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Kristine Schneider
Willkommen Widerstand
Ein Konzept und sein Verständnis in der Gestalttherapie


Aus der Gestaltkritik

Gestaltkritik - Die Zeitschrift mit Programm aus dem Gestalt-Institut Köln
Gestaltkritik (Internet): ISSN 1615-1712

Themenschwerpunkte:

Gestaltkritik verbindet die Ankündigung unseres aktuellen Veranstaltungs- und Weiterbildungsprogramms mit dem Abdruck von Originalbeiträgen: Texte aus unseren "Werkstätten" und denen unserer Freunde.

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Praxisadressen von Gestalttherapeuten/-innen

  Hier folgt der Abdruck eines Beitrages aus der Gestaltkritik 2-2002:

Kristine Schneider
Willkommen Widerstand
Ein Konzept und sein Verständnis in der Gestalttherapie

 

Kristine Schneider (1935 - 2001)Kristine Schneider (1935 - 2001)

 

0. Überblick

Widerstand ist für die Gestalttherapie Signal. Weigerung oder hartnäckiges Ausweichen gegenüber den Angeboten des Therapeuten signalisiert: »Bis hierher und nicht weiter!« Wie wir dieses Signal zu beantworten haben, ist abhängig von unserem Verständnis seiner Bedeutung. Zu welchen Hypothesen greifen wir, wenn es auftaucht? Ist Widerstand notwendig und unvermeidlich? Verbindet sich die Diagnose Widerstand mit Implikationen, etwa der Forderung an den Klienten, sich anders zu verhalten? Inwiefern ist Widerstand mehr als die schlichte Feststellung, daß ein Klient steckenbleibt? Per definitionem beschäftigt sich Therapie mit Menschen, die sich oder die Umwelt ändern wollen. Trotz der erklärten Veränderungsabsicht hat sie beständig mit Widerstand gegen ihre Angebote zur Veränderung zu rechnen auch bei größtem Geschick und kluger strategischer Planung. Wir werden uns mit der Frage auseinandersetzen, welches Verständnis von Widerstand die Konzepte der Gestalttherapie nahelegen und wie die Überlegungen aussehen, die beim Auftreten von Widerstand eine Rolle spielen.

Wir nähern uns dem Phänomen von verschiedenen Seiten. Vom Überlebensbedürfnis aus gesehen, stellt Widerstand sich als Schutzmaßnahme gegen Bedrohung dar, von der Gestalttheorie aus gesehen als die bestmögliche Handlungsgestalt, um ein subjektiv gegebenes Problem zu lösen. Berücksichtigen wir die Information aus dem Gesamtkontext Sprache und Körpersprache, tritt eine die Awareness des Klienten übersteigende Bedeutung in den Vordergrund. Interaktional gesehen, bildet Widerstand Übergangsmoment im Austausch von Mitteilungen, er ist Antwort auf Stimulation von außen. Diesen Gesichtspunkten fügen sich zwei weitere an, der phänomenologische, unter dem er als Ausweichen vor dem Offensichtlichen, und der psychodynamische, unter dem er als Blockierung im Prozeß hervortritt.

 

1. Das Verständnis von Widerstand

Die erste Sitzung mit der Bitte zu eröffnen: »Schauen Sie mich an und erzählen Sie mir von sich«, wird in der Direktheit der Aufforderung die meisten Klienten in innere Bedrängnis bringen. Sie werden ihr gewöhnlich reflexartig auszuweichen versuchen durch Manöver wie Abwenden des Blicks, Hinauszögern der Antwort, Einfallslosigkeit bei offensichtlich angestrengtem Nachdenken, durch überschnelles Hervorsprudeln oder Totreden der eigenen Probleme. Vermutlich spulen sich in ihnen Gedankenabläufe ab, die, könnte man sie mithören, so lauten dürften: »So schnell kann ich nicht über mich sprechen. Man will gleich zur Sache kommen, aber das nimmt mir ja den Atem. Es hat nichts geholfen, daß ich mir alles gut zurechtgelegt habe. Was hatte ich denn sagen wollen? Womit soll ich nur anfangen, was will man von mir hören? Ich kann mich unmöglich bloßstellen und, falls ich versuchte, über mich zu sprechen, ich glaube nicht, daß ich davon profitieren könnte.«

Das Absinken in grübelndes Abwarten ist begleitet von minutiösen Veränderungen der Haltung und des Gesichtsausdrucks. Mein Klient macht nicht den Eindruck, von sich aus Initiative zu ergreifen. In der geforderten Offenheit zu sprechen, ist ihm ungewohnt. Kein Zweifel, daß er sofort in der gewünschten Weise antworten würde, wenn er einen Weg sähe. Aber die Bitte geht zu weit, er braucht mehr Zeit, mehr Vertrauen, mehr Bereitschaft zum Risiko. Bei guter Selbstbeobachtung wird ihm nicht entgehen - vorausgesetzt ich enthalte mich einer verfrühten weiteren Intervention - wie er angespannt wird, wie Aufregung ihn packt und er durch seine Gedankengänge und Verzögerungsmanöver die Selbstkontrolle aufrecht halten möchte. Die Bedrängnis wird nicht zur Gefahr dank seiner Gewohnheit, sich auf die verlangte Direktheit nicht einzulassen.

Mit der Bedrängnis durch direkte Kontaktangebote wird der Klient während des gesamten Therapieverlaufs zu tun haben, denn der Therapeut wird seine Kunst und sein Wissen einsetzen, um den Kontakt zwischen ihm und dem Klienten zu vertiefen und zu verbreitern. Wichtig ist, die Forderung nach Kontakt auf seine eingeschränkten Handlungsmöglichkeiten abzustimmen. Weder darf sie überbeanspruchen, weil Arbeitsverweigerung droht, noch darf sie unterhalb seines Potentials liegen, sonst bleibt die persönliche Betroffenheit aus. Nicht-eingehen-Können auf ein Kontaktangebot wirft die Frage auf, wie sich das Angebot verändern läßt, so daß es annehmbar wird. Dem Therapeuten bleiben unzählige Alternativen für seinen nächsten Schritt zwischen den Extremen, die Pause nicht zu beachten oder sie zum Anlaß weiteren Sprechens zu nehmen. Er könnte sie überspielen, indem er unauffällig zu etwas anderem übergeht oder die Bitte noch einmal wiederholt, als wäre sie nicht verstanden worden. Die andere Möglichkeit wäre, die Pause länger und länger werden zu lassen, bis sie unübersehbar geworden ist und beginnt, dem Klienten unangenehm zu werden, um sie dann anzusprechen. Sie wird zum Beginn einer Exploration über auftauchende Gefühle. Man kann nach Bedeutungen fragen, ausmachen, wogegen sich das Zögern genau richtet, ob es der Ton, der Inhalt der Frage, die Kürze oder die Unmittelbarkeit sind, die zögern lassen. Aus der Antwort ergibt sich, ob die Aufforderung zu schroff erlebt wurde, was für therapeutische Ungeschicklichkeit oder Zudringlichkeit sprechen würde. Trifft sie aber genau den Punkt, an dem der Klient gerne ansetzen wollte und sowieso Schwierigkeiten gehabt hätte, dann hätte es keine bessere Intervention geben können, um das Gespräch zu eröffnen.

In der Therapiesituation zählen Abwarten, Schweigen, Zurückhalten, Hilflosigkeit, Trotz und Hinhaltemanöver zu den Verhaltensweisen, denen leicht die Bedeutung von Nicht-mitmachen-Wollen, von unerwünschtem Widerstand, zugeordnet wird. In unserem Fall würde diese Zuordnung wahrscheinlich zutreffen, der Klient will nicht mitmachen, es ist ihm zu riskant; doch was haben wir mit dieser Zuordnung viel gewonnen? Zu glauben, mit der Benennung oder sogar Diagnose »Widerstand« sei alles zufriedenstellend geklärt, ist ein Irrtum. An der Stelle, wo Widerstand auftritt, beginnt erst das gestalttherapeutische Interesse. Die Schwierigkeiten mit mir, dem Therapeuten, in unserer gemeinsamen Situation beginnen erst mit der Aufforderung, weil sie direkt dahin führt, wo der Klient nicht weiterweiß, wo er die Grenzen des überschaubaren, für ihn Übersichtlichen erreicht und wo etwas von ihm verlangt wird, das seine Routine nicht abdeckt. Grenzen sind dynamisch, an ihnen macht die Expansion halt. Das Auftreffen auf Grenzen macht Rückzug oder Gegendrohung wahrscheinlich, wenn geeignete Verteidigungsmaßnahmen oder Kooperationsstrategien nicht zur Verfügung stehen.

Nur in wenigen Momenten sind wir uns vollständig gewiß über unsere Bedürfnisse und Absichten. Selten haben wir nur einen Impuls, einen Wunsch ohne sein Gegenteil, einen Impuls ohne Gegenimpuls. Keiner kann auf Einfalt reduziert werden. Wenn wir von zwei Impulsen einem nachgeben und den anderen zurückhalten, hat es seine guten Gründe. Zwischen zwei Impulsen unentschieden zu schwanken, führt zwar dazu, daß wir abwarten, aber es bringt uns die Sicherheit, nichts Falsches zu tun. Zurückhalten und Unentschiedenheit haben uns geholfen, am Leben zu bleiben, haben uns vor Gefahren gerettet. Sie sind unsere Rettungsaktionen, deren Konsequenzen wir leichter ertragen als das, was uns droht, wenn wir sie aufgeben. Die Rettungsaktionen des Klienten vor zu großer Direktheit im Kontakt sind in aller Regel nicht freiwillig. Ihr Automatismus macht ihm uneinsichtig, wieso er plötzlich ohne Einfälle dasitzt, sich hilflos fühlt, sich grenzenlos langweilt, ermüdet, sich erschreckend dumm und ungeschickt vorkommt, seinen Wert bezweifelt, am liebsten weglaufen möchte und unendlich vieles mehr. Wir dürfen andererseits nicht vergessen, was geschehen würde, wenn ihm plötzlich Einfälle kämen, solche, die er sich niemals zugetraut hätte, weil sie zu grausam, zu gefährlich, zu böse sind.

