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»Es ist wie es ist sagt die Liebe«
Aus einer Radiosendung mit Werner Bock über das Paradox der Veränderung


Aus der Gestaltkritik 1/2006

Gestaltkritik - Die Zeitschrift mit Programm aus dem Gestalt-Institut Köln
Gestaltkritik (Internet): ISSN 1615-1712

Themenschwerpunkte:

Gestaltkritik verbindet die Ankündigung unseres aktuellen Veranstaltungs- und Weiterbildungsprogramms mit dem Abdruck von Originalbeiträgen: Texte aus unseren "Werkstätten" und denen unserer Freunde.

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  Hier folgt der Abdruck eines Beitrages aus der Gestaltkritik 1-2006:

»Es ist wie es ist sagt die Liebe«
Aus einer Radiosendung mit Werner Bock über das Paradox der Veränderung

 

Werner Bock

 

Veränderung geschieht, wenn jemand wird, was er ist, nicht wenn er versucht, etwas zu werden, das er nicht ist. Veränderung ergibt sich nicht aus einem Versuch des Individuums oder anderer Personen, seine Veränderung zu erzwingen, aber sie findet statt, wenn man sich die Zeit nimmt und die Mühe macht, zu sein, was man ist; und das heißt, sich voll und ganz auf sein gegenwärtiges Sein einzulassen. Indem der Gestalttherapeut es ablehnt, die Rolle dessen zu übernehmen, der Veränderung "herstellt", schafft er die Voraussetzung für sinnvolle und geordnete Veränderung.

Der Gestalttherapeut verweigert die Rolle des "Veränderers", weil seine Strategie darin besteht, den Klienten zu ermutigen, ja sogar darauf zu bestehen, daß er sein möge, wie und was er ist. Er glaubt, daß Veränderung nicht durch Bemühen, Zwang, Überzeugung, Einsicht, Interpretation oder ähnliche Mittel zu bewirken ist. Vielmehr entsteht Veränderung, wenn der Klient - zumindest für einen Moment - aufgibt, anders werden zu wollen, und stattdessen versucht zu sein, was er ist. Dies beruht auf der Prämisse, daß man festen Boden unter den Füßen braucht, um einen Schritt vorwärts zu machen, und daß es schwierig oder gar unmöglich ist, sich ohne diesen Boden fortzubewegen.

(Arnold R. Beisser, Die paradoxe Theorie der Veränderung)

Sich verändern: soll man, muss man, will man. Jedenfalls sehr viele Menschen laufen voller Vorsätze durch ihr Leben: sie wollen sich dieses oder jenes abgewöhnen, anders aussehen, sich anders verhalten, jemand anderer werden. Und die Lebenserfahrung zeigt, dass sehr viele dieser Vorsätze unverwirklicht bleiben. Warum?

Fritz Perls, der Begründer der Gestalttherapie, schreibt dazu: »Sobald man sagt: ‘Ich möchte mich ändern’ wird eine Gegenkraft in einem erzeugt, die von der Veränderung abhält.«

Wie aber soll dann Veränderung geschehen? Fritz Perls schreibt weiter: »Änderungen finden von selbst statt. Wenn man tiefer in sich hineingeht, in das, was man ist, wenn man annimmt, was da vorhanden ist, dann ereignet sich der Wandel von selbst. Das ist das Paradox des Wandels.« Fritz Perls war überzeugt davon, dass die Idee einer vorsätzlichen Änderung niemals funktionieren kann.

Es muss für den »gesunden Menschenverstand« tatsächlich paradox klingen, dass Änderung nicht gewollt werden kann, so als sei es sinnlos, Vorsätze zu haben und zu versuchen, sie zu verwirklichen.

