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Erhard Doubrawa
Die gestalttherapeutische Intervention
Ein Werkstattbericht


Aus der Gestaltkritik

Gestaltkritik - Die Zeitschrift mit Programm aus dem Gestalt-Institut Köln
Gestaltkritik (Internet): ISSN 1615-1712

Themenschwerpunkte:

Gestaltkritik verbindet die Ankündigung unseres aktuellen Veranstaltungs- und Weiterbildungsprogramms mit dem Abdruck von Originalbeiträgen: Texte aus unseren "Werkstätten" und denen unserer Freunde.

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Praxisadressen von Gestalttherapeuten/-innen

  Hier folgt der Abdruck eines Beitrages aus der Gestaltkritik 2-2001:

Erhard Doubrawa
Die gestalttherapeutische Intervention
Ein Werkstattbericht

 

Erhard Doubrawa (Foto von Hagen Willsch)Erhard Doubrawa (Foto: Hagen Willsch)

 

Vor einem Jahr habe ich gemeinsam mit Frank-M. Staemmler eine Aufsatzsammlung zum Thema Martin Buber und die Gestalttherapie herausgegeben: "Heilende Beziehung. Dialogische Gestalttherapie". In einer Rezension dieses Buches schrieb Ludwig Frambach:

 

"Psychotherapie ist als lernbare und lehrbare Profession prinzipiell in der Gefahr, auf methodische oder gar technische Aspekte reduziert zu werden. Darum ist es von kaum zu überschätzender Bedeutung, die vielschichtige Dimension der Beziehung immer wieder ins Bewußtsein zu rücken." (Transpersonale Psychologie und Psychotherapie, Heft 1/2000)

 

Mit diesem Werkstattbericht möchte ich einen Aspekt der "vielschichtigen Beziehung" zwischen KlientIn und TherapeutIn beleuchten, nämlich wie GestalttherapeutInnen ihr eigenes inneres Erleben ihren KlientInnen "anbieten" und damit heilende Prozesse unterstützen können. Ein solches Anliegen kann meines Erachtens nicht als abstrakte Abhandlung gelingen, sondern muß sich eng daran halten, wie ich mich als Therapeut erfahre. Insofern möchte ich mit meinem Werkstattbericht einen Erfahrungsaustausch anstoßen, in welchem wir GestalttherapeutInnen versuchen können herauszuarbeiten, was für uns eine gemeinsame Grundlage unserer Arbeit und was individuelle Eigenheiten sind.

 

Mein Erleben als Therapeut ist die Quelle meiner therapeutischen Arbeit

Ich arbeite als Supervisor auch mit KollegInnen, die ihre Ausbildung in dem von Frambach kritisierten Geist der Reduktion auf Methode und Technik gemacht haben. Ich sehe die Not dieser SupervisandInnen, die "richtige" Intervention zu machen. Es ist, als würden sie bei der Arbeit mit einer KlientIn ihren eigenen Hintergrund von möglichen Interventionen immer wieder "abscannen", um die passende, und zwar die richtige Intervention zu finden. Ihre AusbilderInnen sind für sie zur introjezierten Autorität geworden.

Ich meine es tatsächlich wörtlich, wenn ich sage, daß ich ihre Not sehe. Denn sie haben wirklich Angst, daß ich ihre Intervention in der Supervision als falsche Intervention beurteilen könnte. So haben sie übrigens auch die Supervision während ihrer Ausbildung erlebt, nämlich als (Über-)Prüfung. Manche sind auf diese Weise sehr verletzt von ihren AusbilderInnen geschieden. Zurückgeblieben sind oft große Selbstzweifel und ein geringes professionelles Selbstwertgefühl als GestalttherapeutIn.

Ich will nicht ausschließen, daß es auch an unserem Institut zu solchen Verletzungen genau an dieser Stelle kommt. Aber wir versuchen, sie möglichst zu vermeiden. Immer wieder weise ich meine Trainees darauf hin, daß GestalttherapeutInnen ihre eigenen Wege gehen, ihre eigenen Stilrichtungen finden müssen. Als Ausbilder werde ich sie dabei unterstützen. Lore Perls hat uns einmal gesagt, daß es so viele Gestalttherapie-Richtungen gibt, wie es TherapeutInnen gibt, die Gestalttherapie praktizieren.

