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Moses G. Steinvorth
Gestalttherapie und Entfremdung
Fritz Perls und Karl Marx

Aus der Gestaltkritik 2/2010:

Gestaltkritik - Die Zeitschrift mit Programm aus dem Gestalt-Institut Köln
Gestaltkritik (Internet): ISSN 1615-1712

Themenschwerpunkte:

Gestaltkritik verbindet die Ankündigung unseres aktuellen Veranstaltungs- und Weiterbildungsprogramms mit dem Abdruck von Originalbeiträgen: Texte aus unseren "Werkstätten" und denen unserer Freunde.

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  Hier folgt der Abdruck eines Beitrages aus Gestaltkritik 2/2010:

Moses G. Steinvorth
Gestalttherapie und Entfremdung
Fritz Perls und Karl Marx

Foto: Moses G. SteinvorthMoses G. Steinvorth

Lieber Otto!

Ich schreibe dir hier aus meinem kleinen italienischen Paradies, wo es gerade sommerlich warm wird und alles herrlich grünt und blüht. Es hält mich kaum am Schreibtisch, aber ich habe dir ja versprochen, dir etwas über „Gestalttherapie

und Entfremdung“ zu schreiben, ein Thema, das dich, wie ich weiß, auch ernsthaft interessiert, von dem du aber wenig Ahnung hast. Ich stelle mir einfach vor, dass ich mit dir darüber rede, dann fließen die Gedanken ganz von selbst. Ich hoffe sehr, dass ich mich verständlich ausdrücken kann, aber bei dem Thema ist das manchmal nicht so einfach. Du kannst ja nachfragen, wenn du etwas nicht so richtig kapierst und vielleicht sehen wir uns ja bald und können dann auch darüber „ratschen“.

Also, ich fange jetzt einfach mal irgendwo an:

Fritz Perls, der Begründer der Gestalttherapie, sagte einmal:

„Verstehen bedeutet eigentlich, einen Teil in seiner Beziehung zum Ganzen sehen zu können.“

Ich finde, das ist eine bemerkenswerte gestaltpsychologische Definition. Wahrnehmung wird dort immer verstanden als der verarbeitende Prozess, den andere „Bewusstsein“ nennen. Perls verwendete jedoch lieber den Begriff der „Bewusstheit“, weil „Bewusstsein“ bei uns oft nur noch das intellektuelle Bewusstsein meint.

Ich werde darauf noch näher eingehen, weil „Bewusstheit“ (englisch: awareness) einen der zentralen Begriffe der Gestalttherapie darstellt und meiner Meinung nach sehr eng mit Marx’ Begriff der „Sinnlichkeit“ korrespondiert. Du siehst, ich bin im Moment dabei, Karl Marx auch als Psychologen zu entdecken und finde das ganz spannend, weil es mir dazu verhilft, die ganze Psychologie, mit der ich mich nun schon so lange herumschlage, auch in mein Verständnis von Ökonomie und Politik zu integrieren, so dass daraus wieder eine Einheit wird.

Eigentlich mündet alles immer wieder im Begriff des „Alltags“, als gewöhnliches, eben alltägliches Tun. Und dieser Alltag ist von der Psychologie doch noch sehr unzureichend erfasst worden. Dazu habe ich ein interessantes Zitat bei Karl Marx gefunden, das ich nach so vielen Jahren immer noch erstaunlich zutreffend und frisch empfinde:

„Man sieht, wie die Geschichte der Industrie und das gewordene gegenständliche Dasein der Industrie das aufgeschlagene Buch der menschlichen Wesenskräfte, die sinnlich vorliegende menschliche Psychologie ist, die bisher nicht im Zusammenhang mit dem Wesen des Menschen sondern immer nur in einer äußeren Nützlichkeitsbeziehung gefasst wurde…Eine Psychologie, für welche dies Buch, also gerade der sinnlich gegenwärtigste, zugänglichste Teil der Geschichte, zugeschlagen ist, kann nicht zur wirklichen, inhaltvollen und reellen Wissenschaft werden. Was soll man überhaupt zu einer Wissenschaft denken, die von diesem großen Teil der menschlichen Arbeit vornehm abstrahiert und nicht selbst ihre Unvollständigkeit fühlt.“ (Karl Marx: Frühschriften, S. 243f.)

Ich glaube nun, dass man mithilfe von Marx’ Konzept der „Entfremdung“ das Wesen des Alltags begreifen kann und dass auch Fritz Perls genau das versucht und daraus seinen psychotherapeutischen Ansatz entwickelt hat.

„Gestalttherapie bewirkt die Einsicht, dass die Entfremdung in den verschiedensten körperlichen und seelischen Regungen des Menschen hier und jetzt ihren Ausdruck findet, dass sie hier und jetzt vielfach wahrgenommen und überwunden werden kann“, schreibt der Herausgeber von Fritz Perls Buch „Gestalttherapie in Aktion“ zusammenfassend im Klappentext.

Wenn das stimmt, dann ist Gestalttherapie nicht nur eine vielleicht ganz gut funktionierende psychotherapeutische Methode unter anderen, sondern ein Beitrag zum Verständnis und zur Überwindung unseres entfremdeten Alltags.

Ja und das wäre schon was Besonderes, finde ich.

Damit bin ich mitten drin in meinem Versuch zu zeigen, was Gestalttherapie mit Entfremdung zu tun hat und Fritz Perls mit Karl Marx.

Ich glaube, ich muss an dieser Stelle erst mal ein paar Worte zu Marx’ Entfremdungstheorie sagen, weil ja heutzutage kein Mensch mehr Marx liest und du ihn auch nicht kennst.

Eigentlich schade und ungerecht.

Wir dürfen nicht vergessen, dass Karl Marx kein Marxist war und sollten ihm nicht die Fehler und Verbrechen anrechnen, die manche sog. „sozialistische“ Regierungen in seinem Namen begangen haben.

Marx war ein Wissenschaftler, ein Philosoph, ein Menschenfreund und ein Idealist. Er war von der Bedeutung der Arbeit für den Menschen fasziniert und er hat die schönsten und tiefsinnigsten Dinge über das Wesen der menschlichen Arbeit geschrieben, die ich je irgendwo gelesen habe. Marx hatte ein hohes Ideal von der Arbeit: Er meinte, dass der Mensch sich in seiner Arbeit natürlicherweise „vergegenständlicht“, dass er sich darin spiegelt und wiederfindet, dass er sich darin wesentlich ausdrückt. Das bedeutet; dass „Arbeit“ menschliche Identität bildet, indem der Mensch sich darin universell entfalten kann, in allen seinen Fähigkeiten. Ja, Marx war der Ansicht, dass „Arbeit“ (in einem noch natürlichen, nicht entfremdeten Sinne) den Menschen erst zum Menschen macht: Der Mensch ist „Mensch“, weil er produktiv tätig ist, weil er etwas schafft.

Zu diesem Ideal stand die Wirklichkeit der Arbeit, wie Marx sie in der Frühzeit der Industrialisierung vorfand, in krassem Gegensatz. Und Marx nannte es „Entfremdung“, dass der Mensch in der industriellen Form der Arbeit nur noch ein „Rädchen“ in der gigantischen Industrie-Maschine darstellt und ihm seine tägliche Arbeit und auch das Produkt seiner Arbeit, das was er da schafft, zunehmend „fremd“ wird. Arbeit ist keine befriedigende, weil interessante und komplexe Tätigkeit mehr, die den ganzen Menschen fordert, sondern sie degeneriert im Extrem zu ein paar immer wieder gleichen Handgriffen. Außerdem gehört dem Menschen nicht mehr, was er erschafft, sondern es gehört dem Fabrikbesitzer, er wird also auch seinem Arbeitsprodukt „fremd“ und steht ihm zunehmend gleichgültig gegenüber. Die Arbeit wird also krass entwertet: sie ist nur noch ein Mittel zum Zweck des nackten Überlebens.

Das alles nannte Marx „Entfremdung“. Und er kam zu der Überzeugung, dass diese „Entfremdung des Menschen von seiner Arbeit“ gewaltige psychologische Konsequenzen haben würde.

Marx meinte, dass die Entfremdung von der Arbeit als erste Folge eine soziale Entfremdung nach sich ziehen würde – er nannte das „die Entfremdung des Menschen vom anderen Menschen“ – und als weitere Folge die „Entfremdung des Menschen von sich selbst“, z.B. von seinem Körper, von seiner biologischen Natur, von seinem sinnlichen Kontakt zur Umwelt usw. Und Marx meinte, dass diese Entwicklung zu einer Art seelischen Spaltung und Verarmung des Menschen führen würde, die in vielerlei seelischen Störungen, Problemen und Erkrankungen sich ausdrücken würde (all dem, was wir heute „Psychopathologie“ nennen). Seine Vorhersagen in dieser Hinsicht waren geradezu „seherisch“ und man kann nur darüber staunen, was Marx über die psychologische Situation des modernen, eben „entfremdeten“ Menschen schon vor 150 Jahren vorhergesehen und detailliert beschrieben hat.

Sehr wesentlich erscheint mir dabei, dass Marx diese Entwicklung sehr dynamisch gesehen hat und in sich sehr widersprüchlich, also keineswegs eindeutig und linear. Wo Entfremdung zunimmt, da nimmt auch immer das Bedürfnis nach Aufhebung von Entfremdung zu, und wenn es nicht so wäre, dann bräuchten wir uns gar keine weiteren Gedanken über Entfremdung machen, denn dann wäre das eh nutzlose Zeitverschwendung.

Die Tendenzen zur Überwindung von Entfremdung sind allerdings oft nicht so leicht erkennbar, weil sie sich in den sog. „Symptomen“ oder „Problemen“ der Menschen ausdrücken, die die Menschen mit sich und der Umwelt bekommen.

Schon Freud hat ja seinen Symptom-Begriff sozusagen „dialektisch“ formuliert: Das „Verdrängte“ ist im Symptom noch enthalten, das klinische Symptom ist immer eine Kompromiss-Bildung zwischen verdrängenden Kräften (aus dem Über-Ich) und dem Verdrängten (aus dem Es, den Trieben). In den seelischen und körperlichen Funktionsstörungen und „Krankheiten“ der Menschen zeigt sich also immer auch das Bedürfnis nach Aufhebung von Entfremdung, die nicht zu zerstörende Sehnsucht nach „besseren“, d.h. nicht entfremdeten Verhältnissen.