Arnold Beisser (1995-1991), auch ein Gestalttherapeut, hat in einem bekannt gewordenen Aufsatz das Paradox der Veränderung auf den Punkt gebracht: »Veränderung geschieht, wenn jemand wird, was er ist, nicht wenn er versucht, etwas zu werden, das er nicht ist.«

Im psychotherapeutischen Erstgespräch steht tatsächlich häufig der Wunsch, ein ganz anderer werden zu wollen: ein sehr impulsiver Mensch möchte endlich – immer und überall – gelassen und ruhig sich verhalten, ein in sich gekehrter Mensch möchte gerne – vielleicht so wie ein attraktives Vorbild – aus sich herausgehen und mit jedem schnell in Kontakt und Nähe kommen, ein nach Ausgleich und Harmonie strebender Mensch möchte sich abgrenzen und gegen andere durchsetzen lernen...

Die stillschweigende Voraussetzung all dieser Veränderungswünsche ist eine Abwertung der Wirklichkeit, in der man sich vorfindet – bis hin zum Selbsthass. Dies mag die Folge von Erfahrungen sein, die die oder der Einzelne in seinen frühen Lebensabschnitten gemacht hat, eben gehört und gespürt zu haben, dass man so, wie man ist, eben nicht akzeptabel, nicht liebenswert sei. Werden solche Zuschreibungen erst einmal verinnerlicht, sodass man selbst über sich so denkt, sind sie viel wirkungsvoller, weil man sich dann kaum gegen sie wehren kann. So sehr ich mich anders wünsche – und so verständlich dieser Wunsch ist –: ich müsste die eigne innere Stimme der Selbstverurteilung lügen strafen. Sie ist überzeugt davon, dass ich mich ändern kann, noch eine Änderung verdient habe. Und damit ist sie gleichzeitig ein wirksames Hindernis, das der Verwirklichung meiner Vorsätze im Wege steht und sie boykottiert.

»...werden, was man ist«, das heißt »annehmen, was da vorhanden ist.« Das ist eine Einladung zur »Selbst«-Erfahrung, zu erkunden nämlich, was man ist, was da vorhanden ist. Und dabei vieles – auch noch Unbekannte – zu ent-decken: wertvolle Eigenschaften und Fähigkeiten ebenso wie »Schatten«-Seiten und Begrenzungen unterschiedlicher Art, vor allem aber das Liebenswerte der eigenen Person – eben so wie sie ist.

»Es ist wie es ist sagt die Liebe« heißt es in einem Gedicht von Erich Fried.

Die paradoxe Theorie der Veränderung in der Gestalttherapie (Beisser 1995) war Gegenstand einer einstündigen Rundfunksendung (live) des Westdeutschen Rundfunks (WDR 5) in der Sendereihe »LebensArt« am 25. 6. 2003, zu der Werner Bock als Experte nach Köln ins Studio eingeladen war. Der verantwortliche Redakteur dieser Sendung, Josef E. Schnorrenberg, ist selbst Psychotherapeut und sagte im Vorgespräch mit Werner, dass er von dieser Theorie fasziniert sei und er mit der Sendung dazu beitragen wolle, sie bekannt und verständlich zu machen. Dazu fand in der Sendung zunächst ein Gespräch zwischen dem Moderator, Andreas Lange, und Werner statt; danach konnten Hörer und Hörerinnen anrufen und dem ›Experten‹ Fragen stellen. Wir veröffentlichen im Folgenden – mit freundlicher Genehmigung des WDR – Auszüge aus diesem Gespräch:

 