Nicht zuletzt deshalb versuchen wir LehrtrainerInnen an unserem Institut ein Lernklima zu schaffen, wo unsere Trainees auf eine andere Weise Gestalttherapie lernen als durch die Aneignung von Gestaltmethoden. Uns geht es vor allem um die Vermittlung der gestalttherapeutischen Haltung.

Die gestalttherapeutische Haltung zeichnet sich vor allem durch Zuwendung zu den KlientInnen aus, und durch Öffnung der TherapeutInnen für ihr inneres Erleben. Darum lehren wir unsere Trainees Gewahrsein. Wir machen das, indem wir als LehrerInnen selbst zuerst Gewahrsein praktizieren. Oft beginnen wir unsere Gruppensitzungen mit einer Gewahrseinsmeditation aus der buddhistischen Tradition. Dabei öffnen wir uns selbst unserer Wahrnehmung.

Gerne denke ich noch heute an die Einladung meines eigenen Lehrtherapeuten zur Beginn einer jeden Einzelsitzung: "Ich bin interessiert an allem, was du wahrnimmst. Seien es Körperempfindungen, Gefühle, Gedanken, Phantasien, Träume…" Genau in dieser Weise achte ich noch heute mit Wohlwollen auf mein Erleben.

 

Wiederherstellung des inneren Erlebens beim Therapeuten - Beispiel aus einer Supervision

Trainee: Mein Klient zeigt kaum Gefühle in der Arbeit mit mir.

Supervisor: Wie sieht es um deine Gefühle aus? Was erlebst du, während du arbeitest?

Trainee: Ich spüre selbst fast gar nichts. Nichts liegt mir ferner als meine eigenen Gefühle. Ich bin da wie abgeschnitten von ihnen.

Supervisor: Und, wie geht es dir jetzt damit?

Trainee: Ich werde jetzt traurig, wo du mich danach fragst.

Supervisor: Und was, wenn es deinem Klienten auch so geht. Vielleicht fühlt er sich auch abgeschnitten von seinen Gefühlen.

Trainee: Ich spüre jetzt eine Wärme für meinen Klienten. Und Verbundenheit.

Supervisor: Stell dir vor, du würdest ihm davon berichten …

Trainee: Mein Klient wäre dann bestimmt gerührt. Daß ich an ihn denke. Und daß ich mit ihm fühle.

Supervisor: Dann mach dich damit auf den Weg …

Drei Wochen später:

Supervisor: Wie ist es nach unserer letzten Supervision mit dir und deinem Klienten weitergegangen?

Trainee: Erstaunlich leicht. Bei unserer nächsten Sitzung war mein Klient viel näher an seinen Gefühlen. Auf einmal fiel es mir auch leichter, viel leichter als ich es mir vorgestellt hatte, ihm von meiner Supervision und meinen Gefühlen für ihn zu erzählen.

Supervisor: Und wie ging es ihm damit?

Trainee: Er war tatsächlich gerührt und hat sich noch stärker seinen Gefühlen geöffnet.

Supervisor: Wie ist es dir selbst damit gegangen?

Trainee: Auch ich bin wieder gefühlvoller geworden. Meine Frau hat mich darauf angesprochen. Ich bin selbst wohl recht abgeschnitten von meinen Gefühlen gewesen.

Supervisor: Ach so. Als Gestalttherapeut gehe ich ja immer davon aus, daß das, was ist, seine Berechtigung, seine Not-wendigkeit hat. Daß es einmal eine Not abgewendet hat. Daß es einmal eine Hilfe darstellt war, ein Problemlösungsversuch.

Wofür wäre dein Abgeschnittensein von deinen Gefühlen dann gut gewesen?

Mein Trainee beginnt zu weinen und vom Anlaß seines Schmerzes zu berichten. Wenn er da mehr spüren würde, dann wäre es unerträglich. Ja, eben. Er würde die unglückliche Situation nicht länger ertragen. Und etwas unternehmen, sie zu verändern.

