Cover: Muth, Heilende Chassidische Geschichten

Cornelia Muth
Heilende Chassidische Geschichten
Martin Buber für Gestalttherapeutinnen und Gestalttherapeuten

Martin Bubers "Chassidische Geschichten" sind lebendige und humorvolle Anekdoten aus dem Leben der osteuropäischen jüdischen Gemeinden. Mit ihnen konnte Buber, der "Philosoph des Dialogischen" und wichtigste geistige Vater der Gestalttherapie, sein Verständnis der "Heilung aus der Begegnung" anschaulich machen.

Aus dem Fundus der chassidischen Geschichten hat die Gestaltpädagogin und Professorin Cornelia Muth 23 Texte ausgewählt und diese in Bezug zur Gestalttherapie gestellt. Herausgekommen ist ein wirklich nahrhaftes Buch - für Gestalttherapeutinnen und Gestalttherapeuten, für ihre Klientinnen und Klienten und für alle an einer dialogischen Beratung und Psychotherapie Interessierten.

Herausgegeben von Anke und Erhard Doubrawa
Edition Gestalt-Institut Köln / GIK Bildungswerkstatt
im Peter Hammer Verlag, Wuppertal 2007

Ein Buch, zum Verschenken schön - in einer besonders aufwändig gestalteten Ausgabe:

105 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen, 14,90 Euro

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 Praxisadressen von Gestalttherapeuten/-innen

Aus dem Buch:

Cornelia Muth
Heilende Chassidische Geschichten
Martin Buber für Gestalttherapeutinnen und Gestalttherapeuten

Inhalt

Anke und Erhard Doubrawa: Zum Geleit — 7 (Leseprobe 1)

Wachstum aus der Begegnung: eine dialogische Perspektive — 11 (Leseprobe 2)

Heilung durch Hingabe und Demut: Martin Bubers chassidischer Hintergrund — 15

Das Zwischenhafte — 23 (Leseprobe 3)

Verkapselung — 33

Elementare Situation — 47

Wille und Loslassen — 55

Paradoxe Wahrheit — 69

Martin Bubers Lebensweg im Spiegel seiner Briefwechsel nach 1949 und dem Erscheinen der chassidischenLegenden — 91

Leseprobe 1

Anke und Erhard Doubrawa: Zum Geleit

„Die Beziehung zum Du ist unmittelbar. Zwischen Ich und Du steht keine Begrifflichkeit, kein Vorwissen und keine Phantasie. Zwischen Ich und Du steht kein Zweck, keine Gier und keine Vorwegnahme …“ (Martin Buber)

„Was Buber ‚Begegnung‘ nannte, nennen wir ‚Kontakt‘, d.h. die Wahrnehmung und Auseinandersetzung mit den Anderen als den Anderen.“ (Laura Perls)

Wir Gestalttherapeutinnen und Gestalttherapeuten sehen in Martin Buber, dem Philosophen des Dialogischen, einen wichtigen geistigen Vater. Heilung geschieht – nach seinem wie unserem Verständnis – in der Begegnung. Von Mensch zu Mensch. Vom Ich zum Du.

Unser therapeutisches Wissen, unsere therapeutischen Methoden und Techniken sind zwar wichtig, doch in gewisser Weise sekundär. Primär ist unser Bemühen, uns auf eine unverstellte Begegnung mit unseren Klienten einzulassen, mit ihnen in Beziehung zu treten, ihnen zu begegnen und uns von ihnen berühren zu lassen.

Im Zusammenhang mit dieser Begegnung von Therapeut und Klient bekommt Buber seine große Bedeutung für die Gestalttherapie. Er unterscheidet zwischen Ich-Es-Beziehung (das Gegenüber wird als Sache behandelt) und Ich-Du-Beziehung (dem Gegenüber wird als Subjekt begegnet). Seine Philosophie wird von der Gestalttherapie als Aufforderung verstanden, mit den Klienten in einen heilenden Dialog einzutreten, in welchem die Gesprächspartner sich gegenseitig als verantwortliche Subjekte erleben. In diesem Dialog kann der Therapeut eine Vielzahl von Methoden so anwenden, wie es der Persönlichkeit des Klienten und seiner eigenen entspricht – therapeutische Gespräche, Gewahrseinsübungen, Rollenspiele, körperorientierte Interventionen sowie der Umgang mit kreativen Ausdrucksmitteln wie Ton, Papier und Farbe.