Andreas Lange (A.L.): Diese »LebensArt« ist allen gewidmet, die schon häufig irgendwelche guten Vorsätze gefasst haben, sei es ein paar Pfunde runter zu trimmen, sei es nicht mehr so viel zu arbeiten, sei es insgesamt gelassener und ruhiger an das Leben heranzugehen – also Vorsätze, die gibt es ja genug und Anlässe, sich solche Vorsätze zu fassen auch. Ich denke mir, in jedem Menschenleben kommen da schon so gut und gerne ein paar Hundert Veränderungswünsche zusammen. Aber meistens ist es ja dann doch so: Ein paar Tage, ein paar Wochen, manchmal auch Monate klappt das alles ganz prima, aber am Ende steht dann doch das Scheitern. Natürlich ist dieses Scheitern nicht vorprogrammiert; ich denke Menschen können sich auch verändern, ohne rückfällig zu werden, und es gibt da auch verschiedene Sichtweisen, wie so etwas funktionieren kann. Eine davon - über die wollen wir heute sprechen - ist ziemlich paradox; sie sagt, dass man sich dann verändert, wenn man es gar nicht will. Unser Gast heute ist der Gestalttherapeut Werner Bock; er ist Lehrtherapeut am Zentrum für Gestalttherapie in Würzburg. Herr Bock, »Veränderung kann man nicht wollen« – das ist unser Titel heute.

Ist das so ein bisschen wie mit der Liebe, da heißt es ja auch: Immer, wenn man sucht und sucht und unbedingt will, dann klappt alles hinten und vorne nicht, und wenn man eigentlich ganz zufrieden mit sich alleine ist, peng! – dann schlägt die Liebe zu, oder Amor sendet seine Pfeile. Kann man das vergleichen?

Werner Bock (W.B.): Ich denke schon. Es ist ja oft überraschend, wenn man sich neu verliebt, und wenn man solche Leute fragt, dann wird oft deutlich, dass sie in dem Moment vielleicht ganz mit sich selbst eins waren, sie haben also gar nicht damit gerechnet, sie wollten ihren Zustand gar nicht verändern – während wir viele Berichte haben von Leuten, die sich gern verlieben möchten, und es klappt einfach nicht. Also, das scheint ein wichtiger Punkt bei diesem Geheimnis zu sein: Wie passiert Veränderung, wie verliebt man sich? Das ist ein wunderschönes Beispiel einer Veränderung.

A.L.: Bei der Liebe gibt’s ja auch viele, die das schon mal so gespürt haben, dass es dann wirklich auch genauso eingetreten ist. Aber von selber ein paar Pfunde sind noch nie runter gegangen, also jetzt bei mir nicht, und ich glaube bei vielen anderen Menschen auch nicht.

W.B.: Da habe ich schon auch andere Erfahrungen in der Therapie gemacht; dass z.B. wenn übergewichtige Klienten bestimmte existentielle Themen für sich bearbeitet haben – und da ging es gar nicht ums Abnehmen –, sie plötzlich, ohne dass sie es wollten, anfingen, überflüssige Pfunde zu verlieren.

A.L.: Wir versuchen es in der Sendung, uns ein bisschen dieser paradoxen Situation zu nähern. »Veränderung kann man nicht wollen« – um diesen Satz geht es in dieser Stunde. Wie soll das also gehen? Wie kann man sich nachhaltig verändern, wenn man es eigentlich gar nicht will? Also ein paar knifflige Fragen an unseren Experten heute, den Gestalttherapeuten Werner Bock. – Der Mensch, der als Begründer der Gestalttherapie gilt, Fritz Perls, der kennt das auch aus seiner therapeutischen Praxis: Wir sind alle mit der Idee der Veränderung beschäftigt, und die meisten gehen da heran, indem sie Programme machen. Sie wollen sich ändern. »Ich sollte so sein« und so weiter und so weiter. Was aber tatsächlich geschieht, ist, dass die Idee einer vorsätzlichen Änderung niemals, nie und nimmer, funktioniert. Sobald man sagt: »Ich möchte mich ändern« – ein Programm aufstellt – wird eine Gegenkraft in einem erzeugt, die von der Veränderung abhält. Änderungen finden von selbst statt. Wenn man tiefer in sich hineingeht, in das, was man ist, wenn man annimmt, was da vorhanden ist, dann ereignet sich der Wandel von selbst. Das ist das Paradoxe des Wandels. Vielleicht kann ich das mit einem guten alten Sprichwort ein wenig untermauern, das folgendes besagt: »Der Weg in die Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert.« Sobald man eine Entscheidung fällt, sobald man sich ändern will, begibt man sich auf den Weg in die Hölle, weil man’s nicht erreichen kann; und dann empfindet man sich als schlecht; man quält sich selbst und fängt an, das allseits bekannte Selbstquälerei-Spielchen zu spielen, das bei den meisten Menschen unserer Zeit sehr beliebt ist. Solange man ein Symptom bekämpft, wird es schlimmer. Wenn man Verantwortung übernimmt für das, was man sich selber antut, dafür, wie man seine Symptome hervorbringt, wie man seine Krankheit hervorbringt, wie man sein ganzes Dasein hervorbringt – in dem Augenblick, in dem man mit sich selbst in Berührung kommt –, beginnt das Wachstum, beginnt die Integration, die Sammlung (Perls, 1974, 187). Herr Bock, da war jetzt ‘ne ganze Menge drin. Fangen wir mal vorne an: Sobald ich sage, ich möchte mich ändern, werden da Gegenkräfte geweckt in mir; wo kommen die her?