 

"Der Gestalt-Bohrer" oder "Ein zärtlicher Tanz"

Als ich Erving und Miriam Polster zum ersten Mal gestalttherapeutisch arbeiten sah, fiel mir nur eine Beschreibung dafür ein: Ein sanfter, zärtlicher Tanz. Diese Art zu arbeiten, übte unmittelbar eine große Anziehung auf mich aus.

Die therapeutische Arbeit der Polsters bewegte sich leicht. Sie begann wie ein freundliches Gespräch. Manchmal wurde daraus ein Gespräch unter Freunden. Es wurde viel gelacht und viel geweint. Mit der gleichen Selbstverständlichkeit, mit der über Alltägliches gesprochen wurde, wurde Intimes besprochen. Die therapeutische Arbeit bewegte sich leicht zwischen scheinbar Oberflächlichem und scheinbar Tiefem. Erving und Miriam Polster waren einfach da. Wohlwollend. Zugewandt. Interessiert. Und so wurde das Alltägliche zum Besonderen.

Ich hatte meine eigene Arbeit bis dahin eher als plump erlebt. Kein bißchen geschmeidig. Mühsam. So als wollte ich etwas erzwingen. Als würde ich eine Wand zum Einbrechen bringen wollen. Die Wand eines Bunkers vielleicht.

Nicht ohne Grund hatte mir mein Freund und Kollege Horst ter Haar eine kleine silberne Bohrmaschine zum Anstecken geschenkt, die er bei einer Goldschmiedin für mich hatte anfertigen lassen. Dieser "Gestalt-Bohrer" stand für die Art, wie Horst mich mit KlientInnen hatte arbeiten sehen.

Besonders habe ich diesbezüglich eine Arbeit in Erinnerung, die ich mit einem sehr verschlossenen jungen Mann gemacht habe. Ich ließ ihn so lange mit einem Kissen auf den Boden schlagen und dabei schreien, bis er erschöpft und windelweich war. Wenn ich heute an diese Arbeit denke, dann fühle ich große Scham. Ich habe im Nachhinein den Eindruck, ich habe seinen Widerstand damals brechen wollen. In der Tat, war sein Widerstand mir wirklich nicht willkommen. Ich fand ihn störend. Zumindest für meine Arbeit mit ihm, dem jungen Mann. Ich denke, daß sein anschließendes Wegbleiben aus der Therapiegruppe vielleicht damit zusammenhängen mag. Er erlebte sich einfach nicht von mir so angenommen, wie er war. Er mußte den Eindruck von mir vermittelt bekommen haben, etwas wäre falsch an ihm. Dabei mußte er doch einen Grund gehabt haben, an der Gruppe teilzunehmen: eine Not, die er beheben wollte. Aber das konnte ich damals nicht achten und würdigen.

Ich denke heute, daß ich damals sicher gerne einen Erfolg oder "Durchbruch" bei ihm erreichen wollte und deshalb die Berechtigung seines Widerstandes nicht zu würdigen wußte. Daß ich darum nicht erkannte, inwiefern sein Widerstand einen Problemlösungsversuch darstellte. Und ich befürchte, daß ich mit meiner Arbeitsweise meinen Klienten dieser Problemlösungsmöglichkeit beraubt habe.

Ich erinnere mich noch, wie der junge Mann erschöpft und weinend auf dem Boden des Gruppenraumes saß. Durchgeschwitzt. Schutzbedürftig. Bald danach war unser Wochenendworkshop vorbei. Soviel ich mich erinnern kann, war das die letzte Arbeit an diesem Wochenende. Danach kam er nicht wieder. Alle Versuche, mit ihm telefonisch Kontakt aufzunehmen, liefen ins Leere.

