogramm in einem Fitness-Center und fing an, auf eine ausgewogene Ernährung und die Kalorienaufnahme zu achten. Als Erfolg stellten sich Gewichtsverlust, Abnahme der Zittrigkeit, ein besserer Muskel­tonus sowie das bereichernde Gefühl ein, die Kontrolle über sein Leben zu besitzen. Diese Arbeit erforderte ein ständiges Vor- und Zurückgehen zwischen seinen aktuellen Verhaltensmustern und deren Ursprüngen in seiner Kindheit. So wuchs Todd in einer Familie auf, in der Lebensmittel gehortet und zu den Mahlzeiten nur sparsamst zugeteilt wurden. Als Erwachsener nun überaß er sich unter Stress – obschon es ihm finanziell gut ging – als ob die Lebensmittel immer noch knapp wären. Dieses Vor- und Zurückgehen machte es ihm möglich, zu verstehen, wie seine Muster entstanden waren. Nach und nach war er in der Lage, die alten Muster aufzugeben, aufzuhören, diese Kindheitskämpfe auszufechten, und in der Gegenwart zu leben.

Ein anderer wichtiger Aspekt der Gesundheit betrifft den Stress. Es ist allgemein bekannt, dass das Tempo des modernen Lebens sehr aufreibend ist, obschon sich dies relativ wenig Menschen wirklich klar vor Augen führen und damit umzugehen lernen. Ich glaube, für Personen, die im Hamsterrad der modernen Welt gefangen sind, ist es von entscheidender Bedeutung, daran zu arbeiten – sowohl um den persönlichen Anteil an diesem Problem zu erkennen als auch um Methoden zur Stressreduktion zu lernen. Mit „persönlichem Anteil“ meine ich die exzessiven Bedürfnisse nach Leistung und Anerkennung, die viele Menschen haben und die in Überarbeitung enden. Mit „Methoden zur Stressreduktion“ meine ich, einen Plan für eine gesunde Lebensführung aufzustellen (mit ausreichend Raum für Freizeit, Erholung und Entspannung) und das Ausüben bestimmter Techniken wie Tiefenentspannung, Meditation, Selbsthypnose usw. Natürlich kennen nicht alle Therapeuten diese Ansätze bzw. sind nicht alle Therapeuten daran interessiert (zu viele stecken selbst im Hamsterrad), aber Sie können sie mit Ihrem Therapeuten durchgehen und ggf. andere Alterna­tiven zur Unterstützung finden wie etwa lokale ganzheitliche Gesundheitszentren usw.

 

Vorschlag: Beobachten Sie nun Ihre Verhaltensmuster in bezug auf Ihre Gesundheit und prüfen Sie, ob Sie mit Ihrem Therapeuten an einigen dieser Muster arbeiten sollten.

 

Kapitel X: HÖHERES BEWUSSTSEIN

In den letzten Jahren haben manche Psychotherapeuten ihren angestammten Interessensbereich der Psyche (Denken und Gefühle) auf die „Seele“ ausgeweitet, gerade so wie andere den Körper durch die Themen Ernährung und körperliche Betätigung in ihre Arbeit mit einbezogen. [Anmerkung der Übersetzerin: Während im Deutschen die Wörter „Psyche“ und „Seele“ häufig synonym gebraucht werden, steht das engl. Wort „soul“ eher für den spirituellen Bedeutungsaspekt der Seele.]

Diese Bewegung in der Psychotherapie wird von manchen „transpersonale Psychotherapie“ genannt, während andere sie als Beziehung zum „höherem/erweitertem Bewusstsein“ bezeichnen. d.h., der Fokus geht über das Gewahrsein des Selbst und interpersonaler Beziehungen hinaus in Richtung des Gewahrseins von Aspekten, die sich mit Religion bzw. Spiritualität überschneiden. Therapie schließt dann die Beschäftigung mit Konzepten und Erfahrungen wie psychische Erscheinungen, ASW (außersinnliche Wahrnehmung), Eins werden mit dem Universum, Reinkarnation usw. mit ein. Natürlich sind diese Konzepte für viele albern und verrückt und manche Therapeuten betrachten diese Interessen als lächerlich, unorthodox und unziemlich für professionelle Psychotherapeuten. Es ist offensichtlich, für mich jedenfalls, dass es auf diesem Gebiet keine endgültige „Wahrheit“ gibt, jedes dieser Konzepte ist mehr oder weniger eine Angelegenheit des persönlichen Glaubens.

Was mich anbelangt, so bin ich offen dafür, Klienten dabei zu begleiten, diese Seite von ihnen zu erforschen, selbst wenn ich vielleicht nicht dieselben Überzeugungen habe. Ich glaube nicht, dass ein Therapeut an alles, was ein Klient für sich erhofft, glauben muss, um ihn dabei unterstützen zu können. Beispielsweise halte ich nicht viel vom Marathonlaufen, habe aber einige Klienten in ihren diesbezüglichen Bestrebungen unterstützt.