Der Schlüsselbegriff zum Verständnis der ganzen Marxschen Entfremdungstheorie heißt „Sinnlichkeit“:

Für Marx ist der zunehmende Verlust der Sinnlichkeit ein ganz zentraler Aspekt der Entfremdung des Menschen, Sinnlichkeit hier sowohl im Sinne von „Genussfähigkeit“ als auch schlicht im Sinne von der Fähigkeit zu genauer und differenzierter Wahrnehmung des Menschen von sich selbst und seiner Umwelt. Marx meinte, dass die Abstumpfung der menschlichen Sinne und der Verlust seiner Wahrnehmungsfähigkeit nicht nur mit der industriellen Arbeit selbst sondern auch mit dem Siegeszug des Tauschwerts über den Gebrauchswert der Dinge zusammenhängt: Der konkrete Gebrauchswert eines Gegenstandes tritt in der industriellen, kapitalistischen Wirtschaftsform gegenüber seinem Tauschwert immer mehr in den Hintergrund, nur noch sein Geldwert ist wichtig. Marx schrieb dazu:

„Indem der Zweck der Arbeit nicht ein besonders Produkt ist, das in einem besonderen Verhältnis zu den besonderen Bedürfnissen des Individuums steht, sondern Geld, der Reichtum in seiner allgemeinen Form, hat…die Arbeitsamkeit des Individuums keine Grenze; sie ist gleichgültig gegen ihre Besonderheiten und nimmt jede Form an, die zum Zwecke dient.“ (K. Marx: Die Frühschriften.)

Mit dem konkret-sinnlichen Gebrauchswert geht auch die konkret-sinnliche Befriedigung verloren und der Mensch ist in Zukunft immer auf Trab, ist nie „befriedigt“, nie zufrieden, denn der Sinn des „Habens“ hat kein natürliches Ende. Wie verheerend sich das Geld auf alle menschlichen Verhältnisse auswirkt, beschreibt Marx so:

„Was durch das Geld für mich ist, was ich zahlen, d.h. was das Geld kaufen kann, das bin ich, der Besitzer des Geldes selbst. So groß die Kraft meines Geldes, so groß meine Kraft. Die Eigenschaften des Geldes sind meine – seines Besitzers- Eigenschaften und Wesenskräfte. Das was ich bin und vermag, ist also keineswegs durch meine Individualität bestimmt.“ (K. Marx: Die Frühschriften, S. 298.)

Im Gegensatz dazu sagte Marx: „Setze den Menschen als Menschen und sein Verhältnis zur Welt als ein menschliches voraus, so kannst du nur Liebe gegen ­Liebe tauschen, Vertrauen nur gegen ­Vertrauen etc.“ (K. Marx: die Frühschriften, S. 301.)

Die Industrialisierung und die kapitalistische Wirtschaftsform haben die existentielle Grundsituation des Menschen also entscheidend verändert und damit seine Psyche:

„Weder über die Organisation ihrer Arbeit noch über deren Produkte haben die Arbeiter zu verfügen. Sie sind ein Leib, der von einem fremden Willen beherrscht wird … Ihr Verwirklichungsprozess erscheint zugleich als ihr Entwirklichungsprozess … die völlige Herausarbeitung des menschlichen Innern als die völlige Entleerung, die universelle Vergegenständlichung als die totale Entfremdung“, schrieb Marx. Und an anderer Stelle:

„Der Arbeiter fühlt sich daher erst außer der Arbeit bei sich und in der Arbeit außer sich. Zuhause ist er, wenn er nicht arbeitet und wenn er arbeitet, ist er nicht zuhause.“ (K. Marx: hier zitiert nach

M. Schneider: Neurose und Klassenkampf, S. 219.)

Du siehst sofort, dass Marx hier wieder Bezug nimmt auf seinen positiven, idealen Begriff von der Arbeit des Menschen, der eben mit dem Begriff der „Entfremdung“ als seinem Gegenteil eng verknüpft ist..

Mich begeistert diese Stelle, weil die brandaktuellen Widersprüche, mit denen sich alle arbeitenden Menschen heute herumschlagen müssen, hier klar, eindringlich und wortstark formuliert sind.

Psychologisch sehr interessant finde ich auch die Polaritäten „in der Arbeit außer sich“ und „außer der Arbeit bei sich“.

Außer-sich-sein bedeutet ja einerseits einen elementaren Erregungszustand, z.B. enorme Wut oder Empörung, zum anderen aber auch ein Neben-sich-treten, d.h. eine Art Spaltung des Menschen, denn wie könnte er sonst „außer sich“ sein?

In sich gespalten oder integriert, d.h.“bei sich“ zu sein, wird hier bereits von Marx als eine wichtige Polarität der Entfremdung entwickelt und später von Perls in der Gestalttherapie wieder aufgenommen und psychotherapeutisch angewendet. Nicht von ungefähr nennt Perls seine Art der Psychotherapie eine „integrierende“ Therapie und nicht eine „analytische“ (wie die Psychoanalyse) und er benutzt die Identifizierung als ein Hauptmittel der Therapie und als Weg der Wieder-Aneignung abgespaltener Persönlichkeitsanteile, als Weg zur „Aufhebung von Selbstentfremdung“.

Marx sprach sehr drastisch von den „kastrierenden“ Eigenschaften der Lohnarbeit:

Die eigene Tätigkeit „erscheint als Leiden, die Kraft als Ohnmacht, die Zeugung als Entmannung, die eigene physische und geistige Energie des Arbeiters, sein persönliches Leben…als eine wider ihn selbst gewendete, von ihm unabhängige, ihm nicht gehörende Fähigkeit.“ (K. Marx: hier zitiert nach M. Schneider: Neurose und Klassenkampf, S. 220.)

Scheinbar kauft das Kapital dem Arbeiter ja „nur“ seine Arbeitskraft ab, in Wirklichkeit kauft es den ganzen Menschen, aber: es kauft den widerstrebenden Menschen !

Das ist für mich einer der wesentlichsten Widersprüche des Entfremdungsprozesses, dass der Mensch trotz (oder vielleicht auch gerade wegen) all seiner Spaltungen, aller Trennungen, aller Kastration, aller Reduzierung immer wieder als ganzer Mensch, als Gesamt-Organismus reagiert, dass er sich nicht spalten oder teilen lassen will und eigensinnig darauf beharrt – manchmal sogar gegen seinen bewussten Willen – seine verlorene Einheit wieder herzustellen und das, was ihm fehlt, sich wieder anzueignen.

Das Bedürfnis nach Aufhebung von Entfremdung, die Sehnsucht nach „menschlicheren“ Verhältnissen ist dem Menschen nicht auszutreiben und solange es Menschen gibt, wird es diese Sehnsucht geben.

So haben wir eigentlich eine paradoxe Situation: Je schlimmer die Entfremdung wird, desto größer werden die Chancen zu ihrer Überwindung.

„Auf diese absolute Armut musste das menschliche Wesen reduziert werden, damit es seinen inneren Reichtum aus sich heraus gebäre“, schrieb Marx in seinen Frühschriften. Offenbar hat auch er schon darauf vertraut, dass die beschleunigte Entwicklung des Entfremdungsprozesses auch Gegenkräfte zu seiner Überwindung mobilisiert, denn er schreibt:

„Die Aufhebung der Selbstentfremdung macht denselben Weg wie die Selbstentfremdung.“ (K. Marx: Die Frühschriften, S. 232.)

Der Schlüssel zum Verständnis der Selbstentfremdung ist bei Marx immer wieder die Zerstörung der menschlichen Sinnlichkeit, die Abstumpfung seiner Sinne als Folge der Entfremdung des Menschen von seiner Arbeit (als „allseitiger Tätigkeit“ verstanden):

„Keiner seiner Sinne existiert mehr, nicht nur nicht in seiner menschlichen Weise, sondern in einer unmenschlichen, darum selbst nicht einmal tierischen Weise.“ (K .Marx: Die Frühschriften, S. 256.)

Radikaler kann man es kaum ausdrücken.

Fritz Perls knüpft an diese Einschätzung der Bedeutung der Sinnlichkeit in seiner Konzeption der Gestalttherapie an, indem er es zum Therapieziel erklärt, „zu deinen Sinnen“ zu kommen, d.h. dir deine Umwelt und dich selbst unmittelbar sinnlich anzueignen, deine fünf Sinne zu gebrauchen, um Kontakt zu dir und deiner Umwelt zu bekommen.

Das klingt ja zunächst sehr einfach, fast banal, aber in der Praxis merkst du sehr bald, wie schlecht du in Wirklichkeit deine Sinne gebrauchst und wie wenig du unmittelbar „bei Sinnen“ bist. Du stößt sehr schnell auf die Abstumpfung deiner Sinne, auf ihre „Entfremdung“ und du bemerkst, wie wenig unmittelbaren Kontakt du eigentlich zu deiner Umgebung hast, sondern meistens dabei bist, dir Vorstellungen oder Gedanken über deine Umwelt zu machen.

Du bemerkst dann aber auch, wie die Dinge deiner Umgebung ihren Charakter verändern, wenn du anfängst, genauer hinzusehen, hinzuhören, hinzufühlen und wie die Dinge lebendiger, wirklicher und bedeutungsvoller für dich werden, wenn du deine Sinne bewusst und aktiv einsetzt und schärfst.

Dies Gefühl sagt dir, dass du „ganz da“ bist, wirklich „in Kontakt“ mit der Umwelt und nicht nur mit deinen Vorstellungen davon und du spürst auch, dass dein Leben dadurch reicher, lebendiger und kraftvoller wird - indem du einfach mehr „da“ bist.

Doch ich greife schon etwas vor auf Fritz Perls und die Gestalttherapie. Noch einmal zurück zu Marx’ Entfremdungstheorie.

An anderer Stelle schreibt Marx ironisch über die „großartige“ Wissenschaft der Volkswirtschaft:

„Die Nationalökonomie, diese Wissenschaft des Reichtums, ist daher zugleich die Wissenschaft des Entsagens, des Darbens, der Ersparung und sie kömmt wirklich dazu, dem Menschen sogar das Bedürfnis nach reiner Luft und physischer Bewegung zu ersparen.“ (K. Marx: Die Frühschriften, S. 257.)

Klingt verdammt modern, das mit der Luft und der Bewegung, findest du nicht auch? Aber das hat er vor mehr als 150 Jahren geschrieben! Ist das nicht der Wahn?

Ein wesentlicher Aspekt der Entfremdung besteht ja auch darin, dass der Mensch zunehmend zu einem Anhängsel der Maschine wird, sich immer mehr der Maschine anpassen muss in der Arbeit. Marx schrieb darüber:

„Es ist nicht mehr der Arbeiter, der die Produktionsmittel anwendet, sondern es sind die Produktionsmittel, die den Arbeiter anwenden. Statt von ihm als stoffliche Elemente seiner produktiven Tätigkeit verzehrt zu werden, verzehren sie ihn

als Fermente ihres eigenen Lebensprozesses …“ (K. Marx: hier zitiert nach M. Schneider: Neurose und Klassenkampf, S. 220.)

„Die Maschine bequemt sich der Schwäche des Menschen, um den schwachen Menschen zur Maschine zu machen.“ (K.Marx: die Frühschriften, S. 257.)

„Während die Maschinenarbeit das Nervensystem aufs Äußerste angreift, unterdrückt sie das vielseitige Spiel der Muskeln und konfisziert alle freie körperliche und geistige Tätigkeit. Selbst die Erleichterung der Arbeit wird zum Mittel der Tortour, indem die Maschine nicht den Arbeiter befreit, sondern die Arbeit vom Inhalt.“ (K. Marx: hier zitiert nach M. Schneider: Neurose und Klassenkampf, S.227.)

