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Michael Vincent Miller
Kokettieren für Paranoide
Aus der Praxis eines Gestalttherapeuten

Aus dem Amerikanischen von Thomas Bliesener

Aus der Gestaltkritik 2/2013:

Gestaltkritik - Die Zeitschrift mit Programm aus dem Gestalt-Institut Köln
Gestaltkritik (Internet): ISSN 1615-1712

Themenschwerpunkte:

Gestaltkritik verbindet die Ankündigung unseres aktuellen Veranstaltungs- und Weiterbildungsprogramms mit dem Abdruck von Originalbeiträgen: Texte aus unseren "Werkstätten" und denen unserer Freunde.

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Praxisadressen von Gestalttherapeuten/-innen

  Hier folgt der Abdruck eines Beitrages aus Gestaltkritik 2/2013:

Michael Vincent Miller
Kokettieren für Paranoide
Aus der Praxis eines Gestalttherapeuten

Aus dem Amerikanischen von Thomas Bliesener

Michael Vincent Miller (Foto von Torsten Bastert)
Michael Vincent Miller im Gestalt-Institut Köln GIK (Foto von Torsten Bastert)

 

Der folgende Artikel ist ein Vorabdruck aus Michael Vincent Millers Buch »Teaching a Paranoid to Flirt: The Poetics of Gestalt Therapy«, dessen Veröffentlichung in deutscher Sprache in unserer »Edition des Gestalt-Instituts Köln (GIK)« in Vorbereitung ist.

Bitte beachten Sie: In unserer Gestalttherapie-Zeitschrift »Gestaltkritik« sind noch weitere Beiträge von Michael Vincent Miller erschienen. Sie finden alle Texte im Archiv unserer Zeitschrift in voller Länge online.

Viel Freude bei der Lektüre! (Erhard Doubrawa, Herausgeber)

 

I.

Einsichten entstehen in Gestalttherapien eher zu Beginn eines Sitzungsthemas als gegen Ende. Dabei erstreckt sich Gewahrsein, mit dem Gestalttherapeuten ja intensiv arbeiten, durchaus über den gesamten Prozess. Gewahrsein ist eine unerlässliche Voraussetzung dafür, dass Wandel eintreten kann. Doch alleine reicht es nicht aus. Wenn Klienten mit ihrem Erleben und Verhalten tief eingefahrenen Gewohnheiten folgen und sie sogar als Bestandteil ihrer Persönlichkeit verstehen, sind nicht nur neue Einsichten erforderlich, sondern auch neue Verhaltensweisen, die zudem noch über eine längere Zeit eingeübt werden müssen. Der tiefere Teil einer Therapie befasst sich nicht mit der bloßen Befreiung von Symptomen, sondern mit dem Charakter. Ohne ausdauernde Übungen wird es nur schwerlich gelingen, neue Erfahrungen so zu integrieren, dass sie tatsächlich zu einem Teil der Person werden.

Aus diesem Grund schloss Gestalttherapie schon immer eine Coaching-Dimension ein, lange bevor “Coaching” in der Kultur der Selbstverwirklichung zu einem populären Begriff wurde. Ein Gestalttherapeut ist dann am wirksamsten, wenn er mehrere Rollen miteinander verbindet: Meditationsleiter, beziehungsorientierter Psychoanalytiker und Klavierlehrer. Klavierlehrer deshalb, weil dieser seinem Schüler die Handgriffe, Pedalbedienungen und Ausdrucksanweisungen einer Sonate erklären kann, ihn aber mit solchen Anleitungen noch lange nicht in einen kunstfertigen Pianisten verwandelt. In gleicher Weise kann es passieren, dass Therapeut und Klient immer wieder dasselbe Stück durchsprechen, manchmal über Jahre hinweg, weil zwischen den Sitzungen keine regelmäßigen Übungen stattfinden. In umsatzschwachen Zeiten mag dies durchgehen, es ist aber keine gute Therapie.

Wozu könnte es gut sein, einem Paranoiden das Kokettieren beizubringen? Welche Art von Arbeit wäre dazu erforderlich? Auf diese Fragen werde ich gleich zurückkommen, aber zuvor ist es wichtig, sich ein Bild über bestimmte Grundzüge der Paranoia zu machen. Freud lieferte die ersten Erklärungsversuche für die Entstehung paranoider Symptome aus einer innerpsychischen Sicht. Schon um 1911 sieht Freud in seinen Anmerkungen zu Schrebers Biografie über dessen paranoide Psychose den treibenden Mechanismus der Paranoia in der Projektion. Er analysiert, wie Vorstellungen des Verfolgtwerdens aus inneren Konflikten entspringen, die in die Umgebung ausgestoßen wurden und von dort zu ihrem Urheber zurückkehren als seien sie kränkende, demütigende oder verletzende Schläge, die ihren Ursprung in der äußeren Welt hätten (Freud, 1950).