In diesem Zusammenhang fällt mir noch eine weitere Arbeit ein, wo es mir - methodenverliebt - nicht um den eigentlichen Prozeß des Klienten gegangen war. Ein zurückgezogener, scheuer junger Mann sprach über irgendein Thema in einem Wochenendworkshop, den ich für eine katholische Bildungsstätte durchführte. Er sprach leise und zurückhaltend, etwas gequetscht. Dabei bewegte er seinen Fuß. Wippte damit. Ich forderte ihn auf, diese Wippbewegung stärker zu machen. Immer stärker. Und schließlich seine Stimme dazuzunehmen, um diese Wippbewegung, die inzwischen ein Auftreten geworden war, zu unterstreichen. Ich pushte ihn weiter. Er sollte die Bewegung und die Geräusche noch stärker machen. Bis er schließlich mit einem Schrei in die Mitte des Gruppenraumes sprang.

Auch hier war der Workshop bald darauf zuende. Ja, jetzt erinnere ich mich: Der junge Mann hatte darüber gesprochen, wie sehr er unter seiner Bundeswehrzeit, die vor wenigen Wochen begonnen hatte, leiden würde. Mehr als ein Jahr später wurde mir von einem anderen Teilnehmer davon berichtet, daß der junge Mann - so aufgerissen wie er nach diesem Wochenende war - sich nicht vorstellen konnte, am Sonntag Abend den Dienst in seiner Kaserne wieder anzutreten. Irgendwie muß das große Konsequenzen nach sich gezogen haben. Sie habe ich aber, "gottseidank", verdrängt. Soviel zum Thema Widerstand - Widerstand beim Therapeuten.

Als plump habe ich damals meine Arbeit empfunden. Erfolgsorientiert habe ich damals gearbeitet. So, als würde alles von mir und meinen Interventionen abhängen. In der Tat habe ich meine Wirksamkeit genossen. Ich fühlte mich einflußreich und bedeutsam.

 

Der Gestalttherapeut schöpft seine Intervention aus seiner Wahrnehmung

Als ich später einmal vor meinem Lehrer Hunter Beaumont mit meiner "therapeutischen Potenz" prahlte, hat er folgende Phantasieübung mit mir gemacht. Danach war so manches für mich anders.

Ich sollte mir vorstellen, ich sei eben gerade erst geboren worden, wäre über und über blutverschmiert. Meine Mutter würde noch bluten von der Geburt. Ich würde dieses Blut über meine Haare und mein Gesicht verteilen. Dann würde ich meine von der Geburt geschwächte Mutter anblicken und sagen: "Ich hätte das besser gemacht."

Eine Ungeheuerlichkeit. Ich fühlte tiefe Scham, senkte den Kopf, blickte vor mich auf den Boden. Unwillkürlich - gleichsam als "gesamtgeschöpfliche Reaktion" - senkte ich den Kopf noch tiefer. Noch tiefer. Dann fingen meine Tränen an zu fließen. Ich spürte einen tiefen Schmerz. Und eine Weile danach spürte ich eine große Wärme, eine große Verbundenheit und Zugehörigkeit. Das war die Demut des Geschöpfseins, die Bewußtheit von der Zugehörigkeit zur Schöpfung. Nichts machen. Nur empfangen - von der "Großen Mutter".

Diese Haltung hat viel mit der gestalttherapeutischen Haltung zu tun: Empfangen. Schöpfen aus der Wahrnehmung. Erst einmal nichts tun. Nur des eigenen Erlebens gewahr werden. Daraus die therapeutische Intervention schöpfen. In einer demutsvollen Haltung bleiben. Nichts "besser wissen". Sich dienend zur Verfügung stellen.

Manchmal spürt der Klient noch nichts. Noch ist ihm seine Wahrnehmung verschlossen. Dann bin ich Therapeut besonders gefährdet, überheblich zu werden. So, als wäre ich das Modell des besseren, des besser gewahren, des besser integrierten Menschen.

Doch das wäre Mißachtung. Mein Klient ist nicht ohne Grund, wie er ist, nämlich von seiner Wahrnehmung getrennt. Solches sucht man sich nicht aus "heiterer Lust und Laune" aus. Es ist vielmehr eine Schutzreaktion nach einem erfahrenen Schmerz - oder wahrscheinlich eine Schutzreaktion nach immer wieder erfahrenen Schmerzen und immer wieder erlittenen Verletzungen.