Die Schutzmaßnahmen zielen in zwei Richtungen, gegen den direkten Kontakt nach außen und nach innen, sie grenzen unerwünschte Erlebnisse teilweise oder ganz ab. Nach innen schützt er sich gegen Unruhe, Erregung, Angst und Schmerz. Phantasien und Gefühle, die in die Richtung führen könnten, werden vermieden. Nach außen schirmt er sich gegen zu große Nähe ab. Besser wenig oder nichts als zuviel, besser noch, keinen Einfall haben als über sich erschrecken müssen, besser keine Korrektur in der Wahrnehmung anbringen, wenn es auch nicht mehr einbringt als die fragwürdige Sicherheit, im Bekannten verharren zu können. Im Widerstand wird die Aufrechterhaltung des Gewohnten zum Prinzip, alles ist verträglicher als Veränderung. Der Klient stellt uns vor die Aufgabe, seine Absicht, sich zu verändern, ernst zu nehmen und seinen Wunsch, das unvermeidlich Neue solle ungefährlich und schmerzlos sein, nicht zu massiv zu enttäuschen.

Schutzmaßnahmen haben ihre Geschichte. Sie sind Einbußen in der Struktur der Kontaktaufnahme und waren zu früheren Zeitpunkten sinnvoll. Wie mich jemand nicht anblickt, mir nicht zuhört, mich mißversteht, kommt nicht von ungefähr. Kleine Änderungen im Arrangement bewirken häufig, daß der Klient der Aufforderung des Therapeuten Folge leistet. Nicht auszuschließen ist seine Fähigkeit, von sich zu erzählen, während er den Blick senkt, oder den Blick aufrechtzuerhalten, aber über ein anderes Thema als sich und sein Problem zu sprechen, nur beides gleichzeitig ist unmöglich. Würde er es versuchen, geriete er in eine heillose Verwirrung. Es übersteigt seine Möglichkeiten, sich mit den Worten klar abzugrenzen: »das werde ich später tun, zunächst möchte ich ...« und dem Gespräch eine Wendung zu geben, die seinen Absichten entspricht und sie sichtbar werden läßt. Die Schutzmaßnahmen verhindern, angemessen zu antworten, sie sind dysfunktional geworden. Sie veranlassen ihn, die Initiative von außen zu erwarten und indirekt eine Mitteilung zu machen, die sich ebensogut in eine klare Aussage fassen ließe. Die Schutzmaßnahmen des Widerstands bleiben verdeckt, meist ist ihre Existenz vergessen worden. Sie passen nicht mehr in die jetzige Situation.

Wir müssen die Intention des Selbstschutzes von den Mitteln, ihn zu erreichen, trennen. Zweifellos ist Selbstschutz legitim, die Mittel sind jedoch anachronistisch. Die Tradition hat vergessen lassen, daß es andere Wege gibt, die gleiche Wirkung zu erreichen. Aber es ist nicht notwendig, Widerstand so mißzuverstehen, als wäre er in der Sitzung völlig unangebracht und sinnlos. Keiner kommt lediglich aus Launenhaftigkeit in die Lage, Widerstand zu benutzen. Wer zu einer bestimmten Gelegenheit gelernt hat, dumm zu erscheinen, blind zu werden und gewisse Dinge nicht mehr zu sehen, entwickelt dieses Verhalten, weil es irgendwann einmal recht vernünftig gewesen ist. Das Verhaltensmuster ist unter den damaligen Umständen entstanden, inzwischen ist aber auch eine ganze Menge dazugelernt worden.

In dem, was wir Widerstand nennen, gibt es eine beträchtliche Energie, Schlauheit und gewieftes Wissen, wie man sich selbst schützt, eine Art von Weisheit des Überlebens. Der Einblick in die Dynamik von Widerstand führt zu Hochachtung vor der Energie und vor dem Einfallsreichtum, welche darin investiert sind. Wir dürfen nicht die Tatsache vergessen, daß fraglich ist, welche Unterstützung jemand noch hätte, wenn er versuchte, seinen Widerstand aufzugeben. Was könnte den Platz des erforderlichen Widerstandes einnehmen? In diesem Fall wüßte keiner, was passiert, wenn er dieses Verhaltensmuster fallen ließe. Es liegt ein gesunder Aspekt im Widerstand, der bei genauem Hinsehen zu engster Berührung mit der individuellen Biographie führt. Der Klient erzählt in seinem Widerstandsverhalten einiges von seinem Lebenshintergrund und bewahrt den Therapeuten vor einer sträflich vereinfachenden Sicht seines Wesens. Was bis vor kurzem vorwiegend als störender Widerstand gewertet wurde, gibt in Wirklichkeit kostbare Hinweise aus der persönlichen Entwicklungsgeschichte. In seiner individuell gestalteten Art, sich zu sträuben, sich zurückzunehmen, seine Energie nicht auszuleben, ist man einmalig. Die Erhellung des Widerstandes gibt notwendige Hintergrundinformation für die Struktur des Bezogenseins auf sich und die Welt (Merleau-Ponty 1966) und das Verständnis seiner existentiellen Situation.

 

1.1 Widerstand als die beste Lösung

Wenn man den Sicherheitsabstand des Klienten nicht achtet, stößt man auf Widerstand. Der Klient ist klug genug, rechtzeitig zu seinen Rettungsmaßnahmen zu greifen, bevor man ihm zu nahe kommt. Sein Sicherheitsabstand ist dreifach gefährdet: 1. Er kennt die Therapiesituation nicht, der Therapeut ist ihm als Person fremd, und ihm ist unbekannt, nach welchen Regeln mit ihm verfahren wird. Sich gegen eine Situation zu schützen, die in solcher Tragweite ihr übliches Format zu verlieren droht, ist nur zu verständlich, und sein Schutzbedürfnis verdient schon aus diesem Grund den gehörigen Respekt. 2. Eine weitere Gefahr für den Klienten liegt darin, sich selbst zu nahe zu kommen, mit Teilen seiner Gefühle, Phantasien, Wünsche in Berührung zu geraten, die er seit langer Zeit außerhalb seines Blickfeldes gehalten hat, indem er sie schlichtweg nicht zur Kenntnis nahm, obwohl er ihr Vorhandensein dunkel ahnte. 3. Die letzte Gefahr bildet die Anforderung, seine Problemsicht und seine Symptome nicht mehr zum Vorwand zu nehmen, um sich aus der Selbstverantwortung zu stehlen.

Die Gestalttherapie geht vom Prinzip der guten Gestalt aus. Verhaltenstendenzen resultieren in der ökonomischsten, der optimalen Organisation. Im menschlichen Leben heißt das: jede Person findet die bestmögliche Antwort auf Fragen und neue Umstände, wenn man das Gesamt der inneren und äußeren Bedingungen, die in die Situation eingehen, in Rechnung stellt. Aus der Annahme folgt mit logischer Klarheit: Widerstand ist, wenn er auftritt, die beste augenblickliche Antwort. Der Klient würde sich nämlich anders verhalten, wenn es im Bereich seiner Alternativen läge. Die Gestalttherapie geht sogar noch weiter! Sie wird interessiert und neugierig. Die Phänomene, denen wir die Bedeutung Widerstand zuordnen, lassen uns fragen: wie kommt jemand dazu, sich unter den jetzigen Umständen so zu geben? Welches sind seine inneren Voraussetzungen, seine Wahrnehmung von mir, seine Gedanken, seine Befürchtungen? Ich gehe davon aus, daß der Klient grundsätzlich recht hat, wenn er sich verweigert. Nur ist der Widerstand nach meiner Auffassung übertrieben, nach seiner scheint er angemessen zu sein. Den Ausschlag der Einschätzung gibt die subjektive Sicht des Klienten. Wir dürfen nicht vergessen, welchen Gewinn unser Klient draußen im Alltag hat, wenn er gewöhnt ist, Aufforderungen nicht direkt nachzukommen.

Angenommen, er gibt sich in einem wichtigen Examen wie vor den Kopf geschlagen, genauso wie er es in der Sitzung macht. Er gewinnt gegenüber dem Prüfer einen tauglichen Selbstschutz, der ihn, weil ihm die Prüfungsinhalte nicht einfallen, vor vollständiger Entmutigung bewahrt. Verfügt er über ein gewisses Maß an Bewußtheit seiner verneinenden Haltung, gewinnt er überdies die Befähigung, sich in der Gefährdung in Fluß zu halten und Klippen zu überwinden, an denen er hätte leicht in Schwierigkeiten geraten können. Sein Sicherheitsabstand, sein Zeitgewinn gestatten ihm in Ruhe richtige Antworten zu suchen. Hinter seiner Haltung von Verneinung, die sich als Verhalten eines Menschen zeigt, der völlig vor den Kopf geschlagen ist, steckt die Klugheit, Entscheidungen treffen zu dürfen und konsequent eine eigene Linie zu verfolgen, etwa durch Vernachlässigen einiger Prüfungsfragen und Betonung derjenigen, denen er sich gewachsen fühlt. Zudem wird ihm niemand übel wollen, wenn er schon so schlimm dran ist, und Hilfsaktionen in Form von Rücksicht, Höflichkeit oder hinführenden Fragen bei den anderen anregen. Er gewinnt auf der ganzen Front. Er lernt, Fragen des Prüfers für sich neu zu interpretieren und so aufzugreifen, wie er sie verstanden haben will, und er kann so antworten, daß er letztlich durchkommt. Natürlich ist die Verneinung nicht zu allen Gelegenheiten voll wirksam, aber die Möglichkeit, sich verneinend zu verhalten, gibt ihm Gelegenheit, etwas Spielraum zu haben und - in diesem unbedroht - etwas über sich selbst zu entdecken, das ihm weiterhilft. Schließlich steht seine Verneinung im Dienst des grundeliegenden Bedürfnisses, sich unter Streßbedingungen in Gang zu halten. Ähnliche Hilfsmittel des Klienten sind in der Therapiesitzung ebensowenig bloße Laune, denn sie haben ihm bisher gestattet, angesichts von Gefahr, Schmerz, Demütigung und anderer unangenehmer Erwartungen, die Stellung zu halten.

Die Tatsache, daß im Widerstand subjektiv gesehen Spielraum gewonnen wird, veranlaßt die Gestalttherapie, sich auf guten Fuß mit dem Widerstand zu stellen, und erweitert durch diese Haltung ihren Handlungsspielraum. Den Nutzen und den investierten Erfindungsreichtum im Widerstand zu entdecken, heißt, schätzen zu lernen, welche Alternativen in einer Art verdrehter Weltansicht sich der Klient verschafft, indem er Situationen einfallsreich umwandelt und sie in einer ihm gemäßeren Perspektive erscheinen läßt. Nicht selten sind in der Verdrehung Keime des Kreativen verborgen. Wenn beispielsweise das Widerstandsmuster durch Verneinung zu charakterisieren ist, wird der Klient dazu neigen, Dinge zu verkleinern, wegzuargumentieren, abzulehnen, sich gegen etwas zu stellen usw. Es wird für ihn wichtig zu erfahren, was ihm das einbringt, worin der Gewinn und worin das Dilemma besteht, denn er wird nicht umhinkönnen, zu bemerken, daß er sich selbst um seinen Handlungsspielraum im weiteren Sinn betrügt. Seine Verneinung ist Entlastung in der Bedrängnis, aber ebensogut Beschränkung seiner Alternativen, doch muß das erst erlebt und entdeckt werden. Warum sollte man so unklug sein, jemandem seine besten Lösungen wegzunehmen, vor allem, so lange sich nichts Besseres an ihre Stelle setzen läßt? Wir geben uns respektvoll zufrieden mit dem Durchleben des selbstgeschaffenen Dilemmas, um deutlich zu machen, wie es benutzt wird, was es einbringt und durch welche inneren Schritte man es sich ständig neu herstellt.