Was Martin Buber, „Ich-Du-Momente“ genannt hat – Momente der Begegnung, in denen wir uns in unserem Wesen angesprochen und gemeint wissen –, entspricht dem, was der amerikanische Psychotherapeut Bergantino „existenzielle Augenblicke“ nennt: lebensstiftende Momente, die echtes Leben, nicht einfach nur „Überleben“ bedeuten. Es findet eine Begegnung von Wesen zu Wesen statt, eine zeitweise Überwindung der Rollen, eine heilende Berührung, die tiefe Gefühle auslöst – und zwar sowohl beim Klienten, als auch beim Therapeuten. Häufig ist das mit Tränen verbunden und nicht selten übrigens auch mit einer gleichsam existenziellen Scham, die zeigt, wie nah wir unserem Wesen sind, unserer Mitte, unserer Seele.

Len Bergantino weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass den „existenziellen Augenblicken“ eine spirituelle Dimension eigen ist. Der humanistischer Psychologe Abraham A. Maslow stellte ähn­liches fest, als er sich mit seelisch „besonders gesunden“ Menschen beschäftigte. Diese Menschen, die sich oft gar nicht als religiös verstanden, wussten um die Erfahrung spiritueller Momente der Aufhebung des Getrenntseins: Gipfelerlebnisse, Momente der Verbundenheit, des Dazugehörens. Momente des Heilseins, des Ganzseins.

Unsere Fähigkeit und unsere Bereitschaft, uns als Therapeutinnen und Therapeuten auf eine rückhaltlose Begegnung mit unseren Klienten von Wesen zu Wesen einzulassen, brauchen die (Selbst-) Erfahrung von heilsamen Begegnungen und ebenso geistige Nahrung: So baten wir die Buber-Spezialistin Cornelia Muth (Gestaltpädagogin und Professorin für Sozialwesen in Bielefeld) um ein „Buber-Buch“ für unsere Reihe „Heilende Texte“, die wir mit Stefan Blankertz’ Band „Meister Eckhart: Heilende Texte“ eröffnet haben.

Aus dem Fundus von Martin Bubers „Chassidischen Geschichten“ hat Cornelia Muth 23 Texte ausgewählt und diese in Bezug zur Gestalttherapie gestellt. Dabei herausgekommen ist ein wirklich nahrhaftes Buch – für uns Gestalttherapeutinnen und Gestalttherapeuten und gleichermaßen auch für unsere Klientinnen und Klienten.

Wir legen es gerne in Ihre Hände, liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Leserinnen und Leser, und wünschen Ihnen eine anregende Lektüre.

Köln, im Juli 2007

Anke und Erhard Doubrawa

Gestalt-Institut Köln/GIK Bildungswerkstatt

www.gestalt.de

 

Leseprobe 2

Wachstum aus der Begegnung: eine dialogische Perspektive

Heilung geschieht aus der Begegnung. Davon war der jüdische Dialogphilosoph Martin Buber (1878-1965) zutiefst überzeugt. Am deutlichsten zeigt er dies in seinem Vorwort „Heilung aus der Begegnung“ zum gleichnamigen Buch von Hans Trüb (1889-1949). Das Buch erschien 1951, nach dem überraschenden Tod des Autors, der Psychoanalytiker und Psychotherapeut war.