Paranoia bringt den Menschen unter ihrem Regime dazu, sich mit Beziehungen zu seiner sozialen Umwelt zu begnügen, die gleichzeitig eingeengt und hochkompliziert sind. Der deutsche Philosoph und Soziologe Georg Simmel hat einmal definiert, das Fremde sei „nicht … wie ein Wanderer, der heute kommt und morgen geht, sondern wie jemand, der heute kommt und morgen dableibt“ (Simmel, 1950). Diese Formulierung könnte man auch auf den Paranoiden anwenden, der in einer prekären Beziehung zu einem anderen oder einer Gruppe anderer verharrt. Wie ein Fremder, so ist auch der Paranoide immer nahe dran und zugleich auch weit weg; in seiner Form von Nähe entdeckt man seine Distanz, und umgekehrt.

Dies scheint paradox, ist es aber nicht. Wie jeder andere Mensch muss auch der Paranoide einen Weg finden, er selbst zu sein und gleichzeitig auf andere bezogen zu sein. Darin eingeschlossen ist auch die Aufgabe, ein Gleichgewicht zwischen Identität und Intimität zu finden. Jeder muss sich mit diesem Dilemma herumschlagen, das für die menschliche Entwicklung typisch ist. Nur ist diese Anstrengung beim Paranoiden leider aus der Spur geraten. Die besondere Form der Angst, wie sie bei Paranoiden auftritt, rührt aus dem Konflikt, sich einerseits mit einem anderen Menschen innig verbinden zu wollen oder zu einer Gruppe dazugehören zu wollen, doch dabei andererseits bloß nicht festgenagelt oder aufgefressen zu werden – allein die Vorstellung davon löst panischen Schrecken aus. Wenn der Paranoide einem Menschen oder einer Gruppe zu nahe kommt, wähnt er sich in der Gefahr, verloren zu gehen, weil er ihnen schutzlos ausgeliefert sei und von ihren Vorstellungen über ihn gefesselt würde. Für den Paranoiden ist schon der Blick des anderen wie der Blick der Medusa: er droht, ihn ohnmächtig zu machen und in Stein zu verwandeln.

So sieht er sich gezwungen, immer weiter aus allen Beziehungen auszuwandern, bis er sich ganz losgelöst und für sich alleine fühlt, sogar wenn er mitten unter anderen weilt. Sein Bedürfnis nach Verbindung bleibt dabei dennoch bestehen. Dieser Konflikt zwischen Befürchtung und Bedürfnis ist der Boden paranoider Angst. Aus diesem Konflikt entspringt der Glaube des Paranoiden, andere würden sich gegen ihn verschwören, andere würden intrigieren, um ihn reinzulegen, andere hätten ihn auf dem Kieker, um ihn zu demütigen und ihm Unrecht zuzufügen. So seltsam es klingen mag: Dieser Glaube wird seine spezielle Art, eine Zugehörigkeit zu anderen zu erleben, auch wenn sie sehr beschränkt und schmerzhaft ist. Er ist zwar isoliert, scheint aber gleichzeitig im Mittelpunkt des Interesses aller zu stehen. Seiner Überzeugung nach zielen alle vertraulichen Gespräche der anderen darauf ab, ihm zu schaden, nehmen alle Witze der anderen ihn aufs Korn. Er steht im Mittelpunkt aller Dinge. Allerdings ein Vergnügen ist dieser Standort nicht.

Die Allgegenwart von Gefesseltheit und Ohnmacht in einem paranoiden Leben ist der Grund dafür, dass das Kokettieren eine entscheidende Rolle in der therapeutischen Behandlung paranoider Persönlichkeiten spielen kann, ja mehr noch die Arbeit, einem Paranoiden das Kokettieren beizubringen. Paranoide Menschen sind von Sicherheit und dem Fehlen von Sicherheit geradezu besessen. Ungewissheit ist für sie eine Quelle der Angst, andere könnten im Verborgenen Kontrolle über sie gewinnen und ihr wackeliges Selbstbewusstsein über den Haufen werfen. An oberster Stelle brauchen sie Gewissheit, um sich gegen die unbekannten Fährnisse der Zukunft wappnen zu können. In dieses dunkle Unbekannte, das niemand auf der Welt kennen kann, projiziert der Paranoide seine besondere Art absoluter Gewissheit, nämlich dass alles, was andere tun, für sein Wohlergehen hochgefährlich sei. Würde er sein Tor offen stehen lassen, wäre er schutzlos ausgeliefert und würde unterworfen. Darum kann ein Paranoider nicht spielen. Kokettieren aber könnte ein ungefährlicher Weg sein, mit Ungewissheit zu spielen.