Findest du das nicht auch beeindruckend, wie genau Marx da hingeschaut hat und wie er die Entfremdung des Menschen von seinem Körper erkannt hat: Wie der moderne Mensch gegen ihn abstumpft, für körperliche Signale unsensibel wird, für Krankheiten disponiert wird, wie Arbeit nicht mehr gesund erhält sondern krank macht.

Auch hier wird ein wesentlicher Ansatzpunkt für Psychotherapie erkennbar und es ist sicher kein Zufall, dass in letzter Zeit die Beschäftigung mit dem Körper in der Psychotherapie in den Vordergrund rückt. Bewusste Körperlichkeit ist „Sinnlichkeit“ im Marxschen Sinne. Bewusste Identifizierung mit dem Körper und seinen natürlichen Bedürfnissen, also auch ein Weg zur Aufhebung von Entfremdung.

Nicht nur der moderne Arbeitsprozess, auch der moderne Mensch wird zunehmend „durchrationalisiert“: Alle irrationalen, nicht-kalkulierbaren und unprofitablen Eigenschaften werden ihm ausgetrieben und abgewöhnt, der Mensch wird degradiert zu einem „nützlichen Idioten“ und einige moderne Psychologen sind schon der Meinung, dass wir es bereits überwiegend mit menschlichen „Robotern“ zu tun haben (z.B. Eric Berne, der Begründer der Transaktionsanalyse).

Ich glaube zwar nicht, dass diese Leute Recht haben, aber erschreckend finde ich es doch.

Der moderne Mensch muss immer unter Kontrolle sein, sich beherrschen können, wo er nicht sowieso direkt beherrscht wird. Und auch sein Bewusstsein, seine Fähigkeit zur Reflexion, zum „Nachdenken“ ist hinderlich, denn es könnte ja zum Innehalten, zur Unterbrechung der Routine, zu „Störungen“ im gigantischen Produktionsapparat führen. Bewusstsein muss also durch ein fixes Programm ersetzt werden, das blind wirkt wie ein Waschprogramm. Bedürfnisse soll dieser Mensch bitteschön nur noch haben, sofern sie ausbeutbar sind, d.h. „verkäuflich“. Gefühle sind selbstverständlich zu unterdrücken, da sie ja unberechenbar und dysfunktional sind, der Mensch muss „cool“ bleiben.

So kommen wir schließlich zu dem perversen Ergebnis, dass ausgerechnet die Menschen der Gesellschaften mit dem höchsten technologischen Niveau auf dieser Erde einen unglaublichen Tiefstand der menschlichen Persönlichkeit erreicht haben: Mit dem äußeren Reichtum haben wir unsere innere Armut produziert.

Marx schrieb:

„Je weniger du bist, je weniger du dein Leben äußerst, um so mehr hast du, um so größer ist dein entäußertes Leben, um so mehr speicherst du auf von deinem entfremdeten Wesen.“ (K. Marx: Die Frühschriften, S. 258.)

Marx hat auch die eigenartige Entfremdung des Menschen in der Konsumgesellschaft vorher gesehen, obwohl dieser Aspekt von Entfremdung zu seiner Zeit überhaupt noch nicht in Sicht war. Er hat schon geahnt, dass Zeiten kommen werden, wo das natürliche Interesse des Menschen am anderen Menschen, also an zwischenmenschlichen Beziehungen, umgemünzt wird in das Interesse an den „Waren“, am Konsum. Er hat vorhergesehen, dass die Menschen dann keine schönere Freizeitbeschäftigung mehr kennen werden als „das Einkaufen“, und dass sie sich nicht mehr gegenseitig anschauen werden, sondern ihre Köpfe in die Schaufenster stecken, um die „schönen“ Waren anzuschauen. Er schrieb in diesem Zusammenhang:

„Das Privateigentum hat uns so dumm und einseitig gemacht, dass ein Gegenstand erst der unsrige ist, wenn wir ihn haben, er also als Kapital für uns existiert oder von uns unmittelbar besessen wird… An die Stelle aller geistigen und physischen Sinne ist daher die einfache Entfremdung aller Sinne, der Sinn des Habens getreten.“ (K. Marx: Die Frühschriften, S. 240.)

Marx kam zu der Überzeugung, dass es in der Folge der Entfremdung von der Arbeit zu einer starken zwischenmenschlichen Entfremdung kommen würde: die menschlichen Beziehungen würden stark versachlicht werden, entleert, verarmt und die Menschen würden das Interesse aneinander verlieren zugunsten des Interesses an der „schönen, bunten, glitzernden“ Warenwelt. Je mehr die Menschen ihre natürliche Sinnlichkeit, Leidenschaft und Erotik verlieren würden, desto mehr würden die Waren mit Attributen der Sinnlichkeit und Erotik versehen.

Wenn man die heutige Sex-Werbung für alle möglichen Produkte anschaut, kann man nur staunen, wie klar Marx das alles schon vorher geahnt hat.

Marx hatte eine hohe Meinung von der Bedeutung der zwischenmenschlichen Beziehungen, denn er meinte (und da ist die moderne Psychologie ganz seiner Meinung), dass der Mensch erst in der Gemeinschaft ganz „Mensch“ wird, dass er die Gemeinschaft, die Gesellschaft, die Beziehung zu anderen Menschen braucht wie die Luft zum Atmen.

Besonders interessant finde ich in diesem Zusammenhang, dass Marx gerade das Verhältnis von Mann und Frau in einer Gesellschaft zum Gradmesser der Qualität der zwischenmenschlichen Beziehungen überhaupt erklärt hat. Er schrieb dazu:

„Das unmittelbare, natürliche , notwendige Verhältnis des Menschen zum Menschen ist das Verhältnis des Mannes zum Weibe. In diesem natürlichen Gattungsverhältnis ist das Verhältnis des Menschen zur Natur unmittelbar sein Verhältnis zum Menschen, wie das Verhältnis zum Menschen unmittelbar sein Verhältnis zum Anfang seiner natürlichen Bestimmung ist. In diesem Verhältnis erscheint also sinnlich, auf ein anschauliches Faktum reduziert, inwieweit dem Menschen das menschliche Wesen zur Natur oder die Natur zum menschlichen Wesen des Menschen geworden ist. Aus diesem Verhältnis kann man also die ganzen Bildungsstufen des Menschen beurteilen.“ (K. Marx: die Frühschriften, S. 234.)

Ist das nicht spannend auf dem Hintergrund unserer heutigen Erfahrung mit der Emanzipationsbewegung der Frauen?

Wenn Marx Recht hatte, dann trägt diese Bewegung ganz enorm dazu bei, die zwischenmenschliche Entfremdung wieder aufzuheben und auch die psychotherapeutische Arbeit mit Paaren bekommt dadurch eine interessante, tiefere Bedeutung und Perspektive.

Als Gipfelpunkt der ganzen Entfremdungsentwicklung sah Marx nach der Entfremdung von der Arbeit und der zwischenmenschlichen Entfremdung die „Entfremdung des Menschen von sich selbst“, die Selbstverarmung, den Selbstverlust. Marx spricht von der „Lebensentäußerung“ statt der „Lebensäußerung“, von der „Selbstentwirklichung“ statt „Selbstverwirklichung“ und von der „Selbstentfremdung“ statt der „Selbstaneignung“. Marx sah als Konsequenz der Entfremdung durch die industrielle Arbeitssituation voraus, dass die Menschen ihre Fähigkeit zur Selbstwahrnehmung weitgehend einbüßen würden, dass ihr Verhältnis zum eigenen Körper und dessen Signalen gestört sein würde und sie damit weitgehend den Bezug zu ihrer biologischen Natur, zu ihrer natürlichen Bedürfnisstruktur verlieren und anfälliger für alle möglichen Erkrankungen werden würden. Er hat damit weitgehend das vorweggenommen, was wir heute unter „Psychopathologie“ verstehen, einschließlich des gesamten Bereichs der „Psychosomatik“.

Der moderne Mensch „verliert“ sich in Marx Verständnis an die von ihm produzierten Dinge, anstatt dass die von ihm geschaffenen Dinge sein individuelles Wesen widerspiegeln und so seine Identität bestätigen. Der entfremdete Lohnarbeiter ist für Marx „der sich abhanden gekommene Mensch“. Er schreibt dazu:

„Die Produktion produziert den Menschen nicht nur als Ware, die Menschenware, den Menschen in der Bestimmung der Ware, sie produziert ihn, dieser Bestimmung entsprechend, als ein ebenso geistig wie körperlich entmenschtes Wesen.“ (K. Marx: die Frühschriften, S. 303.)

„Selbstentfremdung“ bedeutet also ganz allgemein gesagt die Spaltung, Teilung des Menschen, die Distanzierung von wesentlichen Teilen seiner selbst, also eine Selbstverarmung, eine Reduzierung und Degradierung der menschlichen Persönlichkeit. Schlüsselbegriff für diesen „Selbstverlust“ ist bei Marx immer der Verlust der Sinnlichkeit, d.h. der Fähigkeit des Menschen , sich und seine Situation differenziert wahrzunehmen und auch den Verlust an Selbst-Ausdruck, an Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung, zu leidenschaftlichem und genussvollem Leben.

Gestörter Eindruck und gestörter Ausdruck sind also zentrale Aspekte der Selbstentfremdung.

Fehlende Selbst-Wahrnehmung bedeutet aber: Den Boden unter den Füßen zu verlieren, denn Selbstwahrnehmung ist die Quelle aller Selbst-Erkenntnis und des gesunden, „normalen“ Selbst-Gefühls, ja auch des „Selbstwertgefühls“, das in der aktuellen psychologischen Diskussion eine so enorme Rolle spielt.

„Sinnlichkeit“ im Sinne von Marx und Perls ist deshalb so zentral bedeutsam, weil sie den Kontakt des Menschen zur Realität, aber auch zu sich selbst herstellt und reguliert. Selbstentfremdung bedeutet daher, dass der Mensch auch den Kontakt zu sich selbst zunehmend einbüßt, dass er sich selber fremd wird, seine Innenwelt nicht mehr wahrnimmt und nicht mehr kennt (denn kennen kann ich nur das, womit ich wirklich in Berührung komme).

Psychotherapie beschäftigt sich ja hauptsächlich mit diesen Erscheinungsformen der Entfremdung, der „Selbstentfremdung“ und nicht zufällig sind die wichtigsten psychologischen Beiträge der letzten Jahrzehnte (z. B. die gesamte psychoanalytische Narzissmus-Debatte) genau diesem Aspekt der Entfremdung gewidmet. Ich will hier nur als ein anschauliches Beispiel den Klappentext von Alice Millers bekanntem Buch „Das Drama des begabten Kindes“ anführen. Es heißt dort:

„Dieser Band vereinigt drei Studien, deren gemeinsame Leitthemen die Ursprünge des Selbstverlustes und Wege der Selbstfindung sind. Störungen des Selbst – narzisstische Störungen – sind zweifellos ein Hauptleiden unserer Zeit. Alice Miller hat in ihren Arbeiten eine in vielen Jahren psychoanalytischer Tätigkeit erworbene Erfahrung verdichtet und außerordentlich klar formuliert. Sie vermeidet weitgehend den Gebrauch metapsychologischer Termini, um sich der Erlebnisqualität des Seelischen nähern zu können, ohne dabei auf begriffliche Präzision zu verzichten.