In diesem Vorwort beschreibt Martin Buber, welches Wagnis ein Mensch eingeht, wenn er meint, einen anderen Menschen heilen zu können. Buber will damit auf die existentielle Situation des Helfers hinweisen, was diese hervorbringt und fordert, wenn sich Menschen „Heilung aus der Begegnung“ verschreiben. Deswegen kann das Folgende ebenso für GestalttherapeutInnen gelten, denn auch der Gestaltansatz geht davon aus, dass Wachstum aus integrierendem Kontakt entsteht und durch „einsichtsvolle Awareness“ getragen wird. Sie „… ist immer eine neue Gestalt, die aus sich heraus heilend ist“ (Yontef 1999, 103). Wheeler beschreibt in Anlehnung an Lewins existentielle Therapie so: „Der Akt der Wahrnehmung und der problemlösende Prozess sind nicht wesensverschieden“ (Wheeler 2006, 81).

Was in dieser Hinsicht Kranksein bedeutet, nimmt Martin Buber wie folgt wahr. Für ihn ist nicht der Mensch an sich krank, sondern etwas „Zwischenhaftes“ zwischen der Seele des Menschen und dem Leben selbst. D.h.: Der Mensch ist in seinem „Verhältnis zur Andersheit“ erkrankt und „verkapselt“. Oder aus Gestaltperspektive: Der Mensch erlebt keinen nährenden Kontakt mit seinen Mit-Menschen, weil die „Kreativität des Selbst“ dafür gehemmt ist (vgl. Perls et al. 2006, 204). Heilung ist demnach ein „gewandeltes Verhältnis zur Andersheit“, was für den Heilen-Wollenden laut Buber bedeutet: „Die Strenge und Tiefe der menschlichen Individuation, das elementare Anderssein des Anderen, wird dann nicht bloß als notwendiger Ausgangspunkt zur Kenntnis genommen, sondern von Wesen zu Wesen bejaht. Einflußwille bedeutet dann nicht die Bestrebung, den anderen zu ändern, ihm meine eigne ,Richtung‘ einzupfropfen, sondern die, das als richtig, als recht, als wahr Erkannte, das ja eben darum auch dort, in der Substanz des andern angelegt sein muß, dort eben durch meinen Einfluß, in der der Individuation angemessenen Gestalt aufkeimen und erwachsen zu lassen“ (Buber 1962, 421).

Gleichzeitig betont Buber in dem genannten Vorwort, dass die Andersheit „uneinseelbar“, d. h. weder durch ein geordnetes Konzept, noch durch systematische Theorie begreifbar ist, da jedes Mensch-Werden als ein einzigartiger Prozess verläuft.

Ziel und Weg von Psychotherapie – laut Dialogphilosophie und Gestaltansatz – liegen infolgedessen im „Durchbrechen der Verkapselung“. Dies geschieht praktisch durch „rückhaltloses Gegenübertreten“, einem unmittelbaren Gegenübersein der TherapeutInnen, aber auch Wachheit und Kühnheit gehören dazu. Ärzte und Therapeuten sind „die Berufsökonomik aufs Spiel setzende, sich nicht Schonende und nicht Aufsparende, sich Dranwagende“ (Martin Buber 1994, 18). Ein solcher Weg verläuft für Martin Buber nicht gradlinig, sondern existentiell „auf paradoxem Grund“.