Wenn Verschließen die Rettung ist, muß der Schmerz groß gewesen sein! Und wenn das Verschließen gegen die eigene Wahrnehmung an einem sehr frühen Zeitpunkt des Gestaltbildungsprozesses erforderlich war, um überleben zu können, dann ist dies wahrscheinlich auch biographisch zu einem sehr frühen Zeitpunkt erforderlich gewesen, vielleicht noch bevor das Kind den Schmerz oder das Leid sprachlich ausdrücken konnte. Die mit dieser Sichtweise verbundene Haltung achtet und würdigt meinen Klienten hier vor mir. Sie sieht sein Leben als Geschenk und Kunstwerk. Betrachtet neugierig und staunend.

Aus dieser Haltung heraus biete ich dem Klienten mein eigenes Erleben als Therapeut an. "Ich empfinde einen tiefen Schmerz, während ich dir hier und heute zuhöre." Dann kann der Klient, der sich vor seiner Wahrnehmung zu schützen gelernt hat, sein Erstaunen darüber ausdrücken. Wenn ich, der Therapeut, vor empfundenem Schmerz vielleicht weinen muß, dann kann er vielleicht Rührung dafür empfinden, daß ich mich so tief von ihm berühren zu lassen bereit bin.

Ich erlebe den Stimmungswechsel eines Klienten in mir selbst. So wie ein plötzliches "Ups". Manchmal wie ein kleines inneres Stolpern. Eine kleine Irritation. Das plötzliche Springen von einem Gedanken zum anderen. Manchmal atme ich auf einmal nur noch ganz flach. Oder ich halte richtig lange die Luft an. Manchmal denke ich an ein eigenes Erlebnis. Auf einmal fällt mir die Hochzeit meines Freundes ein. Die Rührung seiner Frau, als sie ihm das Jawort gab. Manchmal ein trauriger Moment. Meine Mutter am Telefon, als sie mir den Tod meines Vaters mitteilt. Sie schreit und weint. Bin ich dann wirklich noch mit meinem Klienten?

Dies kenne ich auch von unseren Trainees, z.B. wenn jemand, der gerade in der Gruppe gearbeitet hat, hören möchte, wie es den anderen dabei ergangen ist. Manchmal, wenn er jemanden dann direkt anspricht, erschrickt dieser peinlich und sagt: "Ich war gar nicht dabei. Ich war mit mir beschäftigt". In einem solchen Fall ist es mir ganz wichtig, hervorzuheben, daß er dann vielleicht "bei sich mit dem anderen war". Daß er, während der andere gearbeitet hat, vielleicht ähnliche Stellen des Seelenlebens bei sich selbst aufgesucht hat. Daß er, als der andere z.B. von seinen Problemen mit seinen heranwachsenden Kindern sprach, an seine eigenen Kinder dachte. Oder, daß er an seine eigenen Eltern dachte. Welche Probleme sie mit ihm hatten, als er ein Heranwachsender war. Das ist wirklich ein Mit-dem-Anderen-Sein. Eben: Bei mir mit dem anderen sein.

 

Zusammenhang von Wahrnehmung und Intervention - drei Beispiele

1. Körperliche Empfindungen des Gestalttherapeuten während der Arbeit mit einem Klienten: Druck im Magen. Last auf den Schultern. Unruhe im Bauch. Wärme. Kälte, z.B. kalte Füße, Hände oder sogar: Arme schlafen ein. Oder: Fehlen von körperlichen Empfindungen.

 

Mögliche Interventionen: Unter Umständen behalte ich die Wahrnehmung erst einmal für mich. Meistens zu Beginn einer Therapie. Da muß ich meinem Klienten noch nahebringen, wie ich als Gestalttherapeut arbeite. Das ist ganz wichtig. Denn, unvorbereitet mit einer Wahrnehmung des Therapeuten konfrontiert, kann sich der Klient sehr unwohl, weil beobachtet und "bewertet" vorkommen.

Frage an den Klienten: "Was nimmt du gerade in deinem Körper wahr? Ist dir warm? Kalt?" Oder Mitteilung einer eigenen Wahrnehmung: "Meine Arme schlafen gerade ein. Was ist bei dir? Oder: Was löst meine Mitteilung bei dir aus?"