Den Idealfall einer genuinen Lebendigkeit, eines freien Zugangs zum wahren Selbst (dies ein Schlüsselbegriff ihrer Arbeit), zur eigenen, in der Kindheit wurzelnden Gefühlswelt, bezeichnet Alice Miller als „gesunden Narzissmus“. Die „narzisstische Störung“ beschreibt sie als „Isolierhaft des wahren Selbst im Gefängnis des falschen“, die sie aber nicht als Krankheit begreift sondern als Tragik.

Das Drama des begabten, d.h. sensiblen, wachen Kindes besteht darin, dass es schon sehr früh Bedürfnisse seiner Eltern spürt und sich ihnen anpasst, indem es lernt, seine intensivsten, aber unerwünschten Gefühle nicht zu fühlen. Obwohl diese „verpönten“ Gefühle später nicht immer vermieden werden können, bleiben sie doch abgespalten, das heißt: der vitalste Teil des wahren Selbst wird nicht in die Persönlichkeit integriert. Das führt zu emotionaler Verunsicherung und Verarmung (Selbstverlust), die sich in der Depression ausdrücken oder aber in der Grandiosität abgewehrt werden.

Alice Millers Beispiele sensibilisieren für das nicht artikulierte, hinter Idealisierungen verborgene Leiden des Kindes wie auch für die Tragik der nicht verfügbaren Eltern, die einst selbst verfügbare Kinder gewesen sind.“ (Miller: Das Drama des Begabten Kindes, Klappentext des Herausgebers)

Die hier bei Alice Miller (und vielen anderen Autoren) auftauchenden Begriffe wie „Selbstverlust“, „wahres und falsches Selbst“, „Verarmung des Selbst“ , „Abspaltung des vitalsten Teils der Persönlichkeit“ – diese Begrifflichkeit ist fast wörtlich identisch mit der Art und Weise,, wie Karl Marx die „Selbstentfremdung des Menschen“ beschreibt.

Glaubst du, dass das Zufall ist?

Ein psychologisch sehr bedeutsamer Aspekt der Selbstentfremdung ist die „Selbstspaltung“, der Verlust der Einheitlichkeit der menschlichen Persönlichkeit, die innere Zerrissenheit, der innere Konflikt, der für den modernen Menschen typisch ist. In der klinischen Psychologie kennen wir den Spaltungsmechanismus als charakteristisch für alle narzisstischen Störungen und insbesondere für die sog. „Schizophrenie“, die man ja wörtlich als „gespaltenes Bewusstsein“ übersetzen müsste. Selbstentfremdung kann man also als eine Art Alltags-Schizophrenie begreifen, eine innere Spaltung, die so „normal“ geworden ist, dass sie uns völlig unauffällig erscheint: Was praktisch jeder „hat“, kann ja keine „Krankheit“ sein, oder?

Es gibt viele Möglichkeiten der Selbstspaltung. Ich will hier nur mal einige der geläufigsten und häufigsten aufzahlen:

Körper und Seele, Verstand und Gefühl, Denken und Handeln, Kopf und Bauch, Liebe und Sex, Gut und Böse, Privat und Öffentlich, Bewusst und Unbewusst.

Der Mensch teilt sich dabei nicht nur innerlich durch, zerstört seine Ganzheit, seine Einheitlichkeit als Gesamt-Organismus, als „Gestalt“, wie die Gestalt-Psychologen sagen würden, sondern er distanziert sich auch von Anteilen seines Selbst, will damit nichts zu tun haben, bekämpft diese Persönlichkeitsanteile (die „Schatten-Seiten“, wie C.G. Jung das nannte).

Heute sind die meisten Menschen z.B. weitgehend von ihrem Körper entfremdet: Sie nehmen ihn kaum noch wahr, kennen ihn kaum noch, wollen nur, dass er „reibungslos“ funktioniert, dass er immer „fit“ und einsatzbereit ist. Sie haben ihren Körper zum Objekt gemacht, identifizieren sich nicht mehr mit ihm, „benutzen“ ihn, wie ein Werkzeug. Er ist für sie wie ein „Ding“, das sie „haben“ (statt dass sie ein Körper „sind“).

Andere spalten sich in „Gut“ und „Böse“ und wollen von dem „Bösen Teil“, ihrer „schwarzen Seele“, ihrem „Schatten“ nichts mehr wissen. Sie wollen „nur gut“ sein und strengen sich furchtbar an, sich und anderen das immer wieder zu beweisen.

„Einigkeit macht stark“ – sagt das Sprichwort.

Der Mensch, der mit sich selbst uneins ist, der geteilte, in sich zerrissene oder hin und her gerissene Mensch ist also seiner inneren Stärke beraubt, er ist „ich-schwach“, leicht beherrschbar und verführbar. Auch dieser Aspekt der Selbstentfremdung erscheint mir sowohl psychotherapeutisch wie politisch hochinteressant, ja geradezu brisant.

Eine wirklich funktionierende, lebendige Demokratie kann man jedenfalls mit solchen Menschen nicht machen, das ist unvorstellbar.

Tröstlich ist eigentlich nur, dass die Entfremdung nicht nur „entfremdetes Bewusstsein“ erzeugt, sondern auch das „Bewusstsein der Entfremdung“ und damit eine Gegenkraft zur Aufhebung der Entfremdung.

Auch das oben skizzierte Buch von Alice Miller ist dafür ein Beweis, denn es zeigt ja auch Wege aus der Entfremdung auf, Wege zur „Selbstfindung“.

Ein gesundes, nicht entfremdetes „Selbstbewusstsein“ muss nach Marx Verständnis drei Kriterien erfüllen:

Der Mensch muss ein Bewusstsein von sich selbst als natürlichem, biologischem Wesen haben, ein Bewusstsein seiner Natur. Der Mensch muss ein Bewusstsein seiner selbst als gesellschaftlichem, sozialem Wesen haben, das auf Gemeinschaft mit anderen Menschen angelegt ist.

Der Mensch muss ein Bewusstsein von sich selbst als produktiv-tätigem Wesen haben, als ein Wesen, das sich in seiner Arbeit selbstverwirklicht und seine Individualität in dem darstellt, was es schafft.

Der selbstentfremdete Mensch weiß hingegen oft nichts mehr von seiner Natürlichkeit und hat den Bezug zu seiner biologischen Basis weitgehend verloren, er weiß nichts mehr von seiner Gesellschaftlichkeit und flieht in den „Kult der Privatheit“, den er für einen Ausdruck seiner Individualität hält. Und er weiß meist nichts mehr von seiner Fähigkeit zu produktivem, schöpferischem Tun: Die Arbeit macht ihm keine Freude mehr, sondern ist ihm ein lästiger Zwang geworden, dem er nach Möglichkeit zu entkommen sucht (er hofft immer wieder auf den Lotto-Gewinn, der ihn endlich von diesem Zwang befreien würde).

Entfremdung ist heutzutage etwas so „Normales“ geworden, dass wir sie meist gar nicht wahrnehmen. Sie ist ein ganz unscheinbares, mausgraues, kleines Alltagsphänomen, das in tausend Dingen des alltäglichen Lebens zum Ausdruck kommt. Und die Gestalttherapie halte ich für eine Art „Anleitung zur Aneignung des Alltags“, also zur Erschließung und Bewusstwerdung genau dieser vielen kleinen unscheinbaren Alltäglichkeiten in unserem Erleben und Verhalten.

Und das soll nun noch „Psychotherapie“ sein und zur Aufhebung von „Entfremdung“ beitragen?

Die beiden scheinbar so kolossal beeindruckenden Begriffe „Psychotherapie“ und „Entfremdung“ schrumpeln plötzlich zusammen zu Alltagsbanalitäten?

Ja, lieber Otto, wenn man die kleinen Dinge des Alltagslebens für banal hält, dann schon.

Ich tue das allerdings nicht.

Ich glaube vielmehr, dass gerade in den unscheinbaren, ganz gewöhnlichen kleinen Alltagsdingen der Schlüssel zu allen wesentlichen Problemen unserer Gesellschaft und unserer Zeit verborgen liegt.

Ich möchte dir hier ein kleines Beispiel aus meinem eigenen Alltag geben: Kaum jemand würde bestreiten, dass die Perversion der menschlichen Aggression ein wesentliches Problem unserer Zeit darstellt. Man braucht sich dazu nur ein wenig auf unserem Planeten umsehen: Krieg, Terrorismus, Atombomben, die Vernichtungsbedrohung für die ganze Welt. Wer kann davor noch die Augen verschließen? Das ist Entfremdung im großen Stile, das sehen wir alle, das ist uns bewusst.

Nun stammen ja gerade die schrecklichsten Vernichtungswaffen aus den am meisten zivilisierten und industriell fortgeschrittensten Ländern, aus den Gesellschaften also, in denen du und ich leben.

Müssen wir uns da nicht mal die Frage stellen, was diese Vernichtungswaffen mit der Art zu tun haben, wie wir leben, mit unserem gesellschaftlichen Alltag? Offensichtlich ist doch dieser gesellschaftliche Alltag der Nährboden dieser ganzen Kriegsmaschinerie und Vernichtungsdrohung.

Auch auf die Gefahr hin, dass du mir jetzt „Psychologisierung“ vorwerfen wirst und meinst, dass ich die Dinge doch zu sehr vereinfache, möchte ich mal die Vermutung in den Raum stellen, dass zumindest eine wesentliche Ursache der heutigen Vernichtungsdrohung in der menschlichen Entfremdung zu suchen ist und zwar spezifischer: der Entfremdung der menschlichen Aggressionskraft.

Aggression wird meiner Meinung nach bei uns zunehmend isoliert, abgespalten und gerät dadurch immer dämonischer, monströser und bedrohlicher.

Wenn man daran etwas ändern will, lohnt es sich also, diese Entfremdungsprozesse der Aggressionskraft im unscheinbaren gesellschaftlichen Alltag aufzusuchen und zu untersuchen, sie sozusagen zurückzuverfolgen bis in alle Ritzen und Winkel dieser Gesellschaft, aus der die entfremdete Aggression täglich hervorquillt und sich über unseren Häuptern so bedrohlich zusammenbraut.

Hier nun das versprochene kleine Alltagsbeispiel von mir selbst: Ich bin mir bewusst, dass ich Probleme mit meiner Aggression habe. Sie ist mir regelrecht fremd. Ich will nicht aggressiv sein. Manchmal sitze ich zwar auf heißen Kohlen und fühle mich innerlich wie ein Vulkan: kochend vor Wut. Ich kann sie aber nicht ausdrücken und bleibe äußerlich meist ruhig, ja ausgesprochen „cool“. Ich hasse und vermeide jede Form von Gewalttätigkeit und bin noch nie in eine Schlägerei verwickelt worden. Lieber gebe ich in einer Auseinandersetzung klein bei, als dass ich laut werde. Ich reiße mich zusammen. Nachts habe ich immer wieder Alpträume, in denen ich von einem Mann verfolgt werde, der mich umbringen will und dem ich verzweifelt zu entkommen suche. In der Gestalttherapie habe ich gelernt, mich mit diesem „Verfolger“ zu identifizieren – auch wenn mir das anfänglich ganz gegen den Strich ging. Ich habe verstanden, dass dieser „Verfolger“ einen Persönlichkeitsanteil von mir darstellt, den ich ablehne, den ich verleugne, mit dem ich nichts zu tun haben will, weil er nicht zu meiner Moral und meinem Selbstbild passt.