Was bedeutet das Gesagte für den Anspruch der vorliegenden Buchreihe „Heilende Texte“? Wie können dann Texte heilend wirken? Übertragen auf Ihre Andersheiten, werte LeserInnen ‚müssen’ sich Ihre jeweils einmaligen mit der Andersheit des Textgeistes in einem gegenwärtigen Kontakt treffen. Dafür ist sowohl Ver-Antwortung als auch Gewahrsein beider Seiten notwendig. Doch bedarf es auch gleichzeitig einer existentiellen Situation, eines „Ringen und Schauen ohne Rückhalt der Absichten“. Dass dies nicht gesollt und gemusst und gekonnt werden kann, bildet den „paradoxen Grund“, auf dem echtes heilendes Lesen geschieht. Hierfür bieten sich insbesondere die jüdisch-mystischen Geschichten, die „Erzählungen der Chassidim“, gesammelt und übertragen von Martin Buber (1949) an. Sie laden zu einem Wagnis der Selbst- und Fremderkenntnis ein. Wirken können sie jedoch erst, wenn der Geist des Lesers den Geist der Anekdoten auf sich wirken lässt. Die von Buber nacherzählten Geschichten veranschaulichen die wechselseitigen Kräfte zwischen Organismus und Feld, die heilend wirken. Durch den „mündlichen Charakter“ der Geschichten liegt ihr Geist näher am gelebten Leben als logisch systematisierte Theorien. Im Mittelpunkt der Geschichten stehen oft „begeisterte“ Helfer, die ihre Freude am Dasein einer erfüllten Gegenwart zeigen. Es handelt sich dabei „um eine Freude an der Welt, wie sie ist, am Leben, wie es ist, an jeder Stunde des Lebens in der Welt, wie diese Stunde ist“ (ebd., 18). Wie weit uns Menschen dies gelingt, hängt von der indivi­duellen und momentanen Verkapselung ab.

 

Leseprobe 3

Erzählungen der Chassidim

Alle folgenden Erzählungen sind entnommen aus: Martin Buber, Die Erzählungen der Chassidim. Zitiert wird nach der Ausgabe Zürich 1949. Aktuelle Ausgabe: Zürich 2006. Der Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Manesse-Verlages Zürich. © 1947 Manesse Verlag Zürich in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München.

Das Zwischenhafte

„Aber der Gegenpol von Zwang ist nicht Freiheit, sondern Verbundenheit. Zwang ist eine negative Wirklichkeit, und Verbundenheit ist die positive; Freiheit ist eine Möglichkeit, die wiedergewonnene Möglichkeit.“

Martin Buber: „Über das Erzieherische“, in: Reden über Erziehung.

Singen zu zweien

Rabbi Pinchas sprach: „Wenn ein Mensch singt und kann die Stimme nicht erheben, und es kommt ein andrer mit ihm singen und erhebt die Stimme, dann kann auch er die Stimme erheben. Das ist das Geheimnis des Haftens von Geist an Geist.“

Martin Buber: Chassidim, 229.

*

In dieser Geschichte erfährt ein Mensch Unterstützung durch einen anderen Menschen. Die Hilfe besteht darin, dass der Helfer das tut, was dem Anderen nicht gelingen will: Er singt mit, er geht in den absichtsfreien Kontakt mit dem Anderen. Er ist entschieden, mit ihm zu singen. Dazu erhebt er seine Stimme. Er singt und berührt „von Geist zu Geist“. Das, was zwischen den beiden geschieht, lässt den ersten seine Stimme wieder erheben. Der Helfer motiviert ihn durch die Sinne. Dieser erreicht sein Gegenüber mit den Sinnen. Mit anderen Worten: Sensibilität und Gewahrsein können ansteckend sein. Sie beleben den Kontakt im Hier-und-Jetzt.

So stelle ich mir vor, muss Laura Perls gearbeitet haben: Unterstützung durch Kontakt und klare Entschiedenheit für das, was ist (vgl. A. u. E. Doubrawa 2005, 11). „Und es kommt ein andrer mit ihm singen…“ Im „es kommt“ liegt auch der Hinweis, dass da noch mehr im Spiel ist als persönlicher Wille, und doch zeigt sich gleichzeitig die menschliche Entscheidungskraft mit-zu-singen. Der Hinzukommende singt mit, nicht vor, noch korrigiert er sein Gegenüber oder will es durch Nachsingübungen manipulieren. Er vertraut auf den Kontakt, der sich ergibt, der zwischen den beiden entsteht. Dieser Raum wirkt auf das Gegenüber, das dann doch seine Stimme erheben kann, freiwillig ohne Zwang, getragen von seinem Geist und dem des Helfers. Dieser Geist ist nicht individuell im Menschen, sondern die Kontaktfläche zwischen den (beiden) Menschen. Gleichzeitig wird die „Integrität der Selbstwahrnehmung“ geachtet (Schneider 2005, 209). Niemand muss sich unterordnen. Vertrauen kann sich frei zwischen den Menschen entfalten.

