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Bud Feder
Zeit zum Arbeiten - Zeit zum Spielen
Ein 30 Jahre alter Artikel und ein aktuelles Interview


Aus der Gestaltkritik 1/2010:

Gestaltkritik - Die Zeitschrift mit Programm aus dem Gestalt-Institut Köln
Gestaltkritik (Internet): ISSN 1615-1712

Themenschwerpunkte:

Gestaltkritik verbindet die Ankündigung unseres aktuellen Veranstaltungs- und Weiterbildungsprogramms mit dem Abdruck von Originalbeiträgen: Texte aus unseren "Werkstätten" und denen unserer Freunde.

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  Hier folgt der Abdruck eines Beitrages aus Gestaltkritik 1/2010:

Bud Feder
Zeit zum Arbeiten - Zeit zum Spielen
Ein 30 Jahre alter Artikel und ein aktuelles Interview

Foto: Bud FederBud Feder (2009)

Zeit zum Arbeiten -Zeit zum Spielen
Der Artikel von 1977 (1)

1977 und ich bin 47 Jahre alt und ich bin es leid, tagein, tagaus, Woche für Woche als klinischer Psychologe zu arbeiten – trotz eines abwechslungsreichen Stundenplans, der Klinikverwaltung (in Teilzeit), die Arbeit als Therapeut (in Teilzeit), die Arbeit als Supervisor (in Teilzeit) sowie als fachärztlicher Berater an Schulen (in Teilzeit) usw. beinhaltet.

In der Summe sind diese Teilzeittätigkeiten einfach zu viel. Was tun? Ich kann doch nicht aufhören, soviel zu verdienen, wie ich es gewohnt bin – oder doch? Mein Kind erwartet, meine Frau erwartet, ich selbst erwarte ... irgend welches Zeug. Heftig! Von jetzt an:

1. Im Laufe eines jeden Tages zwei oder drei Stunden Auszeit zum: Tennisspielen, sich sonnen, lesen, Sex machen, kochen, schlafen ... mich um mich selbst kümmern.

2. Jeden Monat eine Woche Auszeit zum: Reisen, daheim bleiben, mich meinen geistigen oder intellektuellen Aufgaben widmen, z.B. einem neuen Buch mit Ruth Ronall, „Gestalt Group Approaches“.(2)

3. Und jedes Jahr dann noch drei Wochen Auszeit für diesen besonderen Urlaub.

Freunde, es funktioniert – und ich habe „Zeit zum Spielen“. Klienten mögen das nicht immer - also gehen wir dieses Thema an, oft auf kreative Art und Weise. Natürlich verdiene ich weniger - also gebe ich weniger aus. Macht dich dein 79er Datsun wirklich glücklicher als mich mein 67er Volvo? Bereitet dir dein Essen im „Four Seasons“ (50 $ pro Nase) mehr Vergnügen als mir meines im „New Delhi“ (4 $ pro Nase)?

Meine Großeltern sowohl väterlicherseits als auch mütterlicherseits – sie wurden über 80 – lebten gut bis in dieses hohe Alter. Ich hoffentlich auch.

 

Zeit Zum Arbeiten – Zeit zum Spielen
Über 30 Jahre später (2009)

Als wir mit Bud Feder wegen der deutschen Übersetzung seines inspirierenden Artikels Kontakt aufnahmen, hat er nicht nur sofort zugestimmt – er hat sich auch gerne zu dem folgenden Email-Interview „30 Jahre später“ bereit erklärt. Wir möchten uns an dieser Stelle ganz herzlich bei ihm dafür bedanken.

Der Herausgeber

 

GESTALTKRITIK: Ihr inspirierender Beitrag „Zeit zum Arbeiten - Zeit zum Spielen“ (Time to Work - Time to Play) ist vor genau 30 Jahren in der Zeitschrift „Voices“ erschienen. Damals waren Sie 49 Jahre alt. Wie geht es Ihnen heute, 30 Jahre danach?