Irgendjemand hat mal das Dasein solcher abgespaltener Persönlichkeitsanteile mit der Existenz eines eingesperrten Menschen verglichen: Durch die lange Isolation im Kerker wird dieser Teil allmählich asozial, er verwildert, verroht. Im Kontakt mit den übrigen Persönlichkeitsanteilen würde er seinen Schrecken verlieren, würde er sozusagen wieder „sozialisiert“ werden, aber der Kontakt macht Angst und wird deshalb vermieden. Der störende Teil wird also abgespalten und führt ein isoliertes Eigenleben.

In meinem Fall besteht der Nachteil der Abspaltung für mich vor allem darin, dass mir die Kraft fehlt, die in diesem „Verfolger“ steckt, und außerdem die Kraft, die ich ständig benötige, um ihn in der Verdrängung zu halten. So werde ich leicht depressiv, fühle mich schlapp, energielos, mutlos, oft dem Leben nicht gewachsen. Diese Einsichten helfen mir natürlich nur dann weiter, wenn sie mir erlauben, meinen konkreten Alltag anders zu leben und mir diesen abgespaltenen Persönlichkeitsanteil wieder vertraut zu machen und „anzueignen“, wie Marx das genannt hätte, z.B. so:

Neulich musste ich hier Holz hacken (du weißt, wir heizen hier nur mit Holz) und zwar langes, relativ dünnes Stangenholz. Dabei muss man ziemlich aufpassen, denn das ist nicht so einfach wie Klötze spalten. Ich musste mich also echt auf die Sache konzentrieren.

Dabei fällt mir plötzlich auf, dass ich beim Zuschlagen immer unwillkürlich den Atem anhalte und damit immer auch den Schlag etwas abbremse. Ich erziele viel mehr Wucht beim Zuschlagen, wenn ich dabei gleichzeitig heftig ausatme. Ich versuche daraufhin, bewusst durch zu atmen, den Atem beim Zuschlagen nicht mehr anzuhalten. Das führt wie von selbst dazu, dass ich beim Schlagen betont ausatme und auch Atemgeräusche entstehen: zuerst ein Röcheln und Stöhnen, das mich zugleich erschreckt und fasziniert. Es erinnert mich an Orgasmusgeräusche. Dann wird es mehr ein Knurren, wie bei einem Hund, und schließlich ein wütendes Schnauben. Ich fühle dabei auch richtige Wut in mir aufsteigen, die ich als Kraft in den Schlag legen kann. Zunehmend kriege ich mehr und mehr Lust am Zuschlagen, an meiner Kraft und Entschlossenheit, dieses verdammte Holz klein zu kriegen.

Als ich einmal aufstehe und verschnaufe, bemerke ich, wie die Umgebung, die Bäume, der Himmel, das Sonnenlicht, mir viel klarer, ausdrucksvoller und lebendiger erscheinen als vorher und ich denke :

„Schau an, die Welt ist doch tatsächlich wie ein Spiegel: kaum werde ich selbst lebendiger und energievoller, schon erscheint mir auch die Welt lebendiger, plastischer und anregender.“

Du siehst, für mich ist aus dem Holzhacken ein kleiner therapeutischer Prozess geworden: Ich habe Kontakt zu Gefühlen von mir bekommen, die ich sonst strikt an mir ablehne: meiner Wut, meiner Lust am Zuschlagen und Zerstören. Ich habe mir diese abgelehnten, verpönten Gefühle wieder ein Stück weit angeeignet. Sie haben in dieser Szene ihren Schrecken für mich verloren und dadurch strömte sogleich die Kraft zurück, die gewöhnlich daran gebunden ist. Angst verwandelte sich in Lust und Lust ist Kraft, gute, positive Lebenskraft.

Das Beispiel ist ausgesprochen harmlos im Vergleich zu den elementaren Gewalten, die ich bei mir und anderen in der Gestalttherapie habe hervorbrechen sehen, wenn jemand mit seinen abgespaltenen aggressiven Kräften in Kontakt kam. Es geht mir hier aber nicht um das sensationelle Beispiel. Mag es auch unbedeutend erscheinen, so enthält mein kleines Beispiel doch alle wesentlichen Elemente des gestalttherapeutischen Umgangs mit Entfremdungsphänomenen.

Was macht also das Holzhacken „psychotherapeutisch“?

Du kannst an meinem Bericht genau nachvollziehen, dass der Umschlag von einer einfachen Tätigkeit in Psychotherapie mit Konzentration und Gewahrwerden zusammenhängt: Die Notwendigkeit, meine ganze Aufmerksamkeit voll auf das Zerhacken der Stangen zu richten, führt zum Bemerken des Atem-Anhaltens und seiner Bremswirkung. Dann folgt das Experimentieren mit dem Atem: Bewusstes Durchatmen, betontes, auch geräuschvolles Ausatmen beim Zuschlagen. Das bringt mich wiederum in Kontakt mit den Gefühlen, die das Atem-Anhalten unterbunden hatte: der Wut und der Lust am Zuschlagen und Zerstören. Hier tritt auch die Angst vor diesen Gefühlen auf, das Erschrecken über die Atemgeräusche, die nach Orgasmus und knurrendem Hund klingen. Die Faszination kann aber überwiegen, da die Situation ungefährlich ist und mich niemand hört und sieht. Meine „Zerstörungswut“ richtet sich ja nur auf das Holz, ist also sozial tolerierbar und sogar „nützlich“ und mit Nützlichkeit kann ich mich wieder voll und ganz identifizieren.

So konnte ich den „knurrenden Hund“ – den abgespaltenen Persönlichkeitsanteil – in mir wahrnehmen und ihn mir wieder ein wenig zu eigen machen und seine Kräfte zurückgewinnen, die mir mit ihm verloren gegangen waren. Selbstentfremdung bedeutet ja immer: Selbstverarmung.

So wie Marx davon überzeugt ist, „dass die Aufhebung der Selbstentfremdung denselben Weg geht wie die Selbstentfremdung“ – d.h. man kann Entfremdung nicht einfach rückgängig machen – so ist Fritz Perls, der Begründer der Gestalttherapie, davon überzeugt, dass man sich seinen sog. „inneren Schweinehund“ aneignen muss, um ihn zu überwinden.

Die ängstlich gemiedenen, abgelehnten Persönlichkeitsanteile, – wie in meinem Beispiel meine Wut und Zerstörungslust – die mir „fremd“ und das heißt „entfremdet“ sind, die werde ich nicht los, indem ich sie in mir bekämpfe, unterdrücke, verleugne, sondern sie verlieren paradoxerweise erst dann ihren Schrecken, wenn ich sie integriere, Kontakt zu ihnen herstelle, bereit bin, mich ein Stück weit mit ihnen zu identifizieren.

Der Weg der Gestalttherapie geht immer durch diese „Hölle“ der Identifizierung und manchmal kommt dieser Prozess einem vor wie Sterben und neu wieder Geboren werden.

Die vielleicht wichtigste Gemeinsamkeit zwischen Marx und Perls, zwischen dem gestalttherapeutischen Ansatz und dem Konzept der Entfremdung sehe ich in der Betonung der Bedeutung der Sinnlichkeit. Für beide ist die Zerstörung bzw. Wiederbelebung der menschlichen Sinnlichkeit der Schlüssel zur Entfremdung bzw. der Aufhebung von Entfremdung.

„Sinnlosigkeit“ und „Besinnungslosigkeit“ des menschlichen Lebens heute sind Hinweise auf eine verkümmerte, entfremdete Sinnlichkeit.

Der täglich laufende Fernseher ist ein geläufiges Beispiel dafür.

Jemand, der „nicht ganz da“ ist, der irgendwie „abwesend“ ist, nicht „präsent“ ist, der hat den Kontakt zur Welt und zu sich selbst weitgehend verloren und wird irgendwann seelisch oder körperlich krank.

Sensible Menschen, wie Dichter oder Schriftsteller, haben diesen Zusammenhang längst klar erkannt. So schreibt z.B. Doris Lessing in ihrem Roman „Das goldene Notizbuch“:

„Ich stand in der Mitte des großen Zimmers, nackt, ließ mich aus drei Richtungen von der Hitze anstrahlen und auf einmal wusste ich, und das war eine Erleuchtung, – es gehörte zu den Dingen, die man immer gewusst, aber nie wirklich verstanden hat – dass die ganz geistige Gesundheit davon abhängt: dass es ein Vergnügen ist, die Rauheit eines Teppichs unter glatten Sohlen zu fühlen, ein Vergnügen, aufrecht zu stehen, zu wissen, dass die Knochen sich leicht unter dem Fleisch bewegen. Wenn das wegfällt, dann schwindet auch die Gewissheit, dass man lebt.“ (Doris Lessing: „Das goldene Notizbuch“, S. 587.)

Dementsprechend besteht der Ansatz der Gestalttherapie zum Teil nur darin, die verschüttete, verkümmerte Sinnlichkeit des entfremdeten Menschen wieder zu beleben. Fritz Perls sagt:

„Wir fordern den Patienten auf, sich seiner Gesten, seines Atems, seiner Gefühle, seiner Stimme, seines Gesichtsausdrucks ebenso sehr bewusst zu werden wie seiner drückenden Gedanken. Wir wissen, dass er umso mehr über sich lernen wird, je mehr er sich seiner selbst bewusst wird. Wenn er erfährt, auf welche Weise er sich daran hindert, jetzt zu „sein“, wie er sich blockiert, wird er auch anfangen, das Selbst zu erleben, das er blockiert hat.“ (Fritz Perls: „Grundlagen der Gestalttherapie“, S. 83.)

Und an anderer Stelle schreibt er dazu:

„Eine erfolgreiche Therapie setzt in den Patienten die Fähigkeit frei, zu abstrahieren und die abstrahierten Teile zu integrieren. Um das zu können, muss der Patient erst wieder zu seinen „Sinnen“ kommen. Er muss lernen, das zu sehen, was da ist und nicht das, was seiner Vorstellung nach da sein muss… Dann wird er Aktionsfreiheit erlangen (die ein Teil der Gesundheit ist).“ (F. Perls: „Grundlagen der Gestalttherapie“, S. 122f.)

Auch mein obiges Beispiel mit dem Holzhacken ist im Kern eine konzentrierte sinnliche Erfahrung.

Das Beispiel illustriert auch noch eine weitere Gemeinsamkeit im Verständnis der Entfremdung bei Marx und Perls: Beide haben erkannt, dass „Abspaltung“ das Wesen der Entfremdung ausmacht, Abspaltung im Sinne von „Ausstoßen“ und „Isolieren“ von der Gesamt-Persönlichkeit (in meinem Beispiel wird der „knurrende Hund“ ausgesperrt).