W.B.: Die kommen daher, weil jede Veränderung natürlich auch Angst macht. Wir sind offenbar auch immer sehr konservativ in der Seele, d.h. wir sind daran interessiert, auch an dem Vertrauten festzuhalten, weil es uns Sicherheit gibt. Es gibt eine Hierarchie von Bedürfnissen, und wir haben immer wieder festgestellt: An oberster Stelle der Hierarchie von verschiedenen Bedürfnissen steht Sicherheit; das begründet dieses konservative Festhaltenwollen. Und daraus folgt, dass jede Veränderung Angst macht, und das ist die Quelle dieser Gegenkräfte, von denen Perls spricht. Gleichzeitig haben wir aber auch alle ein Bedürfnis nach Veränderung, d.h. wir sind immer ambivalent, und haben mit diesen beiden Polen, mit diesen beiden Kräften in uns zu tun.

A.L.: Ich wollte gerade sagen: Der Mensch fasst sich ja immer wieder gute Vorsätze, immer wieder, d.h. da ist ja auch eine große starke Kraft, die diese Veränderung will.

W.B.: Ja. Der Ausgangspunkt jeder Veränderung ist Unzufriedenheit, und diese Unzufriedenheit ist eine produktive Kraft, daraus entsteht das Bedürfnis, mich zu verändern. Aber die Erfahrung ist: In dem Moment, wo dieses Bedürfnis spürbar wird, kann ich dem Bedürfnis nicht einfach nachgehen, sondern ich bin sofort mit diesen Gegenkräften konfrontiert, die aus der Angst heraus kommen, was denn eigentlich sein würde, wenn die Veränderung wirklich passiert. Ich habe z.B. bestimmte Katastrophenphantasien, was alles passieren würde, wenn ich diesem Entwicklungsbedürfnis, das ich im Moment spüre, wirklich nachgehe. Z.B.: Ich bin in einer Beziehung, die längst für mich nicht mehr befriedigend ist, und spüre das Bedürfnis, mich von meinem Partner zu trennen. Das ist die eine Seite, aber wenn das wirklich deutlich in mir wird, werde ich sofort auch Angst bekommen und Katastrophenphantasien darüber entwickeln, was denn dann sein wird, wenn ich mich trenne; ob ich jemand Neues finde, ob ich dann ganz allein sein werde usw.

A.L.: Das ist richtig, ich glaube, in so einer wichtigen Entscheidung kann man auch sehr viele Positiv-Negativ-Listen aufzeigen: Was bringt mir das und was muss ich aufgeben? Aber wie ist es z.B. in diesem großen Bereich Sucht? Alkoholismus, Spielsucht, Nikotinsucht – alles Sachen, wo im Grunde auf der Positivseite überhaupt nichts steht. Da müssten sie doch reichen, diese Kräfte zur Veränderung, dass man dann davon loskommt.