Welches Kontaktgewahrsein dafür notwendig ist, beschreibt die nächste Geschichte.

 

Das Ohr, das kein Ohr ist

Rabbi Pinchas sprach: „Es heißt im Buch ‚Die Pflicht der Herzen‘,* wer sich in der rechten Weise führe, der sehe mit einem Auge, das kein Auge ist, und höre mit einem Ohr, das kein Ohr ist. Und so ist es in der Tat. Denn oft, wenn einer zu mir kommt, Rat von mir zu erfragen, vernehme ich, wie er selber die Antwort spricht.“

Martin Buber: Chassidim, 229.

*

In dieser Geschichte erzählt der Rabbi, wie er diagnostiziert, um helfen zu können. Er sieht wohl hin und hört zu, doch geschieht mehr darüber hinaus. Er nimmt wahr, was weder mit Auge noch Ohr allein zu erkennen ist. Er sagt, dass es darauf ankommt, sich in der rechten Weise zu führen und beschreibt, wie wir als ‚HelferInnen im Geiste‘ unser Gewahrsein, unsere Achtsamkeit, unsere Bewusstheit auf das lenken können, was der Hilfe Suchende selbst schon für die Lösung des Problems bereit hält. Die Akzeptanz einer solchen Wahrnehmungsweise ermöglicht einerseits professionellen Kontakt und andererseits verhindert es die Auferlegung der eigenen Projektionen auf das Gegenüber. So entsteht eine persönliche Beziehungssymmetrie im Rahmen einer funktionalen Asymmetrie (vgl. Fuhr/Gremmler-Fuhr 1995, 191ff). Der Rabbi ist als Helfer einmal derjenige, der das Wissen hat, dass sinnen- und leibgeleitetes Wahrnehmen für das Erzählen des Hilfebedürftigen die Problemlösung sichtbar werden lässt. Sein Gewahrsein beeinflusst den Kontakt zwischen ihm und dem Hilfebedürftigen. Ist Kontakt dann lebendig und unmittelbar, offenbart sich ein Punkt, an dem Polaritäten wie Hell und Dunkel zusammenkommen und der Mensch reflexiv handelt (vgl. Blankertz/Doubrawa 2005, 189). Diesen Punkt deutet die ‚Herzenspflicht‘ an: Sich in der rechten Weise führen. Im mittleren Modus schaut der Rabbi noch nicht willentlich mit Auge und Ohr, sondern er gibt erst einmal dem Ratsuchenden Raum. Das, was dann erzählt wird, bekommt die ganze Aufmerksamkeit mit Auge und Ohr von Seiten des Rabbis.

Da die Geschichte, die erzählt wird, kein reales Geschehen beschreibt, sondern eine Begegnungsweise, sagt sie uns nichts über die konkrete Achtsamkeit, die Helfer auch für einen unterstützenden Kontakt brauchen. Ist Achtsamkeit auf das Unmittelbare gerichtet, hilft Gewahrsein uns „Strukturen und Muster des Grundes“ zu erforschen (vgl. Fuhr/Gremmler-Fuhr 1995, 157). Doch darum geht es in dieser Geschichte nicht exakt. Sie weist vielmehr auf einen Bewusstseinszustand hin, der zum Gewahrsein führt, den des mittleren Modus. Fuhr und Gremmler-Fuhr definieren ihn mit Salomon Friedlaender als „… ein(en) Zustand der Ausgeglichenheit und Ausgewogenheit ,vor‘ jeder Differenzierung … ein(en) Zustand des inneren Schweigens, des Aussetzens aller inneren Dialoge“ (ebd., 159). Friedlaender selbst nennt diesen Modus Indifferenz- oder Nullpunkt.