 

1.2 Widerstand steht im Kontext

Widerstand ist Phänomen zwischen zwei Personen, die miteinander und/oder mit einem Thema beschäftigt sind. Je nach den Gegebenheiten, z.B. wie das Gespräch bisher gelaufen ist, welchen Ausdruck das Gesicht des Klienten annimmt, welche Widersprüche sich zwischen Aussage und Handeln zeigen, gewinnen seine Selbstmitteilung und sein unabsichtliches sonstiges Verhalten einen Bedeutungszusammenhang der sich ausschließlich für den Beobachter erschließt, der gewohnt ist, den Kontext im Auge zu behalten und körperliche Aussagen miteinzubeziehen. Eine außergewöhnlich hilflose Klientin, die unter heftigem Weinen nur kurze Sätze zustande bringt, kein Wort sagt, ohne eindringlich gefragt worden zu sein, um schließlich zu verstummen, bekommt einen stumpfen Blick, der kaum einen halben Meter weit reicht. Sie scheint unerreichbar für weitere Fragen zu sein. Ihre letzte Bemerkung: »... und jetzt weiß ich nicht weiter« deutet an, daß sie ihre Lebenslage hoffnungslos einstuft. Für den Beobachter schafft sie eine Situation, in der sie abschaltet und den Frager draußen hält. Die Geschichte, die die Klientin erzählt, ist weit umfangreicher sofern man den Kontext einbezieht. Die Stelle, an der ihre Aussage im Gespräch steht, plus ihrem nonverbalen Verhalten sagen im Kontext von Biographie und augenblicklicher Situation das Folgende: »Ich weiß auch jetzt nicht weiter und ziehe mich deshalb zurück. Sie bleiben draußen. Ihre Fragen sind mir zuviel, ich will sie nicht beantworten. Meine Ruhe ist mir augenblicklich wertvoller als Ihr Interesse, das ich erkenne und zu schätzen weiß. Ich bin traurig und ratlos. Sie sehen mich, wie ich traurig und ratlos bin und nicht aus mir heraus kann. Ich gebe mich abweisend, aber wer mich kennt, kann zudem sehen, daß ich dringend Hilfe brauche. Ich mache jetzt nichts weiter, sondern erwarte Ihre Initiative. Ich erwarte eine Initiative, die anders aussieht als Ihre bisherigen Fragen, denn, wie Sie ja sehen, kann ich nicht darauf eingehen. Also bitte, erfinden Sie etwas, um an mich heranzukommen.«

Der Beobachtung entgeht nicht, daß ihr Atem flach ist, ihre Schultern sich verkrampfen, ihre Stimme zunehmend gepreßter geworden war, bis sie verstummte. Man spürt, wie ihre Abwesenheit immer stärker wird und wie aus ihrem Schweigen und Starren eine doppelbödige Forderung ausgeht, einmal, ihr Erleichterung zu verschaffen, zum anderen, einen annehmbaren Weg zu finden. Der Kontext erzählt eine Geschichte, oder besser, der Therapeut entnimmt ihm Hinweise, die ihm helfen, sich zu orientieren. Wahrscheinlich wäre das nächste, was sich unternehmen ließe, der Klientin kurz Zeit zu lassen, um zu sehen wie sie von sich aus weitermacht. Der Zustand würde therapeutisch richtig, weil er bloße Stagnation ist, von mir bald unterbrochen mit der Frage: »Ich sehe, Sie sind ganz still geworden, wo sind Sie innerlich?« Natürlich gibt es beliebig viele Wege, sich der unbemerkten Stagnation, die nicht bewußt durchlebt und durchlitten wird, zu entziehen, ohne in den Kunstfehler der Interpretation zu verfallen.

Den Widerstand als Schutz und beste Lösung aufzufassen, verhilft dazu, ihn im Kontext positiv zu werten und konstruktiv aufzugreifen, eine Auffassung, die den Weg in die subjektive Welt des Klienten freigibt. Den Widerstand im Kontext von verbalen, nonverbalen Aussagen und der gemeinsamen Situation aufzufassen, öffnet den Weg zu einer genaueren, gemeinsamen Exploration des Phänomens, das nicht für sich isoliert steht, sondern den Rang einer Aussage an den Therapeuten, den Helfer und Adressaten zahlloser zugedachter Rollen, besitzt. Widerstand im Kontext zu sehen, heißt, ihn zu entdecken, zu akzeptieren und positiv einzuordnen. Weil er in seiner Bedeutung aus zweifacher Perspektive, der subjektiven des Klienten und der situativen des Therapeuten, einzuordnen ist, braucht sich keiner irritiert noch verhindert, viel eher entlastet zu fühlen. Zu diesem großen Vorteil der Entlastung tritt der unschätzbare strategische Vorteil, mit Leichtigkeit Anknüpfungspunkte zu finden, mit dem Klienten sinnvoll weiterzuarbeiten. Nicht immer besteht eine klare Vorstellung über die Geschichte, die der Kontext erzählt, noch kann der Therapeut manchmal auch nur ahnen, worauf der Klient hinaus will. Trotzdem hält er daran fest, daß sein Verhalten in all seinen Facetten ein sinnvolles Ganzes ergibt, so seltsam es sich für seine Wahrnehmung auch ausmacht.

Im weiteren Verlauf wird sich Neues herausstellen, und solange überläßt er sein Bedürfnis nach Klarheit sich selbst. Die Erleichterung, die der Therapeut in dieser Auffassung gegenüber dem »Widerstand« gewinnt, bezieht sich besonders auf seinen Tätigkeitsdrang und seine ständig sprungbereite Hilfsbereitschaft. Selbst wenn nichts weiter geschieht, als daß die Zeit verstreicht und der Klient weiteratmet, damit er nicht erstickt, zwingt ihn nichts, geradezubiegen, anzuregen, umzuschalten, wenn er bloß eines nicht vernachlässigt: die Wahrnehmung des Klienten auf das Offensichtliche zu lenken.

 

1.3 Widerstand ist Antwort

Genauer besehen müssen wir unterscheiden zwischen verschiedenen Formen, in denen sich Widerstand zeigt. Es ist keineswegs das Gleiche, ob sich jemand gegen eine überflüssige Interpretation wehrt, die einer Situation einen anderen Sinn aufzwingt, als er ihr selbst gibt, oder ob sich jemand gegen Schroffheit und Taktlosigkeit zur Wehr setzt. Fehlender therapeutischer Geschmeidigkeit der Intervention mit Zögern, Trotz, Gegenmanövern zu entgegnen, ist ebenso verständlich wie die Weigerung, sich fremden Standards und Zuschreibungen gegenüber zur Wehr zu setzen.

Vieles von dem, was in der Psychoanalyse Widerstandsarbeit genannt wird, wird aus dem Grund notwendig, weil das Inventar therapeutischer Vorgehensweisen nicht ausreichend flexibel und erlebnisfördernd ist. Häufig fällt es dem Klienten schwer, Deutungen ohne inneres Sträuben für sich anzunehmen, so richtig sie psychodynamisch auch sein mögen, sei es daß sie zu weit greifen, gemessen an seiner Reife des Verstehens, sei es daß sie nicht den richtigen Ton treffen oder unzeitgemäß angeboten werden. Die Gefahr, vom Standard der Methode bestimmt zu werden, liegt in jeder Therapieform. In der Gestalttherapie glauben wir, sie herabgesetzt zu haben durch das Prinzip der Selbstentdeckung und der selbstverantwortlichen Sinnfindung. Eine wesentliche Hilfe in der Abwendung von Fremdbestimmung und von durch sie herausgefordertem Widerstand ist der Umstand, daß die Gestalttherapie im Gegensatz zur Psychoanalyse nicht eine Deutung von Inhalten des Unbewußten verlangt. Was im Mittelpunkt steht sind Prozesse, das Netz der Beziehungen und das Awarenesskontinuum. Interpretationen werden deshalb nicht gebraucht. Die Bestimmung des Sinns einer Situation liegt in der Verantwortung des Klienten, und man bemüht sich als Therapeut, soweit menschenmöglich sie dort zu belassen. Gegen Fremdbestimmung braucht nicht mit Weigerung gekontert zu werden, weil sie nicht zur Methode zählt. Unterläuft einem jedoch der Fehler, eigene Meinungsäußerungen nicht als subjektive Aussagen grammatikalisch genau durch Worte, wie »ich finde ...« oder »ich persönlich glaube ...« zu kennzeichnen und sie damit nur zur Diskussion zu stellen, ist es begrüßenswert, wenn der Klient sich weigert, unsere Meinung zu übernehmen. Er setzt sein Signal, und wir sind aufgefordert, nach unbemerkten Übergriffen zu suchen. Dies sollte zur Korrektur des Therapeutenverhaltens führen. Vorsicht ist bei Klienten geboten, deren Fähigkeit zur Weigerung gegen Fremdbestimmung gering ist. Ihre Gefügigkeit ist nichts als eine Verkleidung ihrer Unwilligkeit, die Gewohnheit, sich abhängig zu machen, aufzugeben. Das verstehen wir besser, wenn wir Widerstand definieren als Sträuben gegen Veränderung (Süss, Martin 1978). Die Gestalttherapie sieht es als existentiell notwendig an, daß der Mensch Selbstverantwortung übernimmt und sich seinen Sinn eigenständig sucht. Entsprechend schätzt sie das Sträuben gegen Veränderung durch andere Medien als die lebendige Selbsterfahrung hoch ein, weil der Klient seine Selbstbestimmung unter Beweis stellt.

