Logo: Gestaltkritik - Zeitschrift für Gestalttherapie

Paul Rebillot 1931 - 2010
Ein Nachruf
von Franz Mittermair

Aus der Gestaltkritik 2/2010:

Gestaltkritik - Die Zeitschrift mit Programm aus dem Gestalt-Institut Köln
Gestaltkritik (Internet): ISSN 1615-1712

Themenschwerpunkte:

Gestaltkritik verbindet die Ankündigung unseres aktuellen Veranstaltungs- und Weiterbildungsprogramms mit dem Abdruck von Originalbeiträgen: Texte aus unseren "Werkstätten" und denen unserer Freunde.

[Hinweis: Navigationsleiste am Seitenende] 

Praxisadressen von Gestalttherapeuten/-innen

  Hier folgt der Abdruck eines Beitrages aus Gestaltkritik 2/2010:

Paul Rebillot 1931 - 2010
Ein Nachruf
von Franz Mittermair

Foto: Paul Rebillot
Paul Rebillot, Foto: © Vivien Lewis

Ich lernte Paul Rebillot im November 1988 in Rommerz kennen, als Teilnehmer seines Gestalt-Workshops „The Lover’s Journey“, die Reise der Liebenden. Wenige Monate vorher war sein Lebensgefährte Stanford Cates an Aids gestorben. Ich war sehr beeindruckt davon, wie Paul Rebillot seiner tiefen Trauer in der Anfangsrunde freien Raum ließ, seinen Verlust beklagte und die letzten Stunden seines Freundes unter Tränen und wunderbar einfühlsam beschrieb. Und wie er dann völlig klar und aufrecht das Seminar leitete, obwohl er seine Trauer immer wieder zuließ.

Er hat mir damit gezeigt, was mir damals noch neu war: dass intensivste Gefühle und klares Denken und Handeln sich in keiner Weise ausschließen, ganz im Gegenteil, und dass auch der Therapeut oder Leiter von Gruppenprozessen intensive Emotionen zeigen darf, ohne an Autorität oder Vertrauen verlieren zu müssen.

Paul Rebillot war ein großartiger Gestalttherapeut und einzigartiger Lehrer. Was „experiental teaching“ für ihn bedeutete, dass tatsächlich veränderndes Lehren so gut wie nur durch essentielle Erfahrungsprozesse möglich ist, wurde in jeder Phase seiner Arbeit deutlich.

Paul blieb trotz seiner Genialität immer menschlich und berührbar. Herzlichsten Dank!

Franz Mittermair

 

Paul Rebillot, Gestalttherapeut der ersten Generation und Schöpfer eines besonderen Ansatzes der gestalttherapeutischen Arbeit mit Mythen und Archetypen, eines „modernen heilenden Theaters“ in Form von rituellen Gruppenprozessen wie „The Hero’s Journey“, starb mit 78 Jahren am 11. Februar 2010 im Kreis von Freunden in seinem Haus in San Francisco. Am 22. Mai 2010 ist eine Gedenkfeier in der Grace Cathedral in San Francisco angesetzt.

Eugene Paul Rebillot wurde am 19. Mai 1931 in Detroit als dritter der vier Söhne von Conrad und Rose Rebillot geboren.

Er schloss sein Studium an der Universität von Detroit mit einem Ph.B. (Bachelor of Philosophy) in Philosophie und Erziehungswissenschaften und die Universität von Michigan mit einem Master in Communication Arts mit dem Schwerpunkt auf Drama ab. Während und nach seinem Studium war er an verschiedenen Theatern als Autor, Produzent und Schauspieler engagiert. In den frühen 1960er Jahren zog er nach San Francisco, wo er eine experimentelle Theaterabteilung am San Francisco State College aufbaute. Anschließend lehrte er an der Stanford University, führte weiter Regie und gründete eine ­alternative Theatergruppe mit Namen „The Gestalt Fool Theatre Family“, die bis Anfang der 70er Jahre existierte. In dieser Zeit erlebte er eine dramatische Existenzkrise in Bezug auf die Bedeutung und Sinnhaftigkeit seines Lebens und seiner Arbeit. Er ging auf eine Reise der Selbstentdeckung, gab seine Theaterarbeit auf und zog sich in die Abgeschiedenheit zurück. Er durchlebte eine Zeit der intensiven Meditation, während derer er tiefgreifende Zustände von ungewöhnlichen Bewusstseinszuständen erlebte. Er tauchte daraus mit einem völlig neuen Verständnis von sich selber auf. Er erkannte welches Potential die Theaterarbeit haben könnte - ihre heilende, rituelle, magische und spirituelle Kraft.