W.B.: Sucht ist auf der einen Seite ein gutes Beispiel, aber es ist auch ein bisschen anders gelagert, weil eine wirkliche Sucht ja auch in den Körper hineingeht. Der Alkoholiker z.B. kann auch aus körperlichen Gründen nicht einfach aufhören mit dem Trinken. Das ist der tiefere Grund, warum der Alkoholiker erkennen muss, dass er keine Macht mehr über seinen Alkohol hat, sondern der Alkohol Macht über ihn hat. Und da denke ich, ist es ein schönes Beispiel für das Paradox der Veränderung, das Sie am Anfang zitiert haben: Er muss genau der werden, der er ist. Er muss aufhören mit allen Verleugnungsversuchen sich vorzumachen, er könnte noch kontrolliert trinken, er habe gar kein Alkoholproblem. Alle Verwandten wissen es längst, nur er selbst streitet es ab; dann kommt er tiefer hinein in die Abhängigkeit vom Alkohol, das wissen wir aus allen Erfahrungen. In dem Moment, wo er kapituliert – und Kapitulation ist ein Wort für diesen inneren Prozess, dass er der wird, der er ist, dass er aufhört mit dem Verleugnen und zu dem wird, der er wirklich ist, nämlich Alkoholiker –, passiert etwas Paradoxes: Er wird frei, frei davon, dass der Alkohol über ihn Macht hat, er bekommt selbst wieder Macht in der Kapitulation.

A.L.: Indem er das akzeptiert, hat er sicherlich einen anderen Bewusstseinszustand erlangt, aber an der Flasche hängt er dann trotzdem noch, oder nicht?

W.B.: In der Regel nicht, denn wenn er weiter trinken würde, hätte er nicht wirklich kapituliert. Die Annahme in der Kapitulation, dass der Alkohol stärker ist als er selbst, heißt ja, er darf nicht mehr trinken. Jeder neue Tropfen Alkohol würde bedeuten, dass der Alkohol über ihn wieder Macht bekommt.

A.L.: Wissen Sie, Herr Bock, wo ich drüber gestolpert bin in diesem Zitat von Fritz Perls, das ist dieses, dass es »nie und nimmer funktioniert;« denn es gibt doch sehr viele Beispiele dafür, dass Menschen sich wirklich einen Vorsatz fassen, sich etwas vornehmen und es dann auch wirklich schaffen durchzuhalten – oder nicht?

W.B.: Ja, natürlich. Ich denke, das muss man mehrfach betrachten. Einmal war es gesprochen von Perls in einer Zeit, wo er seine neue Form der Psychotherapie, die Gestalttherapie, propagiert hat. Und Perls war radikal, er hat zugespitzt, er wollte auch provozieren. Ohne diese Zuspitzung würden wir vielleicht über diesen Text heute gar nicht reden; er soll provozieren, und damit ist Perls auch bekannt geworden. Das ist das eine. Aber es gibt auch einen inhaltlichen Punkt, wo ich Perls zustimme. Er spricht ja von »Programmen.« Wenn ich z. B. neue Fähigkeiten lernen will, neues Verhalten aufbauen will, oder Gewohnheiten verändern will, kann ich das natürlich mit Programmen tun. Aber Perls ging es um etwas anderes; es ging ihm um eine ganzheitliche Veränderung. Also nicht nur um eine Veränderung auf der Verhaltensebene. Perls war fasziniert von der Idee, dass der Mensch sich grundsätzlich wandeln kann, durch Integration unterschiedlicher Persönlichkeitsanteile; er war radikal in seinen Ansichten.

A.L.: Und er sagt ja auch wie das geht, er sagt, man soll die Symptome nicht bekämpfen, dann wird es schlimmer. Sondern man soll Verantwortung übernehmen, »für das was man sich selbst antut und dafür, wie man seine Symptome hervorbringt.« Herr Bock, das müssen Sie uns ein bisschen übersetzen, was das heißt.