Dem Klienten eine Information geben: "Wir GestalttherapeutInnen achten auf alle Wahrnehmungen. Von den Körperempfindungen bis hin zu den Gefühlen. Wir gehen davon aus, daß wir handlungsfähiger werden, je mehr wir wahrnehmen. Und manchmal kündigen sich bestimmte Empfindungen zuerst in einer Körperwahrnehmung an. Ich spüre z.B. einen Druck auf dem Magen. Das ist oft so, bevor es Ärger gibt. Oder: Ich gehe eigentlich gerne zur Arbeit. Doch mein Magen knurrt."

 

2. Wahrnehmung von Gefühlen während der Arbeit mit einem Klienten: Ich fühle mich traurig, fröhlich, … Oder: Ich fühle gar nichts. Mein Zugang zu meinen Gefühlen ist mir verschlossen.

Mögliche Interventionen: Wieder könnte ich meine Wahrnehmung erst einmal für mich behalten. Oder ich könnte den Klienten fragen, wie er sich gerade fühlt. Welches Gefühl bei ihm gerade im Vordergrund ist. Oder: Ich könnte ihn nach dem z.Zt. im Leben vorherrschenden Gefühl fragen. Oder: Ich könnte mein Gefühl mitteilen. Einfach als Information. Oder verbunden mit der Frage, ob es ihm etwa genauso geht. Oder interessiert daran, was seine innere Antwort auf das von mir mitgeteilte Gefühl ist.

Vorsicht: Wenn mein Klient nichts fühlt, dann ist es - besonders am Anfang einer Therapie - wichtig, ihm zu verdeutlichen, daß es so ganz in Ordnung ist. Daß er jetzt nicht etwas besonders fühlen müßte. Daß es bei unserer Arbeit vielmehr um ein wohlwollendes Beobachten und Erforschen ohne Werten geht. Denn: Die Seele verschließt sich, wenn Wertung im Raum ist. Und zwar nicht nur dann, wenn negative Bewertung im Raum ist. Auch bei positiver Bewertung. Denn wenn z.B. ein Kind seiner Mutter etwas selbst Entdecktes, selbst Gefundenes oder Herausgefundenes zeigt, dann geht es ihm nicht um Lob, sondern um den Ausdruck und die Mitteilung von Freude. Dann wäre Loben ("das hast du fein gemacht") etwas, was die Seele zum Sich-Verschließen bringen könnte. - Besonders, wenn der Klient feststellen könnte, daß er gar nicht wahrnimmt, könnte er sich kritisiert oder bloßgestellt erleben.

Also: Immer wieder hervorheben, daß es nicht um Wertung, sondern um Erforschen geht. Daß wir nicht ohne Grund so sind, wie wir sind. Daß nichts zu fühlen ganz sicher einmal ein überlebenswichtiger Schutz war. Daß "Widerstand" - mit Lore Perls' Worten - immer "Beistand" ist, "Stütze", und nur "jetzt noch nicht" bedeutet. Ganz besonders wichtig: Wenn mein eigener Narzißmus, meine eigene übertriebene Selbstliebe, anspringt, dann wird es heikel. Dann möchte ich erfolgreich arbeiten und arbeite deshalb vielleicht an meinem Klienten vorbei. Überhole ihn. Lasse ihn stehen. Fahre vor. Oder mache die Arbeit selbst. Aber eigentlich sollte er ja arbeiten, und nicht ich. Wenn ich also merke, daß ich zu arbeiten beginne, dann ist da eigentlich schon etwas faul.

 

3. Wahrnehmung von Phantasien, inneren Bildern etc. Während ich mit einem Klienten arbeite, habe ich z.B. innere Bilder. Ich sehe eine Burg mit festen Mauern umgeben. Oder ein großes, tiefes, schwarzes Loch. Oder einen warmen Platz irgendwo unter einer milden Sonne. Oder: Ich nehme meine Klientin, die nie verheiratet war, als Witwe wahr, als sie vom Tod ihres Freundes berichtet. Oder …