 

1.4 Qualitäten von Widerstand

Um die Antwort des Klienten einzuschätzen, brauchen wir einen Blick für ihre verschiedenen Qualitäten. Dem durch theoretische Implikationen aufgezwungenen, sozusagen dem methodeninduzierten Widerstand entgeht die Gestalttherapie mithilfe der Maxime: der beobachtbare Prozeß, das Wie ist Kernpunkt, es gibt kein »Dahinter«: Widerstand wird durchlebt und bedarf keiner Deutung. Anders steht es mit dem technischen Widerstand. Die Verträglichkeit der Angebote an den Klienten variieren beträchtlich. Mancher braucht viel Wärme und Sanftheit, bis er aus sich herausgehen kann, andere müssen besonders vorsichtig gefragt, aufgebaut und zum Experimentieren eingeladen werden. Das therapeutische Handwerk besteht zum großen Teil in Verhaltensregeln, die erlauben, dicht in Kontakt mit dem Klienten zu kommen, ohne sein Schutzbedürfnis zu reizen, und sich wieder von ihm zu entfernen, ohne ihn durch die Trennung unbeschützt und verletzt zurück zu lassen.

Indessen sind die vielen kleinen Ungeschicklichkeiten im Umgang mit dem Klienten nicht zu vergessen, die jedem unterlaufen und die erst auffallen, wenn er sich dagegen verwahrt, sich weigert. Häufig fehlen einem die guten Einfälle, schnell die geschmeidigste und treffendste Formulierung zu finden. Wie häufig unterläuft uns der Fehler, stereotyp zu fragen oder zu kurz angebunden zu sein, wie häufig mangelt es uns an Takt, besonders wenn wir selbst überarbeitet sind. Zu viele Befehle irritieren nicht nur, sie machen auch bockig, der falsche Ton oder der unpassende Zeitpunkt einer Äußerung läßt jemanden verdutzt zurück, der Klient kann uns nicht mehr folgen. Ein Übermaß an Abwechslung verhindert, daß der Klient tiefer zu sich selbst kommt; ein zu starkes Beharren treibt ihn in die Enge an einer unergiebigen Stelle. Überall verbirgt sich die Tücke des Unpassenden. Jedes Zuviel vom Gleichen birgt die Klippe, zum Ritual zu werden, noch bevor man sich davon Rechenschaft abgelegt hat, was im Klienten den Eindruck des Unpersönlichen erweckt. Ungeschicklichkeiten, die außerhalb von Kontrolle und Absicht des Therapeuten liegen, schleusen unweigerlich technischen Widerstand ein. Der Klient wird widerspenstig, lehnt sich offen oder verdeckt auf und geht gegen die Verletzung seiner Integrität vor. Es gibt nicht wenige Therapeuten, die durch mangelnde Wendigkeit induzierten technischen Widerstand mißverstehen und denken, er wäre Bestandteil einer guten Sitzung, und sie sind der Auffassung, wenn der Klient nicht mitmache, müsse dem Entschlossenheit entgegengesetzt werden. Eine Kollegin machte eine treffende Bemerkung zum fehlerhaften Stil solcher Therapeuten: »Und bist du nicht willig, so brauch ich Gestalt« (H. Heinl, mündliche Mitteilung). Technischer Widerstand ist ein in den meisten Fällen ungewollter Nebeneffekt und muß wie andere sich der Awareness des Therapeuten entziehenden Automatismen ausgeschaltet werden. Das Vorgehen mit fein dosierter Konfrontation gleichzusetzen, wäre ein gründliches Mißverständnis. Den größten Teil ihrer Aufmerksamkeit widmet die Gestalttherapie dem funktionalen Widerstand, den wir beobachten, wenn das Sträuben des Klienten gegen Veränderung seine Quelle in der Selbstverhinderung hat. Nicht so sehr durch den Therapeuten fühlt er sich eingeengt, gefährdet, frustriert. Vielmehr wird fühlbar, wie er sich im Wege steht und seinen Stillstand selbst veranlaßt. Wir werden versuchen, dem Phänomen des funktionalen Widerstands näherzukommen, indem wir uns mit der Natur des Offensichtlichen beschäftigen.

 

1.5 Das Offensichtliche

Die Gestalttherapie geht konsequent vom Prinzip der Selbstregulation aus, wenn sie behauptet, jeder wisse am besten selbst, was für ihn gut ist. Außer in Fällen schwerer Störungen und Defekte läßt sich die Behauptung halten. Wer sich zu einer bestimmten Weltansicht entschlossen hat, bestimmte Wahrnehmungen zuläßt und andere ausschließt, hat seine Gründe. Doch merkt er in aller Regel nicht, daß er aktiver Gestalter, Urheber seiner Welt ist, und nimmt seine Weltsicht für bare Münze. Wir sind gelegentlich frappiert, wie jemand nicht sieht, was wir sehen, wie er blind an Dingen, die auf der Hand liegen, vorbeigeht, Zusammenhänge übersieht, Wichtiges ausspart, und fragen uns, was er mit sich macht, daß er solche rigorosen Ausschnitte aufrechterhalten kann angesichts der immer neu gegen ihn anbrandenden Stimulation realer Ereignisse von außen und innen. Dem Träger ist seine subjektive Situation so selbstverständlich, daß er kaum daran denkt, wie er sie sich schafft, falls er nicht überhaupt vergessen hat, daß er ihr Schöpfer ist. Seine Selbstverständlichkeiten bleiben fraglos und es kostet den Therapeuten häufig unendliche Feinheit und Mühe sie deutlich genug zu machen, um sie in die Awareness zu rücken. Perls (1979) war sich klar darüber, daß sich funktionaler Widerstand am stärksten in den Selbstverständlichkeiten verbirgt.

Ein Klient mit Depressionen ist überrascht, als ich ihn durch Atemübungen dazu bringe zu entdecken, daß er nicht mehr richtig durchatmet und eine Haltung einnimmt wie ein Greis. Das Atemmuster ist Komponente seines Symptoms. Zunächst hatte ich bemerkt, daß er jedesmal, wenn ich ihn direkt anschaute, den Atem für Sekunden ganz anhielt und offensichtlich zum Sprechen ansetzte, es dann aber unterließ. Ohne ihn auf meine Beobachtung hinzuweisen, bat ich ihn, sich aufzusetzen und tiefer zu atmen, sich auf sein Atmen zu konzentrieren. Sobald der partielle Stillstand seines Atemmusters gemildert war, war er fähig, mir über sich Mitteilungen zu machen, die ihm außerordentlich schwer fielen. Das Offensichtliche, mit mir sprechen zu wollen und sich durch meinen Blick verhindert zu fühlen, war ihm entgangen. Er erlebte sich lediglich als dumpf und schleppend. Seine depressive, lahme Stimmung, seine eingedrückte Haltung, sein eingeschränktes Atemmuster, alles zählte zu den Selbstverständlichkeiten seines Daseins, niemals hätte er diesen Dingen Aufmerksamkeit geschenkt.

Selbstverständlichkeiten gehen in unserer Wahrnehmung unter. Im subjektiven Universum, das unsere Hypothesen über die Welt umfaßt, sind sie sozusagen eingebaut, ohne daß wir von ihnen Kenntnis haben. Was wir in Erfahrung bringen, sind die Auswirkungen, aber diese - und da schließt sich der Kreis - machen ja unsere Weltansicht, unsere Lebensperspektiven aus. Wir begegnen der Welt nach den Hypothesen unseres subjektiven Universums. Unsere Einschränkungen, Vorannahmen, Auslassungen, Verzerrungen, Kontaminationen, machen wir zwar, aber sie entgehen unserer Awareness. Sie haben aufgehört, für uns offensichtlich zu sein, wenn sie es überhaupt je gewesen sind. Wir verlieren das Selbstverständliche, das offensichtlich zu uns Gehörige aus den Augen. Je näher etwas unseren Hypothesen kommt, umso weniger befragen wir es. Für die Beobachtung werden Widersprüchlichkeiten unübersehbar. Jemand wünscht sich mehr Freiheit, er tut aber weniger als nichts, um sie zu erreichen, vielmehr zieht er sich in Träume und Phantasien zurück und schafft sich Ersatz. Ein anderer meint, rücksichtsvoll im Umgang mit Menschen zu sein, was in seiner Wortwahl auch zutrifft, nur bemerkt er nicht, wie aggressiv-wütend seine Mimik ist, wenn er spricht.

Die Hypothesen des subjektiven Universums können in krassem Gegensatz zu dem stehen, was jemand im Ausdruck vermittelt, aber auch zu dem, was er körperlich und emotional durchmacht, ohne es wirklich mitzuerleben. Soweit Selbstverständlichkeiten Symptomcharakter haben, müssen sie auch für den Klienten offensichtlich gemacht werden. Zu erleben, was auf der Hand liegt, wird erreicht durch Prägnant-Machen der offensichtlichen Struktur, bis auch der Klient sie nicht mehr übersehen kann, bis er erlebt, was er mit sich und mit dem anderen macht. Das Eingehen auf das Offensichtliche führt direkt zum Problem des Betreffenden. Der reibungsloseste Weg der Arbeit am Offensichtlichen führt über die Einschätzung, welche der vielen kleinen Offensichtlichkeiten am ehesten in den Verständnishorizont und die Awareness des Klienten Einlaß erhalten. In dieser vom Klientenverhalten implizit vorgegebenen Reihenfolge des Prägnant-Machens vermuten wir den kürzesten Weg zum Wandel.

Der Depressive war nicht in Kontakt mit seinem Atem, das war für mich offensichtlich. Es ging darum, ihm am eigenen Leibe deutlich werden zu lassen, daß in seiner Dumpfheit zwei Tendenzen lebendig waren, die einander aufhoben. Durch die Übung wurde ihm klar, daß er gegen sich vorging und wie erfolgreich er damit war. Das Selbstverständliche wahrnehmen und, wenn es offensichtlich geworden ist, als zugehörig annehmen, ist identisch mit der Auflösung von funktionalem Widerstand.

 

2. Arbeitshaltung

Jeder Versuch, Offensichtliches in die Awareness zu bringen stößt auf funktionalen Widerstand, sei er auch noch so verdeckt. Je nach Treffsicherheit und Schlagkraft der Intervention wird sein Ausmaß variieren. Die reibungslosesten Vorstöße gehen gerade so weit, daß sich Widerstand und positive Gefühle wie Stolz, Freude, Neugier, Spaß, Abenteuerlust ausbalancieren und dem Klienten möglich machen, die auftauchenden unangenehmen Gefühle wie Angst oder Schmerz entgegenzunehmen und mitzutragen. Die wichtigste Arbeitsmaxime der Gestalttherapie lautet: im Offensichtlichen bleiben und seine Selbstentdeckung fördern. Was das Offensichtliche ausmacht, ist abhängig von der Beobachtung des Therapeuten an sich selbst und am Klienten. Hinzu kommen die Mitteilungen des Klienten über sich, seine subjektive Weltsicht. Dies zusammengenommen mit einer guten Portion Intuition, läßt vorwegnehmen, wohin der Klient steuert.