Was „höheres Bewusstsein“ und „spirituelle Werte“ anbelangt, so arbeite ich entweder selber mit den Klienten an diesen Themen oder empfehle ihnen andere Fachleute, die durch ihre spezifischen Qualitäten und ihre Kompetenz hilfreich für sie sein können.

Eine Klientin von mir war beispielsweise ständig mit ihren Gedanken bei einer kürzlich verstorbenen Verwandten. Da sie an ein Leben nach dem Tode und an die Kommunikation zwischen Lebenden und Toten glaubte und um sie dabei zu unterstützen, ihr momentanes Thema gut abschließen zu können, empfahl ich der Klientin ein mir bekanntes Medium, das von sich sagt, es besäße die Fähigkeit, mit den Toten in Kontakt zu treten. Es fand eine Sitzung mit dem Medium statt, die auf Band aufgenommen wurde. Ich hörte mir das Band an und obschon ich hinsichtlich des Gehörten skeptisch blieb, hatte ich keine Probleme damit, diese Erfahrung mit meiner Klientin zu diskutieren und sie darin zu unterstützen, das Erlebte zu nutzen, um ihr momentanes Thema abzuschließen und zu integrieren.

Meditation ist eine Technik, die sich im Grenzbereich zwischen Wissenschaft und Spiritualität bewegt. Zum einen wurde Meditation intensiv wissenschaftlich erforscht und vieles spricht dafür, dass sie die Entspannung fördert, Muskelspannung abbaut und zu einem umfassenderen Blick auf das Leben führt. Befürworter der Meditation, die einen spirituellen Hintergrund haben, führen an, dass beständiges Praktizieren zur Erleuchtung und zu einem erhöhten Gewahrsein der Beziehung des Selbst mit dem Universum führt. Was mich anbelangt, so empfehle ich meinen Klienten häufig, regelmäßig zu meditieren, und glaube natürlich an den „wissenschaftlich“ belegten Nutzen, während ich gleichzeitig auch offen bin für die Möglichkeit des „spirituellen“ Gewinns.

Andere Methoden im Zusammenhang mit höherem oder auch erweitertem Bewusstsein beinhalten das Fasten, Schweige-Retreats und Trancezustände. Obgleich Gestalttherapeuten diese Methoden zum Erreichen spiritueller Ziele im Allgemeinen nicht befürworten oder empfehlen, kann es vorkommen, dass manche Klienten ihnen in der Gestalttherapie begegnen.

Praxisadressen von Gestalttherapeuten/-innen

Bud Feder (2009)

Der amerikanische Psychologe Bud Feder arbeitet seit Anfang der 1970er Jahre als Gestalttherapeut. Seine gestalttherapeutische Ausbildung erhielt er bei Laura Perls, der Mitbegründerin der Gestalttherapie.

Er hat eine private Praxis in New Jersey (USA) und war Vorsitzender der „Association for the Advancement of Gestalt Therapy (AAGT)”.

Er ist Mitglied des Trainerstammes des New York Institute for Gestalt Therapy und hat darüber hinaus zahlreiche Gestalttherapie-Trainingsgruppen in zahlreichen Ländern auf drei Kontinenten geleitet.

Seine Leidenschaft ist Tennis – und das Ziel seiner Wünsche Wimbledon.

Während seiner Ausbildung bei Laura Perls lernte er Ruth Ronall (1917 – 2008) kennen, mit der er eng persönlich und beruflich verbunden blieb. U.a. veröffentlichten sie gemeinsam die Bücher „Beyond the Hot Seat: Gestalt Approaches to Group“ (Titel der deutschen Ausgabe: „Gestaltgruppen“, Stuttgart 1983) und „A Living Legacy of Fritz and Laura Perls: Contemporary Case Studies“.

Der nebenstehende Beitrag ist zuerst erschienen 1982 unter dem Titel „Peeling the Onion: A Gestalt Therapy Manual for Clients“ als Broschüre im Selbstverlag. 1992 wurde der Text leicht überarbeitet und ist bis heute erhältlich.

Wir danken Bud Feder für die freundliche Genehmigung der deutschen Erstübersetzung. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Ingrid Müller, Bonn.

© Bud Feder 1982, 1992, 2011

Bitte beachten Sie auch den folgenden Beitrag von Bud Feder, der in Gestaltkritik 1/2010 erschienen ist: Zeit zum Arbeiten - Zeit zum Spielen. Ein 30 Jahre alter Artikel und ein aktuelles Interview.

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