Das Ziel der Gestalttherapie benennt Perls so:

„Was wir in der Gestalttherapie erreichen wollen, ist die Integration aller verstreuten und verleugneten, hinausgeworfenen Teile des Selbst und die Wiederherstellung des ganzen Menschen.“ (Fritz Perls: „Grundlagen der Gestalttherapie,

S. 203.)

Er fährt dann fort:

„Wenn wir Teile von uns abgestoßen haben – wenn wir uns nicht mehr gehören – dann gewinnen wir sie zurück, wenn wir uns wieder mit ihnen identifizieren, wenn wir zu diesen Teilen werden. Wir müssen der Bösewicht und der Dämon werden und der Tatsache ins Auge sehen, dass sie lauter projizierte Teile von uns sind… Wir wollen nicht sehen, dass wir eine Kloake oder ein Polizist sind. An dieser Stelle wird der Gedanke wichtig, dass wir lernen müssen zu leiden, zu leiden an der Idee, dass wir eine Kloake oder ein Polizist sein könnten – bis plötzlich deutlich wird, dass irgendwo in diesen Projektionen wertvolle Energien verborgen liegen. Die können wir assimilieren und uns wieder zu eigen machen.“ (F.P., Grundlagen…, S. 204.)

In meiner Szene mit dem Holzhacken kannst du verfolgen, wie es mir durch eine gewisse Identifizierung mit dem gefürchteten und gehassten „knurrenden Hund“ gelingt, mir die Energie dieses Persönlichkeitsanteils wieder anzueignen. Dazu ist es natürlich notwendig, in die Erfahrung des „knurrenden Hundes“ in mich hineinzugehen und diesen Teil meiner Persönlichkeit voll bewusst zu erleben statt ihn zu vermeiden.

Fritz Perls sagt dazu:

„Du überwindest nie etwas, indem du ihm widerstehst. Du kannst etwas nur überwinden, wenn du tiefer in es hineingehst. Wenn du trotzig bist, sei noch trotziger. Wenn du eine Schau abziehst, mach noch mehr Schau. Was es auch ist, wenn du tief genug in es hinein gehst, dann verschwindet es, es wird dir dann zu eigen werden.“ (Fritz Perls: „Gestalttherapie in Aktion“, S. 222.)

Und an anderer Stelle:

„Sobald man sagt: Ich möchte mich ändern, ein Programm aufstellt, wird eine Gegenkraft in einem erzeugt, die von der Veränderung abhält. Änderungen finden von selbst statt. Wenn man tiefer in sich ­hinein geht, in das, was man ist, dann ereignet sich der Wandel von selbst. Das ist das Paradoxe des Wandels.“ (F. Perls: Gestalttherapie in Aktion, S. 187.)

Karl Marx schrieb: „Die Aufhebung der Selbstentfremdung macht den gleichen Weg wie die Selbstentfremdung.“ (K. Marx: Frühschriften, S. 252.)

Das gleiche Paradox, die gleiche Grundlage: Dialektisches Verstehen.

Schon der Begriff der „Aufhebung“ von Entfremdung enthält dieses Verständnis, denn er bedeutet so viel wie „Überwindung“ der Entfremdung, indem sie auf eine neue Stufe, ein neues Niveau „hinaufgehoben“ wird. Dadurch verschwindet sie einerseits, bleibt aber andererseits in der neuen Form „aufgehoben“, d.h. erhalten.

Bei beiden, Marx und Perls, spürt man die Ausrichtung nach vorn, in die Zukunft, in die Veränderung von Mensch und Gesellschaft, indem beide durch den ganzen Schlamassel der Entfremdung hindurch gehen, und nicht indem man zu alten, „heilen“ Zuständen zurückzukehren versucht.

Man kann z.B. einen nervösen, unruhigen Menschen nicht dadurch beruhigen, indem man ihm „Ruhe verordnet“ – er wird aber sicher von selbst ruhiger, wenn er Gelegenheit bekommt, seine Unruhe auszudrücken und zu durchleben.

Nichts ändert sich durch Unterdrückung und Vermeidung – sondern nur durch Kontakt und Ausdruck.

Im Folgenden will ich mich einigen Grundbegriffen der Gestalttherapie zuwenden und ihre Verbindung zu Marx’ Entfremdungstheorie aufzeigen.

Fritz Perls begreift die von ihm entwickelte Gestalttherapie vor allem als „Selbst-Aneignung“, als Wieder-Ergreifen der Initiative. Er nennt es oft „Verantwortung“, verstanden als die Fähigkeit, auf eine Situation angemessen zu antworten. Die „Selbst-Aneignung“ besteht vor allem in der Rücknahme der vielfältigen Projektionen und der Wiedergewinnung der abgespaltenen Selbst-Anteile.

Dieser Ansatz korrespondiert ganz deutlich mit Marx’ Verständnis von „Selbst-Entfremdung“: Der Mensch wird durch die Art der Produktion und Konsumtion seiner wirklich „menschlichen“ Eigenschaften mehr und mehr beraubt, er wird zur Maschine degradiert und seine natürliche Bedürfnisvielfalt wird auf das Bedürfnis „zu Haben“ reduziert. Marx schreibt:

„Der Arbeiter darf nur soviel haben, dass er leben will und er darf nur leben wollen, um zu haben.“ (K. Marx: Frühschriften, S. 258.)

Damit verliert der Mensch den sinnlichen Kontakt zu sich selbst, zu seiner Umwelt und seinen Mitmenschen und dadurch auch seine Genussfähigkeit, seine Lebensfreude, seine Spontaneität, Kreativität, Liebesfähigkeit; er verliert seinen natürlichen Rhythmus, seine körperliche Gesundheit und Natürlichkeit, ja sogar weitgehend sein Gefühl für seinen Körper; und das Häufigste und Allgemeinste: er verliert seine Ruhe, er wird nervös, hektisch, umtriebig, und muss immer beschäftigt sein.

Gestalttherapie „heilt“ diesen selbstentfremdeten Zustand vor allem durch eines: durch Kontakt.

„Kontakt“ ist ein zentraler Begriff in der Gestalttherapie.

Kontakt könnte man als das Gegenteil von Entfremdung ansehen. Kontakt bedeutet immer: Die Überbrückung einer Spaltung, die Aufhebung einer Isolierung, die Reintegration von etwas Ausgeschlossenem.

Entfremdung (englisch: alienation) ist für Perls wörtlich: Sich-etwas-fremd-machen, d.h. sich von etwas trennen, aus sich ausstoßen, Berührung und Kontakt vermeiden.

Deshalb heißt es in der Gestalttherapie: Sage mir, was du vermeidest, und ich sage dir, wer du bist ! Das Entdecken und Überwinden der persönlichen Vermeidungsmuster ist ein wesentlicher Teil der Therapie.

Perls Therapie-Ziel heißt deshalb:

„… dass du mehr zu deinen Sinnen kommst, mehr und mehr in Kontakt bist, in Kontakt mit dir selbst und in Kontakt mit der Welt, anstatt bloß in Kontakt mit den Phantasien, Vorurteilen und Befürchtungen usw.“ (F. Perls: Gestalttherapie in Aktion, S. 58.)

Das Gegenteil von Kontakt, die Vermeidung, hält Perls für das „zentrale Symptom nervöser Störungen“. Er schreibt:

„Der Nachteil des Vermeidens ist die Schädigung der ganzheitlichen Funktion. Durch die Vermeidung fallen unsere Handlungsbereiche und unser Verstand auseinander. Jeder Kontakt, sei er freundlich oder feindlich, vermehrt unsere Handlungsbereiche, trägt zur Integration unserer Persönlichkeit bei und steigert durch Assimilation unserer Fähigkeiten, solange er nicht mit unüberwindlichen Gefahren verbunden ist.“ (F. Perls: Ich, Hunger und Aggression, S. 78.)

Die desintegrierende, entfremdende Auswirkung der Vermeidung von Kontakt kann man heute überall und auf allen möglichen Ebenen des menschlichen Verhaltens beobachten: Sei es nun das Ehepaar, das sich nicht mehr anschaut, wenn es miteinander spricht, oder seien es die großen feindlichen politischen Lager auf der Welt, die sich gegen jeden unmittelbaren Kontakt abschirmen und sich gegenseitig verteufeln.

Kontakt – als Gegenmittel gegen Entfremdung – wird über die Sinne des Menschen hergestellt. Diese sind sozusagen „Kontaktorgane“: Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Anfassen. Daher finden wir bei Perls eine ganz ähnliche Sicht der Schlüsselfunktion der „Sinnlichkeit“ für die Aufhebung der Entfremdung wie bei Marx. Perls schreibt:

„Wenn wir zu unseren Sinnen kommen, fangen wir an, unsere Bedürfnisse und Befriedigungen zu sehen, zu fühlen, zu erleben, anstatt Rollen zu spielen und eine Menge an Requisiten dafür zu brauchen – Häuser, Autos, Aberdutzende von Kostümen …“ (F. Perls: Gestalttherapie in Ak-

tion, S. 156.)

Gestalttherapie setzt eigentlich immer an zwei Punkten zugleich an: An der Entfremdung des Menschen von sich selbst, der „Fragmentierung der Persönlichkeit“, wie Perls das nennt, der Abspaltung aller möglichen Teile des Selbst – und an der Entfremdung des Menschen vom anderen Menschen, der sozialen Isolation, der Unfähigkeit zu Kontakt und direkter Kommunikation, der „Gleichgültigkeit“ gegenüber dem anderen, wie Marx es nannte, dem ganzen Bereich der Erstarrung, der „Verdinglichung“ der zwischenmenschlichen Beziehungen, dem Bereich der Phantasien und Projektionen „über“ den anderen anstelle von konkreter Wahrnehmung des anderen.

Das hauptsächliche „Heilmittel“ für beide Formen der Entfremdung ist der Kontakt, die Begegnung, denn nur der unmittelbare Kontakt zwischen dem Menschen und dem, wovon er sich entfremdet hat, führt zu einer Wiederaneignung, zur Reintegration des Entfremdeten.

Fritz Perls bevorzugte deshalb ganz bewusst die Gruppen-Therapie und arbeitete immer wieder sehr geschickt mit der Beziehung des Einzelnen zur Gruppe. Hier ein kurzes Beispiel aus einem Seminar, in dem vor allem an Träumen gearbeitet wurde:

„Steve: Ich möchte an einem Traumfragment arbeiten. Ich stehe auf einem Feld. Es ist Nacht und die Luft ist sehr kühl. Es ist ein wirklich schöner Abend. Ich glaube, dass der Mond scheint. Ich kann ein wenig sehen. Und da ist auch ein bebautes Feld voller Tomatenstauden.

Fritz (Perls): Was empfindest du jetzt?

S: Mein Herz schlägt ziemlich schnell, meine Stimme ist hoch, etwas Angespanntheit, Lampenfieber.

F: Wie erlebst du uns?

S: Ich blende euch aus. Ich bin in den Traum gegangen.

F: Würdest du bitte zu uns zurückkommen?

S: Klar. Ich zittere jetzt stärker. Ich spüre ein Zittern in meinen Beinen, in meinen Händen. Meine linke Hand hält mich … um sich nicht bewegen zu müssen. Ich zittere ziemlich stark hier.