 

Die Verschiedenheit

Rabbi Rafael fragte seinen Lehrer: „Warum gleicht kein Menschenantlitz dem andern?“ Rabbi Pinchas erwiderte: „Weil der Mensch im Bilde Gottes erschaffen ist. Jeder saugt die göttliche Lebenskraft von einem andern Ort, und alle zusammen sind sie der Mensch. Darum sind ihre Antlitze verschieden.“

Martin Buber: Chassidim, 230.

*

Die Geschichte erinnert an einen Aufsatztitel von Erving Polster (2002) „Jedes Menschen Leben ist einen Roman wert“. Rabbi Pinchas drückt es anders aus, könnte jedoch das Gleiche wie Erving Polster meinen: Jeder Mensch hat ein einzigartiges Antlitz. Menschen sind gleichwertig und jedes Antlitz ist verschieden. Die Unterscheidung ergibt sich daraus, dass jede Person an einem anderen Orte, nicht nur geographisch, sondern auch zeitlich lebt. Und obwohl das Selbst als wechselseitige und zusammenwirkende Grenze zwischen Organismus und Feld als Fluss, in ständiger Bewegung wahrgenommen werden kann (wenn Lebendigkeit bzw. Wachstum als idealer Lebenssinn gilt), gibt es eine Kontinuität im Sein, die uns Menschen in Differenz gelten lässt. Dass es einzigartige Selbste gibt, machen dann Aussagen in der Gestaltliteratur über Selbstachtung und primäres Erleben sinnvoll. Was aber ist das Selbst, jenseits seines Seins als Kontaktgrenze? Oder müssen wir genauer fragen: Ist jedes Antlitz ein einzigartiges Kontaktsystem? Oder noch anders: Arbeitet jedes Kontaktsystem verschieden/unterschiedlich? Oder ist das Antlitz nicht vielmehr die Selbstgrenze? Mit dieser Annahme bestätige ich Rabbi Pinchas. Jeder Mensch ist erst einmal, er existiert allein durch sein Mensch-Sein. Da jedeR die „göttliche Lebenskraft“ von einem anderen Ort „saugt“, unterscheiden sich Menschen in ihrem Mensch-Sein. Saugen bedeutet, dass es eine individuelle Anziehungskraft gibt. Die weitere Unterscheidung ergibt sich durch die verschiedenen Orte, d.h. die Kraft hängt vom Zusammenspiel zwischen Organismus und Feld ab. Mit anderen Worten: Wir Menschen sind feldabhängige Wesen. Die göttliche Kraft ist immer da. Wie sie sich im einzelnen Antlitz widerspiegelt, hängt entsprechend vom Ort und nicht allein vom Organismus ab, auch wenn die Saugkraft von ihm ausgeht. So wird diese Aktivität auch vom Ort beeinflusst. Die Nahrung und nährendes Feld sind damit eins. Zum Ort gehören die Lebensgeschichte und der aktuelle Lebensbereich. Der Ort bewirkt, was das Antlitz bewegt und wahrnehmbar werden lässt. Da es sowieso einzigartig ist, gilt es in der Begegnung nur dieses sichtbar werden zu lassen. Therapie wäre damit eine Erweiterung des nährenden Feldes, dem Antlitz Raum zu geben, Figur zu werden. Mitentscheidend ist, die göttliche Kraft zu respektieren, sich als Therapeut nicht mit ihr gleichzusetzen, sondern als ebenbürtiges Antlitz, was ebenfalls saugt und zurzeit leichteren Zugang zur Quelle hat. Hier kommt die Sensibilität der TherapeutInnen mit ins Spiel: Können sie die sich im Fluss befindende Unterscheidung zwischen den Antlitzen annehmen und wertschätzen?

