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Stephen Schoen
Psychotherapie als heiliger Grund


Aus der Gestaltkritik

Gestaltkritik - Die Zeitschrift mit Programm aus dem Gestalt-Institut Köln
Gestaltkritik (Internet): ISSN 1615-1712

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Gestaltkritik verbindet die Ankündigung unseres aktuellen Veranstaltungs- und Weiterbildungsprogramms mit dem Abdruck von Originalbeiträgen: Texte aus unseren "Werkstätten" und denen unserer Freunde.

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 Hier folgt der Abdruck eines Beitrages aus der Gestaltkritik (Heft 2-1996):

Stephen Schoen
Psychotherapie als heiliger Grund

 

Foto: Stephen SchoenStephen Schoen

 

Zusammenfassung: "Das Heilige" als die Fülle der Erfahrung und "die Seele", die diese Fülle ersehnt, stellen wertvolle Prüfsteine für das Verständnis von Psychotherapie dar. Der vorliegende Artikel skizziert den Verlauf der Therapie in diesem Sinne, ausgehend von der anfänglichen Selbstunterbrechung der Seele, ihrer Einengung und Einbildung bis hin zu ihrem zunehmenden Umfassen des Selbst und des Anderen.

Warum heilig? Weil das Anliegen Psychotherapeuten die Sorge um die Seele und ihren freien Flug ist. Sicherlich ist "Seele" kein klinischer Begriff des 20. Jahrhunderts, während sein ganz und gar weltliches Synonym, "Psyche", weitgehend als solcher anerkannt ist. Doch die alten Griechen wären wohl die ersten gewesen, die sich über unsere Einschränkung ihres Seelenbegriffs auf eine geschäftsmäßige Abhandlung über jemandes "Einstellung" gewundert hätten - oder auf Theorien über das "psychische Organ", das uns reguliert, ähnlich den physischen Organen wie Magen oder Milz. Nicht, daß die Seele nichts Weltliches hätte, aber wenn wir weiter darüber nachdenken, dann sind wir geneigt, auch Weltlichkeit neu zu definieren. Eine tiefere Stimmung ertönt in dem weniger gebräuchlichen Wort. Es ruft in uns rueine Haltungft eine Haltung von von Ehrfurcht und Hingabe wach. Wenn wir weitergehen und über den behutsamen Umgang mit derden behutsamen Umgang mit der Seele sprechen, dann scheint es, als bedürfe ob der Therapeut einer solchen Haltung bedürfe und eines Raumes, der durch diese Haltung geheiligt wird. In eben diesem Raum entfalten sich die folgenden Gedanken.

Normalerweise sind wir in zielgerichtete und zeitgebundene Aktivitäten vertieft, angefangen mit ganz einfachen Dingen, wie etwa ein Glas Wasser zu trinken, bis hin zu sehr komplexen Vorgängen, wie beruflich erfolgreich zu sein, eine Beziehung weiterzuentwickeln oder eine andere aufzugeben, in der es nicht mehr weitergeht usw. Will man das Leben jedoch wirklich auskosten, erfordert das eine ganz andere Art von Aufmerksamkeit. Es erfordert Offenheit gegenüber jedem Augenblick, der dann wahrhaftig als zeitlos empfunden wird. Zwar können wir uns in der Welt der Ziele, der Berechnung, der Planung und Leistung einrichten, doch führt dies auch zu einem verhältnismäßig engen und begrenzten Lebensmodell. Einem Handlungsmuster Zeit und Raum zu geben, wie T.S. Eliot es ausdrückt, einem wirklichen "Muster zeitloser Augenblicke", bedeutet, in einer weiteren und zwanglosen Struktur zu leben. Hier kommt das tägliche Leben zu seiner Fülle. - Diese Fülle und das Himmelreich sind eins.