Mögliche Interventionen: Ich könnte auch hier meine Wahrnehmungen erst einmal für mich behalten. Dafür gibt es manchmal ausgesprochen wichtige Gründe. Die Klientin und ich sind noch nicht sehr vertraut miteinander. Oder meine Klientin neigt dazu, sich in Phantasien, inneren Bildern etc. zu verlieren. Dann wäre eher die Arbeit am "Sichtbaren" angebracht. Um die Klientin im Hier-und-Jetzt des Kontakts mit mir zu halten. Oder: Ich könnte meine Klientin fragen, ob sie Phantasien, innere Bilder hat… Jetzt im Augenblick zum Beispiel. Und wenn sie das bejaht, dann könnte ich sie einladen darüber zu sprechen. Und wenn sie es verneint, dann könnte ich ihr versichern, daß das in Ordnung ist, so wie es ist. Und daß jeder Mensch eine andere besondere Gabe hat. Und sie vielleicht nicht unbedingt die der inneren Bilder. Oder: Ich könnte meiner Klientin von meinen Phantasien oder inneren Bildern berichten. Sagen: "Während du das und das erzählst, denke ich das und das." Und wir könnten das in der weiteren gemeinsamen Arbeit nutzen. Evtl. fallen ihr dann eigene Phantasien zu und auf. Oder wir arbeiten damit, was meine inneren Bilder bei ihr auslösen.

Vorsicht: Gerade innere Bilder sprechen KlientInnen tief in ihrem Inneren an. Daher ist die Verwendung dieser in der therapeutischen Intervention äußerst vorsichtig zu handhaben. Eine Ahnung davon, was ich damit meine, können Sie vielleicht dadurch bekommen, daß Sie sich die Reaktion meiner Klientin vorstellen, wenn ich ihr davon berichte, daß, während sie spricht, ich ein "großes, tiefes, schwarzes Loch wahrnehme".

Immer wieder kommen KlientInnen in meine Praxis, die in einer vorhergehenden Therapie zutiefst erschrocken sind, als z.B. ein Therapeut ihnen sagte, er habe den Eindruck, daß in ihrem Leben, in ihrer Kindheit, manchmal sogar während der Schwangerschaft - pränatal also - "etwas Dunkles gewesen sei". Die KlientInnen martern sich dann. Sie sehen darin, daß sie sich an wirklich nichts erinnern können, schließlich auch noch die Bestätigung dafür: "Wenn ich mich gar nicht erinnern kann, dann muß ich das Dunkle schon sehr tief verdrängt haben." D.h. es muß wirklich sehr schlimm, schmerzhaft, ängstigend gewesen sein.

 

Fernsteuerung versus Selbststeuerung

Gestalttherapie ist nicht einfach irgendeine psychotherapeutische Methode, sondern eine therapeutische Haltung, mit der wir unsere KlientInnen unterstützen, ihre eigene organismische Selbstregulation wieder in Gang zu bringen. Organismische Selbstregulation ist die uns allen (eigentlich) innewohnende natürliche Fähigkeit, unsere Bedürfnisse wahrzunehmen und die not-wendigen Schritte einzuleiten, unsere Bedürfnisse zu befriedigen. Das geschieht ohne besondere Bewußtheit. Eine Figur - also ein Thema, ein Bedürfnis, ein Problem etc. - tritt irgendwann in der Vordergrund des Gewahrseins und dann leiten wir die notwendigen Schritte ein, das Thema zu bearbeiten, das Bedürfnis zu befriedigen, das Problem zu lösen etc. Wenn diese Selbstregulation klappt, schenken wir diesem Prozeß keine weitere Beachtung.

Aber klappt die Selbstregulation immer? Nein, in unserer Kultur haben wir nicht gelernt, auf unsere eigentlichen Bedürfnisse zu achten, sondern eher, sie nicht wahrzunehmen, d.h. uns bei dem, was wir tun, nicht an dem zu orientieren, was wir innerlich wollen, sondern daran, was andere äußerlich von uns erwarten.