Seine Suche führte ihn schließlich 1971 ans Esalen Institut in Big Sur, Kalifornien. Fritz Perls, der lange in Esalen arbeitete, hatte das Institut 1969 verlassen und am Lake Cowichan, Vancouver Island, eine Gestalt-Gemeinschaft gegründet. So wurde Paul Rebillot ein enger Schüler von Richard (Dick) Price, einem der beiden Gründer von Esalen und seinerseits der wohl bekannteste Schüler von Fritz Perls.

Nach Dick Prices und Paul Rebillots Ansicht stand bei Fritz Perls Arbeit der Therapeut zu sehr im Mittelpunkt. In der Tradition von Price legte Rebillot den Schwerpunkt der Gestaltarbeit deshalb nicht auf den therapeutischen Kontakt zwischen einem „Patienten“ oder "Klienten" und dem "Therapeuten", sondern auf die zunehmende Bewusstheit des „Initiators“ in Bezug auf sich selbst, seine Emotionen, sein Handeln usw. mit Unterstützung durch den „Reflector“ oder „Facilitator“, der sich selbst weitgehend zurückhält und möglichst „unsichtbar“ bleibt. Intitiator und Facilitator stehen dabei grundsätzlich auf derselben Ebene.

In einer „idealtypischen“ Gestaltarbeit nach Paul Rebillot unterstützt der „Facilitator“ den „Initiator“, sich Körperempfindungen bewusst zu werden, die nicht zur aktuellen Situation, dem Hier und Jetzt passen. Über die Wahrnehmung, Intensivierung und den nonverbalen sowie verbalen Ausdruck dieser Körperempfindungen ist es dann häufig möglich, zur Bewusstheit einer dramatischen Situation zu gelangen, die den Empfindungen zugrunde liegt. Diese Situation wird dann in allen Rollen erfahren und ausagiert.

Während seines langen Aufenthalts in Esalen kam Rebillot in Kontakt mit Joseph Campbell, der als einer der größten Mythologen der Welt gilt. Sein Standardwerk "Der Heros in tausend Gestalten", in dem der universale Mythos des "Weges des Helden" beschrieben wird, wurde für Rebillot zur stark inspirierenden Quelle. Viele andere Menschen, die zu dieser anregenden Zeit in Esalen lebten (Stanislav Grof, Virginia Satir, Moreno ...) inspirierten Paul Rebillot ebenfalls und machten ihn mit verschiedensten Ansätzen der humanistischen Psychologie und Therapie vertraut.

Auf dem Hintergrund seiner Theater­arbeit, seiner persönlichen Erfahrung von außergewöhnlichen Bewusstseinszuständen, der Gestalttherapie und verwandter humanistischer Therapiemethoden (Psychodrama, holothropes Atmen, reichianische Körperarbeit....) und Campbells mythologischer Arbeit, schuf er eine originäre Form von therapeutischem Ritual, das er die Heldenreise nannte. Dies ist sein erster und bekanntester Prozess. Ursprünglich dazu gedacht, Ärzten und Schwestern in psychiatrischen Kliniken Einsicht in die Welt ihrer psychotischen Patienten zu gewähren, entwickelte sich die Heldenreise schnell weiter und ist seit mittlerweile über drei Jahrzehnten auch in Europa für viele Menschen eine entscheidende Bereicherung auf dem Weg ihrer persönlichen und spirituellen Entwicklung geworden.

Bald begann Rebillot Workshops und Gestalttrainings in Esalen zu leiten, ab 1974 auch in Europa. Hier leitete er Seminare und Workshops in verschiedenen Instituten, unter anderem im Boyesen Institut in Frankreich, dem späten Jacob Stattmann Institute in Holland und dem Amethyste Institute in Irland. 1988 eröffnete Paul Rebillot seine School of Gestalt and Experiental Teaching in der Schweiz. In diesem Jahr starb sein Lebensgefährte Stanford Cates, was ihn sehr erschütterte, aber nicht davon abhielt, seine Arbeit weiterzuführen. Ein nordamerikanisches Trainingsprogramm folgte 1993.

Im Mai 1995 begann ein Trainingsprogramm in Deutschland. Dieses Training mit dem Titel Rites of Passage (Übergangsriten) lehrte die Arbeit mit den Strukturen, die Paul Rebillot entwickelt hatte. Es wurde später im Institut für Gestalt und Erfahrung in Wasserburg am Inn fortgesetzt. Seine Schüler unterrichten dort weiterhin in Rebillots Arbeit. Anschließend leitete Rebillot verschiedene Trainingsprogramme für Fortgeschrittene in Frankreich, Irland, England und Österreich.