Der paranoide Charakter besitzt mit seinen Vorstellungen ein machtvolles Instrument, aber sein Anwendungsfeld ist nur ein schmaler Ausschnitt der Wirklichkeit. Er nimmt das soziale Leben als eine äußerst ernste Angelegenheit, man könnte sogar sagen, als eine Macht, die über Leben und Tod seiner seelischen Existenz entscheidet. Er kann sich absolut nicht auf die Sichtweise einlassen, die Gesellschaft sei wie ein Spiel oder wie ein Theaterstück, eine Sache von Masken, Rollen und Verkleidungen in dem Sinn, wie es Shakespeare in „Wie es euch gefällt“ vorgeführt hat: "Die ganze Welt ist eine Bühne, und alle Frauen und Männer bloße Spieler." Der Paranoide wird stattdessen zu einem wissenschaftlichen Spezialisten für Interaktion, damit er den düsteren Ernst des sozialen Lebens besser bewältigen kann, wobei er allerdings eher zu einem verrückten Professor wird. In seinem Bestreben, die Gesetze von Ursache und Wirkung im sozialen Leben zu ergründen, sucht er Beispielfälle zusammen, die ihm persönlich als völlig evident erscheinen. Da er aber nichts an sich heranlässt, was seine vorgefasste Theorie in Frage stellen könnte, nämlich dass Kontakte von Nachbarn untereinander stets Schlechtes für ihn selbst verheißen, entwickelt sich seine Verrücktheit zu einem Rigorismus, ja zu einem Fundamentalismus. Dabei ist er blind dafür, dass seine eigene Selbstverteidigung in Form von Rückzug oder Gegenangriffen noch vor dem ersten Schlag, nur zu einer weiteren Bestätigung dessen führen, was er sowieso immer schon glaubte.

Bei alledem bleibt er durchaus sehr geschickt in der Berücksichtigung von allem und jedem. Er registriert jede Bewegung, Geste oder Nuance eines Untertons in den Gesprächen um ihn herum. Nichts ist für ihn wertlos, und darin ähnelt er in der Tat einem Forscher oder vielleicht noch eher einem Romaneschreiber. Daraus folgt, dass seine Beobachtungen in aller Regel zumindest ein Körnchen Wahrheit enthalten, ausgenommen nur während Phasen einer manifesten Psychose. Die Probleme kommen aber in dem Moment auf, wo er das, was er gehört und gesehen hat, interpretiert. Er deutet wahre Einzelheiten zu einer vollständigen Geschichte um, er verabsolutiert sie, als hätte er ein Naturgesetz entdeckt. So ist es beispielsweise wahr, dass Intimität nur sehr selten allein aus reiner Liebe entspringt. Fast immer spielen auch irgendwelche Machtfaktoren mit hinein. Der Paranoide macht aus dieser Beobachtung aber typischerweise die Gleichung „Liebe gleich Macht“. Bei seinem Streben nach unerschütterlicher Wahrheit unter den oberflächlichen Erscheinungen der Dinge verwirft der Paranoide alles, was ihm nicht unmittelbar evident ist.

Der Drang nach Gewissheit inmitten der Komplikationen des Daseins führt nicht nur bei Paranoiden zur Entstehung von Symptomen, sondern bei fast jedem Neurotiker. So gesehen ähneln Neurosen einer religiösen Suche, wobei jedoch der Neurotiker, anders als ein echter Pilger, nie in einem Akt des Glaubens zum inneren Frieden findet. Ihm ging die Gabe zum Glauben, besonders auf dem Gebiet persönlicher Beziehungen, meist in der Kindheit verloren. Nehmen wir beispielsweise einen Zwangscharakter: Er beißt sich von seinen Erfahrungen ein Häppchen ab, zerkleinert es weiter und zerkaut es in immer kleinere und noch kleinere Stückchen, so als könne er zuletzt bei einer unwiderleglichen Einsicht ankommen. So wie der Paranoide schmachtet er nach Sicherheit, doch was er erfährt, ist endloser Zweifel. Also wiederholt er mit demselben Pritzel an Erfahrung denselben Prozess hin zu einer eindeutigen Lösung, doch bei jedem möglichen Ergebnis keimt sein Zweifel erneut auf. Was hieran zwanghaft ist, ist das Bemühen, der Ungewissheit ohne jeden Akt des Glaubens zu entkommen. „Genug ist genug“ hat für ihn keine Gültigkeit. Wenn der Paranoide wie ein verrückter Wissenschaftler ist, dann ist der Zwanghafte wie ein verrückter Philosoph. Descartes schuf eine Erkenntnislehre rund um den Zweifel, und der Zwanghafte ist wie ein Descartes beim Amoklauf. Er kommt nur bis zu „Ich denke, …“, gelangt aber nie zu dem Ergebnis, dass irgendetwas existiert. Der Paranoide hingegen variiert Descartes Cogito zu „Ich bin im Recht, darum bin ich“. Während der Zwanghafte keines Gedankens jemals sicher ist, weiß der Paranoide immer schon alles vorweg.