Das Offensichtliche wahrnehmen bedeutet, in gutem Kontakt zu sein. Innen und Außen stehen im Zustand klaren, befriedigenden Austauschs und kreativer Anpassung. Das Verhalten des Klienten etikettiert man zu seiner Orientierung momentweise als funktionalen Widerstand, sobald man entdeckt, wie er auf vertrackte und vielleicht sogar geniale Weise dem nach der Beobachtung des Therapeuten Offensichtlichen aus dem Weg geht. Funktionalen Widerstand aus therapeutischer Absicht zu diagnostizieren, besitzt einen doppelten Wert: Einmal weiß ich, mit meinem Klienten bin ich an der richtigen Stelle, hier bleibt er mit sich stehen und ist in der Lage, mit geringen Hilfen meinerseits mehr über sich zu erfahren und Neuland zu gewinnen. Die Absicht will ihn an seinen Grenzen aufsuchen und packen, weil er seiner Wahrnehmung und seinem Handeln hier ein Ende setzt. Außerdem weiß ich, sein Sträuben ist kein Grund auszuweichen und ihn zu schonen. Schließlich verstehe ich es als eindeutiges Signal: »Hier kann ich nicht weiter«. Alles ist gewonnen, wenn der Klient erlebt, daß er seine Grenze überschreitet und die erwartete Katastrophe ausbleibt. Eine klare Unterscheidung beider Aspekte begleitet die gesamte therapeutische Arbeit. Immer müssen wir wissen, ob wir uns an der richtigen Stelle, dem growing edge, bewegen, und wenn wir uns vergewissert haben, wie wir standhalten und weiterführen, ohne es dem Klienten zu schwer oder zu leicht zu machen. Eine gute »prozessuale Diagnostik« (Petzold 1977) beinhaltet ein zuverlässiges Augenmaß für das Sträuben des Klienten und hindert uns an falscher Schonung und überflüssigem Abstützen.

Im Menschen stellen sich Intentionen und Bedürfnisse kaum noch als einfache Einheit dar, seit die animalische Klarheit der Instinktsicherheit durch die Freiheit der Entscheidung ersetzt wurde. Wir müssen im Widerstand berücksichtigen, daß man wie versessen darauf ist, zwei Meinungen über etwas zu haben, und nur selten von einem soliden, unerschütterlichen Standpunkt aus handelt. Was wir versuchen, wenn wir unser Leben meistern, ist das Erreichen eines erträglichen Gleichgewichts zwischen einer Vielzahl von Ambivalenzen, Polaritäten, Widersprüchen. Wir versuchen, es mit ihnen aufzunehmen und damit zurechtzukommen, so gut wir können. Die polare Spannung ist der menschlichen Natur implizit. Wir müssen lernen, nicht nur mit ihr zu leben, sondern sie zur Daseinssteigerung zu nutzen. Das gilt für den Klienten und den Therapeuten. Die Hoffnung ist illusorisch, für längere Zeit von selbst in die Lage einer paradiesischen Einfachheit und Stimmigkeit zu geraten. Funktionaler Widerstand ist konstitutiv für die menschliche Existenz. Ständig sind wir angehalten, uns immer neu abzugrenzen, uns zu behaupten, für und gegen etwas zu sein. Widerstand in diesem Sinn ist unumgänglich, und aus dieser Perspektive ist er wünschenswert, denn er bewirkt Belebung und ist schöpferisch. Harmonie ist nicht überall erreichbar, sie ist, wenn sie eintritt, ein verantwortliches und reifes Übereinkommen mit mir selbst. Verlegen wir uns also nicht auf Wunschträume, sondern versuchen wir lieber, die Gegebenheiten zu beachten und in ihrem Wert zu respektieren, indem wir die verschiedenen Teile unseres Selbst an die Oberfläche treten lassen, jene Teile, mit denen wir uns bisher nicht identifiziert haben, die wir mißachtet, herabgesetzt oder ausgeschaltet haben, und verhelfen wir ihnen zu neuem Leben.

Im Rahmen der therapeutischen Haltung, zu der Fließenlassen, Selbstverantwortlichkeit, Unterstützung, Intersubjektivität zählen, ergibt sich eine Arbeitsatmosphäre von Freiheit und Experimentieren. Schwierigkeiten, die sich aus dem Verständnis und Befolgen von Anweisungen oder Beantworten von Fragen ergeben könnten, werden möglichst umgangen durch Einfachheit, Eindeutigkeit und Vollständigkeit der Sprache. Der Therapeut spielt sich ganz auf die Sprache und die subjektive Wahrnehmung des Klienten ein. Die Haltung des Gewährenlassens, die darauf verzichtet, Veränderungen herbeiführen zu wollen, und so möglichen Gegensteuerungen des Klienten aus dem Weg geht, begünstigt das paradoxe Erlebnis, daß Veränderungsanstrengungen fruchtlos sind. Die Paradoxie besteht im Verändern durch Aufgeben der Absicht, sich ändern zu wollen (Beisser 1970). Es gibt nichts, wogegen der Klient realistischerweise zu widerstehen hätte, außer dem, was in ihm selbst liegt. Unter diesen Umständen tritt Widerstand zwecklos auf, es gibt nichts zu verteidigen und der Klient stößt ins Leere. Da er seinen Zweck nicht erreichen kann, wird er auf sich selbst zurückgeworfen und erhält den Anstoß, sein Verhalten zu reflektieren.

Wenn Widerstand gewertet werden sollte, so würde die Gestalttherapie die Meinung haben: wir brauchen kein Aufhebens von ihm zu machen. Er ist weder lästig noch erfreulich, er ist schlichtweg vorhanden als eine Lebensäußerung dieses einmaligen Menschen. Widerstand besitzt den Stellenwert eines den Selbsterfahrungsprozeß begleitenden Merkmals, er ist Erfahren und Überwinden von Begrenzung und Übergangsmoment im persönlichen Wachstum. Die verschiedenen Facetten, die wir anfangs dem Phänomen abgewonnen haben, dienen lediglich dazu, unsere Ungeduld im Umgang mit unserem Klienten aufzuheben und in ein Verständnis zu verwandeln, das ohne Bewertung von außen bleibt. Die Reihe der Verständnismöglichkeiten von Widerstand öffnet uns den Weg in das System des Klienten. Wir nehmen ihn aus dem Zentrum seines eigenen subjektiven Universums wahr, erklären seine Lage mithilfe seiner eigenen ihm bekannten und unbekannten Prämissen mit dem Ergebnis, daß funktionaler Widerstand für uns, statt Problem zu sein, lediglich Anknüpfungspunkt für die Selbstentdeckung ist. Wir verweigern die Rolle, Fachmann zu sein, der Widerstand diagnostiziert und unschädlich macht, weil er etwas ist, das nicht sein sollte. Eher verstehen wir uns als fachkundiger Partner, der sich einsetzt, um die Wahrnehmung des anderen differenzierter, tiefer, seinem Wesen gerechter werden zu lassen.

Bis jetzt müßte klar geworden sein, wie stark sich die Gestalttherapie bemüht, die Ich-Grenzen (Perls, Hefferline, Goodman 1979, Polster, Polster 1975) zu achten, sowohl die des Klienten wie die des Therapeuten, und auf dem Boden der Autonomie zu arbeiten. Zweifellos erspart sie sich mit dieser Arbeitshaltung viele Trotzreaktionen, Verweigerungen, Pausen, Stagnation und andere offene und verdeckte Manöver, nicht zu vergessen die wachstumshemmende Unterordnung unter eine allwissende Autorität. Sie entgeht den Verhakungen technischen Widerstands mit dem Prinzip der Nähe zum subjektiven Universum und dem Zen-Prinzip des Nachgebens. Scheinbar planlos auf der inhaltlichen Ebene, verhält sie sich in einer am Awarenesskontinuum festgemachten prozeßorientierten Planung äußerst zielsicher. Der Weg selbst ist das Ziel. Unsere Facetten von Widerstand geben uns einen Reichtum an Interventionen an die Hand, wir haben die Wahl, wie wir die Aussage des Klienten aufgreifen wollen, als Übung, Experiment, gesprächsweise, im Sich-selbst-Uberlassen. Die Alternativen vervielfachen sich, wenn wir hinzunehmen, ob wir Support geben, konfrontieren oder provozieren wollen, was von der Belastbarkeit des Klienten abhängt (Schneider 1980). Darüber hinaus stehen uns verschiedene Medien zur Wahl. Wir können mit dem Atem, der Bewegung, Körpersensationen, kreativem Material und dramatischem Spiel arbeiten, entsprechend den Stärken unserer Klienten, nicht zu vergessen den Wechsel der Selbstwahrnehmung auf die verschiedenen Sinnesfunktionen, für deren Nacherziehung und Integration feinste Techniken vorhanden sind (Polster, Polster 1975, Zinker 1977, Bandler, Grinder 1975, 1976). Wer viele Alternativen hat, dem steht es frei, Widerstand zu intensivieren oder aufzulösen, ihn mit Eleganz prägnant zu machen, kurz, schmiegsam genug zu sein, um die Selbstblockierung gerade so weit zuzulassen, daß Langsamkeit und Zögern entstehen, nicht aber Stillstand und Abbruch der guten Beziehung zwischen den Therapiepartnern.

 

2.1 Widerstand des Therapeuten

Widerstand ist ein Konzept sozialer Interaktion, und sich zu sträuben, ist deshalb nicht Privileg einer einzelnen Person. Bisher haben wir ausschließlich vom Klienten gesprochen, doch ist damit zu rechnen, daß im Therapeuten, wenn nur die Situation danach ist, sich Ähnliches abspielt. Ich möchte ein paar Gedanken auf meinen eigenen Widerstand als Therapeut verwenden. Natürlich weiß ich, wie ich mich nach den Regeln meiner Kunst zu verhalten habe. Beispielsweise soll ich mich in allen meinen Regungen akzeptieren und zu gleicher Zeit den andern nicht unnötig dadurch verletzen, daß ich sie ungehemmt auslebe. Bei allem Respekt für das eigene Erleben, wenn ich ihn übertreibe, berücksichtige ich nicht die ebenfalls richtige subjektive Position des Klienten und ich renne mich fest. Wir Therapeuten sind leicht irritierbar, wenn unsere Werte, unsere eigenen Selbstverständlichkeiten angesprochen und infrage gestellt werden (Bühler 1975). Wie leicht geraten wir in Opposition und beeinträchtigen uns im Mitgehen.