W.B.: Also, das Zitat geht ja noch weiter. Perls sagt: »In dem Augenblick, in dem man mit sich selbst in Berührung kommt, beginnt das Wachstum, beginnt die Integration.« Das war ein sehr zentraler Satz von Perls. Er hatte die Vorstellung, wenn man mit sich selbst in Kontakt ist, dann lebt man eigentlich erst richtig, dann entwickelt man sich, dann ist man in einem Prozess. Viele Leute sind nicht mit sich in Berührung, – wie wir in der Alltagssprache sagen: – sie sind nicht ganz bei sich, sie sind quasi neben sich, und dann kommt dieser Entwicklungsprozess, der unser Leben darstellt, zum Stillstand. Diese Unterbrechung bringt Symptome hervor, und für Perls war wichtig, dass es daher keinen Sinn macht, die Symptome zu bekämpfen, sondern Leute zu unterstützen, wieder zu sich selbst zurückzukommen.

A.L.: Aber das kann doch auch ein Vorsatz sein, nach dem Motto: »Ich möchte gerne wieder mehr Kontakt zu mir selber haben.«

W.B.: Wenn ein Klient mit diesem Vorsatz kommt, wird es genau nicht funktionieren. Was ich gerade beschrieben habe, ist die Einstellung, um die es geht. Perls ging es darum – das war ein Kern dieser neuen Therapieform Gestalttherapie – Leute zu unterstützen, wieder mit sich selbst in Berührung zu kommen, und die Erfahrung war, dass dann das persönliche Wachstum weitergeht, dass dann die Entwicklung, die vorher stagniert hatte, wieder in Gang kommt. Wenn man das – und da sind wir wieder bei dem Paradox – absichtlich will, wird es nicht funktionieren.

A.L.: Wenn ich mich willentlich verändern möchte, eine Veränderung herbeiführen möchte, dann würden Sie auch sagen, das geht nicht, da komme ich nicht weiter.

W.B.: Richtig.

A.L.: Ich frag einfach lieber fünf-, sechsmal nach, weil ja ein ganzes Weltbild ins Wanken gerät, dieses Weltbild, wie unsere Leistungsgesellschaft funktioniert, dieses Weltbild »Jeder ist seines Glückes Schmied«, all diese wichtigen Sätze, die wir doch im Grunde mitbekommen haben und aufgesogen haben, in dem wir hier groß geworden sind, zur Schule gegangen sind. Und jetzt kommen Sie daher und sagen: Also wenn man sich willentlich verändern möchte, das klappt sowieso nicht. W.B.: Sie haben den Punkt getroffen, diese Theorie geht völlig gegen den Zeitgeist, der sagt: »Alles ist machbar, alles ist veränderbar, alles ist willentlich steuerbar.« Der Titel der Sendung heißt ja »Veränderung kann man nicht wollen.« Genauer müsste man sagen, wie Sie es eben gesagt haben: Man kann sie willentlich nicht erreichen, und da scheint irgendein Geheimnis drin zu sein, mit dem wir als Psychotherapeuten dauernd zu tun haben, weil Leute ja zu uns kommen, um Unterstützung zu bekommen bei ihrer persönlichen Veränderung. Aber selbst eine gute Therapie fängt schon da an, dass jemand, bevor er überhaupt zum Therapeuten kommt, akzeptiert, dass er Veränderung benötigt. Ähnlich wie der Alkoholiker akzeptieren muss, dass er nicht mehr trinken darf, haben unsere Klienten, bevor sie zu uns kommen, schon akzeptiert, dass sie Unterstützung brauchen und nicht mehr alles alleine hinkriegen. Auch das geht schon gegen den Zeitgeist, der sagt: »Ich kann alles alleine machen, ich bin stark, ich kann alles hinkriegen.« Die Erfahrung in unseren Praxen sagt etwas ganz anderes.