 

II.

Kokettieren ist eine Form sozialer Kunst. Richtig betrieben, ist es eine Form des Spielens, speziell des Spielens mit der Phantasie. Es erfordert zwei, gelegentlich auch mehrere Spieler, die mit viel Einfallsreichtum etwas spielen, was zwischen ihnen passieren könnte. Dabei kann jedoch keiner der Beteiligten sicher sein, was der oder die andere genau im Schilde führt. Man könnte Kokettieren auch definieren als ein Spiel mit den Projektionen, die zwischen den Beteiligten hin und her gehen. Kokettieren ist ein faszinierendes Mittel der Kontaktaufnahme, das manchmal nur flüchtig, manchmal mit großer Ausdauer eingesetzt wird. Es lebt davon, dass der andere geheimnisvoll und unberechenbar bleibt. Es ist gleichzeitig provokant und respektvoll. Man kann sich leicht denken, dass paranoide Menschen ziemlich gut Kokettieren spielen können.

Wieder ist es Freud, der uns den Anstoß gab, diese Vermutung zu entwickeln. In einem seiner späteren Werke, „Hemmung, Symptom und Angst“ aus dem Jahr 1926, schreibt er: „die Wahnbildungen der Paranoia eröffnen dem Scharfsinn und der Phantasie dieser Kranken ein Feld zur Betätigung, das ihnen nicht leicht ersetzt werden kann“. Wieso aber nicht leicht ersetzt werden kann?

Der Paranoide hat noch nicht bemerkt, dass der befürchtete Verlust seines Selbsts bereits eingetreten ist. Weil er schmerzliche, abgespaltene Aspekte seines Selbst auf die Umwelt projiziert, von wo sie zurückkehren, um ihn scheinbar anzugreifen, spürt er von sich selbst weniger als er tatsächlich ist. Er fühlt sich viel zu klein in einer Welt, die ihm zur Orientierung und zum Handeln als viel zu groß erscheint. Bekanntlich kann man im Leben auf andere Menschen nur zugehen oder von ihnen weggehen. So trifft der Paranoide die Wahl, wegzugehen, allerdings nicht ganz so weit, dass er sie nicht mehr mit eigenen Augen und Ohren überwachen könnte. Soziales Leben ist für ihn so, als würde er allein auf einem Boot ohne Ruder und Segel durch gefährliche Gewässer treiben. Er sieht durchaus das Spielerische bei anderen Menschen seiner Umgebung, er hört ihre Witze und ihr Gelächter, jedoch als Täuschungsmanöver oder Gespött, das sich normalerweise gegen ihn richtet und ihn heimlich beschämen oder sonst wie beschädigen soll. Die anderen kennen die wahre Absicht, er selber steht außen vor.

Kokettieren kann nun eine Methode sein, um die eigenen Projektionen einem Test zu unterziehen, so als seien sie zunächst nur bloße Vermutungen. Man muss dabei nicht schon vorher wissen, was bei dem Test herauskommt. Wie Freud bemerkte, verfügt der Paranoide für seine phantasievollen Projektionen über eine bemerkenswerte Kunstfertigkeit. In der oben zitierten Passage erkennt er bereits die Kreativität, die sich in Projektionen entfaltet. Paranoide Projektionen seien die Werke einer reichen Phantasie, die sich nicht von derjenigen unterscheidet, die in Kunst und Wissenschaft neue Formen und Gedanken hervorbringt. Dieselbe schöpferische Kraft wie in Projektionen wirkt auch in expressiver Kunst, in der Entstehung von Mythen, der Ausarbeitung philosophischer Systeme und, was uns hier besonders interessiert, in aller Kommunikation zwischen Menschen. Wir können ja nicht direkt die Gedanken und Gefühle haben, die ein anderer hat. Wir können nur eine Art Überbrückung versuchen dadurch, dass wir selber die Gedanken und Gefühle des anderen nachbilden, das heißt aber: durch Projektionen aus unserem Inneren.