Paul Rebillot war sehr daran gelegen, seine Erfahrungen aus dem Theater als Schauspieler, Regisseur und Produzent mit der Gestalttherapie zu verbinden. Sein zentrales Interesse galt der Entwicklung eines modernen heilenden Theaters. Er beschäftigte sich intensiv mit der heilenden Wirkung von Mythen und der Auseinandersetzung mit Archetypen. Er war davon überzeugt, dass es heute nicht mehr genügt, Mythen nur zu hören oder im Drama zu konsumieren. Wichtig sei in unserer Zeit, die Mythen nachzuerleben, sie in Gruppenprozessen zu inszenieren, um ihren Reichtum voll und ganz nutzen zu können. Anders als im Psychodrama übernimmt der Protagonist alle Rollen selbst oder erlebt in Übungssequenzen die Essenz einer mythischen oder mit einem Archetyp verbundenen Szene. So erschuf Rebillot eine völlig neue und höchst kreative Verbindung von Gestalttherapie und Tiefenpsychologie, welche Schüler von ihm inzwischen Rituelle Gestaltarbeit nennen.

Neben der Heldenreise wandte sich Paul Rebillot im Laufe der Zeit anderen grundlegenden Themen menschlicher Entwicklung zu. Es entstanden eine ganze Reihe weiterer außergewöhnlich kreativer Prozesse. Rebillots Ziel war immer, moderne Formen der Bewusstseinsentwicklung mit uralten Wegen und Wissen über menschliche und spirituelle Entwicklung zu verbinden. Durch das Ansprechen aller menschlichen Ebenen wird das schlummernde Potential von selbstinitiierter Heilung und Entwicklung entfaltet und gefördert.

Paul Rebillot veröffentlichte Artikel in zahlreichen Zeitschriften und lieferte Beiträge für das „New Dimensions Radio“ in San Francisco. 1987 erhielt er ein Stipendium der Laurance S. Rockefeller Stiftung, um an einem Buch über die Heldenreise zu arbeiten. Dieses Buch, „The Call to Adventure: Bringing the Hero’s Journey to Daily Life“ erschien 1993 bei Harper San Francisco. Eine deutsche Übersetzung wurde 1997 unter dem Titel “Die Heldenreise: Ein Abenteuer der kreativen Selbsterfahrung” bei Kösel verlegt, 2010 erneut im Eagle Verlag Wasserburg am Inn.

Paul Rebillot hat der Nachwelt nicht nur eine Reihe sehr lebendiger und effektiver Gestaltprozesse hinterlassen, allen voran die „Heldenreise“, deren erstaunliche positive Effekte inzwischen empirisch nachgewiesen werden konnten. Er hat darüber hinaus zahlreiche äußerst effektive Methoden wie den „Fool’s Dance“ oder den „Transformation Dance“ entwickelt, die auf spielerische Art sehr tiefgreifende Veränderungen ermöglichen. Ein wichtiger Beitrag ist darüber hinaus sein modernes Verständnis von ritueller Arbeit als Instrument der Kommunikation mit dem Unbewussten in Verbindung mit glaubensübergreifender Spiritualität. Weitere Informationen über Paul Rebillot und seine Arbeit:

Praxisadressen von Gestalttherapeuten/-innen

Foto: Franz Mittermair

Franz Mittermair

Franz Mittermair, Jahrgang 1953, Diplompädagoge, Gestalt-/Körpertherapeut, Managementtrainer und Coach, Fachbuchautor, Ausbilder in Gestalttherapie und in Systemischem Gestalt-Coaching, Mitbegründer und Leiter des Instituts für Gestalt und Erfahrung in Wasserburg am Inn.

25 Jahre Erfahrung als Geschäftsführer im Weiterbildungsbereich und in der Solarbranche. Langjährige Erfahrung in der Aus- und Weiterbildung von Pädagogen, Psychologen und Trainern. Lehraufträge an verschiedenen Fachhochschulen.

Buchveröffentlichungen: „Neue Helden braucht das Land. Persönlichkeitsentwicklung und Heilung durch Rituelle Gestaltarbeit“ (BoD 2009), „Körpererfahrung und Körperkontakt“ (Iskopress 2006).

Der nebenstehende Beitrag von Franz Mittermair erscheint in unserer Zeitschrift als Erstveröffentlichung. © Franz Mittermair, 2010.

Wenn Sie gleich zu dieser Seite gekommen sind, ohne bisher unsere Homepage besucht zu haben, so sind sie herzlich dazu eingeladen:
Homepage

Gestalt-Institut Köln - GIK Bildungswerkstatt
Einrichtung der beruflichen Weiterbildung
Rurstr. 9 / Eingang Heimbacher Str.
D-50937 Köln (Nähe Uniklinik)
Tel. 0221 - 416163
Fax. 0221 - 447652
eMail: gik-gestalttherapie@gmx.de

[Zum Seitenanfang]
[Gestaltkritik-Übersicht] [GIK-Homepage] [Gestalttherapie-Infoseite]
[eMail an uns]