A.L.: Ein Kernsatz, Herr Bock, in dieser ganzen Theorie, Sie haben es gerade in einem Nebensatz schon mal kurz erwähnt, das ist dieser Satz: »Veränderung geschieht, wenn jemand wird, was er ist«. – Woher weiß ich denn, was ich bin, das muss ich doch irgendwie herausfinden können .

W.B.: Was Sie gerade zitiert haben, ist die so genannte »paradoxe Theorie der Veränderung.« Ich darf sie vielleicht noch ergänzen, der Satz geht noch weiter: »Veränderung geschieht nicht, wenn jemand versucht, etwas zu werden, das er nicht ist.« Also genau um dieses Paradox geht es. Der Satz erscheint erstmal paradox, weil da zwei Zeitformen verwendet werden – jemand wird, was er ist –, also die Zukunft und das Präsens, und das passt ja nicht zusammen. Immer wenn in einem Satz zwei Aussagen verpackt sind, die eigentlich widersprüchlich sind, sprechen wir von einem Paradox. Deswegen heißt dieser Satz »die paradoxe Theorie der Veränderung«, ein wesentliches Kernstück der Theoriebildung in der Gestalttherapie. Ihre Frage war jetzt: Woran merke ich, wie ich wirklich bin? Ich gehe mal in den therapeutischen Kontext, denn da ist mein Zuhause. Wenn Klienten zu mir kommen, haben sie oft die Frage: »Wie bin ich denn wirklich?« Sie haben die Orientierung verloren, sie kommen genau mit der Frage, die Sie stellen. Eine Art das herauszufinden ist, wenn sie es für sich selbst nicht mehr wissen, mit einem Gegenüber – in dem Fall dem Therapeuten – in Kontakt zu treten und sich Rückmeldung zu holen von dem Therapeuten, wie er den Klienten von außen wahrnimmt. Wenn ich unsicher bin, wer ich bin, dann bin ich nicht mehr in dem Perlsschen Sinn, wie wir es vorhin gehört haben, in Berührung mit mir selbst, ich hab den Kontakt zu mir verloren und ich nehme mich selbst nicht mehr vollständig wahr. In der Gestalttherapie haben wir dafür einen Begriff, der heißt »Bewusstheit«. Bewusstheit meint ganzheitliches Wahrnehmen und Erleben von mir selbst. Wenn dieser Prozess unterbrochen wird, dann kann es sein, dass ich wirklich nicht mehr genau weiß, wer ich eigentlich bin. Ein wesentliches Ziel der Gestalttherapie ist deswegen, dass der Therapeut dem Klienten hilft, wieder mehr und volle Bewusstheit von sich zu bekommen, damit er wieder spüren kann, wer er ist. Die Methode dazu ist vor allem die Wahrnehmung; d.h. dass der Therapeut dem Klienten rückmeldet, wie er ihn von außen wahrnimmt. Denn wenn ich mich von mir selbst entfremde, heißt das, ich nehme mich selbst nicht mehr richtig wahr. Genau das, was ich bei mir selbst nicht mehr wahrnehme, ist aber von außen in der Regel sehr leicht wahrnehmbar, das wissen wir alle. So ist die primäre Aufgabe eines Gestalttherapeuten, seine Wahrnehmungen dem Klienten zurückzumelden, damit er wieder mehr Wahrnehmung von sich selbst bekommt und auf die Weise wieder genauer spüren kann, wer er eigentlich ist.

A.L.: Also, das ist jetzt die Methode der Gestalttherapie. D.h. bei Ihnen leg ich mich nicht auf die Couch wie beim Psychoanalytiker, es ist auch keine Gesprächstherapie, sondern Sie machen es durch so eine Art Spiegel vorhalten, kann man das vielleicht so sagen?

W.B.: Ja, als Klient sitzen Sie mir direkt gegenüber, und ich bin als Therapeut ein gewisser Spiegel.