Sobald der Therapeut mehr erreichen möchte als Anregung und Durchleuchten des Gegebenen und die Lösung ausdrücklich gemeinsam formulierter Ziele, begibt er sich in die akute Drohung einer Sackgasse. Der Klient korrespondiert mit Absichten, die nicht die seinen sind, negativ und blockt ab. Nur zwei Arten, sich in eine Sackgasse zu begeben, möchte ich erwähnen. Die erste ist, die eigene Zufriedenheit oder die Zufriedenheit des Klienten zum Maßstab zu machen. Jeder Maßstab außer dem des guten Kontakts schafft Punkte, die sich mit bestimmten Themen und Vorgehensweisen nicht mehr vertragen. Das verengt nicht nur Aktionsmöglichkeiten, sondern schafft ein Ungleichgewicht, das den Klienten zu Gegenmaßnahmen herausfordert. Wer zu seiner Zufriedenheit braucht, ein guter Therapeut zu sein, bringt sich dahin, die Situation zu beschönigen, ihr aufhelfen zu müssen, ja er zwingt sich in eine Durchhalteleistung, die ihm immer schwerer fällt, je länger sie anhält. Auf Dauer schwächt er seine Position und fühlt sich schnell gestört, wenn der Klient ihm nicht erlaubt, so gut zu sein, wie er es sich wünscht. Sein eigenes Wohlbefinden von Wunschbildern oder gar vom schlichten Wohlbefinden des Klienten abhängig zu machen, ist einer der am meisten verbreiteten Formen von Widerstand beim Therapeuten.

Eine zweite beliebte Sackgasse ist die Absicht, sich vom Klienten nicht an der Nase herumführen, sich nicht manipulieren lassen zu wollen. Mancher fühlt sich herausgefordert, wenn ihn ein Klient zu kontrollieren versucht. Kontrolle und Gegenkontrolle lassen sich schwer ausschalten. Sie gehören zur Dimension der Macht, die menschliche Kommunikation unweigerlich mitbestimmt. Wir können diese dynamischen Größen deshalb nicht per Entschluß wirkungslos machen. Was sich erreichen läßt, ist ihr inverser Gebrauch in Form von Selbstkontrolle mit dem Ziel, die Selbstverantwortung und den Spielraum von Reaktionen nicht einzuengen. Das Bedürfnis nach Fremdkontrolle in Schach zu halten und aus einer Haltung des mitmenschlichen Engagements zu handeln, die sich verpflichtet fühlt, ohne Vorschriften zu machen, bildet inbezug auf Widerstand eine wesentliche Voraussetzung. Wir verhindern dadurch die Induktion technischen Widerstands und setzen unsere Kräfte wirkungsvoller ein. Kontrolle unter Beweis zu stellen, kostet viel Kraft und einen hohen Einsatz an Aufmerksamkeit. Wir geben uns lieber die Erlaubnis, mit dem Klienten überall hinzugehen, wohin ihn seine Awareness führt. Inhaltliche Ziele gibt es nicht. Der Schwerpunkt unserer Aufgabe liegt in der Transparenz von Prozessen. Sind das Erfahrungsangebot und die Kommunikation in ihrem Verlauf strukturell transparent und weiß der Therapeut, wo er sich befindet, besteht kein Anlaß, unruhig zu werden. Es ist allerdings zu trennen zwischen dem Bedürfnis, unter allen Umständen die Kontrolle über die Situation behalten zu wollen, und der therapeutischen Notwendigkeit, zu planen, Hypothesen zu bilden, Strategien zu entwickeln. Die Planung bezieht sich ausdrücklich auf Verflüssigen von verfestigten Strukturen, auf die Stärkung von Funktionen, auf das Anregen von Prozessen, d. h. die therapeutische Planung betrifft nicht das Verhalten des Klienten allein, sie hat die gesamte Situation im Blick, zwei Menschen in ihrer Freiheit und ihrer Beschränkung.

 

3. Therapie

Funktionaler Widerstand ist doppelseitig zu definieren. Was sich von der therapeutischen Außensicht wie Sträuben gegen (die vom Klienten gewünschte) Veränderung ausmacht, erscheint aus der Sicht des Klienten als Schutz gegen Herausforderung (die der Therapeut für unerläßlich hält, wenn Veränderungsbereitschaft zum Ziel führen soll). Gemeinsam ist der Doppeldefinition die Vermeidungstendenz. Vermieden werden Angst, Schmerz, Ekel und Erregung, die nach den Erwartungen und Phantasien des Klienten ins Haus stehen. Er will nicht mit den unangenehmen Anteilen anstehender Erlebnisse in Kontakt kommen und geht mit diesen auch den angenehmen Anteilen aus dem Weg. Lieber nichts erleben als Angst, ist seine Devise.

Wir kennen zwei Stufen funktionalen Widerstands: Auf der ersten Stufe wird die Vermeidung, das Hindernis in Aktion gespürt. Man will mit einer bestimmten Erinnerung, einem Trauminhalt, einer Körperhaltung nicht in Kontakt kommen. Der Klient spürt sein Nicht-wollen. Zwei Möglichkeiten bieten sich für ihn, etwas zieht ihn und etwas anderes hält ihn zurück. Syntaktisch läßt sich die Lage mit »entweder/oder« umschreiben: »Entweder ich weine jetzt, oder ich spiele den Heiteren.« Auf der zweiten Stufe wird anders empfunden: Der Klient merkt nicht, daß er vor etwas davonrennen möchte. Subjektiv befindet er sich in der Lage, nicht anders zu können, die sich syntaktisch mit »nichts als« ausdrücken läßt: »Es ist nichts als Leere in mir.« Personen mit einem funktionsfähigen Awarenesskontinuum erfahren ihr »Nichts-als«, sie durchleben es, bis für sie spürbar wird, daß sich ihnen etwas entgegenstellt: »ich spüre eine Mauer um mich herum, da komme ich nicht durch«, »mir ist, als ob sich etwas in mir weigert« und sie beginnen, ihre Blockierung zu identifizieren. Häufig wird aber die Awareness selbst vermieden, die Klienten verharren im Zustand des »Nichts-als«. Sie haben beträchtliche blinde Flecken, sind klug genug, nicht zu sehen, daß sie nicht sehen wollen, aber wir können nicht wissen, wozu sie einen unüberwindlichen Schutzwall brauchen. Es ist nicht immer klar entscheidbar, welche Strategie wir einschlagen sollen, wie stark die Belastbarkeit unserer Klienten ist. Mehr Awareness ist unter Umständen mit einem Übermaß an negativer Erfahrung und Schmerz verbunden, und wir hüten uns, sie zum absoluten Heilmittel zu erheben.

Im Rahmen der gestalttherapeutischen Persönlichkeitstheorie wird funktionaler Widerstand als gesunde Reaktion angesehen. Der gesunde Organismus zeichnet sich durch seine Fähigkeit aus, zur rechten Zeit an der richtigen Stelle und auf die subjektiv beste Art Grenzen zu ziehen und sie aufrechtzuerhalten. Grenzen zu ziehen heißt, sich zu orientieren und Identität zu schaffen. Die Person gewinnt ihre Identität durch Abgrenzung gegenüber dem, was sie nicht ist, aber auch gegenüber dem, was sie nicht sein will. Symptomträger grenzen sich um den Preis des Symptoms, aber ansonsten erfolgreich gegenüber Teilen ihres Organismus, gegen Gefühle und Phantasien ab, sie erklären Teile der Umwelt für nicht erreichbar oder für nicht existent. Das schmälert die Kontaktflächen nach innen und nach außen. Was in der gesunden Person die Widerstandsfähigkeit in ihrer lebenserhaltenden Funktion ausmacht, gerät für den Symptomträger zum schützenden, aber auch verarmenden Wall gegen sich selbst und gegen sein Umfeld. Einhellig werden Gesunde und der Symptomträger sich weigern, ihre Ich-Grenze infrage stellen oder sogar labilisieren zu lassen. Der Unterschied ist nur, daß im Gesunden die Ich-Grenzen pulsierend, flexibel und durchlässig sind, während diejenigen des Symptomträgers alle möglichen Verformungen aufweisen. Der Widerstand tritt, gemessen am Anlaß, unverhältnismäßig früh, hektisch, übertrieben auf, und für den naiven Beobachter bleibt die Blockierung unerklärlich. Erst wenn wir die Biographie, den Lebenshintergrund, die Reihe unbeendeter Situationen durchschauen, tritt seine Folgerichtigkeit hervor. Im Hier und Jetzt erweist sich seine Logik aus den seine Wirklichkeit bestimmenden Prämissen.

Anmerkung: Das Widerstandskonzept hat in der Psychoanalyse eine eindrucksvolle Geschichte, die den Gebrauch des Wortes schwierig macht, wenn man die theoretischen Assoziationen draußen lassen möchte. Deshalb die Vorsicht mancher Autoren (Polster, Polster 1976), es überhaupt im gestalttherapeutischen Denken zuzulassen. Es fällt schwer, Widerstand als Phänomen des Sträubens und bloß als das zu sehen. Von begrifflicher Klarheit kann leider innerhalb der Gestalttherapie nicht gesprochen werden. Perls geht schillernd mit dem Widerstandsbegriff um. Einmal definiert er ihn als Abwehr im Sinne von Gegenangriff, dann als Aggression gegen das Selbst, dann wieder als aktiven Ausdruck der Vitalität (Perls, Hefferline, Goodman 1979). Mir scheint Symptom, außerhalb der Awareness Liegendes und Selbstfrustration in der Sitzung vermischt. Yontef (1969) spricht in verdinglichender Weise von Widerstand als einem Mechanismus, durch den das Individuum Teile seines Selbstprozesses als fremd definiert und dadurch die Bewußtheit seiner selbst und seiner Umgebung vermeidet. Er verwechselt die Weisen des Individuums, mit seiner Umwelt in Kontakt zu treten, mit dem Sträuben gegen Veränderung, den pathologischen Kontakt per Symptom mit dem Sträuben, das Kontaktmuster aufzugeben.