Wie aber kommt es, daß sie nicht eins sind? Wir haben eine solche Gelassenheit darin, viel weniger großzügig zu leben als wir könnten. Zweifellos gibt es diese engere Lebensform. Angst, Depression, Verwirrung und Selbstzweifel, in uns selbst und in den Menschen um uns herum, legen deutlich Zeugnis davon ab; es sind die Zeichen unserer Einengung und - wenn sie uns sehr belasten - die Gründe dafür, daß wir in Psychotherapie gehen. Dann sind wir verstrickt im Kreisen um uns selbst - und die anderen scheuen sich nicht, uns das zu sagen. Wir sind in uns selbst gefangen und blasen uns gleichzeitig auf mit offensichtlicher Arroganz. Dann wieder fühlen wir uns empfindlich, und leiden. Und gerade so wie physisches Gewebe, das schmerzhaft, empfindlich, geschwollen und verhärtet ist, als "entzündet" bezeichnet wird, so könnten wir sagen, unsere Seele litte an Ego-itis.

Angenommen, das Heilmittel gegen diese Einengung läge darin, sich etwas Größerem zu öffnen - anderen Menschen oder inneren Impulsen, die entweder vor ihrer Geringschätzung verstummt sind oder gegen ihre Unterdrückung aufbegehren - wäre dieses Sich-Öffnen nicht zu begrüßen? Aber wie kann es das sein? Denn selbst angesichts seines Mangels ist das entzündete Ich sehr enthaltsam mit sich selbst. Weder weiß es sich selbst zu pflegen, noch kann es mitfühlend zulassen, was in ihm geschieht. Wünsche tauchen auf, und es unterbricht sie, verurteilt sie als inakzeptabel oder hinterfragt sie bis zur Lähmung; oder wenn es sie akzeptiert, macht es daraus etwas Routinemäßiges oder entzieht sich ihrer Bedeutung. Es mag sein, daß das Ich Geringschätzung oder Vernachlässigung durch andere fürchtet und diese Furcht verleugnet. Es fürchtet sich davor, verlassen zu werden und klammert sich an um den Preis der Selbsterniedrigung. Es fürchtet Abwertung und stärkt sich selbst durch Hochmut. Während es Bedingungen stellt, fühlt es sich ausweglos in einer feindlichen Welt, und - ob im Rückzug oder im Kampf - mangelhaft und verkrampft.

Jemand, der so leidet, kommt zur Psychotherapie, um seine Schmerzen zu lindern. Er oder sie kann nicht wissen, daß die eingepferchte Seele versucht, all das zu bewahren und zu verteidigen, was sie ausmacht und erhält: Isolierung, Selbstunterbrechung, Überheblichkeit. Wertschätzung um ihrer selbst willen hat diese Seele nie erfahren, weder von außen, noch in sich selbst. Dieser Verlust wurde von Eltern und Lehrern durch deren eigenen Mangel erzeugt, aber auch durch Übergriffe von Freunden oder Bekannten. Der Dichter Auden zitiert ein autistisches Kind um zu zeigen, wie selbst eine Maschine - z.B. eine gute Lehrmaschine - ein Maß an Wertschätzung hervorbringen kann, das Menschlichkeit nicht zu geben imstande ist. Das Kind sagt: "Maschinen sind besser als Menschen. Menschen gehen zu weit." Unsere Sehnsucht - offenkundig oder versteckt - ist, daß sie nicht zu weit gehen, daß wir geschätzt werden wie wir sind, mit all unseren Schwächen, Mängeln und potentiellen Stärken - so wie es in den Anzeigen für amerikanische Gebrauchtwaren heißt: "im Ist-Zustand" (as-is condition). Genau darin liegt die sakramentale Natur der Therapie: Diese ursprüngliche Wahrnehmung und Hochachtung des Wertes anzubieten und weiterzugeben, so daß der Klient "im Ist-Zustand" angenommen wird als ein großartiges, einmaliges Naturereignis - wie der Sonnenuntergang heute abend.