Psychotherapeuten glauben allzu oft, ihre Aufgabe sei es, Projektionen zu korrigieren, so als ob dies ein Beitrag wäre, sie im Namen der Realität aus der Welt zu schaffen. Doch wessen Realität? Isadore From hat seine Supervisanden immer wieder darauf hingewiesen, dass es bei Projektionen im Wesentlichen nicht um wahr oder falsch geht. Sie für falsch zu erklären könnte der Erfahrung des Klienten sogar Gewalt antun. Vielmehr sollte man herausarbeiten, wie Projektionen zu Verdrehungen und Qualitätsverlusten im Kontakt beitragen können. Natürlich geht vieles von dem, was Gestalttherapie über Projektionen gelernt hat, auf Freud zurück, angereichert um Otto Ranks Einsichten über die künstlerische Expressivität, die in Projektionen zur Entfaltung gelangt. So wird ein guter Gestalttherapeut die persönliche Ausdruckskraft des Klienten unangetastet lassen und sich stattdessen darum bemühen, dass der Klient sein Repertoire über negative Themen hinaus erweitern kann.

Projektionen gedeihen besonders gut an den Polen zwischenmenschlicher Beziehung: bei der Wahrnehmung und Äußerung von Feindseligkeit - oder von Mitgefühl. Dementsprechend haben Therapien oft zum Ziel, eine Fixierung des Klienten auf bloß einen der Pole zu lockern und eine Beweglichkeit zum Hin und Her zwischen beiden Polen, das der jeweiligen Situation Rechnung trägt, zu fördern. Wie viel Kreativität in Projektionen steckt, die Mitgefühl erzeugen, erkannte auch der Dichter John Keats. Er stellte die These auf, dass ein Gedicht über eine griechische Vase oder über eine Nachtigall nur dann überzeugend wirkt, wenn zuvor der Dichter zu dieser Vase oder dieser Nachtigall geworden war. Die Fähigkeit dazu nannte er “negative capability” [wofür sich im Deutschen keine feste Übersetzung eingebürgert hat. A.d.Ü.]. Gemeint sind damit nicht etwa negative Gefühle, sondern die Gabe, eigene Gedanken und Gefühle zu negieren und sich stattdessen mit dem anderen zu identifizieren. Die Idee dahinter ist offenkundig die gleiche wie in der Kunst des Bogenschießens im Zen-Buddhismus. Nach Eugen Herrigel, der bei einem buddhistischen Bogenmeister in die Lehre ging, wird man nicht dadurch zum Meister, wie man den Bogen aufs Ziel ausrichtet und wie man die Sehne schnellen lässt, sondern dadurch, dass man sich mental mit dem Ziel vereinigt.

Der Paranoide jedoch ist zu genau dieser Operation unfähig. Er kann nicht wie ein Keats‘scher Dichter oder ein buddhistischer Bogenschütze von sich selber absehen, um sich mit dem Objekt seines Interesses zu identifizieren, auch wenn er (oder gerade weil er) das Projizieren so gut beherrscht. Beim Paranoiden führen die Projektionen zwar auf den Weg zum anderen, doch kommen sie zu ihm nicht durch. Die Reise zum anderen startet ja nicht aus einem Zustand der Unschuld, sondern, aufgrund früherer traumatischer Beziehungserlebnisse, von „verbrannter Erde“. Der Paranoide hat das Gefühl, dass er sich nie wieder auf Überraschungen einlassen kann. Würde er dem anderen auch nur einen gewissen Einfluss einräumen, so käme dies für ihn einer völligen Unterwerfung unter fremden Willen und einer Gefangennahme gleich.