F: Bist du dir unser bewusst?

S: Nein, nicht als – nein. Ich bin zu mir selbst zurückgegangen. Ich schaue hinaus zu euch und mein Zittern wird schwächer… Ich fühle Schweiß auf der Stirn. Ich gehe immer wieder zu mir selbst zurück … Ich sehe Leute, ich sehe nichts Besonderes. Ich sehe euch alle. Ich bin nicht besonders interessiert an euch …(kurzes Lachen). Ich will in meinen Traum gehen … Ich bitte dich um Erlaubnis.

F: Ich gebe dir keine Erlaubnis.

S: Ja…

F: Ich möchte daran arbeiten, wie sehr du mit uns in Kontakt bist oder aber uns nicht spürst, wie sehr du mit dem, was geschieht, in Kontakt bist oder nicht.

S: Ich fühle mich jetzt mit keinem von euch in Kontakt. Ich schaue umher und sehe, dass die Leute irgendetwas miteinander tun – du – mit – uh, Teddy und Helena und Sally. Ich sehe, wie die Leute einander anschauen und mich in keiner Weise beachten und ich fühle mich nicht als Teil von irgendwas, ich –

Teddy: Das hast du da gerade gesehen?

S: Nein, nein. Ich war wieder bei mir. Ich war wieder bei mir. Nein, im Augenblick hast du mich angeschaut (lacht). Vorher, da warst du anderswo. Im Augenblick schaust du mich an, mit einigem Interesse. Ich sehe Helena immer noch traurig, bei ihrer Traurigkeit.

Helena: Ich bin immer noch bei meiner Sache (sie hat eben gearbeitet)

S: Ja, ja. Blair schaut sehr zurückgezogen aus – weit weg, uninteressiert. Sally, du siehst mich, aber ich fühle irgendwie nichts von dem, was du siehst.

F: Jetzt fängst du an, dich anderen zuzuwenden.

S: Ja

F: Anstatt Zuwendung haben zu wollen.

S: Ja

F: Gib uns also mehr von deiner Zuwendung. Beachte uns mehr.

S: Dick sieht besorgt aus, er reibt sich das Gesicht – du reibst dein Gesicht…siehst erwartungsvoll aus. Ich weiß nicht, wo Bob ist. Bob, ich weiß nicht, wo du bist. Jane, du schaust Bob an…

F: Gut, ich bin bereit, mich deinem Traum zuzuwenden.“

(Aus: Gestalttherapie in Aktion, S. 284f.)

Fritz Perls konfrontiert Steve hier mit seiner Vermeidung des Kontakts zu ihm und den anderen Seminar-Teilnehmern. Er bringt ihn dazu, seine Vermeidungshaltung voll sinnlich wahrzunehmen, sie zu erleben und durchzuarbeiten. Schließlich wird aus Kontaktlosigkeit – Zuwendung: Ein Stück Entfremdung ist aufgehoben. Entfremdungsphänomene verschwinden also dadurch, dass sie voll bewusst erlebt und durchlebt werden.

Dabei muss man – und das verstand Perls als Therapeut sehr geschickt – mit der Gegenkraft arbeiten, die ja in der Entfremdung immer enthalten ist, also den – oft verschütteten – Bedürfnissen nach Kontakt, nach Selbstverwirklichung, Spontaneität, Kreativität usw. Und das genau ist der „Wachstumsgedanke“ in der Gestalttherapie: diese Gegenkräfte frei zu legen, d.h. ihre Behinderung, ihre „Blockierung“, wie Perls das nennt, zu beseitigen und dann diese Kräfte selbsttätig wirken lassen: „Heilung“ geschieht dann von selbst, spontan, ist nicht „psychotechnisch“ machbar.

Mit diesen kurzen Ausführungen über „Kontakt“ bin ich auch beim zentralen Begriff der „Bewusstheit“ (englisch: awareness) angelangt, der bei Perls dem entspricht, was Marx mit „Sinnlichkeit“ meint. Das englische Wort meint so etwas wie Gewahr-Werden oder Inne-Werden. Im Deutschen gibt es dafür keinen entsprechenden Begriff. Perls schreibt dazu:

„Die Bewusstheit (awareness) verschafft dem Patienten den Sinn für seine eigenen Fähigkeiten, für seine eigene sensorische, motorische und intellektuelle Ausstattung. Sie ist nicht das Bewusstsein (consciousness) – denn das ist nur psychisch –, sie ist die durch den Geist und die Wörter sozusagen gefilterte Erfahrung. Bewusstheit (awareness) hat noch etwas, das über das Bewusstsein (consciousness) hinausgeht.“(F. Perls: Grundlagen …, S. 84.)

Bewusstheit ist die Voraussetzung der Aufhebung von Entfremdung. Einfach gesagt: Ich kann nicht etwas verändern, das ich nicht genau kenne. Bewusstheit bedeutet deshalb in der Gestalttherapie soviel wie die sinnliche Aneignung des eigenen, entfremdeten Zustands. Selbsterkenntnis beruht auf Selbstkenntnis und Bewusstheit bedeutet: Sich selbst in allen wesentlichen Bereichen differenziert und unverzerrt wahrnehmen können.

Gestalttherapie vertraut darauf, dass dieses Gewahr-Werden zu Veränderungen führt, spontan zur Aufhebung von Entfremdung drängt. Deshalb ist „Bewusstheit“ in den Augen von Perls per se heilsam.

Ich erlebe die Gestalttherapie immer wieder als eine Art Selbstentdeckungsreise. Dabei entdeckst du natürlich nicht nur, was du alles hast, sondern auch, was dir fehlt, was du verloren hast, und das ist schmerzlich. Du entdeckst deine Entfremdung. Du bekommst ein Gespür für die Zerstörung deiner Sinnlichkeit, für die Lücken oder „Löcher“ in deiner Persönlichkeit:

„Und bei diesem Vorgang machen wir die eigenartige Entdeckung, dass keiner von uns vollständig ist, dass jeder von uns seine Lücken in der Persönlichkeit hat. Wilson van Dusen entdeckte das zuerst bei Schizophrenen, aber ich glaube, dass jeder von uns Löcher hat. Wo etwas sein sollte, ist nichts. Viele Menschen haben keine Seele. Andere haben keine Geschlechtsteile. Einige haben kein Herz; ihre ganze Kraft geht ins Computern, ins Nachdenken. Andere haben keine Beine, um darauf zu stehen. Viele Leute haben keine Augen, sie projizieren die Augen und die Augen sind weitgehend in der Außenwelt, diese Menschen leben immer so, als würden sie ständig angeschaut… die meisten von uns haben keine Ohren. Die Leute erwarten, dass die Ohren draußen sind, sie reden und erwarten, dass ihnen jemand zuhört. Aber wer hört zuIch glaube nun, dass man mithilfe von Marx’ Konzept der „Entfremdung“ das Wesen des Alltags begreifen kann und dass auch Fritz Perls genau das versucht und daraus seinen psychotherapeutischen Ansatz entwickelt hat? Wenn die Leute zuhören würden, hätten wir unseren Frieden.“ (F. Perls: Gestalttherapie in Aktion, S. 45.)

Die Reduzierung und geradezu „Verstümmelung“ der menschlichen Persönlichkeit gerade an den Sinnesorganen wird hier von Perls sehr plastisch beschrieben. Es deckt sich frappierend mit dem, was Marx über die „Kastration“ des Arbeiters durch seine Trennung vom Produkt und die Entfremdung seiner Sinnlichkeit - die Reduzierung aller Sinne auf den Sinn des Habens - viele Jahre früher bereits gesagt hat. Im Verlust seiner natürlichen sinnlichen Funktionen sah Karl Marx den Schlüssel zum Verständnis der Selbstentfremdung des modernen Menschen.

Sozialisation bedeutet ja unter anderem auch, dass ein Menschenkind – möglichst rasch – auf den historisch erreichten Stand der Entfremdung gebracht wird. Man muss es dazu bringen, dass es die Vielfalt seiner natürlichen Betätigungsmöglichkeiten (das Spiel) zugunsten von Lesen, Schreiben und Rechnen aufgibt und dass es sich reduzieren lässt auf ein Wesen, dass nichts mehr will als gute Noten und später einen gut bezahlten Job.

Das mit einem Kind hinzukriegen, das noch völlig selbstverständlich davon ausgeht, dass die Welt für die Entfaltung seiner Bedürfnisse und Fähigkeiten da ist und nicht umgekehrt, das ist gar nicht so einfach und produziert viele Konflikte, die allerdings nur die mitbekommen, die mit der Kindererziehung ernsthaft zu tun haben: Mütter, Kindergärtnerinnen, Lehrerinnen. Deutlich sind es vor allem die Frauen, die diese Probleme erfahren, weil sie sie am eigenen Leib, mit ihren eigenen Kindern durchstehen müssen. Meines Erachtens haben deshalb die Frauen meistens mehr Ahnung von Entfremdung als die Männer.

Gerade bei kleinen Kindern ist die Sinnlichkeit – der wichtigste Schlüssel zur Aufhebung von Entfremdung – noch nicht zerstört. Sie eignen sich die Welt noch mit allen ihren Sinnen an. Wenn wir als Erwachsene mit Kindern zusammen sind und sie aufmerksam beobachten, haben wir eine großartige Chance, das „Kind in uns selbst“ wieder zu entdecken; den Trotzkopf, den Sonnenschein, den Springinsfeld, den Zornnickel. Und wir können entdecken, wie lebendig dieses Kind in uns noch ist, dieser oft verschüttete, unentfremdete Teil unseres Selbst. Das ist eine großartige Chance, ein Stück Entfremdung zu überwinden und wieder lebendiger, sinnlicher, kreativer und lustiger zu werden. Kurz: Wir können eigentlich von Kindern viel lernen, wenn wir sie so sehen.

Ich habe gerade ein wunderschönes Buch zu diesem Thema vor mir liegen: „Das sinnliche Kind“, von Gisela Schmeer. Sie schreibt dort u.a.:

„Anstatt den Kindern den Glanz dieser Welt weg zu erklären, sollten wir Erwachsenen doch mal selbst versuchen, über die Kinder wieder Zugang zu diesem Glanz der Welt und des Lebens zu gewinnen und dadurch einen Gewinn an Lebensqualität zu erfahren. Dann erst können wir vergleichen und sagen: Ja, es lohnt sich, die Augen in die Farbigkeit des Lebens zu tauchen, Knospen anzufassen und das Graben und Pflanzen im Vorgarten nicht den anderen zu überlassen. Man fühlt sich reicher, näher dem Wesen der Dinge. Ist Sinnlichkeit ein Luxus? Nein. Sinnlichkeit ist unser Hauptorgan für Lebensqualität. Lebensqualität aber schafft in unserem Dasein eine Balance zur Automatisierung und Technisierung, macht unser Dasein menschenwürdiger.“ (G. Schmeer: Das Sinnliche Kind, S. 119.)

Hat Gisela Schmeer Karl Marx gelesen? Kennt sie Fritz Perls und die Gestalttherapie?