Natürlich kann niemand im voraus wissen, ob der Therapeut ein solches Angebot machen wird. Renommee, Alter, Geschlecht, klinische Erfahrung oder Fähigkeiten sind keine Garanten. Vielleicht machen seine Erfahrung oder besonderen Fähigkeiten den Therapeuten sogar lediglich zu einem besseren Manipulator als uns, die wir Hilfe suchen, oder als unsere Eltern es früher waren. Und so müssen wir beben und hoffen, daß der Therapeut bessere Erfahrungen gemacht hat, daß er ein freieres Leben lebt als wir in unserer begrenzten Bedürftigkeit. Der Therapeut muß um den heiligen Grund wissen und uns darauf begegnen wollen. Denn, auch wenn wir es nicht so ausdrücken oder zu denken wagen, wir sind - wir alle sind wirklich - Gebrauchtwaren, die als Gottes erster Sonnenuntergang bewundert werden wollen. Und wenn das geschieht, findet wirklich eine alchimistische Veränderung statt. Dies ist das Wesen des Heiligen. "Der wahre Christ", sagt Andre Gide, "ist jener, der sich am Wasser berauscht. In seinem Inneren wiederholt sich das Wunder von Kana."

Das Wunder der Psychotherapie beginnt mit der Befreiung des Ego. Indem der Therapeut das Ego als das akzeptiert, was es ist, und - mehr als das - indem er auch all das akzeptiert, was das Ego verleugnet, zurückweist und unterbricht, klingt seine Entzündung ab. Es wächst, weitet sich aus. Vielleicht bin ich dünnhäutig, aber eine dünne Haut kann auch stark sein. Mit ihr kann ich etwas Neues ausprobieren. Ich blute nicht so schnell. Und so werde ich flexibel, gewährend und tapfer. Ich traue mich zu weinen, wenn ich traurig bin - zum ersten Mal seit Jahren. Meine minderjährige Tochter möchte, daß ich ihr vertraue, und ich erlaube ihr, bis nach Mitternacht auszubleiben. Ich mache den Mund auf, wenn mein Chef sich irrt - zum ersten Mal ohne ihn gleichzeitig auch unterschwellig demütigen zu wollen. Wenn in einer Auseinandersetzung jemand das letzte Wort haben will, lasse ich ihn - ohne Groll. Ich bemerke viel deutlicher als früher mein Bedürfnis, zu spielen und gehe ihm nach. Nun aber erfahre ich einen neuen Spielraum: nicht den des "zusammengezogenen Ich", sondern den des ganzen Empfindens "meinerselbst". Etwas Größeres, Eindrucksvolles ist da, etwas, das sich wirklicher und zugleich freier anfühlt. In seiner Furchtlosigkeit, in seinem zähen Ringen mag mein altes entzündetes Ich ein inneres Verlangen nach freiem Flug gehabt haben. Vielleicht hat es sich - als brillanten Akt der Selbstverteidigung - gewünscht, in die Freiheit zu entfliehen: durch eine Falltür mithilfe psychedelischer Drogen oder hoch hinauf in einem Ballon auf einem Meditationskissen. Aber die Freiheit der Seele ist niemals ein Sich-selbst-Entkommen, sie ist die Fülle der Anerkennung, der Akzeptanz. So bleiben die hohen Ziele des kranken Ich unerreicht. Man kann sich nicht nach oben mogeln. Aber das bewegliche, weniger ängstliche, sich selbst mehr akzeptierende Ich hat es leichter, sich wirklich zu befreien. Und diese Freiheit bedeutet, daß ich mein eigenes Getrenntsein überschreite und Teil von etwas werde, das von mir verschieden und doch auch unabtrennbar ist, etwas, das mich Augenblick für Augenblick beansprucht, so daß mein altes Verständnis eines stabilen, unveränderlichen "Ich" als Fiktion offenbar wird.

Deshalb gibt Gaugin seine respektable Mittelklassenidentität auf und wird zu jenem von Leidenschaft durchdrungenen Künstler. Und Mutter Teresa betont: "Es wäre ganz falsch, wenn wir nur unsere Hilfe anbieten würden, wir müssen jedem unser Herz anbieten." Und Ghandi blickt dem jungen Mann, der beauftragt ist, ihn zu töten, au Furcht aber im letzten Moment das Messer fallenläßt, tief in die Augen und ruft: "Mein armer Freund! Jetzt, da Sie Ihren Auftrag verfehlt haben, was soll jetzt aus Ihnen werden? - Aus all dem sprechen Leidenschaft und Mitgefühl, die in einer neuen, existentiellen Wandlungsfähigkeit begründet sind, vollkommen befreit, fließend und verbindlich. In seiner Einschließlichkeit ist der vergängliche Augenblick zeitlos, der Raum der Seele unbegrenzt. Und auch der Therapeut, dessen Einverständnis ihr diese Weite eröffnet hat, begegnet dieser Seele - mit der Freude, die ihre Freiheit vorsieht.