An dieser Stelle nun kann der Paranoide mit dem Erlernen des Kokettierens ein wertvolles Hilfsmittel in die Hand bekommen. Kokettieren als eine Form der Kontaktaufnahme mit anderen oder mit der Umgebung ist eine sanfte und spielerische Kunst. Risiken kann man kontrollieren und Schritt für Schritt steigern. Man kann zunächst nur seine Zehen ins Wasser stecken, und falls es nicht zu kalt ist, kann man auch weitergehen in tieferes Wasser. Man kann mit Gefahren kokettieren, man kann mit Verführung kokettieren, man kann damit kokettieren, dass man alles auch anders machen könnte. Man kann Segel setzen und mit dem Wind treiben, und falls der Wind zu stark und unbeherrschbar wird, kann man jederzeit abdrehen. Der entscheidende Punkt ist, dass der Paranoide mit dem Kokettieren ein Verfahren in die Hand bekommt, mit dem er Kontakt von seiner Seite her aufnehmen kann und sich nicht durch eine Kontaktaufnahme durch andere bedrängt und zur Verteidigung veranlasst fühlen muss. Kokettieren hat den Vorzug, dass man kein Risiko einer Zurückweisung oder Demütigung eingeht. Man setzt sich anderen gar nicht so weit aus, dass sie einen in die Enge treiben könnten. Man kann aus eigenem Antrieb auf den anderen zugehen, und man kann sich ihm jederzeit wieder entziehen. Dabei verliert weder der andere noch man selbst das Gesicht, gleich ob es um eine mögliche sexuelle Begegnung, einen geschäftlichen Vertrag oder sonst etwas dreht. Man braucht einfach nur das Thema zu wechseln oder sich zu verabschieden mit einem unverbindlichen „Wir telefonieren“. Für den Paranoiden ist das Kokettieren eine Kunst, mit der er durch eine unsichere Welt lavieren kann. Es gibt ihm ein Steuerrad an die Hand, mit dem er in einem Ozean an Optionen auf Kurs bleiben kann.

 

III.

Im Folgenden stelle ich ein Beispiel vor, wie ich einem Klienten erste Schritte des Kokettierens beizubringen versuchte. Er war ein Mann in mittlerem Alter und sah attraktiv aus, abgesehen von dem verengten Blick und der angestrengten Mine, die er normalerweise auflegte. In der Grundschule war er übergewichtig gewesen und im Sport eine Niete. Seine Mitschüler waren damit, wie üblich, wenig taktvoll umgegangen, ja sie hatten ihn regelrecht gemobbt. Eines Tages war er in Tränen aufgelöst nach Hause gekommen. Seine Mutter hatte dafür nur einen flüchtigen Blick übrig und dann erklärt: „Ich hatte mir immer eine Tochter gewünscht, jetzt habe ich eine“. Sein Vater war ein strenger, von Regeln beherrschter Evangelikaler und verkündete ständig, dass Frauen übergriffig und unzuverlässig seien und mit Sex ihre Ziele durchzudrücken versuchten.

Mein Klient litt hauptsächlich daran, dass er in depressiver Vereinsamung lebte und sich ohnmächtig fühlte, aus ihr herauszukommen. Er war als Twen eine Ehe eingegangen, hatte aber nach einigen Jahren herausgefunden, dass seine Frau eine Nebenbeziehung unterhielt, und sich daraufhin scheiden lassen. Danach hatte er noch einmal eine wichtige Beziehung, die aber ebenfalls unglücklich zu Ende ging. Seither hielt er sich von Frauen fern. Mit Männern ging er niemals eine vertrauensvolle Freundschaft ein. In religiöser Hinsicht trat er zum Teil in die Fußstapfen seines Vaters, erfuhr aber aus seinem Glauben keine Entlastung.

Depression war zwar das Symptom, das er präsentierte, doch es zeigte sich, dass sie ihren Ursprung in einer darunter liegenden paranoiden Struktur hatte. Ich habe oft bemerkt, dass es, grob gesagt, zwei Arten von Depressionen gibt. Die einen sind feucht, theatralisch, vollgesogen mit Tränen des Selbstmitleids, die anderen sind trocken, paranoid, ausgedörrt wie eine Wüste, in die niemals Regen kommt. Bei diesem Mann lag eine bilderbuchmäßige trockene Depression vor, die zum Teil aus den Lektionen hervorgegangen war, die er bei beiden Eltern gelernt hatte.

In den ersten Monaten konzentrierte sich die Therapie zum großen Teil auf sein Gewahrsein von Moment zu Moment, auf seine aktuellen Empfindungen, Gedanken und Gefühle. Dies ist oft ein guter Einstieg bei einem Klienten wie diesem paranoiden Mann, der seine Erfahrungen, Motive und Impulse ja üblicherweise von sich weg in die Umwelt projiziert. Dass er sich so klein und verlassen fühlt, liegt ja daran, dass so viel von seinem Selbst in die Welt um ihn herum ausgestoßen worden ist. So war es für diesen Klienten besonders wichtig, wieder ein Gefühl dafür zu gewinnen, wie sehr auch er selber Urheber seiner Erfahrungen ist. Darum arbeiteten wir so lange daran, bis wir ein gemeinsames Verständnis dessen hatten, wie viel er zur Schaffung genau jener Einsamkeit beitrug, als deren Opfer er sich erlebte.