 

3.1 Methodik

Inzwischen sind unsere Überlegungen zu unserem Thema immer breiter geworden, und wir sollten uns im klaren sein, daß es weit mehr über Widerstand in der Gestalttherapie zu sagen gibt, als einige Buchseiten leisten könnten. Weitere Fragen tauchen auf: Unter welchen Bedingungen treffen wir auf technischen und funktionalen Widerstand? Über den technischen Widerstand gäbe es viel zu sagen, denn wir würden einen Katalog der Kunstfehler erhalten einschließlich ihrer Konsequenzen für beide, den Therapeuten und den Klienten, und hätten die Aufgabe, die Analyse der induzierten Störung und Mittel ihrer Aufhebung darzustellen. Interessant wäre der Umgang mit aus strategischen Gründen induziertem Widerstand, der fast regelmäßig durch Konfrontation und Provokation ausgelöst wird und sich meistens gegen den Therapeuten wendet. Bevor wir weitergehen, tun wir gut daran, uns zu erinnern, daß die gesamte Auffassung von Widerstand darin mündet, diesen in Awareness und in Ausdruck/Handlung umzusetzen. Alle Interventionen bewegen sich an der Ich-Grenze und sind immer neu abgewandelte Versuche, sie zu labilisieren und neu zu organisieren. Alles ist darauf angelegt, die im funktionalen Widerstand gestaute Erregung, die Gespanntheit, die zurückhaltende Aktivität, die Selbstaggression wieder flüssig und verfügbar zu machen, sie muß statt in hemmender in stützender Weise zur Geltung kommen. Um das zu schaffen, werden in der Therapiesituation die besten Bedingungen für Entlastung von Angst geschaffen; es verbleiben ausschließlich - ausgenommen hartnäckige Fälle von Fassadenhaftigkeit - die Angstquellen, welche der Klient in sich trägt.

 

3.2 Distanz zum Impass

Zur besseren Ortung funktionalen Widerstands stehen uns zwei Modelle zur Verfügung, das Fünfstufenmodell der Neurose (Perls 1976) und das Modell der Tiefung (Petzold 1974, 1977). Die fünf Stufen der Neurose bilden Stereotyp, Rollenverhalten, Implosion, Explosion und authentischer Prozeß. Zwischen Implosion und Explosion liegt der Impass, an dem der Klient seine Blockierung am lebhaftesten erfährt. Es ist der Ort der Leere (void), an dem der Klient seine Versuche zu entkommen aufgegeben hat. Bisher hat er erfolgreich vermieden, in die Nähe des Impass zu geraten, und nun setzt der Therapeut alles daran, ihn dort festzuhalten und geduldig mit ihm auszuharren, bis sich die Leere mit neuen Impulsen füllt (creative void). Der Übergang von void zum creative void wird getragen von der Dynamik zwischen konservativen und expansiven Tendenzen. Die Stärke von Perls bestand im Aushalten des Impass, und zwar genau so lang, wie es notwendig war um den Widerstand erleben und entdecken zu lassen. Das Modell der »Tiefung« vertritt die Auffassung vom fraktionierten Impass. Der Prozeß der therapeutischen Tiefung durchläuft die Stufen rationales Sprechen, emotional getönte Imagination,

Involvierung und autonome Körperreaktion. Jede auf weitere Tiefung zielende Intervention erzeugt einen Impass. Er tritt im Laufe einer Sitzung immer wieder auf. Das Erleben des Klienten bewegt sich auf den verschiedenen Prozeßstufen im Wechsel. Steigender Widerstand führt zur Flachung, erneutes Tiefen führt in einen neuen Impass (Petzold 1977).

Widerstand bringen wir aus einer methodisch variierenden Distanz zum Impass, der am quälendsten erlebten Form des Selbstboykotts, zur Prägnanz. Widerstand prägnant machen, heißt nicht automatisch, im Angstbereich zu arbeiten. Die dargestellten Arbeitsweisen lassen sich auf einem Kontinuum zwischen Neugier und Schmerz ansiedeln. Es ist eine Frage des persönlichen Stils, welche Form bevorzugt wird. Zum Inventar des Therapeuten gehören sie alle, nur kann nicht jeder gleich gut mit ihnen umgehen.

Konsekutive Arbeit bleibt immer einen Schritt hinter dem Klienten und orientiert sich vollständig an seiner Awareness. Sie geht mit ihm, wohin er sich freiwillig begibt. Die Aktivierung hält sich thematisch eng an die Inhalte, sucht die Tiefung, folgt ausschließlich spontan auftauchenden Strukturveränderungen im Prozeß. Das Mitvollziehen der Umwege ist - für manchen unverständlich - häufig der kürzeste Weg in die personale Betroffenheit. Natürlich bleibt man wachsam für inhaltliche Sprünge und setzt sanfte Interventionen, die zurück zum Thema führen. Bei schweren Störungen ist konsekutives Arbeiten für lange Zeit die einzige Möglichkeit, den Kontakt zum Klienten zu halten. Jedem Zögern wird Raum gegeben, jede Unsicherheit unterstützend aufgefangen.

Schmelzen aktiviert Erlebnisse, unter anderem auch Hemmnisse, Phantasien, Verkrampfungen, Befürchtungen, Scheu, hält sie aber in einem Rahmen, in dem sie willkommene Gelegenheit zum Experimentieren bilden. Man macht etwas aus ihnen. Der Klient wird auf neues Gebiet gelockt. Schmelzen profitiert am meisten von dem vielseitigen Verständnis von Widerstand, es bringt auf gute Ideen. Der Impass droht ständig einzutreten, aber er findet nicht statt. Geschmeidige Interventionen halten den Klienten in Gang, sie fördern, ohne zu drängen, locken hervor, ohne weiterzutreiben. Seine Intention zum selbständigen Weitergehen wird um einen kleinen Betrag höher gehalten als seine Vermeidung. Um ein Bild zu gebrauchen: Der Klient segelt unter einem kräftigen eigenen Wind.

Impassarbeit vollzieht sich in der Windstille des void. Alles ist Blockierung. Der Therapeut führt auf kürzestem Weg an die Stelle, wo der Klient nicht weiter kann. Die Interventionen drängen in die Leere, verlieren dann ihren Druck und wandeln sich in ein geduldiges Ausharren. Impassarbeit bewegt sich am Rand von Angst, die explosionsartig in Wut, Trauer, Schmerz führt. Die Kunst liegt in der Gratwanderung zwischen Druck und Gewährenlassen, Konfrontation und Support. Zur Unzeit eingesetzt, führt sie den Klienten nicht, wie man vermuten würde, unmittelbar auf eine tiefere Stufe im Erlebnisprozeß, sondern weckt Arbeitsverweigerung, am Ende sogar eine Beziehungsstörung zum Therapeuten in Form von Unterwerfung oder Isolation. Voraussetzungen für die Im-

passarbeit sind, um die Kooperationsbereitschaft nicht zu gefährden, eine hohe Vertrautheit und ein einigermaßen stabiles Awarenesskontinuum.

Forcieren besteht im Ausüben von Druck in der Annahme, daß das Gedrückte durch den Druck fühlbar wird. Die Interventionen durchstoßen den Widerstand und erreichen, daß Erleben in Fluß gerät. Forcierendes Arbeiten, wie wir es bei Provokation und Körpertechniken kennen, hat den Vorteil, Fassaden und Panzerungen schnell zu durchbrechen. Gefährlich ist verdecktes Forcieren, ein Kunstfehler, der jedem bei zu einseitigem Gebrauch von Gestalttechniken droht. Gegen kontrolliertes Forcieren ist nichts einzuwenden. Allerdings müssen wir die Amplifikation später nachholen. Beim Forcieren wird der Weg zum Prozeß nicht mitgelernt. Man würde den Klienten von forcierenden Interventionen abhängig machen wie von einer Droge, würde nicht genügend nachgearbeitet. Forcieren gehört aus diesem Grund nur dann zu den legitimen Mitteln der Gestalttherapie, wenn wir die ausgelösten Wirkungen transparent halten und reintegrieren.

 

3.3 Aktivierung und Amplifikation

Es geht darum, dem Widerstand eine Prägnanzhöhe zu verschaffen, daß der Klient ihn aus eigener Kraft entdeckt. Alle aktivierenden Maßnahmen legen es darauf an, Sträuben in seiner Intensität zu steigern, in seiner Form deutlicher werden zu lassen, seinen Gesamtausdruck zur Perfektion zu bringen. Parallel zur Prägnanzsteigerung des Ausdrucks dämmert dem Klienten allmählich, was in ihm abläuft, worauf er hinaus will, wovor er sich drückt. Plötzlich leuchtet ihm etwas ein, daß so unmittelbar klar und wahr ist, daß ihm vollständig unerklärlich bleibt, warum er nicht schon früher darauf gekommen ist. Die Amplifikation, das Einleuchten, wächst aus der Aktivierung heraus und schließt eine Erlebnissequenz mit der Qualität von Vollständigkeit ab. Diesen Zustand umschreibt die Gestalttherapie mit Wendungen wie »eine Gestalt schließen«, vitale Evidenz, guter Kontakt. Die Gestaltschließung folgt früher oder später, manchmal beträchtliche Zeitspanne nach der Sitzung, auf eine Phase, in der eine gute Prägnanz des Widerstands erreicht worden ist. Wichtig ist vor allem, daß die Art und Weise, in der man sich sträubt, durchlebt und rekonstruiert wird. Denn Widerstand ist zugleich Kontaktnahme, und erst wenn wir spüren und wissen, wie wir Kontakt aufnehmen, abbrechen und schmälern und welchem Rhythmus wir in der Kontaktaufnahme folgen, können wir die Sanierung unserer Ich-Grenzen in eigener Regie fortführen. Im Widerstand gibt der Klient sein Bestes, es ist sein Kontaktangebot an uns, die einzige Form, mit der er überhaupt in diesem Moment mit uns Kontakt aufnehmen kann, so sonderbar sein Verhalten uns auch vorkommen mag. Aktivierung bestärkt seine Kontaktaufnahme und seinen Widerstand. Sie schafft neue Erlebnisse, wandelt sich einstellendes Sträuben in neue Aktion.

Die Amplifikation bleibt eng am Awarenesskontinuum des Klienten, führt vorsichtig an die blinden Flecken in der Wahrnehmung und überläßt dem Klienten, Zusammenhänge (dynamische Strukturen) und Bedeutungen (Wertzuordnungen) selbst aufzufinden. Die Anregung kommt vom Therapeuten, die Kristallisation vom Klienten. Man muß mit Augenmaß aktivieren. Aktivierung soll so weit gehen, wie es die Widerstandsfähigkeit des Klienten und des Therapeuten erlaubt, sonst droht die Gefahr der emotionalen Überschwemmung. Dann haben wir zwar keinen Widerstand mehr, dafür handeln wir uns mangelnde Integrationsfähigheit ein.