M: Und wenn ich diesen Kontakt zu mir selbst wieder habe – ich frag jetzt noch mal nach, obwohl ich’s bestimmt schon dreimal getan habe –, dann stellen sich Veränderungen automatisch ein?

W.B.: Ja, in dem Sinn, dass der Klient wieder in einen Prozess kommt. Wir haben vorhin gesagt, Veränderung macht auch Angst, und natürlich haben wir alle Methoden, mit dieser Angst umzugehen, z. B. irgendwelche Rationalisierungen, um dann diesen Veränderungsschritt, der jetzt in meinem Leben dran wäre, eben nicht zu tun. Wenn jetzt der Therapeut dem Klienten sowohl hilft seinen Veränderungswunsch herauszuarbeiten, ihn aber auch genau damit konfrontiert, wie er sich davon abhält, diesen Schritt zu tun, dann bekommt der Klient von beiden Seiten in sich mehr Bewusstheit, und die Spannung in ihm steigt, weil sich die beiden Seiten wie Pole zueinander verhalten, die ein extremes Spannungsfeld in dem Klienten auslösen. Allein versucht er die Spannung zu reduzieren, in dem er z. B. die Seite, die ihm Angst macht, versucht aus seinem Bewusstsein auszublenden. Der Therapeut spiegelt ihm das, damit wird es ihm wieder bewusst; z.B. dass der Klient undeutlich wird, vage bleibt, alles in der Schwebe hält, trotzig wird, den Blickkontakt vermeidet. Das sind alles Manöver, die so genannten Abwehrmechanismen, die der Therapeut aufgreift, um dem Klienten bewusst zu machen, wie dieser verhindert, wieder zu sich selbst zu kommen. Wenn der Klient auf diese Weise Bewusstheit davon bekommt, wie er von sich weggeht, bekommt er dadurch die Möglichkeit, diese Manöver zu lassen und so mit sich selbst wieder in Berührung zu kommen.

 

Literatur:

Beisser, A. (1995), Die paradoxe Theorie der Veränderung, in ders., Wozu brauche ich Flügel?, dritte dt. Auflage Wuppertal 2005

Perls, F.S. (1974), Gestalttherapie in Aktion, Stuttgart: Klett-Cotta nx 

Praxisadressen von Gestalttherapeuten/-innen

Werner Bock

 Werner Bock

geb.1948, Diplompsychologe und Psychologischer Psychotherapeut, gründete zusammen mit Frank-M. Staemmler das "Zentrum für Gestalttherapie" in Würzburg. Er ist dort seit 1976 als Gestalttherapeut, Ausbilder in Gestalttherapie und Supervisor tätig.

Sein Interesse gilt der Weiterentwicklung der klassischen Gestalttherapie in Theorie und Praxis. Besondere Schwerpunkte sind dabei die Prozessorientierung der Gestalttherapie, humorvolle Provokation und konsequente Konfrontation.

Er ist Verfasser verschiedener Artikel und Co-Autor des Buches: "Ganzheitliche Veränderung in der Gestalttherapie" (Edition des Gestalt-Instituts Köln im Peter Hammer Verlag, Wuppertal 1998).

Seine letzte Veröffentlichung ist ein Beitrag zur Ideengeschichte der Gestalttherapie: "Der Glanz in den Augen - Wilhelm Reich, ein Wegbereiter der Gestalttherapie" (in: B. Bocian u. F.-M. Staemmler (Hg.), Gestalttherapie und Psychoanalyse; Verlag Vandenhoek u. Ruprecht, Göttingen 2000).

Die folgende Dokumentation des Radioauftrittes ist aus: WDR 5, LebensArt, Live mit Hörern und Experten, Mittwoch, 25. Juni 2003, von 15.05 bis 16 Uhr, Titel: Veränderung kann man nicht wollen – Ein Paradox, Moderation: Andreas Lange, Redaktion: Jo E. Schnorrenberg. Der Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung von WDR 5.

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