Mit Wehmut betrachte ich gelegentlich spielende Kinder. Sie folgen bei ihrem Spiel einfach ihrem Interesse, ihrer Neugier, ihrer Lust. Voll Begeisterung zeigen sie dann den Erwachsenen, was sie herausgefunden haben. Dann werden sie von letzteren leider häufig gelobt. Hier beginnt die Deformierung. Nicht die Begeisterung wird geteilt und dadurch ermutigt, sondern das Lob für das Produkt tritt an die Stelle der Lust am Prozeß. Auf diese Weise wird eine Haltung formiert, etwas zu tun, zu erforschen, zu lernen, weil es Lob einbringt. Es entsteht "Fernsteuerung".

Gestalttherapie will unsere KlientInnen wieder zur "Selbststeuerung" ermutigen und damit Subjektsein wieder erlebbar machen. Das geht nur, wenn ich meine KlientInnen auf dem Weg dorthin bereits als mündige Subjekte behandle. In der Pädagogik spricht man von "vorgeschossener Mündigkeit". Ich finde diesen Begriff sehr passend auch für das, was Stefan Blankertz ein "therapeutisches Paradox" nennt: Die TherapeutIn behandelt auch jene KlientInnen als mündig, die ihre eigene Mündigkeit noch nicht fest in ihren Besitz genommen haben.

So betrachtet bin ich als Gestalttherapeut nicht der Quell von Wissen und Weisheit. Nicht ich kenne die Lösungen und müßte sie meinem KlientInnen nur noch nahe zu bringen. Nein, meine KlientInnen müssen ihre Lösungen selbst suchen und finden. Ich kann ihnen dabei nur meine Unterstützung anbieten - der Therapeut ist eben nur ein "Steigbügelhalter": Die KlientInnen können nur selbst das Pferd besteigen und reiten. Ich habe das Vertrauen (und die Erfahrung!), daß meine KlientInnen ihre bisher verschüttete Mündigkeit schnell wieder in Besitz nehmen werden, wenn die "selbstgesteuerte" Lösungssuche einmal begonnen hat.

 

Die schöpferische Tätigkeit des Gestalttherapeuten - ein Bild

Ich hab mich immer als Erwachsenenbildner verstanden. Der Begriff Bildung hat für mich Nähe zum Bildnerischen, also eher zum Künstlerischen als zum Handwerklichen. Michelangelos Antwort auf die Frage, wie er Skulpturen mache, kommt mir hier in den Sinn: "Ich suche einen Stein, in den die Skulptur bereits eingeschlossen ist. Dann entferne ich das überflüssige Material. Befreie die vorhandene Skulptur. Das ist alles." Ein schönes, ein achtungsvolles, ein ehrfurchtsvolles Bild. Ein demütiges Bild. Und eine demütige Haltung. Das soll keine Verachtung des Handwerks sein. Das Handwerk hatte Michelangelo vorher gelernt.

 

 

Praxisadressen von Gestalttherapeuten/-innen

 

Erhard Doubrawa

Jahrgang 1955, Gestalttherapeut, Diplom-Pädagoge und Diplom-Sozialpädagoge grad., Studium der Erwachsenenbildung, Kath. Theologie und Publizistik.

Er ist Gründer und Leiter des "Gestalt-Instituts Köln/GIK Bildungswerkstatt", wo er auch als Ausbilder tätig ist.

Außerdem gibt er die Zeitschrift "Gestaltkritik" heraus. Im Peter Hammer Verlag ediert er zusammen mit seiner Frau Anke, einer niedergelassenen Psychotherapeutin, eine Reihe zur Theorie und Praxis der Gestalttherapie.

Gemeinsam mit Stefan Blankertz veröffentlichte er "Einladung zur Gestalttherapie. Eine Einführung mit Beispielen" (Peter Hammer Verlag 2000).

Und gemeinsam mit Frank-M. Staemmler gab er eine Aufsatzsammlung zur Bedeutung Martin Bubers für die Gestalttherapie heraus: "Heilende Beziehung. Dialogische Gestalttherapie" (Peter Hammer Verlag 1999).

Der hier erstmalig veröffentlichte Beitrag ist die überarbeitete und erweiterte Fassung seines Vortrags auf der Jahrestagung des Förderkreises Gestaltkritik im Gestalt-Institut Köln am 13. 5. 2000, die unter dem Titel "Die gestalttherapeutische Haltung" stand.

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