Sehr wenige leben fortwährend in dieser Höhe oder finden die Erde überall als heiligen Grund vor. Der Ehrgeiz des Ich und sein anmaßendes Zeichen - "mein" - gewinnen wieder die Oberhand. Die Verneinung lebt fort in der Tiefe großer Kräfte: Gaugin stirbt in Armut nach einem Selbstmordversuch, Ghandi wird ermordet. Doch selbst angesichts aller Verluste tendiert die freie Seele - und hierin liegt ihre Kraft - zur Ablösung von der weniger akzeptierenden Gestaltungsform ihrerselbst, dem Ich. Der befreite Klient nimmt die Eitelkeit des Ich mit etwas mehr Humor, er lächelt, wie beim Anblick eines etwas prahlerischen Kindes, und er trägst selbst seine schönsten Kleider etwas öfter. Dem Therapeuten bleibt die Sorge um sein Honorar und seinen professionellen Status. In seiner Arbeit hat er Vorurteile oder blinde Flecken. Aber der heilige Ort in der Arbeit wird weder durch das Honorar bezahlt, noch von persönlichen Einschränkungen bestimmt. Vielmehr ist er ein Ort der Tiefe im Sein des Therapeuten und des Klienten, jenseits der Kategorien des Selbst. Traditionell gesprochen ist es der Ort, den die Gnade Gottes schenkt.

Und so ist es angemessen, Psychotherapie als den Beginn und das sorgsame Hinarbeiten auf ein feierliches Ereignis zu betrachten, das in unseren Tagen noch immer die Prägung des Heiligen trägt: die Ehe. Nicht, daß die Therapie damit enden müßte, daß der Klient ein guter Ehemann oder eine gute Ehefrau wird; und auch in einem Fest muß sie nicht enden. All das kann geschehen. Nein, die Trauung, die ich im Sinn habe, ist - wie Mutter Teresa und Ghandi sagen -, die Vereinigung von Außen und Innen, verbunden mit aller Möglichkeit der Freude und aller Notwendigkeit der Geduld. Und so beginnt das Gelöbnis ganz so, wie wir es kennen: "Ich nehme Dich - zu meinem angetrauten Ehegatten", (doch dann gehen die vertrauten Worte anders weiter:) "mich zu erfreuen und mir Kummer zu bereiten, mich zu verstehen und mich mißzuverstehen, mich zu lassen wie ich bin oder mich zu täuschen und zu vernachlässigen, fordernd und unvernünftig zu sein, oder selbstsüchtig und selbstgerecht, unnachgiebig, rechthaberisch und stolz - ich nehme Dich in allem, Dich zu achten und zu ehren, so lange ich lebe."

 

Praxisadressen von Gestalttherapeuten/-innen

Autor und Beitrag:

Dr. Stephen Schoen

Psychiater und Gestalttherapeut in freier Praxis in San Rafael/California und Ausbilder am Gestalt Institute of San Francisco. Zu seinen Lehrern gehörten Fritz Perls, Harry Stuck Sullivan, Milton Erickson und Gregory Bateson, mit dem ihn eine Freundschaft verband. Er lehrt seit viele Jahre Gestalttherapie in den USA und in Europa.

Im Sommer 1996 veröffentlichen wir sein neues Buch "Wenn Sonne und Mond Zweifel hätten. Gestalttherapie als spirituelle Suche" als Co-Produktion mit dem Peter Hammer Verlag.

Außerdem erschien bei uns sein Vortrag "Ich-Du und die Übertragung" auf einer Audio-Cassette.

Der vorliegende Essay ist zuerst erschienen in: Journal of Humanistic Psychology, Vo. 31 No. 1, Winter 1991, S. 51ff. Wir bedanken uns für die freundliche Genehmigung der deutschen Erstübersetzung.

Aus dem Amerikanischen von Ludger Firneburg.

 

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