Überaktivierung bewirkt in aller Regel antitherapeutische Folgen. Indem sie in eine Hektik des Handelns und Erlebens führt, veranlaßt sie vielerlei Spektakuläres nach außen, ohne innerlich Spuren der Veränderung zurückzulassen, es sei denn die meist resultierende Stärkung einer Verfestigung. Erlebnisgestalten werden aktiviert, aber nicht zu einem guten dynamischen Ende gebracht. Ihre Schließung erfolgt in der alten Form mit größerem Festigkeitsgrad, so daß sie therapeutisch schwerer zugänglich werden. Überamplifikation birgt die Gefahr des Darüber-hinweg-Redens und der Interpretation aus fremder Sicht in sich. An die Stelle des Erlebens tritt das Sprechen darüber (aboutism), und die Verständigkeit des Klienten entpuppt sich leicht als eine Verständnislosigkeit, gemischt mit Folgsamkeit gegenüber dem, was der Therapeut ihm nahezubringen sucht. Zu wenig Aktivierung mündet schnell in der interaktionalen Depression, in der sich gemeinsame Ratlosigkeit, Langeweile und Unlebendigkeit zwischen den Therapien ausbreiten oder der brütende Druck eines Schweigens, dem beide sich ausliefern. Zu wenig Amplifikation beläßt den Klienten im Dunkeln, wo Bestätigung seiner Art zu erleben notwendig wäre, und verschenkt Möglichkeiten der Selbstentdeckung. Die schon aufgeführten Extreme von Aktivierung und Amplifikation zählen schon zu denjenigen Interventionsfehlern, die geeignet sind, technischen Widerstand hervorzurufen.

 

3.4 Quellen technischen Widerstands

Je größer die inhaltliche und strukturelle Nähe der Interventionen zum subjektiven Universum der Klienten ausfällt, desto geringer ist der technische Widerstand. Um diese Nähe zu garantieren, müssen wir Bescheid wissen, welche Bedingungen uns diese Nähe erschweren und uns ungewollt dahin führen, es dem Klienten schwerer zu machen, als es sein muß. Wir wollen einige Quellen ansprechen, in denen unangemessene Interventionen zu beobachten sind.

Übertragung: Den Umstand, daß Klienten sich verhalten, als ob der Therapeut Vater, Mutter, Lehrer, Geschwister, Freund wäre, wird in der Psychoanalyse Übertragung genannt. Wir übernehmen den Begriff und meinen damit die Wiederbelebung alter Erwartungen und Gefühle durch den augenblicklichen situativen Kontext, mit dem sie aktuell nichts zu tun haben. Ihre Erfüllung wird jetzt verlangt, der Therapeut soll gewähren, was früher versagt wurde. Dem Klienten entgeht, daß er die Situation verkennt und etwas Altes, bisher nicht Erreichtes, sucht. Wir müssen ihm ein gutes Stück entgegenkommen, damit er nicht in die alte Ratlosigkeit, Enttäuschung, den alten Trotz verfällt. Das mit der Übertragung verbundene Sträuben des Klienten zeigt einen Nachholbedarf an, der gefüllt werden muß, bevor man mehr verlangen kann. Wir haben nichts dagegen, die uns zugeschriebenen Rollen zu übernehmen und eine Zeitlang zu spielen, eine Strecke positiver Konfluenz mit dem Klienten zu gehen, solange wie er zur Schließung seiner offen gebliebenen Situation benötigt. Wichtig ist, diese Zuschreibungen schnell zu erkennen; ebenso wichtig ist jedoch, sie nicht zu lange aufrechtzuerhalten, weil sie den intersubjektiven Kontakt abdrängen, auf den es ankommt. Gestalttherapie bewegt sich, wo immer möglich, auf der Ebene des echten Kontakts. Solange er nur in der Übertragungskonstellation aus einer Rolle heraus möglich ist, versuchen wir, ihn zu halten. Der technisch induzierte Widerstand tritt auf, weil die Bedürfnisse des Klienten in ihrer Herkunft nicht erkannt und vorübergehend erfüllt werden.

Inkonsequenz beim therapeutischen Paradox: Therapieplanung steht häufig in logischem Widerspruch zum Zen-Prinzip des Aufgebens inhaltlicher Ziele. Die Verführung des Therapeuten liegt in der Manipulation über das funktional Notwendige hinaus. Zu leicht wird aus dem Katalysator der Prophet, aus dem Begleiter der Organisator. Abgesehen davon, daß sich der Klient, außer im Falle pathologischer Konfluenz, gegen die Fremdbestimmung beharrlich wehren wird, ist für das therapeutische Gewissen ein Gleichgewicht zwischen Planung und Freiheit wesentlich. Wir müssen in der Lage sein, unsere gelanten Ziele von denen des Klienten getrennt zu halten und dem Prinzip Raum geben, so daß Veränderung absichtslos geschieht.

Weitere Quelle technischen Widerstands ist die verfehlte Arbeitsebene. Man geht nicht so tief mit, wie die Erlebnisse des Klienten sind, weil wir selbst ängstlich sind oder aus anderen Gründen den Kontakt nicht halten können. Die klare Einschätzung der Stufe der Tiefung ist nicht ausreichend, um diesen Fehler zu verhindern; wir brauchen außerdem Durchlässigkeit und Aufnahmebereitschaft. Wir rücken zu weit vom Klienten ab oder kommen ihm zu nah, finden den falschen Ton, sind zu umständlich usw. Psychische Störungen müssen in der gleichen somatisch/emotional/kognitiven Struktur aufgearbeitet werden, in der sie verfestigt sind. Jedes Mal, wenn wir ungewollt den Klienten aus einer tieferen Stufe zurückholen, sollten wir uns fragen, woran es gelegen hat. Gut imaginierte Bilder bleiben plötzlich weg, der Klient öffnet die Augen und wendet sich uns zu, er fühlt sich plötzlich durch uns gestört, unverstanden, im günstigsten Fall verwirrt. Er mißversteht uns, weil wir nicht eindeutig genug sind, ober er fühlt sich aufgehalten, weil er etwas zuende bringen will, was wir ihm durch vorschnelles Eingreifen nicht erlauben. Jede Intervention ist latent ein Unterbrecher. Den Störbetrag so gering wie möglich zu halten, gelingt am besten, wenn man Zeit gibt, die natürliche Interpunktion der Gestaltbildung berücksichtigt und nicht mehr aus der Situation herauszupressen versucht, als sie von selbst abwirft. Die Selbstdisziplin, nicht auf einen gewünschten Sollzustand zu spähen und alle Aufmerksamkeiten im Moment zu sammeln, der jetzt gelebt wird, gehört zu den Grundregeln der Gestalttherapie.

Ich weiß, es wäre jetzt angebracht, in Einzelheiten zu gehen, Techniken aufzuzeigen, Fallbeispiele in Kurzprotokollen zu bringen. Diese Aufgabe möchte ich auf später verschieben, obwohl ich mir klar darüber bin, daß unsere Probleme weit mehr in der Dosierung und situativen Anwendung unserer Instrumente als im Prinzipiellen liegen. Was bisher klar wurde: Widerstand ist vielsagend, notwendiges Agens der Therapie und des persönlichen Wachstums, unseres eigenen wie des Klienten.

 

Literatur

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Polster, E., Polster, M., Gestalttherapie, Kindler, München 1975; erweiterte Neuauflage: Hammer, Wuppertal 2001.

Polster, E., Polster, M., Therapy without Resistance: Gestalt-Therapy, in: Burton, A. (ed.), What makes Behavior Change possible? New York 1976; dt.: Gestalttherapie - Therapie ohne Widerstand, in: Gestaltkritik, 11. Jahrgang, 1/2002, November 2001, 18 - 31.

Schneider K., Interventionsstile in der Gestalttherapie: Support und Frustration, Integrative Therapie 1 (1981), S.26-45.

Süss, H. J., Martin, K., Gestalttherapie, in: Pongratz, L. J., (Hrsg.), Handbuch der Psychologie, Bd. 8/2, Klinische Psychologie, Hogrefe, Göttingen 1978, 2725-2750.

Yontef, G., A review of the practice of Gestalttherapy, Trident Shop, Los Angeles 1969.

Zinker, 1., Creative Process in Gestalt Therapy, Brunner & Mazel. New York 1977; dt.: Gestalttherapie als kreativer Prozeß, Junfermann, Paderborn 1981.

 

 

Praxisadressen von Gestalttherapeuten/-innen

Dr. Kristine Schneider (1935 - 2001)

Fachpsychologin für Klinische Psychologie und Psychotherapeutin, Mutter von vier Kindern und fast 30 Jahre in privater Praxis in Köln tätig. Begründerin und Leiterin des Instituts »AGA - Angewandte Gestaltanalyse«. Dozentin und Ausbildungstherapeutin an verschiedenen Ausbildungsinstituten für Gestalttherapie, dem Fritz Perls Institut, dem Institut für Gestalttherapie Würzburg und dem Gestalt-Institut Köln/GIK Bildungswerkstatt. Langjährige Lehrtätigkeit in Ericksonscher Hypnose am Milton Erickson Institut Köln.

Vortragstätigkeit, Radiobeiträge, Artikel in Fachzeitschriften und Buchveröffentlichungen, darunter: »Grenzerlebnisse. Zur Praxis der Gestalttherapie« (Edition Humanistische Psychologie), sowie zwei Bücher zusammen mit Jorgos Canacakis: »Neue Wege zum heilsamen Umgang mit Krebs. Angebote für Betroffene und Helfer« (Kreuz Verlag) und »Heilsamer Umgang mit Schwinungen: Gongklänge« (Walter Verlag)

Der nebenstehende Beitrag ist zuerst erschienen unter dem Titel »Widerstand in der Gestalttherapie« in:Hilarion Petzold (Hrsg.), Widerstand. Ein strittiges Konzept in der Psychotherapie, Junfermann Verlag, Paderborn 1981.

Wir danken der Familie von Kristine Schneider, sowie Herrn Prof. Petzold ganz herzlich für die freundliche Genehmigung des Abdrucks an dieser Stelle.

Wenn Sie gleich zu dieser Seite gekommen sind, ohne bisher unsere Homepage besucht zu haben, so sind sie herzlich dazu eingeladen:
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Gestalt-Institut Köln - GIK Bildungswerkstatt
Einrichtung der beruflichen Weiterbildung
Rurstr. 9 / Eingang Heimbacher Str.
D-50937 Köln (Nähe Uniklinik)
Tel. 0221 - 416163
Fax. 0221 - 447652
eMail: gik-gestalttherapie@gmx.de

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