Da er von vorneherein damit rechnete, von allen abgelehnt zu werden, machte er sich besonders gegenüber denjenigen Menschen dicht, zu denen er sich hingezogen fühlte. Aus Begegnungen trat er häufig die Flucht an. Wenn jemand Interessantes auf ihn zuging, vermittelte er den Eindruck, kühl und unnahbar zu sein. Er berichtete, dass er einmal bei einer Party war, auf der er mehrere Frauen attraktiv fand. Doch als man begann zu tanzen, brach er sofort nach Hause auf. Er war sich sicher gewesen, sagte er, dass sich keine auf einen Tanz mit ihm eingelassen hätte. An den Wochenenden blieb er meistens in der Wohnung und wünschte sich dabei, dass er eine feste Beziehung hätte.

Jede Projektion, derer sich ein Klient gewahr werden kann und die er dadurch für sich zurückerobert, kann Kraft verleihen. Auf dieses Ziel hinzuarbeiten, ist ein elementarer Bestandteil jeder Gestalttherapie. Dies war auch des Hauptanliegen von Fritz Perls‘ Technik des leeren Stuhls. Im Ergebnis wird die Basis verbreitert, aus der Selbstunterstützung erwächst, und es fällt künftig leichter, liegen gebliebenen, unausgedrückten Gefühlen über vergangene Ereignisse freien Lauf zu lassen. Das Bewusstsein wird gestärkt, in allen Erfahrungen auch selber als Akteur mitzuwirken. Allerdings wird der tatsächliche Wandel im Leben sehr begrenzt bleiben, wenn nicht auch die bewahrende und auf ihre Weise beschützende Kraft der Gewohnheit geschwächt wird. Irgendwann einmal habe ich meinen Klienten dazu bewegt, seine Wohnung an Wochenenden, an denen nichts Besonderes passiert, tatsächlich zu verlassen. Er ging in Museen, Konzerte und Jazzclubs, er blieb bei Parties oder Dinners länger als gewohnt, und er wagte sich weiter hinaus in Unterhaltungen mit anderen. Die Therapie funktionierte bei ihm so, als ob sie eine Art Schulabschluss sei. Er entwickelte auch eine gewisse Kunst, spannende und unterhaltsame Geschichten aus seinem Leben zum Besten zu geben. Wir hatten auch eine „Kurseinheit“ in witzigen Sentenzen, darunter sogar solche mit einem Hauch von sexueller Anspielung – zur Benutzung in Situationen, in denen eine Frau zuhört, die mein Klient attraktiv findet.

Ich besprach mit ihm auch, wie unterschiedlich es sich anfühlt, ob man etwas erbittet, oder ob man es verlangt. Erbitten ist ein typisch kindlicher Versuch, an etwas zu gelangen, und von Erwachsenen wird er unterdrückt. Verlangen ist eine erwachsene Art, andere Menschen zu etwas zu bewegen, sofern sie an einem interessiert sind. Menschen mit versteckten Bedürfnissen neigen dazu, in eine soziale Situation hineinzugehen, sich an den Rand zu verkrümeln und dort so lange zu warten, bis jemand auf sie zukommt und sie zum Mitmachen einlädt. Wenn sich aber niemand um sie kümmert, werden sie vorwurfsvoll. Wenn sie zudem noch paranoid sind, werden sie jede Aufmerksamkeit ihnen gegenüber sogar als Bedrohung wahrnehmen.

Damit mein Klient mehr Erfahrungen damit sammeln könnte, wie es ist, wenn man etwas verlangt, schlug ich ihm Folgendes vor. Er könnte bei irgendeiner Art von Versammlung hingehen und sich mit ungebremster Neugier überall umsehen. Dazu musste ich bei ihm natürlich erst einmal Neugier wecken, damit sie an die Stelle der Unterstellungen tritt, die immer schon wissen, was irgendwo läuft. Als nächstes könnte er sich Leute ausgucken, die ihn faszinieren, insbesondere Frauen, und an ihnen im Dienste seiner Neugier Reaktionen testen. Besonders wichtig ist hierbei, dass es er ist, der sich die Leute ausguckt, denn üblicherweise beobachten Paranoide alles aus dem Augenwinkel, oder sie starren andere ununterbrochen an – was beides von den anderen als negativ interpretiert werden kann. Mit meinen Vorschlägen wollte ich ihm helfen, als ein Agent im Auftrag des sozialen Kontakts zu handeln, der stets die Kontrolle über Auswahl und Dauer des Kontakts behält, anstatt passives Objekt der Vernachlässigung oder Bedrohung durch andere zu werden.