 

Der endlose Kampf

Rabbi Rafael, der alle seine Tage demütig war und jeder Ehrung aus dem Wege ging, bat seinen Lehrer immer wieder, ihm zu sagen, wie er sich des Stolzes gänzlich erwehren könne, erhielt aber keinen Bescheid. Einmal bedrängte er den Meister wieder: „Ach, Rabbi, der Stolz!“ „Was willst Du“, sagte Rabbi Pinchas, „dies ist das Werk, an dem der Mensch all seine Zeit sich mühen muß und das er nicht vollendet. Denn der Stolz ist Gottes Gewand, wie geschrieben steht: ‚Der Herr ist König, in Stolz hat er sich gekleidet.‘ Gott aber ist der Schranken­lose, und wer stolz ist, verletzt das Gewand des Schrankenlosen. So ist auch dem Werk der Überwindung keine Schranke gesetzt.“

Martin Buber: Chassidim, 231.

*

In dieser Geschichte erhält ein Schüler keine Antwort von seinem Lehrer. Er will den Dialog, bekommt jedoch keine Antwort. Erst als er seinem Lehrer hartnäckig in den Weg tritt, wird er der Chance ­einer Selbsterkenntnis mächtig. Der Lehrer scheint kein Mitgefühl zu haben und konfrontiert den Schüler mit einer rhetorischen Frage: „Was ereiferst Du, was Dir nicht zusteht?“ Und so erfahren wir, warum der Lehrer auf die ersten Versuche gar nicht reagiert. Der Stolz ist ein göttliches Kleid, das der Mensch nicht tragen kann und doch darf er danach streben. Dieses Paradox kennen wir im Gestaltansatz insbesondere durch Arnold R. Beissers (1999, 139) Theorie der ­Veränderung: Wachstum findet nur statt, wenn der Mensch wird, der er ist und nicht versucht zu werden, was er nicht ist. Mit anderen Worten: Wenn wir die Grenzen des Organismus nicht anerkennen, „spielen wir Gott“ und verletzen dann das „Gewand Gottes“. Gleichzeitig wissen wir aber auch, dass die Grenzen keine starren sind und der Begegnung mit dem Feld bedürfen. Sonst sterben wir. Die „Hingabe an das ­Unbekannte“ und damit die „Überwindung“ unseres Selbst garantiert Lebendigkeit, die einmal gewonnen, nie vollendet werden kann. Bis zum Tod bleibt dies ein „endloser Kampf“, ein ewiges Beginnen und ­Werden.

*) „Bedeutendes religions- und moralphilosophisches Werk aus dem letzten Viertel des 11. Jahrhunderts (in arabischer Sprache verfaßt)“ (Buber ebd.).

 

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Foto: Cornelia MuthCornelia Muth

Dr. Cornelia Muth

Jahrgang 1961, Diplom-Pädagogin/Erwachsenenbildung, Gestaltpädagogin (IGG Berlin), Systemische Coachin (BIF).

Seit 2001 Professorin für Erziehungswissenschaft an der Fachhochschule Bielefeld für den Fachbereich Sozialwesen.

Veröffentlichungen zum Dialogischen Prinzip Martin Bubers, Transkulturalität, Frauenbildung und Hochschuldidaktik

1995 wurde sie ausgezeichnet mit dem Schader-Migrationspreis für das Projekt Interkulturelle Hochschulbildung, 2002 als Mitglied eines Team-Teaching zu Global Social Work mit dem Synergiepreis für beispielhafte Interdisziplinarität der Fachhochschule Bielefeld und 2004 mit gleichem Preis für Duo-Teaching zur Dialogischen Diagnostik

Wichtigste Lehre/LehrerInnen: Abgeschiedenheit und Menschen, die zuhören bzw. schweigen können

Bitte beachten Sie auch die folgende Veröffentlichung von Cornelia Muth: »Willst Du mit mir gehen, Licht und Schatten verstehen? Eine Studie zu

Martin Bubers Ich und Du«, ibidem-Verlag, Stuttgart.

Cover: Muth, Heilende Chassidische Geschichten

Edition Gestalt-Institut Köln / GIK Bildungswerkstatt
im Peter Hammer Verlag, Wuppertal 2007

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105 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen, 14,90 Euro

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