BUD FEDER: Ich bin heute beinahe 80 Jahre alt – 80, eine Zahl, über die ich häufig nachdenke. Tatsächlich sage ich oft, wenn Leute mich nach meinem Alter fragen, 80 anstatt 79, um mich schon einmal daran zu gewöhnen. Das ist nicht so einfach, denn in vielerlei Hinsicht fühle ich mich jung: Ich habe noch immer großes Interesse an meiner Arbeit... und an meinen Hobbys, besonders an Tennis. Ich lebe allein, und ich mag es so, denn ich schätze es nicht, ständig unter Menschen zu sein. Ich habe viele Interessen (Gartenarbeit, kulturelle Veranstaltungen, Lesen, Kochen usw.) und zahlreiche Freunde, von denen traurigerweise drei meiner engsten in den letzten fünf Jahren gestorben sind, zwei davon vorzeitig an Krebs. Andererseits habe ich jetzt, im fortgeschrittenen Alter, meine ersten zwei Enkelkinder, zwei Jungen, der eine 3 Jahre, der andere 6 Wochen alt. Mein Sohn hat eine deutsche Frau geheiratet und mein älterer Enkel spricht recht gut deutsch und so unterhalten wir uns manchmal auf deutsch. Die Wörter „eye“ im Englischen und „Ei“ im Deutschen machen ihm noch Probleme.

Emotional bin ich in guter Verfassung, gerade gestern Abend hat mich in meiner Therapiegruppe ein junger Mann mit vielen Problemen gefragt, wann ich denn „zufrieden“ wurde. Das brachte mich zum Nachdenken und die beste Antwort, mit der ich aufwarten konnte, war, dass dies ein langwieriger Prozess gewesen ist, denn nachdem ich um die 40 herum einen Zusammenbruch erlitten hatte, musste ich sehr an mir selbst arbeiten, um den relativ guten Zustand zu erreichen, in dem ich mich jetzt befinde. Ich bin ein viel besserer Mensch als damals; natürlich habe ich noch immer Fehler, darunter ein gelegentliches Wiederaufflackern meiner alten Arroganz und Ungeduld.

Auf kognitiver Ebene geht es mir größtenteils gut, abgesehen von den üblichen Problemen, mir Namen zu merken oder Schlüssel zu finden. Ansonsten bin ich so gut, wie eh und je – was die Theorie anbelangt, war ich nie großartig. Als Therapeut leiste ich eine sehr gute Arbeit und ich bin ein wenig gelassener geworden - sowohl im Umgang mit mir selbst als auch mit meinen Klienten.

GESTALTKRITIK: In Ihrem Text erwähnen Sie drei Entscheidungen:

1. Im Laufe eines jeden Tages zwei oder drei Stunden Auszeit zum Tennis spielen, joggen, sich sonnen, lesen, Sex machen, kochen, schlafen … mich um mich selbst kümmern.

2. Jeden Monat eine Woche Auszeit zum Reisen, daheim bleiben, mich meinen geistigen oder intellektuellen Aufgaben widmen, z.B. einem neuen Buch mit Ruth Ronall „Gestalt Group Approaches“ (2).

3. Und jedes Jahr dann noch drei Wochen Auszeit für diesen besonderen Urlaub.

Wie geht es Ihnen heute mit Ihren damaligen Entscheidungen?