Vielleicht beides nicht.

Dennoch hat sie gemeinsam mit Marx und Perls erkannt, dass „die Sinnlichkeit unser Hauptorgan für Lebensqualität“ ist.

Sinnlichkeit zu entwickeln und zu entfalten – das wesentlichste „Heilmittel“ in der Gestalttherapie – ist auch deshalb sicher kein Luxus, weil eine entwickelte Sinnlichkeit die wesentlichste Voraussetzung für eine gesunde und reiche Sexualität darstellt wie auch allgemein für die körperliche Gesundheit. Der sinnlich verkümmerte Mensch ist auch sexuell verarmt und anfälliger für körperliche Erkrankungen, weil seine ganze Beziehung zum Körper gestört ist.

Gisela Schmeer spricht in ihrem Buch von der „Gefahr des einseitigen rationalen Intellektualismus“, der schon im Kindergarten beginnt. Die Menschen degenerieren dann zu „Kopffüßlern“: Nur noch Intelligenz und Leistung zählt, Sinnlichkeit, Gefühle und Glück werden irrelevant, ja „Störfaktoren“ für das reibungslose Funktionieren des industrialisierten Menschen.

Fritz Perls schreibt dazu an einer Stelle sehr treffend:

„Diese Identifikation mit dem Intellekt, mit Erklärung, lässt den ganzen Organismus aus, lässt den Körper aus. Du gebrauchst deinen Körper, anstatt Körper, anstatt ,Jemand‘ (some-body) zu sein. Und je mehr das ganze Denkvermögen ins Computern, ins Manipulieren geht, desto weniger Energie ist für das ganze Selbst übrig. Da du deinen Körper ausgeklammert hast, ist die Folge, dass du dich als ,Niemand‘ (no-body) fühlst, weil du keinen Körper (no body) hast. Es ist kein Körper in deinem Leben. Kein Wunder, dass so viele Menschen, wenn sie aus der Routine ihres Alltagslebens heraus sind, ihre ,Sonntagsneurose‘ kriegen, wenn sie ihrer Langeweile und der Leere ihres Lebens wirklich gegenüber stehen.“ (F. Perls: Gestalttherapie in Aktion, S. 74.)

Daher ist Gestalttherapie immer auch Körpertherapie und wird oft ganz bewusst mit spezifischen Körpertherapie-Ansätzen kombiniert (wie z.B. Bioenergetik oder Rolfing).

Ich möchte hier daran erinnern, wie eindringlich Marx die Entfremdung des Menschen von seinem Körper als Folge der Einführung der Maschinen-Arbeit beschrieben hat.

Was wir hier bei Perls als Über-Identifizierung mit dem Intellekt beschrieben finden, das „Computern“ wie er es kurz und treffend nennt, ist schon bei Karl Marx im Zusammenhang mit der „Versachlichung der menschlichen Verhältnisse in der Warengesellschaft“ beschrieben worden: Die immer perfektere Durchrationalisierung der Produktion spiegelt sich im Zwang des Menschen, sich mit der „Ratio“ des kapitalistischen Verwertungsprozesses immer stärker zu identifizieren – und sich von allem übrigen, auch innerlich, zu distanzieren – und d.h. zu entfremden. Marx hatte schon zu seiner Zeit – und das ist wirklich erstaunlich – die Selbstentfremdung des Menschen als klare Folge seiner Entfremdung von seiner Arbeit und vom anderen Menschen vorhergesehen und bis in die feinsten psychologischen Verästelungen beschrieben. Marx war ein „Seher“ und ein fantastischer Psychologe!

Perls als wesentlicher geistiger Nachfolger von „Carlo“ Marx und als der begnadete Psychotherapeut, der er war, hat in seiner Arbeit sehr klar erkannt, dass der Mechanismus der „Spaltung“ den Kern der Selbstentfremdung des Menschen ausmacht: Der Mensch spaltet sich innerlich durch, distanziert sich von bestimmten, gesellschaftlich unerwünschten Teilen seines Selbst, verliert seine Ganzheitlichkeit als sich selbst organisierender Organismus, degeneriert zur „allseits reduzierten“ Persönlichkeit. Perls definiert deshalb als wesentliche Zielvorstellung der Gestalttherapie:

„Was wir also in der Therapie zu tun versuchen, ist, Schritt für Schritt die abgespaltenen, uns enteigneten Teile der Persönlichkeit uns wieder zu eigen zu machen, bis der Mensch stark genug ist, sein Wachstum selbst zu befördern, verstehen zu lernen, wo die Lücken sind und was die Symptome der Lücken sind.“ (F. Perls: Gestalttherapie in Aktion, S. 46.)

Und genau wie Karl Marx beschreibt er die Selbst-Entfremdung als Selbst-Verarmung: „Wenn wir etwas entfremden, das in Wirklichkeit unser eigen ist – mein eigenes Potenzial, mein Leben – dann verarmen wir: Erregung und Leben werden immer weniger, bis wir wandelnde Leichen, Roboter und Zombies werden.“ (F. Perls: Gestalttherapie in Aktion, S. 108.)

Perls hat – wie Marx – verstanden, dass sich in der Selbstentfremdung die gesamte Entfremdungsgeschichte des Menschen zusammenfasst, und er hat aus dieser Erkenntnis heraus seine therapeutischen Instrumente entwickelt.

Er fasst seinen therapeutischen Ansatz mit diesen Worten zusammen:

„Die einfache Tatsache ist also, dass es gegen das – entschuldigt den Ausdruck – ,Übel der Selbstentfremdung‘, der Selbstverarmung nur das Heilmittel der Reintegration gibt, der Rücknahme dessen, was rechtmäßig dein ist.“ (F. Perls: Gestalttherapie in Aktion, S. 79.)

Auch wenn Perls sich nicht ausdrücklich auf Marx bezieht (gelesen hat er ihn sicher), so zeigen doch all diese Zitate, wie sehr er in die gleiche Richtung gedacht und gearbeitet hat und wie eng sein therapeutischer Standpunkt mit Marx’ Verständnis von Entfremdung verknüpft ist. Perls war auf jeden Fall kein unpolitischer Therapeut: Sein Leben ist selbst ein Stück Zeitgeschichte: Er war ständig auf der Flucht vor dem Faschismus, Rassismus und Antikommunismus, zuerst aus Hitler-Deutschland, dann aus Südafrika und schließlich noch vor McCarthy aus den USA. Er hat auch seinen Beruf nicht unpolitisch verstanden. In der Einleitung zu seinem Buch „Gestalttherapie in Aktion“ macht er seinen Standpunkt sehr deutlich: „Wie man weiß, läuft in den Vereinigten Staaten eine Rebellion. Wir entdecken, dass Sachen produzieren, für Sachen zu leben und Sachen auszutauschen nicht der tiefste Sinn des Lebens ist. Wir entdecken, dass der Sinn des Lebens ist, es zu leben, und nicht Handel damit zu treiben, es in Begriffe zu stecken und in ein Gebäude von Systemen hinein zu zwängen. Wir erkennen, dass Manipulation und Kontrolle nicht die letzte Freude am Leben darstellen. Aber wir müssen auch erkennen, dass wir bis jetzt nur eine Rebellion haben. Wir haben noch keine Revolution. Es fehlt noch vieles an Substanz. Zwischen Faschismus und Humanismus findet ein Wettrennen statt. Im Moment scheint mir, dass die Faschisten dabei sind, das Rennen zu verlieren.“. (F. Perls: Gestalttherapie in Aktion, S. 12.)

Was Perls wohl zum heutigen Amerika des Irak-Kriegs sagen würde?

Seine Hoffnung auf eine wesentliche gesellschaftliche Veränderung setzte Perls (in den 60er Jahren des Vietnam-Kriegs) jedenfalls auf „die jungen Leute dieser Zeit, die verzweifelt sind. Sie alle sehen im Hintergrund den Militarismus und die Atombombe. Sie wollen etwas vom Leben haben. Sie wollen wirkliche Menschen werden und da-sein. Wenn irgendeine Aussicht besteht, Aufstieg und Fall der Vereinigten Staaten zu unterbrechen, so durch diese jungen Leute, und es ist an euch, diese jungen Leute zu unterstützen.“ (F. Perls: Gestalttherapie in Aktion, S. 12.)

Das ist Fritz Perls’ politisches Bekenntnis und Vermächtnis. Er hat die gesellschaftliche Seite der Entfremdung, in der wir alle leben, und die die Grundlage der meisten seelischen Störungen darstellt, unheimlich klar und radikal gesehen. Er sagte dazu:

„Ich bin der Meinung, dass die Grundform der Persönlichkeit von heute die neurotische Persönlichkeit ist. Das ist eine vorgefasste Meinung von mir, weil ich glaube, dass wir in einer irren Gesellschaft leben und dass man nur die Wahl hat, entweder an dieser kollektiven Psychose teilzunehmen oder Risiken einzugehen und gesund zu werden und vielleicht auch gekreuzigt.“ (F. Perls: Gestalttherapie in Aktion, S. 38.)

Ein politisch selbst-bewußter Psychotherapeut, der – wie Perls – sich nicht spaltet in einen unpolitischen Therapeuten und einen politisch bewussten und kritischen Privatmann, wird auch die Psychotherapie begreifen als ein Instrument, das die Gesellschaft hervorgebracht hat und das sie braucht, um zwischen dem gegenwärtigen und dem zukünftigen Zustand der Gesellschaft zu vermitteln, d.h. als ein Instrument zur Vorbereitung einer „besseren“ Gesellschaft, in der die Entfremdung des Menschen wieder weitgehend „aufgehoben“ sein wird.

Praxisadressen von Gestalttherapeuten/-innen

Foto: Moses G. SteinvorthMoses G. Steinvorth

Moses G. Steinvorth, 57, Diplom-Psychologe und Psychologischer Psychotherapeut (TP), Ausbildung in Gestalttherapie und Bioenergetischer Analyse, arbeitet seit ca. 20 Jahren in freier Praxis psychotherapeutisch mit krebskranken Menschen.

Seit 10 Jahren Mitglied der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Psychosoziale Onkologie (DAPO), Absolvent der Weiterbildung in Psychosozialer Onkologie (Zertifikat). Klinische Erfahrung in der Rehabilitation von krebskranken Kindern und Jugendlichen (Katharinen-Höhe/Schönwald) und in der Betreuung von Transplantations-Patienten (Deutsche Klinik für Diagnostik/Wiesbaden).

Der Autor lebt und arbeitet seit 2000 in freier Praxis in Innsbruck/Österreich.

Buchveröffentlichungen: „Im Körper zu Hause: Eine bioenergetische Entdeckungsreise“ (Göttingen 1999), „Psycho-Onkologie in freier Praxis“ (Bonn 2003), „Die Krebsreise: Ein kleiner Ratgeber für krebskranke Menschen“ (Bonn 2004).

CD: Krebs: Eine Reise ins Unbekannte. Wien 2004.

Internet: www.steinvorth.at

Der nebenstehende Beitrag von Moses G. Steinvorth erscheint in unserer Zeitschrift als Erstveröffentlichung. © Moses G. Steinvorth, 2010.

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