Bis sich mein Klient tatsächlich auf meine Vorschläge einließ, hatte ich alle Hände voll zu tun. Das ist auch der Grund, warum ich es im Zusammenhang mit dem Erlernen des Kokettierens berichte. Kokettieren ist eine Art Fragespiel, es ist eine Kunst spielerischer Neugier. Es eignet sich zum Aufbau sozialer Verbindlichkeiten, aber es kann auch ein freigiebiges und gesichtswahrendes Spiel sein. Freigiebig deshalb, weil man sich zwar darin einbringt und dies dem anderen anbietet, jedoch ohne die Erwartung einer Gegenleistung. Gesichtswahrend deshalb, weil jeder Teilnehmer jederzeit aus dem Spiel aussteigen kann , indem er es entweder in etwas Ernsthaftes einmünden lässt (sofern es schon dorthin steuerte), so dass es seinen Spielcharakter verliert, oder indem er einfach das Thema wechselt oder sich verabschiedet, wodurch niemand in Verlegenheit gebracht oder vor den Kopf gestoßen oder sonst wie beeinträchtigt wird. Es ist genau das richtige Spiel für einen Paranoiden mit seiner tiefsitzenden Angst, anderen in die Fänge zu geraten und von ihrer Gnade abhängig zu werden.

Ein Hauptzweck von Psychotherapie, insbesondere aus dem Blickwinkel der Gestalttherapie, besteht darin, alle Ressourcen zu erkennen und verfügbar zu machen, die ein Klient in den Sitzungsraum mitbringt, um ihm dann in einem zweiten Schritt zu helfen, neue Wege und Formen zur Benutzung dieser Ressourcen zu entdecken. Wenn man auf diese Weise mit paranoiden Klienten arbeitet, muss man insbesondere deren Vorstellungskraft und Deutungskunst von der Schiene pessimistischer Gewissheit herunterholen und die damit betriebene Verfertigung negativer und selbstschädigender Projektionen, die sie für absolute Wahrheiten halten, hinterfragen. Stattdessen muss man ihre Projektionen ins fließende Fahrwasser überführen, wo sie die Ungewissheiten des Lebens noch gelten lassen und für Überraschungen und Korrekturen noch offen bleiben. Eine wertvolle soziale Fertigkeit, mit der sich diese Transformation bewerkstelligen lässt, gibt man dem Paranoiden dadurch in die Hand, dass man ihn das Kokettieren lehrt.

Literatur

Freud, Sigmund. 1950. Collected Papers, Trans. by Alix and James Strachey. London: The Hogarth Press. Vol. III, p. 452.

Freud, Sigmund. 1995 [erstmals 1910]. Hemmung, Symptom und Angst. Frankfurt/Main: S. Fischer Verlag online: http://gutenberg.spiegel.de/buch/921/3 [Zugriff 21.2.2014]

Herrigel, Eugen. 2010 [erstmals 1948] Zen in der Kunst des Bogenschießens. München: O. W. Barth Verlag

Simmel, Georg. 1908. Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung. Berlin: Duncker & Humblot, S. 509-512. Online: http://socio.ch/sim/soziologie/soz_9_ex3.htm [Zugriff 21.2.2014]

 

Praxisadressen von Gestalttherapeuten/-innen

Michael Vincent Miller (Foto von Torsten Bastert)
Michael Vincent Miller im Gestalt-Institut Köln GIK (Foto von Torsten Bastert)

Michael Vincent Miller, Ph.D.

1939 in San Francisco geboren, lehrte an der Stanford University und am Massachusetts Institute of Technology.

Heute lebt und arbeitet er als Klinischer Psychologe und Gestalttherapeut in Cambridge, Massachusetts. Er ist Autor zahlreicher Fachbeiträge zu Theorie und Praxis der Gestalttherapie. In deutscher Sprache erschien sein Buch »Macht - Liebe - Angst. Wege aus dem Beziehungsterror« im Carl Hanser Verlag, München/Wien.

Dieser Artikel erschien erstmals in französischer Sprache unter dem Titel "Apprendre à flirter à un paranoïaque" in: Michael Vincent Miller: La poétique de la Gestalt-thérapie. Bordeaux 2002: L'exprimerie. Er wurde vom Verfasser für die englische Ausgabe überarbeitet und ins Englische übersetzt.

Aus dem Amerikanischen von Thomas Bliesener.

Dieser Artikel ist ein Vorabdruck aus Michael Vincent Millers Buch »Teaching a Paranoid to Flirt: The Poetics of Gestalt Therapy«, dessen Veröffentlichung in deutscher Sprache in unserer »Edition des Gestalt-Instituts Köln (GIK)« in Vorbereitung ist. Viel Freude bei der Lektüre! (Erhard Doubrawa, Herausgeber)

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