BUD FEDER: Ich halte mich noch immer an den Großteil dieses Programms, jedenfalls mehr oder weniger, nicht ganz exakt. Bevor ich das näher ausführe, möchte ich zunächst klarstellen, dass das Wichtige dabei das Erreichen des wesentlichen Ziels ist, nicht das buchstabengetreue Befolgen der Details. Und das wesentliche Ziel ist für mich, übereinstimmend mit der Gestalttherapie – und vielen anderen Philosophien –, auf seinen Körper/seinen Geist zu hören und sich selbst entsprechend zu regulieren. Das war über die Jahre mein Ziel; als ich älter wurde, habe ich nach und nach mein Arbeitspensum reduziert. Ich arbeite jetzt etwa 12 Stunden pro Woche in meinem Büro, dafür nehme ich mir jetzt nicht mehr jeden Monat eine Woche Auszeit. Damit bin ich damals,1976, gut gefahren, heute ziehe ich es vor, regelmäßig zu arbeiten, und nehme mir über das Jahr verteilt vier oder fünf Wochen Auszeit. Nächstes Jahr werde ich mir beispielsweise die Woche zwischen Weihnachten und Neujahr nehmen und wahrscheinlich zu Hause entspannen und soziale Kontakte pflegen. Im Februar werde ich 10 Tage in Kalifornien verbringen, meinen Bruder besuchen und dort ein wenig herumreisen. Im Juni werde ich eine Woche in Philadelphia sein, bei einer AAGT-Konferenz (3) (das ist wie Urlaub für mich) und dann, später im Sommer, werde ich noch für zwei Wochen irgendwohin fahren. Außerdem habe ich eine Tochter in Massachusetts, die in einer bezaubernden Stadt am Meer lebt, und ich besuche sie mindestens zweimal im Jahr für vier bis fünf Tage. Meine Bürozeiten sind Montag, Dienstag und Donnerstag. Für gewöhnlich arbeite ich ein bis zwei Stunden am späten Morgen, dann mache ich eine Pause bis ca. 17 Uhr – Zeit für Tennis, ein Nickerchen usw. (Sex und Jogging gehören nicht mehr zu meinem Leben wegen körper­licher Probleme, Prostatakrebs etc.)

GESTALTKRITIK: Würden Sie heute die selben Entscheidungen treffen?

BUD FEDER: Diese Frage kann nicht vollständig beantwortet werden … Ich tat damals, was mir am Besten erschien - das machen wir natürlich immer so. Ich habe keinen Gedanken daran verschwendet, meine Entscheidungen von 1979 in Frage zu stellen... Es hat damals für mich funktioniert, also sehe ich keinen Grund dafür, sie für die damalige Zeit zu überdenken. Für heute habe ich, wie ich bereits ausführte, einige Änderungen vorgenommen … Alles andere ist nach wie vor gut zu realisieren.

 

Anmerkung

(1) Englischer Originaltitel: Time to Work - Time to Play, in: Voices – 1979,15,2.

(2) Anmerkung der Übersetzerin: Das Buch, das Bud Feder 1977 erwähnte, ist 1980 unter dem Titel „Beyond the Hot Seat: Gestalt Approaches to Group“ erschienen; Titel der deutschen Ausgabe: „Gestaltgruppen“, erschienen 1983 bei Klett-Cotta.

(3) Konferenz der „Association for the Advancement of Gestalt Therapy”

Praxisadressen von Gestalttherapeuten/-innen

Foto: Bud Feder

Bud Feder, Gestalttherapeut (2009)

Der amerikanische Psychologe Bud Feder arbeitet seit Anfang der 1970er Jahre als Gestalttherapeut. Seine gestalttherapeutische Ausbildung erhielt er bei Laura Perls, der Mitbegründerin der Gestalttherapie.

Er hat eine private Praxis in New Jersey (USA) und war Vorsitzender der „Association for the Advancement of Gestalt Therapy (AAGT)”.

Er ist Mitglied des Trainerstammes des New York Institute for Gestalt Therapy und hat darüber hinaus zahlreiche ­Gestalttherapie-Trainingsgruppen in zahlreichen Ländern auf drei Kontinenten geleitet.

Seine Leidenschaft ist Tennis – und das Ziel seiner Wünsche Wimbledon.

Während seiner Ausbildung bei Laura Perls lernte er Ruth Ronall (1917-2008) kennen, mit der er eng persönlich und beruflich verbunden blieb. U.a. veröffentlichten sie ­gemeinsam die Bücher „Beyond the Hot Seat: Gestalt Approaches to Group“ (Titel der deutschen Ausgabe: „Gestaltgruppen“, Stuttgart 1983) und „A Living Legacy of Fritz and Laura Perls: Contemporary Case Studies“.

Der nebenstehende Beitrag ist zuerst in der amerikanischen Zeitschrift Voices erschienen (1979,15,2). © Bud Feder 1979, 2009. Wir danken Bud Feder für die freundliche Genehmigung der deutschen Erstübersetzung.

Aus dem Amerikanischen übersetzt von Ingrid Müller, Bonn.

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